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Witzig, geistreich, feministisch – »Speak Up« ist laut, frech und von höchster Relevanz. Pointiert und unverblümt trifft Laura Steven in ihrem Debütroman den Ton der Zeit und thematisiert typische 21st Century-Themen wie die Friend-Zone und Slut-shaming. Izzy O'Neill weiß genau, wer sie ist – eine loyale Freundin, Nachwuchs-Komödiantin und Milchshakes und Reese's Peanut Butter Cups zählen für sie als Grundnahrungsmittel. Doch seitdem Fotos durch das Internet kursieren, die sie nachts auf einer Parkbank bei einer mehr als eindeutigen Handlung mit dem Sohn eines bekannten Lokalpolitikers zeigen, gilt Izzy bei den meisten nur noch als Schlampe. Und dieses Aufsehen legt sich leider nicht von selbst, wie Izzy ursprünglich vermutet hatte. Im Gegenteil! Plötzlich sieht sie sich nicht nur im Zentrum eines viralen Highschool-Shitstorms, es ufert aus zu einem nationalen Skandal. Statt sich über ihre Gefühle gegenüber ihrem besten Freund Danny klar werden zu können und ihren Plan zu schmieden, wie sie es schnellstmöglich schaffen soll, endlich aus der amerikanischen Kleinstadt zu entkommen, fehlt selbst der schlagfertigen Izzy der gewohnte Sinn für Humor. Sie ist fest entschlossen, zu verhindern, dass andere darüber bestimmen können, wer oder was sie ist. Doch das ist leichter gesagt als getan, wenn alle um sie herum etwas über sie zu reden haben. Für die Fans von Booksmart (2019) und der Netflix-Erfolgsserie Sex Education, »The Hate U Give« von Angie Thomas, »Love, Simon« von Becky Albertalli und »Goodnight Stories for Rebel Girls« von Elena Favilli und Francesca Cavallo. »Ich LIEBE dieses Buch! Eine wirklich clevere, unverfälschte Thematisierung von Gender, Sex und Slut-Shaming« – Katherine Woodfine, Bestseller-Autorin von The Sinclair's Mysteries »Witzig und ungeschönt in bester Weise, das ist YA-Stoff wie man ihn noch nie zuvor gesehen hat.« – Louise O'Neill, preisgekrönte Autorin für Asking for It
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 399
Veröffentlichungsjahr: 2020
LauraSteven
Roman
Aus dem Englischen von Henriette Zeltner
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Izzy O’Neill weiß genau, wer sie ist – eine loyale Freundin, Nachwuchs-Komödiantin und neben Nachos und Milchshakes zählen für sie die Peanutbutter-Cups von Reese’s als Grundnahrungsmittel. Doch seit dem Fotos durch das Internet kursieren, die sie nachts auf einer Gartenbank bei einer mehr als eindeutigen Handlung mit dem Sohn eines bekannten US-Senators zeigen, gilt Izzy bei den meisten nur noch als Schlampe. Und dieses Aufsehen legt sich leider nicht von selbst, wie Izzy ursprünglich vermutet hatte. Im Gegenteil! Plötzlich sieht sie sich nicht nur im Zentrum eines viralen Highschool-Shitstorms, es ufert aus zu einem nationalen Sexskandal. Statt sich über ihre Gefühle gegenüber ihrem besten Freund Danny klar werden zu können und ihren Plan zu schmieden, wie sie es schnellstmöglich schaffen soll, endlich aus der amerikanischen Kleinstadt zu entkommen, fehlt selbst der schlagfertigen Izzy ihr gewohnter Sinn für Humor. Sie ist fest entschlossen, zu verhindern, dass andere darüber bestimmen können, wer oder was sie ist.
Doch das ist leichter gesagt als getan, wenn alle um sie herum etwas über sie zu reden haben.
Hallo
Dienstag, 13. September
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Sonntag, 9. Oktober
Montag, 10. Oktober
Freitag, 14. Oktober
Epilog
Dank
Für Toria und Lucy, auch der Hexenzirkel genannt – weil, mit den unsterblichen Worten von Kelly Clarkson, my life would suck without you.
