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Beschreibung

Aggressionen und Ängste entstehen oft früh im Laufe der kindlichen Entwicklung und können sich zu schwerwiegenden emotionalen und sozialen Störungen bis hin zur Kriminalität weiterentwickeln. International renommierte Experten zeigen, was in Prävention, Beratung und Psychotherapie getan werden kann. Es wird immer wichtiger, das Entstehen von feindseligen Vorurteilen und von aggressivem Verhalten bei jungen Menschen zu verstehen. Nur so ist es möglich, Aggressionen und die oft dahinterstehenden Ängste frühzeitig zu erkennen oder durch geeignete Präventionsmaßnahmen sogar zu verhindern. Die Beiträge setzen sich mit den Fragen zur Entstehung von Angst und Aggressivität ausein ander. Sie zeigen auf, wie durch geeignete präventive Maßnahmen, durch Beratung und Psychotherapie solche Entwicklungen verhindert und ihre Erscheinungsformen behandelt werden können. Die Beiträge widmen sich beispielsweise den Fragen: - Gewalt in Medien und ihre Wirkungen auf Jugendliche und Gesellschaft, - Mobbing, Bullying unter Schülern, - Auswirkung von Gewaltdarstellung in Film und Fernsehen auf die Gehirnentwicklung, - Unruhig-aggressive Jungen, - Kinderpornographie im Internet und ritueller Missbrauch. Mit Beiträgen von: Lutz-Ulrich Besser, Henri Parens, Stephen Suomi, Frank Dammasch, Franco Bettels, Jo Groebel, Thomas Salzberger, Michaela Huber, Nicolas B. Allen, Annette Streeck-Fischer, Horst-Eberhard Richter, George Downing, Inge Seiffge-Krenke, Ulrich T. Egle, Karl Heinz Brisch, Theodor Hellbrügge und Royston Maldoom.

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Bindung, Angst und Aggression

Theorie, Therapie und Prävention

Herausgegeben von Karl Heinz Brisch und Theodor Hellbrügge

Impressum

Die Herstellung dieses Buches erfolgt mit freundlicher Unterstützung der Theodor-Hellbrügge-Stiftung München (www.theodor-hellbruegge-stiftung.de).

Die Beiträge der englischsprachigen Autorinnen und Autoren wurden von Ulrike Stopfel übersetzt.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2010 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Roland Sazinger, Stuttgart

Unter Verwendung eines Fotos von © Fotolia/Carl Coffman

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-98710-2

E-Book: ISBN 978-3-608-10449-3

PDF-E-Book: ISBN 978-3-608-20295-3

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Einleitung

HENRI PARENS Bindung, Aggression und die Prävention bösartiger Vorurteile

STEPHEN J. SUOMI Bindung, Angst und Aggression bei Rhesusaffen

FRANK DAMMASCH Ritter ohne Schwert – unruhig-aggressive Jungen und ihre inneren Beziehungsmuster

LUTZ-ULRICH BESSER Bindungssehnsucht und der Einfluss der Medien

JO GROEBEL Mediengewalt, reale Gewalt: Ergebnisse der UNESCO-Globalstudie

THOMAS SALZBERGER Kinderpornografie im Internet

MICHAELA HUBER Gequält, verkauft und im Netz angeboten Opfer und Überlebende von »Internet-Pornografie« fordern uns heraus

NICHOLAS B. ALLEN, SARAH WHITTLE, MARIE B.H. YAP UND LISA SHEEBER Das Wechselspiel zwischen einer aggressiven Familienumgebung und der Gehirnentwicklung in der Adoleszenz und sein Einfluss auf das Depressionsrisiko

ANNETTE STREECK-FISCHER Traumatisierte Bindung – Chancen und Gefahren in der Psychotherapie von Jugendlichen mit selbst- und fremddestruktivem Verhalten

HORST-EBERHARD RICHTER Über Elterlichkeit, die Sorge um das andere und das künftige Leben

GEORGE DOWNING Videointervention bei gestörten Eltern-Kind-Beziehungen

INGE SEIFFGE-KRENKE Verschiedene Formen der Aggression unter Schülern als Quelle von Schulstress und die Rolle der Elternbindung

ULRICH TIBER EGLE Körperschmerz und Seelenschmerz Die somatoforme Schmerzstörung als Langzeitfolge früher Stresserfahrungen. Konsequenzen für die Therapie

ROYSTON MALDOOM Tanz als physische, emotionale und soziale Aktivität: Arbeit am positiven Potential von Menschen

KARL HEINZ BRISCH Prävention von aggressiven Störungen in der kindlichen Entwicklung

Vorwort

Es ist für die individuelle Entwicklung von Kindern, die Eltern-Kind-Beziehung sowie für jede soziale Gruppe von großer Bedeutung, die Entstehung von Ängsten, bösartigen Vorurteilen und feindseliger Aggressivität zu verstehen, sie frühzeitig zu erkennen und durch Präventionsmaßnahmen zu verhindern. Aus Längsschnittstudien wissen wir, dass aggressive Störungen im Laufe der kindlichen Entwicklung oftmals nicht einfach wieder verschwinden, sondern, besonders im Jugendalter, zu schwerwiegenden emotionalen und sozialen Störungen bis hin zur Dissozialität und Kriminalität führen können. In den Beiträgen international renommierter Forscher und Kliniker werden die Zusammenhänge zwischen Bindungsentwicklung, Angst und Aggressivität dargestellt. Auch Formen von Gewalt in Medien werden in ihren Wirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft betrachtet. Es wird aufgezeigt, wie diese Entwicklungen etwa durch Tanz, aber auch durch eine Psychotherapie behandelt oder durch Präventionsprogramme verhindert werden können.

Durch seine bahnbrechenden und einmaligen Längsschnittstudien zur Aggressionsentwicklung von Kindern konnte Professor Henri Parens aus Philadelphia/USA genau diejenigen Ursachen in den frühen Eltern-Kind-Beziehungen entdecken, die schon bei Säuglingen aggressiv-feindselige Verhaltensweisen entstehen lassen. Es ist sein großes Verdienst, dass er seine Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung konsequent in Präventionsprogramme zur Förderung von Empathie bei Kindern umgesetzt hat und nachweisen konnte, dass es in allen Altersstufen möglich ist, die Entwicklung von aggressiven Verhaltensstörungen und bösartigen Vorurteilen bei Kindern zu verhindern.

Zu Ehren von Herrn Professor Henri Parens wurde von der Internationalen Akademie für Entwicklungsrehabilitation und der Theodor-Hellbrügge-Stiftung am 29. und 30.November 2008 an der Kinderklinik und Poliklinik am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Internationaler Kongress mit dem Titel Bindung, Angst und Aggression. Theorie, Therapie und Prävention(Attachment, Anxiety and Aggression. Theory, Therapy and Prevention) durchgeführt. Im Rahmen dieses Kongresses wurde Herr Prof. Henri Parens als Zeichen der Würdigung seines außergewöhnlichen wissenschaftlichen Lebenswerkes und als Anerkennung seiner bahnbrechenden Forschungsergebnisse mit dem »Arnold-Lucius-Gesell-Preis« der Theodor-Hellbrügge-Stiftung ausgezeichnet. Die überwältigende Resonanz der Konferenz ermutigte die Veranstalter, die Beiträge mit der Herausgabe dieses Buches einer größeren Leserschaft zugänglich zu machen.

Wir danken allen Autoren und Autorinnen, dass sie ihre Beiträge für die Publikation zur Verfügung gestellt haben. Unser besonderer Dank gilt Frau Ulrike Stopfel, die mit großem Engagement und Zuverlässigkeit die englischsprachigen Beiträge übersetzt hat. Dank der ausgezeichneten Arbeit von Herrn Thomas Reichert konnten die einzelnen Manuskripte rasch editiert werden. Wir danken Herrn Dr. Heinz Beyer sowie Frau Christel Beck vom Verlag Klett-Cotta, dass sie sich mit großem Engagement für die Herausgabe dieses Buches und die rasche Herstellung beim Verlag eingesetzt haben. Ein ganz herzlicher Dank gilt der Theodor-Hellbrügge-Stiftung München, die mit großzügiger finanzieller Unterstützung sowohl die Konferenz als auch die Herstellung dieses Buches ermöglicht hat.

Wir hoffen, dass dieses Buch allen, die Eltern mit ihren Kindern in Therapie und Prävention von aggressiven und ängstlichen Verhaltensproblemen und Störungen begleiten – wie etwa Geburtshelfer, Hebammen, Kinderärzte, Krankenschwestern, Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Pädagogen, Heilpädagogen, Krankengymnasten, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten, Richter und Politiker –, zahlreiche Anregungen gibt, die sie in ihrer täglichen Arbeit fruchtbar umsetzen können.

Karl Heinz Brisch und Theodor Hellbrügge

Einleitung

Das vorliegende Buch fasst verschiedene Beiträge aus den Breichen Forschung, Klinik und Prävention zusammen, die das Thema Bindung, Angst und Aggression mit unterschiedlichen Schwerpunkten behandeln. Es werden zum einen Ergebnisse aus der Grundlagenforschung dargestellt wie auch zum andern anhand von Beispielen Erfahrungen aus der klinischen Arbeit mit aggressiven Kindern sowie Präventionsprogramme veranschaulicht.

Henri Parens gibt zu Beginn einen umfassenden Überblick aus seiner Forschung über die Zusammenhänge zwischen Bindung, Angst und Aggression und die Entstehung von bösartigen, feindseligen Vorurteilen. Er berichtet auch von seinen Präventionsprogrammen, die er erfolgreich in Kindergärten und Schulen mit Kindern und Jugendlichen aller Altersstufen durchführen und evaluieren konnte.

In seinen Labor- und Feldstudien konnte Stephen Suomi nachweisen, wie aggressive Verhaltensstörungen bei Rhesus-Affen entstehen und welche Bedeutung sie für das Bindungs- und Sozialverhalten der Tiere in der Gruppe haben.

Frank Dammasch berichtet als Kinderpsychotherapeut und Psychoanalytiker über seine psychodynamischen Erkenntnisse, die er aus Kindertherapien mit Jungen gewonnen hat. Er lässt uns teilhaben an seiner therapeutischen Arbeit mit aggressiven Jungen und ihrer Fantasiewelt.

