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Witzig, wortgewandt und mit einer geballten Ladung Girlpower: Laura Stevens feministischer Roman um drei Freundinnen, einen coolen Diner und einen frechen, bissigen Blog gegen Sexismus und Diskriminierung Seit Izzy OʼNeil sich erfolgreich gegen einen sexistischen Shitstorm gewehrt hat, läuft es richtig gut für die 18-Jährige. Mit ihren besten Freundinnen Ajita und Meg trifft sie sich regelmäßig in ihrem Lieblings-Diner, um die Themen für ihren gemeinsamen Blog »Bitches Bite Back« zu besprechen. Wenn es um Nachos, Flachwitze und Feminismus geht, sind die Freundinnen ganz auf einer Wellenlänge. Dank ihrer frechen und treffsicheren Beiträge gegen sexistische Hassreden im Netz ist ihr Blog kurz davor, die 10k-Follower-Grenze zu knacken – das ist toll, reicht aber noch lange nicht, um in Sachen Gleichbehandlung für Frauen endgültig etwas zu ändern. Also organisieren Izzy, Ajita und Meg eine öffentlichkeitswirksame Demo. Dass sie das beschauliche Edgewood in Florida damit gehörig aufmischen, kann den Freundinnen nur recht sein! Izzy O'Neil, die Heldin aus »Speak up«, hält noch lange nicht die Klappe: Laura Stevens Roman »Bitches Bite Back« ist ebenso humorvoll wie gesellschaftskritisch und setzt ein klares Zeichen für einen jungen, frischen, frechen Feminismus. »Satz für Satz, Seite für Seite bringt die junge Autorin die Leserschaft mit der cleveren und vor Frauenpower nur so strotzenden Protagonistin Izzy OʼNeil zum Lachen.« Hessische Niedersächsische Allgemeine über »Speak up«
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 393
Veröffentlichungsjahr: 2021
Laura Steven
Roman
Aus dem Englischen von Henriette Zeltner Shane
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Seit Izzy OʼNeil sich erfolgreich gegen einen sexistischen Shitstorm gewehrt hat, läuft es richtig gut für die Achtzehnjährige. Mit ihren besten Freundinnen Ajita und Meg trifft sie sich regelmäßig in ihrem Lieblings-Diner, um die Themen für ihren gemeinsamen Blog Bitches Bite Back zu besprechen. Wenn es um Nachos, Flachwitze und Feminismus geht, sind die Freundinnen ganz auf einer Wellenlänge.
Dank ihrer frechen und treffsicheren Beiträge gegen sexistische Hassreden im Netz ist ihr Blog kurz davor, die 10k-Follower-Grenze zu knacken – das ist toll, reicht aber noch lange nicht, um in Sachen Gleichbehandlung für Frauen endgültig etwas zu ändern. Also organisieren Izzy, Ajita und Meg eine öffentlichkeitswirksame Demo. Dass sie das beschauliche Edgewood in Florida damit gehörig aufmischen, kann den Freundinnen nur recht sein!
Widmung
So sieht man sich wieder!
Montag, 2. Januar
Dienstag, 3. Januar
Mittwoch, 4. Januar
Freitag, 6. Januar
Sonntag, 8. Januar
Montag, 9. Januar
Dienstag, 10. Januar
Mittwoch, 11. Januar
Donnerstag, 12. Januar
Freitag, 13. Januar
Samstag, 14. Januar
Sonntag, 15. Januar
Montag, 16. Januar
Dienstag, 17. Januar
Mittwoch, 18. Januar
Donnerstag, 19. Januar
Freitag, 20. Januar
Montag, 23. Januar
Mittwoch, 25. Januar
Freitag, 27. Januar
Montag, 30. Januar
Dienstag, 31. Januar
Mittwoch, 1. Februar
Donnerstag, 2. Februar
Freitag, 3. Februar
Montag, 6. Februar
Dienstag, 7. Februar
Donnerstag, 9. Februar
Samstag, 11. Februar
Sonntag, 12. Februar
Montag, 13. Februar
Dienstag, 14. Februar
Mittwoch, 15. Februar
Freitag, 17. Februar
Sonntag, 19. Februar
Mittwoch, 22. Februar
Freitag, 24. Februar
Montag, 27. Februar
Freitag, 14. April
19.43 Uhr
Epilog
Dank
Für Nic. Ich kenne keinen, der so viel Sinn für Humor hat, Klartext redet, Vogelstimmen imitiert, die Queen in Schutz nimmt, Fanatiker fertigmacht und ein so kaltblütiger Witch Hunter ist wie du.
Hallo, meine lieben Freunde. Offenbar seid ihr tatsächlich interessiert an meinem total ausschweifenden und chaotischen Leben, das ich führe. Dazu gehören nicht nur, aber unter anderem: internationale Sexskandale, das Küssen wunderschöner brauner Jungs und übereifriges Augenbrauenzupfen. Das Interesse ist ganz schön überraschend, wenn ich bedenke, dass Ajita mir ungefähr vierzehnmal pro Tag erklärt, wie langweilig ich bin. Aber hier bin ich wieder und hoffe, dass mir seit meinem letzten Blogpost vor zwei Monaten nicht irgendwie die Jokes abhandengekommen sind.