Wahrscheinlich habt ihr dieses Buch gekauft, weil ihr im Werbetext gelesen habt, dass ich eine verarmte Waise bin und noch dazu mitten in einem landesweiten Slut-Shaming-Skandal stecke. Und da dachtet ihr euch: Oh toll, das ist genau die Sorte sentimentaler Geschichten, die ich brauche, damit ich mich in meinem eigenen Leben besser fühle. Aber ich kann euch beruhigen, denn ich bin keine Kreuzung aus Oliver Twist und Kim Kardashian. Wenn ihr also darauf aus seid, zur Seelenreinigung ein paar Tränen zu vergießen, seid ihr bei mir falsch. Falls ihr so was sucht, dann würde ich euch eher zum Binge-Watching irgendeiner Ärzte-Serie raten, die großkalibrigen Kummer anderer Leute zu bieten hat.
Entweder das, oder ihr habt die Nacktfotos gesehen. Ihr wisst schon. Die haben ja die meisten gesehen. Mein schiefer Busen hat in der Presse mehr Aufmerksamkeit gekriegt als eine durchschnittliche internationale Seuche, was die Supervirus-Population bestimmt total sauer gemacht hat. Die ganze harte Arbeit, um die menschliche Spezies auszurotten, und dann guckt kein Schwein.
Aber mal im Ernst. Ich weiß auch nicht, warum mein Verlag mich gebeten hat, dieses Buch zu schreiben. Abgesehen davon, dass ich einmal aus Versehen einen Haschkeks gegessen habe und danach bei mir zu Hause eingebrochen bin, war mein Leben bisher noch nicht wahnsinnig spannend. Aber darauf kommen wir zum gegebenen Zeitpunkt noch. Es ist für den Sexskandal oder sonst was nicht wirklich relevant, sondern auf eher bescheidenem Niveau komisch.
Ich weiß, ich weiß, es ist extrem verwirrend, wenn ich erwähne, dass dies ein Buch ist, das ihr gekauft habt. – Außer es war Produktpiraterie. In dem Fall seid ihr selbst die Dummen, denn dieses PDF wird sich in 45 Sekunden selbst zerstören. Aber der Grund dafür ist, dass ich unglaublich angeberisch bin und wollte, dass euer Hirn so arbeitet wie damals, als ihr den Film Inception das erste Mal gesehen habt.
Am besten erkläre ich erst mal, wie ich an diesen Punkt gekommen bin: achtzehn und international geschmäht. Anstatt meine Zeit damit zu vergeuden, das alles für euch aufzuschreiben, kopiere ich aber lieber Einträge aus meinem Blog hier rein, damit ihr mitkommt. Wertvolle nachträgliche Einsichten füge ich in eckigen Klammern hinzu. Nach meinen Berechnungen sollte das für mindestens 95 Prozent des Manuskripts reichen. Es ist von großem Vorteil für mich, weil es bedeutend weniger Arbeit macht. Im Zweifelsfall sollte man sich immer für den geringstmöglichen Arbeitsaufwand entscheiden, um Energie für so wichtige Dinge wie Lachen und Sex zu sparen.
Schaut mich nicht so an. Das ist ein Buch über einen Sexskandal. Habt ihr da wirklich erwartet, dass ich einen auf enthaltsam oder Jungfrau Maria mache?
Ganz ehrlich, ich hab das Gefühl, der einzige Mensch im Universum zu sein, der realisiert, wie sinnlos das Leben ist. Die Leute benehmen sich, als wäre die bloße Existenz ein wundervolles Geschenk, und übersehen dabei völlig die Tatsache, dass besagte Existenz nichts anderes ist als das Ergebnis eines außergewöhnlichen Unfalls, der vor coolen 13,7 Milliarden Jahren passierte.
Ich will ja keine Spielverderberin sein oder so, aber wir sind nun mal alle zu einer begrenzten Anzahl von Umrundungen der Sonne verurteilt, bevor wir endgültig ins Gras beißen und in derselben unendlichen Hölle landen wie Donald Trump und Adolf Hitler. Vielleicht denke ich zu viel nach, aber für das, was wir zwischen jetzt und dann treiben, scheint es sich kaum zu lohnen, aus dem Bett zu steigen.
Vielleicht bin ich ja melodramatisch. Ich hasse es nur einfach aufzustehen.
Gerade hatte ich einen Termin bei unserem Beratungslehrer, Mr Rosenqvist. Der ist Schwede und sehr extravagant. So wie Brüno, aber weniger subtil. Wobei ich glaube, Brüno war Schweizer, Österreicher oder so was, aber egal. Die Sache ist nur, dass ich Mr Rosenqvist nicht anschauen kann, ohne Sacha Baron Cohen mit blonder Perücke zu sehen.
