umgekrempelt - Sybille Schmidt-Grundmann - E-Book

umgekrempelt E-Book

Sybille Schmidt-Grundmann

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Beschreibung

Auf meinen Fahrten lerne ich immer wieder die außergewöhnlichsten Menschen kennen. Diese Lebensgeschichte hat mich so inspiriert, dass ich darüber ein Buch schreiben musste. In langen Gesprächen auf der gemeinsamen Reise hat sich mir die Welt von Jens eröffnet. Sein Schicksal hat mich tief berührt. Beginnend bei der Kindheit:ÿJens ist unglücklich. Sein Leben entspricht in keiner Weise seinen Vorstellungen. Er lebt, was sein Vater will, was seine Mutter für richtig hält, wie es die dörfliche Gemeinschaft regelt. Wird er je den Mut haben, seinen Wünschen und Träumen zu folgen? Er schwankt zwischen zaghaftem Aufbegehren und Resignation, bis die Umstände ihn zwingen, endlich seinem Herzen zu folgen. Wird er diesen außergewöhnlichen Weg beschreiten und sich von seinen Fesseln seiner Herkunft befreien? Sich für ein eigenes Leben in Freiheit und Unabhängig entscheiden? Eine wahre Heldenreise …

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Titelei

Impressum

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

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27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

44.

45.

46.

Epilog

Danksagung

Weitere Bücher der Autorin

Orientierungsmarken

Cover

Titelei

Impressum

Prolog

Dank

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Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Verlag verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung des Verlags unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Verlags, zu erreichen unter: spiritbooks · spiritbooks.de · Mansfield Height Lot 73, Ocho Rios, Jamaica.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (Text und Data Mining) zu gewinnen, ist untersagt.

© 2025 Sybille Schmidt-Grundmann · frauontour.com

Verlag: spiritbooks · spiritbooks.de · Mansfield Height Lot 73, Ocho Rios, Jamaica

Verlagslabel: spiritbooks

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Satz u. Layout / E-Book: Büchermacherei · Gabi Schmid · buechermacherei.de

Covergestaltung: OOOGrafik · ooografik.de

Bildquellen: #541546653 | AdobeStock; Privatarchiv Autorin

Druck und Distribution im Auftrag des Verlags:tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg

Softcover: 978-3-946435-37-2

EBook: 978-3-946435-38-9

Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und unbeabsichtigt. Alle Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne Erlaubnis nicht veröffentlicht werden.

Dieses E-Book wurde für Kindle Paperwhite, iBooks (iPad) und Tolino Vision 3 HD optimiert. Auf anderen Lesegeräten oder in anderen Lese-Apps kann es vorkommen, dass sich Textelemente oder Tabellen leicht verschieben. Das lässt sich leider nicht vollständig vermeiden – wir bitten um Ihr Verständnis.

Prolog

In der Gesellschaft gibt es viele Normen und ungeschriebene Gesetze, die den Menschen scheinbar vorschreiben, wie sie zu sein haben. Je stärker sich ein Charakter jedoch verbiegt, desto mehr schadet er seiner Seele und so bevölkern viele emotionale Krüppel unsere Welt.

Es ist ein großer Unterschied zwischen Selbstliebe und einer Maske, die sich ein Mensch angewöhnt hat zu tragen. Das Patriarchat hat mit seinen vernunftbegründeten Anforderungen begünstigt, etwas zur Schau zu stellen, eine durch den Verstand erzeugte Persönlichkeit (persona = Maske im Griechischen) zu zeigen. Wir haben danach gestrebt, eine möglichst unbefleckte, gradlinige Personalität zu erschaffen. Dabei blieb das Herz mit unseren Gefühlen auf der Strecke.

Zum Wandel müssen wir jedoch beides voll leben: Emotionen und Verstand. Die Ausrichtung auf die reine Vernunftebene war und ist schmerzhaft, alle Menschen streben nach „ihrer besseren Hälfte“, der liebevollen Seite in sich. Doch manchmal erscheint die Suche wie ein Besuch im Labyrinth.

Aber: Don’t give up! Aufgeben ist die schlechteste Alternative auf dem Lebensweg.

Je freier sich ein Mensch fühlt, desto eher kann er sich selbst leben und dadurch auch alle anderen so sein lassen, wie sie sind. Toleranz und Gelassenheit bilden die Grundstimmung. Mögen wir dafür den Mut finden, damit unser inneres Licht erstrahlt, um die Welt im friedlichen, liebevollen Miteinander zu heilen!

