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Die Zwillinge Beth und Eliza, die unterschiedlicher nicht sein können, und ein Mann, Benn, nutzen ihre Unabhängigkeit, um in ihren Wohnmobilen durch Europa zu fahren. Aber in Nordspanien zeigen sich erste Risse in den Beziehungen und jeder erkennt, dass eine Veränderung dringend ansteht. Inspiriert durch eine Anzeige bei Facebook einigen sie sich, zusammen an einem Festival zur Selbsterfahrung teilzunehmen. Sie wollen ihre inneren Prozesse beschleunigen und das Miteinander klären. Dabei kommen tiefe Wunden an die Oberfläche. Werden sie danach noch gemeinsam weiterreisen? Oder kann das Miteinander zerreißen? Wartet vielleicht etwas auf sie, womit sie nie gerechnet hätten? Etwas, das ihre Identität von Grund auf in Frage stellt … Sicher ist, am Ende sind sie nicht mehr die, die sie einmal waren.
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Prolog
Dank
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Verlag verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung des Verlags unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Verlags. Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.
© 2025 Sybille Schmidt-Grundmann · frauontour.com
Verlag: spiritbooks · spiritbooks.de · Mansfield Height Lot 73, Ocho Rios, Jamaica
Satz u. Layout / E-Book: Büchermacherei · Gabi Schmid · buechermacherei.de
Covergestaltung: Corina Witte-Pflanz · OOOGRAFIK · ooografik.de
Bildquellen: #541546653 | AdobeStock; Privatarchiv Autorin
Druck und Distribution im Auftrag des Verlags:tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg
Softcover: 978-3-946435-29-7
EBook: 978-3-946435-31-0
Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und unbeabsichtigt. Alle Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne Erlaubnis nicht veröffentlicht werden.
Das goldene Kintsugi ist eine Technik aus Japan. Sie bedeutet, Risse in Tonschalen, Tellern und Schüsseln werden mit Edelmetall gekittet. So wird Zerbrochenes wieder zusammengefügt und aus beschädigten Sachen entsteht durch Gold und Handwerk etwas Wertvolleres: Der Wert des Gegenstandes steigt.
Die Risse oder Scherben sind ein Symbol für unsere Verletzungen im Leben. Doch wir lernen mit der Zeit, den Schmerz anzunehmen, die Wunden zu sehen, die Ursachen zu erkennen, und daraus Wissen und Weiterentwicklung zu ziehen. So formen sich Verständnis und Einfühlungsvermögen für uns und dadurch auch für jedes andere Wesen.
Es entsteht Liebe und wir werden bereichert. Im Laufe unseres Lebens sammeln wir diese Erkenntnisse, werden immer erfahrener und weiser. In den beschädigten Herzen wächst Güte, so lernen wir die bedingungslose Liebe, und sie beginnt bei uns selbst.
Auch wir werden durch durchlebte und geheilte Beschädigungen reicher und hochwertiger. Unsere Wunden werden ebenfalls mit Gold gekittet: mit Annahme, Verständnis und liebevollen Umarmungen. Etwas Verletztes erfährt Gesundung, wird wieder zusammengefügt und durch die sanierten Risse steigt der Wert des Ganzen.
Heilung schafft Weisheit.
„Hmmm …“, schnurrt Beth, „das tat letzte Nacht so gut …“
Alles an ihr ist entspannt und weich, befriedigt, satt und erfüllt und sie rekelt sich genüsslich. Zart regt sich ein Stimmchen in ihr: „Aber es war doch … – Phhh, na und? Er war da, er war allein … und er wollte es auch!“, würgt sie die aufkommenden Schuldgefühle ab.
Beklommen denkt Beth an ihre Schwester Eliza und sofort fallen ihr deren Weichheit, Zurückhaltung und Vorsicht ein. Sie ist immer sanft, liebevoll und hat sich nie irgendwas einfach genommen. Oder gar um etwas gekämpft! Meist ist sie zurückgewichen und hat es geschehen lassen. Sie ist doch die Bessere in diesem Doppelpack!
Aber so ist Beth eben nicht. Schon lange nicht mehr! Sie nimmt sich, was sie braucht. Zufrieden streckt und dehnt sie sich, genießt ihren wohligen, entspannten Körper.
Aber der Stachel sitzt schon in ihr.
Alle lieben immer die sanfte, zarte Eliza! Die, die nichts begehrt, überwiegend nachgibt, anschmiegsam und weich ist und … von jedem ausgenutzt wird. So erscheint es Beth und so möchte sie niemals wieder sein: Ich bin in meinem Leben die Königin, nicht Aschenputtel! Ich nehme mir, was ich will, und lasse mich nicht in Konventionen und Normen einsperren!