Wie die modernen Medien Internet und Computerspiele die Gehirne von Kindern und Jugendlichen in der Entwicklung ihres Fühlens und Denkens sowie der Affektregulation und des Sozialverhaltens beeinflussen können und an der Entstehung von aggressiven Verhaltensstörungen beteiligt sind, wird anschaulich von Lutz-Ulrich Besser beschrieben.

Jo Groebel untersuchte in seiner umfassenden UNESCO-Studie, in welcher Weise Gewaltdarstellungen im Fernsehen zur Aggressionsentwicklung beitragen können. Hierbei zeigten sich transkulturelle Unterschiede sowie die Bedeutung des familiären Umfelds, in dem die Kinder aufwachsen, sowie die Zusammenhänge von in TV-Filmen gesehener Gewalt und realer Gewalt.

Internet-Pornographie ist ein weltweit wachsender Bereich, in dem Kinder sexueller Folter ausgesetzt sind. Als Sachverständiger für digitale Forensik erklärt Thomas Salzberger anhand von Fakten und Einschätzungen die Möglichkeiten der Ermittlung im Bereich der Internet-Pornographie.

Michaela Huber beschreibt eindrücklich die Folgen für die kindlichen Opfer und die langfristigen Auswirkungen auf ihre körperliche und psychische Entwicklung.

Nicholas B. Allen konnte in einer Grundlagenstudie nachweisen, wie aggressive Erfahrungen von Kindern in ihrer Familie mit der Gehirnentwicklung im Jugendalter und depressiven Erkrankungen zusammenhängen.

Solche Kinder, die schon sehr früh Bindungstraumatisierungen in Folge von Gewalterfahrungen durch ihre Bindungspersonen entwickelt haben, fallen oft durch selbst- und fremddestruktives Verhalten auf. Sie stellen eine große Herausforderung für die Psychotherapie dar, was eindrücklich anhand von Beispielen von Annette Streeck-Fischer beschrieben wird.

Horst-Eberhard Richter verdeutlicht, wie sich die Erfahrungen und psychischen Probleme der Elterngeneration auf die Erziehung der Kinder auswirken können. Er fordert eine neue »Elterlichkeit«, sowohl für die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern als auch im Hinblick auf ein neues Engagement und eine neue Haltung der Fürsorge gegenüber Mitmenschen.

Video-Bilder können sehr gut für die Diagnostik und Therapie von gestörten – etwa aggressiven – Eltern-Kind-Beziehungen genutzt werden. George Downing beschreibt die Grundlagen der Video-Intervention und verdeutlicht an Behandlungsbeispiele die therapeutischen Möglichkeiten.

Gerade in Schulen wird eine Zunahme von aggressiven Verhaltensstörungen beklagt, die auch Bullying und Mobbing umfassen. Inge Seiffge-Krenke berichtet aus ihren Studien über verschiedene Formen der Aggression unter Schülern, über die Auswirkungen auf das Stresserleben der Schüler und die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung.

Frühe aggressive Erfahrungen von Gewalt und Vernachlässigung prägen nach verschiedensten Längsschnittstudien die Stressregulation, die Körperwahrnehmung und das Schmerzerleben von Kindern. Ulrich Tiber Egle erklärt in seinem Beitrag die Grundlagen dieser Zusammenhänge und zeigt an einem klinischen Modell, wie erwachsene Patienten, die als Folge frühkindlicher Traumatisierungen an Körperschmerzen leiden, erfolgreich stationär psychotherapeutisch behandelt werden können.

Wenn die Körperwahrnehmung und das Körpererleben schon früh durch Gewalterfahrungen geprägt wurden, kann Tanz eine Ausdrucksmöglichkeit des Körpers werden, die keiner Worte bedarf, wie Royston Maldoom in seinem Beitrag aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verdeutlicht.

Karl Heinz Brisch zeigt auf, wie aggressive Verhaltensstörungen entstehen, wenn grundlegende motivationale Bedürfnisse von Säuglingen nicht beachtet werden. Auf diesem Hintergrund werden verschiedene Präventionsprogramme beschrieben, die schon sehr früh – teilweise in der Schwangerschaft – ansetzen, um den werdenden Eltern zu helfen, dass sie eigene traumatische Erfahrungen aus ihrer Kindheit erst gar nicht mit ihren Kindern wiederholen, sondern ihre Kinder auf dem Weg einer sichern Bindungsentwicklung begleiten.

Alle Beiträge zusammen ergeben einen umfassenden Überblick darüber, welche Ursachen und Risiken sowohl familiäre Bedingungen, frühe Gewalterfahrungen als auch gesellschaftliche Prozesse – wie etwa durch die neuen Medien –, die auch durch politische und kulturelle Gegebenheiten beeinflusst werden, auf die Entwicklung von aggressiven Verhaltensstörungen und psychischen Symptomen bei Kindern haben können und wie sich diese über die frühe Beeinflussung der Gehirnentwicklung bis ins Erwachsenenalter auswirken können. Auf dem Boden der Grundlagenforschung und der verschiedenen Längsschnittstudien werden psychotherapeutische Hilfestellungen sowie Wege zur Psychotherapie und Prävention eindrücklich aufgezeigt.

HENRI PARENSBindung, Aggression und die Prävention bösartiger Vorurteile

Die positive Korrelation zwischen Bindungsqualität und Aggressionsprofil

Unsere 1970 begonnene und ursprünglich für eine Laufzeit von sieben Jahren geplante Beobachtungsstudie mit Müttern und ihren neugeborenen Kindern, die dann in Form von Nachbeobachtungen und Folgestudien über nahezu vier Jahrzehnte weitergeführt wurde, hat bei den kindlichen Probanden eine verlässliche positive Korrelation zwischen Bindungsqualität und Aggressionsprofil offengelegt. Später stellte ich fest, dass diese Korrelation, die sich unmittelbar aus den im Verlauf unserer Studie von uns zusammengetragenen Beobachtungen ergab, bereits von Aichhorn (1925) und Bowlby (1946) postuliert und später von Eissler (1949) und Kernberg (1966) implizit bestätigt worden war. Ausdrücklich wurde sie dann auch von Gilligan (1997), Egeland et al. (2001) und Sroufe et al. (2005) behauptet und in den Arbeiten von Brazelton (1981) und Beebe (2005) vorausgesetzt.

Von Anfang an war ich entschlossen, mich an die Empfehlung von Ernst Kris (1950) und Heinz Hartmann (1950) zu halten, dass wir nämlich unsere psychoanalytischen Hypothesen bezüglich der frühen Entwicklung anhand dessen testen müssen, was sich bei Kindern in deren ersten Lebensjahren beobachten lässt. Werden unsere Theorien dem, was wir bei dieser Gruppe beobachten oder zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit erschließen können, wirklich gerecht? Natürlich stieg ich in dieses Unternehmen schon mit gewissen Ideen und mit einer Orientierung ein, die mein Denken und meine klinische Tätigkeit bestimmten, aber ich war entschlossen, mich an Charcots weise Bemerkung zu halten, dass »die Theorie die Fakten nicht daran hindert, so zu sein, wie sie nun einmal sind«. Wie viele andere wollte ich mir meinen Weg zwar anhand der mir bekannten Theorien bahnen, mich dabei aber unbedingt von den Fakten antreiben lassen, nicht von den Theorien.

Innerhalb von 18 Monaten nach Beginn unserer Untersuchungen im Jahr 1970 (Parens 1979a) beobachteten wir eine Entwicklung, die von den Folgestudien nach 19, nach 32 und nach 37 Jahren (Parens 1993, 2008a) bestätigt wurde: dass nämlich die Interaktion der Mütter mit ihren Kindern – unter dem Einfluss unserer Interventionen zur Optimierung des elterlichen Erziehungsverhaltens – eine signifikante Verlagerung weg vom »entwicklungsbehindernden« und hin zu einem »entwicklungsfördernden« Erziehungsverhalten zeigte. Auf einer 10-Punkte-Skala betrug diese Verlagerung nach Ansicht der Mütter mehr als 5 Punkte, während unsere Forschungsassistenten eine Verlagerung von knapp unter 4 Punkten festhielten, und zwar nach drei von insgesamt vier Parametern (Parens 1993):

Angesichts der anfänglichen Einschätzung der teilnehmenden Mütter platziert eine Verlagerung um 4 Punkte auf diesem Kontinuum von »entwicklungsbehindernd« bis »entwicklungsfördernd« sie in ihrem elterlichen Erziehungsverhalten nunmehr eindeutig in den entwicklungsfördernden Bereich (Tabelle in Parens 2007c, S.274).

Ein Schlüsselfaktor, der den Zusammenhang zwischen Bindungsqualität und Aggressionsprofil herstellt, zeigt sich in der Revision der auf dem Destruktionstrieb basierenden psychoanalytischen Aggressionstheorie, auf die unsere Befunde für mich hinausliefen, nämlich in der »multi-trends theory of aggression«, einer Aggressionstheorie also, die eine Mehrzahl von Trends in die Betrachtung einbezieht (Parens 1979a [2008]). Die direkte Beobachtung des Verhaltens der Kinder von Geburt an führte dazu, dass wir vier Kategorien des aggressiven Verhaltens aufstellten:

auf Unlust beruhende Destruktivität (die Wutreaktion des Kleinstkindes);

nichtaffektive Destruktivität (Vorgang der Nahrungsaufnahme);

nichtdestruktive Aggression (unter Druck generierte sensomotorische Aktivität);

vergnügliche Destruktivität (necken, verspotten bzw. verhöhnen).

Diese Kategorisierung wiederum führte dazu, dass wir drei Trends im Rahmen von Aggression dingfest machten, nämlich:

feindselige Destruktivität (Kategorien a und d);

nicht-affektive Destruktivität (Kategorie b);

nichtdestruktive Aggression (Kategorie c),

und unsere Theorie der Aggression folgerichtig als »multi-trends«-Theorie bezeichneten. Eine Schlüsselrolle innerhalb des Zusammenhangs von Bindung und Aggression nimmt unter diesen Trends die feindselige Destruktivität (a) ein:

Feindselige Destruktivität (FD: der Trend von Zorn zu Feindseligkeit, Wut, Hass usw.):

Dass die Erfahrung »exzessiver Unlust/psychischen Schmerzes« (EU) bei Menschen zur feindseligen Destruktivität (FD) führt, ist der entscheidende Faktor, der den Zusammenhang zwischen Bindungsqualität und Aggressionsprofil herstellt. Und das wiederum bedeutet: Das Erziehungsverhalten der Eltern ist – eine durchschnittlich zu erwartende biologische Ausstattung des Nachwuchses vorausgesetzt – von unmittelbarem Einfluss auf das Aggressionsprofil der Kinder. Ich zeige gern dieses dramatische Bild:

Erfahrung ist der erste Auslöser feindseliger Destruktivität.