Weil ich die Gedächtnisspanne von einem Paar Topfhandschuhen habe (und ich möchte wetten, ihr gehört zur selben vergesslichen Truppe), dachte ich (will sagen: meine Lektorin dachte sich), es wäre eine coole Idee, eben zu rekapitulieren, was passiert ist.
Wäre ich eine auch nur in irgendeiner Form talentierte Autorin, dann würde ich versuchen, das alles nahtlos mit dem ersten Viertel dieses Buchs zu verweben. Aber da ich praktisch nur meine alten Posts mit Copy und Paste in ein Worddokument packe und dort im Rückblick wertvolle Einsichten in eckigen Klammern ergänze, schien mir das Verweben eine Menge harter Arbeit zu sein. Also entscheide ich mich, wie immer, für den einfachsten Weg. Allerdings bedeutet das auch für euch, liebe Leser*innen, die einfache Option. Folglich haben wir alle mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben. Witze und Nachos zum Beispiel. Cool? Cool.
Die Dinge fingen ziemlich normal an. Mit ziemlich normal meine ich, dass ich als verarmte Waise bei meiner exzentrischen Großmutter Betty und einem Dackel namens Dumbledore aufgewachsen bin. Ihr wisst schon, so, wie alle klassischen Märchen anfangen.
Und dann fraß der böse Wolf Betty und klaute ihre Identität. Halt, nein, das stimmt nicht. Gebt mir mal 'ne Sekunde.
Ach ja. Mein zauberhafter kleiner Freundschafts-Dreifuß aus mir und meinen besten Freunden Ajita und Danny geriet ins Wanken. Und zwar als Danny, nachdem er mich achtzehn Jahre lang via FaceTime regelmäßig auf dem Klo gesehen hatte, aus heiterem Himmel beschloss, in mich verliebt zu sein. Ein Gefühl, das ich nicht erwiderte – ich fühlte mich zu Danny ungefähr so hingezogen wie zu Couchtischen, also überhaupt nicht. Aber das hinderte ihn nicht daran zu versuchen, sich meine Zuneigung mit allen möglichen Geschenken zu erkaufen, zum Beispiel mit edler Schokolade, Coldplay-Tickets und den klassischen »Bitte verlieb dich in mich und mach mir einen Blowjob, sobald du es zeitlich einrichten kannst«-Blumen.
Ungefähr zur gleichen Zeit, als das mit dieser unerwiderten Liebe seinen unerfreulichen Lauf nahm, schlief ich mit Zachary Vaughan, dem Sohn eines republikanischen Senators, und zwar auf einer Gartenbank während einer Party. Oh, und am selben Abend schlief ich noch mit einem anderen Typen, Carson Manning. Er und ich sind jetzt zusammen, aber das nur am Rande.
Zurück zum Sohn des Senators. Ein paar Tage danach schickte ich ihm ein Nacktfoto, weil ich Lust dazu hatte, was ja nicht so schwer zu verstehen sein sollte. Dann leakte jemand, zusammen mit einem offenherzigen, an Ort und Stelle geschossenen Foto auf der Gartenbank, das erwähnte Nacktfoto im Netz. Und zwar auf einer extra dafür erstellten charmanten Webseite mit dem Titel Izzy O’Neill: World Class Whore. Das ist eine absolut legitime Sache, weil es in meinem Bundesstaat nämlich keinerlei Gesetze gibt, die Racheporno verbieten. (Racheporno bzw. Revenge Porn: das Verbreiten intimer oder expliziter Fotos oder Videos von jemandem ohne dessen Zustimmung. Nur zu eurer Info.)
Der erwähnte Senatorensohn bekam wenig bis gar keine Gegenreaktion auf das erwähnte Dickpic, weil es an der Highschool und auch in der Welt nun mal so läuft. Er hielt auch eine katastrophale Rede in der Schulmensa, wo er seine Unschuld beteuerte. Dabei wurde er gefilmt (weil Highschool), und das Video ging an lokale Medien. Und da sein Dad, nun ja, sein Dad ist und außerdem ein republikanischer Senator sowie ein absolutes Arschloch, ging das Material auf der Stelle und schneller viral als, keine Ahnung, die Beulenpest.
Es stellte sich heraus, dass Danny die Webseite erstellt hatte. Ich meine, wenn ich das jetzt alles so im Nachhinein betrachte, war das von Anfang an ziemlich offensichtlich. Aber wie ihr euch vielleicht erinnert, bin ich nicht die hellste Kerze am Baum. Deshalb brauchte ich ungefähr die Länge eines Buchs, um herauszufinden, dass mein sitzen gelassener bester Freund hinter der fiesen Website steckte.
Noch mehr ist passiert: Versehentlich outete ich meine beste Freundin Ajita als lesbisch und hätte dadurch beinah unsere Freundschaft für immer zerstört. Wundersamerweise verzieh sie mir aber. Zusammen mit ihr und unserer neuen Freundin Meg launchten wir eine Plattform namens Bitches Bite Back, auf der wir all die Frauenfeindlichkeit und den ganzen Mist, die uns täglich widerfahren, anprangern.
Eine angesagte Agentin für Drehbuchautoren in L.A. nahm mich unter Vertrag, nachdem man mich wegen der Berichterstattung über das Nacktfoto von der Longlist eines Comedy-Wettbewerbs gestrichen hatte. Yeahi!