Das ist der Grundtenor ihrer Gedanken und so begegnet sie der Welt in einer Kampf- und Abwehrbereitschaft. Dadurch wird es dann manchmal schwierig, kantig, entstehen Streit und Disharmonie, doch Beth sieht diesen Zusammenhang nicht. Für sie war es schon immer so: Sobald sie erscheint, ist das Entsetzen groß, müssen andere ihr Grenzen setzen, sie einengen und disziplinieren.
Ich weiß genau: Ich mache ihnen Angst! Das erkennt sie intuitiv. Ich nehme mir, was ich will! Ich will mich eben entfalten und schauen, was das Leben für mich so bereit hält. Und das ist auch mein gutes Recht! Das ist ihre Ansage an ihre Umwelt und die Mitmenschen. Dabei rechtfertigt sie sich mit der amerikanischen Verfassung. Hier ist der Anspruch auf Glück als ein Leitgedanke, pursuit of happiness, verankert. Folge der Freude, so tönt es doch in der Spiriszene überall. Nun, das tue ich, voll und ganz, immer und zu jeder Zeit!
Freudig springt sie aus dem Bett und begrüßt den neuen Tag.
Doch schnell überfallen sie wieder die lästigen Schuldgefühle. Eigentlich liebt sie ihre Schwester, ist aber auch häufig genervt von ihr. Diese zarten, guten Anteile … Beth erkennt den Schmerz in Eliza, ihre Enttäuschung und das Leid, wenn das Leben andere Pläne mit ihr hat. Dann spricht Eliza aber immer wieder von loslassen und sich einfügen, annehmen, geschehen lassen. Doch für Beth erscheint es eher wie eine ewige Opferhaltung. Und Opfer werden vernichtet, zertreten oder benutzt!
„Manchmal hasse ich ihre gesamte Zartheit! Dieses Weiche, Schwammige … am liebsten möchte ich da mitten reinschlagen …“, murmelt Beth vor sich hin und ist gleichzeitig erschrocken über diese Wut, die sie so unverhofft anspringt. Es grummelt und zerrt an ihr, wächst und drückt, wird immer größer, und ist kaum beherrschbar.
„Ich will sie doch bloß beschützen!“ Stockend erkennt Beth ihr innerstes Motiv. „Ich möchte sie vor Schmerzen bewahren, aber sie hört nicht auf mich! Stattdessen verurteilt sie mein freies Handeln. Dabei sehe ich mich als Schöpferin und das will ich ihr auch ermöglichen.“
Weiter grummelt es in ihr: Nie legt sie sich fest, ist immer für alles offen und bereit … Dann ist es doch kein Wunder, wenn ihr die leckersten Bissen weggeschnappt werden! Und andere besinnungslos über ihre Grenzen trampeln. Sie setzt ja nie welche!
Nebenbei deckt Beth den Frühstückstisch. Sie knallt Elizas Lieblingsbecher, natürlich rosafarben und mit einem Einhorn, auf den Tisch, pfeffert das Besteck hinterher und donnert den Wassertopf auf die Flamme.
„Aber sie ist doch deine Schwester!“
Ja, verdammt noch mal. Sie ist mein über alles geliebter Lieblingsmensch! Sie ist die Gute, die Richtige, die bessere Hälfte … aber eben auch diejenige, die betrogen wird, die nie kämpft, die alles als gegeben hinnimmt und sich im Annehmen übt.
Dabei schneidet Beth wütend Obst und Gemüse in den Mixer, donnert je eine Handvoll Haferflocken und Nüsse hinterher und misst einen Teelöffel Chia und geschrotete Leinsamen ab. Dann stellt sie das Gerät auf höchste Stufe und erfreut sich an dem aufbrausenden Geratter. Genau, alles zermalmen!, geht ihr dabei durch den Kopf.
Und da kommt sie auch schon … die Prinzessin … Eliza!
Lächelnd stellt sie eine Vase mit Blumen mitten in das Chaos auf den Tisch, streichelt Lilly, ihrem Hund sanft über den Kopf und setzt sich anmutig in die Bank. Sorgsam ordnet sie Besteck, Becher und Brettchen. Alles an ihr ist liebenswert, freundlich, sonnig und … in Beth steigt gallige Wut hoch!
Reinschlagen! Anspucken! Vollkotzen!
Aber nein, das gehört sich nicht, du verschmutzt das Prinzesschen, die über alles geliebte, sanfte, unschuldige, zarte Fee …
Eliza lächelt Beth freundlich an … denn sie weiß von nichts, ahnt es nicht einmal.
„Hast du gut geschlafen?“, säuselt sie.
„Mmm …“, knurrt Beth als Antwort.
