Beyond Belief - Nir Eyal - E-Book

Beyond Belief E-Book

Eyal Nir

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Beschreibung

Bestsellerautor Nir Eyal zeigt in seinem neuen Buch, dass Erfolg nicht allein von perfekten Plänen und Strategien, sondern nicht zuletzt auch davon abhängt, dass man seinen Überzeugungen und Glaubenssätzen folgt. Unsere Überzeugungen sind die unsichtbaren Architekten unseres Lebens, auch im Beruf – sie bestimmen, was wir wahrnehmen, wie wir fühlen und wie wir handeln. Mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse, inspirierender Geschichten und praktischer Übungen beschreibt Eyal, wie wir erfolgsorientierte Denkmuster entwickeln und nutzen können. Um selbst scheinbar unüberwindbare Hindernisse zu meistern und dauerhafte Veränderungen zu erzielen, braucht es drei entscheidende Kräfte – Aufmerksamkeit, Antizipation und Handlungsfähigkeit: Im Zusammenspiel helfen diese, unsere Wahrnehmung zu verändern und richtig zu reagieren, wenn es schwierig wird oder Zweifel aufkommen. Der Leitfaden, der zeigt, wie Glaube Berge versetzt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buchvorderseite

NIR EYAL

BEYOND BELIEF

Titelseite

NIR EYALmit Julie Li

BEYOND BELIEF

Wie Sie die Kraft der Gedanken und Überzeugungen bewusst nutzen, um jedes Ziel zu erreichen

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.deabrufbar.

Für Fragen und [email protected]

Wichtiger Hinweis Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

1. Auflage 2026 © 2026 by Redline Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH Türkenstraße 89 80799 München Tel.: 089 651285-0

Die englische Originalausgabe erschien 2026 unter dem Titel Beyond Belief bei Portfolio. © 2026 by Sunshine Business Development LLC. All rights reserved.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Übersetzung: Philipp Seedorf Redaktion: Christiane Otto Umschlaggestaltung: Karina Braun Satz: ZeroSoft, TimisoaraE-Book: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-86881-890-1 ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96267-661-2

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unterwww.redline-verlag.de Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Wichtige Anmerkung

Dieses Buch verrät Ihnen, wie die Macht der Glaubenssätze Ihr Leben verändern kann. Um über neue Entdeckungen seit der Veröffentlichung auf dem Laufenden zu bleiben und praktische Tools abzurufen, die Ihnen helfen, das anzuwenden, was Sie hier lernen, habe ich zusätzliche Begleitmaterialien für Sie erstellt.

Gehen Sie auf NirAndFar.com/belief-tools/oder scannen Sie den unten abgebildeten QR-Code.

Für Ronit, Anne, Victor und Paul – die immer geglaubt haben.

INHALT

1.Glaubenssätze sind Werkzeuge, keine WahrheitenWie die Glaubenssätze, die Sie wählen, Ihr Leben formen.

Die erste Macht der GlaubenssätzeDie Macht, zu sehen, was Sie glauben

2.Wieso glauben sehen istIhr Gehirn sieht die Realität nicht – es sieht Ihre Glaubenssätze über die Realität.

3.Das Geheimnis für bessere BeziehungenSie haben keine Beziehungsprobleme.Sie haben Wahrnehmungsprobleme.

4.Wie man Gelegenheiten sieht, die anderen entgehenGlück ist kein Zufall.

Die zweite Macht der GlaubenssätzeDie Macht zu fühlen, was Sie glauben

5.Sie leben bereits in einer SimulationWie man das Gewöhnliche außergewöhnlich macht (und dabei ein Vermögen verdient).

6.Krankheit ist im Körper; Kranksein im KopfNicht jeder Schmerz ist nötig.

7.Länger, stärker und smarter lebenIhre Glaubenssätze können zu Ihrer Biologie werden.

Die dritte Macht der GlaubenssätzeDie Macht, zu tun, woran Sie glauben

8.Wie man die Kontrolle über das eigene Leben übernimmt (Auch, wenn es unmöglich ist)Glauben Sie, die Kontrolle zu besitzen, auch wenn es nicht so ist.

9.Gebet funktioniert, mit oder ohne GlaubenRitual ist die Brücke zu einem besseren Selbst.

10.Ihre Label sind Ihre LimitsHüten Sie sich vor Glaubenssätzen, die Ihnen die Kraft stehlen.

Schlussfolgerung

11.Gute Glaubenssätze, schlechte GlaubenssätzeWieso Ihre Träume Ihre Ziele sabotierenkönnen – und was man stattdessen tun kann.

Merksätze aus den Kapiteln

Danksagungen

Anmerkungen

Kapitel 1

Glaubenssätze sind Werkzeuge, keine Wahrheiten

Wie die Glaubenssätze, die Sie wählen, Ihr Leben formen.

Einen Großteil meines Lebens war ich das Kind, das im öffentlichen Freibad nie das T-Shirt ausziehen wollte. Während andere Teenager herum-plantschten und in der Hitze im Herzen Floridas spielten, saß ich am Rand, ließ die Füße ins Wasser baumeln und trug ein XL-T-Shirt, um meine Speckröllchen zu verstecken. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn ich den Mut aufbrachte, ins Wasser zu gehen, ließ ich das T-Shirt an. Es auszuziehen, war keine Option. Es war mir lieber, wenn der klatschnasse Stoff an meinen Jungsbrüsten klebte.

Meine Freunde trugen Jeans, frisch aus dem Laden, die perfekt passten, brandneu waren, aber an den richtigen Stellen zerfetzt. Ich trug Klamotten der Verwandtschaft, die um die Hälfte gekürzt werden mussten. Die Erinnerung schmerzt noch heute, wie ich mich in die alte Jeans meines übergewichtigen Vaters quetschte und meinen Bauch einzog, bis die Rippen wehtaten. Egal, wie sehr ich mich verdrehte und zerrte, ich konnte den Speck nicht verstecken, der über dem Hosenbund herausquoll.

In den folgenden 30 Jahren wurde mein Bücherregal ein Friedhof für Diätbücher. 1994 schrieb ich gewissenhaft jedes Gramm Fett in einen abgenutzten Spiralblock und feierte, wenn die Zahl auf der Waage kleiner wurde. Drei Jahre später setzte das Notizbuch Staub an, während ich meinen Kühlschrank mit Tofu und Kartoffeln füllte, von den begeisterten Vegetariern überzeugt, dass Fleisch der Feind war. Dann schwang das Pendel zurück. Lebensmittel, die ich vorher gegessen hatte, wurden zu verbotener Ware, als ich mich der Low-Carb-Ernährung verschrieb und dann der Keto-Ernährung, die das Evangelium des flexiblen Metabolismus predigt. Irgendwann stieß ich auf intermittierendes Fasten, das mir wie ein neuer, höherer Daseinszustand erschien. Jeder neue Plan kam mir wie die Antwort vor.

Und in gewisser Weise war es auch so. Ich verlor Gewicht, fühlte mich besser und glaubte, ich hätte endlich die Antwort gefunden. Ich war der Typ, der auf Partys jedem, der es sich anhörte, über seine neueste Diätoffenbarung predigte. Ob es das böse Fett war, die Wunder der pflanzenbasierten Ernährung oder die Magie der Ketose, ich glaubte, ich hätte die »Wahrheit« über Gewichtsverlust gefunden.