Don’t give up …

1.

Wieder blättere ich in einem Baur-Katalog. Wie gern würde ich so aussehen wie die da: lange, blonde Zöpfe, ein hellblaues Dirndl, dazu weiße Kniestrümpfe mit Zopfmuster und ein strahlendes Lächeln. Wie glücklich sie aussieht! Ich hebe meinen Blick und schaue in den Spiegel: Ein mürrisches, trauriges Gesicht mit stoppelkurzen Haaren blickt mir entgegen, eben ein typischer deutscher Junge. Warum kann ich nicht so sein und aussehen wie sie? Ich träume mich in eine bessere Zukunft … doch wir schreiben das Jahr 1975 und mein Outing ist noch in weiter Ferne.

„Jens, komm runter, du musst den Tisch decken!“

Meine Mutter, die strenge Königin, Herrscherin über die Familie. Hat sie mein Träumen bemerkt? Manchmal kommt es mir so vor, als sitze sie mitten in meinem Kopf und urteilt. Und es ist verboten, als Junge von Mädchenkleidern und schönem Aussehen zu fantasieren. Wenn ich mir Puppen wünsche, dann wird das immer empört abgelehnt.

„Damit spielt ein Junge nicht! Du willst doch ein Mann werden!“

Nein … eigentlich nicht. Die Männerwelt ist schmutzig, hart, eckig, voller Kampf und sich gegenseitig messen. Immer muss man der Beste, Größte, Stärkste sein! Mädchen sind so viel sanfter, freundlicher, sauberer und mit viel Verständnis! Mit ihnen fühle ich mich wohler.

Vater glänzt durch häufige Abwesenheit. Ich kenne ihn eigentlich nur durch die Erzählungen meiner Mutter. Er steht meist schon vor mir auf, verlässt früh das Haus und kommt oft erst zurück, wenn ich längst schlafe. Er arbeitet, wie sie immer wieder betont, um uns zu versorgen. Und nein, so möchte ich niemals werden: Ein uninteressierter, ablehnender, mürrischer Mensch, der nie Zeit für uns hat.

Auch Mutter ist nicht so liebevoll mit mir, wie es die Mütter meiner Freundinnen sind. Gabi, beste Freundin von Welt, lernt bei ihrer Mam, wie man leckeres Essen zubereitet. Und Uschis Mama hat ihrer Tochter sogar gezeigt, wie man sich schminkt! Das haben wir Mädels, wie ich uns heimlich nenne, dann alle gemeinsam vor dem Spiegel hier bei mir im Zimmer ausprobiert.

„Jens, jetzt komm endlich! Sonst mach ich dir Beine!“, droht meine Mutter aus der Küche. Ach, ich kenne ihren Kochlöffel, das tut entsetzlich weh auf dem nackten Po. Also verstecke ich den Katalog hinter dem Bett und trolle mich nach unten. Ich stolpere die Treppe hinab und stehe in der Küchentür.

„Na endlich!“, empfängt sie mich. „Hast wohl wieder geträumt!?“

Schuldbewusst ziehe ich den Kopf ein, greife die Teller und decke den Tisch. Es riecht nach Hühnersuppe. Schon wieder! Wie ekelig! Ich mag sie nicht. Da schwimmen immer diese Fettaugen oben drauf und dann die wabbelige Hühnerpelle. Dazu gibt es süße Griesklöße, eine grässliche Kombination. Sobald ich nur an den Geschmack denke, muss ich würgen. Aber ich darf die Suppe nicht stehen lassen. Ich bin gezwungen, immer alles aufzuessen, sonst schwingt sie den Löffel. Und wenn’s ganz schlimm wird, kommt der Vater am Abend mit dem Gürtel!

Wenn ich nur endlich erwachsen wäre, dann könnte mir keiner mehr was vorschreiben! Doch noch bin ich mal gerade acht Jahre alt … und alles liegt so trostlos und ellenlang vor mir.

Lustlos verteile ich die Teller.

„Sei vorsichtig!“, blafft mich meine Mutter an. „Pass auf mit dem Geschirr!“

Erschrocken fahre ich zusammen.

Ich gehe an die Schublade, greife die Löffel und lege sie an die Teller.

Wie stattlich wären jetzt gefaltete Servietten und ein Blumenstrauß in der Mitte. Und eine weiße Tischdecke statt dieser grell bunten Plastikbahn … wieder gleiten die Gedanken ab. Ich sehe mich eine festliche Tafel decken … Kerzen strahlen … das Silber funkelt …

Plötzlich erhalte ich eine Kopfnuss und schrecke aus meinen Bildern.

