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Tischlerin Johanna hat ein Talent für Holz, aber mit der Liebe will es nicht so recht klappen. Nach einer enttäuschenden Affäre mit ihrem Chef verliert die temperamentvolle Bayerin nicht nur ihren Job, sondern auch den Glauben an Beziehungen. Da überrascht ihr zugeknöpfter Mitbewohner Malte sie mit einer Einladung auf seine Heimatinsel Föhr. Kaum in Nordfriesland angekommen, trifft Johanna auf Kai: Maltes Bruder, charmant, unkompliziert und unwiderstehlich. Was als leichter Sommerflirt beginnt, entwickelt sich schon bald zu mehr, doch Kai will keine feste Beziehung. Entschlossen, sich nicht noch einmal verletzen zu lassen, kehrt Johanna in den Süden zurück. Als sie plötzlich weg ist, muss Kai sich fragen: Hat er den Fehler seines Lebens begangen? - Neuausgabe des erfolgreichen Liebesromans von 2017: jetzt als Ebook, Taschenbuch und auch als Hörbuch.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
1 - Regensburg
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5 - Föhr
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28 - Regensburg
29 - Flensburg
30 - Frauenau
31 - Flensburg
32 - Frauenau
33 - Flensburg
34 - Frauenau
35 - Flensburg
36 - Frauenau
37 - Unterwegs
38 - Passau
39 - Frauenau
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42
43 - Föhr
44 - Passau
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47
48
49
50 - Flensburg
51 - Unterwegs
52
53 - Föhr, acht Monate später
Nachwort
Impressum
Über das Buch
Tischlerin Johanna hat ein Talent für Holz, aber mit der Liebe will es nicht so recht klappen. Nach einer enttäuschenden Affäre mit ihrem Chef verliert die temperamentvolle Bayerin nicht nur ihren Job, sondern auch den Glauben an Beziehungen. Da überrascht ihr zugeknöpfter Mitbewohner Malte sie mit einer Einladung auf seine Heimatinsel Föhr. Kaum in Nordfriesland angekommen, trifft Johanna auf Kai: Maltes Bruder, charmant, unkompliziert und unwiderstehlich. Was als leichter Sommerflirt beginnt, entwickelt sich schon bald zu mehr, doch Kai will keine feste Beziehung. Entschlossen, sich nicht noch einmal verletzen zu lassen, kehrt Johanna in den Süden zurück. Als sie plötzlich weg ist, muss Kai sich fragen: Hat er den Fehler seines Lebens begangen?
Über die Autorin
Sabine Rädisch wurde 1973 in Deggendorf geboren. Dem Lauf der Donau folgend, studierte sie Bauingenieurwesen in Regensburg und ließ sich in Wien zur Schreibpädagogin ausbilden. Die Autorin lebt in Regensburg, leitet erfolgreich Kurse für kreatives und biografisches Schreiben und veröffentlichte bereits mehrere Romane, Gedichte sowie ein Schreiblustbuch.
Weitere Informationen zur Autorin und ihren Büchern finden Sie unter: www.sabine-raedisch.de
Bettina wälzte sich auf ihrem Handtuch herum und angelte ein Bier aus der Kühltasche.
»Du nimmst das alles viel zu ernst«, sagte sie.
Johanna lag neben ihr, hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute hinunter auf die Donau. »Wie kann man die Liebe nicht ernst nehmen?«
Die tiefstehende Sonne ließ kleine Lichtreflexe auf dem dunklen Wasser tanzen, und ein Schwarm Mücken lauerte über der Wasseroberfläche. Das Gelächter einiger Jugendlicher drang zu ihnen her, der Geruch von Grillfleisch lag in der Luft. Hinter ihnen rollte ein Fahrrad über den Schotterweg. Ansonsten war niemand mehr an der Schillerwiese. Es dämmerte bereits, und die Hitze staute sich immer noch im Donautal. Johanna griff nach ihrer Apfelschorle. Sie hätte sich jetzt gerne betrunken, aber sie wollte ihren Führerschein nicht verlieren. Als Schreinerin musste sie mobil sein – sofern sie wieder einen Job fand.
»Such dir doch zur Abwechslung mal einen Typen, mit dem du einfach Spaß haben kannst«, sagte Bettina.
»Und wenn ich meinen Spaß hatte, serviere ich ihn ab wie Patrick mich?«
»Woher sollte er wissen, dass du in ihn verliebt bist? Du hast ihn doch immer nur aus der Ferne angeschmachtet.«
»Wie dem auch sei«, sagte Johanna. Sie wollte ihrer Freundin nicht länger mit der Geschichte auf die Nerven gehen, auch wenn sie selbst nicht aufhören konnte zu grübeln: Vor ein paar Wochen war sie mit ihren Schreiner-Kollegen auf Montage gewesen. Sie hatten nicht wie üblich in einer billigen Pension übernachtet, sondern auf dem Hotelgelände des Auftraggebers. Sie durften den Pool benutzen, und die Bar war auch nicht übel. Nach drei oder vier Cocktails schaute ihr der Juniorchef lange genug in die Augen, um den Funken überspringen zu lassen. Wie in Trance war sie Patrick auf sein Zimmer gefolgt.
Am nächsten Morgen warfen ihr die Kollegen wissende Blicke zu, doch Patrick tat so, als wäre nichts passiert. Er redete nur noch das Nötigste mit ihr. Auch die Arbeit litt darunter, und einige Wochen später verlor Johanna ihren Job. Bettina verdrehte mittlerweile nur noch die Augen, sobald Johanna das Thema anschnitt. Dabei hatte sie ihr nicht einmal die ganze Wahrheit erzählt.
Mittlerweile war Johannas Zorn auf Patrick einer abgrundtiefen Traurigkeit gewichen. Sie kam sehr gut mit Männern aus, doch die meisten sahen in ihr nur den guten Kumpel. Sobald sie sich verliebte, begannen die Probleme.
Auch deshalb war sie damals vom Bayerischen Wald nach Regensburg gezogen. Sie hatte gehofft, in der Stadt eine andere zu werden, vielleicht sogar die Liebe zu finden. Doch das hatte nicht geklappt. Und nun lag sie hier neben ihrer besten Freundin an der Donau und fragte sich, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen sollte.
»Am liebsten würde ich weggehen. Mich neu erfinden«, sagte sie.
»Wie wär's erst mal mit einem Urlaub?«
Warum musste ihre Freundin immer so verdammt pragmatisch sein?
Eine Stunde später ließ Johanna ihr Badezeug auf den Boden neben der Eingangstür plumpsen, ging in die Küche und riss die Kühlschranktür auf. Wieder nur alkoholfreies Bier. Noch dazu von einer friesischen Brauerei, wie immer, wenn Malte mit dem Einkauf dran war. Den Öffner hatte er griffbereit auf der Fensterbank liegen lassen, zwischen dem Basilikum und dem Wasserfilter. Er war viel ordentlicher als sie.
Sie schnippte den Kronkorken in die gelbe Wertstofftüte und nahm einen tiefen Zug aus der Flasche. Still lag das Wohnzimmer nebenan im Dunkeln. Sie trat durch die Verbindungstür. Sogar die Couch schien unter ihrem schweren grauen Polsterstoff zu schwitzen. Die Gardine hing schlapp vor der weit geöffneten Balkontür, kein Lufthauch milderte die Schwüle.
Doch plötzlich bewegte sich etwas. Ein Schatten am Fenster! Johanna schrie auf. Dann erkannte sie ihren Mitbewohner. Seine altmodischen weißglänzenden Boxershorts ein heller Fleck im Dunkeln, der Rest seines Körpers fast eins mit dem Grau der Nacht. Sie tastete nach dem Lichtschalter.
»Lass das, die Mücken kommen rein«, fuhr Malte sie an.
»Ich dachte, die leben von Insekten.« Sie zeigte auf die Fensterbank mit den fleischfressenden Pflanzen. Soeben beugte er sich mit der Gießkanne über sie. Sein Körper zeichnete sich mager vor dem Fenster ab; man sah ihm überhaupt nicht an, wie gut und gern er kochte. Johanna hatte bereits einige Kilo zugelegt, seit sie mit ihm zusammenwohnte.
Wenn Malte nicht in der Küche stand oder sich um seine Pflanzen kümmerte, verließ er sein Zimmer nur, um an die Uni zu gehen – und wenn Bettina zu Besuch war.
»Musst du mich so erschrecken?«, fragte Johanna. »Du hast doch bestimmt schon x-mal nach deinen Pflänzchen geschaut.«
Er fuhr sich durch die zerrauften blonden Haare. »Ich kann mich nicht auf meine Bachelorarbeit konzentrieren.«
Sein Zimmer lag im Südwesten, das Rauschen der Furtmayrstraße unter den jalousielosen Fenstern. Darin ein Laptop auf einem schmalen Schreibtisch, ein niedriges Regal voller Ordner und ein naturfarbener Futon mit zerwühltem Bettzeug. Jedenfalls hatte es das letzte Mal so ausgesehen, als Johanna durch das Schlüsselloch geschaut hatte.