Innerlich stöhnt Eliza auf. Schon wieder hat Beth so eine miese Laune, dabei geht es ihnen beiden trotz allem so gut! Dieses freie Leben, der Sonnenschein …
„Du weißt schon, dass freundliche Menschen es viel weiter schaffen im Leben! Umgängliche Leute werden wertgeschätzt, ihnen öffnet sich deutlich eher eine Tür!“, ermahnt sie Beth und weiß gleichzeitig genau, dass all diese Hinweise nichts nützen. Sie hat eben ihren eigenen Willen.
In Beth verstärkt sich der Unmut: Dazu dann dieses Lächeln, das sich in ihren brodelnden Vulkan bohrt! Immer wieder Sanftheit und Frieden! Das ist doch ungesund und kann nicht wahrhaftig sein. Auch ihre ewigen Ermahnungen mag sie nicht mehr hören! Sie gehen ihr so auf den Geist, zermürben und nerven … gepaart mit diesen sanften, scheinbar alles verstehenden Augen …
Grrr …
„Wie soll’s weitergehen?“, fragt Beth ungeduldig, um von ihrem Inneren abzulenken. Sie möchte Action, neue Erlebnisse und Erfahrungen sammeln, denn der Stillstand ist kaum auszuhalten.
„Ich hätte echt Lust, ein Stück auf dem Jakobsweg zu fahren!“ Eliza fühlt sich von der spirituellen Bereicherung angezogen.
„Willst du uns wirklich auch noch diesen Spirikram antun?“, wertet Beth es unsensibel ab.
„Nein …“, versucht Eliza zu schlichten. „Aber da wir doch schon mal hier sind? Das ist einfach eine Bildungslücke, wenn wir ihn uns nicht wenigstens mal ansehen.“ Sie bemüht sich, Beth mit konventionellen Argumenten zu locken, mag ihre innere Sehnsucht nicht eingestehen.
„Ich kann mit Lücken leben …“, wehrt Beth prompt ab.
„Nein, das muss man doch gesehen haben!“, widerspricht Eliza und erkennt schon beim Aussprechen, dass Beth sich auf solche Allgemeinplätze nicht einlassen wird.
Und richtig. „Wer, verdammt noch mal, ist ‚man‘?“ Beth spürt wieder diese Wut in sich aufsteigen, wenn Eliza sich hinter solchen Scheinargumenten versteckt. Aber sie erkennt auch, dass sie Eliza nicht zu wahrhaftigen Äußerungen zwingen kann.
Eliza zuckt erschrocken zurück: „Was ist denn nur heute los mit dir?“
Doch Beth schweigt und Eliza versucht, die Schwingungen zu erspüren. Ist es Angst? Sorge? Schuld? Sie empfängt es nur ungenau, kann es nicht einordnen.
„Du hast mich doch lieb!“, säuselt Eliza.
„Natürlich liebe ich dich. Aber wenn du so auf Opfer machst, dann kommt mir die Galle hoch!“, spuckt Beth ihr entgegen.
„Opfer?“ Eliza versteht überhaupt nicht, was Beth meint. Sie fühlt sich nicht als Opfer.
Schließlich fährt Eliza sanft belehrend fort, als ob es den Einwurf dazwischen nicht gegeben hat.
„Na, alle wollen den Weg gesehen haben! Und wenn wir schon mal in Spanien sind … Du weißt schon, typische Sehenswürdigkeiten wie das Guggenheim-Museum, die Kathedrale von Santiago, Burgos, Pamplona … von mir aus auch die Stierhatz …“ Fast verzweifelt kramt Eliza sämtliche Highlights eines Tourismusprospektes hervor.
Sie möchte sich so gern diesem spirituellen Weg hingeben, erhofft sich Erkenntnisse und Bereicherungen, sehnt sich nach der Geborgenheit in einer Verbindung mit Gott, höheren Mächten, der Natur, dem Universum. Eben allem, was sie nicht so trostlos und allein im Leben stehen lässt.
Doch Beth greift gleich das Schlimmste auf. „So eine Tierquälerei willst du dir ansehen? Lilith, was sagst du dazu?“ Dabei nutzt sie den Hund als Ventil für ihre Empörung und Wut. Gleichzeitig bemerkt Beth innerlich eine wachsende Enttäuschung, die sie nicht einordnen kann. Sie versteht ihren eigenen Gefühlsknoten momentan nicht so recht. Erhofft sich Hilfe und vielleicht auch Entspannung vom Hund … jedoch vergeblich.
Gerade ahnt Beth, dass sie sich letztlich Eliza beugen wird. Aber sie möchte diesen Moment hinauszögern und lieber auf ungefährlichem Terrain streiten, als der ganzen Wahrheit ins Gesicht zu sehen.