„Was träumst du hier so rum, deck endlich den Tisch fertig, wasch dir deine Hände und setz dich hin!“ Mutter blitzt mich böse an.

Erschrocken sehe ich auf, lege den letzten Löffel an seinen Platz und husche ins Bad. Schon höre ich die Haustür und ziehe schuldbewusst den Kopf tiefer ein.

Vater!

Hoffentlich hat er positive Laune.

Am Tisch drehen sich die Gespräche erst einmal um Petra, meine Schwester, und ich bin froh, dass ich vor mich hinträumen darf. Sie ist schon älter und bald steht eine Lehre an. Sie würde gern Sekretärin werden, aber Vater will davon nichts wissen.

„Das ist doch nur Schnickschnack! Wie wirst du damit Geld verdienen? Und vor allem wo soll denn hier Arbeit herkommen?“

„Ich könnte nach Hamburg gehen,“ wirft Petra verschüchtert ein.

Aber Vater lacht dröhnend: „Du allein in der großen Stadt! Na das würde ich gern mal sehen! Kommt nicht in Frage.“ Kurz hatte Petra den Kopf erhoben, doch nun sinkt sie wieder in sich zusammen und lässt resigniert die Schultern fallen.

Jetzt wendet Vater seine Aufmerksamkeit mir zu: „Und du Junge, warst du mit den anderen Burschen zum Fußball spielen?“

Erschrocken schaue ich ihn an.

„Nein,“ stottere ich. „Hab Hausaufgaben erledigt.“

„Den ganzen Nachmittag?“, brüllt er wütend. „Red doch keinen Unsinn! Hast wieder nur Löcher in die Luft gestarrt!“ Auffordernd sieht er mich dabei an und schon ziehe ich die Schultern hoch und werde rot. Was bleibt mir jetzt noch zu sagen?

„Warum bist du nicht wie Helmut?“ Das ist der Junge von nebenan. „Das ist ein feiner Kerl!“, schwärmt mein Vater.

Nein, ist der nicht! Er quält die Katzen, wenn er sie erwischt, und verspottet mich. Er nennt mich Pussi oder Schwuli. Aber das darf ich nicht laut sagen.

Also schlage ich meine Augen nieder und esse brav diese widerliche Suppe mit ihren ekeligen Klößen. Ich höre den Vater schlürfen und schmatzen und unterdrücke das Würgen.

2.

Es ist kurz vor Weihnachten. Wieder habe ich nur eine Sache auf den Wunschzettel geschrieben: Ich wünsche mir eine Barbiepuppe.

Vor einiger Zeit hatte mir Hannelore, eine meiner Freundinnen, eine ihrer Barbies geliehen, damit ich ihr ein lilafarbenes Abendkleid schneidere. Diese Puppe in ihrer wundervollen Robe habe ich genau abgemalt in dem Brief. Nun bete ich heimlich jeden Abend darum, dass ich sie bekommen werde. Natürlich nicht in einem solchen Kleid, das hatte ich ja genäht, aber eben so eine Barbie mit langen blonden Haaren und hohen Schuhen.

Gestern waren meine Eltern zum Einkaufen in der Stadt. Und als sie wiederkamen, habe ich genau so ein längliches Päckchen in ihren Tüten gesehen! Es wäre großartig, wenn ich endlich eine solche Puppe hätte. Ich stelle mir vor, wie ich Kleider für sie nähe, Pullover stricke oder häkele …

„Jens, kannst du das Mehl weitersieben?“, weckt mich Mutter aus den Träumereien. „Wir wollen heute noch fertig werden!“

Ich schrecke auf und starre auf meine Hände. Ich halte das Mehlsieb über die Schüssel …

„Ja,“ stottere ich eifrig. Dabei backe ich doch so gern und heute sollen es Vanillekipferl werden, die mag Vater am liebsten.

„Tu auch gleich das Backpulver mit ins Sieb“, fordert mich Mutter auf.

Sie holt die Butter aus dem Kühlschrank. Letztes Jahr hatte sie Margarine genommen, weil die preiswerter ist, aber Vater hatte ihr den Keks auf den Tisch gespuckt.

„So’n Mist kann man doch nicht essen!“, hat er gebrüllt und wütend die gute Stube verlassen. Wir haben uns alle ganz klein gemacht und nur noch wenig miteinander geflüstert, um ihn zu beruhigen. Mutter hat ihm schließlich ein Glas von dem teuren Cognac angeboten, damit wieder Frieden herrscht.