Schließlich habe ich gelernt, offen mit meinen Gefühlen umzugehen und Humor nicht mehr als Abwehrmechanismus zu benutzen. Wie ihr dieser superseriösen und überhaupt nicht sarkastischen Einleitung anmerkt, funktioniert das großartig.
Also macht’s euch gemütlich, Leute, denn wir brechen zu einem weiteren peinlichen (und oftmals von Kalamitäten1 durchsetzten) gemeinsamen Abenteuer auf.
Das Warten auf Ajita an unserem üblichen Treffpunkt auf der Mitte des Schulwegs ist beinah lebensbedrohlich, weil es gerade kälter ist als auf der dunklen Seite des Mondes. Wobei ich nicht mal weiß, ob es auf der dunklen Seite des Mondes besonders kalt ist. Aber weil mir der Mond an sich schon immer irgendwie abweisend vorkommt, nehmen wir doch einfach mal an, dass die Temperatur dort entsprechend frostig ist.
Als sie endlich aufkreuzt, ist Ajita total eingemummelt in ihren Duffelcoat im Stil von Rory-Gilmore-trifft-Paddington-Bär. Ohne auch nur erst mal Hallo zu sagen, begrüßt sie mich eloquent: »Was für einen verdammten Sinn hat diese Scheißkälte, wenn es, verdammt noch mal, nicht schneit?«
»Keine Ahnung«, erwidere ich. »Aber ich hab so das Gefühl, der Mond ist schuld.«
Sie drückt mir einen Pappbecher mit Kaffee in meine Hand, die in einem Fäustling steckt. Dankbar lächelnd nehme ich einen Schluck vom glühend heißen Pfefferminz-Mokka. Denn mal ehrlich, ist es überhaupt Winter, wenn man seinem liebsten Koffeingetränk nicht die absonderlichsten Geschmacksrichtungen beimischt?
Ajita zieht ihre Wollmütze zurecht und trinkt aus ihrem eigenen Becher, während wir uns mühsam Richtung Edgewood bewegen. »Alter, falls ich es noch nicht erwähnt habe, dein dauernder Beef mit dem Mond ist echt nicht normal.«
»Doch, Ajita, das hast du schon erwähnt. Und ich finde, als Vegetarierin solltest du das Wort Beef nicht unnütz im Munde führen. Übrigens, wusstest du, dass der Plural von Beef Beeves ist? Hab ich aus dem Wörterbuch gelernt, das Betty mir geschenkt hat.«
In diesem Moment brummt Ajitas Handy, und sie lächelt, als sie die Nachricht liest. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich schwören, dass sie das Display so hält, dass ich nicht sehen kann, wer ihr schreibt. Ich bete zu den Peanut-Butter-Cup-Göttern, dass es nicht Carlie ist. Dieses Möchtegern-Victoria’s-Secret-Model, in das sie letztes Halbjahr verknallt war. Erstens hat dieses Mädchen aus freien Stücken Salat gegessen, was mir sofort verriet, dass sie insgeheim eine Axtmörderin ist; und zweitens hat sie hinter Ajitas Rücken über sie gelästert, sodass ich in der Cafeteria kalte Tomatensuppe über ihre perfekt gestylten Haare kippen musste. So viel dazu.
Ajita und ich quasseln die nächsten vierhundert Meter unseren üblichen Unsinn, aber ich merke ihr an, dass sie sich auch irgendwie komisch fühlt. Also beschließe ich, meine eigene Befangenheit zu vokalisieren. (Wie geschraubt und nach Wörterbuch klingt das?)
»Hey, schon irgendwie seltsam, dass wir dieses Jahr unseren Highschool-Abschluss machen, oder?«, sage ich beiläufig und schaue dabei auf meine Füße. Meine DocMartens aus dem Secondhandladen – dunkelrot mit schwarzen Schnürsenkeln – sind schon verdammt abgestoßen.
»Schon«, stimmt sie mir zu. »Und dass dies für immer das letzte Mal ist, dass wir uns nach den Winterferien treffen und darüber reden, wie die Zeit vergeht.«
Schule ist seltsam. So viele Jahre lang kommt sie einem unendlich vor, als würde man nie etwas anderes sein als ein Jugendlicher, der die Highschool besucht. Das ist so wesentlich für die eigene Identität. Man kann sich zwar ausmalen, was man danach machen wird, aber eigentlich kommt es einem so vor, als würde das nie passieren. Und dann fängt schlagartig die Zwölfte an. Plötzlich ist alles, was du machst, das letzte Mal. Der letzte erste Schultag nach den Sommerferien. Das letzte Silvester als Schülerin. Und irgendwann ziemlich bald der letzte Pfefferminz-Mokka auf dem Weg zur Edgewood. Das ist aufregend, aber es macht einem auch Angst. Denn die Schule ist ja alles, was wir bisher kennen.
