Beziehungen - Galina Hendus - E-Book

Beziehungen E-Book

Galina Hendus

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Beschreibung

Das Leben schreibt noch immer die spannendsten Geschichten – eine Erkenntnis, die der Leser in diesem Buch bestätigt findet. Fast alle der hier versammelten Erzählungen basieren auf wahren Begebenheiten, ganz gleich, wo sie sich ereignen: in Deutschland, in Südeuropa, in Russland oder im Kaukasus. Und auch jene, die der Fantasie der Autorin entstammen, sind dem Leben entlehnt. Ob heiter, traurig oder spannend, sie schenken dem Leser einen Blick in die Welt des Anderen. Was all diese Geschichten verbindet, kennt keine Grenzen, ist universell: das Wesen menschlicher Beziehungen – zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern, Geschwistern, Jung und Alt. Dabei geht es der Autorin nicht nur um das Zwischenmenschliche wie das Interkulturelle, sondern immer auch um das Verhältnis des Einzelnen zu sich selbst.

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Galina Hendus

Beziehungen

Geschichten ohne Grenzen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Fahrt

Verwandlung der Seele

Münsterkäse

Leyla

Das Geheimnis

Traum

Frauenglück

In der Sauna

Platonische Liebe

Das Gespräch

Hochzeitsreise

Das Verbot

Silvester

Liebe

Ein seltsamer Charakter

Meine Prinzessin

Füreinander. Gegeneinander.

Die Amseln

Eine unangenehme Neuigkeit

Eine Überraschung

Schicksal

Impressum neobooks

Die Fahrt

Als Journalist mit langjähriger Berufserfahrung hatte ich einen reizvollen Auftrag erhalten. Man erwartete extraordinäres – oder auch nur interessantes – Material. Wie spannend, das war vor Ort zu klären, aber dazu musste ich eiligst eine Dienstreise antreten. Verschiedene Gedanken rund um den Auftrag kreisten in meinem Kopf, die ich jedoch noch nicht klar formulieren konnte. Als Erstes überhaupt musste ich entscheiden, wann ich fahren würde. Für einen Journalisten, der sich mit einem neuen Thema beschäftigt, ist eine rasche Einarbeitung wichtig. Aus diesem Grund galt es, mir so schnell wie möglich eine Fahrkarte zu besorgen.

Ich betrat die große, helle Halle des vor Kurzem modernisierten Bahnhofs und schaute mich nach dem Schalter für Fernzüge um. Zwei junge Mädchen, vielleicht Studentinnen, die davorstanden, nannten ihr Reiseziel, erhielten umgehend ihre Fahrkarten und gingen wieder, vergnügt plaudernd. Ich beugte mich zum Schalter vor und sagte: „Eine Fahrkarte nach Swiburg für morgen, bitte.“

Bei dem Wort „Swiburg“ zuckte die Kassiererin zusammen und nahm ihre dunkle Brille ab, wahrscheinlich, um mich besser betrachten zu können. Ich fand ihr Gebaren seltsam, aber es gibt viel Seltsames auf der Welt!

„Falls Sie nach Swiburg reisen wollen, müssen Sie rechtzeitig am Bahnhof sein“, sagte die Kassiererin, setzte ihre Brille wieder auf und tippte meine Angaben in den Computer ein, um zu sehen, ob es noch freie Plätze gab.

„Wie im Flughafen: Check-in zwei Stunden vor der Abreise!“, scherzte ich und freute mich, dass es diesen Anlass zum Scherzen gab. Überhaupt bin ich ein fröhlicher Mensch und kein Kind von Traurigkeit.

„Wir haben kein Check-in“, seufzte die Kassiererin und betrachtete mich voller Ernst über den Rand ihrer Brille hinweg, wohl fassungslos darüber, dass ich die simpelsten Sachen nicht zu wissen schien. „Es ist einfach so, dass Sie große Probleme bekommen, falls Sie den Zug verpassen. Man muss ja auf alles im Leben vorbereitet sein, was leider nicht alle Menschen begreifen. Viele nehmen ihre Gegenwart auf die leichte Schulter, und später bereuen sie es bitter.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte ich, diesmal ohne Lächeln, weil ich wirklich kein Wort von dem verstand, was die Kassiererin geäußert hatte. Ich las ihren Namen auf dem schmucken Namensschildchen, das an ihrer Uniformjacke befestigt war, und versuchte die Situation zu klären:

„Tanja, verzeihen Sie, aber ich verstehe nur Bahnhof. Können Sie mir noch einmal erklären, was das alles zu bedeuten hat?“

„Was haben Sie denn nicht verstanden, Oleg? Ich habe mich doch klar und deutlich ausgedrückt.“

„Woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte ich ziemlich unbeholfen und fühlte, wie ein diffuses Angstgefühl meine Seele befiel.

„Das steht auf Ihrer Stirn geschrieben“, sagte die Kassiererin streng.

Die Antwort brachte mich dermaßen aus der Fassung, dass ich unwillkürlich meine Stirn berührte, als könne ich dadurch die Richtigkeit des Gehörten überprüfen.

„Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf, hören Sie mir lieber noch einmal aufmerksam zu.“ Die Kassiererin nahm erneut ihre Brille ab und sah mich an. Ihr Blick war ernst, aber eigentlich nicht streng, sondern eher mitfühlend, so, als ob sie mir helfen wollte, wozu sie sicherlich gar nicht verpflichtet war:

„Versuchen Sie, Ihren Zug nicht zu verpassen – das ist enorm wichtig. Wenn Sie heute diesen Fehler machen, wird es morgen für Sie vielleicht unmöglich sein, ihn zu berichtigen. Unsere heutigen Fehler können wir morgen nur unter größten Schwierigkeiten, meistens aber gar nicht mehr ausräumen, da der Zug schon abgefahren ist. Sie können den Zug nicht einholen, Sie können nicht ausmerzen, was Sie aus eigener Unachtsamkeit vermasselt haben. Versuchen Sie, immer und überall rechtzeitig zu sein, und schenken Sie jeder Kleinigkeit die größte Aufmerksamkeit. Kleinigkeiten sind nicht so klein, wie oft gedacht wird. Sie sind ein wichtiger Bestandteil Ihrer Gegenwart, ohne die es Ihre Zukunft nicht gibt.“

„Warum reden Sie von meiner Zukunft? Ist es bei Ihnen denn anders? Haben Sie keine Zukunft?“ Mein Mund war schneller als mein Verstand.

„Zukunft hat jeder, der es will. Aber manchmal bauen sich die Menschen eine Zukunft, die nicht einmal ein Osterhase gerne hätte, geschweige denn ein normaler Mensch.“

„Verzeihen Sie, was für ein Osterhase? Was hat denn ein Hase damit zu tun?“ Ich fasste mir erneut an die Stirn, um mich zu vergewissern, dass ich kein Fieber hatte. Meine Stirn war leicht feucht, aber nicht heiß.

„Ein gewöhnlicher Osterhase, der Eier in einem Körbchen bringt. Suchen Sie nie Ostereier, die der Osterhase versteckt hat? Das ist doch interessant.“

„Verzeihen Sie, was für Eier soll ich mit diesem Hasen suchen? Haseneier?“

Das Irreale der Situation übte einen immer stärkeren Druck auf mich aus.

