Beziehungsweise - Manuela Reichart - E-Book

Beziehungsweise E-Book

Manuela Reichart

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Beschreibung

Der Anfang ist immer schön. Und dann? War es so oder nicht doch ganz anders? Das Spiel der Erinnerungen beginnt.Manuela Reichart erzählt von allen Facetten der Liebe: Von Annemarie, die nach ihrer Scheidung in Paris als Sarah ein neues Leben beginnt, zuerst mit einem Mann, dann mit einer Frau. Von der Frau, die den falschen Mann im richtigen Leben wählt. Oder ist es der richtige Mann im falschen Leben? Und der Mann, der sich im Wiener Naturkundemuseum Hals über Kopf neu verliebt, kehrt am Ende zur alten Liebe zurück. Die mag zwar keine ausgestopften Tiere, hat aber geduldig auf ihn gewartet.Die richtige Liebe? Die gibt es im Kino – und manchmal auch in Wirklichkeit.

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Seitenzahl: 127

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Manuela Reichart

Beziehungsweise

Liebesvariationen

DÖRLEMANN

eBook Ausgabe 2016Alle Rechte vorbehalten© 2017 Dörlemann Verlag AG, ZürichUmschlag: Mike BierwolfSatz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, LemfördeISBN 978-3-03820-939-3www.doerlemann.com

Inhalt

CoverTitelei und ImpressumBeziehungsweiseDie Zeit vergeht, die Erinnerung bleibtLiebesspieleVorspielAuftaktDer AnfangUnd dann? Immer noch Euphorie.AlltagBedrohungZwischenspielTrennung oder Nicht-TrennungNachspielImmer und ewigLiebeskampfLiebesglückLiebesverlustLiebestraumNachtragQuellenangabenZur AutorinZum Buch

Beziehungsweise

Die Zeit vergeht, die Erinnerung bleibt

Als sie die Schublade erst gedankenlos auf- und dann schnell wieder zuzog, hatte ich das seltsame Teil schon gesehen: ein Ledergürtel, an dem ein Gummipenis befestigt war. Sie hatte nach einem Stadtplan gesucht, wollte mir den Weg zum Restaurant erklären, in dem wir uns am nächsten Mittag treffen würden. Wir redeten nicht darüber. Ich fragte nichts. Sie sagte nichts. Sie hieß Annemarie. Niemand hieß damals Annemarie. Als ich den umschnallbaren Penis sah, hatte sie den Namen schon abgelegt, den zweiten zum ersten gemacht. Sie hieß jetzt Sarah. Und war froh damit. Sie führte auch wieder ihren Mädchennamen. Sarah Hellwig: Das klingt doch wirklich besser, sagte sie, als ich ihr Vorhaltungen machte, man könne nicht einfach einem bekannten Gesicht, einem vertrauten Menschen einen neuen Namen geben. Für mich sei sie Annemarie. Wie sollte ich das ändern. Du hast es ja gut, Christiane ist in Ordnung. Das fand ich nicht. Annemarie Schwartz gab es jedenfalls nicht mehr. Sie hatte sich neu erfunden.

Ich hatte mich schließlich gefügt und an ihren selbstgewählten Namen gewöhnt. Auf meine Briefe und Postkarten schrieb ich statt Annemarie Schwartz nun Sarah Hellwig. Sie lebte jetzt in Paris. Sie hatte französische Bekannte und Freunde, sie träumte auf Französisch, arbeitete in einer Galerie. Vor Jahren war sie nach Paris gefahren, um sich mithilfe einer neuen Methode einen dauerhaften Lidstrich ziehen zu lassen. Da lebte sie noch in Köln. Permanent Make-up wurde dort nicht angeboten. Sie nahm den Weg in Kauf, wollte vorsorgen, wie sie sagte, denn auf einem faltigen Auge könne man keine geraden Striche mehr ziehen. Es sah schön aus und sie behauptete, es habe überhaupt nicht wehgetan. Da war sie noch Annemarie. Als ich es ihr später nachmachen wollte, brach die Kosmetikerin die Prozedur nach fünf Minuten ab, weil ich vor Schmerz zuckte und jammerte. Fünf Jahre später hieß sie Sarah. Ließ den Lidstrich erneuern und hatte eine winzige Wohnung in der Rue Jacob, viel zu teuer, ein wenig schäbig. Aber sie war in Paris. Hatte es geschafft. Köln hinter sich gelassen. Mit der Vergangenheit gebrochen. Sich für einen neuen Namen, ein neues Leben entschieden.

