39,99 €
Die Beiträge dieses Bandes führen die teilweise auf unterschiedlichen Wegen entstandenen Erkenntnisse der beiden Richtungen zusammen. Eines wissen wir ganz sicher: Eine sichere Bindungserfahrung in der Kindheit - wenigstens eine! - ist ein ganz wichtiger Schutz gegen das Aufkommen psychopathologischer Symptome nach einem traumatischen Erlebnis. Die Erkenntnisse der Bindungsforschung haben in jüngerer Zeit in psychoanalytische und psychotherapeutische Überlegungen Einzug gehalten. Dieses Buch führt nun erstmals die bisher weitgehend unabhängig voneinander operierenden Richtungen Bindungsforschung und Psychotraumatologie zusammen. Es wird dargestellt, wie Bindungsverhalten und -störungen mit traumatischen Trennungs- und Verlusterlebnissen zusammenhängen oder auch mit anderen traumatischen Ereignissen wie körperlicher und emotionaler Mißhandlung oder sexueller Gewalt. Die Bindungsforschung hat herausgearbeitet, wie solche ungelösten Traumata sich auf gestörtes Verhalten bei Kindern und auf Bindungsrepräsentationen bei Erwachsenen auswirken können. Parallel dazu hat sich die Psychotraumatologie bei ihren Untersuchungen eher darauf konzentriert zu erforschen, welche psychopathologischen Symptome durch ungelöste Traumatafolgen ausgelöst werden können. Bedeutsam sind auch neue Erkenntnisse darüber, wie Kinder ein akutes Trauma überstehen können und welche Schutzfaktoren zu ihrer psychischen Stabilisierung beitragen. Mit Beiträgen von Anni Bergman, Lutz-Ulrich Besser, Marc H. Bornstein, Arne Hofmann, Klaus E. Grossmann, Gerald Hüther, Mechthild Papousek, Peter Riedesser u.a.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 392
Veröffentlichungsjahr: 2015
BINDUNG UND TRAUMA
Risiken und Schutzfaktorenfür die Entwicklung von Kindern
Herausgegeben vonKarl Heinz Brisch undTheodor Hellbrügge
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
© 2003/2021 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Klett-Cotta Design
Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
Printausgabe: ISBN 978-3-608-94793-9
E-Book: ISBN 978-3-608-10118-8
PDF-E-Book: ISBN 978-3-608-20318-9
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorwort
Einleitung
Klaus E. GrossmannEmmy Werner: Engagement für ein Lebenswerk zum Verständnis menschlicher Entwicklung über den Lebenslauf
Theodor HellbrüggeRisiko- und Schutzfaktoren in der kindlichen EntwicklungMit einer Hommage an den Kinderforscher René Spitz
Manfred LauchtVulnerabilität und Resilienz in der Entwicklung von KindernErgebnisse der Mannheimer Längsschnittstudie
Zdeněk MatějcěkSchutzfaktoren in der psychosozialen Entwicklung ehemaliger Heim- und Pflegekinder
Günther Opp und Ellen WenzelSchule: Schutz- oder Risikofaktor kindlicher Entwicklung
Gerald HütherDie Auswirkungen traumatischer Erfahrungen im Kindesalter auf die HirnentwicklungDas allgemeine Entwicklungsprinzip
Karl Heinz BrischBindungsstörungen und TraumaGrundlagen für eine gesunde Bindungsentwicklung
Mechthild Papoušek und Ruth Wollwerth de ChuquisengoAuswirkungen mütterlicher Traumatisierungen auf die Kommunikation und Beziehung in der frühen KindheitWerkstattbericht aus 10 Jahren Münchner Sprechstunde für Schreibabys
Peter RiedesserEntwicklungspsychopathologie von Kindern mit traumatischen Erfahrungen
Arne Hofmann und Lutz-Ulrich BesserPsychotraumatologie bei Kindern und JugendlichenGrundlagen und Behandlungsmethoden
Jaroslav ŠturmaPsychische Deprivation als pathoplastischer und prognostischer Faktor bei Kindern mit minimaler zerebraler Dysfunktion
Anni BergmanAspekte von Bindung und Trauma in der langjährigen Behandlung eines autistischen Kindes
Daniel S. SchechterGewaltbedingte Traumata in der GenerationenfolgeBericht über eine laufende klinische Studie mit Müttern und Kleinkindern
Daniel S. Schechter, Susan W. Coates und Elsa FirstBeobachtungen aus New YorkReaktionen von psychisch vorbelasteten Kindern auf die Anschläge auf das World Trade Center
Marc H. BornsteinFörderung positiver Eigenschaften und Werte bei KleinkindernRahmenbedingungen für Forschung und Praxis
Die Bindungstheorie wurde von John Bowlby, einem englischen Psychiater und Psychoanalytiker, begründet. Sie besagt, daß die Entwicklung einer sicheren emotionalen Bindungsbeziehung beim Kind sowie im weiteren Verlauf des Lebens für die emotionale Stabilität und die gesunde psychische Entwicklung ein Schutzfaktor ist. Die Bindungsbeziehung hat dabei den Charakter einer »sicheren emotionalen Basis«, auf die in Situationen von äußerer oder innerer Gefahr zur emotionalen Stabilisierung sowohl real als auch emotional in der inneren Welt zurückgegriffen werden kann.
Bereits mit seiner Trilogie über Bindung, Trennung und Verlust wies Bowlby immer wieder auf die Bedeutung von traumatischen Erfahrungen für die Entstehung von Störungen in der Bindungsentwicklung hin. Schon während seines Studiums war ihm in Interviews mit 44 jugendlichen Dieben aufgefallen, daß diese ausnahmslos Verluste von wichtigen Bindungspersonen und Gewalt erfahren hatten. Bowlby sah darin eine mögliche Ursache von dissozialen Entwicklungen bei Kindern.
Traumaerfahrungen als psychopathogenetischer Faktor in der Entstehung von Bindungsstörungen ist ein zentraler Bestandteil der Bindungstheorie. Dieser Zusammenhang ist inzwischen in der Entwicklungspsychopathologie durch die Ergebnisse aus vielfältigen Längsschnittstudien gut belegt. Sie zeigen, daß eine sichere Bindungsentwicklung – trotz einer traumatischen Erfahrung – ein Schutzfaktor für eine gesunde psychische Entwicklung sein kann, dagegen eine unsichere Bindungsentwicklung eher als ein Risikofaktor im Sinne einer psychischen Verletzlichkeit zu sehen ist.
Die Konzepte und die Erkenntnisse aus den Längsschnittstudien der Bindungsforschung wurden in den vergangenen Jahren zunehmend erfolgreich auf die klinische Bindungsforschung und die Anwendung in der Psychotherapie übertragen. Hierbei zeigte sich, daß Bindungsstörungen (etwa mit panischer Angst, desorganisiertem Verhalten, Fühlen und Denken, extremem Klammern, Weglaufen, psychosomatischer Symptombildung) mit traumatischen Trennungs- und Verlusterlebnissen sowie mit Traumata wie körperlicher Mißhandlung und sexualisierter Gewalt in der Geschichte der Patienten verbunden waren. Die Bindungsforschung hat nachgewiesen, wie diese Traumata mit Desorganisationen in den Bindungsrepräsentationen von Erwachsenen und mit desorganisiertem Verhalten von Kindern verbunden sein können. Besonders bemerkenswert ist, daß Säuglinge mit einem Jahr bereits desorganisiertes Verhalten in Trennungssituationen zeigen können, wenn ihre Eltern unverarbeitete Traumata erlebt haben. Es wird eine Weitergabe von Traumaerfahrungen von der Elterngeneration auf die der Kinder durch eine spezifisch belastete Mutter-/Vater-Kind-Interaktion diskutiert. Die Kinder mußten also gar nicht selbst direkt traumatisiert worden sein.
Jedes Trauma ist enorm ängstigend, aktiviert maximal das Bindungssystem und erschüttert das Gefühl von einer »sicheren emotionalen Basis«. Dies um so mehr, wenn der Täter eine Bindungsperson ist, an die sich etwa das Kind in Zeiten vor der Traumatisierung vertrauensvoll gewandt hat.
Die Forschung zur Psychotraumatologie hat andererseits ebenfalls in der Grundlagenforschung und der Klinik zeigen können, welche Vielzahl von Symptomen nach unverarbeiteten Traumata entstehen können und daß viele psychische Erkrankungen wie Borderline-Störungen, Angsterkrankungen, Depressionen auf dem Hintergrund von Traumatisierungen und posttraumatischen Belastungsstörungen entstehen können. Desorganisation im Fühlen, Denken und Handeln, wie in der Bindungstheorie gefunden, ist dabei nur eine Form der klinischen Symptomatik als Folge von Traumatisierung und posttraumatischer Belastungsstörung.