„Oleg, heute ist nicht Ihr Tag, das sieht man deutlich. Entspannen Sie sich. Falls Sie keine Ostereier suchen, ist das nicht schlimm. Ich habe noch nie gehört, dass Hasen Eier legen, höchstens in Ausnahmefällen. Man sucht gewöhnliche Hühnereier, die hartgekocht und gefärbt sind und in allen Regenbogenfarben leuchten. Das ist natürlich ein Kinderspiel, und wenn Sie es als Kind nicht gelernt haben, ist das nicht Ihre Schuld, sondern die Ihrer Eltern. Ihre Eltern haben damals den Zug verpasst und ließen ihr Kind in einer misslichen Lage zurück, ohne fröhliches Ostereiersuchen. Verstehen Sie jetzt, wie wichtig es ist, zu rechter Zeit das Rechte zu tun?“

Die Kassiererin Tanja händigte mir die Fahrkarte aus und setzte fort:

„Ihr Zug fährt um zweiundzwanzig Uhr fünfundvierzig. Bevor Sie zum Bahnhof fahren, überprüfen Sie, ob Sie alles eingepackt haben, was Sie unterwegs brauchen. Wenn Sie etwas zu Hause liegen lassen, werden Sie Ihre Arbeit nicht erledigen können, was Sie sich dann ewig vorwerfen werden. Seien Sie also besonders aufmerksam. Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt und viel Erfolg bei der Arbeit. Denken Sie daran, dass jeder Schritt, den Sie heute machen, Sie in Ihre Zukunft führt. Wo aber diese Zukunft liegt, hängt von der Richtung Ihrer heutigen Schritte ab. Leben Sie wohl.“

Mit den letzten Worten schloss sie ihren Schalter, indem sie ein Schild aufstellte: „Mittagspause 12:00 – 12:45 Uhr“. Dann ging sie, ihre formprächtigen, durch den engen Uniformrock betonten Hüften sanft hin- und herwiegend.

Völlig durcheinander entfernte ich mich von dem Schalter, wobei ich die von Tanja ausgehändigte Fahrkarte immer noch in der Hand hielt. Ich führte sie an die Augen und las, was ich vor fünf Minuten gehört hatte: „Zugticket Iwanowo – Swiburg, Abfahrt am 10.08.2018 um 22:45 Uhr, Ankunft am 11.08.2018 um 08:45 Uhr.“

„Ich bin morgen geboren!“, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. „Morgen ist doch mein Geburtstag! Und zwar genau um 08:45 Uhr. Was für ein Zufall!“ Dieser Gedanke wurde sogleich von einem anderen verjagt: „Ich wollte doch eine Fahrkarte für morgen, und sie hat mir eine für heute ausgestellt. Ich wollte ja morgen mit meinen Freunden ein wenig in einem Café feiern, bevor ich zum Bahnhof fahre. Dieses Weib hat mich mit seinem Geschwafel völlig aus dem Konzept gebracht – wie konnte ich das bloß zulassen? Die Fahrkarte muss umgetauscht werden.“

Ziellos wanderte ich durch die Bahnhofshallen, um mir die Zeit bis zum Ende der Mittagspause irgendwie zu vertreiben, und stand dann pünktlich um 12:45 Uhr vor dem vertrauten Schalter. Zu meinem Erstaunen saß hinter dem Schalter eine ganz andere Frau. Ich reichte ihr die Fahrkarte und fragte verwirrt:

„Wo ist denn Tanja, die hier noch vor der Mittagspause saß?“

„Tanja hat den Schwangerschaftsurlaub angetreten“, antwortete die etwas jüngere Frau und teilte mir vertrauensvoll etwas meiner Meinung nach vollkommen Überflüssiges mit: „Sie erwartet Drillinge. Das wird lustig, wenn sie zur Welt kommen! … Was möchten Sie denn? Stimmt etwas mit der Fahrkarte nicht?“

„Mit der Fahrkarte …“, wiederholte ich gedehnt, immer noch mit der Nachricht beschäftigt. „Ach so, die Fahrkarte. Ich wollte eine Fahrkarte für morgen haben, Tanja hat mir aber eine für heute verkauft. Ich habe morgen Geburtstag und möchte die Fahrkarte umtauschen, damit ich mit meinen Freunden noch feiern kann.“

„Ihre Fahrkarte ist vollkommen in Ordnung“, teilte mir die neue Kassiererin mit, die laut ihrem Namensschild Lida hieß, und warf mir durch das Glas einen spitzbübischen Blick zu. „Das ist der letzte Zug. Laut Stundenplan fährt morgen kein Zug nach Swiburg.“

„Wann kommt denn der nächste? Übermorgen wahrscheinlich?“ Ich wollte nicht aufgeben.

„Den nächsten will er haben“, murmelte Lida hinter dem Schalter, wobei sie etwas auf dem Bildschirm ihres Computers suchte. „Der nächste fährt erst nach Silvester, im Januar also.“

„Was heißt hier im Januar?“, fragte ich bestürzt. „Gibt es bis Januar gar keine Züge mehr?“

„Mal schauen“, antwortete die freundliche Lida bereitwillig. „Es gibt schon Züge, aber Sie müssten umsteigen. Sie wollen doch nicht umsteigen?“

„Doch“, antwortete ich gereizt. Ich fand diese Geschichte gar nicht lustig. „Doch, ich will umsteigen, falls Sie mir mitteilen würden, wie oft und wo und wie viel Zeit mir dadurch verloren geht.“

„Ja, ja, selbstverständlich“, sagte die Kassiererin Lida, und ihre gepflegten Finger mit den farbig lackierten Nägeln begannen, hastig auf der Tastatur zu trommeln. Irgendwann machte sie den letzten Anschlag, worauf aus dem Drucker ein Blatt Papier mit den Antworten auf alle meine Fragen erschien. „So. Wenn Sie einmal umsteigen wollen, fahren Sie über Moskau.“

„Wie, über Moskau?“, wunderte ich mich. „Bis Moskau ist es von hier aus zweimal so weit wie bis Swiburg. Ist das kein Fehler?“

„Wir machen keine Fehler“, sagte Lida eingeschnappt. „Man steigt immer in Moskau um. Das muss man doch wissen. Moskau ist die Hauptstadt unseres Landes, jeder sollte sich das hinter die Ohren schreiben.“

„Schon gut, schon gut“, sagte ich beschwichtigend, „ich habe es mir hinter die Ohren geschrieben. Gibt es weitere Varianten?“

„Wir bieten immer Alternativen an, da wir mit modernsten Technologien arbeiten. Schauen Sie, wir haben sogar ein Qualitätszertifikat.“ Stolz wies sie mit ihrem Finger auf etwas hinter ihrem Rücken. Dann schaute sie erneut in ihre Liste, fand die nächste Zeile und blickte zu mir auf: „Wobei ich nicht glaube, dass die zweite Variante Ihnen gefallen würde.“

„Nur zu“, erwiderte ich ungeduldig. „Schießen Sie los!“

„Also gut. Von Iwanowo fahren Sie nach Moskau, von dort aus nach Warschau, und dann direkt nach Swiburg, ohne umzusteigen.“

„Sagen Sie mal, Warschau ist doch schon Polen?“ Ich kam mir wie ein Trottel vor.

„Ja, Warschau ist die Hauptstadt Polens“, glänzte Lida mit ihren Erdkundekenntnissen und fügte hinzu: „Machen Sie sich keine Sorgen. Sie erhalten von uns einen Voucher für die Transitreise durch Polen. Sie dürfen bloß nicht aus dem Zug aussteigen, aber Sie können sich Warschau durch das Fenster anschauen. Das ist eine sehr schöne Stadt.“

Ihre laut gestellte Frage rettete mich aus meinem schockähnlichen Zustand:

„Nun, was möchten Sie denn? Ein Ticket über Warschau?“

„Wie lange dauert eine Fahrt mit Umsteigen?“, erkundigte ich mich etwas ratlos.