„Für nächstes Jahr spare ich immer etwas von dem Haushaltsgeld, so kann ich dann Butter nehmen!“, hatte sie ihm versprochen und auch gehalten. Wie grässlich so ein Mann ist, brutal, herrschsüchtig und so gar nicht mitfühlend! Ich schüttel mich und kehre in die Gegenwart zurück.

„Was kommt noch in den Teig?“, will ich wissen.

„Schlag mal nur 2 Eier rein und etwas Wasser. Dann ist der Geschmack drin, aber es wird nicht so teuer.“

Oh je, hoffentlich merkt das der Vater nicht wieder. Sonst ist er die ganze Weihnachtszeit über verstimmt und sein ewiges Genörgel wird uns die Tage vermiesen!

Endlich ist der Teig geknetet und wir greifen zu den Förmchen, die wie eine Mondsichel aussehen. Gemeinsam stechen wir die Kipferl aus und legen sie auf das gefettete Backblech. Mutter schiebt das Blech in den vorgeheizten Ofen und stellt die Backzeit auf dem Küchenwecker ein. Schnell verbreitet sich der angenehme Duft nach Kuchen, Kekse und Vanille.

Ich stelle mir vor, wie ich die Freundinnen zum Tee treffe. Dazu trage ich ein fließendes lilafarbenes, bodenlanges Kleid. Meine offenen, langen blonden Haare fallen in seidig glänzenden Locken über die Schultern. Uschi ist da und Hannelore und vor allem Gabi. Wir genießen den leckeren Tee, kosten von den deliziösen Keksen und reden über das Eislaufpaar Kilius/Bäumler, die gerade wieder eine Goldmedaille errungen haben.

Danach erklärt uns Uschi die neusten Schminktipps aus der Bravo. Wir wollen alle so einen richtig kirschroten Kussmund wie Brigitte Bardot! Dazu holt sie ihr Beraterköfferchen hervor und schminkt jeder von uns diesen sensationellen Mund. Uschi stellt sich häufig vor, sie wäre eine Mitarbeiterin von Avon.

Was für ein wundervoller Nachmittag!

Die Küchenuhr reißt mich aus den Träumen, sie meldet das Ende der Backzeit. Schnell zieht Mutter die Topflappen aus der Schublade, öffnet den Backofen und sofort verstärkt sich der köstliche Duft. Goldbraun liegen die Kipferl in den Reihen.

„Probier mal!“, fordert Mutter mich auf.

Ich greife vorsichtig einen Keks, puste und beiße hinein. Außen leicht knackig, innen weich und süß, sie zergehen auf der Zunge.

„Gut?“, fragt Mutter.

„Köstlich!“, antworte ich ihr schmatzend. „Die sind uns gelungen.“

„Schmecken sie nach Butter?“, erkundigt sie sich ängstlich.

„Und wie! Und süß sind sie. Und der Vanillegeschmack liegt angenehm auf der Zunge.“

Mutter kichert wie ein junges Mädchen. „Was du immer für Ausdrücke findest! Liegt angenehm auf der Zunge …“

„Ja, man kann auch sagen: Die Vanille kitzelt den Gaumen!“, steigere ich mich hinein.

Mutter lacht und freut sich. Es tut so gut, sie so unbeschwert zu erleben.

Doch leider ist das nur von kurzer Dauer.

3.

Mitten in der Nacht wache ich von Gebrüll und Gejammer auf. Vater war gestern Abend, als ich zu Bett ging, noch unterwegs. Nun muss er heimgekommen sein. Es hört sich an, als hätte er getrunken.

„Nein, Richard, ich will nicht. Ich bin müde!“, jammert Mutter.

„Eine Ehefrau hat ihre Pflicht zu erfüllen!“, brüllt mein Vater dagegen.

„Sei doch leiser …“, bittet sie. „Du weckst die Kinder!“

„Für was rackere ich mich eigentlich so ab? He?“

Aber Mutter bleibt ihm die Antwort schuldig.

„Und bist du nicht willig …“, setzt er nach kurzer Zeit fort.

„Neiiiiin!“, kreischt sie, während Vater nur grunzt.