Aber jedes Mal, ohne Ausnahme, passierte irgendetwas Schreckliches. Ich las einen Artikel oder hörte einem Experten zu, der mir erklärte, dass meine aktuelle Ernährung völlig falsch war. »Ernährung mit zu wenig Fett steigert Hungergefühl.« »Pflanzenbasierter Speiseplan führt zu Mangel an essenziellen Nährstoffen.« »Ketose schadet den Nieren.«

Während mein Vertrauen schwand, taten das auch meine Resultate. Eine Reihe an Glaubenssätzen schlich sich ein, die mein Versagen rechtfertigten, während mein Gewicht stieg. »Wenn man Übergewicht hat, ist es zu anstrengend, Sport zu machen«, erzählte ich meinen Freunden. »Die Lebensmittelindustrie hat sich verschworen, um uns dick zu machen. Es ist egal, was ich esse.« Ohne die schützenden Regeln meiner Überzeugungen war es mir völlig egal, was ich aß. Ich aß, was ich wollte, wann immer ich wollte. Die Pfunde kamen zurück. Monat um Monat, Jahr um Jahr sah die Kurve meines Gewichtsverlustes und der folgenden Gewichtszunahme aus wie eine Achterbahn: hoch und runter und wieder hoch.

Jede Diät funktionierte … bis sie es nicht mehr tat. Jeder Ansatz war erfolgreich … bis ich ihn aufgab. Das folgte einem Muster, einem, das tiefer reichte als nur Kalorien und Kohlenhydrate. Jeder Erfolg rann mir durch die Finger, und ich konnte die Ursache nicht benennen. Ich suchte weiter in den Diätbüchern nach Antworten, und mir war nicht bewusst, dass die wahre Antwort ganz woanders lag.

Hoffnung schwimmt oben

In den 1950er-Jahren führte der Forscher Curt Richter eine bahnbrechende, wenn auch ethisch fragwürdige Studie durch.1 Richter wollte verstehen, wie Stress das Überleben beeinflusst, also setzte er Ratten in hohe, mit Wasser gefüllte Glaszylinder und maß, wie lange sie schwimmen konnten.

Richter testete sowohl wilde als auch Hausratten. Die wilden Ratten waren ungestüme, aggressive Tiere, die kurz zuvor gefangen worden waren und ständig nach einem Fluchtweg Ausschau hielten. Sie waren stärker und von Natur aus bessere Schwimmer. Eigentlich hätten sie ihre zahmeren Artgenossen überleben müssen – aber das taten sie nicht.

Jede einzelne der wilden Ratten ertrank innerhalb von fünfzehn Minuten. Einige sanken fast sofort. Richter fand dies verwirrend. Diese Tiere waren körperlich nicht unfähig zu schwimmen. Es musste etwas anderes vor sich gehen.

Als er die Hausratten testete, waren die Ergebnisse dramatisch anders. Die Mehrheit schwamm stundenlang weiter und übertraf damit die wilden Ratten bei weitem. Diese Entdeckung stellt unsere hergebrachte Weisheit über Widerstandskraft infrage. Wir gehen oft davon aus, dass »taffere« Individuen, die stärker oder ausdauernder sind, natürlich länger durchhalten. Aber Richters Experiment legte etwas anderes nahe. Die wilden Ratten gingen innerhalb weniger Minuten unter. Die Hausratten kämpften weiter.

Auch wenn er nicht wissen konnte, was sie dachten, vermutete Richter, dass das Überleben der Ratten wenigstens zum Teil von ihrem mentalen Zustand abhing. In seinen Notizen lieferte er eine Erklärung dafür. Die wilden Ratten, so schrieb er, »scheinen buchstäblich aufzugeben«. Sie zeigten das, was Richter als »Hoffnungslosigkeit« bezeichnete.

Da sie nie gehalten oder gerettet worden waren, interpretierten die wilden Ratten ihre Situation als ausweglos. Die Hausratten hingegen, die ihr ganzes Leben lang unter Menschen gelebt hatten, schienen die Möglichkeit offen zu halten, dass sich die Situation ändern könnte. Dieser geringe Unterschied in der Erwartungshaltung, nicht etwa ein körperlicher Vorteil, war es, der das Überleben von der Kapitulation trennte.

Aber Richters Studie hörte damit nicht auf. Er wollte wissen: Kann Hoffnungslosigkeit umgekehrt werden?

Richter nahm eine neue Gruppe wilder Ratten, setzte sie in den Wasserzylinder und tauchte kurz bevor sie ertrunken wären seine Hand hinein und holte sie heraus. Er hielt sie kurz fest, damit sie zu Atem kommen konnten, während das Wasser von ihrem Fell tropfte. Nach dieser kurzen Atempause wurden sie wieder ins Wasser gesetzt. Er wiederholte diesen Vorgang mehrmals und brachte ihnen so bei, dass das Einsetzen in den Wasserzylinder nicht den sicheren Tod bedeutete.

Nun würde ich Sie gerne fragen, wie lange diese Ratten Ihrer Meinung nach weiter schwammen.

Ich habe diese Frage oft dem Publikum gestellt, wenn ich über Richters Studie gesprochen habe. Denken Sie daran, dass die ersten wilden Ratten nur fünfzehn Minuten überlebten. Die meisten Menschen rechneten damit, dass die Antwort überraschend sein würde. Viele schätzen dreißig Minuten, vielleicht sogar eine Stunde. Eine Stunde? Das ist viermal so lang und eine gewagte Schätzung.

Denken Sie an Ihre eigenen Grenzen, an das letzte Mal, als Sie sich bis zum Rand der Erschöpfung getrieben haben. Vielleicht sind Sie gesprintet, bis Sie keine Luft mehr bekamen, haben sich auf eine komplexe Aufgabe konzentriert, bis Sie völlig erschöpft waren, oder haben ein überwältigendes Projekt in Angriff genommen. Wenn Sie das im Hinterkopf behalten, können Sie sich dann vorstellen, viermal länger durchzuhalten, als Ihr Limit normalerweise wäre? Zweifelhaft.

Aber hier das Erstaunliche: Die konditionierten Ratten schwammen sechzig Stunden lang, einige sogar noch länger. Nicht sechzig Minuten. Sechzig Stunden. Mehr als zweieinhalb Tage ununterbrochenes Schwimmen. Richter stellte fest, dass wildlebende Ratten, sobald sie konditioniert waren, »genauso lange wie Hausratten oder sogar länger« schwammen.

Richter schrieb: »Auf diese Weise lernten die Ratten schnell, dass die Situation nicht hoffnungslos war; danach waren sie aggressiver, versuchten, zu entkommen, und zeigten keine Anzeichen, dass sie aufgeben würden.«

Was hatte sich verändert? Die konditionierten Ratten hatten eine wichtige Lektion gelernt: Beharrlichkeit konnte zur Rettung führen. Eine Flucht war möglich. Dieser Glaube gab ihnen einen Grund, weiterzuschwimmen.

Dieser tiefgreifende Unterschied war nicht physischer Natur. Die Körper der Ratten hatten sich nicht verändert. Etwas hatte sich verschoben, als wäre ein Schalter von »Warum sich anstrengen?« auf »Weitermachen!« umgelegt worden. Die 60 Stunden Ausdauer waren die ganze Zeit da gewesen. Sie mussten nur freigesetzt werden.

