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Julia könnte nicht glücklicher sein. Tom ist bei ihr – in New York! Für sechs Monate. Als Teil der New Yorker Mordkommission. Doch kaum ist er angekommen, wird die Idylle erschüttert. Im Central Park finden sie eine erschossene Dragqueen. Die wenigen Spuren führen in eine unheilvolle Richtung. Und es bleibt nicht bei einem Mord. Gemeinsam tauchen Julia, Tom und ihre Freunde in die schillernde Welt der Dragqueens und die düsteren Machenschaften gefährlicher Motorradgangs ein. Und begeben sich bei ihren Nachforschungen selbst in Gefahr.
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Seitenzahl: 437
Veröffentlichungsjahr: 2025
Karin Einhäuser
Bis in den Tod … GEWALT
Ein Krimi aus der „Bis in den Tod …“-Reihe
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Bis in den Tod … WAHN
© 2024 Karin Einhäuser
Lektorat und Korrektorat:
Heike Susanne Przybilla | www.lektorat-wortlust.de
Umschlaggestaltung:
© inspirited books Grafikdesign | www.inspiritedbooks.at
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
ISBN: 978-3-384-30054-6 (Paperback)
978-3-384-30055-3 (E-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: Karin Einhäuser, Am Römerhof 41, 60486 Frankfurt/Main, Germany.
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Für alle,
die mir in einer schweren Zeit geholfen und sich damit als wahre Freunde erwiesen haben.
Ich danke euch.
»Die größte Stärke, die du jemals entwickeln wirst, ist die Fähigkeit, deine eigenen Schwächen zu erkennen und zu lernen, um Hilfe zu bitten, wenn du sie brauchst.«
– Kelly Catlin, Bahnrad-Weltmeisterin –
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
KAPITEL 29
KAPITEL 30
KAPITEL 31
KAPITEL 32
KAPITEL 33
KAPITEL 34
ÜBER DIE AUTORIN
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KAPITEL 1
ÜBER DIE AUTORIN
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KAPITEL 1
Tom stand in seinem Frankfurter Loft und schaute sich um. Ja, es sah so aus, als hätte er an alles gedacht. Und außerdem war da ja auch noch Emilia, seine gute Seele, die sich schon viele Jahre um seine Wohnung kümmerte und von Zeit zu Zeit kommen würde, um alles zu überprüfen. Emilia – als sie von seiner Abreise hörte, stand sie weinend vor ihm. Natürlich freute sie sich für ihn, aber sechs Monate war in ihrer Vorstellung eine kleine Ewigkeit. Sie war genauso wie seine Mutter.
Als er sich von seinen Eltern verabschiedet hatte, brach auch sie in Tränen aus. Sie war immer stolz auf ihn, hatte in jeder einzelnen Phase seines Lebens uneingeschränkt zu ihm gestanden. Selbst, als er mit neunzehn sein ganzes Geld in dieses Start-up-Unternehmen gesteckt hatte, nur, weil er schon damals begeisterter Motorrad-Fan gewesen war. Dieses kleine Unternehmen wollte sich darauf spezialisieren, seltene Originalteile für Motorräder, und dazu gehörten auch die Teile für die Marken Harley-Davidson und Victory, zu finden und damit kundenspezifische Wünsche zu erfüllen. Und das faszinierte ihn. Er konnte sich noch genau erinnern, als er sein ganzes Geld – es waren damals immerhin vierzehntausenddreihundert Mark – nahm und damit eine Neununddreißig-Prozent-Beteiligung kaufte. Und der Wert dieser Beteiligung ging innerhalb kürzester Zeit durch die Decke und machte ihn zu einem reichen Mann. Als die Jungs das gut florierende Unternehmen vor einigen Jahren an einen großen Motorradhersteller verkauften, war seine Beteiligung rund zwölf Komma sechsundfünfzig Millionen Euro wert. Er hatte das Geld gewinnbringend angelegt und seinen Beruf bei der Polizei weiter ausgeübt. Und das hatte er nie bereut. Seine Tätigkeit hatte ihn immer erfüllt.
Allerdings übten Motorräder nach wie vor eine große Faszination auf ihn aus. In einer Garage, die er und Suzie, sein bester Freund und Kollege und ein genauso großer Motorrad-Freak, zu einer Werkstatt umgewidmet hatten, hatte er seine 218 PS starke schwarze Honda CBR 1000 RR-R Fireblade mit Rennverkleidung stehen. Und daneben stand Suzies legendäre rote Suzuki GSX 1300RR Hayabusa, das ultimative Rennsport-Motorrad. Eigentlich hieß er Siegfried, Siegfried Schrei – aber seitdem er diese Maschine sein Eigen nennen konnte, wurde er von allen nur noch Suzie genannt. Mit seinem kahlgeschorenen Kopf und den Tattoos sah er ohnehin mehr wie ein Rocker denn wie ein Kriminalhauptkommissar bei der Mordkommission aus.
Noch vor einigen Tagen waren sie das letzte Mal in diesem Jahr unterwegs gewesen und hatten das Gefühl der Freiheit auf dem Sitz des Motorrads genossen. Danach hatten sie die beiden Karren winterfest gemacht. Nach ihrer Rückkehr im Januar 2025 würde es Winter sein. Seine Mutter war eine Glucke, die nicht loslassen konnte. Sie sah in ihm – immerhin schon Mitte vierzig – noch den kleinen Jungen. Um sie zu beruhigen, hatte er sie und seinen Vater nach New York eingeladen. Schon im nächsten Monat. Julia wusste noch nichts von ihrem Glück, aber er war sicher, dass sie sich auf seine Eltern freuen würde. Die hatten sie sofort in ihr Herz geschlossen – die erste Frau, die seine Mutter für ihren kleinen Jungen als geeignet ansah. Und sein Vater war in dem Augenblick, in dem sie durch die Tür kam, in Julia verliebt. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Erinnerungen an den Moment, in dem Julia ihnen von ihrer Verlobung erzählt hatte, kamen in ihm hoch. Sie waren auf Maui und konnten ihnen diese wunderbare Nachricht nur telefonisch mitteilen. Ein Telefon hätten sie allerdings nicht gebraucht. Den Schrei seiner Mutter hätten sie auch ohne Verbindung gehört. Bei dem Gedanken musste er unwillkürlich schmunzeln.
Seine Koffer standen bereits gepackt und reisefertig vor der Eingangstür. Ein Teil der Dinge, die er für seinen sechsmonatigen Aufenthalt in New York brauchte, hatte er schon vor einigen Tagen verschickt. Und falls er tatsächlich etwas vergessen haben sollte, würde er es einfach vor Ort kaufen. Wo war also das Problem?
Jetzt mussten nur noch Suzie und seine Lebensgefährtin Caro, seit mehr als fünfundzwanzig Jahren Julias beste Freundin, kommen, und dann konnte es losgehen. Das Taxi war für 8:00 Uhr bestellt, um sie zum Flughafen zu bringen. Er wusste natürlich, dass das sehr früh war, aber er wusste auch, dass die Zeit, die sie für die Formalitäten bei Auslandsflügen brauchten, mittlerweile nicht mehr berechenbar war. Auch wenn sich das Personal im First Class Terminal der Lufthansa um alles kümmerte. Sicher war sicher. Außerdem konnten sie dann noch in aller Ruhe eine Kleinigkeit frühstücken, bis die Limousine sie an das Flugzeug bringen würde.
