Wo die Liebe hinfällt - Galina Hendus - E-Book

Wo die Liebe hinfällt E-Book

Galina Hendus

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Beschreibung

Der heutigen Realität angepasst, sind Märchen ein außergewöhnliches Genre der modernen Literatur. Daher ist dieses Buch eine Seltenheit. Jede Handlung der Erzählungen ist dem wirklichen Leben entnommen. Ihre Figuren sind, der Klarheit halber, in ein mittelalterliches Umfeld gestellt. Es ist immer besser, aus den Fehlern zu lernen und nicht das eigene Leben mit den Verfehlungen anderer zu komplizieren. Die Märchen sind daher ein kleines Lehrbuch des Lebens. Mehrere Illustrationen verleihen dem Buch einen besonderen Charme.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Galina Hendus

Wo die Liebe hinfällt

11 Märchen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der untreue Heinrich

Impressum neobooks

Der untreue Heinrich

Inhalt

Der untreue Heinrich

Das Märchen von der männlichen Wahl

Das Märchen von Gier und Lüge

Das Märchen von Untreue und treuer Liebe

Das Märchen von der klugen Lubava

Die Prinzessin mit den zwei Seelen

Das Märchen über Miroslav und Helena

Das Märchen von der Heilung der Seele

Der Baron und sein Gewissen

Das Märchen von Gisellas Stolz

Das Märchen von dem, was im Leben wichtig ist

Vor langer, langer Zeit lebten in einem fernen Land König Heinrich und Königin Marisa. Die Königin war von Angesicht bildschön und wohlgestaltet, so dass die Kunde darüber in die entlegensten Winkel der weit entfernten Königreiche drang. Wer Marisa einmal erblickt hatte, der konnte ihre Schönheit niemals mehr vergessen.

König Heinrich musste oft ausziehen, um die Grenzen seines Landes zu schützen. Dann blieb Königin Marisa allein im Schloss zurück. In solchen Zeiten gab sie Bälle, um nicht vor Langeweile zugrunde zu gehen.

So lebten die beiden lange Zeit glücklich und unbekümmert. Mit den Jahren aber wurde die Königin immer boshafter und zänkischer. Denn sie wollte gern die Schönste der ganzen Welt bleiben, aber es gab immer häufiger andere, die schöner waren als sie. Marisa putzte sich sorgsam heraus, zog die hübschesten Kleider an, legte den teuersten Schmuck an und trug das erlesenste Parfüm, aber ihre Jugend war nun einmal verflogen. Doch das wollte die Königin nicht anerkennen. Sie wurde grün vor Neid, wenn sie die schönen jungen Frauen sah, und gab ihrem königlichen Gemahl, dem Hof und der ganzen Welt die Schuld dafür, dass hübschere Prinzessinnen und Königinnen ihr den Rang abliefen. Ihr Mann, König Heinrich, übersah ihre Unzufriedenheit, denn seine Frau war für ihn noch immer schön. Er liebte sie nach wie vor. Königin Marisa aber fuhr fort, ihre Untertanen mit ihrer Missgunst zu verfolgen und zu quälen. Irgendwann zerbrach sie unter der Last ihrer eigenen Bosheit und starb.

Nach dem Tod seiner geliebten Frau wurde König Heinrich vor Kummer so krank, dass er das Bett hüten musste und die Staatsangelegenheiten vernachlässigte. Seine Feinde bemerkten die Schwäche des Königs im Nu und rückten an die Grenzen seines Reiches vor, um das Land zu erobern. Doch der König erkannte ihre arglistigen Pläne. Obwohl die Trauer ihn geschwächt hatte, raffte er sich auf und zog seine Truppen zusammen, um die Feinde zurückzuschlagen und die Grenzen seines Landes zu sichern.

Nach einiger Zeit überwand der König seine Trauer und beschloss, wieder zu heiraten, damit er nicht den Rest seines Lebens in Einsamkeit verbringen müsste. So begann er wieder unter die Menschen und auf höfische Bälle zu gehen. Auf einem solchen Frühlingsball, den sein Freund Karl-Friedrich gab, lernte er schließlich die Prinzessin Gudrun kennen. Sie war so schön und bezaubernd, dass der König sich bei ihrem Anblick sofort in sie verliebte. Gudrun ihrerseits rührte Heinrichs Einsamkeit. Auch sie verliebte sich in ihn.