Als ich das hautfarbene Gummiteil sah, hatte sie mir am Tag zuvor ein kleines Schild geschenkt, das man gewöhnlich auf Grabsteine klebt: »Le temps passe, le souvenir reste.« Da lebte sie noch nicht mit ihrer Freundin zusammen. Das kam später. Auch die Hochzeitsanzeige.

Sie war der Liebe wegen nach Paris gezogen. Der Mann war zehn Jahre älter. Sie war auf der Domplatte in ihn hineingelaufen. Er schaute nach oben, sie hatte es eilig. Schicksal mit höchstem Segen, witzelte sie. Sie heirateten zwei Monate später. Improvisiert und glücklich. Jedenfalls sah das auf dem Foto so aus, das sie mir schickte. Sie strahlten beide in die Kamera und auf die Rückseite hatte sie geschrieben: »Wie in Rebecca. Weißt du noch, wie du mir davon erzählt hast? Wir haben in einem kleinen Rathaus an der Côte d’Azur geheiratet. Keine Ahnung, wie er das geschafft hat. Toll. Das Leben fängt noch mal an. Und die Liebe auch!« Trotzdem hielt die Geschichte mit Bertrand nicht. Er wurde ihr zu langweilig. Er träumte von einer neuen, einer richtigen Familie, von Kindern. Sie kauften ein heruntergekommenes Bauernhaus in der Normandie. Ein Jahr lang fuhren sie jedes Wochenende hin, renovierten, reparierten, verlegten neue Leitungen. Sie konnte das besser als er. Neue Kacheln, neuer Küchenboden. Sie rissen tragende Wände ein und saßen abends in dreckigen Arbeitsklamotten und mit Schwielen an den Händen am Kamin. Wir sind froh zusammen, schrieb sie mir da noch. Er war auch ein wirklich netter Mann. Ich dachte, was für ein Glück sie doch hat. Gutaussehend, charmant, ein Südfranzose wie aus dem Bilderbuch, nicht sehr groß, na gut, aber dafür hatte er diese sanften braunen Augen, mit denen er nur sie ansah, an dem Abend, als ich sie das erste Mal in Paris besuchte. Da wohnten sie gemeinsam am Montparnasse, die Wohnung hatte er von seiner Großmutter geerbt. Allein das war schon ein unfassbares, ein riesiges Glück. Eine große Wohnung in Paris. Er hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich und eine fast erwachsene Tochter. Er mochte ihre Kinder. Er sprach Deutsch, besser als ich Französisch. Ich schlief im Gästezimmer und am Morgen standen Croissants und frischer Kaffee auf dem Tisch. Bertrand hatte eingekauft, bevor er zur Arbeit fuhr, Orangensaft ausgepresst. Welcher Mann macht das denn? Für die Freundin seiner Geliebten. Sie schlief noch, musste erst später ins Goethe-Institut, wo sie einen kleinen Bürojob ergattert hatte. Ich beneidete sie ein wenig um ihr Glück. Aber das hatte sie sich auch wirklich verdient. Sie war damals 38, er zehn Jahre älter. Es hätte gerade noch klappen können mit den gemeinsamen Kindern und der neuen Familie.