Ihr Flug ging um 11:45 Uhr ab Frankfurt International Airport nonstop nach New York John F. Kennedy Airport und von da, nach knapp neun Stunden Flugzeit, für ihn direkt in die 24 Central Park West, Upper East Side, Manhattan. Dort würde Julia auf ihn warten. Sie wollte ihn eigentlich abholen, aber das war Quatsch. Sie brauchte sich in der Zeit des dichtesten Verkehrs nicht zum Flughafen zu quälen.
Während der Rush Hour in New York verwandelten sich die Straßen in ein chaotisches, aber faszinierendes Schauspiel. Autos, Taxis und Busse drängten sich Stoßstange an Stoßstange, während die Ampeln in einem endlosen Rhythmus von Rot zu Grün wechselten, ohne dass der Verkehr jemals wirklich ins Rollen kam. Das Hupen der Fahrer, ein ständiger Begleiter dieser Stunden, vermischte sich mit dem Brummen der Motoren und dem gelegentlichen Sirenengeheul von Einsatzfahrzeugen, die sich ihren Weg durch das dichte Gedränge bahnten.
Die Luft war erfüllt von einer Mischung aus Abgasen, dem Duft von Straßenessen und der Hitze, die von den Asphaltstraßen aufstieg. Fußgänger strömten in Massen über die Zebrastreifen, während Radfahrer waghalsig zwischen den Fahrzeugen hindurchmanövrierten. Die U-Bahn-Stationen waren überfüllt, und die Menschen drängten sich in die Waggons, die wie Rettungsboote durch das Verkehrsmeer glitten.
Trotz des scheinbaren Chaos hatte die Rush Hour ihren eigenen Rhythmus – ein pulsierender Herzschlag, der die unermüdliche Energie der Stadt widerspiegelte. Sie zeigte einmal mehr die ungezähmte, lebendige Seite New Yorks.
Es war einfacher, wenn er sich ein Taxi nehmen würde. Genauso wie Suzie und Caro. Allerdings hatte Caro schon etwas von U-Bahnfahren angedeutet. Er erinnerte sich an Maui. Da hatten Caro und Suzie sich auch in einen dieser überfüllten, stickigen Busse gesetzt und sich vom Flughafen in das Resort bringen lassen, anstatt mit Messer und Nieva bequem in der bequemen, klimatisierten Limousine, die auf sie wartete, zu fahren. Und in New York war das U-Bahnfahren ein Erlebnis wie kein anderes. In den engen Gängen der Stationen herrschte ständig geschäftiges Treiben. Die Luft war erfüllt von einer Mischung aus metallischem Duft der Gleise, einem Hauch von feuchtem Beton und dem typischen Geruch des Großstadtverkehrs. Menschen strömten aneinander vorbei, ihre Schritte hallten über die Fliesen, begleitet vom fernen Dröhnen nahender Züge und den automatischen Durchsagen, die sowohl beruhigend als auch energisch wirkten.
Die Waggons selbst waren ein Mikrokosmos der Stadt. Während der Fahrt ruckelte und schaukelte der Zug, und die quietschenden Bremsen reflektierten rhythmisch das Tempo der Metropole. Fahrgäste lasen, hörten Musik, unterhielten sich oder starrten ausdruckslos vor sich hin, jeder in seiner eigenen Welt, und doch zusammengepresst in diesem Raum.
Und dann, wenn die Türen sich öffneten, wurde die Routine von einem unerwarteten Moment durchbrochen – Straßenkünstler, die mit Musik und Tanz die Passagiere für einige Minuten verzauberten. Diese Momente liebte er, auch wenn er das U-Bahnfahren hasste.
Jedenfalls mussten die beiden wie auch immer nach Brooklyn. Sie würden in einem kleinen Apartment, das das New Yorker Police Department für Kurzzeitbesucher bereitstellte, wohnen. Es war klein, aber in einer guten und vor allem sicheren Wohnlage. An dem ganz eigenen Charakter dieses Stadtteils, dessen Slogan ‚Home to Everyone From Everywhere!’ war, spürte man die Verschmelzung der unzähligen Einwanderer und deren Kulturen. Suzie und Caro würden sich dort die nächsten Monate wohlfühlen.
Was für eine Chance hatte er bekommen! Er konnte es immer noch nicht wirklich begreifen. Und eigentlich hatte er alles Julia zu verdanken.
Sie hatten furchtbar turbulente Tage in ‚The Big Easy‘. Er war im Juni nach New Orleans geflogen, um nach längerer Zeit der Trennung Julia endlich wiederzusehen. Sie hatte dort einen Auftrag zur Komplettgestaltung eines herrschaftlichen Hauses im wunderschönen Garden District übernommen. Es hatte sich einfach angeboten, ihr nachzureisen, um mit ihr nach Auftragserledigung zehn Tage und ebenso viele Nächte Zweisamkeit in der vibrierenden Stadt mit dieser umarmenden Musik zu genießen. Aber alles kam anders. Sie wurden in einen gefährlichen Sog aus Mord, Voodoo und käuflicher Liebe gezogen. Julias Eigensinnigkeit hatte sie in ziemlich gefährliche Situationen gebracht. Darauf hätte er gut und gerne verzichten können. Das war auch der Grund für einen riesigen Streit gewesen. Fast wäre es dadurch zum Bruch zwischen ihnen gekommen. Aber ihre Liebe hatte gesiegt.
Beruflich allerdings hatte sich in New Orleans ein Traum für ihn erfüllt. Er wusste selbst nicht, warum, aber er hatte vom leitenden Ermittler, Ian Rodrigez, das Angebot bekommen, ihn bei der Mordaufklärung zu begleiten. Der hatte sogar auf seine Bitte Polizeipräsident Bast überreden können, auch Suzie zu schicken, der gleich am nächsten Tag mit Caro angekommen war. Und natürlich kam auch Messer, also Herr Prof. Dr. Frank von Selim, Leiter des Frankfurter Instituts für Rechtsmedizin und einer von Julias ältesten Freunden, mit seiner Frau Nieva, einer philippinischen Schönheit, um zu helfen. Auf die Freunde war immer Verlass.
Im Rahmen der Mordermittlungen bekamen sie zusätzlich unerwartete Hilfe vom Police Commissioner der Stadt New York, John Brennan, Julias langjährigem väterlichen Freund. Gemeinsam hatten sie den Mord aufgeklärt; dies war ein großer Schlag gegen das Zuhältermilieu in New York und New Orleans. Und dann hatte John ihm einen sechsmonatigen Aufenthalt in einer Homicide Unit in New York angeboten. Er konnte sogar Suzie mitnehmen, der diese Chance natürlich jubelnd annahm.
Er hatte sich so irrsinnig darüber gefreut. Für Julia und ihn bedeutete das, einige Monate nicht getrennt zu sein. Natürlich musste er arbeiten. Und sie hatte Aufträge, die sie ständig an einen anderen Ort der Welt katapultierten. Aber sie hatte es geschafft, für die Zeit seiner Anwesenheit ihre Aufträge so zu organisieren, dass sie die meiste Zeit in New York bleiben konnte.
Das Leben schlug schon manches Mal unerwartete Kapriolen. Und es konnte wirklich schön sein.
In seinem Job, der ihm nach wie vor viel Spaß machte, sah er nur die negativen Seiten. Er war Erster Kriminalhauptkommissar und Chef-Ermittler in der Frankfurter Mordkommission, Kriminalinspektion 10 Kapitaldelikte, und schaute seit mehr als zwanzig Jahren tagein, tagaus in menschliche Abgründe. Umso schöner waren diese einmaligen Chancen, die ihm plötzlich und völlig unerwartet geboten wurden. Er wusste, dass er in seinem Job gut war – seine hohe Aufklärungsrate belegte das –, aber diese Chance, international zum Einsatz zu kommen, lag nicht an seiner Quote. Nein, die hatte er Julia zu verdanken.