Die generelle Hypothese lautet: »Unlust erzeugt feindselige Destruktivität«.

Die biologische Grundlage von »U → FD« ist das Roux-Experiment (Parens 1979a).

Die im Blick auf die Prävention wichtigste Hypothese lautet:

Exzessive Unlust erzeugt hochgradige FD: »EU → H-FD«.

Das Tatsachenmaterial, in großem Umfang beobachtet und sowohl während der Laufzeit des Projekts (Parens et al. 1974; Parens & Pollock 1978) als auch in den Folgestudien filmisch dokumentiert, spricht sehr stark dafür, dass die Optimierung der Erziehungsstrategien der Mütter sowohl zu positiven (= sicheren) Bindungen als auch zu günstigen Aggressionsprofilen der Kinder führte (Tab.2, [in Parens 2007c, S.274]):

Die Zahl der Kinder, die an der Studie teilnahmen, ist zwar klein (16 Kinder), aber die beiden für die nach außen gekehrte Wut und Feindseligkeit entscheidenden Parameter – manifeste Wutzustände und Gewaltpotential – sind bei diesen Kindern signifikant günstiger, d.h. die Werte sind geringer als die entsprechenden Werte in der größeren Population, aus der die Kinder kommen; tatsächlich erreichte der Unterschied zwischen den beiden Gruppen den Signifikanzlevel von 0,05.

Angesichts der während der ganzen Laufzeit der Studie anfallenden überzeugenden Anzeichen dafür, dass sich das Erziehungsverhalten der Mütter und die Mutter-Kind-Beziehungen gebessert hatten, und ermutigt von den Müttern selbst, beschlossen wir, Materialien zu einer Erziehung zur Elternkompetenz zu entwickeln, in die ebendiese im Rahmen unseres Projekts gewonnenen Erkenntnisse einfließen sollten. So entstanden unsere Parenting for Emotional Growth-Materialien, nämlich ein Textbook (Parens et al. 1997a), das Curriculum for Students in Grades K thru 12 (Parens et al. 1997b) und The Workshops Series (Parens & Rose-Itkoff 1997). Die in nahezu vier Jahrzehnten zusammengetragenen Erkenntnisse flossen unlängst in eine Dokumentation mit dem Titel The Urgent Need for Universal Parenting Education (Parens 2008a) ein. Die erwähnten Materialien zielen sämtlich auf die Verhinderung bzw. Reduzierung erfahrungsbedingter emotionaler Störungen bei Kindern und sollen deren Feindseligkeits-, Hass- und Gewaltpotential vermindern. Dieses Bemühen um die Verminderung von Feindseligkeit, Hass und Gewaltbereitschaft öffnete mir eines Nachts die Augen für eine weitere Möglichkeit der Intervention.

Vom Zusammenhang zwischen Bindung und Aggression zur Beschäftigung mit dem Vorurteil

Angesichts meiner Lebenserfahrung erscheint es mir in der Rückschau als sinnvoll, dass ich – zunächst mit Strategien zur Reduzierung exzessiver Feindseligkeit befasst – mich nun der Frage zuwandte, welche Möglichkeiten wir haben, bösartigen Vorurteilen entgegenzutreten. Das Thema des Vorurteils musste mich ja interessieren; hatte es bisher gleichsam schlafend in meinem Unbewussten gelegen, so wurde es mir nun zum Wegweiser. Es ist nur logisch, dass ich diesen Weg einschlagen musste. Warum ich es tat, habe ich in meinem Buch Heilen nach dem Holocaust (Parens 2007d) ausführlich dargelegt.

Angestachelt von der so häufig zitierten ärgerlichen Behauptung, dass »wir doch alle voreingenommen sind«, war ich von meinen eigenen Erkundungen überrascht. Vor dem Hintergrund meines Verständnisses der psychoanalytischen Entwicklungstheorien ging mir nämlich auf, dass es eine Erklärung für diese unliebsame Annahme gibt, der zufolge wir alle unsere Vorurteile haben.

Psychogenetische Faktoren in ihrem Einfluss auf die Prädisposition für bösartige Vorurteile

Ich erkannte, dass es Faktoren in der psychischen Entwicklung gibt, die uns in der Tat dazu prädestinieren, voreingenommen zu sein. Zwei dieser Faktoren sind von essenzieller Bedeutung für die im Werden begriffene Identität des Kindes, für sein Selbstgefühl, also für eine Errungenschaft, die sich reziprok zur Ausbildung seiner frühen Beziehungen entwickelt. An anderer Stelle (Parens 2007a) habe ich mir ein Netzwerk aus Theorien1 zusammengestellt, das meine These stützt, dass es nämlich (1) die Identifikation und (2) die Fremdenangst sind, die uns dazu prädestinieren, Vorurteile zu entwickeln. Ich will mich nacheinander mit beiden befassen.

Identifikation und Selbst-Spezifizierung

Neugeborene Säugetiere sind für die Bindung an andere bereits biologisch »vorverdrahtet«, während beim Homo sapiens (wie auch bei anderen altrizialen2 Neonaten) die Begründung von Beziehungen, die Konstituierung des libidinösen Objekts (Spitz 1967) und das Bindungsverhalten (Bowlby 1975) im Wesentlichen durch die Erfahrung bestimmt werden. Und um mit Freud (1939, S.129) zu sprechen, trägt das menschliche Kind als Resultat dieser Bindung den »untilgbaren Stempel seiner Herkunft« (etwa wie »Made in …[Land]«) und ist, spezifischer, »Produkt der (Familie X)«. Zwei gewichtige Faktoren beeinflussen diese spezifische, distinktive Identität:

unsere

Gene

, die einen ganz erheblichen biologisch-

genotypischen

Beitrag dazu leisten, dass wir so sind wie unsere Eltern, und

insbesondere diejenigen

Identifikationen

mit unseren primären Liebesobjekten, die uns unseren spezifischen

phänotypischen

Stempel »Produkt der (spezifischen Familie)« verleihen. Das sorgt dafür, dass wir Mitglieder unserer spezifischen Gemeinschaft werden, die, wiederum laut Freud (1939), für uns durch unsere Eltern repräsentiert wird.

Für die Entstehung von Vorurteilen spielt dieser wichtige, das Selbst spezifizierende Faktor Identifikation insofern eine erhebliche Rolle, als er gewissermaßen nebenher auch die Internalisierung der familialen und damit gesellschaftlich-kulturellen Kodizes einschließt. Dazu zählen familial-kulturelle Vorurteile, die einerseits vielleicht die Akzeptanz und unterschiedslose Wertschätzung von Menschen nahelegen, die »anders sind als wir«, andererseits aber auch eine negative Einstellung gegenüber solchen als »anders« angesehenen Menschen aufkommen lassen können. Die multimodalen Kommunikationen von Seiten der Eltern und später auch der Nachbarn, durch die derartige Voreingenommenheiten weitergegeben werden, sind zwingend und machen die positiven (akzeptierenden) und negativen (zurückweisenden oder feindseligen) Zerrbilder derer, die »anders« sind, zu einer unumgehbaren Komponente der Identifikation. Betont werden soll schon an dieser Stelle – später werde ich mehr dazu sagen –, dass Erziehung, die ja eine programmierte Fortsetzung der Identifikation darstellt, einen großen Anteil am Zustandekommen von Vorurteilen hat.

Die Studien von Spitz über die Bindung des Kindes an seine Mutter offenbarten einen weiteren vorurteilsträchtigen Faktor. Im Rahmen seiner Beschäftigung mit der Konstituierung des Liebesobjekts stieß Spitz auf komplementäre Faktoren der Objektspezifizierung, die er als Trennungsangst und Fremdenangst identifizierte (Spitz 1946, 1967). In diesem Zusammenhang muss man bedenken, dass Identifikation ein Faktor der Selbst- oder Identitätsspezifizierung ist, während es sich bei Trennungsangst und Fremdenangst um durchaus beachtenswerte Faktoren der Objektspezifizierung handelt. Der objektspezifizierende Faktor Fremdenangst birgt schon in sich ein Generalisierungspotenzial, das zur Zurückweisung von Objekten führen kann, die anders sind als die, an die das Kind gebunden ist und mit denen es sich ganz unmittelbar identifiziert. Wir wollen uns das näher ansehen.

Fremdenangst und die Wurzeln der Xenophobie

Von großer Tragweite für die Frage des Vorurteils ist der Umstand, dass Fremdenangst, die früheste Manifestation der Zurückweisung »anderer«, eine wichtige Rolle bei der Entstehungeiner liebevollen Beziehung spielt. Spitz erfasste die Bedeutung der »social smiling response«, des sozialen oder Antwortlächelns, und machte sich vor diesem Hintergrund daran, die innerpsychische »Konstituierung des Liebesobjekts« zu erkunden (1946, 1967). Er gelangte (1967) zu vier Hauptindikatoren dieses Prozesses:

Antwortlächeln

. Mit seinem Antwortlächeln beginnt und erbittet das kleine Kind einen emotionalen Dialog mit denjenigen, die mit seiner Pflege und Versorgung befasst sind und seiner unmittelbaren Umgebung zugehören. Die

Spezifizierung des Objekts

ist ein progressiver Vorgang und stabilisiert sich nur allmählich über eine Spanne von Monaten hinweg, in der die Bindung des kleinen Kindes sich noch in einem Zustand der Ungewissheit befindet. Das zeigt sich an den nachstehend genannten weiteren Verhaltenselementen des Kindes.

Trennungsangst

. Sie manifestiert sich, wenn das Kind – das ja noch nicht imstande ist, die innere Repräsentation seines Bindungsobjekts aufzurufen – sich vom Objektverlust bedroht fühlt.

3

Wiedervereinigungsreaktionen

. Sie bezeugen die »Wiederherstellung« und die beginnende Bindung an spezifische Objekte.

Fremdenangst

. Die Fremdenangst, besonders relevant in unserem gegenwärtigen Zusammenhang, erweist und bestätigt die Erkenntnis des Kindes, dass nicht alle Objekte seine Bindungsobjekte sind.