Ich halte mir die Ohren zu. Ich will das nicht hören! Dann verstecke ich meinen Kopf unter dem Kissen und ziehe außerdem die Decke darüber. Jetzt klingt alles nur gedämpft zu mir herüber. Ob er sie wieder schlägt? Ich kann so nicht schlafen und morgen werden wir eine Mathearbeit schreiben. Wie soll ich da gute Noten schaffen? Und wenn es erneut nur eine Vier wird, dann bekomme ich Schläge. Das hat mir der Vater angedroht.

Ein unkontrolliertes Zittern erfasst meinen Körper. Ich bebe und habe das Gefühl, dass das Bett wackelt. Doch dann höre ich das Quietschen und Bummern vom Schlafzimmer der Eltern. Vater scheint sich sein Recht zu holen.

Kein Wunder, dass Mutter immer will, dass mein Penis sauber ist! Am Abend in der Badewanne hat sie ihn wieder geschrubbt, dabei die Haut ganz nach hinten gezogen und mit dem kratzigen Schwamm bearbeitet. Das tut höllisch weh, aber sie kennt da kein Pardon.

Es dauert lange, bis nebenan endlich Ruhe einkehrt und noch viel länger, bis ich mich beruhigt habe. Nein, ich werde niemals heiraten! Und ich werde irgendwann wie eine erfolgreiche Frau allein leben! Das schwöre ich mir.

Dabei wird mir nicht klar, wie das überhaupt funktionieren kann.

Früh weckt mich Mutter. Sie hat ein blaues Auge und ein verquollenes Gesicht. Oh, wie ich Vater hasse! Er hat es gar nicht verdient, dass wir uns mit seinen blöden Kipferln so viel Mühe geben! Dieser brutale Mensch!

„Jens, steh auf,“ bittet Mutter. Ihre Stimme klingt müde und verweint. Ich spreche sie lieber nicht auf das Auge an, sondern tue so, als ob ich es nicht sehe. Dann muss sie mir keine Lügengeschichte erzählen.

„Ich hab solche Kopfschmerzen,“ stöhne ich.

„Willst du zu Hause bleiben?“, fragt Mutter besorgt.

„Eigentlich schon, aber wir schreiben Mathe und ich will nicht nachschreiben müssen.“ Damit quäle ich mich aus dem warmen Bett.

Schnell greife ich zu meinen Jeans und dem dunklen Pullover. Eigentlich mag ich lieber leuchtende, helle Farben, aber heute ist es mir ganz recht, wenn ich nicht auffalle. Im Bad putze ich mir gründlich die Zähne und wasche mich, bevor mich anziehe. Schon klopft Petra an die Badezimmertür.

„Beeil dich, ich muss auch los.“

„Ja, bin ja gleich fertig!“, nöle ich und schleiche dann die Treppe herunter in die Küche. Da liegen nur drei Brettchen, stehen zwei saubere Tassen, also ist Vater längst los und ich atme erleichtert auf. Schnell bereite ich mir ein Brot mit Marmelade, stopfe es in den Mund, spüle mit dem lauwarmen Kakao nach und springe auf.

„Warte,“ stoppt mich Mutter. „Ich schmier dir noch ein Pausenbrot. Was willst du draufhaben?“

„Leberwurst,“ nuschle ich und reiche ihr die Brotdose.

„Apfel?“

„Ja,“ antworte ich lustlos, denn mein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen. Ich habe Helmut draußen am Zaun bemerkt. Er wartet auf mich, scheinbar will er mit mir gemeinsam zur Schule gehen. Das macht er jedoch nur, damit er mich quälen kann, denn eigentlich vermeidet er es, mit mir gesehen zu werden. Außer wenn er seine Wut abreagieren muss, dafür bin ich ihm immer ein willkommenes Opfer! Wahrscheinlich hatte wieder Ärger mit seinem Vater. Dann bin ich gut genug für seinen Spott und seine Häme.

Aber mein Taschengeld ist schon verbraucht, so dass ich ihm nichts geben, mich freikaufen kann. Und wann ich das nächste Mal Geld von Vater bekomme, steht in den Sternen.

Ich habe Angst, vor die Tür zu gehen, doch ich muss die Mathearbeit schreiben! Eigentlich bin ich sogar ziemlich gut in Mathe. Aber ich kann mich einfach nicht konzentrieren, wenn ich so gequält werde oder Probleme habe. Dann zittern meine Beine und im Kopf fließt graue Matsche.

Lieber Gott, bitte hilf mir, bete ich leise, während ich die Brotdose in die Schultasche stopfe. Ich ziehe mir den Mantel an, wische kurz über die wohligen, neuen Stiefel und öffne die Haustür.