„Also, Sie würden am 11. August losfahren und am 14. August ankommen. Insgesamt sind das sechzig Stunden. Sie können sich glücklich schätzen, da es ein Schnellzug ist, der rasch vorwärtskommt.“

„Lida, ich danke Ihnen für die Informationen, aber ich fahre doch lieber heute“, beschloss ich.

„Das ist eine richtige Entscheidung. Wozu sechzig Stunden für die Fahrt verschwenden, wenn es von hier aus nach Swiburg bloß dreihundertfünfzig Kilometer sind! Aber verpassen Sie den Zug nicht – und packen Sie alles Notwendige ein.“

Ich dankte der jungen Frau und entfernte mich von dem Schalter. Nachdem ich die Fahrkarte ganz tief in die Innentasche gesteckt hatte, steuerte ich den Ausgang an. Es gab noch viel zu tun: Ich musste in der Redaktion vorbeischauen, um einige Formalitäten zu erledigen, meine Freunde anrufen und mich für die platzende Geburtstagsfeier entschuldigen, zu Hause meinen Koffer raussuchen, der erst noch gepackt werden wollte …

Am Abend bestellte ich telefonisch ein Taxi, ging hinunter und lehnte mich in Erwartung des Wagens an einen Baum, der in der Nähe des Hauseingangs wuchs. Nach der Hitze, die am Tag geherrscht hatte, kam jetzt ein leichter Wind auf, der den Wetterumschwung ankündigte. Es war warm und still. Das Taxi kam um die Ecke und näherte sich so leise, dass ich es nicht bemerkte.

„Wollen Sie zum Bahnhof?“, donnerte es unerwartet in mein Ohr. Ich zuckte überrascht zusammen, nickte und knurrte verärgert:

„Sie brauchen nicht zu brüllen, ich bin ja nicht taub.“

„Aber ich! – eine Quetschung aus Tschetschenien, seitdem höre ich schlecht.“

„Dann entschuldigen Sie bitte, das konnte ich ja nicht wissen.“

„Macht nichts, Kumpel, du bist nicht der Erste“, dröhnte es fröhlich neben mir, und der Taxifahrer knallte die Tür zu. Bevor er den Motor anließ, musterte er mich wie einen Schüler und fragte besorgt:

„Hast du alles eingepackt, nichts vergessen?“

„Ich habe alles eingepackt, was ich brauche“, sagte ich mit gespielter Ruhe. Die Sorge, mit der zuerst Kassiererinnen am Bahnhof und nun ein Taxifahrer mein Leben zu umhüllen suchten, schien mir übertrieben.

„Sei mir nicht böse, ich habe einfach so gefragt – vielleicht hattest du einen schlechten Tag und hast etwas vergessen. Wenn du nichts vergessen hast, ist das doch prima.“

Das Auto fuhr los in Richtung Bahnhof. Ich merkte, dass der Taxifahrer zum Plaudern aufgelegt war, es aber nicht wagte, das zwischen uns entstandene Gleichgewicht zu zerstören. Schließlich konnte er sich aber doch nicht mehr zurückhalten:

„Sag mir, warum ist das Leben so ungerecht: Blinde dürfen am Steuer sitzen, Taube aber nicht?“

„Was heißt hier, Blinde dürfen?!“ Ich war dermaßen verwundert, dass ich seine laute Stimme außer Acht ließ.

„Ganz einfach. Guck doch in der Straßenverkehrsordnung nach: Wenn du dir Räder, ich meine Gläser, auf die Nase setzt, auch die dicksten, kannst du in alle Himmelsrichtungen aufbrechen. Wenn du aber den Hörtest nicht bestanden hast – fertig, leg deinen Lappen hin! Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Ein Kollege von mir kann ohne Brille gar nichts sehen, ich musste ihn nach Hause bringen, als seine Brille kaputtgegangen war, aber den Führerschein will man mir entziehen – angeblich höre ich schlecht.“

„Was soll ich da sagen ...“

„Nun, sag doch, Kumpel, würdest du mit mir fahren, wenn ich dich mit dem Fahrrad zum Bahnhof bringen würde? Fahrradfahrer brauchen ja keinen Führerschein.“

„Ich weiß es nicht.“

„Keiner weiß es. Ich habe auch gar kein Fahrrad … Wir sind da. Steig aus.“

Ich bezahlte, nahm meinen Koffer, setzte mich in Bewegung und hörte plötzlich im Rücken:

„Pass auf, verspäte dich nicht, sonst gibt es Ärger.“

„Ich verspäte mich nicht, ich habe noch dreißig Minuten Zeit“, beruhigte ich ihn und hob zum Abschied die Hand.

Als ich das Bahnhofsgebäude betrat, ging ich zu der Informationstafel, um in Erfahrung zu bringen, auf welchem Gleis mein Zug stehen würde. Ich fand die Zeile „Iwanowo – Swiburg: Gleis 6“ und warf einen Blick auf die Uhr: Bis zur Abfahrt blieben noch fünfundzwanzig Minuten Zeit. In diesem Moment sah ich plötzlich die Kassiererin Tanja von heute Morgen, die am Nachmittag so unerwartet verschwunden war. Ich winkte ihr zu. Sie interpretierte meine Geste als Einladung zu einem Gespräch und ging auf mich zu. Seltsam, ich konnte keine Zeichen von Schwangerschaft bei ihr feststellen.

„Es wurde mir gesagt, dass Sie in den Schwangerschaftsurlaub gegangen sind“, sagte ich nach der Begrüßung.

„Genau dahin gehe ich gerade“, behauptete sie und blickte mich fröhlich an. „Morgen werde ich wohl ankommen. Und Sie, gehen Sie auf Ihre Dienstreise?“

„Ja.“

„Und warum nicht über Warschau? Im Zug kann man gut nachdenken und schreiben. Sind Sie doch Schriftsteller?“

„Nein, ich bin Journalist. Es wurde mir keine Genehmigung erteilt, über Warschau zu reisen“, schwindelte ich.

„Sie haben aber gar nicht gefragt. Warum müssen Männer andauernd lügen? Man kann mich betrügen, sich selbst aber doch nicht.“

„Ich habe wenig Zeit, ich muss einen umfangreichen Artikel abliefern, und dazwischen kommt dieser Auftrag“, versuchte ich ihr zu erklären.

„Ach, Sie Ärmster, immer bei der Arbeit! Man hat gar keine Zeit, an sich selbst zu denken.“ Tanja sah mich voller Mitgefühl an. „So rinnt Ihnen das ganze Leben durch die Finger, und im Sterben stellen Sie dann fest, dass Sie überhaupt noch nicht gelebt haben.“

„Tanja, entschuldigen Sie, ich muss jetzt zu meinem Zug gehen. Auf Wiedersehen“, unterbrach ich das Gespräch, das erneut eine seltsame Wendung zu nehmen drohte.

„Leben Sie wohl, Oleg. Seien Sie glücklich und seien Sie aufmerksam, um das Wichtigste im Leben nicht zu verpassen.“

Ich drehte mich um und ging zu meinem Bahnsteig. Dabei fiel mein Blick auf die riesige Bahnhofsuhr, die über meinem Kopf hing. Mit Entsetzten sah ich, dass mein Zug in zwei Minuten abfahren würde.