Der Typ gibt sich echt richtig, richtig Mühe, dafür zu sorgen, dass jeder SEINETRÄUMEVERWIRKLICHT [er ist sehr laut, deshalb die Großbuchstaben] und DENWENIGBEGANGENENWEGNIMMT und AUFHÖRT, SICHANDENWOCHENENDENHEROINZUSPRITZEN. [Den letzten Punkt habe ich aus Spaß hinzugefügt. Um das klarzustellen: An der Edgewood High hat niemand die Gewohnheit, sich so regelmäßig Heroin zu spritzen, dass unser Berufsberater sich darüber Sorgen machen müsste. Sollten Sie Jurist sein und das hier lesen, ignorieren Sie bitte alle diesbezüglichen Anspielungen in diesem Manuskript. Denn auf meiner sowieso schon ausufernden Liste von Problemen brauche ich jetzt nicht auch noch eine Verleumdungsklage.
Wir sitzen also in Rosenqvists fensterlosem Minibüro, das mit Sicherheit nur ein umfunktionierter Besenschrank ist, wenn der penetrante Geruch von Teppichreiniger auch nur irgendwas verrät. Er sitzt hinter einem winzigen Schreibtisch, der eher zu einer Privatinsolvenz passen würde. Überall stehen Aktenregale, in denen sich wiederum Hefter über jeden einzelnen Schüler der gesamten Schule befinden. Ich könnte mir vorstellen, dass es irgendeine elektronische Datenbank gibt, um dieses archaische System zu ersetzen, doch die Schulen im sogenannten Bible Belt lieben es anscheinend old-fashioned – es ist eben ihr Markenzeichen.
Er also: »Miss O’Neill, haben Sie schon viel darüber nachgedacht, was Sie studieren möchten, wenn Sie nächsten Herbst aufs College gehen?«
[Ich schreibe das hier nicht in seinem heftigen Akzent auf, weil ich nicht als Rassistin dastehen möchte. Falls man überhaupt weißen skandinavischen Männern gegenüber rassistisch sein kann. So sicher bin ich mir da nicht.]
Ich atme gleichmäßig durch den Mund, damit der Geruch nach Bleichmittel mir nicht die Nasenhaare wegätzt, und sage so was wie: »Äh, nein, Sir, ich dachte mir, dass ich vielleicht ein bisschen herumreise, wissen Sie. Um mir die Welt anzugucken.«
Fairerweise muss man sagen, dass die nachfolgenden Fragen bezüglich meiner wirtschaftlichen Lage wahrscheinlich ganz legitim sind, wenn man bedenkt, dass meine Grandma und ich gegenwärtig mehr finanzielle Unterstützung bräuchten als die US Army.
»Haben Sie denn Geld gespart, von dem Sie zumindest die Flüge bezahlen können?«, fragt er, völlig unbeeindruckt von dem jahrzehntealten Staubwedel, der soeben pfeilgerade vom obersten Regalbrett hinter ihm abgestürzt ist. Als aufstrebende Comedian und Allround-Idiotin fällt es mir schwer, den Wedel nicht nach den Regeln für olympisches Turmspringen zu bewerten: 8,9 für den Schwierigkeitsgrad etc.
Aber zurück zum Thema: mein im Minus befindliches Bankkonto. »Nein, Sir, denn ich bin achtzehn und arbeitslos.«
Geduldig verstaut er den Staubwedel an einem sicheren Ort, nämlich in seiner Schreibtischschublade, und wirft mir einen mitfühlenden Blick zu. Ein Hauch von faulem Apfel steigt aus der offenen Schublade auf, die er hastig wieder zuknallt. Dieser Ort muss mindestens ein Dutzend Gesundheitsvorschriften verletzen. Höre ich da etwa das Trippeln von Mäusepfötchen?
»Verstehe. Und haben Sie versucht, einen Job zu finden?«
»Gütiger Himmel, das ist eine brillante Idee!«, keuche ich gespielt erstaunt. »An so eine Aktion habe ich bisher noch nicht gedacht! Haben Sie je erwogen, Berufsberater zu werden?«
Ganz im Ernst, das ist ein wunder Punkt. Zum dritten Mal in diesem Jahr habe ich meinen Lebenslauf an jeden Einzelhändler, jedes Restaurant und jedes Hotel im Ort verteilt. Aber es gibt hier einfach zu wenig Jobs und zu viele Menschen, und ich lande nie ganz oben auf dem Bewerberstapel.