Ich komme zu dem Schluss, dass Ajita meine poetischen Grübeleien über den Lauf des Lebens eher nicht schätzen wird. Deshalb sage ich nur: »Also, was für bitchige Sachen machen wir heute?«
Seit wir vor ein paar Monaten die Webseite Bitches Bite Back gelauncht haben, hat sich allmählich herumgesprochen, was wir so treiben. Und das ist hauptsächlich rebellieren. All die Dinge laut auszusprechen, die uns aufregen, und andere Mädchen dazu ermutigen, es genauso zu machen. Da sind eine ganze Menge Themen zusammengekommen. Genauso wie eine Reihe feministischer Sketche. Inzwischen haben wir eine Handvoll wöchentlich beitragender Mädchen, die Artikel und persönliche Abhandlungen über alle möglichen feministischen Themen schreiben. Unsere täglichen Zugriffe liegen schon in den hohen Hunderten anstatt, nun ja, den niedrigen Nullern. Heute Abend findet ein informelles Treffen in Martha’s Diner statt, wo es um technische Dinge geht, von denen Meg deutlich mehr versteht als Ajita und ich, die wir uns hauptsächlich ums Projektmanagement der Aufreger kümmern. (Ist das eine offizielle Berufsbezeichnung? Projektmanagerin (der Aufreger)? Das sollte es sein.)
Hier der eine Grund, warum ich gerne wieder in der Schule bin: Carson Manning.
Obwohl wir uns tonnenweise Nachrichten geschickt und Videoanrufe gemacht haben, konnten wir uns in den Ferien kein einziges Mal persönlich sehen. Er hat wie ein Irrer gearbeitet, in Sonderschichten bei der Pizzeria, um seine Mom bei den Ausgaben für Weihnachten zu unterstützen. Der ehemalige Partner seiner Mom, dieser Dreckskerl, hat sie vor ein paar Monaten sitzen gelassen. Und weil Carson der Älteste ist, fiel ihm die Verantwortung zu, sich reinzuhängen und für ein gewisses Extraeinkommen zu sorgen.
Soweit ich weiß, würde seine Mom liebend gerne wieder arbeiten und selbst genug für ihre Kinder verdienen. Aber weil es so viele sind, würden die Kosten der Kinderbetreuung auffressen, was sie ranschaffen könnte. Das übliche Dilemma.
Also, ja, Carson schuftete an den meisten Tagen in Doppelschichten und verbrachte seine knappe Freizeit mit der Familie, um die Feiertage zu genießen, so gut es eben ging. Ich verstehe das total. Aber ganz egoistisch bin ich natürlich trotzdem superaufgeregt, ihn heute Vormittag wiederzusehen.
Wir haben uns noch nicht mal unsere Geschenke überreicht. Wegen unseres akuten Pleiteseins haben wir die Grenze bei zehn Dollar gesetzt, doch ich glaube, trotzdem einen Volltreffer gelandet zu haben.
Ich meine, ich hoffe es. Denn egal, für wie perfekt man ein Geschenk für jemanden hält – die Augenblicke vor der tatsächlichen Übergabe sind nervenzerfetzend. Und plötzlich denkst du, o mein Gott, ich hab es übertrieben, er wird mich für eine irre Stalkerin halten, das ist zu viel, zu vielsagend, kann nicht bitte eine Riesenmöwe sich von oben herabstürzen und mich in ihrem Schnabel wegtragen? Oder so was in der Art.
Weil wir die erste und zweite Stunde nicht gemeinsam haben, ist ausgemacht, dass wir uns an meinem Spind treffen. Auf einen Kuss und für die Zeremonie der Geschenkübergabe. Und ich bin irgendwie … nervös? Also, eigentlich ist es eher Vorfreude. Wie auch immer, Schmetterlinge sind jedenfalls vorhanden. Wobei Schmetterlinge niedlich klingen, obwohl es sich in Wirklichkeit eher anfühlt, als würden meine Eingeweide für eine Pastasoße durch ein Sieb gestrichen. Hat jemand Fettucine al intestino bestellt?
Auf den Fluren ist sogar noch mehr los als sonst, weil unzählige andere Wiedersehen stattfinden und massenhaft neuester Klatsch ausgetauscht werden muss. Ich winke Ajita zum Abschied, trinke einen Schluck am Wasserspender, reibe an einem hartnäckigen Schmutzfleck auf meinen DocMartens herum und versuche, mich zu fangen, bevor ich Carson gleich wiedersehe. Ganz ehrlich, warum bin ich bloß so nervös? Er ist mein Boyfriend. Er steht auf mich. Daran wird sich in den letzten drei Wochen doch nichts geändert haben. Oder?
Jeez. So unsicher war ich vor dem Skandal nie.
Ich krame in meinem Spind herum und suche einen Peanut Butter Cup, von dem ich weiß, dass ich ihn vor Weihnachten hiergelassen habe. Da legen sich von hinten zwei Arme um meine Taille. »Hey, du.«
Und auf einen Schlag lösen sich die Schmetterlinge auf, gesellen sich zu meinen Eingeweiden im Pastasoßen-Himmel. (Wieder so ein seltsamer Satz. Dabei bin ich mir nicht mal sicher, dass der Kontext uns hier weiterhilft.)
Ich drehe mich in seinen Armen, sodass unsere Gesichter überraschend nah beieinander sind. Nicht, dass mich das stören würde. Schließlich ist sein Gesicht mein zweitliebstes überhaupt. (Ajita würde mir im wahrsten Sinne des Wortes die Haut davon abziehen, wenn ich auch nur andeutete, dass ihres nicht meine Nummer eins ist.)
Carson küsst mich sanft auf den Mund und lächelt dabei. Deshalb ist es in Wirklichkeit eher ein Aufeinanderprallen zweier grinsender Münder. Ein Zähne-Zusammenstoß, wenn man so will. Er riecht wie immer nach Acrylfarbe und frischer Luft. Sein Kopf ist nicht so frisch rasiert wie sonst, sondern da ist jetzt eine kurze Schicht aus schwarzem Flaum. Das gefällt mir sehr.