Aus Beobachtungen können wir – vielleicht teleologisch – zuversichtlich schließen, dass auf Seiten des kleinen Kindes ganz spezifische komplementäre Ängste aktiviert werden, die es auf sein primäres Objekt hin orientieren: eben um seine Bindung an diese primäre Fürsorgeperson zu sichern. Trennungsangst deutet an, dass das Kind, das soeben dabei ist, sich an eine spezifische Fürsorgeperson zu binden, sich vom Verlust dieses Objekts bedroht fühlt. Fremdenangst steht ebenfalls für eine spezifische Objektbindung: Sie besagt nämlich, dass das Kind mittlerweile erkennt, dass nicht jedes Objekt Mutter oder Vater ist. Meine These ist, dass Fremdenangst dazu dient, die angeborene Bindungstendenz des Kindes sozusagen beisammenzuhalten, sie nämlich weg von jedem nicht-versorgenden Objekt und hin zum versorgenden Objekt/zu den versorgenden Objekten zu lenken. Etwa vom fünften Lebensmonat an wird jede Begegnung mit einem Objekt, das nicht schon wiederholt gesehen wurde, beim normalen Kind wahrscheinlich Angst auslösen. Offensichtlich erfährt das Kind dieses ihm unbekannte Objekt als eine Bedrohung seiner Bindung (siehe Anm. 3).

Ebenso wie Spitz (1967) und andere habe auch ich (Parens 2007a) den Gedanken vorgetragen, dass dieses normale Phänomen, die Fremdenangst, eine Tendenz in uns prädestiniert, die unter Umständen die Form der Xenophobie annimmt.4 Diese Überlegung veranlasst mich zu der These, dass Fremdenangst eine Schlüsselrolle in der Prädestination für Vorurteile spielt. Ich will das im Folgenden näher ausführen.

Margaret Mahler (Mahler et al. 1978) betont in ihrer Theorie der Loslösung und Individuation, dass die Konstituierung des Liebesobjekts und die intrapsychische Entwicklung des Selbst – die Ausbildung von Objektkonstanz und von Selbstkonstanz – reziprok zueinander erfolgen. Unter Entwicklungspsychologen auch unterschiedlicher Ausrichtungen besteht weithin Einigkeit darüber, dass Objektbeziehungen und Selbst-Identität im gleichen »Schmelztiegel« entstehen. Schwierigkeiten und Unsicherheiten bei der Entwicklung von Bindungsbeziehungen und, komplementär dazu, einer gelungenen Identitätsbildung nähren den Boden für die Diskriminierung von Menschen anderer Identitäten. Abbildung 1 (vgl. Parens 2007a, S.27) zeigt die Summe der Überlegungen, die ich hier zusammengeführt habe:

Abb.1: Was uns alle dazu bringt, Vorurteile zu hegen

Ich will damit Gedankengänge miteinander verbinden, die über eine Spanne von 50 Jahren hinweg von Theoretikern der Psychoanalyse entwickelt wurden und Licht auf jene normalen Entwicklungsfaktoren werfen, die das Entstehen von Vorurteilen begünstigen. Damit wird klar, warum »wir alle Vorurteile haben«. Aber um welche Art von Vorurteilen handelt es sich: um wohlmeinende bzw. gutgemeinte, um bösartige Vorurteile? Führt die normale Präferenz für »unseresgleichen«, diese unvermeidliche Voreingenommenheit, zu dem Wunsch, »andere« zu verachten, ihnen zu schaden und sie zu zerstören? Ich behaupte, dass die bisher angesprochenen Faktoren unsere Tendenz, wohlmeinende, nicht-schädliche Vorurteile zu entwickeln, ohne weiteres erklären.

Damit wird deutlich, dass Vorurteile, die zur Schädigung oder Zerstörung anderer führen, allein auf der Basis dieser Entwicklungsfaktoren nicht nachzuvollziehen und nicht zu erklären sind – meiner Meinung nach selbst dann nicht, wenn die Identifikation mit den familialen und kulturellen Kodizes starke negative Vorurteile gegen »andere« mit sich bringt. Ein guter Freund von mir, ein Deutscher, erzählte mir nach Lektüre meiner Holocaust-Erinnerungen, er habe als Kind, das nie in seinem Leben einem Juden begegnet war, Juden hassen gelernt, weil man ihm gesagt hatte, »die Juden« hätten Christus umgebracht – eine Meinung, von der das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) sich in dem Konzilstext Nostra Aetate vom 4.November 1965 mit den Worten distanziert hat: »… kann man dennoch die Ereignisse seines [= Christi] Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen«. Weiter unten werde ich auf die Rolle der Erziehung zu sprechen kommen. Vorerst möchte ich aber den Umstand aufgreifen, dass wir, um die Natur bösartiger Vorurteile zu verstehen, den Komplex »Hass und Zerstörungswunsch« in Betracht ziehen müssen.

Es ist feindselige Destruktivität in der Form von Hass, die sich, ausgehend von unserem wohlmeinenden Vorurteil, ihre Bahn bricht, ein Vorurteil einer sehr anderen Art gegenüber denjenigen, die anders sind als wir. Ohne Hass führt die Abgrenzung zwischen dem Selbst und dem anderen nicht zu dem Druck, diesen erkennbar anderen zu schädigen oder zu zerstören. Von welchem Hass, von welchem Zerstörungswunsch sprechen wir hier? Wie ich weiter oben ausgeführt habe, weise ich die Annahme zurück, dass kleine Kinder mit einem Destruktionstrieb geboren werden, der sie zur Zerstörung drängt, oder schon mit einer angeborenen Xenophobie auf die Welt kommen. Unsere Forschungen (Parens 1979a) und meine klinischen Beobachtungen haben mich zu der Ansicht geführt, dass es die Ambivalenz in den primären Beziehungen ist, die einen zentralen und ganz erheblichen Anteil daran hat, dass in menschlichen Wesen der Wunsch aufkommt, »andere« zu schädigen oder zu zerstören. Ich muss diese Hypothese im Einzelnen darlegen.

Ambivalenz – das große Dilemma des Kindes

Ambivalenz, die Erfahrung »nebeneinander bestehender Liebes- und Hassgefühle gegenüber dem gleichen libidinösen Objekt« (Parens 1979b, S.385), bereitet uns allen Schwierigkeiten. Bedenken wir also, um wie viel schwieriger sie für das kleine Kind ist, dessen adaptive Funktionen noch längst nicht voll ausgebildet sind und dessen Ich noch im Werden begriffen ist. Ich habe es in der unmittelbar beobachtenden Forschung wie auch in der klinischen Situation immer wieder erlebt, dass ein Kind durch die feindselige Destruktivität, die es gegenüber seinen Liebesobjekten empfindet, in ein großes Dilemma gerät (Parens 1979a, 1999). Seine »ambivalenten Gefühlseinstellungen« (Freud 1921) erzeugen einen Ambivalenzkonflikt, der es in enorme Angst und Unruhe versetzt (Parens 1979b).

Nach der klinischen Erfahrung ist ein Kind, das starke Angstgefühle hat, zu seinem eigenen Schutz gezwungen, Abwehrmechanismen ins Spiel zu bringen (A. Freud 1968), die der Intensität seiner Angstgefühle gewachsen sind. Wie ich ausführlich berichtet habe, haben wir bei unseren Beobachtungen zur Aggressionsentwicklung festgestellt, dass Kinder angesichts des Dilemmas, das ihre feindseligen Gefühle gegenüber der eigenen Mutter ihnen eintragen, schon gegen Ende des ersten Lebensjahres eine erstaunliche Gesamtheit von Abwehrmechanismen ins Spiel bringen können (Parens 1979a).

So fanden wir z.B. eine Vielzahl von Anhaltspunkten für den Mechanismus der Verschiebung. Die 12 Monate alte Jane etwa, die sehr wütend auf ihre Mutter war, griff nach einem Klötzchen, schleuderte es von sich und traf damit eine neben ihrer eigenen Mutter sitzende Frau. Hemmung, die ebenfalls häufig zu beobachten ist, wird am Fall der 11 Monate alten Mary anschaulich, die, ebenfalls wütend auf ihre Mutter, den Arm hob, bereit, die Mutter zu schlagen, dann aber, den Arm noch halb in der Luft, in ihrer Bewegung innehielt: Am Punkt des Zuschlagens hemmte sie sich und ließ die Abfuhr der Feindseligkeit sozusagen auf halbem Weg gefrieren.

Gegen Ende des ersten Lebensjahres stießen wir auch auf Indizien für eine Spaltung in böse und gute Objektrepräsentanzen, so bei der 12 Monate alten Jane, die in der Wut ihren Platz an der Seite ihrer Mutter verließ und sich neben die gerade zum Hausbesuch anwesende Beobachterin setzte – eine Person, die sie zuvor erst ein einziges Mal gesehen hatte, jetzt aber ausgesprochen »lieb« ansah. Während ihres freundlichen Miteinanders mit dieser ihr im Grunde unbekannten jungen Frau blickte Jane immer wieder einmal zu ihrer Mutter hinüber.

Dass Kinder spätestens im Alter von 18 Monaten auch den Mechanismus der Projektion benutzen, schlossen wir aus dem Verhalten des schwer traumatisierten 17 Monate alten Richie. Wir entdeckten, dass er einem Objekt eine feindselige Absicht zuschrieb, wo keine solche Absicht erkennbar war: Die zweieinhalbjährige Doris hielt den Ball, den die Kinder zuvor zwischen sich hin- und hergerollt hatten, zum Spaß versteckt, woraufhin Richie wütend wurde, sich impulsiv zurückwarf und hart mit dem Kopf auf den Teppichboden schlug. Ich schloss daraus, dass er die eigene Feindseligkeit projiziert hatte und folglich nun die Handlung des freundlichen kleinen Mädchens als feindselig empfand.

Auch stellten wir fest, dass Jane und Mary das Warum ihrer Handlungen schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in ihrem Leben rationalisierten: Jane blickte überrascht, als ihr Wurfgeschoss, das Klötzchen, die Sitznachbarin ihrer Mutter traf. Ihr Gesichtsausdruck veranlasste die beiden Mütter zu der Bemerkung, das Ganze sei ein Zufall gewesen. Und in der Tat: Als die Kinder dann sprechen lernten, waren Rationalisierungen, gewöhnlich im Verein mit Leugnen, durchaus üblich: »Ich hab es nicht gemacht, es ist zufällig passiert.« Im Alter zwischen sechs und zehn Jahren zeigten die Kinder dann einen Mechanismus, der einen besonders großen Anteil an der Entstehung von Vorurteilen hat, nämlich eine bewusste Abwehr in Form von Realitätsverzerrung, also Reduktionismus,Karikieren, Herabwürdigen und Verunglimpfen. Alle diese Formen gehen häufig mit Generalisierungen einher.