Er seufzt. »Ich weiß, dass das eine Selbstverständlichkeit ist. Aber, nun ja … haben Sie’s gemacht?«
Leicht genervt knirsche ich mit den Zähnen und erwidere sein Seufzen. »Ja, Sir, das Problem ist nur, dass man selbst für die allereinfachsten Jobs inzwischen mindestens drei Jahre Erfahrung, ein Diplom in Astrophysik und zwei Trophäen vom Super Bowl benötigt, um auch nur fürs Vorstellungsgespräch in Betracht zu kommen. Leider bin ich aufgrund meines unterdurchschnittlichen IQs und völlig fehlender athletischer Fähigkeiten ganz und gar unvermittelbar.«
Letztlich sind wir uns darin einig, dass es gegenwärtig keine annehmbare Option für mich ist, nach Südafrika zu jetten, um dort ehrenamtlich, nobel und selbstlos in einem Elefantenschutzgebiet zu arbeiten.
Während er durch meine schockierend leere Akte blättert, probiert Mr Rosenqvist es mit einer anderen Taktik. »Welches Schulfach mögen Sie am liebsten?« Dabei versucht er, sein Zusammenzucken zu kaschieren, als sein Blick auf meinen Notendurchschnitt fällt.
Ich überlege eine Weile und zupfe inzwischen an einem losen Faden des gepolsterten Metallstuhls, auf dem ich hocke. »Nicht Mathe, weil ich keine Soziopathin bin.«
Da lacht er sein fröhliches schwedisches Lachen.
»Oder Naturwissenschaften. Siehe oben.«
Wieder ein liebenswertes Glucksen.
Als Feministin habe ich sofort ein schlechtes Gewissen, weil ja inzwischen alle versuchen, Mädchen zu ermutigen, MINT-Fächer zu wählen. Aber ganz ehrlich, meine Hingabe an die Vagenda ist nicht so groß, dass ich mich zwingen würde, Programmiererin zu werden. Manchmal muss man sich eben genau überlegen, wofür man kämpft.
Die Sache ist, dass ich genau weiß, welchen Karriereweg ich gern einschlagen möchte, aber ich fürchte mich irgendwie davor, das laut auszusprechen. Die meisten Beratungslehrer interessieren sich für eine, und nur für eine Sache: dich aufs College zu kriegen. Schulen werden besser bewertet, je mehr Ehemalige von dort ein College-Studium absolvieren. Deshalb hat die Berufsberatung dort auch nichts anderes im Sinn. Wenn etwas nicht zum Fächerkanon der Ivy League gehört, dann lohnt es sich auch nicht. Und ob man es glaubt oder nicht, Comedy wird an Ivy-League-Unis nicht gelehrt.
Außerdem sind die Erfolgschancen in meinem Traumjob nicht hoch. Schon gar nicht für ein Mädchen wie mich.
Rosenqvist macht mit seinem sanften Drängen weiter. »Wie wär’s mit Englisch?«
Ich nicke unverbindlich und sage: »Englisch mag ich, vor allem den Bereich Kreatives Schreiben. Und Theater.« Bevor ich mich einbremsen kann, füge ich noch hinzu: »Manchmal schreibe ich Sketche und spiele die vor Freunden. Sie wissen schon, nur so zum Spaß. Das ist nicht ernst gemeint oder so.« Nach dem Kribbeln meiner Wangen zu urteilen, bin ich dabei knallrot geworden.
Aber trotz meines erbärmlichen Gelabers scheint ihm die Wendung, die unser Gespräch genommen hat, zu gefallen. Sein kleiner blond-grauer Schnurrbart hüpft in seinem Gesicht herum wie ein Frettchen, das in einem Verbrennungsmotor stecken geblieben ist.
»FANTASTISCH! VERWIRKLICHENSIEIHRETRÄUME, MISS O’NEILL!« [Hab ich’s nicht gesagt?]
Jetzt habe ich also trotz der Tatsache, dass das nicht gerade ein verlässlicher Berufsweg ist, einen Rucksack voll Infomaterial über Improvisations-Theatergruppen, Schauspielschulen und Theater, die Skripte zur Prüfung akzeptieren. Ich bin Rosenqvist sogar ziemlich dankbar, weil er meine unkonventionellen Karriereambitionen nicht sofort abgetan hat wie so viele Lehrer vor ihm.
Er hat mir sogar von einem Freund erzählt, der zu vernünftigen Preisen Porträtfotos von Schülern macht. Klar, das klingt unheimlich zwielichtig, aber ich will ihm mal nichts Schlechtes unterstellen. Es wäre ja schon ziemlich traurig, wenn sich rausstellte, dass Mr Rosenqvist als Nebenjob Provision dafür kassiert, seine Schüler an einen pädophilen Fotografen weiterzuempfehleln.
