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Karin Bucha ist eine der erfolgreichsten Volksschriftstellerinnen und hat sich mit ihren ergreifenden Schicksalsromanen in die Herzen von Millionen LeserInnen geschrieben. Dabei stand für diese großartige Schriftstellerin die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Fürsorge, Kinderglück und Mutterliebe stets im Mittelpunkt. Karin Bucha Classic ist eine spannende, einfühlsame geschilderte Liebesromanserie, die in dieser Art ihresgleichen sucht. Auch ohne hinzuschauen wußte er, wer jetzt eintreten würde, denn es gab nur einen Menschen, der die Tür seines Arbeitszimmers so schwungvoll aufriß. Ein kleines Lächeln huschte über das verwitterte Gesicht des Reeders Bahlken, als er den Kopf von den vor ihm liegenden Papieren hob und Sabine entgegensah. Das junge hübsche Mädchen nahm sich nicht die Zeit, die Tür richtig zu schließen, es warf sie krachend hinter sich ins Schloß und eilte auf den Vater zu. Sabine erreichte ihn aber nicht ganz, sie stolperte über eine tückische Falte des dichten Teppichs und wäre bestimmt vor den Füßen des alten Herrn gelandet, hätte der junge Mann sie nicht aufgefangen, der sich bei ihrem stürmischen Eintritt erhoben hatte. »Hallo, kleines Fräulein, nicht so eilig!« sagte er lächelnd, als sie an seiner Brust lag. Es war nicht unbedingt erforderlich, daß er sie jetzt noch so festhielt, wie er es tat, aber genausowenig war es unbedingt erforderlich, daß ihn Sabine anfauchte. »Lassen Sie mich los!« rief sie, gereizt durch ihr Mißgeschick und durch den Spott, den sie in seinen Augen zu lesen vermeinte. Er sah gut aus, dieser schlanke, hochgewachsene Mann in der schmucken blauen Uniform, aber sein Lächeln kam ihr infam vor. Wußte er nicht, wen er vor sich hatte? Vielleicht glaubte er gar, sie sei nur eine der zahlreichen Sekretärinnen, die bei ihrem Vater arbeiteten. »Meine Tochter«, sagte Bahlken zu seinem Besucher. Dann wandte er sich an Sabine: »Ich habe die Freude, mein Kind, dir den Kapitän unseres ersten Passagierdampfers vorstellen zu können. Hartmann Utecht, auf allen Meeren erfahren und befahren, bisher Kapitän unseres Frachters Lissy, jetzt aber Kommodore unseres schönsten Schiffes. Er wird die ›Sabine‹ sicher leiten…« »So?« sagte das Mädchen nur und maß den Mann von oben bis unten und dann wieder von unten bis oben. »Wenn Sie nichts dagegen haben, ja«
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Auch ohne hinzuschauen wußte er, wer jetzt eintreten würde, denn es gab nur einen Menschen, der die Tür seines Arbeitszimmers so schwungvoll aufriß.
Ein kleines Lächeln huschte über das verwitterte Gesicht des Reeders Bahlken, als er den Kopf von den vor ihm liegenden Papieren hob und Sabine entgegensah.
Das junge hübsche Mädchen nahm sich nicht die Zeit, die Tür richtig zu schließen, es warf sie krachend hinter sich ins Schloß und eilte auf den Vater zu.
Sabine erreichte ihn aber nicht ganz, sie stolperte über eine tückische Falte des dichten Teppichs und wäre bestimmt vor den Füßen des alten Herrn gelandet, hätte der junge Mann sie nicht aufgefangen, der sich bei ihrem stürmischen Eintritt erhoben hatte.
»Hallo, kleines Fräulein, nicht so eilig!« sagte er lächelnd, als sie an seiner Brust lag. Es war nicht unbedingt erforderlich, daß er sie jetzt noch so festhielt, wie er es tat, aber genausowenig war es unbedingt erforderlich, daß ihn Sabine anfauchte.
»Lassen Sie mich los!« rief sie, gereizt durch ihr Mißgeschick und durch den Spott, den sie in seinen Augen zu lesen vermeinte.