»Kein Wunder bei der Hitze.« Sie trat hinaus auf den Balkon und versuchte sich einzureden, dass die Luft hier draußen besser war. In Wirklichkeit stauten sich Auto- und Industrieabgase über Regensburg, und der Geruch von Mülltonnen stieg aus dem dämmrigen Innenhof zu ihnen herauf. Sie stützte die Unterarme auf das Geländer und leerte das Bier Zug um Zug. Plötzlich stand Malte mit zwei weiteren Flaschen neben ihr.
»Willst du mit mir klönen?«, fragte sie.
Er hielt ihr eine Flasche hin. »Ich wusste gar nicht, dass du meine Sprache sprichst.«
»Das muss am Bier liegen«, sagte sie. Verstand der etwa plötzlich Spaß? »So bitter, wie das ist, bringe ich den Mund kaum weit genug auf, um ratschen zu sagen.«
»Schmeckt es dir nicht?«
»Doch«, sagte sie. Der herbe Geschmack passte gut zu ihrer Stimmung.
Er starrte ebenfalls in den dunklen Innenhof. Dann fragte er: »Hast du am Wochenende schon was vor?«
Aha! Wahrscheinlich sollte sie ihn mit dem Auto irgendwohin fahren, er hatte kein eigenes. Doch daraus würde nichts werden.
»Ich muss zu meinem Bruder in den Bayerischen Wald. Mein Auto hat ein Loch im Auspuff.«
»Na, hoffentlich wird die Reparatur nicht zu teuer.«
Johanna schaute ihn misstrauisch von der Seite an. So viel Mitgefühl zeigte er selten. Außerdem klang er irgendwie enttäuscht.
»Mein Bruder flickt mir das Auto schon wieder zusammen.«
»Bei dir klingt das immer so einfach. Du wirfst eine Sporttasche ins Auto und düst in den Bayerischen Wald.«
Johannas Mutter und ihre vier Brüder wohnten in der Gegend um Frauenau. Wenn das Heimweh allzu groß wurde, fuhr sie hin. Doch es war immer das Gleiche: Nach ein paar Tagen wurde es ihr zu eng, und sie flüchtete zurück in die Stadt.
»Das ist doch nichts Besonderes«, sagte sie.
»Für mich schon. Ich bin nicht grundlos so weit weggezogen.«
Johanna wusste, dass seine Eltern in Flensburg wohnten.
»Verstehst du dich nicht mit deinen Leuten?«, fragte sie.
Er schüttelte den Kopf. »Nee. Aber irgendwann muss ich ja mal wieder vorbeischauen. Wir treffen uns in unserem Ferienhaus auf Föhr.«
»Ein Ferienhaus an der Nordsee! Das klingt traumhaft.«
Malte schwieg.
»Freust du dich nicht?«, fragte sie.
»Nee«, sagte Malte noch einmal. »So eine niederbayerische Großfamilie ist natürlich was anderes. Da ist immer was los, und auf ein paar Leute mehr oder weniger kommt es nicht an.«
Johanna schnaubte. »Ja, und? Meine Familie ist tatsächlich sehr gastfreundlich. Wir haben sogar eine Pension. Das musst du nicht gut finden, aber beleidigen brauchst du uns auch nicht.«
»Entschuldige. Vielleicht bin ich einfach neidisch.«
Eine Weile starrten sie beide ins Dunkel. Johanna trank den Rest von ihrem zweiten Bier, das bereits zu warm war, um noch gut zu schmecken.
»Möchtest du mitkommen?«, fragte er.
»Ich? Nach Föhr? Zu deiner Familie?«
»Du hast doch jetzt Zeit, und ein Urlaub würde dir guttun.«
»Das kann ich mir nicht leisten. Außerdem muss ich einen Haufen Papierkram erledigen. Arbeitsamt und so weiter.«
»Wir bleiben nicht lang. Du kannst auch bei meinen Eltern übernachten.«
»Die kennen mich doch gar nicht.«
»Ich schleuse dich natürlich mit einem Sack über dem Kopf ins Haus. Dann musst du dich nicht vorstellen.«
Damit drehte er sich um und ließ sie stehen. Johanna schaute ihm verblüfft hinterher. Als sie sicher war, dass Malte sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte, ging sie ebenfalls hinein. Die Wohnung war immer noch dunkel, nur unterhalb seiner Tür lag ein schmaler Lichtspalt. Johanna räumte ihre Badesachen auf und putzte sich die Zähne.
Ihr Zimmer war kleiner als Maltes, hatte jedoch ein Fenster zum ruhigeren Innenhof und heizte sich im Sommer nicht so stark auf. Sie warf ihre Kleider auf einen Haufen und kletterte nackt auf ihr selbstgebautes Hochbett. Die Hitze und ihre Gedanken hielten sie wach.
Wenn Malte nicht allein zu seinen Eltern fahren wollte, warum fragte er dann nicht Bettina? Mit ihr verstand er sich doch neuerdings so gut. Außerdem liebte Bettina die Nordsee. Was sie wohl dazu sagen würde, wenn Johanna dort mit Malte hinfuhr? Immerhin hatte ihre Freundin selber vorgeschlagen, dass Johanna Urlaub machen sollte. Und den brauchte sie auch dringend.
Sie musste herausfinden, was sie wirklich wollte. Nach den Jahren auf der Baustelle wünschte sie sich einen Arbeitsplatz, an dem sie wieder mit Möbeln zu tun hatte. Eine Werkstatt, in der sie nicht die einzige Frau war, wäre auch eine willkommene Abwechslung. Denn mit Männern konnte sie offenbar nicht halb so gut umgehen wie mit Holz.
Nur mit Malte kam sie überraschend gut aus. Warum sollten sie also nicht gemeinsam wegfahren? Sie hatte noch Resturlaub und Überstunden abzufeiern. Erst in einem Monat würde sie offiziell arbeitslos sein.
Ein ums andere Mal wendete Johanna ihr Bettzeug in der Hoffnung, dass die Oberseite etwas kühler war. Ein dünnes Laken wäre bei dieser Hitze besser gewesen, doch ohne eine Kuscheldecke konnte sie nicht einschlafen.
Bettina saß im Dunkeln am offenen Wohnzimmerfenster und nippte an ihrem Sauvignon blanc. Sie liebte die sommerliche Geräuschkulisse von Stadtamhof: Stimmen und Gelächter stiegen zu ihr auf und Absätze klapperten über das Kopfsteinpflaster. An Abenden wie diesen hatte sie das Gefühl, hoch über einer italienischen Piazza zu leben. Ihre Mutter wohnte im selben Haus. Obwohl Bettina nur über die Steinerne Brücke zu gehen brauchte, um in die Altstadt zu gelangen, war Stadtamhof für sie eine eigene Welt.
Sie dachte an jenen sonnigen Nachmittag im September vor sechs Jahren, als sie auf das Café Early Bird zugegangen war. Sie hatte sich gerade setzen wollen, als in ihrem Augenwinkel etwas Rotes aufblitzte. Eine kupferfarbene Haarsträhne fiel aus dem ansonsten braunen, kurzgeschnittenen Haar in ein ausdrucksstarkes Gesicht: hohe Wangenknochen, braune Augen und ein kleiner, ungeschminkter Mund. Die junge Frau trug ein staubiges T-Shirt und darüber braune Latzhosen. Sie deutete auf den letzten freien Tisch und sagte: »Mogst di a hersitzen?«
Ihre Stimme klang dunkel und rau, und dem starken Dialekt nach zu urteilen kam sie vom Land. Ohne Bettinas Antwort abzuwarten, plumpste sie auf einen der Stahlrohrsessel.
Beide bestellten Cappuccino. Dann saßen sie schweigend nebeneinander und beobachteten die Radfahrer und das Fußvolk. Bettina hatte das Gefühl, dass die andere Frau sie immer wieder musterte. Irgendetwas schien ihr zu missfallen. Dabei war es nicht Bettina, die in schmutzigen Klamotten im Café saß! Im Gegenteil, sie trug ihr schlichtes, hellblaues Lieblingskleid und Perlenohrringe, das blonde Haar hatte sie gerade frisch zu einem Knoten hochgesteckt und die Sonnenbrille hineingeschoben.
Doch vielleicht war es genau das, was ihre Sitznachbarin störte. Sie beide waren jedenfalls so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Nur der Genuss von Kaffee einte sie. Wenn sie den Cappuccino ausgetrunken hatte, würde Bettina der anderen einfach den Tisch überlassen. Sie winkte nach der Kellnerin. Doch so intensiv sie auch in ihrer Handtasche wühlte: Ihr Geldbeutel war nicht da.
»So ein Mist«, murmelte sie.
Da hörte sie die Stimme im schönsten Niederbayerisch sagen: »Ois z'samm!« Die burschikose Frau legte einen Geldschein auf den Tisch.