Es gab keinen Grund, die Sache auf die lange Bank zu schieben, und so begann Heinrich, seine Hochzeit mit Prinzessin Gudrun vorzubereiten. Als seine Feinde davon Wind bekamen, wollten sie das Glück des Königs vereiteln. Wieder ließen sie ihre Truppen auf sein Land zu marschieren, und schon bald stand der Angriff bevor. Heinrich blieb nichts anderes übrig, als seine Hochzeit zu verschieben. Er begann sich für den Kampf zu rüsten, denn er wollte seine Ritter auch diesmal selbst in die Schlacht führen.

Zu Gudrun sagte er: „Es ist meine Pflicht, in den Krieg zu ziehen, um mein Volk und mein Königreich zu verteidigen. Wenn du auf mich wartest, kehre ich bald als Sieger zurück, und wir werden zusammen glücklich sein.“ So sprach der König und zog in den Krieg.

Gudrun setzte sich ans Fenster, blickte den Weg hinunter und wartete auf Heinrichs Rückkehr, wie er es ihr versprochen hatte. Sie wartete den ganzen Tag, dann die ganze Woche, aber kein Eilbote erschien, keine Nachricht vom König traf ein. So verging ein Monat, dann ein zweiter. Gudrun saß, wartete und weinte vor Schmerz. Dann kam eines Tages ein Bote auf einem Rappen den Weg heraufgeritten. Er stieg ab, verneigte sich vor Gudrun und berichtete, dass der König in der Schlacht schwer verletzt worden und an seinen Wunden verstorben war. Da begann die Prinzessin bitterlich zu weinen. Ihr Kummer war so groß, dass sie weder aß noch trank. Es fehlte nicht viel, und sie wäre vor Gram gestorben. Das Einzige, was sie am Leben hielt, war die Erinnerung an das, was der König ihr beim Abschied gesagt hatte: „Denk daran: Was auch geschehen mag, ich werde immer bei dir sein und dich beschützen, damit du für uns weiterleben kannst.“

Damals hatte sie diese Worte nicht hören wollen, jetzt aber spendete sie ihr Trost und halfen ihr, wieder zu Kräften zu kommen. Irgendwann trocknete sie ihre Tränen und begann weiterzuleben. Die Erinnerung an Heinrich bewahrte sie andächtig in ihrem Herzen.

Als nun allgemein bekannt wurde, dass König Heinrich nicht mehr am Leben war, begannen zahlreiche Freier, der Prinzessin den Hof zu machen. Denn Gudrun war noch immer eine schöne und kluge Frau. Viele Prinzen umwarben sie, einer ansehnlicher als der andere. Sie aber war außerstande, ihren geliebten Heinrich zu vergessen, und gab einem Kandidaten nach dem anderen einen Korb.

So verging eine geraume Zeit. Eines Tages erschien bei Gudrun ein Reiter auf einem prächtigen Schimmel. Das war Prinz Ferdinand. Auch er war mit der Absicht gekommen, um die Hand der Prinzessin anzuhalten. Ferdinand machte einen guten Eindruck auf Gudrun. Außerdem verstand er es, zärtliche und betörende Reden zu führen. Die Prinzessin lauschte seinen süßen Worten, dachte eine Weile nach und willigte schließlich ein, ihn zu heiraten. Nicht lange darauf begannen die Vorbereitungen für die Hochzeit. Gudrun zog in Ferdinands Schloss und bewohnte dort das Turmzimmer.

Schließlich waren es nur noch wenige Tage bis zu den Hochzeitsfeierlichkeiten, die ersten Gäste trafen bereits ein. Am Abend weilte Gudrun, wie immer um diese Zeit, allein in ihrem Gemach. Plötzlich hörte sie Glas klirren, sie drehte sich um und sah, dass eins der schmalen Fenster von einem Stein zertrümmert worden war. Gudrun erschrak zunächst, dann aber fand sie den Stein auf dem Boden und sah, dass daran ein Zettel befestigt war. Sie hob den Stein auf und löste den Zettel, und ihr stockte das Herz in der Brust, als sie Heinrichs Handschrift erkannte.