Er sah gut aus, dieser schlanke, hochgewachsene Mann in der schmucken blauen Uniform, aber sein Lächeln kam ihr infam vor. Wußte er nicht, wen er vor sich hatte? Vielleicht glaubte er gar, sie sei nur eine der zahlreichen Sekretärinnen, die bei ihrem Vater arbeiteten.
»Meine Tochter«, sagte Bahlken zu seinem Besucher. Dann wandte er sich an Sabine: »Ich habe die Freude, mein Kind, dir den Kapitän unseres ersten Passagierdampfers vorstellen zu können. Hartmann Utecht, auf allen Meeren erfahren und befahren, bisher Kapitän unseres Frachters Lissy, jetzt aber Kommodore unseres schönsten Schiffes. Er wird die ›Sabine‹ sicher leiten…«
»So?« sagte das Mädchen nur und maß den Mann von oben bis unten und dann wieder von unten bis oben.
»Wenn Sie nichts dagegen haben, ja«, lächelte Hartmann sie ungerührt an. Er besaß eine Selbstsicherheit, die Sabine als unverschämt empfand, und auch die Eröffnung, daß sie die Tochter seines Chefs war, schien ihn weiter nicht gerührt zu haben.
»Warten Sie draußen! Ich habe mit meinem Vater zu sprechen«, sagte sie von oben herab und wies mit einer Kopfbewegung zur Tür. Der Mann zog gelassen die Augenbrauen ein wenig in die Höhe, dachte aber gar nicht daran, diesem Befehl zu folgen.
Er blieb stehen und lehnte sich jetzt sogar lässig gegen den Schreibtisch, hinter dem ihr Vater saß, schlug die Beine übereinander und schien sich äußerst wohl zu fühlen.
Sabines Blut begann zu kochen. Sie ließ ihre Augen blitzen reckte ihre zierliche Gestalt so hoch es ging, aber es gelang ihr trotzdem nicht, diesen Kapitän durch ihr Auftreten einzuschüchtern.
Ihr Vater runzelte die Stirn und begann, ungeduldig mit den Fingern auf der Schreibtischplatte zu trommeln. Er war solch ein Benehmen von seiner Tochter nicht gewohnt und verstand sein einziges Kind nicht mehr. Was war nur in sie gefahren? Er mußte sich ja förmlich ihretwegen schämen! Und das sagte er ihr dann auch.
»So, schämen!« fauchte Sabine, die ganz genau wußte, daß er recht hatte und deshalb noch zorniger auf den Mann wurde. »Nun gut, wenn dir ein Angestellter wichtiger ist als deine Tochter, dann werde ich mich jetzt ganz still hier hinsetzen und gar nichts mehr sagen!«
Sie warf sich in einen Sessel, daß die Federn empört aufkreischten, und starrte ostentativ aus dem Fenster. Ihr Gesicht war eisig.
Erhard Bahlken warf seinem Besucher einen um Entschuldigung bittenden Blick zu und wunderte sich über das Lächeln, das in dessen Gesicht stand. Es schien fast, als habe der Mann seinen Spaß an den Ungezogenheiten seiner Tochter. Aber er vergaß das bald, als sie in ihren Verhandlungen fortfuhren.
Er wußte, daß er mit der Ernennung dieses Mannes zum Kapitän seines schönsten Schiffes keinen Fehlgriff getan hatte, denn aus jedem Satz, den Hartmann sprach, klang seine Besonnenheit und Erfahrung.
Die beiden Männer schienen Sabine vergessen zu haben, aber der Schein trog, denn Hartmann schaute mehr als einmal zur Seite und sah dann jedesmal den Blick des Mädchens auf seinem Gesicht. Ihre Augen flammten, sie hätte ihm anscheinend am liebsten das Gesicht zerkratzt. Aber das rührte ihn nicht.
Es wäre ja noch schöner, wenn er sich über die Launen eines kleinen Mädchens den Kopf zerbrechen würde. Aber immerhin, Bahlken hatte eine Tochter, die reizend aussah.
Schade, daß sie so eingebildet war. Doch schließlich ging ihn das ja nichts an, er würde sie doch nicht wiedersehen.