„Nenn sie nicht so! Das ist Lilly!“, zischt Eliza wütend und fast möchte sie mit dem Fuß aufstampfen, weil sie es als unfair empfindet, so ein unschuldiges Tier in ihren Streit miteinzubeziehen.
„Sie kommt schon damit klar!“, wehrt Beth stur ab. Sie versteht in diesem Punkt Elizas zarte Seite nicht, deutet es eher als verdreht, den Hund so zu vermenschlichen. So ein Tier will doch nur fressen und gekrault werden, der Name ist nur dazu da, um sie zu rufen.
Unangenehmes Schweigen macht sich breit. Alles ist gesagt, die Linien sind gezogen.
Wirklich? Ist wirklich alles gesagt, klar und offen?
„Also, was ist? Grobe Richtung Santiago de Compostela?“ Eliza gibt sich einen Ruck. Sie will und kann dieses belastende Schweigen nicht weiter aushalten.
„Ach von mir aus … Ich muss ja nicht den ganzen kirchlichen Krimskrams mitmachen!“, winkt Beth ab. Es wird ihr zunehmend gleichgültiger, wohin die Reise geht. Hauptsache, weiter, nur keinen Stillstand!
„Nein, muss ich auch nicht unbedingt. Aber gucken, wie die Landschaft so ist, die Leute … die Pilger … Eindrücke sammeln.“ Eliza versucht krampfhaft, wieder eine Verbindung zu Beth zu erschaffen, aber sie läuft ins Leere.
Erneut breitet sich zähes Schweigen aus.
„Und Benn?“, fragt schließlich Beth.
„Komisch, dass gerade du das fragst“, bemerkt Eliza verwundert. Er ist doch ihr Freund und bisher hat sie sich immer bemühen müssen, ihn in den festen Schwesternverbund zu integrieren.
Und so herrscht wieder Schweigen … eine dichte, klebrige, unangenehme Stille, denn beide spüren, dass hier das Land zwischen ihnen ein Minenfeld ist.
Endlich bemerkt die sanfte, für Frieden eintretende Eliza: „Wir könnten ihn fragen … Er wird sicher gern folgen …“
Doch Beth antwortet darauf nicht. In ihr toben noch immer Wut und Enttäuschung, und so hat sie keine Ahnung, wie und was sie zu ihrer Schwester sagen könnte.
Erneut breitet sich dieses hartnäckige Schweigen zwischen ihnen aus.
Kaum haben sie ihr Frühstück beendet, springt Eliza auf.
„Ich gehe schnell zu Benn!“ Sie strahlt. „Ihn fragen …“
Und endlich kann sie ihn wieder in ihre Arme schließen. Die Sehnsucht nach ihm ist groß, denn gestern war erneut so ein Tag: randvoll mit Aufgaben wie Wäsche waschen, Hund beschäftigen, Tagebuch schreiben, Autos checken, tanken, einkaufen … Beide waren unabhängig voneinander unterwegs, und abends war Eliza dann zu müde und erschöpft, um ihn noch zu treffen. Ihn, ihren Liebsten, Benn, ihren Schatz, ihr Leben! Sie freut sich unbändig, ihn gleich wieder in ihre Arme schließen zu können. Ihr ganzer Körper vibriert vor Freude auf ihn.
Auch er scheint sich nach ihr gesehnt zu haben, denn er schließt gerade die Tür seines Wohnmobils und eilt freudig grinsend heran. Elizas Herz hüpft vor Glückseligkeit, und Schmetterlinge, nein eher Kolibris, flattern in ihrem Magen. Mit weichen Knien läuft sie ihm entgegen. Wie kann man nur so lieben!
„Herzallerliebste!“
Glücklich schmiegt sie sich an ihn, während er seine Arme um sie legt.
„Du bist so wundervoll!“, haucht er in ihr Ohr und die kleinen Härchen auf ihren Unterarmen recken sich empor.
Was für ein Mann! Kräftig ist seine Umarmung, besitzergreifend und stärkend.
„Diese Nacht werde ich nie vergessen …“, säuselt er, während er hingebungsvoll an ihrem Ohrläppchen knabbert.
Sie schmilzt dahin … doch dann sträubt sich etwas in ihr … langsam tropfen die Worte in ihr Bewusstsein: diese Nacht?
„Wieso …?“, stammelt sie.
„Du warst so wild, so sexy, so fordernd! Irgendwie ohne alle Hemmungen. Du wolltest mich, völlig und alles, und das war einfach nur erotisch! Sinnlich … verführerisch … ach, eben klasse!“, schwärmt Benn.