Die Forschung zu Schutz- und Risikofaktoren und der Salutogenese hat sich in vielen Längsschnittstudien ebenfalls damit beschäftigt, wie Kinder etwa akute oder chronische Traumatisierungen überleben. Sie fand heraus, welche Schutzfaktoren zur psychischen Stabilisierung und Verarbeitung trotz der erlebten Belastungen beitragen und welche eine psychische Dekompensation und Symptombildung fördern können. Neben vielen verschiedenen Detailergebnissen ist ein Ergebnis besonders bemerkenswert: Eine sichere und bedeutungsvolle Bindungserfahrung in der Kindheit – zumindest eine – ist ein wesentlicher Schutzfaktor gegen die Entwicklung von psychopathologischen Symptomen nach einer erlebten Traumatisierung.
Bahnbrechende Erkenntnisse zur Frage der psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) nach einem traumatischen Erlebnis verdanken wir in ganz hervorragender Weise den Untersuchungen von Emmy Jacobson-Werner, die über mehr als 40 Jahre Kinder nach Traumaerfahrungen in einer Längsschnittstudie auf der Hawaii-Insel Kauai untersucht hat. Ihr zu Ehren wurde– gemeinsam von der Internationalen Akademie für Entwicklungs-Rehabilitation und der Theodor-Hellbrügge-Stiftung – am 30.November und 1.Dezember 2001 ein internationaler Kongreß mit dem Titel »Attachment and Trauma: Risk and Protective Factors in the Development of Children« an der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München veranstaltet. Im Rahmen dieses Kongresses wurde Frau Jacobson-Werner als Zeichen der Würdigung ihres wissenschaftlichen Lebenswerks der Arnold-Lucius-Gesell-Preis der Theodor-Hellbrügge-Stiftung verliehen. Diese Konferenz ermöglichte es zum ersten Mal, daß die Ergebnisse aus der Bindungsforschung und der Psychotraumatologie, die heute als sich ergänzende und überschneidende Gebiete betrachtet werden können, von internationalen Forschern vorgetragen und diskutiert werden konnten.
Die überaus große Resonanz der Konferenz ermutigte die Veranstalter, die Beiträge einer größeren Leserschaft mit der Herausgabe dieses Buches zugänglich zu machen. Wir danken allen Autorinnen und Autoren, daß sie ihre Beiträge für die Publikation zur Verfügung gestellt haben. Ein besonderer Dank gilt Roswitha Schmid und Marisa Medina Veiltl, die mit großem Engagement und Zuverlässigkeit die Übersetzungen der englischen Beiträge übernahmen.
Dank der zügigen Bearbeitung der Beiträge durch Rainer Ungermann von der Fa. ViaMac und durch Renate Warttmann konnte das endgültige Buchmanuskript rasch erstellt werden. Dr. Heinz Beyer vom Verlag Klett-Cotta sei herzlich gedankt, daß er spontan die Idee einer Herausgabe dieses Buches aufgegriffen und sich beim Verlag für eine rasche Herstellung eingesetzt hat.
Ein besonderer Dank gilt der Theodor-Hellbrügge-Stiftung München, mit deren großzügiger finanzieller Unterstützung sowohl die Konferenz als auch die Entstehung dieses Buches realisiert werden konnte.
Wir hoffen, daß dieses Buch eine Brücke schlägt zwischen der Bindungstheorie und Bindungsforschung sowie dem Gebiet der Psychotraumatologie und daß diese Zusammenschau von Psychotherapeuten, Kinderärzten, Pädagogen, Sozialarbeitern und allen, die für traumatisierte Kinder Sorge tragen, für die Behandlung ihrer Patienten fruchtbar aufgegriffen werden kann.
Karl Heinz Brisch und Theodor Hellbrügge
Das vorliegende Buch gliedert sich in einen ersten Teil, der die Forschungsergebnisse aus Studien über die Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die lebenslange Entwicklung umfaßt. Hierbei liegt ein Schwerpunkt auf der Bedeutung früher feinfühliger Interaktionserfahrungen des Säuglings mit seinen Eltern und deren Bedeutung für die Bindungsentwicklung. Ein zweiter Teil umfaßt die Beiträge zum Thema der Psychotraumatologie und zum Einfluß von traumatischen Erfahrungen auf die Entwicklung von psychopathologischen Entwicklungen, wie autistische Erkrankungen, Bindungsstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen.
Der erste Teil beginnt mit einem großen Überblick von Klaus Grossmann über das Lebenswerk von Emmy Werner und verdeutlicht den reichen Fundus von Forschungsergebnissen aus ihrer 40jährigen Längsschnittstudie zurEntwicklung von Kindern einer Hawaii-Insel. Theodor Hellbrügge beschreibt in einer Hommage an René Spitz dessen Beitrag zur Deprivationsforschung. Die Forschungsarbeiten von Spitz waren ebenfalls eine Pionierarbeit der Säuglingsforschung und konnten erstmals die katastrophalen Auswirkungen emotionaler Vernachlässigung auf die körperliche und seelische Entwicklung von Kindern nachweisen. Die von Manfred Laucht vorgestellten Ergebnisse aus der Mannheimer Risikoentwicklungsstudie können die von Spitz gefundenen Ergebnisse bestätigen und mit den modernen Methoden der Säuglingsforschung noch differenziertere Antworten über die langfristige Bedeutung der frühen Erfahrungen in der Mutter-Säuglings-Interaktion für die Entwicklung von späterer Psychopathologie geben. Diese Ergebnisse finden ihre klinische Entsprechung und Bestätigung in den von Zdeněk Matějcěk berichteten Erfahrungen und Forschungsergebnissen ehemaliger Heim- und Pflegekinder in Prag. Günther Opp und Ellen Wenzel veranschaulichen eindrücklich, wie der Brennpunkt Schule für Kinder ein Ort von Schutz und Sicherheit oder aber eine Stätte von Angst und Schrecken und damit auch von Traumatisierung sein kann.
Im zweiten Teil belegt Gerald Hüther, welche nachhaltigen Auswirkungen die frühen Interaktionserfahrungen des Säuglings auf die Reifung des kindlichen Gehirns haben und wie frühe Traumatisierungen nicht nur zu emotionalen Schwierigkeiten, sondern auch zu morphologisch meßbaren Veränderungen in der Hirnentwicklung führen, die bei aller Plastizität des Gehirns ihre langfristigen Spuren hinterlassen. Karl Heinz Brisch veranschaulicht, wie sich aus frühen Traumatisierungen des Kindes desorganisierte Bindungsmuster und Bindungsstörungen als schwerwiegende Form der Psychopathologie entwickeln können. An einem Therapiebeispiel vermittelt er, wie sich traumatische Erlebnisse in der Lebensgeschichte der Mutter sowie eine traumatische Schwangerschaftserfahrung auf die Interaktion mit dem Säugling auswirken können und somit die Gefahr einer Weitergabe von traumatischen Erfahrungen nachvollziehbar wird. Durch die Psychotherapie der Mutter kommt es zu einer Symptombesserung des Kindes und einer psychischen Stabilisierung der Mutter selbst. Mechthild Papoušek und Ruth Wollwerth de Chuquisengo vertiefen dieses Thema, indem sie die Zusammenhänge zwischen mütterlicher Traumatisierung und ihren Auswirkungen auf die Kommunikation mit dem Säugling und Symptombildungen beim Kind aufzeigen. Peter Riedesser zeigt in seinem Beitrag, wie die frühkindliche Entwicklung durch traumatische Erfahrungen beeinflußt wird und wie hierdurch auch weitere Entwicklungsphasen von der Kindheit bis ins Jugendalter psychopathologisch beeinträchtigt werden können.