»So, das wäre wohl für heute alles«, beendete der Reeder das Gespräch und lehnte sich bequem in seinem Stuhl zurück. Er warf seiner Tochter einen auffordernden Blick zu, aber die dachte gar nicht daran, ihr Anliegen in der Gegenwart dieses Menschen vorzubringen.
»Du wolltest mir etwas sagen«, erinnerte er, als Sabine keine Anstalten machte, ihre Wünsche auszusprechen.
»Ja, ich wollte dir etwas sagen!« nickte sie grimmig und betonte das »Dir« so stark, daß Hartmann Utecht sich sofort erhob und bat, sich verabschieden zu dürfen.
Er tauschte einen herzlichen Händedruck mit seinem Reeder, machte eine Verneigung vor Sabine, die den Kopf in den Nacken legte und ihn hochmütig anschaute, ohne Miene zu machen, ihm die Hand zu reichen, und ging dann hinaus.
Bahlken schüttelte nur den Kopf, beschloß aber, die Ungezogenheit seiner Tochter zu übersehen.
»Hast du den Vertrag mit ihm schon unterschrieben?« fragte sie mit einer Kopfbewegung zur Tür, durch die der Kapitän der »Sabine« eben verschwunden war.
»Nein«, erklärte der Vater verblüfft, »weshalb fragst du?«
»Ich habe einen besseren für diesen Posten. Andreas Rockwinkel. Er liebt mich, und er muß natürlich Kapitän werden.«
»So, natürlich ist das?« fragte der Vater mit hochgezogenen Augenbrauen. »Es tut mir leid, mein Kind, aber ich denke gar nicht daran, diesem Rockwinkel die Führung des Schiffes anzuvertrauen. Du vergißt anscheinend ganz, was auf dem Spiel steht und daß man bei diesem Posten nicht nach Sympathie oder Antipathie schaut, sondern nach etwas ganz anderem.«
»Ich… ich habe ihm aber schon gesagt…«, meinte sie kleinlaut, denn sie spürte, daß sie vorschnell gehandelt hatte, als sie Andreas Rockwinkel den Posten fest zusagte. Er sah gut aus, dieser junge Seeoffizier, und wenn er bisher auch noch niemals ein selbständiges Kommando gehabt hatte, so wog das in ihren Augen nicht besonders schwer.
»Tja, mein Kind, das tut mir nun leid«, bedauerte der Vater, ohne sich die Mühe zu machen, den Ton seiner Worte echt klingen zu lassen. »Utecht ist Kapitän, und dabei bleibt es! Von solchen Dingen verstehst du nichts, und Personalfragen mußt du schon mir allein überlassen.«
Sabine war es gewohnt, daß ihr in fast allen Dingen der Wille gelassen wurde. Als einziges Kind wurde sie von den Eltern sehr verwöhnt. Aber es konnte ihr bestimmt nichts schaden, daß sie jetzt einmal sah, wo die Grenzen ihres Einflusses lagen.
Das Mädchen sprang auf. Doch selbst jetzt, als sie ihre Wange an die des Vaters legte, ihn umschmeichelte wie ein Kätzchen, vermochte sie ihn nicht von seinem Entschluß abzubringen.
»Vielleicht ist noch die Stelle eines Offiziers zu besetzen, ich weiß es nicht. Ich werde einmal mit Utecht sprechen und ihn fragen. Er wird bestimmt meinen Wünschen entgegenkommen…«
»Wie gnädig von dem hochwohlgeborenen Herrn«, fiel Sabine ihm gereizt ins Wort. »Wie nett, daß er auf die Wünsche seines Reeders Rücksicht nimmt und vielleicht sogar bereit ist, einen von ihnen zu erfüllen, wenn es nicht zuviel Umstände macht. Vergiß nur nicht, ihn in geziemender Form anzuflehen, sonst…«
»Was hast du eigentlich gegen Utecht?« fragte Bahlken allmählich gereizt. »Kennst du ihn denn?«
»Nein, und ich habe auch nicht die Absicht, ihn kennenzulernen! Solch ein eingebildeter Mensch ist mir niemals über den Weg gelaufen. Ich verstehe nicht, daß du ihn beschäftigen magst. Ich an deiner Stelle…«
Das Lächeln auf dem Gesicht ihres Vaters ließ sie verstummen. Sie verstand die Welt nicht mehr, denn bisher war es noch niemals geschehen, daß er ihr einen Wunsch abgeschlagen hatte, aber dieser freche Mensch schien ihm mehr zu bedeuten als sie selbst.