Aufgrund von Mr Rosenqvists fröhlicher Empfehlung bleibe ich freiwillig nach dem Unterricht noch da, um mit Mrs Crannon, unserer fürs Schultheater zuständigen Lehrerin, über meine Karrierepläne zu sprechen. Ich verbringe also tatsächlich mehr Zeit als nötig auf dem Schulgelände. Aus freien Stücken. Das ist der absolute und unwiderrufliche Beweis dafür, dass man die Gedanken anderer wirklich kontrollieren kann und mein netter, wenn auch zu lauter skandinavischer Berufsberatungslehrer in Wirklichkeit irgendein in Telepathie bewanderter Dark Lord ist. Das ist die einzige Erklärung. Oder vielleicht nicht die einzige. Für diejenigen, die nicht an Übernatürliches glauben: Es kann natürlich auch sein, dass Rosenqvist während unseres Termins irgendeine Form von Lobotomie an mir vorgenommen hat.
[Meinem ganzen Zynismus zum Trotz liegt mir tatsächlich was am Schreiben. Aber so gern ich so was beruflich machen würde, ich bin nicht auf traditionell belesene Weise klug. Man könnte eher sagen: »sieht eine Menge Filme« oder »ist sehr talentiert darin, mit dem Finger in jeder erdenklichen Wunde zu bohren«. Was bedeutet, ein akademisches Umfeld ist nicht gerade meine Lieblingsumgebung. Einfach weil dort nicht so viel Wert auf Filme gelegt wird und man dem Rumbohren in Wunden grundsätzlich eher abgeneigt ist. Es scheint fast so, dass Lehrer und Dozenten nicht hören wollen, dass sie am besten darin sind, grausame und ungewöhnliche Strafen dafür zu ersinnen, dass man überhaupt geboren wurde. Seltsam.]
Aber wie auch immer. Mrs Crannons Büro befindet sich jedenfalls am Ende einer unauffälligen Treppe hinter dem Theater. Sobald der Gong zum Unterrichtsschluss ertönt ist und alle Schüler von gesundem Verstand das Gelände geräumt haben, tappe ich dort hinauf. Ausgerüstet bin ich mit einem Notizblock, einem Skriptentwurf und einer Packung Peanut Butter Cups, denn ich vermute, in der Freizeit mit einer Lehrkraft sprechen, das ist so wie sich ein Tattoo stechen lassen. – Du musst deinen Blutzuckerspiegel die ganze Zeit unnormal hoch halten, damit du den Schmerz erträgst, ohne bewusstlos zu werden.
Mrs Crannon ist eine reizende Frau. Sie trägt eine dunkelrote Brille, Birkenstock-Sandalen und verrückte Tuniken. Ihr Charakter tendiert dabei zu exzentrisch. Sie gibt mir auch immer tolle Rollen im Schultheater, weil ich laut genug spreche, sodass die Technik-AG mich nicht mit einem zusätzlichen Mikro ausstatten muss. Im Moment spiele ich zum Beispiel die Daisy in Der Große Gatsby, obwohl ich nicht im Geringsten elegant oder glamourös bin.
Zwar mochte ich Mrs Crannon schon immer, aber eher im Sinne des Stockholm-Syndroms. Ich meine, wer von uns mag seine Lehrer schon wirklich? Das sind die wichtigen philosophischen Fragen, Leute.
Als ich reinkomme, sitzt sie hinter einem Schreibtisch mit Stapeln von Programmheften, Kaffeebechern und einem riesigen beigefarbenen Computer aus den Neunzigern [die guten alten Budgetkürzungen]. Der ganze Raum riecht nach staubigen Kostümen und schalem Haarspray. Mein liebster Duft der ganzen Welt.
»Izzy! Wie wunderbar, dich auch einmal außerhalb der Proben zu sehen.«
Sie winkt mich herein, und ich nehme auf dem tatsächlich unbequemsten Plastikstuhl Platz, dem zu begegnen ich je das Pech hatte. Er ist der Iron Maiden unter den Stühlen. Und ich übertreibe nicht.