Der König schrieb: „Liebe Gudrun, die du mein Herz und meine Sonne bist, erfahre nun, dass ich lebe. Ich möchte dich sehen, doch einstweilen muss ich unerkannt bleiben. Ich habe von deiner neuen Bleibe erfahren und bitte dich, heute Abend bei Anbruch der Dunkelheit allein zu dem Teich im Garten zu kommen, ohne dass es jemand bemerkt. Es ist wichtig, dass dich niemand sieht.“

Es gibt keine Worte, um die Freude zu beschreiben, die Gudrun beim Lesen dieser Nachricht durchströmte. Sie konnte den Abend kaum erwarten. Bei Sonnenuntergang schlich sie sich aus dem Haus und eilte in den Garten zum Teich. Dort fand sie ihren geliebten Heinrich, der unter einem Baum verborgen auf sie wartete. Sie warf sich in seine Arme, und die beiden küssten und liebkosten sich innig. Erst nach einer langen Weile lösten sie sich voneinander. Als Gudrun ihren Geliebten nun genauer anschaute, erkannte sie ihn kaum wieder: Er sah abgezehrt und ausgemergelt aus, und seine Kleider waren zerlumpt. Heinrich lächelte gequält.

„Das ist aus mir geworden“, sagte er. „Schuld daran sind meine Verletzungen und das lange Umherirren. Als ich auf dem Schlachtfeld verwundet wurde, haben meine Krieger mich aus den Augen verloren. Später fand mich eine Frau unter all den Toten. Als sie feststellte, dass ich noch am Leben war, brachte sie mich in ihr Haus und pflegte mich gesund. Es dauerte lange, bis ich wieder bei Kräften und bei klarem Verstand war. Danach versuchte ich, dich wiederzufinden, doch du warst fort. Schließlich erfuhr ich, dass du Ferdinand heiraten wirst. So bin ich hier, um dir meinen Segen zu geben.“

Gudrun war fassungslos. „Was heißt hier Segen?“, fragte sie. „Was wird denn aus uns, was wird aus unserer Liebe? Hast du etwa alles vergessen? Warum bist du denn gekommen, wenn du nicht mit mir zusammen sein möchtest? Willst du mir noch einmal das Herz brechen?“

„Ich will nichts lieber, als mit dir zusammen zu sein, denn ich liebe dich über alles in der Welt. Aber ich kann dich jetzt nicht mitnehmen. Ich habe damals die Schlacht verloren und damit auch mein Königreich. Ich bin zurückgekehrt, um dir zu sagen, dass ich lebe. Nun sammle ich die Männer um mich, die mir treu geblieben sind, und mit ihrer Hilfe will ich mein Königreich und die Macht zurückgewinnen. Solange ich mein Ziel nicht erreicht habe, kann ich nicht bei dir sein.“

„Dann nimm mich mit!“, rief die Prinzessin. „Auch ich bin dir treu geblieben. Ich will mit dir zusammen kämpfen!“

„Das kann ich nicht zulassen“, antwortete König Heinrich traurig. „Frauen können keine Waffen führen. Krieg ist Männersache. Falls ich die nächste Schlacht gewinne, komme ich auf einem weißen Ross zurück und nehme dich mit. Das verspreche ich dir! Aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich siegreich sein werde. Darum bleib vorerst bei Ferdinand und heirate ihn, er wird dich beschützen und für dich sorgen. Ich habe gesehen, wie er dich ansieht. Er liebt dich und kann dich glücklich machen.“

Nach diesen Worten sagte der König Gudrun Lebewohl und verschwand zwischen den Bäumen, als ob er nie da gewesen wäre. Gudrun blieb allein zurück und war sehr traurig, weil sie ihren Heinrich erneut verloren hatte. Die ganze Nacht dachte sie über die Worte des Königs nach. Endlich beschloss sie, Heinrichs Bitte zu folgen und Ferdinand zu heiraten, wie er ihr geraten hatte.