»Hey«, murmele ich mit einer hoffentlich verführerischen Stimme, die aber wahrscheinlich nur bekifft klingt. »Long time no see.«
»Wie lang ist das her? Ein Jahrzehnt?«, fragt er und grinst von einem Ohr zum anderen. Mich macht das total glücklich, dass mein Gesicht und der Klang meiner seltsamen Stoner-Stimme reichen, um ihn dazu zu bringen.
»Mindestens zwei, würde ich sagen.« Dann hole ich tief Luft und füge hinzu: »Also, ich hab was für dich!«
Wie in diesen Filmen sagt er genau dasselbe im selben Moment. Das ist alles dermaßen cringy, aber es ist. Mir. Komplett. Egal. Denn diese ganzen kitschigen Vergleiche, über die ich mich immer lustig gemacht habe, die sind auf einmal ziemlich toll.
»Du zuerst«, sagt Carson. Wie immer ganz der Gentleman. (Oder wahrscheinlich weil er sein Geschenk als Erster haben will, um beurteilen zu können, ob seins für mich besser ist. Aber ich durchschaue dich, Carson Manning.)
»Okay, warte kurz.« Zögernd befreie ich mich aus seiner halben Umarmung und wühle in meinem Spind. Ich werde fündig. »Ich hab’s!« Triumphierend tauche ich mit dem einzelnen Peanut Butter Cup auf, den ich gesucht hatte, bevor er aufgekreuzt war.
Er schnappt übertrieben nach Luft und legt die Hände an seine Wangen. »Dein letzter Peanut Butter Cup? Ich weiß ja, dass du auf mich stehst und alles, Alter, aber … magst du mich wirklich so sehr?«
Ich schnaube missbilligend. »Absolut nicht.« Als erfahrener Profi, der ich nun mal bin, wickle ich den Cup in unter O,2 Sekunden aus und stopfe ihn mir auf einmal in den Mund, bevor er protestieren kann.
Dann hole ich, den Mund voll mit klebriger Erdnussbutter, das echte Geschenk hervor. Schon sind die Schmetterlinge wieder da, um sich zu rächen. Das Geschenk ist in Alufolie gewickelt, denn a) wisst ihr eigentlich, wie teuer Geschenkpapier ist?, b) mit Alufolie spart man sich Geld für Klebeband, und c) sieht ein Geschenk damit wie ein Raumschiff aus. Lauter Vorteile also.
Er schnaubt, aber vor Lachen, und holt sein Geschenk aus dem Rucksack. Und habt ihr’s nicht schon geahnt? Es ist auch in Alufolie gewickelt. Romantik im Stil der Generation Z. Wir sind pleite, politisch aufgeweckt und ungewöhnlich innovativ, wenn es darum geht, Problemlösungen zur Geschenkverpackung zu entwickeln.
Noch dazu sind unsere Geschenke fast gleich groß und haben die gleiche Form. Ist das zu fassen?
Als er die Folie von seinem Geschenk abmacht, habe ich Herzklopfen. Das ist der Moment der Wahrheit. Hält er mich jetzt für total durchgeknallt? Oder wird er meinen Irrsinn charmant finden?
Die Alufolie fällt auf den Boden, und er kneift die Augen ein bisschen zusammen, als er meine handschriftliche Erklärung auf dem Post-it-Zettel liest, den ich vorne draufgeklebt habe. Fairerweise muss man sagen, seit ich fast alles am Computer schreibe, hat meine Handschrift mehr Ähnlichkeit mit antiken Hieroglyphen als mit dem lateinischen Alphabet. Er braucht also eine Weile, bis er die Worte entziffert.
Was ich schreiben wollte, lautet: »Mit Colbie und Cyra zusammen anschauen.«
Colbie und Cyra sind Carsons kleine Geschwister – sie sind fünf und drei Jahre alt.
Vorsichtig zieht er den Klebezettel vom Einband des Bilderbuchs, das ich für ihn gemacht habe. Kaum hat er den Titel gelesen, bricht er in schallendes Gelächter aus.
Wo nur, wo, versteckt man Kacka in einem Zoo?
Von Izzy O’Neill und Carson Manning
»Mann, das ist zum Totlachen«, prustet er und schüttelt staunend den Kopf.
Die Idee kam mir, als ich Carson zum letzten Mal vor Weihnachten bei sich zu Hause besuchte. Obwohl da zehn Kinder wohnen und es irre schwer sein muss, die alle zu füttern, zu tränken und einzukleiden, hat Carsons Mom Annaliese die tollste Kinderbibliothek zusammengetragen.
Nach Altersgruppen stehen auf den Regalen im Wohnzimmer ausgewählte lustige Bilderbücher für ihre Jüngsten, magischer Realismus und altersgemäße Fantasy für die Grundschulkinder und massenhaft Science Fiction für die älteren Teens. Sie hat sogar abgenutzte Gesamtausgaben von Herr der Ringe und Harry Potter.
Ehrlich gesagt war ich ganz gerührt, als ich das sah. Weil ich so was nie hatte. Versteht mich nicht falsch, Betty hat Unglaubliches geleistet, als sie mich großzog. Ich werde ihr ewig dankbar sein für all die Opfer, die sie gebracht hat, damit ich ein schönes Leben hatte. Aber eine Minibibliothek bei mir zu Hause? Ich kann mir nicht mal vorstellen, wie cool das gewesen wäre.