„Wir haben doch höchstens drei Minuten geplaudert, geht etwa meine Uhr wieder nach?“ überlegte ich fieberhaft, während ich aus dem Bahnhofsgebäude eilte. Gleis 6 war nur über eine Brücke zu erreichen. Ich flog die Treppe hoch und rannte an den vorbeisausenden Schildern vorbei: Gleis 2, Gleis 4, 9, 8, 10. Bei 12 bremste ich ab: Es gab keine weiteren Gleise.

„Wo ist denn mein Zug?“, sagte ich laut und sah in diesem Augenblick einen Mann in Eisenbahnuniform mir entgegenschreiten. „Sagen Sie mir bitte, wo ist hier Gleis 6?“, fragte ich ihn atemlos.

„Wo soll das sein, an seinem Platz natürlich. Sie sind vorbeigelaufen und haben es in der Eile nicht bemerkt. Da steht es doch unter der 9 geschrieben, dass es Gleis 6 ist, das Schild kippt bloß immer um und aus der 6 wird eine 9. Wir haben schon ein Pappschild und danach ein Holzbrett mit unserem Hinweis angebracht, haben es sogar angenagelt, aber keiner liest das Kleingeschriebene, und so tappt man daneben. Aufmerksamkeit ist das höchste Gebot. Wenn man aufmerksam ist, gelingt einem das Leben, dann verliert und verpasst man nichts.“

Der Bahnbeamte redete weiter, während ich mich umdrehte und eilig zu besagtem Gleis lief. Seine Worte flogen mir nach und hallten in meinem Kopf: „Keiner liest das Kleingedruckte … Aufmerksamkeit ist das höchste Gebot … das höchste Gebot …“

Die Angst, dass ich zu spät kommen würde, packte mich an der Kehle. Plötzlich fühlte ich mich, als gehe mein ganzes vergangenes Leben abrupt zu Ende, ohne angefangen zu haben, als hätte ich etwas Wichtiges, das Wichtigste, verpasst, etwas, was auf keinen Fall verpasst werden durfte. Am Gleis angekommen, sah ich meinen Zug soeben losfahren und langsam – wie gegen seinen Willen – die Geschwindigkeit erhöhen. Die hell beleuchteten Fenster glitten an mir vorbei, hinter denen ich Gesichter fröhlicher Menschen sah, Menschen, die rechtzeitig den richtigen Weg und das richtige Gleis gefunden hatten und nun in ihrem Waggon auf dem richtigen, nur für sie bestimmten Platz saßen. Sie wussten alle, wohin und wozu sie fuhren, wann und wo sie ankommen würden. In ihren Koffern lagen, akkurat gestapelt, Sachen, die sie sorgfältig vor der Fahrt ausgewählt hatten. Sie freuten sich darüber, ihre Reise so gut vorbereitet, auf die kleinsten Details geachtet zu haben, die eben dazu führten, dass sie ihren Platz im Zug hatten einnehmen können. Diejenigen aber, die draußen standen, konnten dieses Fest des richtig gewählten Weges nur beobachten und mussten dabei begreifen, dass sie diesen Zug für immer verpasst hatten, dass er weder aufgehalten noch angehalten werden konnte.

Die Fahrkarte, die in meiner Innentasche lag, verursachte plötzlich ein kratzendes, brennendes Gefühl. „Was ist da los?“, dachte ich müde und versuchte, das störende Etwas aus der Tasche zu holen. Als ich meine Faust öffnete, sah ich in meiner Hand eine kleine niedliche Meise sitzen. Sie sah mich an, ohne zu blinzeln und ohne jegliche Angst. „Flieg!“, rief ich und warf den Vogel hoch. In diesem Augenblick zog sich mein Herz zusammen, es sprang hoch und stürzte nach unten, einen Schmerz auslösend, als werfe ich mit diesem lebendigen Klümpchen einen Teil meines besseren, noch nicht gelebten Lebens von mir. Als der kleine Vogel aus meinem Blickfeld verschwunden war, drehte ich mich um und erblickte in der Ferne einen leuchtenden Punkt, der den letzten Waggon des rasch schwindenden Zuges markierte.

Mein Zug ist ohne mich abgefahren, und mein Glück habe ich selbst aus der Hand gegeben, ohne mir überhaupt die Mühe gemacht zu haben, darüber nachzudenken.

Es ist wirklich nicht einfach, bei allem, was einen umgibt, aufmerksam zu bleiben. Das Leben ist keine Kleinigkeit – auch wenn es offensichtlich aus lauter Kleinigkeiten besteht.

Verwandlung der Seele

Der Schnellzug Moskau – Sankt Petersburg beschleunigte sein Tempo lautlos und entfernte sich mit zunehmender Geschwindigkeit vom winterlich-verschneiten Moskau. Ich war auf dem Weg zu meiner langjährigen Freundin Tamara, die mich gemeinsam mit ihrem Mann Pawel zum Ballett „Spartakus“ eingeladen hatte. Nach dem Abitur hatte Tamara Psychologie studiert, drei Jahre später Pawel geheiratet und war dann bei ihm in Sankt Petersburg geblieben. Die Hauptrolle in „Spartakus“ war mit Andris Liepa besetzt, meinem Lieblingstänzer. Ich hoffte, dass es in Petersburg an diesem Wochenende nicht so kalt wäre wie in Moskau, weil ich mit Tamara noch durch die Stadt bummeln wollte. In Gedanken genoss ich bereits diese zwei besonderen Tage des Wochenendes, die ich mir bei meinem ausgefüllten Arbeits- und Familienalltag nur mit großer Mühe leisten konnte. Damit es meinem Mann zu Hause nicht langweilig würde, hatten wir vereinbart, dass er während meiner Abwesenheit seine Verwandten in Moskau besuchte. So fuhr ich leichten Herzens zum Wiedersehen nach Sankt Petersburg.

Mein Schlafabteil war für zwei Personen ausgelegt, aber obwohl wir seit einigen Minuten unterwegs waren und der Zug immer weiter an Fahrt aufnahm, blieb mein Nachbarplatz leer. In der Hoffnung, dass ich die Fahrt alleine genießen dürfte, machte ich es mir gemütlich. Das Schicksal aber wollte es anders und meinte wohl, dass zu gut nicht immer gut sei – alles nur in Maßen.

Plötzlich fuhr die Schiebetür laut zur Seite und vor mir erschien ein gut gebauter Herr mit einem kleinen flachen Koffer in der Hand. Genauer gesagt handelte es sich um einen Herrn, der nach einem Ausländer aussah. Meine Vermutung bestätigte sich, als er nach Platz fünf fragte und mir seine Fahrkarte zeigte.

„Ja, Platz fünf ist hier. Generell werden Fahrkarten in Schlafwagen aber nur an Personen desselben Geschlechts verkauft“, konnte ich auf meinen Sarkasmus nicht verzichten und hoffte, dass der Mann genauso plötzlich verschwinden würde, wie er erschienen war.

„Ja, ja, Recht haben Sie völlig“, sagte er eilig. „Dieses Ticket gehört Kollegin Birgit, aber sie ist krank plötzlich, deshalb muss ich fahren zu einem Treffen für sie. Entschuldigung bitte.“ Obwohl er alle Worte deutlich aussprach, klangen der starke Akzent und die außergewöhnliche Wortfolge seiner Rede so ausgefallen und lustig, dass ich nur mühsam mein Lachen unterdrücken konnte.

„Verstehe.“ Ich zuckte mit den Schultern und schaute mit großem Bedauern auf den obersten Liegeplatz, auf den ich mich in der Nacht wohl zum Schlafen würde begeben müssen.