Die Grundlagen der Psychotraumatologie bei Kindern und Jugendlichen und die hierzu vorliegenden Forschungsergebnisse werden von Arne Hofmann anschaulich dargestellt und bieten den Hintergrund für die Diskussion der modernen traumaspezifischen Behandlungsmethoden; die Behandlungsmöglichkeiten werden dabei durch ein Fallbeispiel eines kleinen traumatisierten Mädchens eindrücklich von Lutz-Ulrich Besser geschildert. Jaroslav Šturma hat eine lange Erfahrung in der Behandlung von Kindern mit früher emotionaler Deprivation und zeigt anhand seiner Forschungsergebnisse, wie sich diese Erfahrung auch auf die Ausbildung von Störungen der Aufmerksamkeit und des hyperkinetischen Syndroms auswirken können. Das beeindruckende Fallbeispiel der Behandlung von Rosie durch Anni Bergman läßt den Leser an einer 40jährigen psychoanalytischen Psychotherapie eines autistischen Kindes bis ins Erwachsenenleben teilhaben. Auch in diesem Beispiel finden sich biographische Hinweise, wie die Traumatisierung der Mutter die frühe Interaktion mit ihrer Tochter beeinflußte und mit der autistischen Symptombildung verflochten war. Besonders die Konzepte der mütterlichen Feinfühligkeit und der emotionalen Verfügbarkeit für die Bedürfnisse und Signale des Säuglings werden hier in ihrer Bedeutung nachvollziehbar. Das Beispiel ist ein Plädoyer für die psychotherapeutische Behandelbarkeit von schwer gestörten autistischen Kindern und unter Umständen eine lebenslange psychotherapeutische Begleitung dieser Menschen. Der Beitrag von Daniel Schechter beschäftigt sich mit den Auswirkungen von mütterlicher Gewalterfahrung und ihrer Weitergabe an die Generation der Kinder.
Der letzte aktuelle Beitrag von Schechter, Susan Coates und Elsa First weist – stellvertretend für alle kollektiven Traumatisierungen durch Krieg und Vernichtung – auf die katastrophalen Folgen für die psychische Entwicklung von Kindern hin, die in New York die Anschläge auf das World Trade Center erlebten und entweder als Zeuge oder durch den Verlust von Bindungspersonen traumatisiert wurden. Er betont, daß besonders Kinder mit traumatischen Vorerfahrungen schwerwiegende Formen einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickelten, die auch nach Abklingen der akuten Schockphase weiter bestanden. Erneut wird deutlich, welchen Schutzfaktor gute sichere Bindungsbeziehungen für Kinder in einer solchen überwältigenden kollektiven Traumatisierung bedeuten können und wie groß die Notwendigkeit von psychotherapeutischer Hilfe für diejenigen Kinder ist, die solche Bindungspersonen nicht haben.
Auf diesem Hintergrund kann Marc Bornstein abschließend einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft richten und aufzeigen, welche Rahmenbedingungen erforderlich sind, damit sich die aus der Forschung über Schutz- und Risikofaktoren, Psychotraumatologie und Bindungsforschung gewonnenen Erkenntnisse für die gesunde Entwicklung von Kindern und Familien umsetzen lassen und wie die weiteren Perspektiven für Prävention und Forschung aussehen müßten.
Alle Beiträge zeigen aus unterschiedlichen Perspektiven, wie sich die Forschungsergebnisse und die klinische Anwendung in den Gebieten der Bindungsforschung, Schutz- und Risikoforschung der frühkindlichen Entwicklung und ihrer lebenslangen Auswirkungen mit dem Bereich der Psychotraumatologie überschneiden und ergänzen. In der Gesamtschau verdichtet sich die Gewißheit, daß frühe Erfahrungen in der Eltern-Kind-Beziehung von großer Bedeutung sind. Sie können ein lebenslanges Risiko mit der Gefahr von psychopathologischen Entwicklungen in sich bergen oder ein Schutz vor späteren belastenden Lebenserfahrungen sein und selbst schwerwiegende Traumatisierungen überwinden helfen. Dabei spielt die frühe Bindungsentwicklung unbestritten eine zentrale Rolle in der Entstehung von Störungen sowie auch in der Prävention und Psychotherapie.
Emmy Werner gehört zu den wenigen Wissenschaftlerinnen, die in der Psychologie der Entwicklung über den Lebenslauf zu dem Fundament beigetragen haben, auf dem sie ruht. Sie ist eine der seltenen Autorinnen, die der Entwicklungspsychologie das Wichtigste gegeben haben, das sie braucht: Längsschnittuntersuchungen, in denen Menschen von der Geburt an über viele Jahre beobachtet, gemessen, geprüft, befragt und in ihren Lebensvollzügen dargestellt werden. Meisterlich war die Grundlegung ihrer Untersuchung, deren Teilnehmer 1955 geboren wurden und die bis 1995, als sie 40 Jahre alt waren, viele Male besucht wurden. Unser Wissen über gute Entwicklungsbedingungen hat durch Emmy Werner außerordentlich gewonnen und auch unser Wissen darüber, wodurch Schwierigkeiten, Beeinträchtigungen, Handikaps und ein schlechter Lebensanfang überwindbar werden.
Emmy Werner pflegt ihre Bücher mit einem Gedicht zu beginnen. Das neueste Buch (2001) heißt »Journeys from Childhood to Midlife: Risk, Resilience and Recovery«. Der Titel zeigt die in der positiven Grundstimmung ausgedrückte Hoffnung, die für viele, wenn auch nicht für alle in den Lebensläufen dokumentiert ist. Das dem Buch vorangestellte Gedicht von Robert Louis Stevenson (1850–1894) lautet:
Life is not a matter
of holding good cards,
but of playing
a poor hand well
In einfacher Sprache, so sagt die Laudatio von ZERO TO THREE des US National Center for Infants, Toddlers, and Families (1999) in Anerkennung von Emmy Werners Lebenswerk, vermittelt sie Weisheit und Wissen darüber, wie aus Kindern verantwortungsbewußte Jugendliche und junge Erwachsene werden und gebende Mitglieder der Gesellschaft. Emmy Werner schreibt über Zuversicht, Kompetenz und Sorge für den Nächsten und darüber, welche Entwicklung es braucht, um gut zu lieben, gut zu arbeiten, gut zu spielen und Gutes zu erwarten. Sie schreibt über den Wert der Verbindung mit Freunden und Verwandten, mit der Familie und mit der Gemeinschaft. Sie schreibt über Risiko, Schutz, Resilienz und Überwindung von allzu großer Unbill.
Emmy Werner hat 1949 zum ersten Mal von entwicklungspsychologischen Längsschnittstudien gehört. Sie war davon fasziniert. Fünf Jahre später, 1954, war sie in Berkeley, Kalifornien, und arbeitete mit drei berühmten Entwicklungspsychologinnen: Nancy Bayley, Jean W. Macfarlane und Marjorie Honzik. Dort entwickelte sie die Idee, zu untersuchen, was geschehen müßte, damit ein schlechter Lebensstart durch ein Geburtstrauma sich nicht zu einem Lebenstrauma entwickelt. Sie nahm alle 698 Kinder, die im folgenden Jahr auf der Insel Kauai im Hawaii-Archipel geboren wurden, in ihre Untersuchung auf, den gesamten Jahrgang. Den verletzlichsten unter ihnen widmete sie ihre besondere Aufmerksamkeit. Sie wollte verstehen, was ihnen half, ihr großes Handikap zu überwinden, und was sie so widerstandsfähig machte. Viele Male während der 40 folgenden Jahre haben wir von Emmy Werner gelernt, welche Gabe die mütterliche Kompetenz, aber auch die von Geschwistern, Großeltern, Lehrern und Freunden sein kann, um dem Leben mit Freude und Tatkraft zu begegnen und dabei zu gewinnen.
In ihrem Buch über Kinder im Zweiten Weltkrieg, das auch auf deutsch erschienen ist, zeigt Emmy Werner (2001) in Wort und Bild das Schicksal von Kindern aus vielen Ländern, die Krieg und Trennung erleiden mußten und grauenvolle Ereignisse von Zerstörung und Tod, die ihre Kindheit überschatteten. Zuvor bereits hatte sie dies für die längst vergessenen Kinder des amerikanischen Bürgerkriegs getan (Werner, 1995). In beiden Werken dokumentiert sie die psychologische Wirklichkeit der Kinder, die unter Terror, Hunger, Elend und Unsicherheit leben mußten. Ohne den mitfühlenden Blick und ohne ein Herz für das Leid dieser und aller Kinder in solchen entsetzlichen Lebensumständen wäre ihr Leid vergessen. Ihre Bücher mahnen uns, sorgfältig mit unseren Kindern umzugehen und sie zu lieben, um ihnen ein Leben voller Energie und Zuversicht auch bei den anspruchsvollsten Herausforderungen zu ermöglichen.