Meine Glaswände

Richters Ratten zeigten etwas, das mir gefehlt hatte, als ich mich jahrzehntelang mit Diäten plagte. Es ging nicht darum, den perfekten Plan zu finden. Es ging um Glauben.

Als ich wirklich an eine Diät glaubte – wenn ich überzeugt war, dass sie funktionieren würde –, befolgte ich sie mit nahezu religiöser Hingabe. Egal, ob es darum ging, jedes Gramm Fett und Kohlenhydrate oder Kalorien zu zählen, es waren nicht die Diätregeln, die mich voranbrachten, sondern meine Überzeugung, dass meine Anstrengungen etwas brachten. Aber in dem Moment, in dem sich Zweifel einstellten, wenn ich nicht mehr glaubte, fiel auch mein Engagement in sich zusammen. Wie Richters Ratten ließ ich zu, dass ich lange vor dem Erreichen meines Limits unterging.

Damals erkannte ich nicht, dass ein Glaubenssatz hilfreich sein konnte, ohne, dass er universal anwendbar oder überhaupt in jedem Fall zutreffend war. Meine Alles-oder-nichts-Einstellung, die Idee, dass eine Diät entweder absolut perfekt oder völlig nutzlos war, sorgte dafür, dass ich in einer Schleife aus absoluter Überzeugung und völliger Ablehnung gefangen war. Der wirkliche Durchbruch kam später, als ich aufhörte, nach dem »perfekten« Plan zu suchen, und glaubte, dass gleichbleibende tägliche Entscheidungen über eine längere Zeit wichtiger waren, als meine Gewohnheiten komplett umzukrempeln.

Ich hörte nicht mehr ständig komplett mit etwas auf und fing neu an. Stattdessen experimentierte ich, nahm Anpassungen vor und machte weiter. Statt nach der idealen Antwort zu suchen, fiel mir auf, welche Glaubenssätze dafür sorgten, dass ich weitermachte, und welche mich von meinem Ziel abbrachten. Mit der Zeit summierten sich diese kleinen, anhaltenden Veränderungen zu echten, anhaltenden Ergebnissen. Ja, ich verlor Gewicht, wurde kräftiger und befreite mich schließlich aus dem ewigen Kreislauf der Jo-Jo-Diäten. Aber die wichtigste Erkenntnis bestand nicht in dem, was ich über Essen oder Fitness wusste. Es war der Glaube – nicht die Disziplin oder die Details des neuesten Plans –, der wirklich hinter anhaltender Motivation stand.

Denken Sie an das letzte Mal, als Sie mit etwas aufgehört haben, das Ihnen wichtig war. Vielleicht das Buch, das Sie angefangen haben, zu schreiben, aber nie beendeten. Die Geschäftsidee, die Sie sich wieder ausgeredet haben oder die schwierige Unterhaltung, die Sie seit Monaten vermeiden. Welche Geschichte erzählten Sie sich selbst in dem Moment, in dem Sie aufgaben?

»Ich bin nicht kreativ genug.« »Es ist zu spät, um damit anzufangen.« »Menschen wie ich haben bei so etwas keinen Erfolg.«

Wir wiederholen diese Sätze, bis sie sich wahr anfühlen. Aber es sind keine Tatsachen. Was, wenn diese unsichtbaren Barrieren, die wir akzeptiert haben, genau das sind, was uns davon abhält, länger durchzuhalten, als wir je für möglich gehalten hätten?

Das fehlende Detail der Motivation

Die meisten Menschen stellen sich Motivation als eine gerade Linie vor: Wenn man diesen bestimmten Nutzen haben will, muss man jenes bestimmte Verhalten an den Tag legen. Man leistet die Arbeit und erntet die Belohnung – eine einfache Kette von Ursache und Wirkung. Aber dieses Modell ist unvollständig.

Zu wissen, was man tun muss und wieso, ist nicht genug. Wenn es das wäre, würden wir alle das durchziehen, von dem wir wissen, dass es gut für uns ist. Sie können einen perfekten Plan haben, der von soliden Gründen untermauert ist, aber wenn Sie nicht glauben, mit Ihren Anstrengungen etwas bewirken zu können, werden Sie nicht am Ball bleiben. Und ohne diesen Glauben werden auch die besten Ratschläge zu heißer Luft.

Wir sollten uns Motivation besser als ein Dreieck vorstellen. Eine Seite repräsentiert die Handlungen, die Sie durchführen müssen: Ihr Verhalten. Die andere Seite repräsentiert den Nutzen: Die Ergebnisse, nach denen Sie streben. Aber die untere Seite des Dreiecks, welche die beiden anderen miteinander verbindet, ist Ihr Glaubenssatz: Ihre Überzeugung, dass diese Handlungen zu den gewünschten Ergebnissen führen werden.

Alle drei Elemente des Motivationsdreiecks sind essenziell, aber der Glaubenssatz ist die Grundlage. Ohne den Glaubenssatz bricht die Motivation zusammen. Richters Ratten zeigten, dass der Glaubenssatz wichtig war. Und vor allem zeigte seine Forschung, dass Glaubenssätze gelernt werden können. Das bedeutet, egal, wie oft Sie in der Vergangenheit schon aufgegeben haben, die Veränderung Ihrer Glaubenssätze kann Sie stärker, mächtiger und widerstandsfähiger machen, als Sie sich jemals vorgestellt haben.

Um Motivation aufrechtzuerhalten, müssen wir wissen, was wir tun sollen (Verhalten), wieso wir es tun (Nutzen), und daran glauben, dass unsere Handlungen Resultate erzielen (Glaubenssatz).

Wieso erreichen Menschen ihre Ziele nicht? Es gibt zahllose Antworten auf diese Frage, aber man versagt auf jeden Fall, wenn man aufgibt. Aufgeben ist natürlich nicht immer falsch. Ich habe schon viele Jobs, Beziehungen und Projekte aufgegeben. Aber Erfolg wird unmöglich, wenn man es nicht einmal mehr versucht; in dem Moment, in dem man wie Richters Ratten aufgibt.

Das schlimmste Hindernis, wenn man wirklich etwas in seinem Leben ändern will, ist selten der Mangel an guten Strategien oder Ressourcen. Wir scheitern nicht, weil wir Fehler machen. Fehler kann man berichtigen. Wir scheitern, weil wir aufgeben, und wir geben viel zu häufig auf und viel zu schnell.

Was, wenn wir das ändern könnten?

Zwischen Fakten und Glauben

Manche Dinge im Leben sind sicher. Wasser friert bei 0 °C. Licht bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 300 000 Kilometern pro Sekunde. Das sind Fakten: messbar, verifizierbar, ob man es glaubt oder nicht.

Das andere Extrem ist der Glaube: eine Überzeugung, die keine Beweise erfordert. Glaube kann inspirierend sein, aber laut Definition verlangt er nicht nach Belegen.

Die meisten essenziellen Fragen des Lebens stellen sich jedoch im weiten, chaotischen Raum zwischen diesen beiden Polen. Wird mein Unternehmen erfolgreich sein? Sollte ich diesen Job annehmen? Ist diese Person der richtige Ehepartner? Wir können Daten sammeln, aber wir werden nie völlige Sicherheit haben. An dem einen Ende des Extrems führt es zu Analyseparalyse, wenn wir absolute Beweise haben wollen, bevor wir handeln, und am anderen Ende des Extrems gehen wir blind zu viele Risiken ein, wenn wir aus purem Glauben handeln und Belege ignorieren. Unser Gehirn nimmt gerne Abkürzungen. Wir brauchen funktionierende Modelle der Realität, die uns helfen, Entscheidungen zu treffen, auch wenn wir nicht über perfekte Informationen verfügen. An dieser Stelle kommen Glaubenssätze ins Spiel, die irgendwo zwischen Fakten und dem puren Glauben stehen.