Ich meine, dass sowohl die unbewusst als auch die bewusst errichtete Abwehr eine Reaktion auf die Angst ist, die bei dem betreffenden Kind unter dem Eindruck seiner hochgradig konfliktträchtigen Feindseligkeit gegenüber den im Grunde wertgeschätzten Fürsorgepersonen aufkommt. Wir mussten schmerzlich erfahren, dass die Kinder aus unserem Projekt, die doch nicht stärker als üblicherweise erwartbar traumatisiert waren, sich anscheinend häufig gehalten sahen, auf die frühen Abwehrmechanismen von Verschiebung, Hemmung, Leugnung und Projektion zurückzugreifen. Viele Kollegen sind schon seit langem der Ansicht, dass diesen Mechanismen eine Schlüsselrolle in der Organisation des Vorurteils zukommt, in der Organisation dessen, was ich von nun an als bösartiges oder malignes Vorurteil bezeichne.

Die Rolle des Traumas in der Prädisposition für bösartige Vorurteile

Bisher habe ich über ein eher geringes Maß an aufgestauter Feindseligkeit und über den Ambivalenzkonflikt gesprochen, zu dem diese Gefühle bei normalen und durchaus wohlversorgten Kindern führen. Stellen wir uns jetzt vor, welche Wirkung das Gift des Traumas und die feindselige Destruktivität, die unweigerlich daraus erwächst, auf die Dimensionen des Ambivalenzkonflikts ausüben, dem das Kind ausgesetzt ist. Traumata unterschiedlicher Intensität in der Kindheit sind bekanntlich ein universales Geschehen und ereignen sich vorwiegend in der Arena des Familienlebens. Entscheidend für die Disposition für Vorurteile ist der Umstand, dass ein Trauma, das durch die Handlungen der primären Fürsorgepersonen verursacht wird und dem Kind intensiven emotionalen Schmerz bereitet, alles intensiviert, was das Kind bereits an feindseligen und destruktiven Gefühlen gegenüber diesen Personen empfindet. Der zunehmende Druck, die aufgestaute Feindseligkeit gegenüber den geliebten Menschen zu entladen, intensiviert wiederum das Bedürfnis, die je variable Gesamtheit von Abwehrmechanismen zu mobilisieren, von denen ich weiter oben sprach.

Je stärker ein Kind also traumatisiert ist – und ich beziehe hier alles ein, die angeborenen Gaben des Kindes, seine Ichentwicklung, die Qualität seiner Objektbeziehungen und seine bisherigen traumatischen Erfahrungen (Cyrulnik 2008) –, desto schwerer lastet die feindselige Destruktivität auf seinem Ich und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es imstande sein wird, konstruktiv damit umzugehen. Feindselige Destruktivität, die sich nicht bewältigen und verarbeiten lässt, wird sich aufstauen, Konstanz gewinnen und dringend nach Entladung verlangen. Die Richtungen, in die eine Entladung erfolgen könnte, sind begrenzt: nach innen, nach außen. Je größer das Gewicht der aufgestauten Feindseligkeit, desto dringender werden entsprechende Mechanismen benötigt, um die Integrität der Selbsterfahrung zu schützen. Je länger die Abwehrmechanismen zur Bewältigung des starken Ambivalenzkonflikts aufrechterhalten werden, desto nachhaltiger schleifen sie sich ein. Die Erkenntnisse der Neurobiologie aus den vergangenen zwei Jahrzehnten können uns helfen zu verstehen, dass und wie solche Muster den Weg in die neuronalen Bahnen des Gehirns finden (Kandel et al. 1991) und damit Teil der Persönlichkeit werden. Mit einem Wort: Je stärker die aufgestaute feindselige Destruktivität, desto größer der Hass und desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Abwehrmechanismen ausbilden, die das bösartige Vorurteil begünstigen.

Wie ich schon sagte, sind die Analytiker schon lange der Ansicht, dass ein von den primären Fürsorgepersonen zugefügtes Trauma ganz besonders pathogen ist (z.B. Aichhorn 1925; Bowlby 1946; Eissler 1949; Gilligan 1997) und das betroffene Kind in delinquente und kriminelle Verhaltensweisen treiben kann. Ich will die komplexen Zusammenhänge, auf die wir treffen, wenn wir das Verhalten traumatisierter Menschen zu erklären versuchen, nicht falsch darstellen. Selbstverständlich werden nicht alle Menschen, die schädlichen Kindheitserfahrungen ausgesetzt waren, deshalb zu Delinquenten und Verbrechern. Je nach den an ihrer Selbst-Spezifizierung beteiligten Faktoren nehmen viele schwer traumatisierte Individuen stattdessen eine depressive oder masochistische Entwicklung oder bilden Borderline- und narzisstische Störungen aus. Und auch wenn solche schwer traumatisierten Menschen in vielen Fällen die oben erwähnten Abwehrmechanismen errichten, muss das nicht notwendig dazu führen, dass sie bösartige Vorurteile ausbilden. Ihre Delikte organisieren sich nicht in dieser spezifischen Weise. Möglicherweise nehmen sie keine bestimmte Gruppe von »anderen« aufs Korn, um ihren Hass und ihre Wut zu entladen, und machen auch ihre Empörung nicht publik; sie handeln in Einsamkeit, wobei ihre Handlungen sich manchmal gegen spezifische Opfer richten, häufiger aber eher ungerichtet erfolgen. Ich sage noch einmal, dass ich die Wirkungen aufgestauter Hassgefühle und exzessiver Feindseligkeit auf das menschliche Verhalten keinesfalls vereinfacht darstellen möchte. Es geht mir ganz einfach darum, im Einzelnen aufzuzeigen, dass und wie ein von einer primären Fürsorgeperson induziertes Trauma die Prädisposition für bösartige Vorurteile begünstigt.

Es sind zwei unheilvolle Tendenzen, die sich aus diesen Dynamiken ergeben:

Das Bedürfnis, anderen die Schuld zuzuweisen

. Da ist zum einen die Tendenz des Kindes, die Eltern zu idealisieren, folglich also zu glauben, dass sie alles Schmerzliche und Böse verhindern können (Freud 1927). Sein primärer Narzissmus macht das Kind glauben, dass sie eben das tun sollten. Die fünfjährige Jane war die Treppe hinuntergefallen, und als ihre erschrockene Mutter dazukam, um ihr zu helfen, beschwerte Jane sich als Erstes mit der Frage: »Warum hast du nichts gemacht, damit ich nicht falle?« Diese Tendenz, unseren idealisierten und omnipotenten Repräsentanzen, der Mutter, dem Vater oder auch Gott, die Schuld zu geben, fördert die Neigung, einen bereits mit Feindseligkeit bedachten »anderen« zu beschuldigen. Wir wissen, dass viele Menschen, die an Gott glauben, ihm auch die Schuld für ihren tiefen Schmerz und ihre innere Not geben – wobei sie sich ihr Unglück gewöhnlich (»rational«) als Strafe für ihre Sünden zurechtreden.

Das zwanghafte Bedürfnis nach Rache.

Viele Kinder, die in ihrer Familie schwer traumatisiert wurden – sei es in der Form physischer oder emotionaler Misshandlung oder Vernachlässigung –, die folglich vergleichsweise stärker mit Feindseligkeit und Hass beladen sind, empfinden das zwanghafte Bedürfnis, sich durch die Entladung dieser Gefühle zu rächen (Gilligan 1997). In solchen Fällen ist ein ständiger innerer Druck am Werk, »andere« für diese Rache auszuwählen, ein Druck, der, wie Vamik Volkan (1988) ausführt, unter Umständen den Wunsch aufkommen lässt, Feinde zu haben.

Erziehung und die Identifikation mit der Gruppe

Unter dem Gewicht aufgestauter feindseliger Destruktivität wird aus der wohlmeinenden Voreingenommenheit des Einzelnen nur zu leicht ein bösartiges Vorurteil. Bösartige Vorurteile können aber auch auf andere Weise zustande kommen. Erheblich begünstigt werden sie unter Umständen selbst bei nicht schwer traumatisierten Individuen, deren feindselige Destruktivität sich in Grenzen hält – ein Nebenprodukt alltäglicher schmerzlicher Erfahrungen, das aber für sich genommen nicht ausreicht, um ein bösartiges Vorurteil entstehen zu lassen. Was in diesem Zusammenhang aber eine ganz wesentliche Rolle spielt, ist, wie ich schon sagte, jener Aspekt der Erziehung, der die Ausgestaltung der Identifikation leistet, im Grunde also ein gesellschaftliches Mandat, wenn nicht sogar eine erzwungene Identifikation mit der Gruppe. Dass mein deutscher Freund von klein auf gelernt hatte, Juden zu hassen, obwohl er keinen einzigen Juden kannte, lag nach seinen eigenen Worten daran, dass man ihm gesagt hatte, Christus sei von »den Juden« umgebracht worden.

Diese Lektion – einen »Feind«, wie ihn die größere Gruppe zu sehen meint oder als solchen etabliert hat, hassen zu müssen – wird weitgehend von der an das Kind gerichteten Forderung getragen, sich mit seinen Eltern und der Gesellschaft, die diese repräsentieren, zu identifizieren. Es ist eine »Identifikation auf Verlangen des Universums, in das das Kind hineingeboren worden ist«. Dogmatische Lektionen dieser Art bringen häufig »bösartige Verzerrungen« mit sich, verursacht durch Reduktionismus, durch Karikieren, Abwerten, Verunglimpfen und Generalisieren, durch jene Abwehrmechanismen also, die das bösartige Vorurteil mit einer »rationalen« Erklärung versehen. Unglücklicherweise wird Erziehung hier in den Dienst der Weitergabe des bösartigen Vorurteils gestellt. Diese Art der Belehrung entwürdigt die Erziehung.

An der Gesamtheit dieser interagierenden Kräfte wird deutlich, wie es zur Entwicklung bösartiger Vorurteile kommt (siehe Abb.2, nach Parens 2007a, S.34).

Dieses Modell des bösartigen oder malignen Vorurteils verweist auf »Orte«, an denen wir unter Umständen erfolgreich präventive oder doch mildernde Interventionen in Gang bringen können – von denen einige schon längst etabliert sind (siehe unten). Wenig von dem, was ich hier dargestellt habe, ist neu; manche Aspekte dieser genetisch-dynamischen Faktoren verlangen aber eindeutig mehr Beachtung, als wir ihnen bisher zugestanden haben.