Der Mann fing meinen Blick auf und beeilte sich, mich sofort zu beruhigen:

„Wenn Sie gerne möchten, erlaube ich Ihnen, unter mir zu schlafen. Ich bin ein Mann, ich muss oben liegen.“

„In Ordnung, genauso machen wir es.“ Ich bedankte mich bei meinem Mitreisenden und lächelte über die Doppeldeutigkeit seiner Worte.

Nach ungefähr zwanzig Minuten, als das Gepäck untergebracht und die Fahrkarten geprüft waren, reichte mir mein Nachbar seine Hand und stellte sich, sichtbar bemüht um ein adäquates Russisch, vor:

„Ich bin Michael Stein.“

„Elena Malachova, sagen Sie einfach Lena“, erwiderte ich und gab ihm die Hand. „Sehr angenehm.“

„Lena, darf ich Sie ins Restaurant einladen? Ich habe Hunger. Seit dem Frühstück habe ich nichts mehr gegessen.“

Ich fand meinen Mitreisenden interessant, deshalb sagte ich ihm sofort zu.

„Was sind Sie von Beruf?“, fragte Michael, während er für mich Salat und sich ein Steak bestellte.

„Ich bin Übersetzerin und arbeite in einem technischen Verlag. Mein Beruf ist eher langweilig als romantisch.“

„Und welche Sprachen übersetzen Sie?“, fragte mein Nachbar interessiert.

„Vom Englischen ins Russische. Französisch habe ich fast vergessen, weil ich es kaum benutze.“

„Wollen wir uns auf Englisch unterhalten? Das kann ich besser als Russisch“, wechselte er sofort zu der mir bekannten Sprache und ergänzte: „Ich habe gemerkt, wie Sie auf mein Russisch reagieren – es zerreißt Ihnen das Ohr.“

Er ist sehr aufmerksam und gar nicht so einfach, wie es scheint, dachte ich.

„Wären Sie beleidigt, wenn ich Ihnen vorschlage, mit mir Bruderschaft zu trinken und uns aufs Duzen zu einigen?“

„Einverstanden!“ Ich erhob mein Glas. „Aber küssen werden wir uns nicht.“

„Wenn du mir jetzt noch sagst, wie alt du bist, erzähle ich dir gern, warum ich einer Frau eine solch indiskrete Frage überhaupt stelle. Zuerst aber sage ich, dass ich in einem Monat siebenundfünfzig werde.“

„Ich bin neunundvierzig. Und warum nun fragst du?“

„Weißt du, ich suche eine russische Frau, die mich heiraten möchte.“

„Ich bin verheiratet“, reagierte ich blitzschnell.

„Ach, wie schade!“, sagte Michael sehr enttäuscht. „Dein Englisch ist sehr gut und du kannst ein wenig Französisch, da könntest du ohne große Mühe auch Deutsch lernen … Verzeih, ich bin etwas undiplomatisch. Aber ich habe nicht vor, dich aus der Familie zu entführen. Obwohl du mir auf den ersten Blick sympathisch bist.“

Nach diesen Worten fiel ihm wahrscheinlich meine Anspannung auf, deshalb drückte er leicht meine Hand und fügte sanft hinzu: „Verzeih, ich hatte nichts Schlechtes im Sinn. Ich kann dir von meinem Leben erzählen, wenn du daran Interesse hast.“

Natürlich interessierte mich das sehr, und so erklärte ich mich sofort bereit, ihm zuzuhören und seinen Lebensweg zu verfolgen.

Michael wurde in der Nähe von Frankfurt am Main geboren. Nach dem Studium an der Technischen Universität Berlin arbeitete er als Verkaufsmanager in einer großen Firma. Er liebte seine Arbeit, in der er gut vorankam und erfolgreich war. Als 1989 die Berliner Mauer fiel und sich das Tor zu Osteuropa öffnete, war er als Spezialist für die neuen Märkte sehr gefragt. Da er recht gut die russische Sprache beherrschte, war er in der Lage, im Osten die Politik des Westhandels zu fördern. In dieser Zeit, in der er in der ehemaligen Sowjetunion tätig war, hatte er die außergewöhnliche Schönheit der russischen Frauen kennen und bewundern gelernt, mit denen er dienstlich zu tun hatte.

Eines Frühlings kam Michael nach Kischinew in Moldawien zur Industriehandelsmesse, über die er einen ausführlichen Bericht schreiben musste. An einem unauffälligen Stand mit dem Buchstaben „i“ an der Seite sah er ein junges sympathisches Mädchen stehen, das den Interessenten Auskünfte gab. Und weil es auf der Messe nicht viele Besucher gab – und die meisten von ihnen sich gut auskannten –, war es offensichtlich, dass das Mädchen Langeweile hatte. Michael ging zu ihr, und Wort für Wort kamen sie ins Gespräch. Das Mädchen hieß Aranka, sie war Studentin des zweiten Kurses an der Universität für Fremdsprachen. Sie arbeitete auf der Messe als Aushilfe, indem sie Prospekte und Messepläne an die Besucher verteilte oder mit den Firmenvertretern telefonierte, um Treffen zu organisieren. Aranka war achtzehn, schlank, hübsch, hatte langes blondes Haar und strahlte einfach vor Jugend und Glück. Diesem Charme konnte Michael nicht widerstehen, deshalb verbrachte er die drei Tage, während die Messe lief, an Arankas Stand. Abends lud er sie ins Café oder Restaurant ein.

Die Zeit verging recht schnell. Als Michael wieder zu Hause war, erzählte er seiner Mutter und seinem Bruder mit Begeisterung von dem jungen wunderschönen Wesen, dem er seine gesamten Gedanken widmete.

„Heirate sie doch“, riet ihm sofort die Mutter. „Du bist schon vierundvierzig und immer noch Junggeselle. Es wird Zeit, eine Familie zu gründen.“

„Mama, ich kenne sie erst drei Tage, wie kann ich sie denn so einfach heiraten?“ Michaels klang verzweifelt. „Man muss sich doch erst näher kennenlernen.“

„Dann heirate sie und lernt euch, bitte schön, danach besser kennen“, griff der Bruder grinsend in das Gespräch ein. „Beeile dich aber, sonst entführt noch jemand diese Schönheit vor deiner Nase und du gehst leer aus.“

Michael liebte seine Mutter und seinen Bruder sehr, deshalb entschloss er sich nach kurzen Überlegungen, ihrem Rat zu folgen, umso mehr, da Aranka ihm nicht aus dem Kopf ging.

Weil aber Michael nichts unternahm, ohne vorher alles gründlich zu durchdenken, beschloss er, sich in seiner Entscheidung nochmals vergewissern. Er wollte das hübsche Mädchen wiedersehen: Es konnte ja sein, dass sie ihn schon vergessen oder einen anderen, jüngeren Mann kennengelernt hatte. Zudem gab es zwischen ihnen einen stolzen Altersunterschied – mehr als zwanzig Jahre. Michael nahm eine Woche Urlaub und flog nach Kischinew. Bereits ein halbes Jahr später, nachdem alle Formalitäten erledigt worden waren, holte er Aranka nach Deutschland.

„Möchtest du ein Glas Wein mit mir trinken?“, wandte sich Michael an mich, indem er seine Erinnerungen unterbrach.

„Ja, gerne“, antwortete ich, ohne mich zu zieren.