„Na Schwuli,“ empfängt mich Helmut an der Gartenpforte, „auch Bock auf Mathe?“ Schweigend will ich mich an ihm vorbeidrücken, doch er zerrt an meinem Mantel.

„Kannst du nicht mal grüßen, wenn ich mit dir reden?“, knurrt er mich an.

Ich nuschele einen Gruß, doch damit ist er nicht zufrieden: „Rede anständig mit mir!“

„Bitte!“, ich höre mein Wimmern.

Da kommen Hannelore und Gabi um die Ecke.

„Na Helmut,“ spricht Hanni ihn an. „Spielst’e wieder den starken Macker? Hattest wohl Ärger mit deinem Alten, was?“

Oh sie ist so mutig!

„Musste dich abreagieren?“, setzt Gabi nach.

„Lasst mich bloß in Ruhe,“ murrt Helmut.

„Verzieh dich!“, gibt Gabi ihm mit auf den Weg und schon spurtet er los.

„Ihr seid doch nur dumme Weiber!“, schreit er uns noch zu, aber die Mädels lachen nur.

Danke lieber Gott, dass du mir geholfen hast.

Gemeinsam begeben wir uns auf den Weg zur Schule. Vielleicht wird diese Mathearbeit ja besser als die letzte!

4.

Ich bin froh, dass ich mit Hanni und Gabi gemeinsam den Klassenraum betrete. Die beiden werden von den anderen Schülern begrüßt und ich verdrücke mich unbemerkt auf meinen Platz. Schnell sortiere ich die Federtasche auf den Tisch: Jetzt bin ich bereit für den Test. Doch ich habe mich zu früh gefreut!

„Na Pussi, bist’e wieder geil auf’ne vier?“ Malte, der ewige Mitschwimmer, will sich hervortun.

Ich zucke zusammen, ziehe den Kopf ein und warte auf den Spott der Anderen. Doch da kommt Herr Messner, der strenge Mathematiklehrer, streift uns mit seinem resoluten Blick. Sofort fordert er Heiko, unser Matheass, auf: „Teil schon mal die Hefte aus!“ Schnell läuft Heiko an den Schrank, holt die Arbeitshefte heraus und verteilt sie auf die Tische, während Herr Messner die intensiv riechenden Abzüge der Matrizen jedem Schüler einzeln aushändigt. Dabei achtet er darauf, dass die Sitznachbarn jeweils einen A- und einen B-Zettel bekommen.

Ich sehe auf die Aufgaben und stöhne: wieder ganz viele Textaufgaben! Seit wir in der dritten Klasse sind, werden wir ständig damit gequält! Mühsam fange ich an, sie zu lesen und vor allem zu verstehen.

Hinter mir tuscheln Helmut und Hans. Das lenkt mich ab: Reden sie über mich? Gabi und Hanni vor mir schreiben und rechnen schon eifrig. Kai neben mir stupst mich an und deutet auf den Zettel. Ja, er hat recht, ich muss mich um die Arbeit kümmern, sonst wird es wieder nichts, doch mein Blick bleibt an Hannis Zopf hängen. Er ist dick und fest und am Ende baumelt eine kleine Spange mit einem Schmetterling.

„Jens, träum nicht, rechne!“, mahnt Herr Messner.

Ich seufze tief, es fällt mir so schwer, mich zu konzentrieren! Und die Textaufgaben sind so kompliziert! Mühsam entziffere ich den Inhalt … doch was interessieren mich, wie viel fünf Tüten mit jeweils sieben Gummibärchen kosten? Würde ich doch nie kaufen! Die machen dick und kleben an den Zähnen.

Wieder stupst mich Kai an und zeigt auf die Uhr. Oh je, ich muss mich beeilen, die Zeit ist fast um! Dann rechne ich lieber erst die Türme. Das Einmaleins geht schnell, das kann ich gut. Hab ich mit Vater trainieren müssen. Wenn das Ergebnis nicht fix genug kam, gab’s mit dem Lineal auf die Finger.

Wieder stößt mich Kai an. Meine Güte, der Zeiger rennt! Ob die da einen Motor hintergesetzt haben? Schnell, schnell, schnell … Ich hasse diesen Druck, da kann ich kaum nachdenken.

„So … schreibt bitte euren Namen oben auf den Zettel und legt ihn in euer Arbeitsheft.“

Nein! Und ich habe erst drei Rechentürme fertig!