Prinz Ferdinand freute sich sehr, als Gudrun ihm ihr Jawort gab, denn viele beneideten ihn um seine schöne Frau. Doch nachdem er sie einmal für sich gewonnen hatte, verlor sie für ihn bald ihren Reiz. Nicht lange nach der Hochzeit begann er wieder häufiger mit seinen Freunden auszugehen und zu trinken und Gudrun zu vernachlässigen. Zudem gab er ihr immer weniger Geld, um den Haushalt zu führen. Als sie ihn darauf ansprach, sagte er boshaft:

„Ich habe kein Geld für Haushalt und Kleider. Aber du bist ja nicht nur schön, sondern auch klug, zumindest haben das alle behauptet. Ich habe dich geheiratet, obwohl du keine Mitgift hattest. Nun kannst du deine Klugheit einsetzen, um Geld zu verdienen, wenn du Essen haben willst!“

So sprach er und lachte dabei, dann ritt er mit seinen Freunden fort, um zu feiern und sich zu amüsieren.

Da erkannte Gudrun, was für einen Menschen sie geheiratet hatte. Zuerst war sie am Boden zerstört. Doch dann dachte sie an ihren geliebten Heinrich und fand Trost und Hoffnung in dem Versprechen, das er ihr beim Abschied gegeben hatte: Wenn er über seine Feinde gesiegt hätte, würde er zurückkommen und sie für immer in seine Arme nehmen.

Sie sammelte sich, trocknete ihre Tränen und überlegte, wie sie Geld verdienen könnte. Schließlich begann sie Blumen zu ziehen. Als die Pflänzchen groß genug waren, setzte sie diese in Töpfe. Dann zog sie ein einfaches Kleid an und setzte eine Haube auf, damit sie nicht erkannt wurde. Sie ging zum Markt, um ihre Blumen anzubieten. Da die Prinzessin eine glückliche Hand und ein gutes Herz hatte, waren ihre Blumen besonders prachtvoll, so dass ihr Geschäft gut lief. Sie gab fast alles Geld, das sie mit den Blumen verdiente, ihrem Mann und behielt nur so viel, dass sie außer Essen auch neue Samen, Erde und Blumentöpfe kaufen konnte.

Eines Tages holte Gudrun wie so oft die Schatulle hervor, in der sie liebevoll Heinrichs Briefchen aufbewahrte, das an jenem Abend durch das zertrümmerte Fenster in ihr Turmzimmer geflogen war, um es zu ihrem Wohl zum tausendsten Mal zu lesen. Da bemerkte sie plötzlich einen einzelnen Blumensamen, der an einer Ecke des zerknitterten Papiers klebte. Gudrun holte aus dem Keller einen alten Topf, der einen Sprung hatte und deshalb nicht benutzt wurde. Sie füllte ihn mit Erde, setzte den Blumensamen hinein und begoss ihn mit ihren Tränen.

Die Zeit verging.

Gudrun besuchte weiter den Markt und verkaufte ihre Blumen. Das Geld gab sie ihrem Mann, der davon ausschweifende Gelage mit seinen Freunden feierte. Währenddessen keimte der Samen, den Gudrun eingepflanzt hatte. Er entwickelte sich gut und wurde immer kräftiger. Jeden Abend brachte die unglückliche Gudrun den gesprungenen Topf hinaus auf die Terrasse, damit das heranwachsende Grün die Schönheit des Mondes bewundern konnte. Das Pflänzchen war ihr Geheimnis, sie sprach mit ihm, teilte ihre Trauer mit ihm und begoss es in Gedanken an ihren geliebten Heinrich mit ihren Tränen. Mit der Zeit entwickelte sich der kleine Sprössling zu einem kräftigen Rosenstrauch mit wunderbaren roten und gelben Blüten. Jeden Abend vor dem Schlafengehen ergötzte sich die Prinzessin an seiner Schönheit, redete mit ihm und vergoss ihre Tränen darüber.

Dann hörte Gudrun eines Tages auf dem Markt, dass König Heinrich nicht nur als Sieger in sein Land zurückgekehrt sei, sondern auch eine schöne junge Braut mitgebracht habe und dass im königlichen Schloss schon bald Hochzeit gehalten werden solle. Gudrun wollte das nicht glauben und beschloss, sich selbst zu überzeugen, ob die Gerüchte stimmten. Sie nahm den Rosenstrauch, umwickelte den Topf mit kostbarem Stoff, um den Sprung zu verbergen, zog ein frisches Kleid an und machte sich auf den Weg zum königlichen Schloss.

Als dem König ihre Ankunft gemeldet wurde und sie den Thronsaal betreten durfte, machte ihr Herz einen Sprung. Ihr geliebter Heinrich saß auf dem Thron, ganz der stolze Sieger, den Körper mit Narben bedeckt. Heinrich jedoch erkannte die Prinzessin nicht einmal, als sie sich ihm näherte.