»Danke«, sagte Bettina. »Ich habe meinen Geldbeutel in der Arbeit vergessen. Wenn du mitkommst, gebe ich dir das Geld zurück. Es ist nicht weit von hier.«
Die andere schaute an sich hinunter und winkte ab. »Mit dem G'wand geh ich heut nirgends mehr hin«, sagte sie. »Du kannst mich nächste Woche einladen. Wieder hier, so gegen zwei?«
»Danke. Ich werde da sein. Ich heiße Bettina Kluge, übrigens.« Sie streckte die Hand aus und wusste nicht, was sie von der neuen Bekanntschaft halten sollte.
Die andere nickte. »Ich bin die Scheungrab Johanna.« Dann schlenderte sie zu ihrem Omafahrrad und radelte davon.
Eine Woche später rollte sie wieder über das Kopfsteinpflaster heran. Bettina saß bereits vor dem Café. Diesmal schüttelten sie sich zur Begrüßung die Hand. Johanna trug saubere Jeans und eine Karobluse.
»Heute bin ich frisch geduscht«, sagte sie, und Bettina lachte.
»Ich habe uns schon mal einen Platz gesichert. Was möchtest du trinken?«
Sie bestellten Aperol Spritz, und da es immer noch ungewöhnlich warm war, sanken sie bald in die Trägheit des wohlverdienten Feierabends hinüber.
»Normalerweise mache ich nie so früh Schluss«, sagte Bettina.
»Wo arbeitest du denn?«, fragte Johanna.
»In einem Fotostudio, nur ein paar Gassen weiter. Und du?«
»Ich hab in Zwiesel eine Schreinerlehre gemacht, und jetzt arbeite ich bei einer Firma in Regenstauf.«
»Und warum wohnst du dann nicht dort?«
Johanna grinste. »Sehnsucht nach der Großstadt.«
»Regensburg ist nicht wirklich eine Großstadt. Wahrscheinlich wären wir uns so oder so wieder über den Weg gelaufen.«
»So gut kenne ich mich hier noch nicht aus. Kannst du mir ein Fitnessstudio empfehlen?«
»Wozu brauchst du denn ein Fitnessstudio?« Bettina war erstaunt. »Schleppst du nicht in deiner Arbeit schwer genug?«
»Zum Ausgleich!«, sagte Johanna, und Bettina lachte.
Sie waren im Early Bird geblieben, bis es zumachte, und hatten dann bei Bettina weitergequatscht bis spät in die Nacht. Schon damals hatte Johanna für ihren Juniorchef geschwärmt, doch Bettina war bald klar geworden, dass er nichts von Johanna wollte. Schon gar keine feste Beziehung.
Doch vor ein paar Wochen war er schwach geworden. Vermutlich hatte er gar nicht darüber nachgedacht, welche Folgen das Intermezzo im Hotelzimmer für Johanna haben konnte. Es war nicht gerade klug, wenn die einzige Frau im Team mit dem Juniorchef ins Bett ging.
Trotzdem wurde Bettina nicht recht schlau aus der Geschichte. Johanna hatte wochenlang über nichts anderes geredet, doch warum genau sie den Job verloren und wer wem gekündigt hatte, wusste Bettina noch immer nicht. Es war wie ein blinder Fleck, und Bettina würde sich hüten, das Thema nochmals anzuschneiden.
Sie selbst ging immer unbeschadet aus ihren Männergeschichten hervor; egal, ob es sich um kurze Beziehungen handelte oder nur um eine Nacht. Meistens war sie diejenige, die Schluss machte – um sich gleich darauf ins nächste Abenteuer zu stürzen. In letzter Zeit allerdings zog es sie immer häufiger in Johannas WG in der Furtmayrstraße.
Kurz nach sieben Uhr morgens wachte Johanna von einem Scheppern aus der Küche auf, und die Wohnung roch nach Mehlspeise. Sie zog sich an und tapste in die Küche, warf erst einen Blick auf Maltes dampfenden Ostfriesentee und dann auf das Thermometer. Noch zeigte es nur zwanzig Grad, aber das würde sich bald ändern. Sie holte sich einen Orangensaft aus dem Kühlschrank und griff nach der Knäckebrotdose. Auf Maltes Teller lag ein dicker Pfannkuchen.
»Möchtest du Erdbeermarmelade?«, fragte Johanna. »Selbstgemachte von meiner Mutter.«
Maltes Gesicht hellte sich auf. »Das wäre cool. Nimm dir auch einen!«
Johanna stellte die Marmelade auf den Küchentisch, dann ließ sie sich auf den Stuhl fallen und griff nach einem Pfannkuchen. Das Knäckebrot ließ sie links liegen.
»Ich hatte wirklich die besten Vorsätze«, sagte sie, und Malte lachte. Das Frühstück war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sie ihn zu Gesicht bekam. Er kochte zwar oft abends für sie beide, doch meist nahm er den Teller mit in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Nur wenn Bettina zu Besuch war, tauchte er wie zufällig auf und mischte sich ins Gespräch ein, bis Johanna sich zurückzog. Sie wusste, sie sollte nicht eifersüchtig sein, aber immerhin war Bettina ihre Freundin. Warum konnten die beiden sich nicht einfach verabreden, wenn sie zusammen sein wollten?
Den letzten Bissen noch im Mund, stand Malte auf und schöpfte eine weitere Kelle des dickflüssigen Teigs in die Pfanne. Dabei wandte er Johanna den Rücken zu. Die schmale, beigefarbene Hose schlotterte ebenso wie das weiße T-Shirt. Johannas abgeschnittene Jeans und das ärmellose Shirt dagegen saßen stramm. Sie arbeitete nun schon seit vier Wochen nicht mehr, und das machte sich direkt an ihrem Gewicht bemerkbar.
»Schon was von deinen Bewerbungen gehört?«, fragte Malte.
Johanna zuckte mit den Schultern. »Ich habe erst eine abgeschickt. Am liebsten würde ich was Neues machen.«
»Was Neues?«
Johanna war überrascht, dass ihn das interessierte. Sie hatte noch nie mit Malte über ihre Berufswünsche gesprochen. Allerdings hatte es bis vor kurzem auch so ausgesehen, als ob sie immer weiter in ihrer bisherigen Firma arbeiten würde.
»Was mit Möbeln«, sagte sie. »Bei Patrick hatte ich ja kaum mehr damit zu tun.«
Am liebsten würde sie Restauratorin werden, doch es auszusprechen hätte bedeutet, den Worten Taten folgen zu lassen. Dazu fühlte sie sich momentan nicht in der Lage. Stattdessen biss sie in ihren dick mit Marmelade bestrichenen Pfannkuchen.
Zehn Minuten später brach Malte zur Uni auf, und Johanna telefonierte mit ihrem Bruder Florian. Er arbeitete in einer Autowerkstatt und riet ihr davon ab, die gut hundertdreißig Kilometer mit röhrendem Auspuff zurückzulegen. Stattdessen schlug er vor, am Freitag mit einem Ersatzteil vorbeizukommen.
»Jaqueline wollte eh mal wieder nach Regensburg«, sagte er. »Können wir ein paar Tage bleiben? Wir haben nämlich Urlaub.«
Johanna verdrehte die Augen. Sie war nicht wild darauf, mehrere Tage am Stück mit Floris Freundin zu verbringen. Andererseits konnte ihr die gelernte Friseurin gleich einen neuen Haarschnitt machen. Malte störte es bestimmt nicht, wenn die beiden hier übernachteten. Er fuhr ja sowieso weg.
Am Abend erzählte sie ihm von dem Besuch. Merkwürdigerweise wirkte er erleichtert. »Dann bist du nicht so lang alleine«, sagte er.
Sie standen wieder auf dem Balkon im Dunkeln, und wieder hatten sie beide ein alkoholfreies Pils in der Hand. Johanna sehnte sich langsam nach einem Weißbier. Aber nicht so sehr, dass sie dafür extra einkaufen gegangen wäre.
»Ich stürze mich schon nicht vom Balkon.«
»Nee. Aber die Geschichte mit Patrick hat dich ordentlich mitgenommen.«
»Ach?«
»Du hast dich verändert. Früher hast du viel mehr gelacht«, sagte er. Johanna schüttelte sich und nahm noch einen Schluck von dem bitteren Bier.
»Das täuscht«, sagte sie, doch insgeheim fragte sie sich, ob er recht hatte. Dabei lief er meistens selbst mit todernstem Blick herum. In seiner Gegenwart konnte man leicht trübsinnig werden. Vielleicht tat es ihr gut, die Wohnung ganz für sich zu haben.
»Willst du wirklich nicht mit nach Föhr? Du bekommst ein Zimmer für dich, sogar mit eigenem Bad.«
»Das fehlte noch, dass ich das Bett mit dir teile«, sagte sie, und Malte grinste.
»Keine Sorge, da besteht keine Gefahr. Wir können den Zug nehmen. Ich lade dich ein.«
Ein Haus am Meer! Sie dachte an die Werbung für das Bier, das sie gerade trank: Dünen und Deichschafe, feiner Sand zwischen den Zehen, rasch dahinziehende Wolken und schaumglitzernde Wellen. Sie konnte beinahe die Brandung hören, die Brise auf der Haut fühlen. Endlich durchatmen!