„Anja, bitte sammle die Hefte ein.“

Oh, Anja ist langsam, schnell noch eine Aufgabenreihe. Und wie lautet die Frage zur ersten Textaufgabe? Die fangen doch immer mit wie viel an. Schnell, schnell, schnell …

„Wie viel kosten …“, flüstert Kai. Ja, genau, jetzt noch schnell die Rechnung. Das Einmaleins mit sieben kann ich … Da steht Anja vor mir und fordert mein Heft.

„Ich geb’s dir gleich …“

„Nein, jetzt!“, bestimmt sie.

Oh je, die Arbeit hab ich wohl doch nicht so gut hingekriegt!

„Letzte Stunde haben wir Sport!“, jubelt Kai. „Ich freu mich schon! Endlich was Gescheites!“

Ach ja … ich hasse Sport. Immer werde ich als Letzter ausgewählt. Und in der Umkleide … wenn alle mich angucken und Helmut und seine Freunde sticheln. Wieder so ’n Scheißtag!

Gemeinsam gehen wir in die Pause.

„Du hast dein Frühstück gar nicht mit,“ wundert sich Kai.

Nee, mir ist der Appetit vergangen. „Keinen Hunger!“

„Darf ich es haben?“

Kai hat häufig seine Box zu Hause vergessen, wie er immer sagt. Ich weiß, dass die echt wenig Geld haben.

„Klar, gern! Geb ich dir, sobald wir wieder drin sind.“

Herr Messner hat die Klassentür bereits abgeschlossen und mag es gar nicht, wenn wir nochmal reinwollen.

Auf dem Schulhof sehe ich Helmut und seine Leute. Sie kommen näher …

5.

„Wieso gehst’e mit dem Schwulen?“, will einer von Kai wissen.

„Jens ist nicht schwul!“, entscheidet Kai.

Gabi kommt dazu und mit Unterstützung von Hannelore fragt sie: „Was ist eigentlich schwul?“ Doch keiner antwortet. Wissen die wohl selbst nicht. Doch Malte, einer von Helmuts Gang, lässt nicht locker. „Na Schwuchtel, haste wieder den Test verhauen?“

Ich möchte mich an ihm vorbeidrücken, aber Malte ergreift meinem Arm und hält mich fest.

„Au, du tust mir weh!“

„Aua“, verhöhnt er mich. „Du tust mir weh!“ Dazu hebt er seine Stimme, wackelt geziert mit seiner Hüfte und spreizt seinen kleinen Finger ab. Die Gruppe um ihn grölt und lacht und Helmut schlägt ihm anerkennend auf die Schulter.

„Du musst mal’nen Mann aus ihm machen!“, stichelt Malte in Richtung Helmut.

„Recht hast du“, bestärkt der ihn und nimmt mich in den Schwitzkasten. Meine Arme hängen schlapp an mir herab. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll! Wehren stachelt ihn nur weiter an und er ist sowieso stärker als ich. Ich bin wie in Schockstarre.

„Los, verteidige dich, du Memme!“, nötigt mich Helmut, und seine Gang stimmt einen Sprechgesang an. „Feigling! Feigling! Feigling!“ Dazu klatschen sie rhythmisch in die Hände.

Helmut schmeißt mich auf den Boden und will mit mir rangeln, aber ich bleibe bewegungslos liegen. Am liebsten möchte ich weinen, doch das verkneife ich mir. Krampfhaft schlucke ich die aufsteigenden Tränen runter. Helmut springt auf und tritt mir in die Seite.

„Du Arsch!“, schreit er wütend.

Ich krümme mich zusammen, stöhne und hoffe, dass bald ein Lehrer auf uns aufmerksam wird. Doch noch ist es nicht vorbei. Sie haben einen engen Kreis um mich gebildet und malträtieren mich abwechselnd mit ihren Fußtritten. Dabei ist es ihnen egal, wo sie mich treffen: In den Bauch, meine Hüfte, an Füße und Beine … ich hebe schützend die Arme über Gesicht und Kopf. Dazu dröhnt weiter dieser Gesang: „Feigling! Feigling! Feigling!“

Inzwischen schmerzt mein ganzer Körper und ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Endlich höre ich Herrn Messner: „Was ist denn hier los?“ Er dringt in den Kreis, zerrt mich am Arm, hoch und fragt in die Runde: „Was ist passiert?“

Ich bin stumm, weiß keine Antwort. Wenn ich die Jungs jetzt verpetze, werde ich bei nächster Gelegenheit bestimmt wieder verprügelt, deshalb schweige ich.