Als ich Annaliese darauf ansprach, strahlte sie. Sie erzählte mir, dass viele der Bücher noch aus ihrer Kindheit stammten – die ganzen Originale von Enid Blyton, alle Klassiker von Roald Dahl, die kompletten Chroniken von Narnia – und wie sie im Laufe der Jahre immer versuchte, pro Monat ein Buch in einem Secondhandladen zu besorgen. Egal, wie pleite sie war, immer fand sie irgendwo noch einen Vierteldollar, um ein neues Buch mit nach Hause zu bringen. Selbst wenn das bedeutete, dass sie sich an dem Abend kein Abendessen leisten konnte.
Ist das nicht das Großartigste, was ihr je gehört habt?
Während ich mir also noch den Kopf darüber zerbrach, was ich Carson für unter zehn Dollar (die ich übrigens auch nicht hatte) kaufen sollte, da überlegte ich … warum nicht ein Kinderbuch schreiben, das er mit seinen Geschwistern lesen kann?
Ich kaufte also ein DIN-A4-Notizheft mit festem Einband und leeren Seiten. Dann verzierte ich das Cover grafisch – so gut das mit meinen nicht vorhandenen künstlerischen Fähigkeiten eben ging – und schrieb den Text hinein. Wegen meiner unterirdischen Handschrift brauchte ich Tage, um all die ordentlichen Blockbuchstaben mit schwarzem Filzer hinzukriegen, aber ehrlich gesagt sieht es ziemlich cool aus.
Jede Seite erzählt aus der Perspektive eines anderen Zootiers, das sein »Geschäft« erledigt hat und jetzt das Kacka irgendwo in seinem Käfig oder Gehege verstecken will. Insofern kann man sogar etwas dabei lernen, denn Kinder erfahren, wie das Kacka verschiedener Tiere aussieht (das Bildungssystem lässt solche wichtigen Weisheiten ja leider unter den Tisch fallen). Interaktiv ist das Ganze auch, weil Kinder dem Tier dabei helfen können, den besten Platz in ihrer jeweiligen Umgebung zu finden, wo es sein Kacka verstecken kann.
(Ich weiß schon. Ich lasse mir eigenartige Dinge einfallen.)
»Ich dachte, du könntest die Illustration übernehmen«, sage ich und zeige auf die Lücken unter dem Text, den ich geschrieben habe. »Da ich die zeichnerischen Fähigkeiten eines alkoholisierten Kleinkinds besitze. Ich meine, wahrscheinlich würde ich es schaffen, die verschiedenen Kacka-Varianten zu malen, aber bei den Tieren und ihrer Umgebung, da käme ich vielleicht an meine Grenzen.«
Wieder schüttelt er den Kopf und sieht dabei tatsächlich ein bisschen gerührt aus. Er verpasst mir eine dieser festen Umarmungen, für die er bekannt ist, drückt mich, und all die quälenden Stunden, in denen ich mir verschiedene Stimmen (und Kackas) für Tiere in der Geschichte ausdachte, sind es plötzlich wert gewesen.
»Ich liebe es«, flüstert er mir ins Ohr, und eine Sekunde lang gerät mein Herz aus dem Takt, weil ich schon meine, etwas anderes zu hören. Doch dann fügt er noch hinzu: »Und meine Mom wird es auch lieben.« Er löst sich ein klein wenig von mir, drückt einen zärtlichen Kuss auf meine Wange und sagt: »Du bist die Beste. Wie soll ich da mithalten?«
Er holt fast genauso tief Luft wie ich vorhin, als ich ihm mein Buch gab, und überreicht mir seine eigenen in Alufolie gewickelten Bemühungen. Aufregung erfasst mich wie eine Welle, aber ich bin auch verwirrt. Denn sein Geschenk ist nicht nur so groß wie meins und hat die gleichen Maße – es ist identisch.
Stirnrunzelnd reiße ich die Alufolie ab, unter der genau so ein Notizbuch zum Vorschein kommt, wie ich es Carson gekauft habe. Ich drehe es um, weil ich die Titelseite sehen will, und schnappe nach Luft.
Carson hat das ursprünglich einfarbige Cover bemalt und OH. MEIN. GOTT.
Es sieht aus wie eine Collage, nur hat er alle Einzelteile davon selbst gemalt. Man sieht die Hügel von Hollywood im Hintergrund, ein altmodisches Kinogebäude, Palmen, einen Eimer voll mit Popcorn, eine abgerissene Kinokarte mit dem Titel meines Films drauf, eine Filmrolle, einen Regiestuhl … und mich.
Ich bin in der Mitte der Collage zu sehen, wie ich ein Drehbuch an meine Brust drücke. Auf der Nase trage ich eine riesige Sonnenbrille, wie ein Filmstar, nur meine Haare sind das gleiche blonde Chaos wie immer. An den Füßen habe ich meine klobigen dunkelroten DocMartens, aber bei der Hitze in L.A. trage ich ein Sommerkleid. Auf der Zeichnung grinse ich von einem Ohr zum anderen. Genau wie jetzt gerade. Und er hat sogar meine ganz leicht schiefen Schneidezähne genau getroffen. Doch ich sehe gar nicht so schlimm aus, wie ich mich oft finde, sondern hübsch.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, stammele ich, weil die Mühe, die er sich gemacht hat, mich einfach umhaut.