Merriam-Webster definiert einen Glaubenssatz als »etwas, das allgemein akzeptiert, für wahr gehalten oder als Meinung gesehen wird«. Wie jede Meinung kann ein Glaubenssatz auf Fakten beruhen, aber er erfordert keine völlige Sicherheit. Er ist vorläufig – offen für eine Überarbeitung, wenn neue Belege auftauchen. Und wie jede Meinung basiert er letztlich darauf, dass wir individuell etwas akzeptieren oder ablehnen.

•Fakt: Eine objektive Wahrheit, die durch Beweise verifiziert werden kann.

•Glaube: Eine Überzeugung, die nicht objektiv belegt werden muss.

•Glaubenssatz: Eine Meinung, von der wir überzeugt sind, die aber für Überarbeitung basierend auf neuen Belegen offen ist.

Denken Sie an Richters konditionierte Ratten zurück. Diejenigen, die weiter schwammen, hatten keine Gewissheit, dass sie erneut gerettet werden würden. Sie verfügten aber über einen befreienden Glaubenssatz: dass ihre Ausdauer etwas bewirken konnte. Und dieser Glaube, diese fest verankerte Überzeugung, trieb sie dazu an, tagelang statt nur minutenlang zu überleben.

Sie haben schon dasselbe getan. Wenn Sie je persönliche Limits gesprengt haben, ob das der erste Marathon war, Sie eine neue Fertigkeit erlernt oder jemanden um ein Date gebeten haben, ohne zu wissen, ob der- oder diejenige Ja sagen würde, dann haben Sie gehandelt, ohne sich des Erfolgs sicher zu sein. Sie sind in Aktion getreten, weil Sie glaubten, dass Ihre Bemühungen etwas bewirken könnten.

In solchen Situationen wird besonders deutlich, dass Glaubenssätze nicht einfach Gedanken oder Gefühle sind. Sie sind Werkzeuge – funktionierende Modelle, die wir nutzen können, um uns in der Realität zurecht zu finden, wenn wir die Wahrheit nicht genau ergründen können. Wie ein Zimmermann, der zwischen einem Hammer und einer Säge wählt, können wir Glaubenssätze auswählen, basierend darauf, wie gut sie unseren Zielen dienen. In ähnlicher Weise können wir Glaubenssätze basierend auf ihrer Nützlichkeit wählen und nicht nur aufgrund dessen, wie belegbar sie sind. »Ich kann diesen Marathon beenden«, ist vielleicht nicht belegbar, da viele Menschen es tatsächlich nicht schaffen, aber es ist deutlich nützlicher, als zu sagen: »Ich schaffe es nicht.«

Einen Glaubenssatz zu wählen, ist eine strategische Entscheidung, keine Selbsttäuschung. Wissenschaftler nutzen vereinfachte Modelle, um komplexe Systeme zu verstehen, denn sie sind nützlich, um Vorhersagen zu treffen und das eigene Handeln danach auszurichten. Wir können mit Glaubenssätzen dasselbe tun, indem wir sie übernehmen, damit sie uns helfen, die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen, während wir gleichzeitig für neue Belege offenbleiben. Glaubenssätze sind Werkzeuge, nicht (notwendigerweise) Wahrheiten.

Die wirkliche Frage lautet nicht: »Ist dieser Glaubenssatz wahr?«, sondern: »Hilft mir dieser Glaubenssatz?«

Die besten Glaubenssätze sind sowohl praktisch als auch anpassbar. Sie bieten gerade genug Überzeugungskraft, um zu handeln, aber genug Flexibilität, um sie anzupassen. Sie überbrücken die Lücke zwischen der Lähmung, die entsteht, wenn wir zu lange nachdenken, und dem blinden Glauben.

Das bedeutet nicht, dass jeder Glaubenssatz gleich sinnvoll ist. Man kann einfach von der Haltung »wähle den Glaubenssatz, der dir dient« in »glaube, was immer sich gut anfühlt«, auch wenn es Fakten widerspricht, rutschen. Sich selbst zu sagen: »Ich muss mich nicht ändern; ich kann mir etwas wünschen, etwas manifestieren oder warten, bis es sich von selbst erledigt«, kann sich vielleicht tröstlich anfühlen, aber oft ist es nur eine Ausrede, um untätig zu bleiben. Ein wirklich nützlicher Glaubenssatz wird Ihnen helfen, zu wachsen und der Realität mit besseren Skills und mehr Widerstandsfähigkeit gegenüberzutreten, statt sich nur zu wünschen, die Realität möge anders aussehen.

Dieses Buch lehnt nachdrücklich jedes magische Denken und blindes Leugnen ab. Ein Glaubenssatz ist nur dann ein nützliches Tool, wenn er:

•Feedback aus der realen Welt standhält,

•einer Überarbeitung gegenüber offenbleibt und

•nicht erfordert, dass man Beweise ignoriert, um ihn aufrechtzuerhalten.

Wenn ein Glaubenssatz Sie vorübergehend glücklicher macht, aber von der Wahrheit, einem vernünftigen Handeln oder der Möglichkeit, zu wachsen, abhält, dann hilft er Ihnen nicht – er schadet Ihnen. Glaubenssätze sind es nur dann wert, beibehalten zu werden, wenn sie wertvoll sind und anhand der Realität überprüft werden und nicht nur, weil sie uns Trost und Bequemlichkeit bieten.

Die Schwächen von »Glaube einfach daran«

Als ich endlich abgenommen hatte und das Gewicht hielt, lag es nicht daran, dass ich die perfekte Diät gefunden hatte. Es lag daran, dass ich die richtigen, befreienden Glaubenssätze gefunden hatte: nicht nur übers Essen oder über Sport, sondern über mich selbst und was möglich war. Der spezifische Ernährungsplan war weniger wichtig als meine tiefe Überzeugung, dass ich mich ändern konnte und meine Handlungen letztlich Resultate erzielen würden.

Dieses Prinzip gilt weit über das Abnehmen hinaus. Die Autorin, die ihren ersten Roman vollendet, der Musiker, der endlich auf der Bühne steht, und die Führungskraft, die ein Team erfolgreich durch eine Krise führt, waren alle nicht deswegen erfolgreich, weil sie eine Geheimtechnik entdeckt haben, sondern weil sie Glaubenssätze entwickelt haben, die ihre Anstrengungen unterstützten, sich durch unweigerlich auftretende Rückschläge hindurchzuarbeiten. Ob Sie Ihre Karriere vorantreiben, Beziehungen mit Tiefgang aufbauen oder ein Handwerk beherrschen wollen, die richtigen Glaubenssätze bieten eine Grundlage, die anhaltendes Handeln erst möglich macht.

Lautet die Antwort also, »einfach zu glauben«? Absolut nicht.