»Danke«, sage ich und bemühe mich um die erfreute Miene von jemandem, dem nicht gerade ein zum Folterinstrument gewordener Stuhl körperliches Unbehagen bereitet. »Ich habe Peanut Butter Cups mitgebracht. Als Wiedergutmachung dafür, dass ich Sie davon abhalte, zu Mr Crannon nach Hause zu kommen.«
»Genau genommen habe ich eine Mrs Crannon.« Grinsend wedelt sie mit ihrer linken Hand in meine Richtung. Ihr Verlobungsring ist mit einem Dwayne Johnson von einem Diamanten bestückt. Am selben Finger steckt noch ein kunstvoller Ehering. »Ich bin lesbisch. Und verheiratet. Eine Kombination, die offenbar ein Großteil der Bevölkerung nur schwer begreift.«
»Oh! Toll. Sie heißen beide Mrs Crannon? Kommt man [!] da nicht durcheinander?«
Sie lacht und greift beherzt in die Packung, die ich vor ihr auf den Tisch geknallt habe. »Ja, im Nachhinein betrachtet, hätten wir wahrscheinlich jede unseren Namen behalten sollen. Aber ich musste ja irgendwas tun, um meine traditionell katholischen Eltern glücklich zu machen.«
Ich grinse. »Kommen Sie nicht in Versuchung, irgendeinen absurden Einakter über zwei Ehefrauen mit dem exakt gleichen Namen zu schreiben?«
Mrs Crannon lächelt warmherzig. »Womit wir eine hübsche Überleitung zu deinem Schreiben haben. Mr Rosenqvist hat mir erzählt, dass du eigene Stücke schreibst? Das ist toll! Erzähl mir mehr darüber.« Sie lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück. [Irgendein angenehm gepolstertes Unding von Stuhl, was euch sicher freut zu hören für den Fall, dass ihr euch überhaupt Gedanken um den Rücken meiner Theaterlehrerin macht.]
Plötzlich bin ich ein bisschen verlegen. Hauptsächlich weil ich merke, dass eine normale erwachsene Unterhaltung von mir erwartet wird. Keine, die mit unanständigen Gags und selbstironischem Humor gespickt ist. Und irgendwie habe ich vergessen, wie das geht.
Ich murmle idiotisches Zeug über Nora Ephron, greife in meine Tasche, die mit einer Auswahl an Ansteckern und Abzeichen dekoriert ist, um mir wenigstens den Anschein von Coolness zu geben, und ziehe den Skriptentwurf heraus, den ich mitgebracht habe. Ein Filmdrehbuch, das ich den Sommer über geschrieben habe. Die sogenannte Logline [d.h. ein Satz, der die ganze Geschichte zusammenfasst] lautet: Ein abgebrannter Callboy verliebt sich in eine karrierebesessene Kundin mit Bindungsproblem. Im Grunde genommen ein Update von Pretty Woman, das Gender-Klischees infrage stellt und gleichzeitig eine beeindruckende Menge von Sexwitzen erzählt. [Gebt’s zu. Diesen Film würdet ihr auch gern sehen.]
»Du hast schon ein komplettes Drehbuch verfasst?«, staunt Mrs Crannon und klatscht in die Hände wie ein Zirkusäffchen. »Izzy, das ist fantastisch! So viele angehende Drehbuchautoren haben schon Mühe, ein einziges Manuskript zu vollenden, und das sind Profis, die auf einer Filmhochschule waren. Während ich noch als Theaterdirektorin gearbeitet habe, verzweifelte ich immer wieder an Autoren, die unfähig schienen, eine Idee bis zum Ende durchzuziehen. Du kannst wirklich sehr stolz auf dich sein. Ein ›Fade-out‹ zu schreiben ist schon eine Leistung.«
»Echt?«
»Echt!« Sie nimmt mein Drehbuch entgegen und mustert die professionelle Formatierung sowie die ordentlich geschriebene Titelseite. [Mein bester Freund Danny hat mir die entsprechende Software aufgrund meiner chronischen Pleite »besorgt«. Erzählt das aber bloß nicht der Internetwache. Und schon gar nicht der richtigen Polizei.] »Ich würde es liebend gern zum Lesen mit nach Hause nehmen. Kann ich?«
Dieser Beweis unglaublicher Unterstützung trifft mich total unvorbereitet. »Das würden Sie tun? Ihre Freizeit dafür opfern, mein Skript zu lesen?«
»Natürlich würde ich das!« Sie stopft sich noch einen Peanut Butter Cup in den Mund und schmeißt das Papier in den überquellenden Mülleimer hinter sich. Der ist voller Bonbonpapiere und Limodosen. Anscheinend ist sie genauso ernährungsbewusst wie ich, also praktisch gar nicht. »Ich weiß schon seit unserer Arbeit bei den Schulaufführungen, wie begabt du bist. Hab mich da schon immer schiefgelacht über deine schlauen und witzigen Improvisationen.«
Ich werde knallrot. Mal wieder. »Danke schön. Die meisten Leute finden die total nervig.«
»Tja, die meisten Leute sind ja auch keine aufstrebenden Comedy-Autorinnen. Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, was du anfangen willst, wenn du die Schule beendet hast? College? Praktika? Wenn du beides machen willst, ist die USC, die University of South California in Los Angeles, unglaublich renommiert fürs Drehbuchschreiben – Spielberg war da –, und du könntest dann während der Spring Break und der Sommerferien in L.A. als Praktikantin jobben. Das Beste von beiden Welten.«
Ich spiele am Reißverschluss meiner Kunstlederjacke, die ich letzten Herbst in einem Secondhandladen gefunden habe. Jetzt kommt der Punkt, vor dem mir graut: meine finanzielle Situation offenlegen. Zum zweiten Mal an diesem Nachmittag. Das sollte keine große Sache sein, und im Alltag stört es mich auch nicht wirklich, aber jetzt, wo es tatsächlich Auswirkungen auf meine Zukunftsentscheidungen hat, ist es mir irgendwie unangenehm, darüber zu sprechen.