»Gefällt’s dir?«, fragt er und sieht, wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben, schüchtern aus. »Das ist für deine ganzen Drehbuchnotizen. Dann, wenn du, was unvermeidlich sein wird, nach L.A. fliegst, um tonnenweise angesagter Hollywood-Produzenten wegen deines Skripts zu treffen.« Er lächelt ein seltsames Lächeln. »Hoffentlich fällt es dir dann schwerer, mich zu vergessen.«
»Als ob ich dich jemals vergessen könnte!«, sage ich entschieden genug, sodass er weiß, ich meine es trotz des scherzhaften Tons wirklich. Ich schaue wieder auf das Buch, die breiten, bunten Pinselstriche und lebendigen Details. »Ich liebe es, Carson. Echt jetzt.«
Und dann macht sich ein hübsches kleines Schweigen zwischen uns breit, in dem wir einander einfach … nur ansehen und anlächeln. Schließlich beugt er sich zu einem echten Kuss vor, und der Lärm auf dem Flur scheint abzuebben. Schmerzhaft wird mir bewusst, dass ich nach Kaffee von vor Stunden rieche. Aber entweder merkt er es nicht oder es ist ihm egal. Seine Lippen sind weich und schmecken nach Minze. Er presst seinen warmen Körper an meinen und oh. Oh. Ich möchte jetzt so dringend an keinem öffentlichen Ort sein.
Yeah. Wieder in die Schule zu gehen bringt definitiv Vorteile mit sich.
Die ganze unangenehme Lernerei habe ich total vergessen. Da sitze ich also in Mathe und träume ganz glücklich vor mich hin. Davon, wie es sein wird, den Oscar für das Beste Drehbuch zu gewinnen, als ich rüde gestört werde.
»Miss O’Neill, hören Sie mir zu?« Mr Wong scheint aus ganz weiter Ferne zu sprechen. Nur befindet er sich nicht weit entfernt, sondern steht direkt vor mir und fuchtelt mit seinem Holzlineal zwei Handbreit vor meinem Gesicht herum. (Glücklicherweise ist Holzlineal in diesem Fall kein Euphemismus.)
Es stellt sich heraus, dass ich ihm tatsächlich nicht zuhöre. Und doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das nicht die Antwort ist, die er hören möchte. Also lüge ich. »Yessir, absolut.«
»Schön. Dann weißt du also, wie man den Umfang eines Trapezes berechnet?«
Also bitte. Wenn die uns wirklich weismachen wollen, dass wir diesen Mist in der wirklichen Welt brauchen, dann könnten sie zumindest versuchen, das ein bisschen glaubwürdiger zu vermitteln.
Wir sitzen in Martha’s Diner, das immer noch komplett weihnachtlich dekoriert ist. Nur stellt euch jetzt bitte keine lauschige Grotte mit Weihnachtsmann vor. Riesige, mit künstlichem Reif überzogene Kränze hängen an den Fenstern, die von Schweiß und Kondenswasser beschlagen sind. Ein widerwärtiger Lamettabaum steht mitten im Raum. Und fast jede verfügbare freie Fläche wurde mit einer Spraydose Kunstschnee attackiert, um auf Teufel komm raus festliche Stimmung zu erzeugen. Stattdessen sieht es aus, als hätten die Deckenventilatoren Schuppen.
Martha’s ist dafür berüchtigt, wie unverfroren es die Feiertage in die Länge zieht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Zeug auch zu Mittsommer noch da sein wird. Und dass die Angestellten dann immer noch Rudolph-Rentier-Ohren tragen. Also alle außer Betty. Die hat ihre aus Protest ins Waffeleisen gelegt, wo sie zu einer filzig-knusprigen Angelegenheit verschmurgelten. Dann spielte sie die Karte »vergesslicher älterer Mensch« aus. Gott, wie ich sie liebe.
Aber wie auch immer, das Diner ist trotzdem ein guter Ort für eine höchst feministische geschäftliche Besprechung. (Milchshakes und Matriarchat ergeben einfach eine klassische Kombi.) Man muss nur über den leicht unprofessionellen, neunzig Zentimeter großen Elf am Eingang hinwegsehen, der alle Stammgäste mit einem aggressiven und eindringlichen »Happy Holidays!« begrüßt. Ich glaube, die Batterien lassen schon ziemlich nach, denn inzwischen klingt es eher wie »Herpy Her-ler-derrs«. So gesehen ist es schon ein lebensechtes Meme. Ajita hat ihn im letzten Protokoll unter dem Punkt Any Other Business aufgeführt, einfach als Witz.
Ich tauche meinen Zeigefinger in die Schlagsahne oben auf meinem Strawberry-Shortcake-Shake und ignoriere das unablässige Dröhnen von »Jingle Bell Rock« aus den Lautsprechern hinter unserer Sitznische. Weil sie diesmal mit dem Protokoll dran ist, holt Meg ein ziemlich geblümtes Notizbuch aus ihrer Schultertasche, die komplett mit Aufnähern der New Orleans Saints bedeckt ist. Das Mädchen ist echt besessen von der NFL. Sie hat versprochen, Ajita und mir irgendwann die Regeln von Football zu erklären. Jetzt stehe ich zwar nicht gerade auf Sportsball™, aber ich interessiere mich gern ein bisschen dafür, wenn Meg ihre Leidenschaft mit uns teilen können möchte. Wir haben sie für Saturday Night Live begeistert, deshalb wäre das nur fair.