Julia – seine wunderschöne, dickköpfige, kleine Julia, die Frau, mit der er sein Leben teilen wollte. Sie hatte damals Innenarchitektur und -design in Frankfurt studiert und war nach einem Streit mit ihren Eltern mit wenig Geld und noch weniger Besitz nach New York geflüchtet, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Er wusste nicht, warum sie den Kontakt zu Frankfurt – zu ihren Eltern und ihren Freunden, mit Ausnahme von vier Frauen, ihrem ‚Inner Circle‘ – für nahezu fünfzehn Jahre komplett abgebrochen hatte, bis letzten Dezember. Da hatte sie ihre Jugendfreunde zu einem Wiedersehenswochenende eingeladen, das unglücklicherweise von mehreren Morden überschattet wurde. Das war der Zeitpunkt, an dem er sie kennen- und lieben gelernt hatte.
Weniger von ihr, sondern mehr von John und Caro wusste er, dass ihr Weg zum Erfolg gepflastert war mit harter Arbeit, eiserner Disziplin, vielen Entbehrungen, etlichen Rückschlägen und einer extrem großen Portion Durchhaltevermögen. Sie hatte nie aufgegeben. Ihre Hingabe für die Sache kannte wohl schon damals keine Grenzen. Und dann bekam sie die Chance, die ihr Leben veränderte. Sie traf ihren Ziehvater, der ihr, ohne sie zu kennen, den Auftrag gab, sein riesiges Anwesen in den Hamptons zu gestalten. Und sie hatte diese Chance ergriffen. Und dabei gelernt, diesen Mann, der sie wie seine eigene Tochter liebte, ebenfalls zu lieben und ihm zu vertrauen. Der erste nach Jahren. Von Caro wusste er auch, dass sein Tod im letzten Jahr sie völlig aus der Bahn geworfen hatte. Das millionenschwere Erbe, das er ihr hinterlassen hatte, konnte sie nicht über seinen Tod hinwegtrösten. Sein Geld war ihr nie wichtig gewesen, sondern nur seine Liebe. Er selbst merkte oft, dass der Schmerz immer noch tief in ihr saß.
Heute galt sie als absolute Stilikone des Innendesigns, bekam sehr viel Anerkennung für ihre Leistungen, flog in der Weltgeschichte herum und führte ein Leben auf der Achterbahn, um das sie viele Menschen beneideten. Heute hatte sie Zugang zum Jet-Set, den Reichen, den Prominenten aus Funk und Fernsehen, zu Schauspielern, Musikern und Politikern, die zum Teil zu guten Freunden geworden waren. Das hatte er auf ihrer Silvesterparty so klar erkennen können. Besonders Jack Maddisson, Schlagzeuger der Rockgruppe Lips, liebte sie. Sie hatte aber auch das Talent, Menschen durch ihre offene, natürliche Art in ihren Bann zu ziehen. Caro verglich Julia immer scherzhaft mit dem Rattenfänger von Hameln, nur, dass sie keine Flöte brauchte. Sie machte das alles mit einem zauberhaften Lächeln und einem unschuldigen Augenaufschlag. An dem Abend hatte er auch John Brennan, diesen stattlichen Mann, Herrscher über die New Yorker Polizei, kennengelernt. Der fünfundsechzigjährige Commissioner, der rund sechsunddreißigtausend Polizisten und neunzehntausend Zivilangestellte beaufsichtigte, war ein großer, attraktiver Mann irischer Abstammung und sah mit seinen kurzen, akkurat geschnittenen Haaren, den dunklen, buschigen Augenbrauen und dem vollen Schnauzbart dem Schauspieler Tom Selleck verdammt ähnlich. John Brennan war ein super Typ und derjenige, der nach dem Tod ihres Ziehvaters, einem guten Freund von ihm, die Rolle des Beschützers übernommen hatte, der, der immer für sie da war.
Er sah Julia vor seinem inneren Auge. Sie war so wunderschön, hatte die strahlendsten grünen Augen und die längsten Wimpern, die er jemals gesehen hatte. Und in ihre schwarzen wilden Locken hatte er sich sofort verliebt, noch bevor er das erste Wort mit ihr gesprochen hatte. Und dann hörte er sie das erste Mal, ihre Stimme – der Klang war wie Magie in seinen Ohren. Sie floss so samtweich und so warm über ihre Lippen, hatte ein so angenehmes, dunkles Timbre, was extrem sexy war! Das und ihr offenes, herzhaft-gewinnendes Lachen waren unwiderstehlich.
Das Problem mit diesem einhundertachtundfünfzig Zentimeter großen Energiebündel war nur, dass für sie alles ein großes Abenteuer zu sein schien. Und wenn sie sich erst einmal in eine Sache verbissen hatte, so wie ein Terrier, der seine Beute nicht mehr losließ, kämpfte sie bis zum bitteren Ende. Dabei schmiss sie die Vorsicht und ihre eigene Sicherheit über Bord und folgte nur noch ihrer Intuition. Sie war einfach zu sprunghaft, zu risikofreudig, ohne über die möglichen Konsequenzen nachzudenken. Dadurch brachte sie sich regelmäßig in Gefahr. Das machte ihn wahnsinnig.
Er musste zugeben, dass sie ein Talent hatte, Verbindungen zu sehen, die andere nicht sahen. Das und ihr Charme halfen ihr immer wieder. Aber doch nicht zu jedem Preis. Wie sollte er sie so beschützen? Er war froh, dass John Brennan zumindest in New York ein Auge auf sie hatte.
Er und John waren in New Orleans zu guten Freunden geworden. John sah ihn wohl durch die Augen eines Vaters, der glücklich war, dass seine Tochter den richtigen Mann gefunden hatte. Jedenfalls durfte er jetzt für ihn tätig werden – bei der New Yorker Mordkommission. Was für eine Ehre. Sein Chef in Frankfurt, Polizeipräsident Bast, war sofort bereit, seine zwei besten Ermittler an New York zu verleihen. Er wusste zwar nicht, was John ihm erzählt hatte – Bast war nur zu ihm gekommen und hatte ihm einen Schulterschlag gegeben und ihm viel Glück gewünscht -, aber das war ihm auch ehrlich gesagt egal. Außerdem wusste er, dass Bast diese internationale Zusammenarbeit PR-technisch bis auf das Letzte ausschlachten würde. Auch das war okay für ihn. Hauptsache, seine Entsendung war von ihm genehmigt worden.
Und nun wartete er auf Suzie, um dieses Abenteuer zu starten.
In dem Moment klingelte es auch schon an seiner Tür. Die Reise konnte also beginnen.
KAPITEL 2
Julia hatte es nicht glauben können, dass John den beiden Jungs aus Frankfurt dieses Angebot gemacht hatte. Und irgendwie konnte sie das immer noch nicht. Aber es war pure Realität. Tom, Suzie und Caro würden in einigen Stunden in New York landen und sechs Monate bleiben. Sie konnte es kaum noch abwarten und merkte, dass sie nahezu jede fünf Minuten auf ihre Chopard Alpine Eagle 41 an ihrem Handgelenk schaute. Es war ein Geburtstagsgeschenk von ihm, ihrem Ziehvater, der sich vor etwas mehr als einem Jahr so plötzlich aus dem Leben verabschiedet hatte. Deshalb liebte sie ihre Eagle, wie sie sie zärtlich nannte.