Die Mantras »denke positiv« und »glaube einfach«, die wir alle schon gehört haben, sind nicht unbedingt falsch, aber unvollständig. Sie zollen der Tatsache Rechnung, dass Glaubenssätze entscheidend sind, aber sie bieten keine praktische Anleitung, wie man diese aufbaut. Sie behandeln Glaubenssätze als etwas, das man hat oder eben nicht, wie eine mysteriöse Eigenschaft, die man willentlich an- und abschalten kann.

Die Wahrheit über Glaubenssätze ist sowohl praktischer als auch wirkungsvoller. Glaubenssätze sind keine Wünsche oder Manifestationen; es sind mentale Modelle, die durch Erfahrung, Belege und absichtliche Konstruktion aufgebaut werden. Genauso wie man nicht damit rechnen würde, körperliche Kraft ohne Training aufbauen zu können, kann man auch keine wirkungsvollen Glaubenssätze ohne strategische und disziplinierte Anstrengung entwickeln.

Wenn ein Glaubenssatz die Grundlage der Motivation ist, wie stärkt man dann diesen Glaubenssatz?

Die drei Mächte der Glaubenssätze

In den folgenden Kapiteln werden Sie sehen, wie das im echten Leben funktioniert: wie Menschen in sehr unterschiedlichen Situationen Glaubenssätze genutzt haben, um etwas, das unmöglich erschien, Realität werden zu lassen. Sie werden einen Mann treffen, der ohne Betäubung eine orthopädische Operation über sich ergehen ließ, indem er seine Glaubenssätze änderte. Sie werden sehen, wie eine Unternehmerin eine Firma mit einem Umsatz von 100 Millionen Dollar aufbaute und Tausenden Obdachlosen zurück auf die Beine half. Sie werden entdecken, wieso Placebos sogar dann funktionieren, wenn wir wissen, dass es Placebos sind, und wie Glaubenssätze über das Altern unsere Lebenserwartung besser vorhersagen können als traditionelle Gesundheitsmarker.

Jede dieser Geschichten illustriert eine der drei Mächte der Glaubenssätze: Aufmerksamkeit, Antizipation und Handlungsfähigkeit.

1.Aufmerksamkeit: Die Macht, zu SEHEN, was Sie glauben Man hat uns gesagt: »Sehen heißt glauben«, aber Studien zeigen, dass das Gegenteil ebenso zutrifft: Glauben heißt sehen. Sie werden lernen, wie Glaubenssätze die Wahrnehmung beeinflussen; wieso Aufmerksamkeit das Tor zu mehr Chancen ist; und wie man den Verstand darauf trainiert, die Gelegenheiten zu erkennen, die andere übersehen.

2.Antizipation: Die Macht, zu FÜHLEN, was Sie glauben Glaubenssätze wirken wie eine emotionale Wettervorhersage; sie beeinflussen Ihre Energie, Ihre Stimmung und Ihre Leistung. Sie werden etwas über die wissenschaftlichen Grundlagen von Placebos lernen, die Psychologie der Erwartung und wie man Glaubenssätze gestaltet, die Sie voranbringen und nicht zurückhalten.

3.Handlungsfähigkeit: Die Macht, zu TUN, woran Sie glauben Das ist die Macht, die einen Glaubenssatz in anhaltendes Handeln verwandelt, selbst angesichts von Unsicherheit. Sie werden sehen, wie uralte Rituale, moderne Neurowissenschaft und mentales Training Ihnen helfen können, motiviert zu bleiben, wenn die meisten Menschen aufgeben.

Gemeinsam erschaffen diese drei Mächte – Aufmerksamkeit, Antizipation und Handlungsfähigkeit – ein robustes Rahmenwerk für dauerhaften Wandel. Sie bieten eine neue Art, zu reagieren, wenn es mal schwer wird, wenn der Fortschritt ein Plateau erreicht oder wenn Zweifel sich einstellen. Vor allem zeigen Sie Ihnen, wie man Glaubenssätze in das verlässlichste Werkzeug verwandelt, um ein glücklicheres, gesünderes und reicheres Leben zu führen.

Natürlich sind nicht alle Glaubenssätze gleich. Jeden Tag fechten Millionen von Menschen unsichtbare Kämpfe mit ihren eigenen Glaubenssätzen aus. Sie wollen ihre Gesundheit, ihre Beziehungen und ihre Karrieren verbessern, aber fühlen sich, als würden sie feststecken – nicht, weil sie sich nicht genug anstrengen, sondern weil sie Limits verinnerlicht haben, die tatsächlich gar nicht existieren.

Diese einschränkenden Glaubenssätze behindern auf subtile Weise unsere Fähigkeiten und flüstern uns zu: »Das wird nicht funktionieren.« »Ich bin dafür einfach nicht gemacht.« »Ich werde wieder scheitern.« Wenn wir diesen Flüsterstimmen nicht auf den Zahn fühlen, werden wir beginnen zu glauben, dass sie wahr sind, und lassen zu, dass sie unsere Vorstellung davon, was möglich ist, einschränken.

Zum Glück kann man Glaubenssätze ändern. Und sobald man weiß, wie man einen einschränkenden Glaubenssatz durch einen befreienden ersetzen kann, wird man in der Lage sein, nicht nur das eigene Denken zu transformieren, sondern auch, was wir sehen, wie wir uns fühlen, was wir tun und letztlich wer wir sind.

Von einschränkenden Glaubenssätzen …

zu befreienden Glaubenssätzen …

Anreize (wie Belohnungen oder Strafen) sind genug, um Menschen zu motivieren.

Motivation erfordert zu wissen, was man tun soll (Verhalten), welches Ergebnis man erzielen will (Nutzen) und die Überzeugung, dass Handlungen zu Ergebnissen führen (Glaubenssatz).

Ich muss von meinen Glaubenssätzen fest überzeugt sein.

Ich kann Glaubenssätze basierend auf Nützlichkeit auswählen und muss nicht absolut sicher sein.

Ich sollte meine Glaubenssätze verteidigen und sie nie aufgeben.

Glaubenssätze sind weder Glauben noch Fakten. Es sind tief verwurzelte Meinungen, die auf der Grundlage neuer Erkenntnisse revidiert werden können.

Ich sollte warten, bis ich so viele Informationen wie möglich habe, bevor ich handle.

Ich kann auch auf Grundlage von unvollkommenen Informationen handeln und dazulernen.

Wenn etwas schwierig ist, heißt das, ich bin nicht dafür gemacht.

Schwierigkeiten sind ein Zeichen von Wachstum. Wenn ich zu kämpfen habe, werde ich besser.

Wenn ich vorher gescheitert bin, bedeutet das, ich habe kein Talent dafür und werde vermutlich wieder scheitern.

Jeder Versuch lehrt mich etwas, das meine Chancen auf einen künftigen Erfolg erhöht.

Ich muss den richtigen Ansatz finden, bevor ich anfange. Wenn ich es falsch mache, lohnt es sich nicht, weiterzumachen.

Fortschritt entsteht durch anhaltendes Handeln, nicht durch perfekte Pläne.

Die erste Macht der Glaubenssätze Die Macht, zu sehen, was Sie glauben

Die erste Macht der Glaubenssätze

Aufmerksamkeit

Die Macht,zu sehen,was Sieglauben

Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.

Häufig Anaïs Nin zugeschrieben

Kapitel 2

Wieso glauben sehen ist

Ihr Gehirn sieht die Realität nicht – es sieht Ihre Glaubenssätze über die Realität.