Aber wie schon gesagt, gehört Mrs Crannon zu den netten Menschen. Also erzähle ich ihr die Wahrheit. »Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, ob ich mir das College leisten kann. Deshalb dachte ich, dass ich mir einfach hier einen Job suche, um mich und meine Grandma zu finanzieren, und dann in meiner Freizeit schreibe. Vielleicht mache ich ein paar Kurzfilme, wenn ich die Kohle dafür zusammenkratzen kann.«
Sie runzelt die Stirn. Das Geräusch ihres Computers, der sich gerade selbst in den Ruhezustand versetzt, dröhnt durch den leisen Raum. Sogar die Technik hat null Interesse an der Schule, nachdem es zum letzten Mal geklingelt hat. »Hast du dich schon mal nach Krediten erkundigt? Fürs College, meine ich.« Dachte ich mir, dass das ihre nächste Frage sein würde.
»Ein bisschen. Aber die Vorstellung, mich dermaßen zu verschulden, macht mir eine Scheißangst. Vor allem weil da keine Eltern sind, auf die ich zurückgreifen könnte.«
Sie rollt den violetten Ärmel ihrer wilden Tunika hoch, sodass schwarze Rosenkranzperlen sichtbar werden, die sie dreimal um ihr Handgelenk gewickelt hat. Ein weiterer Peanut Butter Cup muss dran glauben. Sie verputzt die Dinger in einem Tempo, dass ich nur staunen kann. Wäre Schokoladenkonsum eine olympische Disziplin, dann würde Crannon es bestimmt aufs Treppchen schaffen – sie ist quasi schon Simone Biles.
»Das verstehe ich«, sagt sie in einem Ton, der keinen Zweifel daran lässt, dass sie es überhaupt nicht versteht. »Wirklich. Aber du musst das als Investition betrachten. In dich selbst, in deine Zukunft. Das ist zwar ein Klischee, und ich weiß, dass du das alles schon von Rosenqvist gehört hast, aber du bist jung, du bist intelligent, du bist ehrgeizig. Du musst es versuchen.«
Ich nicke, bin aber ein bisschen ernüchtert. Es fühlt sich irgendwie leer an, wenn solche Leute denjenigen, die gezwungenermaßen ein Leben nach dem Motto »tu, was du tun musst« führen, immer predigen, sie sollen doch ihre Träume verwirklichen. Und das sogar, wenn ich weiß, dass sie das Herz am rechten Fleck haben. Vielleicht ist es für sie eine Option, wagemutig und risikofreudig zu sein, aber für mich ist es das einfach nicht.
Mrs Crannon spürt den Stimmungsumschwung, obwohl ich versuche, ihn zu verbergen. Verletzlichkeit zu zeigen, das ist für mich ungefähr so verlockend, wie mein Gesicht in einen Eimer voller Mehlwürmer zu stecken. Aber sie merkt es trotzdem.