Wie können wir intervenieren, um bösartige Vorurteile abzumildern oder sogar von vornherein zu verhindern?

Ich habe auf zwei gewichtige Voraussetzungen für die Entstehung bösartiger Vorurteile hingewiesen:

auf die

hochgradige feindselige Destruktivität

, meiner Ansicht nach das Kernstück dieser Entwicklung, und

auf die ethno-fundamentalistische Erziehung, die diese Entwicklung fördert.

Abbildung 2 zeigt, dass es sowohl »individuelle« als auch »Gruppen«- (oder gesellschaftliche) Faktoren sind, die in Kombination zur Entstehung des bösartigen Vorurteils führen.

Abb. 2: Die komplexe Psychogenese des bösartigen Vorurteils

Zu den individuellen Faktoren zählen (a) angeborene Dispositionen; (b) starke innerpsychische Konflikte – die durch (familiale und gesellschaftliche) Traumatisierungen noch verstärkt werden; und (c) das Rachebedürfnis des Individuums, das sich mühelos in den allgemein sanktionierten Ruf nach Rache für vergangene und gegenwärtige ethnische Traumata einfügt.

Gruppenfaktoren spielen eine große Rolle innerhalb der Organisation bösartiger Vorurteile. Zu ihnen zählen vor allem (a) ereignisbedingte und/oder chronische gesellschaftliche Traumata und (b) eine militant-ethnische und/oder militant-fundamentalreligiöse Erziehung (mehr zu diesem Punkt weiter unten).

Ein Blick auf die miteinander verwobenen Dynamiken des bösartigen Vorurteils lässt uns ermessen, welche gewichtigen individuellen und Gruppenfaktoren hier am Werk sind, und macht deutlich, an welchen »Orten« präventive Aktionen, gestützt auf professionelle Erklärungen und Strategien, ansetzen können.

Das Kernstück des bösartigen Vorurteils: hochgradige feindselige Destruktivität

Feindselige Destruktivität ist die conditio sine qua non des Wunsches, andere zu schädigen. Hochgradige feindselige Destruktivität ist die conditio sine qua non des feindseligen Zerstörungswunsches. Hochgradige feindselige Destruktivität, die sich gegen bestimmte ausgewählte »andere« richtet und in Form von Abwehrmechanismen Gestalt annimmt, die speziell dazu gedacht sind, die Realität (bezüglich dieser anderen) zu verzerren, ist die conditio sine qua non des bösartigen Vorurteils. – Weiter unten werden wir uns mit der komplementären Rolle befassen, die der ethno-fundamentalistischen Erziehung zukommt.

In Parenthese darf ich hier bemerken: Eben weil das wohlmeinende oderbenigne Vorurteil das Ergebnis einer normalen Entwicklungserscheinung ist, die für die Begründung liebevoller Beziehungen unerlässlich ist, würde jeder Versuch, es zu verhindern, die Entstehung des Selbstgefühls, die Begründung normaler emotionaler Bindungen und mithin die Entwicklung zum Mitglied einer spezifischen Gemeinschaft stören. Es ist die aktive Kontaminierung des wohlmeinenden Vorurteils mit hochgradiger feindseliger Destruktivität, die das Problem hervorbringt.5 Ein solches Diagramm, so kompliziert es ist, macht es uns möglich, zu überlegen, wo wir intervenieren könnten, um eine Abschwächung des bösartigen Vorurteils zu bewirken.

Was können wir tun, um der Entstehung und Anhäufung hochgradiger feindseliger Destruktivität im Individuum entgegenzutreten?

Die mit Abstand beste Möglichkeit, bösartigen Vorurteilen vorzubeugen, bietet sich uns auf dem Feld der Kindererziehung. Wie ich oben schon sagte, stehen wir nicht allein mit der Feststellung, dass die Familie es in der Hand hat, gegen die Akkumulation hochgradiger feindseliger Destruktivität bei ihren Kindern anzugehen. Wie aus Tabelle 2 ersichtlich, zeigten unsere Projektkinder gegenüber den Vergleichspersonen erheblich bessere Ergebnisse in zwei der für die Reduzierung bösartiger Vorurteile besonders kritischen Kategorien, nämlich bei den manifesten Wutzuständen und beim Gewaltpotenzial. Unsere Stichprobe war zwar zu klein, als dass wir den Anspruch auf deutliche statistische Signifikanz unserer Ergebnisse erheben könnten. Aber angesichts dessen, was diese Ergebnisse nahelegen, angesichts der wichtigen Studien von Aichhorn, Bowlby, Gilligan und anderen und schließlich angesichts unserer über sieben Jahre hinweg angestellten Beobachtungen und unserer Folgestudien aus 37 Jahren dürfte die Annahme, dass sich in diesen Ergebnissen eine reale Signifikanz zeigt, ungeachtet der kleinen Stichprobe berechtigt sein.

Kurz gesagt, wenn wir die Ergebnisse unserer über 37 Jahre reichenden Studien und unsere Erfahrungen mit einer das emotionale Wachstum fördernden Erziehung (Parenting for Emotional Growth) unter präventivem Aspekt betrachten, dann gilt in der Tat, dass eine psychodynamisch orientierte Erziehung zur Elternkompetenz das spätere eigene Erziehungsverhalten der Nutznießer dieser Erziehung optimieren kann (siehe Tab. 1; vgl. auch Parens & Rose-Itkoff 1997). Das wiederum kann der Akkumulation übermäßiger Feindseligkeit auf Seiten der Kinder entgegenwirken, deren feindselige Destruktivität erheblich verringern und damit auch das bösartige Vorurteil in signifikantem Umfang zurückdrängen. Die Linie, entlang derer solche präventiven Bemühungen verlaufen könnten, lässt sich unschwer in der linken Hälfte von Abbildung 2 ausmachen.

Die Anwendung unseres Parenting for Emotional Growth Textbook (Parens et al. 1997a) auf pädagogische Materialien für Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 18 Jahren (Parens et al. 1997b) kann, wie sich gezeigt hat, die späteren elterlichen Strategien in der Tat optimieren. Die Studien von Materpasqua (1992) und von Gulkus (1995) über die Resultate einer Erziehung zur Elternkompetenz anhand des »Educating Children for Parenting«,6 eines Programms, das aus unserem Parenting for Emotional Growth-Projekt entstanden ist, dokumentieren den Nutzen solcher Kurse für die Schüler. Auch das von Karl Heinz Brisch (2007) entwickelte B.A.S.E.® Babywatching, bei dem Erzieherinnen, Lehrerinnen und Mentorinnen den Vorschul- und Kindergartenkindern sowie den Schulkindern helfen, die Erfahrungsdynamik feindseliger Destruktivität zu verstehen, und sie in Feinfühligkeit und Empathie schulen, hat sich als erfolgreich erwiesen und ist in Deutschland und anderen Ländern (etwa der Schweiz, Österreich, Neuseeland) sehr gut angenommen worden. Und die Safe Schools-Programme von Stuart Twemlow et al. (2002, 2007), die sich auf Gewaltprävention und Anti-Mobbing-Arbeit konzentrieren, setzen der Gewaltbereitschaft Jugendlicher in Schulen und Gemeinschaftseinrichtungen – die alle einen Einfluss auf das Individuum ausüben – ihr präventives Potenzial entgegen. Bei diesen und anderen Programmen, von denen ich später noch sprechen werde, handelt es sich um ernsthafte Versuche, der Entstehung feindseliger Destruktivität und schädlicher zwischenmenschlicher Handlungen entgegenzuwirken.

Der Anteil traumatischer Erfahrungen an der Entstehung bösartiger Vorurteile

Traumata haben einen gewichtigen Anteil an der Entstehung bösartiger Vorurteile. Dass ein Trauma die hochgradige feindselige Destruktivität in uns noch verstärkt, habe ich bereits erwähnt. Ich möchte hier eindringlich davor warnen, die Größenordnung traumatischer Erfahrungen, die für die Ausbildung bösartiger Vorurteile empfänglich machen, zu verharmlosen. Man stelle sich vor: Nach einer Studie zum Thema »Gewalt gegen Kinder und Jugendliche«, die im Auftrag der Vereinten Nationen von Paulo S. Pinheiro durchgeführt wurde, der, wie es hieß, »ersten eingehenden Untersuchung« zu diesem Thema, leiden weltweit schätzungsweise 40Millionen Kinder unter 15Jahren unter Gewalttätigkeit, Misshandlung und Vernachlässigung. UNICEF stellte daraufhin Überlegungen an, was getan werden müsse, um dieses Übel zu verhindern und ihm ein Ende zu bereiten (www.un.org/news, 10/17/05; Hervorhebung: H.P.). Ein traumatisierendes Geschehen kann das Individuum treffen; es kann aber auch eine Gesellschaft oder eine Gemeinschaft treffen.

Natürlich sind die Art des traumatischen Geschehens, Alter und Verfassung des Opfers zum Zeitpunkt des Geschehens und die Frage, ob dieses als absichtlich oder als zufällig wahrgenommen wird, alle miteinander bestimmend dafür, mit welcher Intensität der traumatische Zustand von dem betroffenen Kind oder Erwachsenen erfahren wird (Parens 2008b, S.93f.). Unter Berücksichtigung dieser Parameter bestimmt sich das Ausmaß unserer Traumatisierung durch den Ort des Geschehens und die Person, die uns das Trauma zugefügt hat (Cyrulnik 2008).7 Soweit es Kinder betrifft, ist hier an erster Stelle das häusliche Umfeld, dann die Schule und dann die Nachbarschaft zu nennen. Ein Trauma, das dem Kind von der eigenen Mutter bzw. vom eigenen Vater zugefügt wird, löst einen stärkeren psychischen Schmerz und einen höheren Grad feindseliger Destruktivität aus als ein Trauma, das von einer fremden Person oder einem »Feind« verursacht wird (Ornstein 1985). Vernachlässigung oder Misshandlung von Seiten derer, auf deren Liebe wir zählen, verstärken den psychischen Schmerz um ein Vielfaches.

Was können wir tun, um solche Traumatisierungen zu verhindern oder abzuschwächen?