Seine Lebensgeschichte machte mich sehr neugierig und ich wartete gespannt auf die Fortsetzung. Als der Kellner unsere Gläser gefüllt hatte und wegging, fuhr mein Vis-à-vis fort:

„Aranka und ich liebten uns sehr. Sie war jung und schön, ich voller Energie und Leidenschaft.“ Michaels Englisch war ausgezeichnet, und ich hörte, begeistert vom Klang seiner Stimme und der interessanten Geschichte, seiner melodisch klingenden Erzählung mit großer Verzückung zu.

Direkt zu Beginn seines Ehelebens erklärte Michael seiner jungen Frau ohne Umschweife, dass er sich bei seinem Bildungsniveau und seiner sozialen Stellung nicht erlauben dürfe, eine Ehefrau zu haben, die selbst keine gute Ausbildung genossen hatte. Aranka war zu diesem Zeitpunkt schon neunzehn und hatte vier Semester an der Hochschule für Fremdsprachen absolviert. Michael riet ihr, weiter zu studieren, indem sie zum Fernstudium wechselte, was Aranka ohne große Lust tat. Parallel meldete Michael Aranka zum Englisch- und Deutschkurs an. Seiner Meinung nach musste sie dringend ihr schlechtes Englisch verbessern und mit Deutsch sogar bei null anfangen. Michael war gegenüber seiner Frau sehr geduldig und zärtlich, und sie hatte einen weichen, nachgiebigen Charakter, daher folgte sie in allen Angelegenheiten gerne den Ratschlägen ihres Ehemannes. Er konnte sehr gut mit Frauen umgehen!

Michael war sehr oft und lange auf Dienstreisen, auf die er nicht verzichten konnte. Das war Teil seiner Arbeit, und deshalb hatte Aranka mehr als genug Zeit zum Lernen. Zudem musste sie nicht arbeiten: Sogar im Haushalt hatte sie eine sehr tüchtige Hilfe, die schon zur Zeit des Junggesellenlebens des Hausherrn tätig gewesen war. Das war Michaels Hauptbedingung: Seine Frau musste genug Zeit für eine gute Ausbildung haben, sich nur auf das Lernen konzentrieren und keine Zeit für alltägliche Kleinigkeiten verschwenden. Allerdings bestand das Leben der jungen Frau nicht nur aus Lehrbüchern. Auf beharrliche Bitte ihres Ehemannes bemühte sie sich außerdem, auch all jene Kleinigkeiten des Lebens, die das Selbstbewusstsein fördern und eine Frau charmant machen, nicht an sich vorbeigehen zu lassen. So verbrachte Aranka die freie Zeit, die ihr nach dem Lernen blieb, mit Besuchen von Fitnessclubs, Massage- und Kosmetiksalons oder dem Einkauf nötiger wie unnötiger Dinge. Außerdem fuhr sie gerne mit ihrem nagelneuen Auto, das sie von ihrem Mann geschenkt bekommen hatte, in die nahe liegenden Städte.

Michael selbst mochte keine Kaufhausbesuche. Er hörte lieber zu, wie abwechslungsreich und interessant seine Frau die Zeit seiner Abwesenheit verbracht hatte. Mit Stolz beobachtete er, dass sich Aranka im Vergleich zu den meisten Frauen durch ihre Jugend und Ausstrahlung, ihre stolze Haltung und ein ständiges Lächeln auf ihren schönen vollen Lippen von ihrem Umfeld abhob.

Nach jeder Heimkehr von einer Dienstreise veranstaltete Michael mit seiner Ehefrau spielerisch eine Art kleine mündliche Prüfung, um sich ein weiteres Mal zu vergewissern, dass sie bei der schwierigen Aufgabe des Sprachenlernens den nächsten Schritt nach vorne gemacht hatte. Er war stolz auf jeden kleinen Fortschritt seiner Frau – immerhin war er das Ergebnis seiner Bemühungen, seines Engagements, und damit auch sein Erfolg!

Die Eheleute Stein reisten sehr viel und versuchten, wenn auch nur in Ansätzen, sich die Sprache des besuchten Landes anzueignen. Aranka gewöhnte sich schnell an die besondere Art ihres Mannes, alles Neue kennenlernen und erforschen zu wollen, und teilte diese Leidenschaft gerne mit ihm. Sie fühlte sich schon längst als Europäerin und nahm es ihrem Mann übel, wenn er sie zufällig an ihre Herkunft erinnerte.

„Ich bin keine Russin, bitte erinnere mich nicht daran. Ich wurde nur in der Sowjetunion geboren!“

„Aber deine Mutter ist doch Russin“, widersprach Michael verlegen.

„Ja, aber mein Vater ist Ungar, und ich habe einen ungarischen Namen, deswegen bin ich Europäerin und keine Russin!“ Aranka fühlt sich zunehmend als junge Lady, die das Recht hatte, dem erfolgreichen Ehemann ihre Launen zu zeigen.

„Ja, ich weiß, dass dein Name im Ungarischen ‚Goldene‘ bedeutet und nichts mit Russland zu tun hat“, lachte Michael versöhnlich. „Meinetwegen bist du Europäerin, meine Goldene. Trotzdem meine ich, dass man sich für eine russische Herkunft nicht schämen, sondern stolz darauf sein sollte.“

Wie dem auch sei, große Auseinandersetzungen gab es zwischen Aranka und Michael kaum. Er war sehr taktvoll, aufmerksam und löste jeden kleinen Konflikt auf der Stelle, damit daraus kein großes Feuer entstand. Michael, der von seinen liberalen Eltern so erzogen worden war, alles Geschehene positiv wahrzunehmen, mochte keinen Streit und versuchte geflissentlich, darauf zu verzichten.

„Mein Liebling“, begann Aranka oft ein Gespräch beim Kuscheln mit ihrem Mann, „wann bekommen wir ein Kind?“

„Meine Liebe“, umarmte Michael seine Frau, während er spürte, wie das heiße Lustgefühl seinen gesamten, nicht mehr ganz jungen Körper packte und wie eine scharfe Pfeilspitze durchdrang. Was das sexuelle Leben anging, war Michael ein vollwertiger Mann, aber der Wunsch, aus seiner Frau eine Business-Lady zu machen, war noch größer und wurde immer mehr zum Ziel seines Lebens. Er wusste, dass ihnen eine endlose Liebesnacht bevorstand, und so versuchte er, seine Lust zu beherrschen.

„Wir waren uns doch einig, dass du zuerst die deutsche Sprache lernst, dann eine gute Ausbildung machst und einen interessanten Beruf ausübst. Du bist doch eine intelligente junge Frau und möchtest nicht dein ganzes Leben als Hausfrau verbringen. Glaube nicht, dass das Leben einer Frau nur aus Kochtöpfen und Haushalt besteht. Der Mensch wird geboren, um erfolgreich und glücklich zu werden, und nicht zum passiven Zeitverbringen. Ich möchte, dass du dich als Teil unseres Universums fühlst – je mehr Wissen du erlangst, desto höher kannst du fliegen. Du musst dich zuerst deiner Karriere widmen, und dann können wir über ein Kind reden. Ich möchte, dass es genauso stolz auf seine Mutter wird, wie ich auf deine Erfolge bin.“

Zehn Jahre des gemeinsamen Lebens vergingen wie im Traum. Aranka sprach inzwischen fast akzentfrei Deutsch, außerdem konnte sie sich gut, wenn auch nicht perfekt, in drei anderen Sprachen verständigen. Ihr Diplom war in Deutschland anerkannt worden und sie hätte als Englischlehrerin an einer Grundschule arbeiten dürfen. Doch das war nicht das, wovon Aranka träumte, daher wählte sie eine interessantere Beschäftigung: Mit Unterstützung ihres Mannes machte sie eine zweijährige Ausbildung und arbeitete als Reisebürokauffrau in einem Reisebüro. Nach ungefähr einem Jahr, als sie gerade als Beraterin in einer sehr erfolgreichen Reiseagentur zu arbeiten begonnen hatte, bekam sie das Angebot, eine Filiale zu leiten – eine Stelle, die sehr angesehen war und auch besser bezahlt wurde. Für diese Position musste man einen zusätzlichen sechsmonatigen Kursus absolvieren, um die Erlaubnis zu erhalten, eine Filiale mit dreißig Angestellten zu leiten.