Das Skalpell des Chirurgen fuhr durch die Haut von Daniel Gislers Fußgelenk, während er bei vollem Bewusstsein auf dem Operationstisch lag. Keine Betäubung. Keine Schmerzmittel.

Die meisten Menschen wären vom Schmerz überwältigt worden, während das Chirurgenteam die Metallschrauben aus dem Knochen entfernte. Gisler spürte bemerkenswerterweise nahezu nichts. Der 56 Jahre alte frühere Investmentbanker war nur drei Stunden vorher in dem Krankenhaus in der Schweiz angekommen, um eine Prozedur durchführen zu lassen, die normalerweise eine Vollnarkose erfordert. Gisler lehnte ab. Sein einziger Schutz gegen den Schmerz waren die Anweisungen einer Freundin, mit der er zusammen Hypnose erlernte und die er nur Monate zuvor kennengelernt hatte, sowie seine Überzeugung, dass sein Geist und seine Glaubenssätze kontrollieren konnten, was er spürte.

Der Chirurg sah ungläubig, wie Gisler bei vollem Bewusstsein und ohne Medikamente nicht einmal die Schmerzgrenze erreichte. Er war sich des Drucks bewusst und der Tatsache, dass etwas an seinem Knöchel zog. Er spürte sogar, wie das Metall aus seinem Körper gezogen wurde. Aber in seinem Verstand war er ganz woanders.

Das Bemerkenswerte an Gislers Fall ist, wie wenig bemerkenswert er eigentlich ist. Gislers Operation wird in europäischen Krankenhäusern, besonders in Belgien und Frankreich, wo Ärzte dieses Vorgehen zunehmend akzeptieren, tausendfach durchgeführt. Gislers Erfahrung ist nur ein Datenpunkt innerhalb wachsender Belege, die zeigen, wie effektiv die Hypnosedierung ist.

Studien, bei denen Bilder des Gehirns gemacht wurden, zeigten, dass Hypnosedierung nicht nur Entspannung ist und wenig mit der Version von Hypnose zu tun hat, die auf Bühnen zu Unterhaltungszwecken gezeigt wird und mit der die meisten von uns vertraut sind. Die Technik verändert auf fundamentale Weise die Art, wie unser Gehirn Sinneseindrücke verarbeitet. Wissenschaftler, die Patienten unter Hypnosedierung studiert haben, beobachteten messbare Veränderungen in der Hirnaktivität, besonders in den Regionen, die für die Schmerzwahrnehmung und Körperkontrolle verantwortlich sind.2

Während der Chirurg mit der Operation fortfuhr, blieben Gislers Vitalzeichen erstaunlich stabil. Kein plötzlicher Anstieg des Pulses, keine plötzliche Zunahme des Blutdrucks. Diese physiologischen Maßzahlen würden normalerweise eine Reaktion auf extremen Schmerz anzeigen. Aber Patienten, die sich unter Hypnose einer Operation unterziehen, zeigen während der Prozedur bedeutend stabilere Vitalzeichen. Ebenso bleibt ihre Muskulatur entspannter, was die Aufgabe des Chirurgen erleichtert, und sie haben deutlich weniger Entzündungen nach einer Operation.3 In einer Studie, bei der Patienten verglichen wurden, die sich einer Schilddrüsenoperation hatten unterziehen müssen, konnten diejenigen, die Hypnosedierung genutzt hatten, nach durchschnittlich nur zehn Tagen wieder arbeiten gehen, verglichen mit den 36 Tagen derjenigen, die eine Vollnarkose erhalten hatten.

Während der nahezu eine Stunde langen Prozedur führte Gislers Freundin, die mit ihm zusammen die Hypnose erlernte, ihn tiefer in die Trance. Gisler erinnerte sich: »Sie sagte: ›Gehe tiefer, gehe tiefer.‹ Also öffnete ich ein Wurmloch, an das ich mich aus dem Film Contact, mit Jodie Foster, erinnerte …, wo sie durch ein Wurmloch an verschiedene Orte reist. Das tat ich und landete an diesem weißen Strand mit tiefblauem Meer.«4

Was ermöglichte es Gisler, seinen Geist an einen anderen Ort zu transportieren und den unerträglichen Schmerz auszublenden? Und was verrät uns die Hypnosedierung über die außergewöhnliche Macht von Glaubenssätzen, unsere Wahrnehmung zu beeinflussen?

Denken Sie einen Moment über eigene Beschwerden nach. Was plagt Sie – körperlich, emotional, finanziell? Welche Herausforderung in Ihrem Leben könnte sich möglicherweise damit vergleichen lassen, ohne Betäubung bei vollem Bewusstsein Metallschrauben aus dem Körper entfernt zu bekommen?

Wenn Glaubenssätze reales, körperliches Leiden nahezu eliminieren können, welche anderen Grenzen könnten Sie dann damit sprengen? Wie viel ihres Schmerzes, worin auch immer die Quelle liegt, ist wirklich unvermeidbar, und wie viel hängt davon ab, worauf Sie Ihren Verstand konzentrieren?

Viele von uns würden nie eine Operation ohne Betäubung in Erwägung ziehen, und ich will Sie in diesem Kapitel auch nicht darum bitten. Aber die Tatsache, dass Tausende normaler Menschen, wie Daniel Gisler, sich erfolgreich auf diese Weise schwerwiegenden Eingriffen unterzogen haben, verrät uns etwas Bedeutendes über das menschliche Potenzial: Wir können unsere Wahrnehmung der Realität umformen, indem wir unsere Aufmerksamkeit durch die Macht der Glaubenssätze auf etwas Bestimmtes hinlenken. Auch wenn Hypnosedierung eine spezielle Ausbildung erfordert, sind die Kernprinzipien, die Gislers Erfahrung so grundlegend veränderten, universell. Im Folgenden eine praktische Anleitung, wie man diese erstaunliche Fähigkeit entwickeln kann – die Ihnen helfen wird, unangenehme Situationen zu überstehen, Ihre Motivation aufrechtzuerhalten und Ihr Leben zu transformieren.

Das Leben durch ein Schlüsselloch

Ihr bewusster Verstand kann etwa pro Sekunde 50 Bits an Daten verarbeiten.5 Das ist ungefähr vergleichbar damit, pro Sekunde einen kurzen Satz zu lesen, oder gerade genug Information, um einen einfachen Gedanken oder eine Anleitung zu verarbeiten.

Das scheint eine einleuchtende Menge an Informationen zu sein, die man in einem bestimmten Moment erfassen kann. Aber vergleichen Sie das mit den 11 Millionen Bits an Rohdaten, die unsere Sinne im gleichen Zeitraum erfassen. Das ist gleichbedeutend damit, jedes Wort aus Krieg und Frieden zweimal pro Sekunde vor unseren Augen vorbei blitzen zu sehen.