Vielleicht waren es ihre eigenen Erinnerungen an die Kriegskinder, die Emmy Werner als Teenager selbst erlebt hatte, die sie zur Entwicklungspsychologin der Wiedergutmachung werden ließen, die Umstände untersucht, wie unverdiente traumatische Erfahrungen nicht zu lebensverkrüppelnden Ereignissen werden müssen. Auf Kauai hat sie den Schlüssel dazu gefunden: Die Kraft der bedingungslosen Akzeptanz eines jeden Kindes, besonders aber der Kinder in physischer und psychischer Not, durch wenigstens eine liebende Person trägt entschieden dazu bei, deren Leben lebenswerter zu gestalten. Sie hat das universelle Grundbedürfnis nach solchen Personen auf eine Weise belegt, die keine Kritik der Welt widerlegen kann. Sie hat die Vielfalt des Engagements hilfsbereiter und mitfühlender Menschen aufgezeigt, die tatsächlich trostlose Lebenspfade in eine liebevolle, zuversichtliche und lebensbejahende Richtung umlenken kann. Emmy Werner zeigt uns, daß diese Zuneigung die Quelle eines sinnvollen Lebens eines jeden einzigartigen Individuums ist. Jede überwundene Widrigkeit zeugt Hoffnung, die jeder von uns zusammen mit Kindern schaffen kann. Ihr ruheloses Engagement, diese in einer langen Lebenszeit erarbeiteten und bewiesenen Erkenntnisse auch in der täglichen Arbeit mit Kindern in seelischer Not zu praktizieren, um Schaden von ihnen abzuwenden oder sie zu heilen, macht die Kauai-Studie zu etwas Besonderem und Grundlegendem für die Entwicklungspsychologie. Darüber hinaus sind diese Studie und ihre Bücher über die Not von Kindern im Krieg zu einem Leitfaden vor allem für die praktische Arbeit mit solchen Kindern geworden, denen liebevolle Erfahrungen bislang vorenthalten und die deshalb ihrer Lebensmöglichkeiten beraubt wurden.
Längsschnittliche Forschung ist mühsam. Sie dauert ein Leben lang und ist nie zu Ende. Die Erkenntnisse aber, die sie zeitigt, sind zum Fundament aller Wissenschaften geworden, die sich die Bedingungen gelingender und gefährdeter Entwicklung individueller Kinder zum Anliegen gemacht haben. Erfolgreiche Prävention und Intervention werden ihre Früchte sein, und vielleicht letztlich auch die Verwirklichung einer Utopie: die denkbar besten Entwicklungsmöglichkeiten für alle Kinder dieser Welt.
Ich möchte im folgenden zeigen, wie Emmy Werners Forschungsergebnisse nicht nur das Verständnis für die Bedingungen individueller Entwicklungsverläufe in der Entwicklungspsychologie beeinflußt und geprägt haben, sondern wie sie, zusammen mit einigen anderen, die ihr auf dem Wege lebenslanger entwicklungspsychologischer Untersuchungen gefolgt sind, auch Grundlagen für die Entwicklungspsychopathologie, die Bedingungen für potentielle Fehlentwicklungen individueller Lebensläufe erforscht, erarbeitet hat. Die Konzepte Risikofaktoren, Schutzfaktoren, Resilienz und einige mehr sind aus der heutigen Forschung und aus der Interventionsforschung nicht mehr wegzudenken, und sie sind die wichtigste Grundlage für jedes präventive und prophylaktische Denken und Planen geworden.
In einem Beitrag für das Buch »Landmark Longitudinal Studies of the 20th Century« (Werner, im Druck) schildert Frau Werner die Umstände, unter denen sie gearbeitet und schließlich die Kauai-Untersuchung durchgeführt hat. Ich folge in meiner Darstellung vor allem diesem Beitrag, den ich durch einige Daten aus anderen Veröffentlichungen (Werner, 2000; Werner und Smith, 2001) ergänze.
Frau Werner hörte, wie gesagt, 1949 zum ersten Mal, in ihrem 2. Semester, von Längsschnittuntersuchungen in einem Hörsaal in einer Kaserne in Mainz. Sie erinnert sich an den enthusiastischen, legeren Dozenten, der Undeutsch hieß und der sich, in ihrer Erinnerung, auch so verhielt. Viele ihrer Professoren waren aus der damalige Ostzone geflohen, um der Herrschaft der Kommunisten zu entkommen. Nancy Bayley leitete damals die Berkeley Growth Study. Jean Macfarlane leitete die Oakland Guidance Study. Beide Projekte haben ihre Aktualität nie verloren und später durch Glen Elders weitere Analysen noch viele Erkenntnisse gebracht. Marjorie Honzik hielt die ungeheure Fülle der Daten am Institute for Human Development in Berkeley kreativ und allwissend zusammen. Diese drei Frauen waren Pioniere der Entwicklungspsychologie, die ihresgleichen suchen, aber nur Jean Macfarlane erhielt eine Berufung und wurde, in Emmy Werners Worten, »durch eine kleine leicht zu übersehende Straße geehrt, die zwei imposante Wissenschaftsgebäude miteinander verbindet«. Die Untersuchungen waren die Grundlagen für Jack Blocks »Lives through time« (1971), John Clausens »American Lives« (1993) und Glen Elders »Children of the Great Depression« (Elder, 1974/1999).
Die Kauai-Untersuchung ist nach der Hawaii-Insel Kauai genannt, auf der die 698 Kinder lebten. Sie wurden 1955 geboren und mit 1, 2, 10, 18, 32 und 40Jahren untersucht. Landschaftlich ist die Garteninsel Kauai paradiesisch, aber die Tourismusindustrie überdeckt die chronische Armut der ethnisch unterschiedlichen Bevölkerung, die dort lebt. Als die Kinder 4 Jahre alt waren, wurde Hawaii der 50. Bundesstaat der Vereinigten Staaten. Während ihrer Grundschulzeit wurden John F. und Robert Kennedy und Martin Luther King ermordet. Sie erlebten die amerikanische Bürgerrechtsbewegung und den »War on Poverty«. Mit 20 Jahren kamen die Drogen, und der Hurrikan Iwa verwüstete die Insel. 10 Jahre später, 1992, verursachte der Hurrikan Inki noch stärkere Verwüstungen. 1995, als sie 40 Jahre alt wurden, mußte die älteste Zuckerplantage von Kauai schließen. Es waren genug Härten und Katastrophen für ein Leben.
Gleichzeitig wurden die Schulen stark verbessert, mit Head Start vor der Grundschule bis zur Eröffnung des Kauai Community College 1968. Im Jahr 1970 wurde das Abtreibungsverbot aufgehoben, als die jungen Frauen der Kauai-Studie Mütter werden konnten. 1973 wurde das Schuldprinzip bei Scheidungen aufgehoben, gerade als die Kohorte der Untersuchung erwachsen wurde. Damit erhielten sie Entwicklungsmöglichkeiten, die sich sehr von denen ihrer eigenen Eltern unterschieden. Eine kooperative Hilfsbereitschaft, »Kokua«, beseelt die Bewohner, und ihr verdankt auch die Kauai-Untersuchung viel. Heute ist die Lebenserwartung dort höher als auf dem US-Festland.
Die Kauai-Untersuchung ist interdisziplinär und wird von mehreren Institutionen unterstützt. Die ursprüngliche Absicht war, die natürliche Entwicklungsgeschichte und den Verlauf aller Schwangerschaften und der daraus gewordenen Kinder aller Mitglieder einer Gemeinde über den Lebenslauf zu dokumentieren und dabei die langfristigen Folgen geburtlicher (perinataler) Komplikationen, von Armut und widrigen Entwicklungsbedingungen auf die individuellen Entwicklungsverläufe und auf die Lebensgestaltung zu verfolgen.
Die Ergebnisse sind trotz der ethnischen und historischen Besonderheiten auf Kauai und trotz teilweise großer sozialer und geographischer Unterschiede weitgehend mit anderen Untersuchungen vergleichbar, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Frau Werner vermutet, daß es eher spezifisch für eine Stichprobe ist, was ein Forscher als Entwicklungsrisiko bezeichnet, daß aber die Prozesse, mit denen Individuen mit ihren Verletzlichkeiten umgehen, weitgehend über nahezu alle Studien hinweg vergleichbar sind. Die wichtigste frohe Botschaft ist: Der Einfluß von Geburtsstreß wird mit der Zeit geringer, und das Entwicklungsergebnis für praktisch jedes biologische Risiko hängt mehr und mehr von der Qualität der Umwelt ab, in der ein Kind aufwächst. Vorgeburtliche und geburtliche Komplikationen zeigten sich nur dann in ernsten Beeinträchtigungen der physischen und der psychischen Entwicklung der Kinder, wenn sie zusammen mit chronischer Armut, Psychopathologie der Eltern und dauerhaft schlechten erzieherischen Bedingungen auftraten. Ausnahmen waren lediglich schwere Schäden des zentralen Nervensystems.