Im häuslichen Umfeld: Angesichts der breiten Forschungstätigkeit, der umfangreichen klinischen Arbeit und der Fülle von Informationen, die wir dadurch im 20.Jahrhundert zu der Frage zusammengetragen haben, was sich in der Kindererziehung als entwicklungsfördernd und was sich als entwicklungshemmend erweist, müssen wir uns das Instrument der formalen Erziehung zur Elternkompetenz zunutze machen. Wie ich weiter oben schon sagte, kann eine solche »Erziehungskunde« auf allen Entwicklungsstufen stattfinden: Sie kann Kindern und Heranwachsenden in der Schule zuteil werden, jungen Erwachsenen vor und in der Frühzeit ihrer Elternschaft nahegebracht und auch im Rahmen der Ausbildung in der Kinderbetreuung angeboten werden.8

In der Schule kann einem Kind viel Schmerz zugefügt werden, sei es durch den sadistischen und demütigenden Ton der Lehrerin oder des Lehrers, durch das grausame und ablehnende Verhalten der Mitschüler oder durch die eigene Leistungsschwäche. Twemlow, Fonagy und Sacco (2002; Twemlow & Sacco 2007) berichten, dass schwerwiegende Enttäuschungen und der wechselseitige feindselige Ton, wie sie in vielen Schulen zu beobachten sind, weder von der Lehrerschaft noch durch die Lehrer-Schüler-Beziehungen »aufgefangen« werden können und gelegentlich zu erschreckenden sadistischen Interaktionen zwischen Lehrern und Schülern führen. Allzu viele Lehrer versuchen, die Schüler dadurch zum Arbeiten anzuhalten, dass sie sie beschämen. Je mehr Strategien sie dabei einsetzen, desto stärker empfindet der Schüler die emotionale Misshandlung und desto größer ist das Maß an feindseliger Destruktivität, die damit erzeugt und mobilisiert wird. Man kann Schülern viel abverlangen, ohne sie emotional zu misshandeln. Den Lehrern müssen unbedingt Strategien zur Optimierung des Lernens an die Hand gegeben werden, die keinen emotionalen Schaden anrichten. Im Zusammenhang mit ihrem »Peaceful Schools Program« berichten Twemlow et al. (2002, 2007), dass unsere Parenting for Emotional Growth-Workshops (Parens & Rose-Itkoff 1997) und andere Lehrerschulungsprogamme dieser Aufgabe sehr gut gerecht werden.

Der sadistische Umgang unter Gleichaltrigen und zumal das Mobbing in der Schule haben katastrophale Folgewirkungen. Inzwischen arbeiten immer mehr Schulen mit Strategien des Anti-Mobbing und der Konfliktlösung (siehe auch dazu Twemlow et al.).

Gesellschaftliches Trauma

Ein ganz entscheidender Parameter des Traumas ist, ob das schädliche Geschehen zufällig eintritt oder ob es vorsätzlich erfolgt, also intentionaler Art ist. Das Strafrecht macht diese Unterscheidung zum wichtigsten Kriterium überhaupt. Ganz allgemein gilt – ob das Opfer nun ein Individuum oder die Gesellschaft insgesamt ist –, dass das Trauma um ein Vielfaches intensiver erlebt wird, wenn die Schädigung vorsätzlich herbeigeführt wurde. So wurden beispielsweise der Kraftwerksunfall von Tschernobyl und das vorsätzliche Verbrechen des »11.September« sehr unterschiedlich aufgenommen, das erstgenannte Geschehen vor allem mit Furcht und der Forderung nach strengeren Sicherheitsvorkehrungen, das zweite vorwiegend mit Wut und dem Ruf nach Vergeltung und Krieg.

Ein Trauma, das eine ganze Gesellschaft trifft, kann ebenso wie das individuelle Trauma ereignisbedingt sein, also etwa durch einen terroristischen Akt, durch ein Massaker, durch die Zerstörung eines Heiligtums etc. ausgelöst werden. Es kann aber auch chronischer Art sein. Beispiele wären etwa wirtschaftlich stürmische Zeiten mit hoher Arbeitslosigkeit oder eine massive Nahrungsmittelknappheit, wie sie die westeuropäischen Länder in den frühen 1930er Jahren heimsuchten. Das Trauma kann auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sein – auf einer niedrigeren Ebene als Bandenunwesen, auf einer höheren als Krieg. Chronisch kann das Trauma auch sein, wenn es in einem bösartigen und militanten Chauvinismus und/oder Fundamentalismus wurzelt. Beispiele dafür wären die Sklaverei in Amerika, der Antisemitismus speziell in Europa und die Islamophobie, wie sie sich soeben in manchen Gegenden der Erde zusammenbraut.

Großgruppentraumata als Schlüsselfaktoren der Entstehung bösartiger Vorurteile

Nach Volkan trägt ein gesellschaftliches Trauma in großem Umfang dazu bei, die Dynamiken der betroffenen Gesellschaft zu prägen, und schreibt sich als »gewähltes Trauma« in die Geschichte dieser Gesellschaft ein (2005). Das führt tendenziell zur Entstehung einer Gesamtheit von Einstellungen und Verhaltensregeln gegenüber den Traumatisierern, die ihrerseits gewisse »nachhaltige bösartige Verzerrungen« (Parens 2007c) entstehen lässt, die, einmal propagiert, zum bösartigen Vorurteil führen.

Dieses traumabedingte bösartige Vorurteil kann »ruhen« oder geäußert werden. Es kann (1) passiv (z.B. in humorvoller Form) zum Ausdruck kommen; es kann (2) abwertend oder geradewegs beleidigend sein oder offiziell – etwa von einer Kanzel, einem Podium oder einer politischen Plattform – verkündet werden; und es kann (3) zum Inhalt von Propagandakampagnen wie derjenigen gemacht werden, die in den 1930er Jahren in Deutschland stattfand. Darüber hinaus kann es sich (4) in einer vereinzelten sadistischen Mordtat oder in Form einer Lynchjustiz äußern, wie sie vor Jahren in den USA zu beobachten war; es kann sich sodann (5) in isolierten Handlungen oder Geschehnissen äußern, etwa in der Verwüstung oder Zerstörung eines Tempels oder einer Moschee oder auch in Terrorakten wie der sog. Kristallnacht (9. November 1938) oder dem Anschlag auf die Twin Towers vom 11. September 2001; es kann (6) als Massaker an einer großen Zahl von Menschen zum Ausdruck kommen und als Genozid chronischen Charakter annehmen.

Gruppenprozesse, die das bösartige Vorurteil begünstigen

Beim bösartigen Vorurteil handelt es sich zuallererst um einen reaktiven und/oder erlernten Großgruppenprozess. Im Geschichtsbewusstsein einer Gesellschaft sind es vor allem drei Faktoren, die am Zustandekommen bösartiger Vorurteile beteiligt sind:

die in der Gemeinschaft aufgestaute hochgradige feindselige Destruktivität, bewusst oder unbewusst;

gruppenprozessuale Abwehrmechanismen;

lastende vorbewusste oder eindeutig bewusste Vergeltungswünsche.

In der Gemeinschaft aufgestaute hochgradig feindselige Destruktivität

Die (vergangenen und/oder aktuellen) Traumata einer Gesellschaft – Genozid, Zerstörung sakraler oder ethnischer Monumente, Unterdrückung der Bevölkerung – lassen über Zeit ein kollektives Reservoir hochgradig feindseliger Destruktivität entstehen, die sich im vorbewussten wie im bewussten Leben dieser Gesellschaft aufgestaut hat. Gesamtgesellschaftliche Traumata dieser Art lösen reaktive Gruppenprozesse aus, die im Allgemeinen die insgesamt aufgestaute feindselige Destruktivität in Richtung des bösartigen Vorurteils kanalisieren.

Abwehrmechanismen der Gemeinschaft

Es ist zwar nicht ganz einfach, das Prinzip des psychischen Abwehrmechanismus – ein psychoanalytisches Konzept, das sich auf individuelle Dynamiken bezieht – auf Gruppen anzuwenden; es gibt aber Gruppenprozesse, die offensichtlich nach einem sehr ähnlichen Prinzip organisiert sind. Dabei sind die einfachen Abwehrmechanismen, wie sie sich ab dem Ende des ersten Lebensjahres beobachten lassen – etwa Verschiebung, Projektion, Spaltung etc. –, schwieriger auf Gruppen anzuwenden. Recht ähnlich sind dagegen auch bei Gruppen die eher komplexen Formen von »objektverzerrenden Mechanismen«, die bei Fünf- bis Sechsjährigen zum ersten Mal auftreten und zu denen zunächst das Rationalisieren zählt, das sich mit der Zeit zu einem Bündel »realitätsverzerrender Abwehrmechanismen gegenüber anderen« entwickelt, zu dem Reduktionismus, Karikieren, Abwerten und Verunglimpfen zählen. Etwas abseits findet sich der Prozess, der zur Generalisierung führt, die dem Reduktionismus eng verwandt ist (Parens 1999, 2007b). Beide wurden in den mittleren und späten 1930er Jahren bis zum Extrem und höchst effizient von Joseph Goebbels, Hitlers Minister für »Volksaufklärung und Propaganda«, eingesetzt.

Lastende vorbewusste Vergeltungswünsche

Akhtar (1997) und Volkan (2005) haben sich über die fortdauernden historischen Narrative geäußert, wie sie rund um Geschehnisse zustande kommen, die für eine Gesellschaft traumatisch sind; diese Narrative werden als wertgeschätztes historisches Gedächtnis in die Gegenwart getragen. In manchen Sektoren der Gesellschaft, gewöhnlich Sektoren mit extremistischen Neigungen, werden solche traumabedingten Narrative geradezu inbrünstig ritualisiert und zelebriert und machen so den Gedanken der Vergeltung zu einer treibenden Kraft, die gepriesen und willkommen geheißen wird. Vor diesem Hintergrund setzt das moderate Segment der Gesellschaft alles daran, Gruppenprozesse einzudämmen, die derartige Rachegelüste fördern. Bevor wir uns solchen moderierenden Bemühungen zuwenden, müssen wir allerdings nach der Rolle des anderen gewichtigen Faktors fragen, der lange Zeit nur allzu effektiv genutzt wurde: nach der Rolle der Erziehung im Rahmen der Transformation von wohlmeinenden in bösartige Vorurteile.