Ungefähr zum selben Zeitpunkt endete Michaels Arbeitsvertrag und er bekam einen neuen im selben Unternehmen. Fortan musste er keine Dienstreisen mehr machen, sondern arbeitete in der Nähe seines Wohnortes an der Entwicklung neuer Projekte.

„Micha“, sagte eines Abends Aranka zu ihrem Mann, „ich habe die Stelle abgelehnt.“

„Abgelehnt? Warum?“

„Sie wollen, dass ich Pauls Platz besetze, und darauf habe ich keine Lust.“

„Aber wieso möchtest du nicht? Das ist doch eine hervorragende Position! Paul geht sowieso in Rente, und so einen angesehenen Posten bekommst du nicht so schnell wieder, wenn du etwas Ähnliches überhaupt findest. Ich verstehe dich nicht“, klangen tiefe Enttäuschung und Unverständnis in Michaels Stimme mit.

„Micha, ich habe mich so entschieden und nicht vor, meine Entscheidung zu ändern. Wir wollten eine Familie gründen, ein Kind bekommen. Ich meine, die Zeit ist jetzt gekommen. Ich habe alle deine Forderungen erfüllt, jetzt bist du an der Reihe, um dein Versprechen einzulösen.“

„Mein Schatz, du weißt doch, wie sehr ich dich liebe und auf deine zahlreichen Erfolge stolz bin. Nicht jedes Mädchen, das in ein fremdes Land kommt …“

„Sei mir nicht böse, aber bitte hör auf damit. Ich weiß schon, was du sagen willst. –Gehen wir schlafen?“, wechselte Aranka plötzlich das Thema und biss die Zähne zusammen, um nicht in Tränen auszubrechen.

„Geh schon, ich komme nach. Ich muss noch einige wichtige Unterlagen durchschauen.“ Michael wandte den Blick ab.

Er spürte, wie seine Frau ihn auf die Wange küsste, wegging und einen Hauch von frischem Steppenwind hinterließ. Bewegungslos saß er noch lange da und starrte aus dem Fenster in die Tiefe der Nacht, bis er hinter seinem Rücken leichte Schritte hörte.

„Du musst überhaupt keine Unterlagen durchschauen“, sagte Aranka.

Sie ging zu ihrem Mann und umarmte ihn von hinten. Michael saß still da, ohne sich zu rühren. Die Hände seiner Ehefrau bewegten sich von den Schultern zur Brust, umschmeichelten sie, fuhren hinunter bis zum Bauch, noch tiefer … Als sie an der entscheidenden Stelle ankamen, zuckte Michael zusammen, drückte fest Arankas zärtliche Hände und stoppte deren Bewegung. Beide blieben verzweifelt still in der Angst, die Ruhe zu stören.

„Warum“, unterbrach Aranka endlich das Schweigen, „warum schläfst du nicht mit mir? Liebst du mich nicht mehr?“

„Ich liebe dich sehr, und das weißt du sehr gut.“ Michael wandte sich zu seiner Frau um und zog sie zärtlich auf seinen Schoß.

„Das letzte Mal hast du mit mir vor sechs Monaten geschlafen, mir gefällt das nicht“, sagte sie und fügte nach kurzem Schweigen hinzu: „Hast du Angst, dass ich ohne deine Zustimmung schwanger werde?“

„Nein.“

„Dann beantworte mir die Frage: „Warum schläfst du nicht mit mir, wenn du mich noch immer liebst?“

„Ich kann nicht der Vater deines Kindes sein.“

„Aber wieso nicht?“

„Weil ich schon zu alt dafür bin. Ich bin schon fünfundfünfzig und möchte nicht, dass man mich für einen Opa hält. Ich möchte nicht, dass sich mein Kind für mein Alter schämt.“

„Aber ich habe doch alle deine Forderungen erfüllt und möchte, dass auch du dein Versprechen hältst. Ich möchte Kinder haben, wenigstens eins. Ist das für dich so schwer zu verstehen?“ Schmerz erklang hörbar in der Stimme der jungen Frau.

„Verzeih mir, meine Liebe. Damals, vor zehn Jahren, habe ich über die heutige Situation nicht nachgedacht. Alles, was ich getan habe, habe ich für deine Zukunft getan. Ich wollte, dass es dir gut geht und dass du glücklich bist. Du warst doch mit mir glücklich?“ Fragend schaute er in die Augen seiner Frau.

„Ich bin noch immer glücklich, aber ich kann nicht verstehen, warum du nicht mit mir schläfst. Wenn du nicht Vater werden möchtest, brauchst du keine Angst zu haben, dass ich dich betrüge. Ist das der einzige Grund? – Vielleicht hast du eine andere Frau?“ Nach diesen Worten zuckte Michael, wie von einem Peitschenhieb getroffen, zusammen. Aber nicht, weil seine Frau Recht hatte, sondern weil sie sich nicht einmal annähernd den wahren Grund dafür vorstellen konnte, dass er sich ihr entzog. Und der war für ihn sehr schmerzhaft.

„Nein“, antwortete er ruhig, während der Wunsch, seiner Frau alles zu erzählen, was ihn die letzten Monate quälte, immer dringender wurde. „Ich habe keine andere Frau, das ist Unsinn! Lieber Schatz, zerreiß doch mir und dir selbst nicht das Herz. Geh jetzt schlafen. Ich komme später zu dir. Irgendwann werde ich dir alles erklären. Jetzt aber muss ich zuerst mit mir selbst klarkommen. Verzeih bitte.“

Am nächsten Tag rief Michael seine Mutter an und bat sie um ein vertrauliches Gespräch.

„Was hast du denn für Geheimnisse vor deiner Frau?“, brummte scherzhaft Gertrud Stein, als sie ihren Sohn vor der Eingangstür traf und auf die Wange küsste.

„Es geht ja um meine Frau.“

„Sag mir bloß nicht, dass sie was Schlimmes angestellt hat. Das werde ich dir sowieso nicht glauben und mir nicht einmal anhören.“

„Sie hat nichts angestellt. Ich bin der Schuldige“, sagte Michael, setzte sich an den Tisch und reichte der Mutter seine Tasse.

„Was hast du denn getan, was Aranka nicht wissen darf?“, fragte Gertrud, während sie ihm schwarzen aromatischen Tee eingoss.

„Mama, hör mir bitte aufmerksam zu, ich brauche deinen Rat. Ich bin in eine Falle geraten, die ich mir selbst ahnungslos gestellt habe.“

Die Mutter schaute ihren Sohn schweigend an und machte sich bereit, ihm zuzuhören. Michael trank in kleinen Schlucken seinen Tee und schaute aus dem Fenster, um sich etwas zu entspannen. Endlich drehte er sich zu seiner Mutter um, stellte seine Tasse auf den Tisch und begann:

„Mama, du weißt doch, wie sehr ich Aranka liebe. Leider habe ich kein sexuelles Interesse mehr an ihr.“

„Bist du krank?“, fragte seine Mutter beunruhigt.