„Hm …? Aber …“ Sie ist irritiert.
Und dann bleiben ihr die Worte im Hals stecken, denn plötzlich keimt ein Verdacht auf. Beth! Ihre grässliche, sich alles nehmende, laute, hemmungslose Zwillingsschwester! Sie wird doch nicht wirklich …?
„Schon, wie du mich angesehen hast, als du zu mir kamst! Ich wusste gleich, dass jeder Widerstand zwecklos sein würde.“
Benn schwärmt, und sie kocht, weicht zurück, kann es nicht glauben. Aber es hört sich total nach ihr an. Sie hat sich seit jeher immer alles gegriffen, was sie wollte. Ohne Rücksicht darauf, wem es gehört … oder ob sie jemanden damit verletzt.
Äußerlich sehen sich beide total ähnlich, so dass sie schnell verwechselt werden, schon immer nicht wirklich unterschieden wurden, vor allem von Unbekannten. Aber Benn? Er müsste sie nach den vielen Jahren, die sie sich kennen, doch klar erkennen, oder?
Denn Beth ist laut, hemmungslos, rechthaberisch und quengelt so lange, bis sie ihren Willen bekommt. Eliza dagegen ist eher still, bescheiden und vor allem rücksichtsvoll und ängstlich, jemanden zu verletzen. Sie würde niemals … Aber Beth schon!
Mit zunehmender Erkenntnis versteift sich ihr Körper. So steht sie eher verkrampft und erstarrt vor Benn, der sie erneut an sich zieht. Fordernd und stimulierend knabbert er an ihrem Ohrläppchen. Dann berührt er mit der Zunge sanft die zarte Stelle am Hals …
„Nicht!“, wehrt sie ihn kichernd ab. „Nicht hier, wo alle uns zusehen …“
Aber Benn ist kaum zu stoppen. Sanft haucht er ihr ins Ohr: „Die sind doch nur neidisch!“ Dabei kitzelt sein 3-Tage-Bart die empfindlichsten Stellen.
Eliza kann nicht widerstehen, doch kaum gibt sie sich den Gefühlen wieder ein bisschen mehr hin, sausen erneut seine Worte durch ihr Gehirn!
Mit Beth! Und die Empörung schießt durch ihre Adern, macht den Körper starr und unempfindlich.
„Wie kannst du nur!“, schleudert sie ihm entgegen.
„Aber wieso …?“
Schlagartig wird ihr klar: Benn hat es nicht einmal bemerkt! Dabei kennen sie sich doch schon längere Zeit, sind jetzt seit über zwei Jahren ein Paar! Aber was Beth erbeutet hat, gibt sie nicht mehr her, das hat Eliza mittlerweile erkannt.
So gehörten die Lieblingsbücher immer beiden, ebenso wie die Freunde. Und früher herrschte meist eine wortlose Konkurrenz zwischen ihnen: Wer wird mehr geliebt? Doch schnell verlor Beth die Lust am Eroberten, gierte nach Anderem, Stimulierendem, und wandte sich neuen Objekten zu, vor allem wenn Eliza sich desinteressiert zeigte.
Tränen sammeln sich in Elizas Augen: Benn ist doch kein Spielzeug! Ihr Geliebter, er ist ihre große Liebe. Der wichtigste Mensch in ihrem Leben, der sie zutiefst versteht und annimmt. Dem sie vertraut …
Aber Beth …? Sie wird wieder alles zerstören!
Hat sie je geliebt? War ihr je etwas oder jemand anderes wichtiger als sie selbst?
Benn hat sie nicht unterscheiden können, vom Verstand her ist das einleuchtend, aber Elizas Herz krampft und schreit: Und wenn er den Sex mit ihr prickelnder findet, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er sich völlig ihr zuwendet!
Wieder ruckt ihr Herz, stolpert und bricht. Dieser körperliche Schmerz ist kaum auszuhalten … so wie dieses abscheuliche Gefühl … damals …
Dabei erahnt Eliza jetzt schon, dass Beth bald die Lust an ihrem neuen Spielzeug verlieren wird. Alles, was zur Gewohnheit heranwächst, wird langweilig und interessiert sie nicht mehr. Dann wirft sie es schnell ab und wendet sich Neuem zu.
In Eliza toben Hass, Wut und Mitleid mit Benn. Sie erkennt, dass er leiden wird. Er ist doch so zart und einfühlsam! Das hat sie damals zusammengeführt: Benn hat eine ähnlich sensible Seele wie Eliza. Nie würde er auf die Idee kommen, einen anderen Menschen nur für seinen eigenen Lustgewinn zu benutzen. Oder?