Erziehung, die das bösartige Vorurteil begünstigt

Wie wir im rechten Teil von Abbildung 2 sehen, kann Erziehung ein wohlmeinendes Vorurteil unmittelbar in ein bösartiges Vorurteil verkehren, wobei in der Regel eine direkte persönliche Initiative gar nicht im Spiel ist. Eher ist es so, dass das Individuum sich die kollektive hochgradig feindselige Destruktivität zu eigen macht, wie sie durch Erziehung vermittelt wird. Wir gehen davon aus, dass die Verantwortung für die Erziehung der Kinder bei der Gesellschaft liegt. Aber das sechsjährige oder sogar noch jüngere Kind, das »Produkt der Familie X« kommt, soweit es seine Religion, seine Ethnizität und seine Nationalität betrifft, bereits wohl-unterrichtet in die Schule. In der Familie verschwimmt die Trennungslinie zwischen Identifikation und Erziehung insofern, als wir Eltern unsere Kinder ja vieles lehren. Freud hat auf die Erkenntnis der Jesuiten aufmerksam gemacht, dass eine in den frühesten Lebensjahren vermittelte religiöse Erziehung in das Selbstkonzept des Kindes eingeht. Es heißt, dass die Jesuiten von jeher die Ansicht – hier paraphrasierend wiedergegeben – vertreten hätten: »Gebt uns eure Kinder in ihren ersten fünf Lebensjahren, und sie werden ihr Leben lang gute Katholiken sein.« Die psychoanalytische Entwicklungstheorie hat gezeigt, dass sie recht haben.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wird verständlich, dass die formale – weltliche wie religiöse – Bildung und Erziehung, die einem Kind in der Schule zuteil wird, in Wahrheit eine Fortsetzung seiner Identifizierung mit seinen Eltern ist; tatsächlich bietet sich die Gesellschaft dem Kind als Objekt der Identifizierung an, und mit der Zeit setzt sie die Aufgabe der Kinderziehung im Namen der Eltern fort. Übrigens frage ich mich, ob der Kommunismus nicht vielleicht auch deshalb gescheitert ist – selbst die Chinesen haben ihn mittlerweile mit dem Kapitalismus verwässert, dem Abenteuer des Individualismus9 –, weil er die Selbst-Identität so ostentativ in Abrede gestellt und dem bedingungslosen Imperativ der Gruppenidentität so hartnäckig das Wort geredet hat: im Versuch, den gesunden menschlichen Narzissmus zu überfahren und die familialen Identifikationen zu zerstören, sie nämlich im Wege der Zwangserziehung durch Gruppenidentifikationen zu erdrücken. Damit hat der Kommunismus allzu hartnäckig versucht – ebenso wie übrigens der Nazismus mit seinem Führerkult –, die natürliche Kontinuität von der familialen zur Gruppenidentifikation zu unterminieren, die doch notwendig ist, damit das gesunde Individuum seine konstruktive soziale Anpassung betreiben kann.

Auf der Weltbühne sehen wir die Früchte einer jahrhundertelangen Erziehung, die mit beklagenswerter Unverblümtheit bösartige Vorurteile geschaffen hat. Laut Kofi Annan, dem ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, hat die UN-Vollversammlung erst 1991 eine noch im Jahr 1975 veröffentlichte Erklärung wieder aufgehoben, die den Zionismus mit Rassismus gleichsetzte (berichtet von Felice Gaer vom American Jewish Committee anlässlich des von der UN Section on Public Information veranstalteten Antisemitismus-Seminars vom 21.Juni 2004). Zum gleichen Thema beklagen viele von uns das Wiederaufleben des Antisemitismus in Europa und im Nahen Osten als Folge des israelisch-palästinensischen Konflikts und die Islamophobie, wie sie in den USA und anderswo nach der Zerstörung der Twin Towers am 11.September 2001 entstanden ist. Seit langem Teil der Zivilisation, nur zu gut gelernt und erlernt, machen solche bösartigen Vorurteile uns heute zu schaffen und werden uns auch morgen zu schaffen machen.

Militanter und bösartiger Extremismus

Aller Extremismus legt den Akzent auf die Unterschiede zwischen »uns und denen«. Es wäre zwar denkbar, dahinter nicht mehr als ein eiferndes wohlmeinendes Vorurteil zu erkennen. Wenn solche Formen des eifernden wohlmeinenden Vorurteils allerdings mit großer Entschiedenheit vertreten und weithin als »rechtschaffener« denn andere Überzeugungen hingestellt werden, könnten wir sie ebenso gut als Formen eines militanten Vorurteils verstehen. Die Brisanz des militanten Vorurteils liegt darin, dass seine »benigne« Beschaffenheit nur zu leicht ins Feindselige umschlägt. Das nunmehr feindselig-militante Vorurteil begreift dann »uns und die« unter dem Aspekt von gut kontra böse,liebevoll und wohlmeinend kontra feindselig und böswillig,heroisch kontra heimtückisch oder sogar terroristisch usw. Je stärker das militante Vorurteil von Feindseligkeit durchtränkt ist, desto deutlicher konvertiert es zum »malignen Extremismus«, der seinerseits immer das bösartige oder maligne Vorurteil mit sich bringt. Maligner Extremismus wird in der Regel von der im Vorbewussten einer Gruppe angehäuften hochgradig feindseligen Destruktivität und vom Wunsch nach Rache gesteuert und setzt die verzerrenden Abwehrmechanismen in Gang, von denen oben die Rede war. Wenn militanter und maligner Extremismus Anhänger um sich scharen, arbeiten sie ausnahmslos mit dem Mittel der Erziehung, um ihre Zwecke zu erreichen.

Es ist bemerkenswert, dass Menschen zwar sehr wohl eine starke »Großgruppenidentität« entwickeln, dass diese aber dort, wo ihnen die individuelle Identität nicht zugestanden wird, letzten Endes eben doch nicht funktioniert. Wir können wohl voraussagen, dass eine erzwungene »Großgruppenidentität«, die ihrerseits die individuelle Identität ausschließt oder jedenfalls nicht zulässt, am Ende überall versagen wird.

Militant-religiöser Fundamentalismus

Mit Bezug auf den religiösen Fundamentalismus trägt Volkan (2001) den Gedanken vor, dass die Angehörigen aller Glaubenstraditionen – Muslime, Christen, Juden und andere – gewisse Gemeinsamkeiten teilen, so das Gefühl der Einmaligkeit und Besonderheit, das sich auf einen göttlichen Text, eine idealisierte absolute Führergestalt, auf erwählte Traumata, auf »einsame Omnipotenz mit dem dominierenden Gefühl der Viktimisierung« auf eine magische Seligkeitsverheißung gründet. Dazu zählt auch eine stets in der Außenwelt präsente Gefahr, die negative Gefühle gegenüber Außenstehenden auf den Plan ruft.

Und Volkan sagt weiter, dass der Fundamentalismus von regressiven Gruppenprozessen geprägt ist, die unter Umständen milde, unter Umständen aber auch bösartig verlaufen können. Dem habe ich hinzugefügt, dass dies durch »verzerrende Abwehrmechanismen gegenüber dem anderen« geschieht, die eine zählebige bösartige Verzerrung und in deren Folge unweigerlich ein bösartiges Vorurteil auf den Plan rufen (Parens 2007c).

Was kann die Gesellschaft zur Reduzierung des malignen Extremismus in allen seinen Formen tun?

Diese Frage bewegt viele Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen ebenso wie führende nationale und internationale Institutionen. Entsprechende Bemühungen waren und sind seit langer Zeit an allen Fronten zu beobachten. Ich glaube, dass Erziehung, die ja einen großen Anteil an der Entstehung bösartiger Vorurteile hat, sich ebenso gut dazu einsetzen lässt, solchen Vorurteilen vorzubeugen oder sie zumindest zurückzudrängen. Zu den aktuellen Aktivitäten in diesem Sinne zählen:

Präventionsbemühungen der Vereinten Nationen;

die Arbeit ethnischer/religiöser Gruppen mit dem Ziel des friedlichen Zusammenlebens;

Programme zur Erziehung der Kinder zu einem friedlichen Miteinander.

(1) Präventionsbemühungen der Vereinten Nationen: Der Kampf gegen den Rassismus. Die Vereinten Nationen haben in den zurückliegenden Jahren bedeutsame Schritte in der Bekämpfung aller Formen des Rassismus unternommen, und dies energischer als je zuvor. In den Jahren 2004 bis 2007 initiierte und leitete Shashi Taroor, Untergeneralsekretär und PR-Chef der Vereinten Nationen, eine Reihe von Seminaren zum Thema »Intoleranz verlernen«. Das erste dieser Seminare, das sich mit dem Antisemitismus befasste, fand am 21.Juni 2004 statt; das zweite – zum Thema Islamophobie – am 7.Dezember 2004; weitere Seminare folgten.

Ich sollte auch erwähnen, dass diese Bemühungen sehr rasch auf die von Afaf Mahfouz geleiteten und vom UN-Komitee der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung gesponserten Jahreskonferenzen folgten. Diese im Januar 2003 und im Januar 2004 veranstalteten Konferenzen mit Podiumsdiskussionen zum Thema des bösartigen Vorurteils zogen eine zunehmende Zahl von Vertretern ganz verschiedener NGOs (= Non-Governmental Organizations, also Nicht-Regierungs-Organisationen) an, die mit den Vereinten Nationen assoziiert sind.

Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan hat sich mehrmals entschieden gegen den Rassismus ausgesprochen. In seiner Eröffnungsrede zum Antisemitismus-Seminar vor der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Vereinten Nationen sagte er am 21.Juni 2004: »Kein Muslime, kein Jude, kein Christ, kein Hindu, kein Buddhist – niemand, der den Grundsätzen irgendeiner Glaubensrichtung auf der Welt treu ist, niemand, der für sich eine kulturelle, nationale oder religiöse Identität beansprucht, die auf Werten wie Wahrheit, Anstand und Gerechtigkeit fußt – kann im Kampf gegen Intoleranz neutral sein« (UN Chronicle, Juni 2004). Er wiederholte diese Aussage in ihrem wesentlichen Inhalt in seiner Einführung zum Seminar über Islamophobie am 7.Dezember 2004. Bei der Einweihung des Jerusalemer Holocaust-Mahnmals am 15.März 2005 erklärte Kofi Annan, die Weltgemeinschaft habe die heilige Pflicht, gegen Hass und Intoleranz einzutreten, wo immer sie sich zeigen: »Möge Yad Vashem uns inspirieren, unseren Kampf fortzusetzen, solange die tiefste Dunkelheit das Gesicht der Erde heimsucht« (UN News Service, 15.März 2005). Am 21.