»Das Ferienhaus meiner Eltern ist voller alter Möbel«, sagte Malte. »Ist sozusagen ihr Hobby. Der Antiquitätenhändler ist ein Freund von ihnen, vielleicht kannst du dich dort ein wenig umsehen und mit ihm fachsimpeln.«
Er schien genau zu wissen, womit er sie ködern konnte. Aber warum gab er sich solche Mühe, sie zu überzeugen? Bestimmt hatte die Sache einen Haken. Doch das Angebot war zu verlockend.
»Wenn ich die Zugfahrt selber zahlen darf?«, sagte sie.
»Du kommst also mit!« Seine Stimme klang, als grinste er von einem Ohr zum andern. So begeistert hatte sie ihn noch nie erlebt.
Johanna nickte und zwang sich, ihr Bier in Ruhe auszutrinken. Dann schlenderte sie in ihr Zimmer. Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, brach sie in Hektik aus.
Sie konnte es nicht fassen: Sie fuhr mit Malte, ihrem zugeknöpften Mitbewohner, in Urlaub! Und dann auch noch mit dem Zug statt mit dem Auto. Das hatte sie noch nie gemacht. Sie konnte nur so viel mitnehmen, wie in ihren abgewetzten Trekkingrucksack passte. Aber ein Urlaub an der See bei Maltes gutbetuchten Eltern war keine Hüttentour. Probehalber verteilte sie alles, was ihr Kleiderschrank hergab, im Zimmer: Ihre T-Shirts, Jeans und ihre Lieblingsjacke, handgestrickt von ihrer Mutter.
Sie brauchte Hilfe. Sofort. Sie wählte Bettinas Nummer.
»Ich fahre mit Malte in Urlaub«, sagte Johanna. Sie spürte, wie ihr Herz schneller klopfte. Fast hatte sie Angst vor Bettinas Reaktion, doch ihre Freundin lachte nur.
»Echt jetzt? Wohin denn?«
Johanna erklärte es ihr.
»Keine Panik«, sagte Bettina. »Du wirst bestimmt viel draußen sein. Dazu brauchst du keine feinen Klamotten. Eher einen Pullover oder eine Fleecejacke. Ich würde dir ja was von meinen Sachen leihen, wenn ich könnte«, sagte Bettina. Sie war ungefähr zwei Nummern schlanker und zehn Zentimeter größer als Johanna.
»Schon gut. Ich kaufe mir was vor Ort.«
»Malte hilft dir sicher gerne.«
»Ich gehe doch nicht mit ihm zum Einkaufen!«, sagte Johanna.
»Schade. Er ist ziemlich stilsicher.«
»Woher willst du das denn wissen?«
»Ich weiß es eben.«
Wann waren die beiden zusammen einkaufen gegangen? Und was hatten sie sonst noch so getrieben? Johanna ahnte, dass Bettina keine dieser Fragen beantworten würde. Zum Glück hatte sie nicht eifersüchtig reagiert. Dabei wünschte Johanna sich beinahe, sie hätte es getan. So als wäre Johanna eine ernstzunehmende Konkurrentin. Aber vielleicht interessierte sie sich doch nicht für Malte. Bettina arbeitete ohnehin so viel, dass für eine Beziehung keine Zeit blieb.
»Kannst du inzwischen unsere Blumen gießen?«
»Nur, wenn du mir eine Schneekugel mitbringst!«
Bettina hatte eine Schwäche für Schneekugeln und besaß bereits eine kleine Sammlung. Johanna versprach, sämtliche Souvenirläden der Insel zu durchforsten.
»Soll ich vorbeikommen und dir beim Packen helfen?«
»Nein, lass mal, ich komme schon zurecht«, sagte Johanna. Ihre Freundin kannte sie einfach zu gut. Wenn man Romanen und amerikanischen Fernsehserien glaubte, liebten alle Frauen Schuhe, Klamotten und Make-up. Alle außer Johanna. Ihr Glamourfaktor war gleich null, und Kofferpacken gehörte ganz bestimmt nicht zu ihren Stärken. Eher schon Chaos im Kleiderschrank. Zumindest brauchte sie kein Beauty Case mit sich herumzuschleppen.
Sie würde einfach T-Shirts, Jeans und ihre Badesachen einpacken und obendrauf Sandalen und Laufschuhe.
Am Samstagmorgen saßen Johanna und Malte beim Frühstück, als es klingelte.
»Das sind bestimmt dein Bruder und seine Freundin«, sagte Malte. Er klang nicht eben begeistert. Johanna stellte ihre Kaffeetasse ab und ging zur Tür. Ihr Bruder Flori strahlte sie an.
»Servus, Schwesterherz!«
Sie umarmten sich. Hinter ihm stand Jaqueline.
»Wir sind viel besser durchgekommen, als wir dachten«, sagte sie. Johanna drückte auch ihre Schwägerin kurz an sich. Sie roch nach Haarspray, Weichspüler und irgendetwas Blumigem.
»Super!«, sagte Johanna. »Kommt doch rein. Wir frühstücken noch. Wollt ihr Kaffee?«
Sie hätte gern eine Galgenfrist bis Mittag gehabt, aber Jaqueline duldete keinen Aufschub.
»Bist du fertig?«, fragte sie, sobald sie ihren Kaffee ausgetrunken und Johanna ihre zweite Marmeladensemmel aufgegessen hatte.
Johanna übergab ihren Autoschlüssel an Flori und ging mit Jaqueline zur Bushaltestelle am Stobäusplatz. Sie mussten nicht lange warten, und wenige Minuten später stiegen sie vor dem Donaueinkaufszentrum aus dem Einser-Bus.
Johanna wappnete sich innerlich gegen das Gedränge. Jaqueline hätte wohl alleine nicht zum DEZ gefunden, doch kaum war sie drin, übernahm ihr inneres Mode-Navi die Führung. Auf ihrem Eroberungszug durch die Läden versorgte sie Johanna ganz nebenbei mit mehreren Oberteilen, von denen eins auf Anhieb passte. Jedenfalls behauptete Jaqueline das; Johanna hatte Zweifel. Die locker fallende dunkelrote Tunika hing ihr bis über den Po. Sie nahm sie trotzdem, denn schließlich war Jaqueline die Stylingexpertin. Als Johanna selbst noch ein blaues Herrenhemd und eine Bermudajeans für sich aussuchte, schüttelte sie missbilligend den Kopf.
»Damit schaust du aus wie dein Bruder«, sagte sie.
Beinahe hätte Johanna die Stücke wieder zurückgehängt, doch da der Preis gut war, ging sie damit zur Kasse. Danach reichte es ihr. Als Jaqueline einen Kaffee trinken gehen wollte, sagte Johanna: »Komm, lass uns in die Altstadt gehen. Da gibt es auch tolle Läden.«
Während Jaqueline die Boutiquen der Innenstadt durchstreifte, erholte Johanna sich vor der Cafébar bei einem doppelten Espresso. Ihre Schwägerin hatte einfach unglaublich viel Energie.
Zurück in der Wohnung, machte sich Jaqueline sofort ans Haareschneiden. »Komm«, sagte sie. »Das wird eine richtige Wellnessanwendung.«
Johanna versuchte, es auch so zu sehen. Beim Schnitt ließ sie aber nicht mit sich verhandeln. »Die bleibt«, sagte sie, als Jaqueline die rote Haarsträhne durch die Finger gleiten ließ. Der Rest sollte wieder schön kurz werden. Bei der Arbeit trug sie immer ein elastisches Tuch – mal als Haarband, mal als Mütze – um ihr Haar vor Staub und den Maschinen zu schützen.
»Wie du meinst.«
Jaqueline machte sich ans Werk. Als Johanna ihr auch noch die Farbe hinstellte, die sie auf ihrer Einkaufstour besorgt hatte, schüttelte sie ungläubig den Kopf.
»Du traust dich was«, sagte sie, begann jedoch unverdrossen zu färben und zu schnippeln. Eine Stunde später leuchtete die Haarsträhne in einem besonders intensiven Kupferton.
Kurz darauf kam Flori zurück in die Wohnung. Er hatte den Tag in Pentling verbracht, wo einer seiner Schulkameraden eine kleine Werkstatt hatte.
»Deine Haare sind orange«, sagte er zur Begrüßung, und Malte, der gerade nach seinen Pflanzen schaute, grinste still. Am liebsten hätte Johanna ihn in die Rippen geknufft, doch das traute sie sich nicht. Noch nicht. In den nächsten Tagen würden sie sich vielleicht näher kennenlernen als in all den Monaten zuvor.
»Was ist mit meinem Auto?«, fragte sie.
»War keine große Sache. Ich habe sogar noch Zeit gehabt, mit meinem Kumpel ein Bierchen zu trinken und was auf den Grill zu legen.«
»Wir wollten doch essen gehen!« Jaqueline schnaubte, doch Flori sagte nur: »Ja und? Das machen wir auch. Ich gehe mich nur kurz umziehen.«
Kurz darauf verabschiedeten sie sich, und Johanna war mit Malte allein.
»Hast du fertig gepackt?«, fragte er.