*
»Ein schöner Kahn«, bewunderte Dr. Lahne die »Sabine«, die am Kai lag und vor Sauberkeit glänzte. Die Aufbauten waren schneeweiß, der Rumpf in gleicher Farbe, und die Mannschaft trug funkelnagelneue Uniformen.
Kapitän Utecht lächelte nur, aber sein Blick glitt mit einer Liebe über das Schiff, wie sie nur ein Seemann empfinden kann. Sein Schiff, er war Kapitän und würde die »Sabine« über fast alle Meere steuern, sie würde ihm gehorchen.
»Kommen Sie, Doktor.« Hartmann schob seinen Arm unter den des Arztes und zog ihn mit sich fort. Der Offizier an der Gangway legte die Hand grüßend an die Mütze, als sein Kapitän das Deck betrat.
Höchstpersönlich geleitete Utecht den Schiffsarzt zu dessen Kabine, die groß und hell war, ganz anders als auf den engen und langsamen Frachtern, die er bisher gewohnt war.
»Wie ein kleines Paradies«, stellte Dr. Lahne befriedigt fest und probierte schmunzelnd die Qualität der Matratzen aus. »Wie bei feinen Leuten ist das hier auf der ›Sabine‹, gerade das richtige für den Sohn meiner Mutter. Wie wird erst Ihr Appartement aussehen, Käpt’n.«
»Wie ein Traum meiner schlaflosen Nächte«, bestätigte Hartmann mit jungenhaftem Lächeln seine Vermutung. »Ich habe ja schließlich auch noch gesellschaftliche Verpflichtungen, muß einige bevorzugte Passagiere zu mir einladen und Gastgeber spielen. Aber immerhin, es ist erstaunlich, was es hier alles gibt.«
Wie zur Bestätigung seiner Worte klopfte jetzt der Steward an die Kabinentür und meldete, daß Sabine Bahlken den Kapitän sprechen wolle. »Aber sofort, hat sie gesagt«, wiederholte er ängstlich die Worte der resoluten jungen Dame, die entschieden etwas Einschüchterndes an sich hatte.
Hartmann tauschte einen kurzen, vielsagenden Blick mit dem Schiffsarzt und ging dann hinaus. Er war äußerlich ganz ruhig, aber in ihm sah es anders aus. Nicht allein die Art, in der Sabine über ihn verfügte, sondern auch die Erwartung, sie jetzt wiederzusehen, ließ sein Herz klopfen.
»Sie ist in Ihrer Kabine«, stammelte der Steward, denn er sah Gewitterwolken auf der Stirn des »Alten«, wie Hartmann traditionsgemäß genannt wurde.
»Bitte sehr!« Er riß dienstbeflissen die aus Edelhölzern gefertigte Tür vor ihm auf und machte dann, daß er fortkam. Mochte der »Alte» zusehen, wie er mit diesem rabiaten Frauenzimmer, wie er die Tochter seines Brotgebers despektierlich im stillen nannte, fertig wurde.
Sabine wandte gelassen den Kopf, als er eintrat und neben der Tür stehenblieb.
»Sie dürfen näher kommen«, erlaubte sie großmütig und wies auf einen Sessel ihr gegenüber. Ihre langen, schlanken Beine hatte sie übereinandergeschlagen, und Hartmann konnte in Muße ihre vollendete Form bewundern.
Aber er wollte nicht, er schaute nicht einmal hin, denn alles andere an ihr genügte schon, um sein Herz ein paar Takte schneller klopfen zu lassen, als er es gewohnt war.
»Sie wünschten mich zu sprechen?« fragte er, als Sabine keine Miene machte, das Gespräch zu eröffnen.