Schließlich erklärt Helmut: „Jens hat mich angespuckt, da hab ich ihn flachgelegt. Das lass ich mir nicht gefallen!“ Ja, nicken die anderen zustimmend.

Herr Messner schaut mich an, doch ich weiche seinem Blick aus.

„Na, dann werden wir wohl zum Rektor müssen.“ Dabei ergreift er meinen schmerzenden Arm und ich zucke zusammen. Für ihn sieht es so aus, als wenn ich den Arm wegziehen wollte. Deshalb packt er noch kräftiger zu und ich schreie vor Schmerzen auf. Erschrocken lässt Herr Messner los.

„Komm einfach mit“, fordert er mich genervt auf und so gehen wir gemeinsam nebeneinander zum Rektor. Jeder Schritt schmerzt, denn der Tritt in die Hüfte war heftig. Außerdem habe ich ziemliches Bauchweh, doch ich wage nicht, mich zusammenzukrümmen. So bemerkt Herr Messner nicht, wie sehr mein Körper vor Schmerzen schreit und schreitet zügig voran. Ich schlurfe hinter ihm her, an der Eingangstür dreht er sich zu mir um.

„Nun beeil dich mal! Die Pause ist gleich vorbei.“ Er hält die Tür fordernd für mich auf und ich versuche, so schnell wie möglich ihm zu folgen.

Vor dem Rektorenzimmer empfängt uns Frau Schneider, die Schulsekretärin.

„Hat der Rektor einen Augenblick Zeit?“, erkundigt sich Herr Messner.

„Ja, er ist grad frei. Klopfen Sie einfach an.“

„Herein“, ertönt es von drinnen. Herr Schmidt, der Direktor der Schule, begrüßt uns lächelnd. „Na, was haben wir denn da?“

Herr Messner schildert die Pausensituation so: „Jens hat Helmut angespuckt, woraufhin der ihn auf die Erde geworfen hat. Die anderen Jungs standen im Kreis um ihn herum und haben den am Boden Liegenden verlacht. Aber spucken geht doch auch gar nicht!“

Herr Schmidt schaut mich an. „Jens? So kenne ich dich überhaupt nicht. Was ist denn da passiert?“ Mir fällt keine passende Geschichte ein und so schweige ich.

„Herr Messner, danke, Sie können wieder in die Aufsicht gehen. Ich kläre das.“

„Gut! Vielen Dank“, verabschiedet sich der Mathematiklehrer und schließt hinter sich die Tür.

„Willst du mir nicht erzählen, was wirklich vorgefallen ist?“

Die gütige Stimme von Herrn Schmidt treibt mir die Tränen in die Augen, doch ich schüttle den Kopf. Ich habe immer noch den Arm um meinen schmerzenden Bauch geschlungen und wanke leicht.

„Setz dich mal“, fordert der Rektor und schaut mich lange an.

Mir rollen die Tränen über die Wangen, doch ich sage keinen Ton. Die Hüfte brennt, mein Bauch krampft und in den Füßen stichelt es. Überall merke ich die Folgen der Tritte.

Schließlich seufzt Herr Schmidt. „Gut, ich werde dir Sozialstunden aufbrummen. Du hast dich beim Pferdehof zu melden. Dort wirst du im Stall mitarbeiten, verstanden? Stell dich da schnell vor, denn ich werde nachfragen. Und jetzt gehst du zurück in die Klasse.“ Damit bin ich entlassen.

Langsam stehe ich auf, die Schmerzen in meinem Körper lassen mich immer wieder zusammenzucken. Ich gehe zur Tür und drehe mich noch einmal zu Herrn Schmidt um. Er schaut mich voller Mitgefühl und Verständnis an, sodass mir erneut Tränen in die Augen schießen.

6.

Ein paar Tage später liegt ein Brief von der Schule auf Vaters Platz am Küchentisch. Darin wird ihm der Ärger, den ich in der Pause mit den Jungs hatte, mitgeteilt und meine Bestrafung. Ich habe große Angst vor heute Abend, denn sicherlich bekomme ich Schläge von ihm!

Mutter schaut mich böse an. „Was ist passiert? Hab ich dir nicht immer geraten, dich aus allem rauszuhalten?“

Ich bleibe ihr eine Antwort schuldig. „Scheinbar willst du genauso schrecklich werden wir dein Vater!“ Damit verlässt sie wütend die Küche.

Mir kommen mal wieder die Tränen: Warum versteht mich keiner? Warum sieht niemand, wie ich wirklich bin? Und warum darf ich nicht ich sein?