Und wieder – der Blick auf die Zeiger der Uhr. Es waren gerade mal zwei Minuten vergangen, seitdem sie das letzte Mal geschaut hatte. So ging das nicht. Sie musste sich irgendwie ablenken.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch aus Glas und Chrom, auf den sehr bequemen Bürostuhl aus schwarzem Leder mit dickem, weichem Polster und Armlehnen, und schaute sich die Pläne für den Umbau einer Villa in der Nähe von London an. Ein schöner Auftrag, den sie nur allzu gerne angenommen hatte. Zum einen, weil sie Mr. und Mrs. Willerap mochte. Es war ein freundliches, sehr höfliches älteres Ehepaar. Mr. Willerap entstammte sogar in entfernter Linie irgendeinem schottischen Adelsgeschlecht, hatte aber seine Ernennung zum Duke vor vielen Jahren, in einer Zeit, in der das als absoluter Affront galt, abgelehnt. Er zog sein Glück mit einer bürgerlichen Frau dem Adel vor. Was für ein Liebesbeweis! Und was für ein Mut! Sie war schon sehr gespannt auf seine Geschichte.
Zum anderen bedeutete dieser Auftrag auch, dass sie ihren Arbeitsplatz in Frankfurt einrichten konnte. Es war nur ein kurzer Flug von Frankfurt nach London, sodass sie jederzeit über den Ärmelkanal fliegen konnte, um vor Ort alles zu koordinieren und zu kontrollieren. Eigentlich hatte sie vorgehabt, das Projekt in Kürze zu beginnen. Aber durch das Angebot von John hatte sie den Start auf später verlegt. Es konnte allerdings nicht schaden, ihre Planskizzen jetzt schon zu finalisieren, um später nicht mehr Zeit als unbedingt notwendig zu verlieren.
Aber sie konnte sich einfach nicht konzentrieren. Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Tom zurück. Und an das, was zwischen ihnen war, was noch alles vor ihnen lag. Sie hätte nie gedacht, dass sie einen Menschen mit dieser Bedingungslosigkeit lieben könnte.
Sie lehnte sich zurück, schaute aus ihren großen Fenstern und blickte gedankenverloren auf den Central Park, diesem einzigartigen Stadtpark im Zentrum Manhattans, der vor ihrer Tür lag. Seinen Status als National Historic Landmark hatte er zu Recht. Die ursprüngliche Idee für diesen herrlichen Park stammte von Andrew Jackson Downing. Der hatte damals auf Wunsch der Bevölkerung nach einem Erholungsgebiet mit Freizeit- und Unterhaltungsmöglichkeiten reagiert. Angelegt wurde er zunächst als Promenade für die reichen Anwohner. Heute erstreckte er sich auf einer Länge von immerhin vier Kilometern und galt als die ‚Grüne Lunge‘ New Yorks. Was für eine Entwicklung. Sie hatte gelesen, dass rund fünfundzwanzig Millionen Menschen jährlich den Park besuchten. Das war schon gewaltig.
Sie liebte den Central Park, in dem man spazieren gehen, reiten, rudern, Baseball und sogar Golf spielen konnte. Es gab so viele Freizeitbeschäftigungen dort, die sie selbst nach so vielen Jahren noch nicht alle kannte. Aber vor allem liebte sie die Open-Air-Veranstaltungen, diese Konzerte von bekannten und weniger bekannten Künstlern.
Sie hätte alles dafür gegeben, 1981 bei diesem berühmten Benefizkonzert von Simon & Garfunkel dabei gewesen zu sein. Dieses sagenhafte Konzert fand nur statt, weil Künstler sich für den Erhalt des Central Parks einsetzten und Benefizkonzerte gaben. Die Stadtverwaltung von New York und der damalige Bürgermeister Ed Koch planten nämlich, den Central Park aus Kostengründen zu schließen. Und dagegen kämpften die Künstler.
Aber trotz dieses Kampfes fehlte es der Stadt weiterhin an finanziellen Mitteln, sodass der Park vernachlässigt wurde und nach und nach verkam. Eine Folge davon war eine steigende Zahl von Raubüberfällen. Obdachlosigkeit, Drogenkonsum und Prostitution gehörten immer mehr zum Alltagsbild. Es wurde sogar davon abgeraten, den Park nachts zu betreten.
Aber dann wurde die Privatinitiative ‚Central Park Conservancy‘ gegründet, die in Eigenleistung den verwahrlosten Park pflegte und bis jetzt von Spendengeldern lebte. Sie selbst hatte einen beachtlichen Betrag überwiesen, denn es war dieser Organisation zu verdanken, dass die Grünanlage vor ihrer Tür so aussah, wie sie jetzt aussah. Und auch wenn die Kriminalität nur bedingt reduziert werden konnte, war der Park dennoch dadurch etwas sicherer geworden.
Das war doch überhaupt die Idee – ein Summer Stage Konzert! Sie musste sich mal informieren, welche Künstler in den nächsten Monaten im Central Park auftreten würden. Jetzt Ende Juli konnte man bei angenehmen Abendtemperaturen – die Stadt erfreute sich an herrlichem Wetter mit warmen 27 bis 29 °C und heiterem Sonnenschein – lange draußen sitzen und dabei tolle Musik unter freiem Sternenhimmel mitten in Manhattan erleben. Und mit ihren Freunden und vor allem mit Tom machte es doppelt so viel Spaß. Ja, vielleicht spielte eine Band, die jeder mochte.
Sie blickte abermals auf ihre Uhr. Die Zeit verging in quälender Langsamkeit. Sie schüttelte den Kopf. Immer noch viereinhalb Stunden, bis er endlich da war.
Es waren inzwischen fast zwei Monate vergangen, dass sie ihn gesehen hatte. Am Flughafen in New Orleans, vor ihrem Flug zurück nach New York und vor Toms Flug zurück nach Frankfurt. Der Abschied tat jedes Mal weh und jedes Mal dauerte es einige Zeit, bis sie sich wieder an ihr Single-Dasein gewöhnt hatte. Aber jetzt konzentrierte sie sich voll und ganz auf die Zeit, die vor ihr lag – sechs wunderbare Monate. Und die würde sie von der ersten Sekunde ab an genießen. Außerdem freute sie sich auf Caro und Suzie.
Caro – groß, schlank, braune Augen, dunkle lange Haare, aufrechte Haltung, ansteckendes Lachen – gehörte schon immer zu ihrem Leben, schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren.
Die damalige Clique bestand aus neun völlig unterschiedlichen Freunden, die sich irgendwie gefunden und über viele Jahre alles miteinander geteilt hatten. Sie nannten sich ‚Die glorreichen Neun‘. Und das waren sie auch. Über die Jahre wurden sie eine unglaublich eingeschworene Truppe, gegen die niemand eine Chance hatte. Gemeinsam waren sie so stark. Messer, also Prof. Dr. Frank von Selim, gehörte auch dazu, auch wenn er einige Jahre älter war als der Rest. Schon damals wollte er Arzt werden, daher verpassten sie ihm den Spitznamen Messer. Aber die engste Verbindung hatte sie – neben Dino, der im letzten Dezember auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt mit Blausäure vergiftet wurde – immer zu Caro. Sie war ihr von allen immer am nächsten. Vielleicht, weil sie sich so ähnlich waren – draufgängerisch, keinem Abenteuer aus dem Weg gehend, für jeden Spaß zu haben. Und sie wussten alles voneinander, ohne Ausnahme.