Denken Sie über diese beiden Zahlen nach: 50 Bits im Vergleich zu 11 Millionen Bits. Die Lücke zwischen diesen beiden Zahlen ist der Grund, wieso wir uns nur eines Bruchteils dessen bewusst sind, was unsere Gehirne tatsächlich wahrnehmen können. Kurz gesagt, wir leben unser Leben durch ein Schlüsselloch. Dieses extreme Herausfiltern ist der Grund, wieso zwei Menschen das genau gleiche Ereignis wahrnehmen und dabei eine völlig unterschiedliche Erfahrung machen können. Ihr bewusster Verstand nimmt keine objektive Aufzeichnung der Realität wahr – er erhält eine extrem komprimierte Menge an Highlights, die von Ihrem Unterbewusstsein gefiltert werden, basierend auf dem, was Ihre Glaubenssätze für wichtig halten.6

Halten Sie einen Augenblick inne und sehen Sie sich um. Merken Sie, wie Ihre Aufmerksamkeit von Objekt zu Objekt springt? Versuchen Sie, sich gleichzeitig auf das Gefühl Ihres Atems, die Geräusche in Ihrer Umgebung und die Wörter auf dieser Seite zu konzentrieren. Sie werden schnell feststellen, dass es unmöglich ist. Sie brauchen sich deswegen nicht schlecht fühlen. Ihr Gehirn erschafft die überzeugende Illusion, dass Sie sich allem bewusst sind, was um Sie herum passiert. Es fühlt sich so an, als würden Sie »alles aufnehmen« – als würden Sie alle 11 Millionen Bits an Informationen erfassen, die jede Sekunde auf Sie einströmen, aber das ist nicht der Fall.

Ihre Aufmerksamkeit springt ständig zwischen verschiedenen Inputs hin und her – Tastsinn, Geruch, Geschmack, visuelle Eindrücke und Geräusche – wie ein Überwachungssystem, das zwischen verschiedenen Überwachungskameras hin und her wechselt. Sie bemerken diesen Wechsel nicht, denn es fühlt sich so nahtlos an.

Manchmal geht diese Verengung sogar noch weiter. Sie können sich so von einer einzigen Sache gefangen nehmen lassen, dass fast alles andere komplett verschwindet. Sind Sie je Auto gefahren und haben dabei ein Audiobuch angehört, nur um dann zu bemerken, dass Sie sich an die letzten paar Kilometer Fahrt nicht mehr erinnern? Oder haben Sie sich schon einmal so völlig auf ein Video auf Ihrem Handy konzentriert, dass Ihnen Ihr Körpergefühl abhandenkam, bis Ihr Arm eingeschlafen ist?

Dieses Phänomen habe ich schon zahllose Male erfahren. Als ich dieses Buch schrieb, war ich manchmal so vertieft, dass mir kaum auffiel, wie plötzlich Stunden vergangen waren, ich nicht gegessen und dennoch keinen Hunger verspürt hatte. Meine Arbeit schaffte es durch das Schlüsselloch; die Hungersignale nicht. Der Hunger war zwar vorhanden, aber ich habe ihn einfach nicht empfunden.

Dieser clevere, anhaltende und essenzielle Filterprozess ist es, der so etwas wie Aufmerksamkeit überhaupt möglich macht. Das ist das Spotlight, das unser Unterbewusstsein nutzt, um einen schmalen Streifen Input zu erhellen; gerade genug, dass unser bewusster Verstand das Gefühl hat, das Gesamtbild wahrzunehmen.

Aber wie entscheidet unser Unterbewusstsein, was es uns zeigt? Es filtert, basierend auf dem, was wichtig ist.

Und wie weiß unser Gehirn, was wichtig ist? An dieser Stelle wird es wirklich interessant.

Die Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten

»Wenn mir jemand vielleicht noch vor fünf Jahren von Hypnose erzählt hätte, hätte ich das für verrücktes Zeug gehalten«, sagte mir Gisler. Wie die meisten glaubte er, dass Schmerz unvermeidbar ist. Das war nicht nur eine Meinung; es war eine fundamentale Annahme über die Realität selbst. Eine, die beeinflusste, was er als möglich wahrnahm. Aber nachdem ein Freund von einem Hypnosekurs schwärmte, den er besucht hatte, führte die Neugier dazu, dass Gisler seine mentalen Modelle infrage stellte. Er fand einige Anleitungsvideos auf YouTube und experimentierte selbst mit leichten hypnotischen Zuständen.

Diese frühen Erfahrungen führten zu kleinen, aber bedeutenden Überraschungsmomenten für sein Gehirn: Das Unmögliche passierte. Sein Verstand war gezwungen, den Widerspruch zwischen »Hypnose kann nicht funktionieren« und »ich habe gerade etwas Ungewöhnliches erlebt, während ich diese Videos ansah« aufzulösen. Er begann, seine Glaubenssätze zu überarbeiten.

Fasziniert begann Gisler, mit einem anerkannten Hypnosetrainer in seiner Gegend zu arbeiten. Während der Ausbildungssessions experimentierten Gisler und die anderen im Kurs mit ihrer Toleranz gegenüber leichten Schmerzen. Er nahm eine chirurgische Arterienklemme (ein Instrument aus Stahl, das aussieht wie eine Schere, aber stumpf ist) und kniff sich damit absichtlich in die Haut. Ohne Hypnose löste das ein instinktives Zucken aus. Aber in seinem veränderten Bewusstseinszustand beobachtete Gisler, wie die Metallklemme seine Haut kniff, und empfand dabei eine distanzierte Neugier. Wenn er die Augen schloss, musste er sie wieder öffnen, nur um sich zu vergewissern, dass die Klemme tatsächlich seine Haut kniff.

Jeder erfolgreiche Versuch mit Hypnosedierung stärkte neue neurale Pfade, und seine Glaubenssätze über Schmerz wurden umgeschrieben. Nach wenigen Wochen der Vorbereitung fühlte er sich bereit für seine Fußgelenkoperation ohne Narkose.

Die Allgemeinheit stellte sich Hypnose fälschlicherweise so vor, als würde man in einer zombieartigen Trance stecken und wäre extrem leicht beeinflussbar, ergänzt durch Pupillen, die aussehen wie eine wirbelnde Spirale. In der Praxis gibt man nicht die Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit ab, sondern erreicht eine gesteigerte Kontrolle darüber. Hypnose gibt dem Verstand die Macht, seine Aufmerksamkeit mit außergewöhnlicher Präzision auf etwas zu richten und bestimmte Informationen ins Scheinwerferlicht zu stellen, während man zulässt, dass andere in den Hintergrund verschwinden, wie etwa Schmerz.

Für Gisler funktionierte diese Technik außergewöhnlich gut – bis zu den letzten paar Momenten. Gegen Ende der Prozedur hörte er, wie der Chirurg sagte: »Nur noch zehn Minuten.« Das war für einen Chirurgen eine normale Bemerkung, aber es war für den Arzt das erste Mal, dass er einen Patienten operierte, der unter Hypnosedierung stand. Indem er andeutete, dass die Operation fast vorbei war, hatte er unbewusst Gisler das Stichwort gegeben, den intensiven Fokuszustand, in dem er sich befand, aufzugeben. »Das war mein größter Fehler«, erzählte mir Gisler.

Als Gisler die enge Blende seiner Aufmerksamkeit öffnete, bemerkte er Empfindungen, die er bisher nicht wahrgenommen hatte. Er hatte keinen Schmerz verspürt, als der Chirurg Gewebe durchtrennt und das Metall aus dem Knochen entfernt hatte, aber nun fiel ihm etwas anderes Überraschendes auf. »Diese letzten kleinen Stiche beim Vernähen waren das, was am meisten wehtat.« Das waren schwierige zehn Minuten. »Die wichtigste Lektion, die ich lernte, war, dass man wirklich erst aus der Hypnose kommen sollte, wenn die Operation auch tatsächlich zu Ende ist.«

Gislers bemerkenswerte Erfahrungen demonstrieren, dass es unsere Schmerzwahrnehmung ändert, wenn wir unsere Aufmerksamkeit vom Schmerz ablenken. Aber als Gisler das Schlüsselloch der Aufmerksamkeit vergrößerte, kam der Schmerz zurück. Die Veränderung war nicht körperlich. Sie beruhte auf Wahrnehmung.