Als das alte Bauernhaus rundum gestrichen, die Heizung eingebaut war, verließ sie ihn. Sie hatte auf einer Party mit einer Frau getanzt, viel getrunken, sie geküsst. Mehr war nicht gewesen. Bertrand begriff nicht, warum sie ging. Drei Jahre hatte die Liebe gedauert. Alles schien gut und harmonisch, sie waren sich uneinig höchstens über die Farbe der Küchenwände. Sie erklärte ihm, sie müsse neu beginnen, ein anderes Leben führen. Sie habe einen Fehler gemacht. Sich getäuscht. Ich verstand auch nicht, warum sie wegging, schon wieder alles aufgab. Sie könne die andauernde Fürsorge nicht ertragen, schrieb sie, seine frohe Gelassenheit. Ihr fehle die Leidenschaft – und den Traum von der Familie habe sie nicht umsonst schon einmal hinter sich gelassen. Damit könne sie keiner mehr locken. Sie fand einen neuen Job und die winzige Wohnung. Ich bewunderte sie einmal mehr für ihre Entschlossenheit. Ihren Mut. Ich war zehn Jahre jünger und liebte meinen Mann, hatte gerade das Baby bekommen. Niemals hätte ich die beiden verlassen. Wahrscheinlich auch nicht für einen dunkelhaarigen Südfranzosen mit großer Wohnung in Paris. Bertrand rief mich an und schluchzte in den Apparat. Er war verzweifelt, suchte nach einer Erklärung, wollte einen Grund. Ich konnte ihm keinen nennen. »War’s der Sex?« Ich wusste es nicht. »Die Geschichte mit der Frau? Du musst das doch wissen. Sie hat mir von euch erzählt. Deswegen wirft man doch nicht alles weg.«

Ich habe ihn vor seinem Tod noch einmal gesehen. Ich war in Paris, wir trafen uns auf einen Aperitif, er hatte keinen Kontakt mehr zu Sarah, aber eine neue Liebe. Er starb zwei Jahre später an einem Herzinfarkt, in einer Boulangerie brach er zusammen. Die Scheidung war da gerade durch. Die Wohnung erbte seine Tochter, das Landhaus seine neue Freundin. Sarah schien das nicht zu berühren. Es war doch auch ihr Haus gewesen. »Vorbei und vergessen«, schrieb sie. Sie ging in der Zeit auf wilde Partys und nahm junge Männer mit nach Hause. Sie erzählte mir am Telefon von Diskotheken, in denen sie die Älteste war. Sie fand das sehr komisch.

Die älteste Teilnehmerin war sie auch im Französischkurs gewesen. Drei Wochen in einem heruntergekommenen Schloss in der Nähe von Nizza. Wir anderen waren alle Anfang zwanzig, die meisten studierten oder hatten gerade das Abitur hinter sich, alles deutsche Mädchen, ein paar wenige Jungen. Sie fiel mir gleich am ersten Abend auf. Eine aparte Frau um die dreißig. Damals schien mir das ziemlich alt. Sie schaute spöttisch auf uns. Drei Tage betrachtete ich sie immer wieder aus der Ferne. Wir waren nicht in der gleichen Gruppe. Sie sprach viel besser, ich würde es nie richtig lernen. Wir hatten beide ein Einzelzimmer gebucht. Ich ertrug es schon damals nicht, mit fremden Menschen das Zimmer zu teilen, hatte mir den Zuschlag von der Großmutter erbettelt. Der Kurs war teuer trotz der primitiven Unterkunft – nachts war es eiskalt, die Heizung funktionierte nicht richtig, das Wasser wurde höchstens lauwarm, durch die einfach verglasten Fenster zog es, in den langen Gängen stand der Wintermuff. Vom im Prospekt angepriesenen südfranzösischen Frühling in diesen Märztagen keine Spur.