»Klaro«, log Johanna. Sie musste noch die neuen Sachen in ihrem Rucksack verstauen und ein letztes Mal das Gesamtkunstwerk prüfen. »Ich schaue nochmal nach ...«
Kurz darauf lehnte ihr Gepäck an Maltes Rollkoffer im Flur, und sie kehrte erleichtert ins Wohnzimmer zurück.
»Bettina fährt uns«, sagte sie. Sie würden den Nachtzug nehmen, der von Wien aus über Regensburg nach Hamburg fuhr.
»Die Frau mit der Kamera?«, fragte Malte.
Als ob er das nicht wüsste! Johanna lachte. Es tat ihr beinahe leid, wie verlegen er sein Interesse an Bettina zu verbergen versuchte.
»Nein, die mit dem gelben Cabrio.«
Bettina erinnerte sich noch genau an ihre erste Begegnung mit Malte: Er hatte mit dem Rücken zu ihr in der WG–Küche gestanden und Radio gehört, während Johanna die Einweihungsparty mit den Gästen bestritt.
»Wenn du mich fotografierst, schmeiße ich dich raus«, sagte er, ohne sich umzudrehen. Bettina schloss die Tür hinter sich und legte ihre Kamera auf das Fensterbrett. Alle Arbeitsflächen waren mit Schneidebrettern und Schüsseln mit Champignons, Paprikastücken, Oliven, Peperoni, Salami und anderen Zutaten bedeckt.
Sie hob die Hände. »Ich bin entwaffnet«, sagte sie. »Aber ich habe ein Recht darauf zu wissen, wer hier kocht.« Bettina nahm sich eine Olive und steckte sie in den Mund. »Schließlich bin ich Johannas beste Freundin.«
»Die Fotografin«, sagte er. »Ist das deine einzige Kamera?« Er nickte in Richtung ihrer alten, analogen Spiegelreflex, während er weiter Zwiebeln schnitt.
»Natürlich nicht«, sagte Bettina. Was bildete der sich eigentlich ein? Doch als er ihr den Kopf zuwandte, las sie nichts als Neugier in seinem Blick. Seine Augen waren hellgrau, ohne Anteile von Blau oder Grün. Eine seltene Augenfarbe, die sie nicht nur als Fotografin faszinierte. Außerdem fragte sie sich, woher die Lachfältchen kamen. Seine Ernsthaftigkeit gefiel ihr, genauso wie das Interesse an ihrer Arbeit.
»Hast du schon mal von Fridl Fischer gehört?«, fragte er plötzlich.
Bettina nickte. »Ein berühmter Konzertfotograf. Vor kurzem habe ich einen Artikel über ihn gelesen. Ein Museum in München will seinen Nachlass ankaufen, tausende von Bildern ab Mitte der Sechziger bis in die Neunziger. Er war überall in Europa und auch in den USA und hat sie alle abgelichtet: Die Beatles auf ihrer Deutschland-Blitztournee, die Stones ...«
»Oder Simon & Garfunkel im Central Park.« Malte lächelte. »Und das Beste: Ich werde meine Bachelorarbeit darüber schreiben.«
»Du hast Zugang zu dem Archiv?«, fragte Bettina. Das interessierte sie brennend. Als er nickte, hätte sie beinahe begeistert in die Hände geklatscht. Bettina unterhielt sich so gut wie schon lange nicht mehr.
Seine eigenen Bilder zeigte er ihr erst Wochen später. Parks am frühen Morgen, spärlich beleuchtete Parkhäuser in pechschwarzer Nacht und stille Wasserflächen im Winter. Sie waren technisch perfekt, doch für Menschen schien er sich nicht zu interessieren. Als Hobbyfotograf konnte er sich das leisten. Bettina lud ihn ein, sich nach Feierabend das Fotostudio Konnerth anzusehen, in dem sie arbeitete, doch er kam nicht. Ihre Besuche in der WG waren die einzige Chance, Malte wiederzusehen.
Oft, wenn sie mit Johanna in der Küche saß, schlenderte er nach einer Weile wie zufällig herein, und Johanna warf ihr jedes Mal finstere Blicke zu, bevor sie sich zurückzog. Als ob sie eifersüchtig wäre. Bettina ärgerte sich ein bisschen darüber, und sie verstand es auch nicht. Johanna hatte mehr als einmal betont, dass sie an Malte nicht interessiert war. Sie mochte ihn nicht mal besonders.
Umso erstaunlicher, dass die zwei jetzt zusammen verreisten. Und sie, Bettina, brachte die beiden zum Bahnhof. Es war kurz vor Mitternacht, und Malte saß schweigend neben ihr. Johanna malträtierte auf dem Rücksitz ihr Smartphone.
»Am liebsten würde ich mitfahren«, sagte Bettina. Malte richtete sich fast ruckartig auf, sagte jedoch nichts.
Johannas Gesicht erschien im Rückspiegel. »Warum nimmst du nicht ein paar Tage frei?«
Bettina dachte an ihre vielen, vielen Überstunden und die Müdigkeit, die sie seit Wochen verspürte.
»Geht nicht«, sagte sie knapp. Im Sommer gab Konnerth ihr keinen Urlaub, trotzdem wünschte sie, Malte hätte sie eingeladen. Stattdessen hatte er Johanna gefragt. Ob das gutgehen würde? Zumindest konnte Bettina sicher sein, dass die beiden nichts miteinander anfingen. Eher würden sie zerstritten zurückkommen.
Sie hielt auf dem Parkplatz am Bahnhof, und Malte hievte das Gepäck aus dem Kofferraum, während sie sich von Johanna verabschiedete. Ihre Freundin drückte sie herzlich an sich, dann nahm sie den Rucksack, den Malte ihr hinhielt. Er schaute nervös auf die Uhr. Der Zug fuhr erst in zwanzig Minuten; Zeit genug, sich ordentlich zu verabschieden, zumindest mit einem Blick oder einer Berührung. Stattdessen winkte er mit der rechten Hand, eine kurze und ziemlich abweisende Geste.
Enttäuscht schlug Bettina den Kofferraumdeckel zu, winkte ebenso unverbindlich zurück und sagte: »Macht's gut.«
Dann schlüpfte sie hinter das Steuer ihres gelben Cabrios und startete den Motor. Während sie vom Parkplatz fuhr, konnte sie Maltes schlanke Gestalt im Rückspiegel erkennen. Lässig zog er den glänzenden Rollkoffer hinter sich her, während Johanna schwer an ihrem Rucksack schleppte.
Johanna holte Malte erst auf dem Bahnsteig wieder ein, doch sie würden ohnehin getrennt reisen: Er im Schlafwagenabteil und sie auf einem normalen Sitzplatz. Sie hatte ja darauf bestanden, ihr Ticket selbst zu bezahlen, und daher das günstigste Angebot gewählt.
»Wir sehen uns beim Frühstück!«, sagte Malte, dann war er auch schon verschwunden. Johanna drückte sich durch die engen Gänge und fand zwei freie Plätze nebeneinander. Sie balancierte ihr Gepäck in die Ablage und rollte sich auf den Sesseln zusammen. Ihre erste größere Reise ohne Eltern kam ihr in den Sinn: Sie war gerade achtzehn geworden und wollte mit ihrer Clique auf einem Campingplatz am Gardasee übernachten. Doch ein Regenguss setzte ihre billigen Zelte unter Wasser, und sie mussten zu fünft im Auto Zuflucht suchen. Dabei hatte Johanna gehofft, endlich Simon näher zu kommen, mit dem sie seit ihrer Schulzeit befreundet war. Doch am nächsten Morgen setzte er sich von der Gruppe ab und trampte nach Sizilien.
Damals war es wärmer gewesen als hier im Nachtzug. Die Klimaanlage verbreitete gefühlte fünfzehn Grad. Trotzdem nickte sie ein und träumte vom Meer.
Als sie aufwachte, war es draußen schon hell. Johanna streckte sich. Zwar konnte sie in nahezu jeder Lage schlafen, aber es ging nicht mehr so locker wie vor ein paar Jahren. Sie spürte jeden Muskel. Langsam rappelte sie sich auf und schaute auf die Uhr. Noch zwei Stunden bis Hamburg. Sie brauchte dringend einen Kaffee! Wo war der Speisewagen? Mühsam wand sie sich aus dem Sitz und machte sich auf die Suche.
Malte saß bereits vor einem Croissant und badete einen Teebeutel in lauwarmem Wasser; ihr eigenes Getränk war heiß und schmeckte stark und säuerlich nach Koffein. Sobald sie einen Schluck davon genommen hatte, krampfte sich ihr Magen zusammen.
»Ich vertrage einfach keinen Filterkaffee«, sagte sie, doch ihr Gegenüber hüllte sich in Schweigen. Johanna vertrieb sich die Zeit damit, ihr Ticket zu betrachten. Von Hamburg nach Dagebüll würden sie noch gut drei Stunden brauchen und eine weitere für die Überfahrt.