Je größer die häusliche Qualität in der Kleinkindzeit, Kindheit und im Jugendalter war, desto kompetenter waren die Kinder. Das war bereits mit 2Jahren zu erkennen. Beeindruckend dabei war der Einfluß der Stabilität der Familien auf die Entwicklung von Kindern ohne perinatalen Streß, mit leichtem, mäßigem und mit deutlichem Geburtstrauma auf den Entwicklungsquotienten der Kinder. Er sinkt bei hoher Familienstabilität und schwerem Geburtstrauma um 10 Punkte eines ermittelten Entwicklungsquotienten (EQ), bei mittlerer Stabilität dagegen um 25 Punkte. Im Vergleich zum sozio-ökonomischen Status der Familien zeigt sich ein ähnliches Bild. Kinder mit schwerem Geburtstrauma zeigen deutliche Auswirkungen 20 Monate später nur noch in armen Familien. Mit zunehmendem Alter wird das Bild noch günstiger.
Etwa 30Prozent der Kinder erfuhren sowohl biologische als auch psychosoziale Risiken, oft gepaart mit Streit, Alkoholismus oder psychiatrischen Diagnosen der Eltern. Dies war und ist vielleicht noch bedauerlicherweise überall so in armen Gemeinden in den USA. 129 Kinder, die mit 2 Jahren vier oder mehr solcher Risiken erlebt hatten, fielen mit 10 Jahren durch Lernschwierigkeiten oder durch Verhaltensprobleme auf und waren mit 18 Jahren entweder delinquent geworden, psychiatrisch auffällig, oder die Mädchen waren noch als Teenager schwanger geworden. Manchmal traf alles zu. Trotzdem, 1 von 3 Hochrisikokindern – 72 Individuen, 32 männlich und 40 weiblich– entwickelten sich zu kompetenten, selbstsicheren und fürsorglichen Erwachsenen, und keines hatte ernsthafte Lern- oder Verhaltensprobleme entwickelt. Sie hatten erfolgreich die Schule durchlaufen, kamen gut mit ihrem sozialen und häuslichen Leben zurecht, sie verfolgten realistische Erziehungs- und Berufsziele, auch ihren eigenen Ansprüchen gegenüber, und sie waren motiviert, sich selbst zu verbessern. Sie sind der beste Beweis gegen das Vorurteil, daß hohe Risiken später zwangsläufig zu Fehlanpassungen führen müßten.
Mit 40 Jahren, während einer Rezession mit vielen Arbeitslosen auf Kauai, war keiner von ihnen ohne Arbeit, keiner war straffällig geworden, und keiner war Sozialhilfeempfänger. Scheidungsrate, Sterblichkeit und schwere Gesundheitsprobleme waren bei ihnen signifikant niedriger als bei den übrigen gleichgeschlechtlichen Kohortenmitgliedern. Etwa die Hälfte hatte bessere Arbeit außerhalb von Kauai gefunden. Als Erwachsene waren ihre beruflichen und schulischen Erfolge so gut wie oder sogar besser als die der Mehrheit der Kinder, die ohne große Risiken in sicheren und stabilen Familien aufgewachsen waren.
Drei Gruppen protektiver Faktoren unterschieden die Individuen dieser »resilienten« Gruppe, die trotz vielfacher Entwicklungsrisiken allen Widrigkeiten gewachsen war, im Vergleich zu den übrigen Hochrisiko-Jugendlichen, die mit dauerhaften und ernsten Problemen im Umgang mit Widrigkeiten des Lebens in der Kindheit und im Jugendalter zu kämpfen hatten. Die Schutzfaktoren waren 1. mindestens durchschnittliche Intelligenz und schulische Kompetenz sowie ein Temperament, das positiv auf die Familienmitglieder, auf Lehrer und Freunde wirkte. Dazu gehörten Robustheit, Energie und ein aktives, sozial verbindliches Wesen; 2. emotionale Bindungen mit Personen, die Ersatz für die Eltern waren, meist Großeltern, aber auch mit älteren Geschwistern, Lehrern und älteren Mentoren, die Vertrauen, Selbständigkeit und Initiative ermutigten, und 3. Unterstützung von außen in der Kirche, unabhängig vom Bekenntnis, in Jugendgruppen (4-H-Club, Big Brother/Big Sister) oder in Schulen, die ihre Kompetenz belohnten und ihnen einen Glauben an das Leben gaben. Emmy Werner hält es für wichtig, daß die Halt gebende und Werte vermittelnde Funktion religiöser und kirchlicher Bindungen in Zukunft genauer untersucht wird. Sie teilt diese Ansicht auch mit anderen Entwicklungspsychologen wie Glen Elder und Avshalom Caspi (mündliche Mitteilung).
Zahlreiche dieser protektiven Faktoren sind auch in anderen längsschnittlichen Untersuchungen gefunden worden, auch in den nachträglichen Analysen der Kinder aus der großen Wirtschaftsdepression der dreißiger Jahre, die von Nancy Bayley und von Jean Macfarlane begonnen worden waren. Es bedarf aber eines weiteren Kontexts als der von Kernfamilien aus der Mittelklasse, die frühere Längsschnittstudien vorzugsweise untersuchten, um die Bedeutung von weiteren Familienmitgliedern wie Geschwistern und Großeltern für eine gesunde Entwicklung zu würdigen.
In einem Handbuchbeitrag listet Emmy Werner (2000) zunächst protektive und Risikofaktoren von Individuen auf, die in mindestens zwei unabhängigen Längsschnittuntersuchungen mit Kindern, die vor ihrem 6. Lebensjahr als Risikokinder identifiziert worden waren, gefunden wurden. Sie sind nicht unbedingt angeboren, weil viele davon sich erst durch positive Erfahrungen in einer unterstützenden Umwelt entwickeln können. Weiterhin stellt sie die protektiven Faktoren zusammen, die in Familien und in Gemeinden auftreten. Sie wurden ebenfalls vor dem 6. Lebensjahr identifiziert und sind in zwei oder mehr längsschnittlichen Untersuchungen repliziert worden. Sie werden in den vorangegangenen Tabellen auf deutsch wiedergegeben.
Tabelle 1 Schutzfaktoren von Individuen, die in zwei oder mehr Längsschnittuntersuchungen an Risikokindern vor dem 6. Lebensjahr identifiziert wurden (adaptiert aus Werner, 2000)
SchutzfaktorenEntwicklungsphaseRisikofaktorenGeringer Distreß/geringe EmotionalitätSäuglings- bis ErwachsenenalterKindesmißhandlung/VernachlässigungArmut/MehrfachrisikenAktiv, aufgeweckt, hohes DurchsetzungsvermögenSäuglingsalterArmutMehrfachrisikenSoziale ZugewandtheitSäuglingsalterKindesmißhandlung/VernachlässigungPsychiatrische Erkrankung von ElternArmutLeichtes, attraktives Temperament (liebenswert, knuddelig)Säuglings- bis KleinkindalterKindesmißhandlung/VernachlässigungScheidungDrogenmißbrauch von ElternArmut/MehrfachrisikenGut entwickelte Fertigkeiten der SelbsthilfeFrühe KindheitArmutMehrfachrisikenDurchschnittliche bis überdurchschnittliche Intelligenz (Sprache und Problemlösefertigkeiten)Kindheit bis ErwachsenenalterKindesmißhandlung/VernachlässigungPsychiatrische Erkrankung von ElternDrogenmißbrauch von ElternArmut/MehrfachrisikenFähigkeit, sich abzusetzen ImpulskontrolleKindheit bis ErwachsenenalterPsychiatrische Erkrankung von ElternDrogenmißbrauch von ElternArmut/MehrfachrisikenInnere Überzeugung, die Kontrolle zu habenKindheit bis JugendalterPsychiatrische Erkrankung von ElternKindesmißhandlung/VernachlässigungArmut/MehrfachrisikenAusgeprägte LeistungsmotivationKindheit bis JugendalterPsychiatrische Erkrankung von ElternDrogenmißbrauch von ElternArmut/MehrfachrisikenBesondere Begabungen, InteressenKindheit bis JugendalterPsychiatrische Erkrankung von ElternArmut/MehrfachrisikenPositives SelbstkonzeptKindheit bis JugendalterScheidungArmut/MehrfachrisikenPlanungsfähigkeit und VoraussichtJugend bis ErwachsenenalterTeenage-ElternschaftArmut/MehrfachrisikenStarke religiöse Neigung GlaubeKindheit bis ErwachsenenalterPsychiatrische Erkrankung von ElternDrogenmißbrauch von ElternArmut/MehrfachrisikenTabelle 2 Schutzfaktoren in der Familie und Kommune, die in zwei oder mehr Längsschnittuntersuchungen an Risikokindern vor dem 6. Lebensjahr identifiziert wurden (adaptiert aus Werner, 2000)