Wieder rasen die Gefühle, Gedanken und Empfindungen durch Elizas Körper und sie kann sich kaum auf den gegenwärtigen Moment konzentrieren: Werde ich ihn loslassen müssen, denn Beths Interesse nimmt schneller ab, wenn kein anderer das Spielzeug begehrt? Oder sollte ich um ihn kämpfen? Doch Eliza mag nicht streiten, und …, wenn er lieber Beth will … Wenn es sein Glück ist … All dies zerrt sie aus der realen Welt fort, so dass sie Schwierigkeiten hat, Benn zu hören.
„Schatz, was ist mit dir? Ist dir kalt?“
Seine Stimme klingt so fürsorglich, so ahnungslos … und Eliza möchte schreien! Er hat scheinbar wirklich nichts bemerkt! Und jetzt erahnt er nicht einmal ansatzweise, was in ihr vorgeht.
Nein, das ist schon nicht mehr der Benn, den sie kennen- und lieben gelernt hat! Enttäuschung macht sich in ihr breit. Wie soll, kann, muss es jetzt weitergehen? Wie wird er reagieren, wenn er seinen Fehler bemerkt? Wird er sich dann schämen und versichern, dass er es nicht wollte? Oder wird er sich bewusst gegen Eliza entscheiden?
Und wie kann sie mit Beth umgehen? Sie beide fahren ja miteinander in einem Van und bisher haben sie sich den Alltag geteilt, ihr mobiles Leben zusammen genossen.
Aber soll jetzt auch der Mann gemeinsam empfangen werden? Alles zu dritt? Beim Sex???
Erneut schüttelt sich Eliza und Benn reibt fürsorglich ihre Arme.
„Soll ich dir eine Jacke holen?“, fragt er besorgt und Eliza schnaubt innerlich wütend.
Manchmal wünsche ich mir, ich könnte alles so locker sehen und leicht nehmen wie Beth!
Wütend stapft Eliza zum Mobil, doch je näher sie dem Van kommt, desto mehr schrumpft ihre Tatkraft.
„Was ist denn mit dir? Habe ich irgendetwas falsch gemacht?“, fragt Benn besorgt, der unsicher neben ihr herstolpert.
„Nein,“ murmelt Eliza und atmet tief durch. „Ist schon alles okay so.“
Langsam dreht sie sich zu ihm um: „Wir wollen weiter, oder?“
Die Doppeldeutigkeit dieser Frage wird ihr erst im Aussprechen bewusst, doch Benn antwortet auf der realen Ebene.
„Sicher! Wo soll’s hingehen?“
„Grobe Richtung Santiago …?“, fragt Eliza vorsichtig.
„Klasse, auf den Jakobsweg? Wollt ich schon immer mal sehen! Eigentlich sogar laufen! Aber so wär’s schon mal ein Anfang!“
Er ist begeistert und Eliza nimmt wieder die tiefe Nähe zu ihm wahr. Gleichzeitig wächst ihre Trauer, sie erlebt diesen Moment wie einen Abschied. Doch sie mag das nicht annehmen …
„Wie sieht’s denn bei dir aus? Abfahrt in ’ner halben Stunde? Dann darf der Hund noch mal in Ruhe schnuppern und sich erleichtern?“
Beth, die Tatkräftige, steht vor dem Van und übernimmt mal wieder die Regie. Dabei versteckt sie sich und ihre Gefühle hinter dem Funktionieren, und Eliza schwankt zwischen Schmollen und Erleichterung.
„Ja, das passt gut. Ich muss erst noch ein bisschen aufräumen, bevor ich startklar bin! See you, Küsschen!
Damit verschwindet Benn wieder zu seinem Bus und auch Eliza und Beth steigen in ihren Van.
Gemeinsam räumen sie den Tisch ab, verstauen alles Bewegliche in die Schränke. Sichern die Schranktüren, schließen die Fenster und Dachluken, richten den Van abfahrbereit her, jede im Inneren gebunden an ihre widersprüchlichen Gefühle.
Auch beim Gassi laufen mit dem Hund herrscht nur Gefühlswirrwarr, doch nichts wird ausgesprochen, anerkannt und bereinigt. In klebrigem Schweigen stapfen sie nebeneinander hinter dem Hund hinterher.
Endlich verlassen beide Vans den kleinen Campingplatz von Urdos und fahren südwestlich Richtung Pamplona und Bourgos auf der Nationalstraße durch die Ausläufer der Pyrenäen. Sie passieren die französisch-spanische Grenze.