Am vierten Abend sprach ich sie endlich an. Wir saßen am Kamin, dicht zusammengedrängt, um wenigstens ein bisschen Wärme abzubekommen. Wir redeten über den jungen, gutaussehenden Lehrer, der mit allen flirtete, der der einzige war, der mit Elan an die Sache, also an unser Radebrechen heranging, über die unnahbare Institutsleiterin, die müde Lehrerin für Grammatik Level II. Lauter Gestrandete, die sich mit Ferienschülern herumschlugen. Wir erzählten uns, wo wir herkamen, was wir vorhatten, welcher Studienplatz uns wo erwartete oder warum wir unbedingt die Universität wechseln oder nun doch eine Banklehre beginnen würden. Ein Mädchen wollte im Herbst heiraten und mit ihrem Mediziner-Mann nach Togo gehen. Deswegen müsse sie ihr Französisch aufbessern. Sie war 21 wie ich und schien mir ein Wesen vom andern Stern. Ehe, die eigenen Pläne denen des Mannes unterordnen. Dass es das noch gab. Sie hieß Anna von Rauchwitz und konnte schon die Namen ihrer geplanten vier Kinder aufsagen. Seltsam. Ich saß daneben und sagte wenig. Die Sprache wollte ich allein der Lektüremöglichkeit wegen verbessern. Ich studierte im dritten Semester Komparatistik und Geschichte, kam mir in dieser Runde so überlegen vor, wie ich mich im letzten Seminar unterlegen gefühlt hatte. Keine Ahnung von Lacan, Roland Barthes sollte man im Original lesen, Foucault wurde vorausgesetzt. Hier kannte niemand diese französischen Heroen der aktuellen Geistesgeschichte und ich konnte – wie ich es damals am liebsten tat – ein wenig überheblich in die unbedarfte Runde schauen. Eine zukünftige Ehefrau, vier Lehramtsstudentinnen, zwei Touristikkauffrauen, zwei Freundinnen wussten noch nicht, was sie machen würden, eine wollte Jura studieren, aber erst mal als Au-pair nach Kanada. An die Pläne und Wünsche der Jungen kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich waren sie im kalten Nebenzimmer und spielten Poolbillard. Das einzige Unterhaltungsprogramm, das das Schloss zu bieten hatte. Auf die Frage, was ich denn machte, nannte ich meine Studienfächer. Und was fängt man später damit an? Keine Ahnung. Mal sehen. Wird sich finden. Ich gab mich sehr souverän in diesem Kreis überschaubarer Jungmädchenträume. Mein Freund war Fotograf, neun Jahre älter als ich und mit mir im vergangenen Jahr in Indien gewesen. Allein das unterschied mich doch von diesen unbedarften Anfangzwanzigerinnen. Ich hatte Gruppensex gehabt, also fast Gruppensex. Wir hatten zu viert im Bett gelegen, uns gestreichelt und geküsst. Wir hatten indisches Bier getrunken. Bevor es zu mehr kam, hatte mein Freund die Sache beendet. ›Sie ist dafür zu jung‹, verkündete er dem beteiligten Paar, das so alt war wie er. Wir hatten sie am Baga Beach kennengelernt. Sie hieß Gunda und war blond und schön. Den Namen ihres Freundes habe ich vergessen, aber ich fand das abrupte Ende damals unmöglich, schließlich war ich alt genug für alles andere. Über Gruppensex wusste ich Bescheid. Mein Politiklehrer war in Poona im Ashram gewesen und hatte Andeutungen gemacht. Wenn man ihn nach Baghwan fragte, holte er weit aus und endete bei der göttlichen, der gottgegebenen Sexualität, die der Meister lehrte. Mit Gunda lag ich später nachts am Strand, sie fragte nach meinem Leben, der Liebe zum Fotografen. Sie streichelte mich, es machte ihr Spaß, mich zu verwirren.