„Sei gegrüßt, Frau!“, sprach er. „Tritt näher und sag mir, was dich zu mir führt.“

„Aber ich bin es doch, deine Gudrun!“, sagte sie mit leiser Stimme, die vor Aufregung zitterte. „Erkennst du mich denn nicht?“ Ihre Augen wurden feucht. „Ich habe die ganze Zeit auf deine Rückkehr gehofft.“ Sie stellte den Topf mit der Rose vor ihn auf den Boden. „Diesen Rosenstrauch habe ich für dich gezogen, während ich auf dich gewartet habe. Nachts stellte ich ihn auf die Terrasse, damit das Mondlicht seine Blätter kräftigt, tagsüber goss ich ihn mit meinen Tränen, so dass er durchtränkt ist von meiner Liebe und meiner Sehnsucht. Er hat kaum Sonne gesehen, so wie ich, da mir ohne dich keine Sonne schien. Schau, wie schön er ist, welch ungewöhnliche Blüten er hat, die einen rot, die anderen gelb. Ich möchte ihn dir schenken!“

„Dein Geschenk brauche ich nicht“, sagte der König abfällig. „Ich bin auch so glücklich. Denn ich habe alles, was ich brauche: mein Königreich, meine Untertanen und die junge Insa, meine künftige Ehefrau. Aber ich kann dir Geld geben, damit du einen neuen Topf für deine Blume und für dich selbst ein neues Kleid kaufen kannst.“

Gudrun fühlte sich betrogen. „Du hast wohl alles vergessen, was du mir versprochen hast und wovon wir beide geträumt haben“, sagte sie traurig. „Sag mir nur eins: Bist du aus all deinen Schlachten gesund zurückgekehrt, hast du keine verborgenen Leiden? Denn dein Körper ist mit Narben übersät.“

„Warum fragst du so etwas?“ Heinrichs Gesicht verfinsterte sich. „Solche Fragen dürfen dem König nicht gestellt werden.“

„Ich frage das, weil du nicht so glücklich aussiehst, wie du es behauptest. Und vergiss nicht, dass ich zwar arm bin, aber dennoch eine Prinzessin und kein gemeines Weib. Ich war sogar die Verlobte des Königs. Ich darf ihm solche Fragen stellen.“

Der König schwieg lange. „Du hast recht, Gudrun“, sagte er schließlich stirnrunzelnd. „Tatsächlich bin ich nicht so glücklich, wie ich vorgebe zu sein. Ich fühle mich alt und zerschlagen, meine unzähligen Wunden brennen und schmerzen, und meine Ärzte können mir kaum helfen. Nur wenn ich in Insas Armen liege, fühle ich mich besser. Ihr junger Körper gibt mir Kraft.“

„Du betrügst dich selbst, wenn du denkst, dass dein Glück in den Armen einer jungen Frau ewig dauern wird. Über kurz oder lang wird sie deiner samt deiner Leiden überdrüssig werden. Und eines Morgens wirst du einfach nicht mehr erwachen, weil die Schmerzen dich aufgefressen haben. Deine junge hübsche Witwe wird dein Grab besuchen, dein Königreich regieren und das Leben genießen – ohne dich, versteht sich.“

„Du lügst!“, sagte der König erbost. „Du kannst es nur nicht ertragen, dass ich glücklich bin! Geh jetzt, ich habe keine Zeit mehr für dich.“ Er klatschte herrisch in die Hände. „Hofmarschall!“, rief er. „Gib dieser Frau Geld für ein neues Kleid und einen neuen Blumentopf.“

Da richtete Gudrun sich zu ihrer vollen Größe auf. „Ich will dein Geld nicht“, sprach sie stolz, wenn auch mit Tränen in den Augen. „Leb wohl und werde glücklich. Doch du sollst wissen, dass du mich rufen kannst, wenn du mich brauchst.“

Der König lächelte spöttisch. „Ich lasse dich rufen, wenn ich dich brauche“, sagte er, „aber ich werde dich nicht brauchen.“ Er schaute sie nicht an dabei, denn obgleich er sich so hochmütig gab, hatte er ein schlechtes Gewissen und konnte es nicht ertragen, ihr trauriges Gesicht und ihre Tränen zu sehen.