Das Mädchen nickte hoheitsvoll. »Ich habe Sie rufen lassen«, teilte sie dem Kapitän des schönsten Schiffes der Reederei gelassen mit, »um Ihnen zu sagen, daß ich an der ersten Fahrt teilnehmen werde. Selbstverständlich brauche ich eine Luxuskabine.«
»Selbstverständlich«, nickte Utecht ungekränkt. »Leider ist aber keine mehr frei. Wollten Sie sonst noch irgend etwas?«
Diesmal war es an Sabine, die Fassung zu verlieren, denn dieser Kapitän erlaubte sich einen Ton ihr gegenüber, der sich gar nicht für ihn schickte.
»Ich will mitfahren«, wiederholte sie noch einmal.
»Das sagten Sie bereits«, bestätigte Hartmann ihre Worte ungerührt und drückte gleichzeitig die Klingel an der Wand. Er mußte eine geraume Zeit warten, bis der Steward erschien. »Holen Sie den Zahlmeister, aber schnell, mein Lieber, wir haben nicht so viel Zeit wie Sie!«
»Fahren Sie alle Menschen so an wie diesen Armen?« erkundigte sich Sabine, als der Steward verschwunden war.
»Nur dann, wenn sie nicht das tun, was ich will, oder wenn sie es schlecht tun«, erläuterte Hartmann bereitwillig. Er lächelte, als er sah, daß sie die Zähne in die Unterlippe grub und ihn anstarrte wie ein Hypnotiseur sein Medium.
»Sie fühlen sich wohl sehr stark als Kapitän, nicht wahr?« forschte Sabine.
»Ich bin der mächtigste Mann an Bord«, erwiderte Utecht lächelnd. »Das ist nun einmal eine seemännische Gepflogenheit, und ich hoffe, daß Sie nicht die Absicht haben, sie umzuwerfen.«
Der Eintritt des Zahlmeisters entband das Mädchen von der Antwort, und sie schaute mit gerunzelter Stirn zu dem Mann hoch.
Der Zahlmeister wiederholte noch einmal das, was er ihr schon eine halbe Stunde zuvor gesagt hatte. »Es ist unmöglich, gnädiges Fräulein. Es ist einfach kein Platz mehr vorhanden.«
»So!« stieß Sabine erregt hervor. »Der Kapitän hat vier Räume für sich allein, die anderen Offiziere zwei, und für die Tochter des Reeders ist kein Logis frei? Wie heißen Sie, mein Lieber?«
Der Zahlmeister schluckte und warf einen hilfesuchenden Blick auf Hartmann, der das zornige Mädchen lächelnd anschaute.
»Wir sind Seeleute und keine Zauberer. Vielleicht fahren Sie bei der zweiten Reise mit. Rufen Sie frühzeitig im Büro an, Sie sollen dann auch die schönste Luxuskabine auf dem A-Deck erhalten.«
»Wie gütig von Ihnen«, schnaubte das Mädchen. »Aber ich werde bei der ersten Fahrt dabei sein, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen! Sie können gehen«, sagte sie mit einer halben Drehung des Kopfes zum Zahlmeister, der mit einer nie zuvor an ihm gesehenen Geschwindigkeit das Weite suchte.
»Sollen wir ein Zelt für Sie auf dem Deck aufschlagen? Vielleicht können Sie auch in einem Rettungsboot schlafen? Es soll häufiger vorkommen, daß blinde Passagiere dort die ganze Fahrt verbringen.«
»Ihre gutgemeinten Vorschläge rühren mich fast zu Tränen, aber ich verzichte auf Zelt und Rettungsboot und werde mich mit Ihrem Schlafzimmer begnügen.«
»Wir sind nicht verheiratet«, erinnerte Hartmann gelassen, dem jetzt allerdings auch eine kleine Röte in die Stirn stieg. Seine Schiffsoffiziere pflegten zu sagen, daß sie lieber einen Taifun erlebten, als diese gefährliche Röte auf der Stirn des Kapitäns.
Doch davon ahnte das Mädchen, das ihn amüsiert beobachtete, nichts. Sie übersah, daß Hartmann die Klingel betätigte und war ganz erstaunt, als der Steward seinen wohlpomadisierten Kopf in die Kabine steckte.