Ein neuer Glaubenssatz hatte sich eingenistet, der Gisler nahezu übermenschliche Fähigkeiten verlieh. Aufmerksamkeit ist nicht nur unsere Beobachtung der Realität – sie formt unsere Realität. Sie verstärkt, worauf wir uns fokussieren, und vermindert, was wir ignorieren. Schmerz ist nicht objektiv. Das bedeutet aber auch nicht, dass Schmerz eingebildet ist. Stattdessen zeigt Gislers Experiment, dass die Macht der Aufmerksamkeit, geformt von Glaubenssätzen, die Intensität unseres Schmerzes beeinflussen kann. Zentausende Patienten, die erfolgreich Hypnosedierung nutzten, belegen, dass Pein nicht unausweichlich ist.

Sie sehen nicht die Wahrheit

Leider können nicht alle Glaubenssätze in gleicher Weise geändert werden, wie Gisler die Beziehung zwischen Aufmerksamkeit und Schmerz umgestalten konnte. Manche Glaubenssätze sind so tief eingeprägt, dass es unmöglich wird, sie zu ändern. Denken Sie zum Beispiel darüber nach, wie Ihre Augen Sie belügen.

Sehen Sie sich das Schachbrett und den Zylinder auf der nächsten Seite an.7 Auf den ersten Blick sehen die Quadrate A und B so aus, als hätten sie eine andere Farbe. Aber das stimmt nicht. Wenn wir die präzise Farbe beider Quadrate isolieren, sehen wir, dass sie genau denselben Farbton haben.

Man rechnet schon damit, in einem populärwissenschaftlichen Psychologiebuch ein oder zwei optische Illusionen vorzufinden, aber der interessante Teil ist das, was als Nächstes folgt. Auch wenn Sie jetzt wissen, dass die Quadrate A und B den gleichen Farbton haben, sieht das Quadrat A immer noch dunkler aus als B. Egal, wie oft Sie die beiden Quadrate vergleichen, Sie können Ihren Verstand nicht dazu zwingen, die Wahrheit zu sehen. Ihr Gehirn lässt es einfach nicht zu. Aber wieso?

Im oberen Bild ist Quadrat A dunkler als Quadrat B, oder? Die Quadrate A und B haben die gleiche Farbe, aber Ihr Gehirn lässt nicht zu, dass Sie es im oberen Bild anders wahrnehmen, auch wenn Sie die Wahrheit kennen.

Ihr Gehirn zeichnet die Realität nicht passiv auf wie eine Kamera. Es konstruiert aktiv eine Version der Realität für Sie. Um das zu tun, verlässt es sich in großem Ausmaß auf Ihre vorherigen Glaubenssätze.

Im Fall der obigen Illusion »weiß« Ihr Gehirn, dass das Schachbrett zwischen hellen und dunklen Quadraten abwechselt, und es »weiß«, dass die Schatten etwas dunkler aussehen lassen, als es wirklich ist. Mit diesen Vorannahmen ausgestattet, passt sich Ihre visuelle Wahrnehmung an und macht es unmöglich, den Farbton beider Quadrate als gleich wahrzunehmen.

Erinnern Sie sich daran, als Sie sich das letzte Mal mit Ihrem Partner gestritten haben, vielleicht über etwas so belangloses wie Hausarbeit. Sie wollen sich ein Glas Wasser holen, und Ihr Partner sagt: »Alle Gläser sind in der Spüle.« Sie nehmen den Tonfall als anschuldigend wahr und das Timing als absichtlich rücksichtslos, da Sie einen anstrengenden Tag hatten. Innerhalb weniger Minuten werden unfreundliche Worte getauscht, und Sie streiten sich. Unterdessen ist Ihr Partner aufrichtig verwirrt, weil Sie so defensiv sind, weil er oder sie glaubt, einfach nur eine neutrale, faktische Aussage getroffen zu haben.

Obwohl Sie beide Teil der gleichen 30 Sekunden langen Interaktion waren – die gleichen Wörter, die gleiche Umgebung –, hat jeder von Ihnen eine völlig andere Wahrnehmung dessen, was gerade passiert ist. Sie sind überzeugt, persönlich angegriffen worden zu sein; Ihr Partner ist in gleicher Weise überzeugt, Sie davor bewahrt zu haben, Ihre Zeit zu verschwenden. Keiner von Ihnen lügt oder erinnert sich falsch; Ihre verschiedenen Glaubenssätze darüber, was die Absicht des Gegenübers war, erschufen zwei verschiedene Versionen derselben Unterhaltung.

Es gibt einen Grund, wieso diese Art Auseinandersetzungen so schwierig aufzulösen sind (und wieso Eheberater sich nicht um ihr Geschäft sorgen müssen). Selbst wenn Sie etwas aus der Perspektive einer anderen Person sehen wollen – und auch wenn Sie zugeben, dass das Gegenüber recht hat –, ist das nicht so einfach. Wie bei der Grafik mit dem Schachbrett, die wir eben gesehen haben, kann eine Illusion auch dann noch überzeugend sein, wenn wir wissen, dass es eine Illusion ist.

Das ist kein Wahrnehmungsfehler; so funktioniert Wahrnehmung auf fundamentale Weise. Weil unsere bewusste Aufmerksamkeit eine begrenzte Bandbreite hat, muss Ihr Gehirn sich auf Glaubenssätze verlassen, um die Lücken zu füllen, Vorhersagen zu treffen und ein brauchbares Modell der Realität zu konstruieren.

Die Schachbrett-Illustration enthüllt, dass wir die Realität nicht so sehen, wie sie ist; wir sehen Sie so, wie unsere Glaubenssätze uns sagen, dass sie sein sollte. Vielleicht sollte man also den Satz »Das glaube ich, wenn ich es sehe« abändern in »Ich sehe es, wenn ich es glaube«.

Probleme sehen, die nicht existieren

Unser Wahrnehmungsmechanismus funktioniert in beide Richtungen. Genauso wie unsere Glaubenssätze uns helfen können, selektiv Sinneseindrücke zu ignorieren, die uns normalerweise überwältigen würden (wie Schmerz bei einer Operation ohne Betäubung), können sie uns auch dazu bringen, Dinge zu sehen, die nicht wirklich vorhanden sind, und Probleme zu schaffen, wo keine existieren.

In einer Reihe von erhellenden Experimenten zeigte der Harvard-Psychologe David Levari, wie unsere Definitionen und Standards sich verändern können, ohne dass wir es realisieren. In einer Studie wurden den Teilnehmern 800 Gesichter gezeigt, deren Ausdruck von sehr wütend bis zu völlig neutral reichte. Die Aufgabe bestand darin, die »bedrohlichen« herauszufiltern. Zuerst waren unter den Gesichtern auch viele mit bedrohlichem Gesichtsausdruck, was die Aufgabe recht einfach machte. Aber nach den ersten 200 Bildern reduzierte Levari die Anzahl der bedrohlichen Gesichter.