Die arme Gudrun kehrte nach Hause zurück und ging in ihre Kammer. Als sie den Rosenstrauch auf den Tisch stellte, streifte sie ungeschickt den Stamm, und ein spitzer Rosendorn stach sie in den Finger und sie begann kräftig zu bluten. Da Gudrun nichts zur Hand hatte, um die Wunde zu verbinden, riss sie das äußere Blatt von einer Rosenblüte ab und legte es auf die Wunde. Das Blättchen schmiegte sich an ihren Finger, wurde zuerst rot, dann rosa, schließlich zog es sich in die Haut ein und verschwand, als ob es nie da gewesen wäre. Gudrun war überrascht. Sie untersuchte ihren Finger und stellte fest, dass von der Verletzung nicht die geringste Spur geblieben war.

Einige Zeit verging. Der Tag der Hochzeit von König Heinrich und Prinzessin Insa wurde bekanntgegeben. Doch dann erschien eines Abends ein königlicher Bote bei Gudrun und überbrachte ihr den Befehl, vor dem König zu erscheinen. Sie war kein bisschen erstaunt, es war, als hätte sie die ganze Zeit auf diese Nachricht gewartet. Sie nahm ihren Rosenstrauch und folgte dem Boten, der sie zum Schloss und in die Gemächer des Königs führte. Dort sah sie Heinrich sitzen, allein und traurig.

„Guten Abend, Gudrun“, sprach er mit großer Mühe. „Insa weiß nicht, dass ich dich rufen ließ. Sie verbringt die letzten Tage vor der Hochzeit bei ihren Eltern. Das ist mir recht, denn ich möchte dich ohne Zeugen sprechen. Setz dich.“ Der König wies auf den Platz neben sich. „Damals war ich dir gegenüber sehr ungerecht, bitte verzeih mir. Außerdem war ich derjenige, der dir geraten hat, Ferdinand zu heiraten, den du nicht geliebt hast und mit dem du nun unglücklich bist. Sag mir, wie kann ich diese Ungerechtigkeit wiedergutmachen? Ich bin sehr reich. Ich könnte dir so viel Geld geben, dass du auf eigenen Füßen stehen kannst; dann könntest du auch deinen Mann verlassen, wenn du willst.“

„Nein, mein König, ich brauche all dein Geld nicht. Das, was ich mit meinen Blumen auf dem Markt verdiene, reicht mir. Wenn ich nicht arbeiten und nicht mit Menschen sprechen könnte, wäre mir langweilig. Aber ich danke dir, dass du mit mir sprechen wolltest. Das war mein größter Wunsch, aber ich wagte nicht, dich darum zu bitten.“

„Wenn du kein Geld brauchst, welche Belohnung willst du sonst haben für deine Liebe und Treue?“

„Du verwechselst etwas, Heinrich. Liebe kann man nicht belohnen. Sie ist selbst die höchste Belohnung, wenn du nur wirklich liebst. Irgendetwas hat wohl deinen Blick getrübt, du misst jetzt alles an Geld. Das ist aber nicht richtig.“

„Davon will ich nichts hören“, sagte der König unwirsch. „Ich frage dich noch einmal: Hast du irgendeinen Wunsch, den ich dir erfüllen kann?“

„Bevor ich meinen Wunsch ausspreche, erlaube mir, dir eine Frage zu stellen.“

„Sprich!“

„Schmerzen deine Wunden immer noch weniger, wenn du deine junge Braut umarmst?“

„Nein“, antwortete der König, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte. „Ihre Umarmung wärmt mich nicht mehr so wie am Anfang. Und sie lindert auch meine Wunden nicht mehr, die schmerzen schlimmer denn je und lassen mir Tag und Nacht keine Ruhe. Warum fragst du? Kannst du mir helfen? Rede, Gudrun, die du in Rätseln sprichst!“

„Ja, mein König, nun kann ich meinen Wunsch aussprechen. Wenn du ihn erfüllen wolltest, wäre das eine echte Belohnung für meine Liebe. Mein Wunsch ist, dich von deinen Schmerzen zu befreien, und ich kenne ein Mittel, das dir helfen kann.“

„Gib mir dieses Mittel, schnell!“ Der König streckte die Hand aus und schnippte sogar vor Ungeduld mit den Fingern.