Den Kreis der jungen Französischschülerinnen konnte ich verwirren mit einer Selbstsicherheit, die mehr gespielt als gefühlt war. Nur sie schien unbeeindruckt: Annemarie saß abseits, sie trug einen dicken Pullover, suchte nicht die Wärme des Kaminfeuers und hatte ein Buch im Schoß. Aus dem schaute sie auf und mir direkt in die Augen. Sie schien wirklich selbstsicher und lächelte. Ich ärgerte mich über die Souveränität der älteren Frau, wollte sie mir die Schau stehlen, den Platz streitig machen? Aber da war sie schon wieder in ihre Lektüre vertieft, blickte in unsere Runde nur noch ab und zu – und aus weiter Ferne. Ich wollte, dass sie mich anschaute, mit mir redete. Ich wollte wissen, wer sie war. Wer sie wirklich war. Bevor sie ins Bett ging, uns mit einer tiefen Stimme, in der der rheinländische Tonfall hörbar war, eine gute Nacht wünschte, fragte ich »Und du? Was machst du im Leben?« »Nix Großes, ich verdiene mir mein Leben als Sekretärin.« Was hieß das denn?

Am nächsten Abend setzte ich mich neben sie, stellte viele Fragen, schaute sie an und ließ ihren Blick nicht los. Annemarie also. Der Name vielleicht ein wenig zu mädchenhaft für ihre herbe Schönheit. Ich kannte Annemarie Düringer. Erzählte ihr von einem alten Film, den ich gerade gesehen hatte. Wie eindrucksvoll die Schauspielerin mir in einer kleinen Rolle im Gedächtnis geblieben war. Sprechsüchtig hatte da eine versteckte Jüdin einen Kohlenträger zutraulich willkommen geheißen und nur ein Zufall hatte sie davor bewahrt, sein Opfer zu werden. Wann immer ich später Annemarie Düringer sah, wunderbar als gedemütigte Ehefrau in Zadeks »Baumeister Solneß« oder kühl und berechnend als Ärztin in Fassbinders »Die Sehnsucht der Veronika Voss«, dachte ich an die erste Begegnung mit meiner Freundin Annemarie. Sie hörte mir zu. Sie war Sekretärin im WDR. Sie ging nur selten ins Theater, war nicht beseelt vom Kino wie ich. Ich redete zu viel. Sie fand mich interessant. Ich erzählte von den Büchern, die ich gelesen hatte, von den Filmen, die ich mochte. Sie erzählte mir ihr Leben. Der hübsche Lehrer hatte sie zum Essen eingeladen. Sie stieg auf sein Moped, ich winkte hinterher und war eifersüchtig. Aber auf wen?

Annemaries Mutter war aus Ostpreußen geflohen, im langen Treck nach Westen hatte sie ihre Tanten, die Mutter und den großen Bruder verloren, der Vater war vermisst und würde es bleiben. Am Ende war sie allein im Bergischen auf einem Bauernhof untergekommen. Der Herr des Hauses schwängerte die junge Frau, gab ihr Geld, sie musste weg, bekam das Kind in einem katholischen Krankenhaus in der Stadt. Die Wehen waren schwer, die Nonnen nicht nett zur Sünderin. Keine originelle Geschichte. Sie nannte die ungewollte Tochter nach ihrer Mutter. Annemarie. Und gab das Baby in ein Kinderheim. Was sollte sie machen. Sie kam, sooft sie konnte. Arbeitete erst in einer Fabrik, dann als Näherin in einem kleinen Modesalon. Das hatte sie gelernt. Sie fand ihre Mutter wieder, holte das Kind aus dem Heim. Eine stille Zweijährige. Ein Dreifrauenhaushalt in Köln-Ehrenfeld: Großmutter und Enkelin zu Hause, die Mutter verdiente das Geld. Beengte Verhältnisse. Als Annemarie fünf war, fuhren sie zum ersten Mal mit der Eisenbahn nach Hamburg, dorthin hatte es den Bruder der Mutter verschlagen, den Sohn, den Onkel. Seine Frau war kein Flüchtling, sie hatte rote Fingernägel und arbeitete im Büro.