»Ich war noch nie auf einer Nordseefähre«, sagte sie. Erst seit gestern Abend wusste sie Genaueres über Föhr. Es befand sich im Nordfriesischen Wattenmeer, geschützt von Sylt und Amrum. »Wie kommen wir vom Hafen zum Ferienhaus? Können wir laufen?«
Malte schüttelte den Kopf. »Das Haus liegt gut fünf Kilometer außerhalb von Wyk, auf halbem Weg nach Nieblum. Mein Bruder holt uns am Hafen ab. Unsere Eltern kommen erst morgen oder übermorgen aus Flensburg.«
»Du hast einen Bruder?«, fragte sie erstaunt. »Das hast du mir nie erzählt. Ist er älter als du? Wo wohnt er?«
Malte sah sie irritiert an, als müsste er erst überlegen. »Ungefähr so alt wie du. Er lebt in Wyk und führt den Laden.«
»Welchen Laden?«
Wieder einmal wurde ihr bewusst, dass Malte kaum etwas über sich erzählte, während er gut über Johannas Familienverhältnisse Bescheid wusste: Sie hatte vier Brüder, ihr Vater war schon gestorben und ihre Mutter arbeitete in der Pension ihres ältesten Bruders Franz. Johanna hingegen konnte nur vermuten, dass Maltes Eltern gut verdienten; sie hatten ein Geschäft und finanzierten ihm das Studium.
»Kannst du mir noch was über deine Leute erzählen, damit ich nicht ganz blöd dastehe?«, fragte sie.
Malte rollte mit den Augen. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Meine Eltern haben in Flensburg ein Geschäft. Tee, Kaffee, Wein, Spirituosen. Mein Bruder führt die Zweigstelle in Wyk. Im Gegensatz zu mir hat er das Geschäft von der Pike auf gelernt.«
»Wohnt er das ganze Jahr über dort?«
Malte nickte.
»Hoffentlich ist der etwas redseliger als du.«
Er nickte noch einmal.
»Ist es denn wirklich okay für deine Familie, dass ich mitkomme?«
»Sicher. Die sind ganz ausgehungert nach Informationen über meine Sozialkontakte.«
Warum nur hatte sie das Gefühl, dass er sie auf den Arm nahm?
»Ich verstehe immer noch nicht, warum du ausgerechnet mich gefragt hast.«
»Ich würde deine blöden Witze und deine pampigen Kommentare vermissen.«
»Klaro. So sparsam, wie du mit Witzen umgehst.«
Sie genoss seinen verständnislosen Blick, dann lachte er tatsächlich los. Doch er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. »Meine Eltern wollten immer, dass ich die Firma übernehme.«
»Warum studierst du dann Kunstgeschichte?«
»Sie wissen noch nicht, dass ich BWL geschmissen habe.«
Das war also der Haken. Maltes Eltern würden sauer sein, wenn sie erfuhren, dass Malte sie seit Jahren anlog.
»Aber du stehst kurz vor dem Abschluss! Ich hoffe, das vermiest uns nicht den ganzen Urlaub«, sagte sie.
»Wenn du dabei bist, reißen sie sich zusammen. Ich brauche einfach ein wenig Rückendeckung. Dann fällt es mir leichter, reinen Tisch zu machen.«
Johanna verschränkte die Arme. Sie hatte keine Lust, als Prellbock zwischen Malte und seiner Familie herzuhalten. Stattdessen würde sie die Insel auf eigene Faust erkunden, stundenlange Strandspaziergänge machen und im Meer schwimmen! In Hamburg stiegen sie in den IC um. Jetzt saßen sie nebeneinander, doch Malte holte sofort sein Laptop heraus. Johanna war es recht. Sie stöpselte Ohrhörer an ihr Handy und hörte Musik. Water under the bridge, sang Adele, während der Zug über eine wirklich hohe Bahnbrücke rollte. Ein schnurgerades Gewässer führte unter der Brücke hindurch und machte erst in einiger Entfernung eine Kurve hin zu den Windrädern am Horizont.
»Das ist der Nord-Ostsee-Kanal«, sagte Malte. Die wenig später vorbeifliegenden Baumreihen, Strommasten und grabendurchzogenen Wiesen würdigte er mit keinem Blick. Er brütete über seiner Bachelorarbeit. Dafür hatte er offenbar tausende von Dias und Negativen eines berühmten Musikfotografen gesichtet, die eingescannt worden waren und irgendwann über das Internet verfügbar sein würden. Für sie klang das Ganze mehr nach Computern als nach Kunstgeschichte, aber sie konnte nicht wirklich mitreden. Sie hatte ja nur ihren Gesellenbrief von der Handwerkskammer und die Auszeichnung als Jahrgangsbeste.
Kurz vor der Ankunft des Zuges tippte sie Malte auf die Schulter.
»Hallo, ich bin's, deine Mitbewohnerin.«
Endlich schaute er zu ihr hinüber. »Entschuldige. Ich war vollkommen abgetaucht.« Er schloss die Datei und fuhr den Laptop herunter. »Ich bin fast fertig, jetzt lese ich alles noch einmal durch.«
»Wo wirst du arbeiten, wenn du mal fertig bist?«
»In einem Museum, hoffe ich.«
»Toll«, sagte sie und versuchte, sich für Malte zu freuen. Über kurz oder lang würde er wegziehen und sie musste sich einen neuen Untermieter suchen. Man konnte über Malte sagen, was man wollte, aber als Mitbewohner war er okay: Er schmutzte nicht und nervte kaum. Sie hoffte, dass es auf Föhr ebenso unkompliziert laufen würde – trotz seiner Querelen mit den Eltern.
Ihre erste Begegnung mit der Nordsee war stürmisch. In Dagebüll regnete es, und ein scharfer Wind fegte über die Mole.
Als Johanna den Fuß auf die MS Rungholt setzte, wurde ihr klar, dass sie nicht seefest war. Sie hatte es nur mangels Gelegenheit vergessen. Auf unsicheren Beinen folgte sie Malte ins Innere des Schiffes und ließ sich auf eine Bank fallen. Er hatte sich unterwegs eine Tageszeitung gekauft und begann zu lesen, während das Schiff auslief. Das zunehmende Schaukeln schien er gar nicht zu bemerken; er bestellte sich sogar ein Fischbrötchen. Der Geruch drehte Johanna fast den Magen um.
Sie lehnte sich gegen das Fenster und lauschte angestrengt auf die Durchsage aus dem Bordlautsprecher: »Sehr geehrte Fahrgäste, wir begrüßen Sie an Bord ...«
Sie versuchte sich abzulenken, indem sie die Regentropfen auf der Scheibe zählte. Bald atmete sie angestrengt durch den Mund, aber je mehr sie sich konzentrierte, desto schlechter ging es ihr. Ihr Magen drehte sich wie eine ungleichmäßig beladene Waschmaschinentrommel.
»Mir ist so komisch, ich geh mal raus.« Sie stemmte sich von der Bank hoch und holte tief Luft. Nein, sie würde sich nicht übergeben! Jedenfalls nicht sofort.
Malte legte die Zeitung zur Seite und sah sie überrascht an.
»Was ist los?«
»Seekrank.«
»Echt? Man spürt ja kaum eine Schiffsbewegung.«
Trotzdem stand er auf und nahm sie beim Arm.
»Ich komme mit«, sagte er und führte sie hinaus an die frische Luft. Es nieselte, doch der salzige Wind tat ihr gut. Malte blieb die ganze Zeit über neben ihr.
»Schau auf den Horizont«, sagte er.
Sie befolgte seinen Rat und stützte sich auf die Reling. Obwohl der scharfe Wind ihr Tränen in die Augen trieb, beruhigte sich ihr Magen.
Eine Weile standen sie nebeneinander im Regen. Maltes blonde Haare schlugen sanfte Wellen, und das T-Shirt klebte ihm am Körper.
»Herrlich!«, sagte er und atmete tief ein. Er schien ganz und gar bei sich zu sein, während er aufs Meer hinausschaute.
»Schade, dass Bettina nicht hier ist«, sagte Johanna.
Malte nickte. »Es würde ihr gefallen.«
»Bist du verknallt in sie?«
Johanna war jedes Thema recht, um sich von ihrer Seekrankheit abzulenken. Außerdem interessierte diese Frage sie brennend.
»Ach, verknallt – das ist man doch nur mit sechzehn.«
»Und in wen warst du mit sechzehn verknallt?«
Malte lehnte an der Reling, die Hände locker gefaltet, und schaute intensiv auf die Wellen hinunter. Nur sein Rücken war angespannt.
»In Lene«, sagte er. »Ich war mit ihr auf dem dänischen Gymnasium.«
»Du bist in Dänemark zur Schule gegangen?« Jetzt war Johanna doch einigermaßen irritiert. Malte hatte noch nie von Dänemark erzählt.
»Nein, erst hier in Wyk, dann in Flensburg. Bis ich fünfzehn war, habe ich auf Föhr bei meinen Großeltern gelebt. Meine Oma gehörte zur dänischen Minderheit und legte Wert darauf, dass ich auf dänische Schulen ging.«
»Du bist hier auf Föhr großgeworden?« Johanna kam aus dem Staunen nicht heraus, während Malte weitererzählte.