Ich sehe ihr zu, wie sie notiert, wer bei diesem Treffen alles anwesend ist: Izzy O’Neill, Ajita Dutta, Meg Martin, der bescheuerte Elf. Megs Handschrift ist total kringelig und verschnörkelt und lässt alles super aussehen. Nur braucht sie dafür ungefähr eine Million Jahre. Ich will schon einen Kalligrafie-Joke reißen, aber ich weiß einfach nicht, ob unsere Freundschaft schon das Stadium erreicht hat, in dem man rücksichtslos austeilen kann. Selbst wenn das meine Art ist, Zuneigung zu zeigen, möchte ich nicht, dass sie denkt, ich würde sie hassen oder so. Denn das tu ich ja nicht. Schließlich steigert sie mit ihren Kenntnissen über Sport das »Cool«-Level unserer Gruppe um das Siebenfache.
»Okay, ohne weitere Umschweife, lasst uns beginnen!«, verkünde ich. »Meg, was steht als erster Punkt auf unserer Tagesordnung?«
Sie räuspert sich übertrieben. »Am Ende der letzten Besprechung haben wir entschieden, dass der erste Tagesordnungspunkt diese Woche sein soll –«
Aus der Küche ertönt ein so scheußliches Scheppern, als hätte Thor seinen Hammer aus großer Höhe fallen gelassen. Dann fliegen die Schwingtüren auf. Die Kellnerin, die uns schon den ganzen Abend bedient hat, stürmt heraus und wirft in einer dramatischen Geste ihre Schürze über die Schulter. Ich meine, so eine Schürze wiegt nicht viel, deshalb segelt sie auch nur auf den Boden wie ein unbeholfen zusammengefalteter Papierflieger. Das ist eine gewisse Antiklimax. Aber trotzdem schätze ich ihr Faible für Theatralik.
Der Koch rennt ihr nach und schreit: »Wenn’s dir nicht passt, brauchst du nicht wiederzukommen!«
»Hatte ich auch nicht vor«, zischt die Kellnerin fast in Parsel, bevor sie die Eingangstür zuknallt und die Straße runterstapft. Der bescheuerte Elf ruft ihr völlig unironisch noch einen Abschiedsgruß nach.
Mit Ausnahme unseres unliebsamen Freundes herrscht im gesamten Diner absolute Stille. Also, wirklich absolute. Man könnte einen Tausendfüßler furzen hören. (Furzen Tausendfüßler? Das entzieht sich meiner Kenntnis.)
Der Küchenchef, ein Bostoner mit Knopfaugen und einem Bauch wie ein Iglu, wendet sich mit einer gesunden Mischung aus Spott und Verzweiflung an uns alle. »Irgendjemand interessiert an einem Teilzeitjob als Kellnerin?«
Schweigen legt sich wie eine Schneedecke über das Diner, während in meinem Kopf eine Idee Gestalt annimmt. Mit einem Teilzeitjob würden Betty und ich endlich nicht mehr ständig auf Messers Schneide zum Bankrott stehen. Wir könnten endlich wirklich frisches Gemüse essen und Fleisch, das nicht mit Sägemehl gestreckt ist. Ich könnte sogar ein Sparkonto anlegen. Stellt euch das mal vor!
Und so erhebe ich mich. »Ich melde mich freiwillig als Tribut«, sage ich mit klarer, selbstbewusster Stimme.
»Äh, was?«, brummt der Koch und Chef geringschätzig und verschränkt die Arme über seiner Schneewehe von einem Brustkorb. Er sieht missmutig aus. (Kann man in dem Zusammenhang auch mutig aussehen? Solche Überlegungen zu Wörtern finde ich höchst unterhaltsam.) »Hör zu, willst du einen Job oder nicht?«
»Jawohl, Sir. Absolut. Sehr sogar.«
»Gut. Dann fängst du Freitag an.«
»Verstanden, Sir«, erwidere ich und bin mir selbst nicht sicher, warum ich mich plötzlich wie ein Kadett benehme. Zum Glück kann ich das Bedürfnis, zu salutieren oder im Leopard Crawl in Richtung Küche zu robben, gerade noch unterdrücken.
Danach stürmt er so grimmig in die Küche zurück, dass es die Schwingtüren beinahe aus den Angeln reißt. Ich lasse mich wieder auf meinen Stuhl sinken und blinzle ungläubig.
»Alter. Das war aber mal beeindruckend«, sagt Ajita und tätschelt mir verlegen die Schulter. Körperliche Beweise der Zuneigung liegen ihr ungefähr so wie das Platznehmen auf einem Kaktus. Deshalb weiß ich die Geste zu schätzen.
In meinen Ohren summt es schwach. Ich schätze, dass Adrenalin sich so anfühlt, aber da ich nie Sport gemacht habe, kann ich mir da nicht sicher sein. »What the fuck?«, frage ich erstaunt.
»Eloquent wie immer«, gratuliert Ajita mir.
»Im Ernst. Seit dem Tag, als ich vierzehn geworden bin, versuche ich, einen Job zu kriegen. Wie kann das jetzt so leicht gewesen sein?«