»Geleiten Sie Sabine Bahlken zur Gangway.« Hartmann erhob sich und nickte dem verstörten Mädchen zu, bevor er hochaufgerichtet den Raum verließ.
Er ging auf die Brücke und machte sich dort zu schaffen, schaute aber seitwärts auf den Kai hinab. Jeden Augenblick mußte doch dieses kapriziöse Ding dort erscheinen.
Eine ganze Stunde später erst verließ Sabine Bahlken das Schiff. Ihr Gesicht war gerötet, und sie schaute sich nicht um, als sie davonging.
Hartmann blickte ihr nach, solange er sie sehen konnte, und seine Gedanken kreisten noch lange um sie, als sie längst verschwunden war.
»Auf den Schreck hin werde ich mir erst einmal einen genehmigen«, entschloß er sich und ging in seine Kabine zurück. Er schaute den Steward nur flüchtig an, stutzte dann aber, erhob sich und trat dicht neben ihn.
»Was haben Sie denn an der Stirn, Baumann?« Er wies auf eine Beule, die einen recht frischen Eindruck machte.
»Sie hat…«, schluckte der Mann und wies auf ein paar Scherben am Boden. »Ich fege die Scherben der Vase gleich zusammen.«
»Sie ist direkt gemeingefährlich«, stellte Hartmann lächelnd fest, als er allein war und das Whiskyglas zum Mund führte.
»Eine richtige kleine Wildkatze. Ob sie wohl auch schnurren kann? Ihre Krallen hat sie nun zur Genüge gezeigt.«
*
Sabine hatte bei ihrem Vater ihren Kopf durchgesetzt. Der Reeder hatte mit Hartmann gesprochen, und Hartmann stellte Sabine seine Schlafkabine zur Verfügung. Er war nicht einmal verärgert darüber.
»Sind Sie mit dem Einräumen fertig?« fragte er sie, als sie soeben aus der ihr überlassenen Kabine herauskam.
»Nicht ganz, ich erwarte noch ein paar Schrankkoffer.«
Das Schiff sollte in zwei Tagen in See stechen, und mit Erstaunen hatte Hartmann festgestellt, wieviel Sachen eine Frau braucht, um für eine sechs Wochen dauernde Seereise versorgt zu sein. Er fragte sich nur, wann sie wohl all die vielen Kleider, Hüte und Schuhe tragen wollte, die sie auspackte.
»Ich will Sie jetzt nicht länger aufhalten, Kapitän«, nickte Sabine ihm zu und ging hinaus. Sie spürte seinen Blick in ihrem Rücken, und ihre Bewegungen wurden unwillkürlich vor Befangenheit ein bißchen eckig.
Sechs Wochen würde sie bald mit diesem Mann eng zusammenleben, und es waren sehr zwiespältige Gefühle, die sie bei dem Gedanken daran bewegten.
Hartmann folgte ihr einen Augenblick später, aber bevor er noch die Brücke erreicht hatte, hielt ihn der Chefsteward an. »Frau Krickel ist krank geworden«, teilte er ihm verzweifelt mit. »Was soll ich tun, Herr Kapitän? Es ist fast unmöglich, bis zur Ausfahrt geeigneten Ersatz zu bekommen.«
Hartmann runzelte nachdenklich die Stirn. Ihm war sofort ein Gedanke gekommen, dessen Verwirklichung aber unmöglich schien: Seine Schwester, mit der er seit ihrer Scheidung zusammenwohnte, könnte gut den Verdienst und die Erholung gebrauchen, die eine Seereise ihr bot, und die Arbeit einer Stewardeß war auch nicht zu schwer, wenn sie den richtigen Posten bekäme.
Andererseits war es unmöglich, daß die Schwester des Kapitäns in solch einer Stellung die Reise mitmachte. Er sah Steffi vor sich, ihr blasses, ein wenig verhärmtes Gesicht, und gab sich innerlich einen Ruck.