Caro war auch die Einzige, die ihn, ihren Ziehvater, kennengelernt hatte. Vor drei oder vier Jahren. Sie hatte Caro mit in die Hamptons genommen. Und er hatte Caro und sie mit Hingabe und Herzenswärme über die ganzen Wochen liebevoll verwöhnt und die Natürlichkeit und das Lachen der Freundinnen genossen. Sie liebte diese Erinnerung an eine wundervolle Zeit mit ihm.
Früher wie heute gehörte Caro, die seit letztem Dezember mit dem besten Freund von Tom liiert war, zu ihrer Familie. Auch ihre Eltern liebten sie. Das hatte sie besonders während des Brunchs am ersten Weihnachtstag so deutlich erkennen können. Ja, Weihnachten 2023 – es war ein einzigartiges Fest, ein Neuanfang. Auch ein Neuanfang mit ihren Eltern, mit denen sie sich nach fünfzehn Jahren wieder versöhnt hatte. Heute telefonierten sie wenigstens einmal in der Woche.
Aber verdammt, sie musste sich unbedingt mal wieder bei Jo und Mila melden. Sie nahm sich fest vor, die beiden Mädels in den nächsten Tagen anzurufen. Vielleicht gemeinsam mit Caro.
Mila und Jo, eigentlich Joanna, waren zwei Mädels aus ihrem ‚Inner Circle‘, zu denen sie nie den Kontakt verloren hatte. Bis letzten Dezember gehörte auch Alea dazu, die liebenswerte, verrückte Alea. Der Gedanke an ihre Freundin machte sie traurig. Denn auch sie war tot. Auch sie war Opfer dieser eiskalten Mörderin geworden.
Sie hatte unter dem Verlust sehr gelitten. Und der Tod ihres Ziehvaters war noch so präsent. Es war Tom, der sie damals aufgefangen hatte. Seine Liebe, die sie anfänglich nicht zulassen wollte, hatte ihr geholfen, das Leben wieder genießen zu können.
Jetzt war alles gut, so wie es war. Sie konnte sich ihr Leben nicht besser vorstellen. Nur die gemeinsame Zeit mit Tom war so furchtbar begrenzt. Und sie hatten für dieses Dilemma immer noch keine Lösung gefunden. Aber sie wusste, dass sich das mit der Zeit auch irgendwie regeln würde, wie sich alles im Leben früher oder später regelte.
Jetzt würde sie erst einmal zusammen mit Tom und Caro und Suzie, der mittlerweile auch ihr Freund geworden war, eine gute Zeit verbringen. Alles andere würde so kommen, wie es kommen sollte.
Gerade wollte sie sich wieder den Plänen für die englische Villa widmen, als ihr Telefon klingelte. Sie nahm ab und hörte eine wohlbekannte Stimme.
„Hallo, geliebte Julia.“
„Messer! Ich habe gerade an dich gedacht. Wie schön. Alles in Ordnung bei dir und Nieva?“
„Ja klar, könnte nicht besser laufen. Sie schwirrt hier irgendwo im Haus herum. Aber sie lässt dich schön grüßen.“
„Liebe Grüße zurück. Du bist zu Hause und nicht im Institut?“
„Gut erkannt, Schnüffelnäschen.“
Sie hörte sein Lachen.
„Ich wollte dir eigentlich nur kurz etwas zurufen.“
„Okay.“
„Ich bin eingeladen worden, eine Vortragsreihe im Fachbereich Pathologie an der Columbia University zu halten. Das ganze Spektakel dauert etwas mehr als drei Wochen, ganze siebzehn Vorträge, jeden Tag einer, Wochenenden frei.“
„Hier bei mir in New York? Hey, das hört sich doch super an. Hast du zugesagt?“
„Ich war erst etwas zurückhaltend. Ist echt viel Vorbereitung und viel Arbeit. Aber dann habe ich mir überlegt, dass das eine sinnvolle Investition in die Zukunft der Pathologie und Rechtsmedizin ist.“
„Finde ich gut. Wann geht es los?“
„Montag.“
Sie lachte laut.
„Ich glaube es ja nicht. Nett, dass du mich immerhin zwei Tage vorher über dein Kommen informierst.“
„Sorry Süße. Aber ich habe es vorher einfach nicht geschafft. Zurzeit ist im Institut der Teufel los. Aber wir kommen schon morgen in New York an.“
„Morgen? Nieva auch? Das ist ja großartig. Ich freue mich! Wo wohnt ihr? Auf dem Campus?“
Die Universität lag im Stadtteil Morningside Hights im Westen von Harlem, also recht weit im Norden von Manhattan, und hatte auch ein Wohngebäude mit Apartments für Professoren und Studenten.
Ihre Frage schien ihn aber zu belustigen.
„Nein. Aus dem Alter bin ich heraus. Nieva und ich habe uns im Waldorf Astoria auf der Park Avenue eingemietet.“
„Tom, Suzie und Caro kommen auch, heute! Sie müssten in ungefähr zwei Stunden hier landen.“
„Was? Das passt ja wunderbar! Ein großartiges Timing! Wieso dachte ich, dass dieser Polizeijob erst im nächsten Jahr startet? Egal. Wie gesagt, wir kommen morgen. Ich schicke dir die genauen Daten. Aber haltet euch auf jeden Fall den Abend für uns frei.“
„Sehr gerne. Und Tom ist morgen auch noch nicht im Einsatz. Das passt super.“
„Ausgezeichnet. Du bekommst in einigen Minuten eine E-Mail und wir telefonieren dann spätestens nach unserer Landung. Ich freue mich auf euch alle.“
„Ich mich auch auf euch. Bis morgen Abend.“
Und damit beendeten sie das Gespräch.
Julia freute sich wirklich. Was für ein Zufall, dass das Dream-Team wieder zusammenkommen würde. Und wow – was für eine gewaltige Ehre für Messer. Eine Einladung, als Dozent eine Vortragsreihe zu halten, an dieser weltweit renommierten Columbia University in New York. Dieses Privileg wurde nicht jedem zugesprochen. Die Columbia hatte ein extrem schweres und hochselektives Auswahlverfahren bei Professoren sowie bei Studenten. Die Aufnahmequote für Studenten lag nur bei drei Komma fünfundachtzig Prozent. Das war wahrlich nicht hoch. Aber diese Elite erkannte man schon allein an der Tatsache, dass die Universität über ein umfassendes Netzwerk prominenter Alumni verfügte. Zusammen mit Cambridge und Harvard hatten weltweit die meisten Nobelpreisträger die Columbia University besucht – einhunderteiner. Auch drei amerikanische Präsidenten hatten da studiert.
Außerdem hatte sie als eine exzellente medizinische Fakultät, und das ‚Department of Pathology and Cell Biology‘ an dem Columbia University Medical Center war Vorreiter in der Pathologie und Rechtsmedizin und bot erstklassige Möglichkeiten und Ressourcen.
Julia schmunzelte. Messer passte perfekt in dieses Umfeld und verkörperte das Motto der Universität auf ideale Weise – ‚in lumine tuo videbimus lumen‘, was so viel hieß wie ‚In deinem Licht werden wir Licht sehen‘.
Mit diesem Gedanken fing sie an, die bereits vorbereiteten Planskizzen mit allen Gestaltungswünschen der Willeraps nochmals zu überarbeiten.