SchutzfaktorenEntwicklungsphaseRisikofaktorenKleine Familie < 4 KinderSäuglingTeenage-MutterArmut/MehrfachrisikenMütterliche ErziehungSäugling bis ErwachsenenalterTeenage-MutterArmut/MehrfachrisikenMütterliche KompetenzSäugling bis JugendalterKindesmißhandlung/VernachlässigungArmutPsychiatrische Erkrankung von ElternMehrfachrisikenEnge Bindung mit vorrangiger Pflegeperson (die nicht ein biologischer Elternteil sein muß)Säugling bis JugendalterKindesmißhandlung/VernachlässigungArmutPsychiatrische Erkrankung von ElternDrogenmißbrauch von ElternTeenage-MutterMehrfachrisikenUnterstützende GroßelternSäugling bis JugendalterKindesmißhandlung/VernachlässigungScheidungDrogenmißbrauch von ElternTeenage-MutterArmut/MehrfachrisikenUnterstützende GeschwisterKindheit bis ErwachsenenalterKindesmißhandlung/VernachlässigungScheidungDrogenmißbrauch von ElternArmut/MehrfachrisikenFür Mädchen: Betonung der Eigenständigkeit mit emotionaler Unterstützung durch die vorrangige PflegepersonKindheit bis JugendalterArmutMehrfachrisikenFür Jungen: Struktur und Regeln im HaushaltKindheit bis JugendalterScheidungArmut/MehrfachrisikenFür Jungen u. Mädchen: Aufgetragene Pflichten: »Verlangte Hilfeleistung«Kindheit bis JugendalterPsychopathologie von ElternArmut/MehrfachrisikenEnge, kompetente Freunde, die Vertraute sindKindheit bis JugendalterScheidungArmut/MehrfachrisikenUnterstützende LehrerVorschule bis ErwachsenenalterScheidungPsychiatrische Erkrankung von ElternDrogenmißbrauch von ElternArmut/MehrfachrisikenErfolgreiche SchulerfahrungenVorschule bis ErwachsenenalterScheidungPsychiatrische Erkrankung von ElternArmut/MehrfachrisikenMentoren (ältere Verwandte oder Freunde)Kindheit bis ErwachsenenalterArmutMehrfachrisikenDas überraschendste Ergebnis war, daß mit 32 und mit 40 Jahren die meisten Probanden, die als Jugendliche gravierende Probleme hatten, sich davon erholten. Vor allem für die Frauen war diese erfreuliche Entwicklung deutlich. 90Prozent der 18jährigen mit Schwierigkeiten konnten wieder untersucht werden. Sie waren zufrieden mit ihrer Arbeit, mit ihrer Familie und mit ihrem sozialen Leben, mit ihrem Befinden und mit ihrem Dasein in der Gemeinde. Objektive Daten kamen von Gerichtsunterlagen, vom Gesundheitsamt, den Sozialdiensten, den beruflichen Rehabilitationszentren und von der US Veterans Administration, wenn sie in der US Army gedient hatten. Die Mortalitätsrate mit 40 Jahren war leicht erhöht gegenüber den resilienten mit hohem Risiko und denen mit geringem Risiko. Die weitaus meisten hatten keinerlei Anpassungsprobleme mehr. Sie lebten in stabilen Ehen und Arbeitsverhältnissen, waren zufrieden mit ihren Ehepartnern und jugendlichen Kindern und waren verantwortliche Mitglieder ihrer Gemeinden.
Von 70 Jugendlichen mit hohem Risiko, die mit 18 Jahren schwerwiegende mentale Gesundheitsprobleme gehabt hatten, hatte mit 32 Jahren noch etwa die Hälfte Schwierigkeiten – mehr Männer als Frauen –, eine Arbeit zu finden und zu behalten, eine Ehe ohne Scheidung zu führen oder ihre Kinder angemessen zu unterstützen. Mit 40 Jahren waren es nur mehr ein Drittel der Männer und ein Fünftel der Frauen, die noch Probleme aus ihrer Kindheit und Jugend in die Mitte ihres Lebens mitgenommen hatten: finanzielle Probleme, Eheprobleme und Drogenmißbrauch. Auch hier zeigen sich entsprechende Parallelen mit Kindern in den übrigen USA (Robins und Rutter, 1990) und in Schweden (Magnusson, 1988).
Die meisten der 104 delinquenten Jugendlichen wurden keine kriminellen Erwachsenen. Mit 32 Jahren war es noch einer von 4 Männern und nur eine von 10 Frauen. Mit 40 Jahren waren es nur noch 4Prozent der früheren Delinquenten, die erneut auffällig geworden waren, etwa durch Drogenkriminalität, Diebstahl und Mißhandlung von Frau und Kindern. Dies waren vor allem Erwachsene, die mit 18 Jahren vier und mehr Festnahmen erfuhren und davor schwerwiegende mentale Probleme und Leseprobleme hatten. Etwa 43Prozent dieser Männer und 25Prozent der Frauen aus dieser Gruppe hatten aber noch immer gravierende Probleme im Umgang mit sich und der Welt, einschließlich häuslicher Gewalt und Drogenmißbrauch. Die meisten von ihnen hatten bereits vor ihrem 10. Lebensjahr Sonderbeschulung gebraucht, noch ehe sie delinquent wurden, und waren schon früh in ihrer Schullaufbahn von ihren Lehrern und von ihren Eltern als aggressiv, als Schläger und als häufige Lügner bezeichnet worden. Drei verschiedene Studien haben inzwischen ergeben: Je früher ein Individuum eine solche delinquente Entwicklung beginnt, desto mehr jugendliche und kriminelle Vergehen führt es aus.
Eine Analyse aller Daten der Teenager in Schwierigkeiten, die in der Mitte ihres Lebens ihre Probleme überwunden zu haben schienen, ergab folgendes: Unter den Jugendlichen, die ihre psychischen Probleme überwunden hatten, befand sich ein signifikant hoher Anteil, der als Kleinkinder eine Betreuungsperson mit überwiegend positiven Charakteristika hatte. Die Männer, die sich letztendlich gefangen hatten, hatten Mütter mit einer besseren Erziehung gehabt, und sie stammten aus Familien mit weniger Kindern. Frauen mit einer Wendung zum Besseren waren als Kleinkinder physisch und psychisch weiter entwickelt und hatten in ihrer frühen und mittleren Kindheit mehr emotionale Unterstützung erfahren als die Frauen, deren mentale Probleme auch im Erwachsenenalter noch weiterbestanden. Diese Männer und Frauen waren auch schulisch im Denken und Lesen kompetenter gewesen; ihre Einstellung gegenüber der Schule hatte sich am Ende verbessert, und sie hatten für die Zeit nach der Highschool realistischere berufliche Ausbildungspläne als die Jugendlichen, die auch als Erwachsene noch Probleme hatten. Sie beurteilten sich selbst auch als aktiver als jüngere Erwachsene und als weniger furchtsam in der Mitte ihres Lebens. Frauen mit positiver Wendung als Erwachsene beurteilten sich selbst als eher sozial zugewandt und hatten mehr verschiedenartige Quellen emotionaler Unterstützung als Frauen mit chronischen gesundheitlichen Problemen.
Die meisten Teenager in Schwierigkeiten, die sich als Erwachsene erholten, kamen aus Familien, in denen beide Eltern anwesend waren. Die meisten wurden im Haushalt in die Pflicht genommen, und ihre Eltern erwarteten von ihnen, daß sie bestimmte Regeln einhielten und bestimmten Erwartungen (Strukturen) entsprachen. Eine signifikante Anzahl von ihnen schloß sich im jungen Erwachsenenalter religiösen Gruppen an, die Sicherheit gaben und ein Gefühl von Sendung und Errettung versprachen. Freiwilliger Militärdienst erwies sich für viele jugendliche kriminelle Täter (»crime resistant juvenile offenders«) als ein positiver Wendepunkt, ebenso wie das Gemeindekolleg, Heirat mit einem stabilen Partner und Unterstützung durch alte Freunde, vor allem bei Frauen, die ihre mentalen Probleme erfolgreich überwunden hatten. Glen Elder hatte einige der gleichen protektiven Faktoren im Leben der Kinder während der großen Depression gefunden, und Brooks-Gunn und Morgan (Brooks-Gunn und Duncan, 1997) im späteren Leben von afro-amerikanischen Teenage-Müttern, die sich ebenfalls in ihrem dritten und vierten Lebensjahrzehnt erholten.