„Nein, körperlich ist bei mir alles in Ordnung. Ich habe mich untersuchen lassen, als Mann bin ich völlig gesund. Es gibt einen anderen Grund. Ich kann nicht mehr mit Aranka schlafen, weil ich Angst habe.“

„Wovor hast du denn Angst?“ Gertrud verstand überhaupt nichts mehr. „Erkläre dich doch und quäle mich nicht länger.“

„Aranka möchte ein Kind und ich nicht.“

„Und warum möchtest du nicht? Kannst du nicht?“

„Ich kann, aber ich möchte nicht. Vor zwei Jahren habe ich mich sterilisieren lassen, aber sage es niemandem. Bitte.“

„Na gut, wenn du diese Entscheidung getroffen hast …“, erwiderte Gertrud Stein etwas unsicher. „Aber ich verstehe nicht …“

„Das ist nicht alles. Das Wichtigste habe ich dir noch nicht gesagt.“ Michael wurde still, um seine Kräfte zu sammeln. Nach kurzer Pause schaute er entschlossen seine Mutter an und atmete tief durch.

„Ich möchte mich scheiden lassen.“

Am Tisch herrschte Stille. Ab und zu wurde sie vom Lärm der am Fenster vorbeifahrenden Autos und das leise Rauschen eines beginnenden Regens unterbrochen.

„Jetzt erzähl mal, was wirklich passiert ist. Das Märchen über Kinder möchte ich nicht hören – aus diesem Grund lässt man sich in deinem Alter nicht scheiden.“

Man sah, dass die ältere Frau nervös war. Sie spürte, dass im Leben ihres Sohnes ernsthafte Probleme aufgetreten waren.

„Mutter, du weißt sehr gut, wie viel Kraft und Energie ich in Aranka hineingesteckt habe. Ich gab mir Mühe, ihr all das zu geben, was ich selbst weiß und kann. Sie spricht mehrere Sprachen, hat zwei Berufe erlernt. In der Zukunft erwartet sie eine gute Karriere. Als ich ständig auf Dienstreisen war, lief zwischen uns alles perfekt: Wir sahen uns nicht oft, deshalb hatte ich nicht viel Zeit, um zu sehen, wie frappant sie sich verwandelt hat. Erst jetzt, wo wir vierundzwanzig Stunden am Tag zusammen sind, habe ich verstanden, dass sich meine Frau aus einem provinziellen Mädchen in eine selbstbewusste Lady verwandelt hat. Sie fordert, nicht grundlos, dass ich mein ihr vor Jahren gegebenes Versprechen einhalte. Ich habe dieses Mädchen gehegt, ihr gute Manieren beigebracht, ihr die schönen Seiten des Lebens gezeigt, sie träumen gelehrt und all meine Lebenserfahrung und Begeisterung in sie investiert. Aber vor einiger Zeit wurde mir klar, dass diese junge, attraktive und stolze Frau nicht mehr meine Ehefrau sein kann. Auf einmal dachte ich darüber nach, dass sie erst zur Welt kam, als ich schon fünfundzwanzig war. Zwischen uns liegt eine Kluft, die die Länge einer Generation hat. Indem ich den großen Altersunterschied zwischen uns wahrgenommen und gefühlt habe, begannen diese Gedanken, mir das Leben zu verderben. Ich sah in Aranka keine Frau mehr. Ich sah in ihr meinen Erfolg und einen Teil meines Lebens. Mit diesen Gedanken ging ich schlafen und wachte ich auf. Und eines Tages sah ich sie mit den Augen eines Vaters, der stolz darauf ist, dass seine Tochter ihn übertroffen hat. Und ich konnte … ich kann nicht meine eigene Tochter berühren.“

„Mein Gott, Micha!“

„Mama, ich habe Angst, Aranka das Leben kaputt zu machen. Sie ist jung, möchte Kinder haben. Deshalb habe ich beschlossen, ihr die Freiheit zu geben. Sie kann einen jungen Mann treffen, ihn heiraten, ein Kind bekommen und wird glücklich sein. Das ist ihr Traum und er muss wahr werden. Ich habe kein Recht, ihn zu zerstören.“

Gertrud stellte ihre Tasse zur Seite und schaute schweigend auf den charmanten intelligenten Mann, der ihr gegenübersaß. Sie spürte seine Ängste und fühlte seinen Schmerz. Er war ihr Fleisch und Blut, sie war seine Mutter und er ihr Sohn.

„Und welche Rolle übernimmst du in ihrem zukünftigen Leben?“, fragte sie einige Zeit später, nachdem das Empfinden angesichts des heranrückenden Unglücks etwas nachgelassen hatte.

„Sie bleibt für mich meine Lieblingstochter. Ich werde sie in allem unterstützen und helfen, wo ich nur kann. Glaub mir, wenn ich sie umarme, kommen in mir absolut keine sexuellen Gefühle hoch. Sie ist der Erfolg meines Lebens, mein Stolz, meine langjährige Schöpfung, und dafür liebe ich sie.“

Schweigend stand Gertrud auf und verließ das Zimmer. Man konnte hören, wie sie langsam die Treppe hochging. Nach kurzer Zeit kam sie wieder herunter und ging in die Küche.

„Schneide mal bitte den Kuchen auf, ich habe den wegen deiner Neuigkeiten ganz vergessen.“

Mutter und Sohn tranken Tee mit ihrem Lieblingsapfelkuchen und wechselten ein paar unbedeutende Sätze miteinander. Für diese Pause war Michael seiner Mutter sehr dankbar. Und weil er sie sehr gut kannte, war er sicher, dass sie über das, was er ihr gesagt hatte, gründlich nachdachte.

„Wie hast du vor weiterzuleben, nachdem du geschieden bist?“, setzte Gertrud das unvollendete Gespräch fort.

„Ich möchte nicht alleine sein und werde versuchen, eine Frau zu finden, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen kann. Ja, ja …“ Protestierend hob er seine Hand, als er sah, dass die Mutter ihn unterbrechen wollte. „Ich weiß, was du sagen möchtest. Diese andere Frau wird in meinem Alter, vielleicht auch etwas jünger sein, und ich werde ihr alles über Aranka erzählen. Wenn ihr meine Lebensgeschichte nicht gefällt, dann werde ich nach einer anderen Frau suchen, die Aranka nicht als meine ehemalige Frau, sondern als meine Tochter betrachten kann.“

„Mein Sohn, es wird nicht einfach, solch eine Frau zu finden, wenn es denn überhaupt möglich ist“, sagte seine Mutter weise. „Nicht jede Frau ist in der Lage, dieses Bündnis zu verstehen und zu akzeptieren.“

„Mama, ich danke dir, dass du meine Entscheidung angenommen hast.“

„Es ist noch zu früh, um zu danken. Ich möchte dir noch etwas sagen.“ Gertrud wurde für einen Moment still, holte tief Luft und sagte: „Als Aranka in unsere Familie kam, habe ich sie sofort angenommen, das weißt du sehr gut. Sie war für mich wie eine Tochter. Wenn du sie jetzt wie deine Tochter ansiehst, dann habe ich nichts dagegen. Aber ich sage es dir ganz ehrlich: Es wäre für mich einfacher, auf dich als auf sie zu verzichten.“

Der Sohn schaute seine Mutter mit Erstaunen an.