Dann war er endlich da! Das Haustelefon klingelte und der Concierge – sein Name war Max – teilte ihr mit, dass Mr. Rothe gekommen war und sich auf dem Weg zu ihr befand. Und wenige Minuten später klopfte es auch schon an der Tür.
Julia sprang auf. Mit einem einzigen Griff entriegelte sie gekonnt das Sicherheitsschloss und riss die Tür mit einem Schwung auf. Da stand er – schön wie immer, mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht. Er nahm sie sofort in die Arme, wirbelte sie einmal um die eigene Achse, drückte sie dann mitten im Türrahmen fest an sich und küsste sie leidenschaftlich. Es fühlte sich wunderbar an, wieder in seinen kräftigen Armen zu liegen, die sie nun so fest umschlungen hielten.
Sie genossen die wenigen Stunden und konnten die Hände nicht voneinander lassen, bis Caro und Suzie gegen 19:30 Uhr eintrafen. Nach einem Begrüßungstrunk in ihrem Apartment liefen sie bei herrlichem Sommerwetter gemeinsam zur ‚Taverne on the Green‘, einem ikonischen, aber modernen Restaurant, eingebettet in die idyllische Umgebung des Central Parks.
Julia mochte das ‚Taverne on the Green‘ und seine herzhaften, rustikalen, mit modernen Komponenten erweiterten Gerichte, die die Geschichte des Hauses widerspiegelten. Das Gebäude war nämlich ursprünglich als Unterkunft für die Schafe, die auf der Wiese des Central Parks grasten, gebaut worden, bevor es vor nahezu einhundert Jahren zum Restaurant umgewidmet wurde und seitdem – mit einer kurzen Pause – Einheimische, Präsidenten, Mitglieder diverser Königshäuser, Künstler, Schauspieler und Erstbesucher bediente. John Lennon beispielsweise war häufig Gast hier.
Für sie war in diesem Restaurant der Geist des Central Parks und die Energie von New York City eingefangen. Und die Einrichtung – durch die dunklen Holzpaneele und die vielen Bleistiftzeichnungen von historischen New Yorker Motiven eine gelungene Mischung aus urbaner Eleganz und historischem Charme – ließ eine Portion Geschichte lebendig bleiben.
Sie hatten einen unterhaltsamen, lustigen Abend, redeten kreuz und quer miteinander und lachten viel. Es war schon halb elf, immer noch hell, als sie langsam den West Drive des Central Parks zurück zu Julias Wohnung gingen. Suzie und Caro konnten ihre Blicke nicht von der Skyline abwenden, für die New York weltberühmt war, und die sich wie eine harmonische Komposition aus architektonischen Meisterwerken rund um den Central Park erhob – jeder Wolkenkratzer ein Kapitel im Epos des menschlichen Ehrgeizes. Da war das One World Trade Center, das den Himmel mit seiner einzigartigen Höhe durchbohrte – ein kraftvolles Symbol der Wiedergeburt und Hoffnung. Nicht weit entfernt thronte der Central Park Tower, ein monumentales Bauwerk aus Glas, das mit seinen vierhundertzweiundsiebzig Metern die Luxuswohnträume der Superreichen beherbergte. Der elegante Steinway Tower, berühmt für seine schmale Silhouette, schien fast wie ein Kunstwerk, das die Schwerkraft herausforderte. Und dann waren da noch die zeitlosen Klassiker – das Empire State Building, ein Inbegriff des Art-déco-Stils, und das Chrysler Building, dessen glanzvolle Spitze und seine Adler-Details wie ein Gruß an die goldene Ära der Architektur wirkten.
Bei Sonnenuntergang begann die Skyline in feurigen Farben zu leuchten – für Julia immer wieder erneut das funkelnde Versprechen, dass in dieser Stadt jeder Traum greifbar sein würde. So wie ihr eigener, der sich vor vielen Jahren hier erfüllt hatte. Die Wolkenkratzer waren für sie nicht nur imposante Bauwerke aus Glas und Stahl – sie waren die pulsierenden Adern dieser vibrierenden Metropole. Wie gigantische Wächter, Seite an Seite, geformt durch die Träume und Geschichten der Menschen, die hier lebten, arbeiteten und träumten. Sie erzählten ihr die Geschichte über die ungebrochene Dynamik der Stadt, die sie ihre Heimat nannte. Tagsüber glänzten sie im Sonnenlicht, das sich in ihren Fassaden brach, und bei Nacht wurden sie zu einem funkelnden Teppich aus Lichtern, der den Herzschlag der Stadt widerspiegelte.
Und wenn sie dann noch am Hudson River entlanglief und die majestätischen Reflexionen der urbanen Giganten im Wasser sah, war es für sie immer noch, nach so vielen Jahren, ein visuelles Gedicht, das von Mut, Kreativität und dem Streben nach dem Glück erzählte.
Die Luft war lau und roch nach Sommer. Immer wieder durchzogen leichte Windböen – Vorboten des vorhergesagten Gewitters – die etwas schwer gewordene Luft. Ihr Weg führte sie entlang des großen Sees, der an der Stelle die weitläufige Rasenfläche in zwei Hälften teilte. Sie sahen Boote auf dem blauen Wasser, verliebte Paare, die sich die Zeit gönnten, auf dem See ihr Alleinsein zu genießen. Jogger drehten ruhig ihre Runden oder liefen einfach den Weg entlang, ohne nach links oder rechts zu schauen, ihre kabellosen Bluetooth-Kopfhörer in den Ohren. Andere nahmen, wie sie, einfach den schöneren Weg durch den Park nach Hause. Auf der anderen Seite des Sees fuhr eine mit Plastikblumen geschmückte Pferdekutsche, in der zwei Touristen saßen und so gemütlich New York erkundeten. Daneben nahmen sie Menschen auf Fahrrädern und Inline-Skatern wahr. Sie sahen Familien und junge Leute, die an einem so schönen Abend auf den Rasenflächen des Parks picknickten – lachende Gesichter, die sich von der Musik aus mitgebrachten Radios beschallen ließen oder in dieser grünen Oase einfach einen Zufluchtsort inmitten des geschäftigen Treibens der Stadt fanden. Und sie hörten Kindergeschrei – Kinder, die mit ihren Eltern noch immer auf einem der nahegelegenen Spielplätze schaukelten oder im Sandkasten spielten. In dem Moment schien die Welt in Ordnung zu sein.
Es war Caro, die diese friedlich anmutende Atmosphäre durch einen kurzen Aufschrei durchbrach. Sie war einfach stehengeblieben und blickte jetzt mit aufgerissenen Augen in Richtung des Sees. Und dieser Blick verhieß nichts Gutes.
Alle schauten erschrocken in die Richtung, in die ihre Freundin starrte. Zunächst konnten sie nichts entdecken. Selbst als Caro auf die kleine Anhöhe am Rande des gegenüberliegenden Ufers zeigte, sahen sie nur eben diese Anhöhe, die mit uferbegleitenden Weiden, Erlen und Eschen, krautigen Bodendeckern sowie robusten, hochwachsenden Ziergräsern wie dem Federborstengras, dessen buschige violette Blütenwalzen mit den flaumig-weißen Spitzen leise vor sich hin raschelten, und dem Riesen-Fallsamengras, dessen Blütenstände einen aromatisch-süßlichen Duft verströmten, bewachsen, ja fast überwuchert war.