Der Hauptzweck der Kauai-Untersuchung war, herauszufinden, welche Kette von schützenden Ereignissen, die über die Zeit miteinander verbunden waren, manche Individuen in die Lage versetzte, trotz Armut, Familienzwist, psychopathologischer Eltern einen Ausweg aus den Widrigkeiten zu finden und als Erwachsene ein zufriedenstellendes Leben zu führen. Diese Männer und Frauen reagierten nicht passiv auf die Einengungen durch widrige Lebensumstände, sondern sie suchten von sich aus andere Menschen auf, die ihnen halfen. Ihre Erfolge dabei verstärkten ihre Bemühungen und belohnten ihre Kompetenzen. Die schützenden Prozesse begannen früh im Leben. Es gab z.B. einen positiven Zusammenhang zwischen einem friedlichen, einnehmenden Wesen als Säugling und den Quellen emotionaler Zuwendung, die das Individuum in der frühen und in der mittleren Kindheit hatte. Kleine Kinder ohne aufreibende Eß- und belastende Schlafgewohnheiten zogen mit 1 und 2 Jahren mehr positive Zuwendung ihrer Mütter und Ersatzbetreuer auf sich als schwierige Babys. In der mittleren Kindheit hatten diese Kinder ein größeres Netz von fürsorglichen Erwachsenen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie. Ein positives Zusammenspiel von Kind und Eltern führte zu größerer Selbständigkeit und sozialer Reife der Kinder mit 2 Jahren und zu größerer schulischer Kompetenz der 10jährigen Kinder. Die schulische Kompetenz wiederum hing zusammen mit der Anzahl der Quellen emotionaler Unterstützung, die der Teenager für sich rekrutieren konnte, auch von Lehrern und Freunden und aus der weiteren Familie. Es hing auch positiv zusammen mit dem Selbstwertgefühl mit 18 Jahren und mit der Überzeugung, für die Erfolge selbst verantwortlich zu sein (»self-efficacy«). Dies wiederum hing statistisch zusammen mit geringerer Belastung und »Emotionalität«, ausweglos seinen negativen Gefühlen ausgeliefert zu sein, mit 32 und mit 40 Jahren, und ebenso wieder mit häufigerer emotionaler Unterstützung auch durch den Lebenspartner.
Auch die individuellen Dispositionen spielten bei der aktiven Gestaltung adaptiver und erfolgreicher Lebenswege eine wichtige Rolle. Kinder, die mit 2 Jahren selbstbestimmter und sozial reifer waren, berichteten als 10jährige seltener über belastende Lebensereignisse, und die schulisch kompetenteren 10jährigen berichteten über weniger Belastungen während der Adoleszenz. Männer und Frauen, die als Teenager wirkungsvoller planen und handeln konnten, berichteten über weniger Lebensbelastungen als 30- und 40jährige, obwohl sie aus sehr armen und alles andere als optimalen Familienverhältnissen kamen. Beim Hurrikan Iniki 1992 z.B., in ihren späten Dreißigern, reagierten sie umsichtig auf die Warnungen des Wetterdienstes und hatten weniger Schäden an ihrem Eigentum als die übrigen Altersgenossen. Die Hurrikan-Opfer, die den Schäden nicht entrinnen konnten, hatten häufiger Spargelder oder Versicherungen und konnten so den Verlust ihres Besitzes verhindern. Sie waren auch seltener arbeitslos, und ihre Kinder zeigten seltener posttraumatische Belastungssymptome. Mit Ausnahme von zwei Sonderfällen – Kindern psychotischer Eltern – waren die resilienten Frauen und Männer Planer, also Menschen, die Gelegenheiten ergreifen konnten (»pick-uppers«), und Problemlöser, die in der Lage waren, Naturkatastrophen und ökonomische Belastungen zu überwinden.
Der Begriff »Resilienz« wird unterschiedlich gebraucht und hinsichtlich seiner Brauchbarkeit in der Entwicklungspsychologie und auch in der klinischen Psychologie kritisch diskutiert. In der europäischen Tradition hat ihn bereits Lavater im Jahre 1776 verwendet. Er charakterisierte Menschen folgendermaßen (siehe Abbildung 1):
Abb. 1 Drei Hauptklassen von Menschen (aus Lavater, 1776)
»Es gibt drei Hauptklassen von Menschen und Menschenwerken und – Menschenworten ... Die erste Klasse – Lockerheit, Lässigkeit, absichtsloses Hin- und Herwanken!«
Die zweite – Steifheit, Gespanntheit, Anstrengung und Kunstkraft. Die dritte, oder wie ich lieber sagen wollte, die mittelste, vortrefflichste, einzig achtungs- und liebenswürdige – Freiheit und Richtigkeit. –
Die erste und die zweite – gleich unerträgliche Extreme – Die erste ohne Widerstehenskraft – die andere ohne Nachgiebigkeit. Widerstehenskraft fordert Achtung und Ehrfurcht. Mangel derselben – Verachtung; Überfluß derselben – Furcht und Abscheu. Unständige Nachgiebigkeit, Kraftlosigkeit – erwirbt weder Liebe noch Achtung. Aber Liebe und Achtung, diese erlangt nur eine gleiche Temperatur von Empfänglichkeit und Wirksamkeit, von Leidsamkeit und Widerstand. Ich kann die Verschiedenheit dieser drei Hauptklassen menschlicher Charaktere fürs Erste durch kein einfältigeres Symbol ausdrücken, als durch drei Fäden, einen lockeren, einen gespannten und einen durch ein Bleigewicht geraden, aber freien und ungezwungenen. Wie mit den Linien, so mit den Menschen, wie mit den Menschen, so mit jedem einzelnen Teile des Menschen« (Lavater, 1775–1778).
In der längsschnittlichen Risiko- und Schutzfaktorenforschung von Emmy Werner wird Resilienz in drei verschiedenen Zusammenhängen verwendet:
Gute Entwicklungsergebnisse bei Kindern mit hohem Risiko, die große Widrigkeiten überwunden haben, z.B. ökonomische Belastungen, Geisteskrankheiten der Eltern, Drogenmißbrauch, Kindesmißhandlung und -vernachlässigung, Teenage-Schwangerschaft und Geburtstrauma;
Kompetenz unter großen Belastungen, vor allem eheliche Auseinandersetzungen und Scheidung der Eltern und
Personen, die sich erfolgreich von gravierenden traumatischen Erfahrungen in der Kindheit wie Krieg, politischer Gewalt, Konzentrationslager und Gefängnisaufenthalten der Mütter etwa während des griechischen Bürgerkriegs erholt haben. In jedem Fall konnten oft bestimmte Schutzfaktoren den vorgezeichneten pathologischen Entwicklungsweg abmildern oder sogar ganz verhindern.
Der Begriff Schutzfaktor wird allgemein gebraucht als Moderator von Risiko und Belastung, die angemessene, eher normale Entwicklungsverläufe fördern. Für Michael Rutter, einen einflußreichen englischen Psychiater und entwicklungspsychopathologisch orientierten Forscher, bedeuten Schutzfaktoren das Ergebnis abmildernder Prozesse, die zwar Risiken und Stressoren nicht ausschalten oder verhindern, aber dem Individuum erlauben, mit ihnen wirkungsvoll und erfolgreich (»effectively«) umzugehen (Werner, 2000, S.116).
Einer der wichtigsten Schutzfaktoren war die Kompetenz der Eltern, vor allem ihr Erziehungsniveau bei gleichzeitiger chronischer Armut. Besser gebildete Mütter hatten mehr positive Interaktionen mit ihren Söhnen und Töchtern in der frühen Kindheit und unterstützten sie emotional besser in der mittleren Kindheit. Die Kinder dieser Mütter waren auch gesünder und körperlich robuster, vor allem in den frühen Jahren ihrer Entwicklung. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch eine komplizierte »Latend Variable Analysis«, die Emmy Werner in ihrem neuesten Buch »Journeys from Childhood to Midlife« (Werner und Smith, 2001) veröffentlicht hat. Es gilt für Männer und für Frauen.
Der Einfluß mütterlicher Kompetenz wirkte auf Frauen und Männer direkt. Auf die Frauen wirkten die Schutzfaktoren innerhalb der untersuchten Individuen selbst direkt: Temperament, kognitive Fertigkeiten, Selbstwertschätzung und Selbstverantwortlichkeit (»locus of control«), während die von außen kommenden Schutzfaktoren eher für die Männer bedeutsam waren.
Emmy Werner sieht die Früchte ihrer Forschungsarbeit in der praktischen Verbesserung der Entwicklungsbedingungen für alle Kinder dieser Welt. Sie schildert die politischen und kommunalen Initiativen ihrer zahlreichen und multiethnischen Studenten. Wir Deutschen mit unserer – im Gegensatz zu den USA – ausgeprägten legislativen Regulierungswut und unterentwickelten persönlichen sozialen Verantwortung des einzelnen könnten viel daraus lernen. Ich beschränke mich hier auf die allgemeineren von Emmy Werners Visionen.