»Ich werde die Sache schon regeln, Herr Pelke, und für Ersatz sorgen. Gestern hat sich ein Mädchen bei mir um einen Posten beworben, das mir geeignet erscheint. Ich schicke sie Ihnen zur Vorstellung hinunter und möchte, daß Sie das Mädchen einstellen.«
Ein kurzes Nicken, und Hartmann ging, mit sich selbst so recht zufrieden, gelassen weiter. Er würde schon dafür sorgen, daß seine kleine Schwester nicht zuviel zu tun bekam und Gelegenheit hatte, sich ein wenig zu erholen.
Wie würde Steffi sich freuen, einmal ein paar Wochen die frische Seeluft genießen zu können und inmitten anderer Menschen die Sorgen des grauen Alltags zu vergessen!
»Als Stewardeß?« fragte sie am Abend, als ihr Bruder ihr mit spitzbübischem Gesicht die verblüffende Neuigkeit mitgeteilt hatte. Sie schüttelte unwillkürlich den Kopf, aber je länger sie über seine Worte nachdachte, um so mehr gefiel ihr sein Vorschlag.
»Warum eigentlich nicht?« fragte sie wie zu sich selbst.
»Das habe ich auch gedacht«, nickte Hartmann ihr vergnügt zu. »Weshalb solltest du wohl nicht imstande sein, ein Tablett mit vollen Gläsern herumzutragen? Ich werde veranlassen, daß du für mich zuständig bist.«
»Hartmann, du bist doch der Beste!« lachte Steffi und hängte sich ihm an den Hals, bevor er wußte, wie ihm geschah. Sie gab ihm einen schwesterlichen Kuß auf die Stirn und war ausgelassen wie ein übermütiges junges Mädchen.
Gerührt schaute Hartmann sie an. Es war schön, einem anderen Menschen eine Freude zu machen, und besonders bei seiner Schwester war es ihm geradezu ein Bedürfnis, denn sie hatte viel Schweres erleiden müssen. Ihre Ehe war nur kurz und auch nicht besonders glücklich gewesen, die Zeit danach für sie voller Sorgen und Entbehrungen.
Und wozu war er schließlich der allmächtige Kapitän eines stolzen Passagierschiffes?
Steffi lief hinaus und kam gleich darauf mit einem Tablett, auf dem zwei Gläser und eine gefüllte Flasche standen, zurück. Wie eine gelernte Kellnerin stellte sie es vor ihm nieder, schenkte die Gläser voll und freute sich über das Lob, das der Bruder ihr bereitwillig spendete.
*
Erhard Bahlken rieb sich ein wenig verlegen die Hände, als er seinem Kapitän in der gemütlichen Kabine gegenübersaß. Es war gar nicht so leicht, mit seinem Anliegen herauszurücken, und er verwünschte im stillen seine Tochter, die ihn wieder einmal beschwatzt hatte.
Hartmann entging seine Verlegenheit nicht, aber er ahnte nicht den Grund, bis der alte Herr so ganz nebenbei fragte, ob er nicht bereit sei, nach einen überzähligen Schiffsoffizier mitzunehmen.
Der Kapitän zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe, sagte aber nichts. Vater Bahlken wurde noch verlegener und entlockte seiner pechschwarzen Zigarre dichte Wolken, als wollte er sich einnebeln, um dem forschenden Blick des vor ihm sitzenden Mannes zu entgehen.
»Meine Tochter, Sie kennen sie ja nun auch schon zur Genüge, Herr Utecht, hat mich sehr darum gebeten, und der Rockwinkel macht soweit auch einen guten Eindruck, und ein überzähliger Offizier kann niemals schaden.«
»Hm«, machte Hartmann, ohne vorerst zu antworten. Zwei steile Falten standen auf seiner Stirn und gaben ihm ein etwas grimmiges Aussehen.
»Die Entscheidung liegt selbstverständlich ganz allein bei Ihnen«, beeilte sich der Reeder zu versichern. »Ich würde mich aber freuen, wenn Sie meiner Tochter den Gefallen tun könnten.«
»Gut«, entschloß sich Hartmann mit einem grimmigen Lächeln, das dem überzähligen Offizier nichts Gutes verhieß. »Der junge Herr ist informiert, daß er Dienst zu tun hat und sich nicht auf einer Vergnügungsreise befindet?« fragte er ruhig.