»Als ich geboren wurde, steckten meine Eltern mitten in der Geschäftsgründung. Mein Bruder ist dann schon in Flensburg aufgewachsen.«
»Hm. Wart ihr lange zusammen, Lene und du?«
»Genau 364 Tage. Bis sie sich in einen andern verliebte. Jemanden, der mir sehr nahe stand.«
»Klingt dramatisch!«
»Damals war es vielleicht dramatisch. Aber es ist zehn Jahre her.«
Er wandte sich ab und ging zur anderen Seite des Schiffes hinüber, als sähe das Meer dort anders aus. Kurz vor dem Anlegen kam er zurück und schulterte Johannas Rucksack. Dankbar folgte sie ihm die überdachte Rampe hinunter.
Draußen stellte er Rucksack und Rollkoffer neben ihr ab. »Warte hier«, sagte er. »Ich suche Kai.«
Johanna nickte erschöpft. Es gab keine Bänke oder Wartestühle, also blieb sie stehen und atmete tief ein. Die Luft war frisch und kühl – sonst nichts. Sie wusste nicht genau, was sie erwartet hatte, aber es enttäuschte sie, dass es am Hafen nach fast gar nichts roch.
Mit den Augen suchte sie den Platz vor dem Terminal nach einem Mann ab, der Malte ähnlich sah. Doch am Ende blieb nur eine Dame mit Rollator zurück. Sie war mindestens achtzig und schien auf jemanden zu warten. Sie stand etwa zehn Meter von Johanna entfernt und hatte den angespannten Gesichtsausdruck eines Menschen, dem alles schwerfällt. Vielleicht hatte sie Schmerzen.
Schließlich näherte sich vom Parkplatz her ein Typ in Jeans und weißem Hemd. Das dunkelblonde Haar fiel ihm fast bin in die Augen, und es wirkte, als käme er geradewegs aus der Dusche. Bettina hätte wahrscheinlich behauptet, dass er sexy aussah, doch sein gelangweilter Blick gefiel Johanna überhaupt nicht.
Bis er die Frau mit dem Rollator entdeckte: Plötzlich lächelte er, und Johanna spürte einen Stich im Magen. Sie wünschte, das sympathische Lächeln gälte ihr. Doch er hatte nur Augen für die alte Dame. Vielleicht war es seine Oma oder Lieblingstante. Er sagte etwas zu ihr, und sie lachte wie ein junges Mädchen. Wäre der große Altersunterschied nicht gewesen, hätte Johanna schwören mögen, dass die beiden flirteten. Dann reichte er ihr förmlich die Hand, drehte sich um und ging auf Malte zu.
Was wollte der Typ? War er ein Taxifahrer auf der Suche nach Kundschaft? Oder ein Taschendieb? Malte stand mit dem Rücken zu ihm und schaute immer noch in die andere Richtung. Entschlossen überquerte Johanna den Platz mit ihrem Baustellenschritt und stoppte direkt neben dem Mann. Erst schaute er sie fragend an, dann schenkte er auch ihr das Zauberlächeln. Ihre Knie gaben nach, als hätte ihr jemand einen Tritt verpasst. Sie schwankte, und der Mann fasste sie blitzschnell am Arm.
»Ist Ihnen nicht gut?«, fragte er.
Vielleicht war es keine Seltenheit, dass jemand mit wackeligen Beinen das Schiff verließ. Aber warum schaute er sie so an? So ... intensiv?
Da hörte sie Maltes Stimme hinter sich. »Hallo Kai, da bist du ja!«
Johanna staunte. Das war Maltes Bruder? Die beiden glichen sich ungefähr so sehr wie Weizenbier und Friesentee.
Endlich ließ er sie los und wandte sich Malte zu. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte Kai seinen Bruder an sich drücken, doch dieser stand mit verschränkten Armen da. Johanna spürte, dass Kai verunsichert war, doch er lächelte und sagte: »Hallo Malte. Schön, dass ihr gekommen seid!«
»Das ist meine Mitbewohnerin Johanna«, sagte Malte.
Kais Blick wanderte zu ihr zurück. »Soso. Mitbewohnerin nennt man das.«
Er grinste. Dann fasste er sie an den Schultern und tauschte Luftküsse mit ihr. Johanna war so überrascht, dass sie beinahe die Richtung verfehlt und ihn auf den Mund geküsst hätte. Stattdessen berührten sich ihre Wangen. Sein Gesicht war rau und duftete nach etwas Frischem. Gurke vielleicht? Johanna warf Malte einen, wie sie hoffte, vernichtenden Blick zu.
Kai sah sich nach dem Gepäck um. »Denn kommt mal mit!«
Sein norddeutscher Akzent war viel ausgeprägter als Maltes. Er trug Johannas Rucksack in Richtung Parkplatz, Maltes Rollkoffer ratterte hinterher. Im Vorbeigehen winkte Kai noch einmal der alten Dame zu.
»Tschüs, Frau Hansen«, rief er, dann wandte er sich an Johanna: »Eine langjährige Kundin. Hat gerade eine Teebestellung aufgegeben.«
Er ging auf einen älteren, dunkelblauen Kombi zu und hielt ihr die Beifahrertür auf. Benommen versank sie in dem bequemen Autositz. Als Kai neben ihr auf den Fahrersitz rutschte, betrachtete sie sein Profil und fand, dass er auf unspektakuläre Weise gut aussah – wie jemand, der genau wusste, was er wollte und kein Imponiergehabe nötig hatte. Er schien wirklich nett zu sein. Und, im Gegensatz zu seinem Bruder, sehr gesprächig. Da sollte nochmal jemand behaupten, die Nordlichter seien reserviert.
Kaum eine Viertelstunde später wusste Kai schon eine ganze Menge über ihre Familie und ihren Beruf, und dass sie auf der Fähre seekrank geworden war.
»Du musst ja nicht gleich wieder zurück«, sagte er und sah sie aus seinen bleifarbenen Augen an. Als sie ausstieg, war sie immer noch wackelig auf den Beinen.
Trotzdem verliebte sie sich gleich in das weißgekalkte Reetdachhaus: Einige Stellen des Daches waren schon mit Moos bewachsen. Ein Kiesweg führte zu der breiten, grün gestrichenen Eingangstür, daneben stand eine Holzbank.
»Ist das schön hier!«, rief Johanna, und Kai lachte amüsiert.
»Willkommen in der Villa Knies«, sagte er. »Du hast wohl noch nie ein Friesenhaus gesehen?«
Johanna schüttelte den Kopf. »Nur im Fernsehen. Ist es weit bis zum Meer?«
»Nein, vom oberen Stockwerk aus kann man es sogar sehen. Die Häuser stehen hier alle auf Warften, also etwas erhöht, falls die Sturmflut doch mal über den Deich schwappt. Zwischen den Grundstücken führt ein Trampelpfad direkt ans Meer. Schau dich ruhig um.«
Das ließ Johanna sich nicht zweimal sagen. Sie umrundete das Haus und entdeckte eine großzügige Terrasse. Daran schloss sich eine weite, akkurat gekürzte Rasenfläche an. Etwas abseits stand ein kleiner, ebenfalls reetgedeckter Geräteschuppen. Das Grundstück war ja riesengroß! Es wurde von einem Steinwall und Hagebuttensträuchern eingefasst, doch ganz am Ende befand sich ein Holzgatter, über das Johanna kurzerhand hinwegkletterte.
Sie gelangte auf einen Weg, und wenige Schritte weiter lag, hinter einem mit Dünengras bewachsenen Deich, tatsächlich der Strand. Aber wo war das Meer? Vor ihr breitete sich grauer Sandboden aus, darin glitzerten silbrige Pfützen. Es musste Ebbe sein. Der Himmel war aufgerissen, über ihr stapelten sich weiße Wölkchen und ließen die Sonne durch. Der Saum des Meeres lag ein gutes Stück entfernt, und der unablässige Wind pustete ihr den Stadtmief aus dem Kopf. Es war fast so gut wie auf einem Berg zu stehen – weit weg von allem, umgeben von Naturgeräuschen. Sie hätte ewig hier sitzen können, doch dann erinnerte sie sich an ihre Gastgeber und ging zurück.
Sie entdeckte, dass sich das Tor zum Grundstück ganz einfach öffnen ließ, erklomm die Warft und entdeckte Kai, der sich von innen mit der Terrassentür abmühte. Behutsam drückte Johanna sie auf.
»Die kann man bestimmt einstellen«, sagte sie und schloss die Tür langsam wieder, um zu sehen, wo es klemmte. Dabei streiften ihre Finger aus Versehen Kais Hand. Sie zuckte zurück, doch das Gefühl von Wärme blieb auf ihrer Haut.
»Wäre schön, wenn du das in Ordnung bringen könntest«, sagte er. »Aber jetzt komm erst mal rein. Es gibt gleich Tee.«
Ihr Blick fiel auf die gemütlichen Sessel, und sie schlüpfte schnell aus ihren Straßenschuhen, um den grau-weiß gemusterten Webteppich nicht dreckig zu machen.