Verändert hat sich unsere Aufmerksamkeit gegenüber den vielen Möglichkeiten zu einer Selbstkorrektur eines aus dem Ruder laufenden Entwicklungspfades unter vielen, aber natürlich nicht unter allen Lebensbedingungen. Sie betont, wie notwendig es ist, einigen mehr als anderen zu helfen, und sie macht darauf aufmerksam, daß Programme, die »Resilienz« fördern, mit unterschiedlichen Ergebnissen rechnen müssen, je nachdem, welche inneren Dispositionen und Kompetenzen bei einem Individuum vorhanden sind oder fehlen. Deshalb müssen sich Interventionsprogramme in erster Linie an die verletzlichsten unter den Kindern richten, weil es diesen an den grundlegenden inneren Ressourcen mangelt: an die immer zahlreicheren überlebenden Frühgeburten, an Kinder psychopathologisch gestörter oder drogenabhängiger Eltern, vorpubertäre Kinder mit Verhaltensstörungen, aggressiven Neigungen, an Kinder mit schlechten Lesefertigkeiten, die ohne Schutzfaktoren delinquent würden, vor allem Jungen.
Schutzfaktoren sind, meint Emmy Werner, überall potentiell verfügbar: in der weiteren Familie, der Nachbarschaft und in der Kommune. Solche informellen Bande sind für die betroffenen Kinder sicher den bürokratischen Institutionen vorzuziehen. Das Ziel, die Kinder resilienter zu machen, muß inzwischen allerdings mit großer Vorsicht betrachtet werden. Unkritischer Umgang mit dem Konzept Resilienz hat dazu geführt, daß es fast zu einem bedeutungslosen Begriff geworden ist, zu einem entwerteten Wort, zu einem »bandwagon«-Phänomen, dem alle hinterherlaufen. Es hat zu einer neuen Kategorie von Interventionsangeboten geführt, die das Evangelium predigen: Niemand ist verdammt, aber alle sind gesegnet. Die eindrucksvollen individuellen Unterschiede, die in der Kauai-Studie dokumentiert wurden, werden dabei völlig übersehen. Bis heute gibt es nur wenige überzeugende Untersuchungen über die Wirksamkeit von Programmen, die für sich in Anspruch nehmen, Resilienz zu fördern. Hier ist wichtige Arbeit zu leisten.
Die Lebensgeschichten der resilienten Individuen haben uns gelehrt, daß Kompetenz, Zutrauen und Zuwendung auch unter widrigen Umständen blühen können, sofern Kinder erwachsene Personen finden, die sie mit einer sicheren Basis versorgen, um Vertrauen, Autonomie und Initiative zu entwickeln. Es ist aber auch erforderlich, den Preis im Auge zu behalten, den solche Kinder bezahlen müssen. Einige Schutzfaktoren, wie z.B. die Fähigkeit, sich von einem dysfunktionalen Hause zu lösen, können zu einer gelingenden Anpassung zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Situation führen. Sie können aber auch in einem anderen Kontext und auf einer späteren Entwicklungsstufe zu negativen Konsequenzen führen, z.B. bei der Gestaltung intimer Beziehungen.
Die Resilienzforschung hat sich erst vor kurzem der frühen und mittleren Kindheit zugewandt, und für das spätere Leben ist sie noch weitgehend unterentwickelt. Die Namen Vaillant (2001), Clausen (1993) und Elder (1974/1999) spielen hier eine prominente Rolle (siehe auch Röper u.a., 2001). Am erstaunlichsten ist für mich dabei von allem die große Konvergenz der recht verschiedenen Forschungsansätze. Unabhängig davon, ob Vaillant von »positive defenses« wie Antizipation, sozialen Bindungen (Affiliation), Altruismus, Selbstbehauptung, Selbstbeobachtung, Humor, Sublimation und Unterdrückung spricht oder John Bowlby (1995) von »secure inner working models« oder ob von konstruktiven Coping-Stilen die Rede ist, immer sind es Verhaltensweisen, die sehr viel psychische Sicherheit, »Rückhalt« brauchen, damit der Mensch realistisch planen und handeln kann und die dazu erforderliche Motivation, Ausdauer und Weitsicht entwickelt. Er ist nach allem, was wir wissen, wohl so konstruiert, daß er viele Jahre lang in psychischer Sicherheit von älteren und weiseren Gehirnen lernen muß (Trevarthen, 1987a; b). Das geht nur, wie bereits Konrad Lorenz in seiner drastischen Art schrieb (und um wenigstens einen deutschsprachigen Forscher auf Englisch zu zitieren): »Young people are able to accept tradition only from a person or persons of the older generation whom they respect and love. It is as simple as that!« (Lorenz, 1970, S.371).
Es hat lange gedauert, bis solch eindrucksvolle Ergebnisse vorlagen. Es wird wohl leider nicht sehr schnell gehen, bis sie zum Nutzen aller benachteiligten Kinder umgesetzt werden.
Emmy Werner beschließt folglich ihren Beitrag »Looking for Trouble in Paradise: Some Lessons Learned from the Kauai Longitudinal Study« mit dem folgenden Aphorismus des dänischen Physikers Piet Hein, mit dem er seine Mitbürger während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg aufheitern wollte:
Put up in a place
Where it is easy to see
The cryptic admonishment
T. T. T.
When you feel how depressingly
Slowly you climb,
it’s well to remember that
Things Take Time.
Block, J. (1971): Lives through time. Berkeley (Bancroft Books).
Bowlby, J. (1995): Bindung, Kommunikation und therapeutischer Prozeß. In: Bowlby, J. (Hrsg.) Elternbindung und Persönlichkeitsentwicklung. Heidelberg (Dexter Verlag), S.129–163.
Brooks-Gunn, J. und G.J. Duncan (1997): The effects of poverty on children. The Future of Children, 55–71.
Clausen, J.A. (1993): American lives: Looking back at the children of the great depression. New York (Free Press).
Elder, G.H., jr. (1974/1999): Children of the great depression. Boulder, CO (Westview Press).
Lavater, J.C. (1968): Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe, Bd. II. Zürich (Orell Füssli). Faksimile-Druck der Ausgabe von 1775–1778.
Lorenz, K. (1970): The enmity between generations and its probable ethological causes. The Psychoanalytic Review, 57, 333–377.
Magnusson, D. (1988): Individual development from an interactional perspective: A longitudinal study. Hillsdale, NJ (Lawrence Erlbaum).
Robins, L.N. und M. Rutter (Hrsg.) (1990): Straight and devious pathways from childhood to adulthood. New York (Cambridge University Press).
Röper, G., C. von Hagen und G. Noam (Hrsg.) (2001): Entwicklung und Risiko. Perspektiven einer Klinischen Entwicklungspsychologie. Stuttgart (Kohlhammer).
Trevarthen, C. (1987a): Brain development. In: Gregory, R.L. (Hrsg.) The Oxford Companion to the Mind. Oxford (Oxford University Press), S.101–110.
Trevarthen, C. (1987b): Mind in infancy. In: Gregory, R.L. (Hrsg.) The Oxford Companion to the Mind. Oxford (Oxford University Press), S.362–368.
Vaillant, G.E. (2001): Nutzen und Vorteile einer Hierarchie von Abwehrmechanismen. In: Röper, G., C. von Hagen und G. Noam (Hrsg.) Entwicklung und Risiko. Perspektiven einer klinischen Entwicklungspsychologie. Stuttgart (Kohlhammer), S.68–86.
Werner, E.E. (1995): Pioneer children on the journey west. Boulder, CO (Westview Press).
Werner, E.E. (2000): Protective Factors and Individual Resilience. In: Shonkoff, J.P. und S.J. Meisels (Hrsg.) Handbook of Early Childhood Intervention. Cambridge (Cambridge University Press), S.115–132.
Werner, E.E. (2001): Unschuldige Zeugen. Der zweite Weltkrieg in den Augen von Kindern. Hamburg (Europa Verlag).
Werner, E.E. (im Druck): Looking for Trouble in Paradise: Some Lessons Learned from the Kauai Longitudinal Study. In: Dies. (Hrsg.) Landmark Longitudinal Studies of the 20th Century. New York (Russell Sagi Foundation).
Werner, E.E. und R.S. Smith (Hrsg.) (2001): Journeys from Childhood to Midlife. Risk, Resilience, and Recovery. New York (Cornell University).
Zero to Three (1999): Dolly Madison Award for Lifetime Achievement. National Center for Infants, Toddlers, and Families, 4. Dezember 1999.
Mit einer Hommage an den Kinderforscher René Spitz