Die ersten Hinweisschilder auf den Pilgerweg tauchen schnell auf: Auf einem kräftigen Blau erscheint eine in Strahlen stilisierte Muschel, das Kennzeichen dieses Weges. Sie folgen der Landstraße. Immer wieder sehen sie die Schilder, die darauf aufmerksam machen, dass hier der Jakobsweg die Straße kreuzt und in sich versunkene Pilger über die Fahrbahn laufen könnten. Aber sie sehen keine Wanderer, nur die blauen Hinweise mit der gelben Muschel, deren Strahlenpunkt in Richtung Santiago, das Ziel, weist.
Die Landschaft ist anfangs karstig, dunkelgrüne Büsche und Bäume wechseln sich mit nackten, grauen Felsen ab, doch je flacher es wird, desto mehr Anbauflächen mit abgeernteten Getreidefeldern tauchen beidseitig der Straße auf. Der Blick zum Horizont wird immer freier, weiter, und die kräftigen Grüntöne der Pflanzen harmonieren mit dem satten Braungelb der Felder. Frieden ergreift die Herzen, Ruhe kehrt ein, aber auch die Zufriedenheit macht stumm.
Schmucke Häuser zieren die kleinen Orte, gebaut aus dem grauen Felsgestein, verziert mit Mosaiken aus winzigen Flusssteinen. Sie queren viele Bäche und schmale Flüsse, es ist eine wasserreiche, fruchtbare Gegend.
In Jaca wechseln sie auf die Nationalstraße Richtung Westen. Benns Mobil erscheint immer mal wieder im Rückspiegel. Er fährt auf Sicht, lässt sich aber nicht hetzen, genießt die Landschaft und die wechselnden Eindrücke.
Im Mädelmobil herrscht weiterhin Schweigen. Zeitweise ist es dicht und bedrückend, manchmal wechselt es in Leichtigkeit und Neugier.
Das Gebirge verschwimmt am Horizont, die Siedlungen werden seltener, die Landschaft braun. Wuchtige Kirchen strahlen Widerstand aus: das Baskenland, die nach Autonomie strebende Gemeinschaft mehrerer kleiner Provinzen. Dieses Gebiet erstreckt sich sogar über einen Zipfel von Südfrankreich im Norden und weiter in großen Teilen von Kastilien und Navarra im spanischen Bereich.
„Selbst die Sprache unterscheidet sich vom Spanischen. Deshalb haben hier die Ortsschilder alle zwei Bezeichnungen, der untere Name ist baskisch“, weiß Beth.
„Wahnsinn! Und das in der heutigen Zeit, wo Europa doch immer mehr zusammenwächst. Schau dir England an; was nach dem Brexit passierte. Dann weißt du, was Separatismus bewirkt!“ Eliza schaut Beth an, die zustimmend nickt.
„Es gab keine Lastwagenfahrer mehr, denn die Polen durften nicht ins Land. Mit dem Erfolg, dass überall so ziemlich alle Güter knapp oder ausverkauft waren.“
Eliza kann sich abgrenzen nur als vereinzelt wahrnehmen, anerkennt den Freiheitswillen dahinter nicht, sieht nur die Vereinsamung.
„Aber die Engländer haben sich damit arrangiert.“
Beth dagegen verteidigt die Bemühungen der Separatisten, denn Freiheit ist ihr ein wichtiger Wert im Leben.
„Eigenständigkeit … überleg mal, was geschieht, wenn das alle machen würden?!“, fragt Eliza erschrocken.
„Es gäbe lauter authentische, ehrliche Menschen, auf dem Weg zu ihrem eigenen Glück?“, reagiert Beth ironisch.
„Aber sie wären alle einsam …“
„Oder allein! Und mit sich selbst zufrieden …?“
Wieder erfüllt den Raum eine drückende, fast beängstigende Stille. Eliza vermutet, dass Beth mehr über sich und ihr Leben gesprochen hat statt über das Separatistenproblem der Katalanen.
Schließlich landen sie auf dem Stellplatz von Irurtzun, wo sie übernachten werden.
Benn parkt kurze Zeit später neben ihrem Van ein und gemeinsam machen sie sich auf, den Ort zu erkunden. Der Spaziergang zeigt: Es ist ein kleines, malerisches Städtchen mit einer herrlichen Bäckerei, in der sie an deutsche Kuchen erinnernde Köstlichkeiten entdecken. Genüsslich schwelgen sie in Apfel- und Nusskuchen, die für Spanien völlig untypisch kaum gesüßt sind. Kein pappiger, verklebter, zuckriger Eischnee verdirbt den Geschmack.
„Wie findest du diese Separatisten?“, eröffnet Eliza das Gespräch, nachdem sie ihr Nussstückchen verspeist hat.