Doch dann – Julia hatte ihren Blick mehrmals über die Gräser schweifen lassen, die sich durch die leichten Böen wie kleine Fähnchen zur linken Seite neigten, als ein stärkerer Windzug über die Rasenfläche wehte und die Halme für einen kurzen Moment wild durcheinander wirbeln ließ, bevor sie wieder zur Ruhe kamen. Aber dieser kurze Moment hatte ausgereicht, um etwas zu sehen, bevor das verwilderte Ufergrün es wieder zurück in die Unsichtbarkeit holte, bis die dichten Gräser am Rande des Sees, auf dem Ruderboote langsam und lautlos ihre Runden drehten und an dem die Fußgänger und Jogger gutgelaunt entlangliefen, es schließlich wieder verschluckte. Und alle hatten denselben Gedanken: Dieses Etwas sah verdächtig nach einem leblosen Körper aus.
Tom und Suzie sahen sich an. Schweigend schauten sie sich um. Wie konnten sie rasch auf die andere Seite des Sees gelangen? Sie mussten zur weit zurückliegenden Brücke, um das andere Ufer zu erreichen. Fast synchron und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, liefen sie los. Julia, die inzwischen mit Caro Arm in Arm dastand und angespannt den Männern hinterherblickte, bemerkte zum ersten Mal, wie gut eingespielt die beiden waren. Sie verstanden wortlos, was der andere tat.
Es verging eine gefühlte Ewigkeit, bis die Männer die Stelle am gegenüberliegenden Ufer erreichten, von der sie glaubten, dass es diejenige war, an der sie dieses ‚Etwas‘ gesehen hatten.
Julia und Caro beobachteten, wie die Männer langsam durch die Gräser krochen und darauf achteten, nicht auszurutschen und im Wasser zu landen. Einige der Picknicker auf der Rasenfläche verfolgten interessiert das Unterfangen der beiden, die sich schließlich zur besagten Stelle durchgekämpft hatten.
Einen Augenblick später schaute Tom zu ihnen und nickte. Dabei gab er ihnen mit seiner Hand ein Zeichen – er machte eine Faust, spreizte seinen Daumen und kleinen Finger ab und hielt die Hand dabei an sein Ohr. Seine Geste war unmissverständlich.
Julia zog ihr Telefon aus der Tasche und wählte die 911.
KAPITEL 3
Noch bevor man sie sehen konnte, war der durchdringende Ton der herannahenden Sirenen zu hören. Die Polizei hatte wirklich schnell auf Julias Notruf reagiert und Detectives der Mordkommission sowie Officers aus dem Streifendienst in den Central Park geschickt. Jetzt wuselten alle wie aufgescheuchte Ameisen um den Fundort herum.
Auch die Spurensicherung war bereits eingetroffen. In ihren weißen Overalls mit den dicht verschlossenen Beinen und Ärmeln, den Handschuhen, der Kopfbedeckung und den undurchlässigen Schutzmasken über Mund und Nase erinnerten sie an Außerirdische, die die stummen Zeugen eines Verbrechens finden und zum Sprechen bringen wollten.
Die Spurensicherung bildete das Herzstück jeder Tatortarbeit und erforderte akribische Genauigkeit. Die Dokumentation des Tatorts und der vorgefundenen Situation sowie die Sicherung von kriminalistisch relevanten Spuren und materiellen Beweismitteln, die auf den Täter hinweisen konnten, waren wesentliche Bestandteile der Mordaufklärung. Diese Spuren und Beweismittel wurden in den Laboren der Kriminaltechnik analysiert. Egal wie schlau sich ein Verbrecher wähnte, es war nahezu unmöglich, am Tatort Spuren zu hinterlassen, die nicht durch die hochmodernen chemischen und technischen Verfahren der Kriminaltechnik aufgedeckt wurden. Die Kriminaltechnik war unerlässlich geworden.
Aber dieser Tatort oder besser, dieser Leichenfundort, ein öffentlicher Park nah des Wassers zwischen den wild wuchernden Gräsern, war kniffelig.
Die Spurensicherung suchte akribisch jeden Millimeter in einem Umkreis von mehreren Metern ab, doch es wurden kaum verwertbare Spuren gefunden. Natürlich hatten sie alle in diesem Bereich vorhandenen Objekte ordnungsgemäß gesichert und nach Nummerierung und Fotografie in die vorgesehenen Beweismitteltüten verpackt. Doch viel war es nicht. Und an diesem Ort war es nahezu unmöglich, Fingerabdrücke, Körperzellen, Hautschuppen oder Haare zu sichern, aus denen man das einzigartige Erbgut eines Menschen extrahieren konnte.
Ihre große Hoffnung lag deshalb auf der Rechtsmedizin und den Forensikern in den Laboren. Die würden den Körper und die Kleidung des Toten untersuchen und alle mikroskopisch kleinen Spuren, winzige Partikel, Fasern und DNA-relevantes Material finden. Wenn es zu Körperkontakt zwischen Täter und Opfer gekommen war, war damit meist auch eine wechselseitige Übertragung von Spuren verbunden. Die Chance, dass etwas gefunden würde, war daher gar nicht so gering.
Allerdings fanden sie zwei Zigarettenstummel der Marke Marlboro Red, die nahe dem Toten auf dem feuchten Boden am Rand des Sees lagen. Die waren durch die Feuchtigkeit zwar schon kontaminiert, aber dennoch hofften sie, dass die Kriminaltechniker noch genügend Speichelreste für eine mögliche DNA-Analyse isolieren konnten. Falls dies nicht mehr möglich war, waren auch die Spuren wertlos. Denn ohne Speichelanalyse würden sie sicherlich nicht den Raucher ermitteln können, zumal die Marke seit Jahrzehnten zu der weltweit meistverkauften Zigarettenmarke zählte.
Neben dem Blut, das an der Leiche und an wenigen Grashalmen gesichert werden konnte, gab es keine weiteren Blutflecken oder Blutspritzer, die ihnen eine theoretische Rekonstruktion des Falles ermöglichten.
Es gab auch keine Kampfspuren, Schleifspuren oder Schuhabdrücke, was auf einem asphaltierten Weg nichts Ungewöhnliches war.
Aber da war eine Reifenspur, der Abdruck eines einzelnen Reifens, direkt vor der bewachsenen Anhöhe auf dem asphaltierten Weg, und eine Fahrspur in der Rasenfläche am Wegrand, was darauf hinwies, dass der Fahrer – gewollt oder aus Unachtsamkeit – vom Weg abgekommen war.
Reifenspuren waren Markierungen, die durch Druck oder Reibung der Fahrzeugräder dem Untergrund aufgezwungen wurden.
Aus deren Form konnten nicht nur die verschiedensten Parameter wie Radstand, Konstruktionsmerkmale der Reifen und Sohlenprofilierung verifiziert werden. Wenn sie nicht verzerrt waren, konnten sie, wie ein Stempelabdruck, auch wertvolle Hinweise zu der Reifenart, dem Fabrikat und den individuellen Merkmalen des Reifens liefern.
Die Spurensicherung markierte, vermaß, skizzierte und fotografierte daher diese Spuren akribisch und machte von dem Reifeneindruck im Grünstreifen zusätzlich einen Gipsabguss.
Tom und Suzie hatten sich vorsichtig durch die hohen Gräser vorgearbeitet, bevor die Polizei eintraf, um die Stelle zu erreichen, an der sie den Körper kurz von der gegenüberliegenden Seeseite aus gesehen hatten.