Kai führte sie in den Flur, wo Malte das Gepäck abgestellt hatte. Er stand gegenüber in der Küche und tat, was er auch in Regensburg immer tat: Er kochte Tee. Kai griff in den Küchenschrank und stellte Tassen und Teller auf ein Tablett.
»Wollt ihr euch vorher noch frisch machen?«, fragte er. »Ich habe dein altes Zimmer vorbereitet, Bruderherz.«
Johanna war alarmiert: Nur ein Zimmer? Das musste ein Missverständnis sein. Malte tat, als hätte er nichts gehört, und Kai war auf dem Weg zurück in das Wohnzimmer.
»Geh schon mal nach oben«, sagte Malte, und Johanna stieg die die knarrenden Holzstufen hinauf. Die Treppe mündete in eine helle Diele. Am Giebelfenster standen zwei große Korbsessel, der Blick ging auf den Garten hinaus. Außerdem gab es einen schönen, alten Holzschrank. Die Zimmertür daneben stand offen. Johanna war überrascht, hellgelb gestrichene Wände und beige-rot gestreifte Vorhänge zu sehen. Auf dem Bett lag eine rote Tagesdecke. War das etwa Maltes Zimmer? Was für ein Kontrast zu den ewigen Erd- und Naturtönen, die sie sonst von ihm gewohnt war! Durch die Gaubenfenster sah man das Meer. Eine Wolke schob sich vor die Sonne und legte einen Schatten über das Zimmer. Jetzt hörte sie Malte ebenfalls die Treppe heraufkommen und drehte sich nach ihm um.
»Jetzt weiß ich endlich, warum du so launisch bist«, sagte sie. »Du bist wie das Wetter hier.« Dann ließ sie sich auf das französische Bett fallen.
Malte zog eine Augenbraue hoch und gab sich geschlagen.
»Ich nehme dann wohl Kais altes Zimmer nebenan.«
Er hob seinen Koffer wieder hoch und verließ den Raum, kurz darauf hörte sie ihn nebenan rumoren. Johanna lächelte in sich hinein. Selber schuld, dachte sie. Warum hatte er sie auch alleine vorausgeschickt? Sie sah sich um. Es gab ein schmales Regal mit Büchern, Zeitschriften und einem CD-Spieler. Zum Zimmer gehörte auch ein kleines Bad. Würde Malte etwa am frühen Morgen hereinspazieren, um zu duschen und sich die Zähne zu putzen? Und wenn er nachts aufs Klo musste? Sie spähte hinaus in den Flur. Da hörte sie hinter der Tür nebenan eine Spülung rauschen; anscheinend hatte Malte sein eigenes Bad.
Einigermaßen beruhigt begann sie, ihre Sachen auszupacken. Als Malte zurückkam, stopfte sie gerade ihre zerknitterten T–Shirts, die kurze Jeans aus dem Sonderangebot und zwei Hosen in den Kiefernholzschrank. Im nächsten Moment stand Malte neben ihr, sie hatte ihn gar nicht hereinkommen hören. Ohne zu fragen, nahm er ihre einzige Bluse und hängte sie auf einen Bügel. Er behandelte sie fast so liebevoll wie seine fleischfressenden Pflanzen.
»Draußen im Flurschrank ist ein Bügeleisen«, sagte er. Johanna hob eine einzelne Socke vom Boden auf und hängte sie über die Kleiderstange.
»Ja, ich bügel gleich 'ne Runde«, rief sie enthusiastisch, und wieder zog Malte eine Augenbraue hoch.
»Kommst du? Der Tee ist fertig.«
Auf dem Couchtisch standen hauchdünne Porzellantassen mit Zwiebelmuster, die dazu passende Teekanne ruhte auf einem Stövchen. Kai hatte belegte Brote und Muffins dazugestellt. Nach dem ersten Schluck Tee entspannte sich Johanna und sank tief in die helle Sofalandschaft ein. Kai saß ihr gegenüber in einem Sessel.
»Na? Ist das eine Alternative zum Weißbier?«
»Besser. Der Tee bringt meinen Magen wieder in Ordnung«, sagte sie, griff nach einem Muffin und biss hinein. Natürlich fielen sofort einige Krümel auf das makellose Polster. Sie schnippte sie verstohlen auf den Boden und fragte Malte: »Wann warst du eigentlich zum letzten Mal hier?«
Er zog lediglich die Schultern hoch.
»Vor sieben Jahren«, antwortete Kai an seiner Stelle. »Aber ich habe ihn hin und wieder besucht. Erst in Freiburg und später in seiner ersten Wohnung in Regensburg.«
»Was hast du denn in Freiburg gemacht?«, wunderte sich Johanna.
»Abitur«, antwortete Malte widerwillig.
»Du warst doch in Flensburg.«
»Nur bis zur zehnten Klasse. Dann bekam ich Probleme und wechselte auf ein Internat.«
»Warum so weit weg?«
Malte zuckte mit den Schultern. »Auf die Insel konnte ich nicht zurück, Oma und Opa waren inzwischen gestorben, und in Flensburg ...« Er warf Kai einen Blick zu, der schwer zu deuten war.
»Es tut mir immer noch leid«, sagte der, und Johanna hatte das Gefühl, dass er sich ebenso unwohl fühlte wie Malte. Als ob etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre.
Für eine Weile kamen die einzigen Geräusche von außen. Man hörte den Wind ums Haus streichen, als suchte er eine Angriffsfläche. Doch das Ferienhaus war solide gebaut, es gab keine klappernden Fensterläden und keine losen Dachrinnen. Johanna hätte sich behaglich und sicher fühlen können – wenn da nicht diese unbestimmte Spannung im Raum gewesen wäre. Malte und Kai schienen mit den Gedanken weit weg zu sein.
»Ich muss hier raus«, sagte sie, ruppiger als beabsichtigt. »Ich meine: Ich brauche Bewegung. Habt ihr einen Tipp für mich?«
Kai erwachte als Erster aus seiner Versunkenheit, sah ihr direkt in die Augen und knipste sein Lächeln an, als könnte er damit die schlechte Stimmung wegschmelzen. Sofort fühlte Johanna sich besser.
»Du könntest mit dem Fahrrad nach Nieblum fahren, dort einen Kaffee trinken und dir anschließend das Goting-Kliff anschauen. Es ist nicht weit.«
»Gibt es mein altes Mountainbike noch?«, fragte Malte und stand auf.
»Mountainbike klingt super«, sagte Johanna. Sie hatte schon immer Sport mit Geräten bevorzugt. Zum Beispiel Langlaufschi, die Maschinen im Fitnessstudio, im Gebirge Seile und Haken oder wenigstens Stöcke.
Neugierig folgte sie Kai und Malte nach draußen zu dem kleinen roten Gerätehaus. Kai steckte den Schlüssel in das Schloss und rüttelte an der Tür. Malte behielt die Hände in den Hosentaschen.
»Genau wie früher«, sagte er. »In der feuchten Luft verzieht sich das Holz schon mal.«
»Darf ich?« Johanna schob sich an den beiden Männern vorbei, hob die Tür ein wenig an und zog daran. Plötzlich schwang sie auf, und Johanna stolperte rückwärts. Kai fing sie auf.
»Entschuldigung«, murmelte sie. Als er sie losließ, spürte sie eine unangenehme Kälte im Rücken.
»Das ist auch wie früher. Immer fliegen dir die Frauen zu«, sagte Malte. Kai antwortete nicht. Stattdessen griff er nach einem der Gartenstühle, die in dem Schuppen gestapelt waren, und reichte ihn seinem Bruder. Beinahe wütend.
»Hier, die müssen sowieso auf die Terrasse.«
Schweigend räumten sie den Schuppen aus, bis ganz hinten an der Holzwand ein verstaubtes Rad zum Vorschein kam. Johanna schob es heraus ans Licht. Die Reifen waren platt und die Kette rostig, doch der schwarze Rahmen begann zu glänzen, als sie mit der Hand darüberwischte, und in einer Ecke des Schuppens entdeckte sie eine Luftpumpe.
»Zu Hause habe ich noch mehr Werkzeug«, sagte Kai. Er schien es ganz selbstverständlich zu finden, dass sie das Fahrrad selbst reparierte. Das gefiel ihr.
»Wo wohnst du denn?«, fragte sie.
»In Wyk, über dem Teeladen. Das Haus gehörte mal unseren Großeltern. Ebenso wie das Grundstück hier. Sonst hätten Mama und Papa sich das Ferienhaus gar nicht leisten können.«
Johanna fand es sympathisch, dass Kai nicht mit dem Wohlstand der Familie protzte. Malte hingegen war kurz zusammengezuckt. War die Erinnerung an seine Großeltern schmerzhaft für ihn? Oder passte es ihm nicht, dass Kai den Teeladen als seinen eigenen bezeichnete? Vielleicht war es gut, wenn sie die Geschwister mal eine Weile sich selbst überließ. Vielleicht hatten sie etwas miteinander zu klären. Sie ging in die Hocke und setzte die Luftpumpe an das Ventil des Vorderreifens.
»Ich drehe jetzt eine Runde«, sagte sie.
Kai nickte. »Habt ihr Lust, zum Abendessen nach Wyk zu fahren?