„Schwieriges Thema …“, antwortet Benn. „Einerseits verstehe ich, dass sie den Anspruch erheben, ihre Eigenart von der Masse abzugrenzen. Andererseits ist Gewalt keine Lösung. Es wäre für die Welt besser, wenn alle Menschen lernen würden, in einer friedlichen Kooperation zu leben.“ Nachdenklich reibt er sich über das Kinn. „Dazu gehört aber, dass sie voll anerkannt werden“, ergänzt er. „Und da sitzt wohl das Problem. Wer sich nicht gesehen und akzeptiert erlebt, neigt irgendwann zu Wut und Kampf.“
Eliza schaut ihn erschrocken an. Ist Beth deshalb so häufig mürrisch und ablehnend, weil sie sich als ungesehen wahrnimmt?
Am nächsten Morgen wandern Benn und Eliza vom Stellplatz aus in die Berge. Über malerische alte Brücken queren sie kleine Bäche, Sandwege und einsame Straßen und gelangen immer tiefer in die Bergregion mit abschüssigen Wiesen, auf denen sanfte Pferde friedlich grasen. Die Gegend strahlt Ruhe und Harmonie aus. Benn ergreift Elizas Hand, und nach kurzem Zögern lässt sie es zu. Gemeinsam bleiben sie an einer Koppel stehen und beobachten eine Stute, die sich etwas zurückgezogen hat. Ihre Beine zittern, sie scheint hochschwanger zu sein.
„Wir sollten die Polizei benachrichtigen, damit der Besitzer kommt.“ Benn sorgt sich um das Pferd. „Scheinbar steht die Geburt des Fohlens kurz bevor!“
„Aber das weiß der Halter doch! Außerdem können wir beide nicht genug Spanisch, um die Beamten genau zu informieren, wo das Pferd steht!“, wehrt Eliza seine Idee ab.
Benn seufzt. „Vielleicht hast du recht …“
Sie wenden sich wieder dem Weg zu. Doch er holt sein Handy aus der Jackentasche und wählt den Notruf. „Spricht jemand Englisch oder Deutsch?“, fragt er als Erstes den Beamten am Telefon. Nach kurzer Zeit fährt er in der Fremdsprache fort: „Wir stehen hier auf einem Wanderweg, der vom Stellplatz über den Berg Richtung Nordwesten führt. Auf der Koppel vor uns ist eine Stute, hochschwanger. Vielleicht sollte der Besitzer informiert werden.“
Benn beschreibt die Signatur auf dem Wegweiser, die letzte Brücke, über die sie gekommen sind, und auch die Form des Berges, den sie vor sich sehen. Eliza steht abseits und windet sich innerlich. Ihr ist es peinlich, wie ihr Freund sich bemüht, den Beamten zu verdeutlichen, wo sie sich befinden. Sie krümmt sich vor Scham, denn sie vermutet, dass sich die Polizisten am Telefon über den dummen Touristen nur lustig machen.
Endlich hat Benn den Anruf beendet und wendet sich wieder ihr zu.
„Man darf nie aufgeben, sich mitzuteilen. Vielleicht haben wir das Leben der Stute und ihres zukünftigen Babys gerettet.“ Dabei reckt Benn, stolz auf seinen Einsatz, den Rücken und ergreift wieder ihre Hand. Beide setzen ihre Wanderung fort und in Eliza meldet sich ein Impuls. Doch sie zögert zu lange.
So fällt Benn in ihre Gedankengänge. „Wenn ich damals, als ich noch Lehrer war, nicht so hartnäckig dafür gesorgt hätte, dass die Kinder angemessene Unterstützung bekommen, wären viele am System gescheitert. Ich hab immer wieder erfahren müssen, dass das so nicht abläuft … aber dann habe ich es gehend gemacht und die nötigen Hilfen für meine Schüler erhalten!“, erklärt er seine Handlungsweise.
Eliza schwankt, ob sie Benn ihre Gedanken über das Telefonat mitteilen soll. Entscheidet sich aber schließlich dagegen. Sie will Benn nicht desillusionieren und wandert schweigend weiter. Doch in ihr drängt etwas nach außen. Sie wird immer stiller, in sich gekehrt, hadert mit dem starken inneren Impuls, Benn auf seinen Irrtum hinzuweisen.
So früh am Morgen ist es noch deutlich frisch, erst der Tag wird die für September hier immer noch übliche Wärme bringen. Den Tagestemperaturen zum Trotz zeigen einige Büsche am Wegesrand erste Herbstfärbungen: Ein sattes Gelb gesellt sich zu einem dunklen, strahlenden Rot. Mit dem kräftigen Grün im Hintergrund ergibt das herrliche Kontraste. Die Hagebutten stehen in voller Reife und sprenkeln so die Grünschattierungen, und das alles wird überspannt von einem strahlend blauen Himmel.