Und dann sahen sie ihn. Na ja, ‚ihn‘ war gut. Besser gesagt, sie sahen eine Person, die einst glamouröse weibliche Kleidung, kunstvolles Make-up, hochhackige Schuhe und eine auffällige orangefarbene Perücke getragen hatte.
Diese Person, die wahrscheinlich zu Lebzeiten in der New Yorker Schwulenszene bekannt gewesen war, lag nun tot im Central Park. Das glitzernde, figurbetonte blaue Kleid war an der gepolsterten übergroßen Brust tief eingerissen und blutig, der rote Lippenstift war teilweise über das Kinn verschmiert, und die Perücke war schief über die Stirn gerutscht. Das rechte Ohr schien leicht eingerissen zu sein, wahrscheinlich durch einen Faustschlag, der den schweren Ohrring mit dicken, schweren Glasklunkern in das Fleisch getrieben hatte. Jetzt lag er neben dem Kopf der Toten auf dem feuchten Boden. Tom und Suzie sahen sofort, dass diese Person mehrfach hart getroffen worden war. Das Gesicht wies deutliche Spuren von Schlägen auf.
Wie alt der Mann wohl war? Sein Alter war aufgrund der schweren Gesichtsverletzungen schwer zu schätzen.
Zusätzlich entdeckten sie drei Brandränder und eindeutige Schmauchspuren im Brust- und Bauchbereich des Kleides – Rückstände, die bei jedem Schuss durch das Feuer in der Mündung entstanden. Das war ein eindeutiges Indiz für aufgesetzte Schüsse. Hatte der Täter hier im Park eine Waffe benutzt? Und wenn ja, warum hatte niemand die Schüsse gehört? Wo waren die Geschosse? Oder steckten die Kugeln noch im Körper?
Aufgesetzte Schüsse aus nächster Nähe erklärten wenigstens das wenige Blut am Tatort. Blut und Gewebeteile wurden bei solchen Schüssen in Richtung der Waffe und somit auf den Schützen zurückgeschleudert. Dies zeigte ihnen zumindest die Schussdistanz und die Position der Waffe.
Und sollten Projektile gefunden werden, könnten diese Aufschluss darüber geben, um welche Waffe es sich handelte und ob dieselbe Tatwaffe bereits bei früheren Delikten verwendet worden war. Mit etwas Glück war die Waffe sogar registriert, sodass sie herausfinden konnten, wem sie gehörte. Wenn sie das wussten, konnten sie einen Nitrattest bei möglichen Verdächtigen durchführen – die sie allerdings erst identifizieren mussten. Schmauchspuren waren Spuren, die auch über längere Zeit an der Kleidung oder der Hand des Schützen nachweisbar waren.
Darauf sollten sie sich jetzt konzentrieren. Vielleicht hatten sie Glück
Nein, nicht sie, sondern die ermittelnden Mordkommissare, zu denen sie noch nicht gehörten. Heute noch nicht.
Tom und Suzie waren von John dem Ermittlerteam des 24. Polizeireviers des New York Police Department zugewiesen worden. Dort sollten sie ihre umfassenden Erfahrungen, Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen, um gemeinsam mit den Ermittlern an komplexen Fällen zu arbeiten. Da ihre offizielle Einführung in die Detective Squad jedoch erst am kommenden Montag stattfinden sollte, verhielten sie sich zunächst zurückhaltend und beobachteten das Geschehen aus ein paar Metern Entfernung intensiv und konzentriert.
Doch schon beim ersten Blick auf die gefundenen Reifenabdruck auf dem Asphalt wussten Tom und Suzie sofort, welches Fahrzeug diese Spur hinterlassen hatte. Es war unmissverständlich ein Motorrad. Die unverkennbaren Merkmale des Reifenprofils waren typisch für die Modelle, die fast immer von Harley-Davidson-Besitzern verwendet wurden. Daran bestand für sie nicht der geringste Zweifel.
Eine Harley-Davidson! – Tom und Suzie schauten sich an. Wurde der Tote auf einem Motorrad an diesen Ort gebracht und abgelegt oder handelte es sich um eine Affekttat, die zufällig hier passierte? Das passte doch alles nicht zusammen!
Plötzlich klingelte Toms Telefon. Er dachte sofort an Julia, die mit Caro nach Ankunft des Ermittlerteams und einer kurzen Befragung zurück in die 24 Central Park West gegangen war und im Apartment auf ihn und Suzie wartete. Wahrscheinlich wollte sie nachhören, wie weit sie waren.
Er nahm ab und flötete leise „Hi, Liebling“ in den Hörer.
Er hatte diese zwei Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als er das dröhnende Lachen hörte. Es war John Brennan, der in einem ebenso flötenden Ton in den Hörer hauchte: „Liebling, ich bin es nur.“
Lachend begrüßten sich die Männer.
„Hey Buddy, ich weiß von Julia, dass du erst heute gekommen bist. Und ich habe von Chief Bates, einem meiner engen Berater, erfahren, dass ihr gleich einen Toten gefunden habt. Eine tote Dragqueen.“
„Tja, was kann ich sagen – Planung ist eben alles.“
„Seid ihr noch vor Ort?“
„Sind wir. Wir stehen etwas abseits, aber wir halten uns zurück und schauen nur zu, versprochen.“
„Nichts anderes habe ich erwartet. Aber damit ist es jetzt vorbei, mein Freund. Ab sofort seid ihr dabei. Bates spricht gerade mit dem leitenden Ermittler. Der müsste irgendwo in eurer Nähe sein.“
Tom schaute sich um und sah einen jungen, schlanken Mann mit strohblonden Haaren in Jeans und dunkelblauem Oberhemd, der mit nervös flackernden Augen die Aktivitäten um den Fundort des Toten beobachtete, während er sein Handy am Ohr hielt und mit grimmigem Gesichtsausdruck schweigend zuhörte. Hin und wieder nickte er. Seine Polizeimarke hing sichtbar an seinem Hosenbund.
„Lieutenant Will Sidney ist zurzeit noch der leitende Ermittler, war als erster Detective am Tatort. Und er ist nicht schlecht, aber noch sehr unerfahren. Tom, ich will, dass der Mord an dieser Dragqueen aufgeklärt wird. Die sind mittlerweile zu amerikanischen Popstars hochstilisiert worden. Und die Öffentlichkeit wird unsere Ermittlungen mit scharfem Blick verfolgen. Du weißt, was das bedeutet.“
„Verstehe.“
„Ich will, dass du und Suzie euch darum kümmert.“
„John, wir kennen uns nun so gar nicht in der New Yorker Szene aus.“
„Dann lernt ihr sie jetzt kennen. Und zwar schnell. Julia kennt sich da aus. Sprich mit ihr. Sie hat gute Kontakte in die Drag-Szene.“
„John, das kann nicht dein Ernst sein. Das ist für Julia die offene Einladung, sich wieder, sagen wir mal ‚nützlich‘ zu machen.“
John lachte bei der Wahl seiner Worte.
„Buddy, ich weiß und ich werde mit ihr reden. Aber sie kann euch helfen, den schnellen Zugang zu bekommen.“
„Was ist mit Sidney?“
„Oh, um den kümmert sich Bates.“
„Aber der kann uns helfen.“
„Er wird von dem Fall nicht abgezogen. Du wirst ihm gleichgestellt. Ihr verdient euch die Lorbeeren gemeinsam. Verstanden?“
Tom nickte und sagte: „Ja, verstanden. Ich gehe gleich zu ihm und stelle mich vor. Mich und Suzie. Er wird nicht begeistert sein.“