Während sie sich einen Schokoladenrest aus dem Mundwinkel wischt, sagt sie: »Ich werde alles, was in meiner Macht steht, tun, um dir zu helfen, Izzy. Alte Verbindungen reaktivieren, nach bezahlten Praktika Ausschau halten, dir Adressen empfehlen, wo du deine Arbeiten hinschicken kannst, solange du noch an der Schule bist. Die USC wäre großartig, aber das traditionelle College-Studium ist nicht der einzige Weg in die Branche.« Sie lächelt mich an, und ich kann nicht anders, als zurückzulächeln. »Wir werden das hinkriegen. Versprochen.«
Als ich zwanzig Minuten später wieder gehe, bin ich vollgestopft mit Reese’s und bete stumm, dass Mrs Crannon mein Drehbuch nach all der übertriebenen Ermutigung tatsächlich gefällt. Mir wird bewusst, dass ich sie doch nicht nur im Sinne des Stockholm-Syndroms mag. Ich mag sie als Mensch.
Also muss ich doch ein Herz haben. Wer hätte das gedacht?
»Und so stellte sich heraus, dass ich tatsächlich eines dieser kardiovaskulären Organe besitze«, beschließe ich meinen Bericht triumphierend.
Ich chille mit Ajita und Danny, meinen beiden besten Freunden überhaupt, im Diner. Wir teilen die Liebe zu Nachos und dazu, uns über alles lustig zu machen.
Martha’s Diner ist superaltmodisch, mit Neonschildern, Jukeboxen, Sitznischen und Fliesen im Schachbrettmuster. Es ist wahnsinnig überteuert, und man muss eine kleine Hypothek aufnehmen, um sich einen Burger leisten zu können, aber die Pommes werden hier mindestens achtzehnmal frittiert und sind deshalb das Köstlichste überhaupt. Ganz ehrlich, ihr hättet mal den Hype erleben sollen, als Martha’s aufgemacht hat. Hauptsächlich von Leuten, die in den sozialen Medien Marilyn-Monroe-Zitate posten und darüber lamentieren, wie gern sie doch in den 1950er-Jahren geboren worden wären. Kriegt euch wieder ein. Milchshakes und Rassismus gibt’s immer noch.
Zufällig ist Martha’s aber auch das Lokal, in dem meine Großmutter Betty unfreiwillig schwarz jobbt und Pancakes zubereitet. Eigentlich ist es nicht wirklich Schwarzarbeit, weil sie keinen anderen Job hat. Aber es klingt irgendwie besser, wenn man es so formuliert. In Wirklichkeit schiebt sie Zwölfstundenschichten auf Ballenfüßen und hat deshalb fast permanent Schmerzen. Aber es ist einfach ausgeschlossen, dass sie es sich leisten könnte, in den Ruhestand zu gehen. Deshalb kann ich nicht aufs College. Nicht nur wegen der Studiengebühren, sondern weil ich in meiner Heimatstadt bleiben und mir den verdammten Arsch abarbeiten muss, um ihr die Ruhe zu verschaffen, die sie nach so vielen Jahren harter Schufterei verdient hat. Jetzt ist es an mir, sie mal zu unterstützen.
Jedenfalls habe ich meinen Freunden gerade von meiner Unterhaltung mit Mrs Crannon berichtet und erklärt, dass ich in der seelischen Abteilung doch gar nicht so tot bin, wie ich gedacht hatte.
»Interessante Hypothese, aber ich widerspreche ihr eindeutig«, erwidert Ajita, während sie sich eine Locke ihrer schwarzen Haare hinters Ohr schiebt und ihren Candy-Apple-Milchshake schlürft. Das Henna-Tattoo auf ihrer Hand, das Ajita sich letzten Monat auf der Hochzeit ihres Cousins hat machen lassen, verblasst langsam. »Ich meine, es ist ziemlich untypisch, dass du dich für Leute interessierst. Ich meine, außer wenn sich gerade ein außerirdischer Parasit an deinem Gehirn satt frisst, bin ich nicht überzeugt davon, dass du die Kapazität hast, zu welchem Zeitpunkt auch immer mehr als drei Individuen gleichzeitig zu mögen. Und diese drei Plätze sind schon von mir, Danny und Betty belegt.«
»Treffendes Argument«, muss ich zugeben. Als ich verbrannten Pfannkuchen rieche, spähe ich am Tresen vorbei in die riesige verchromte Küche und versuche zu sehen, ob Betty sich da rumtreibt. Keine Spur von ihr. Wahrscheinlich nippt sie gerade irgendwo hinten an ihrem Flachmann und erzählt dabei dem naiven Spüler dreckige Witze.
»Das ist aber cool von Crannon, dass sie dein Drehbuch liest«, sagt Danny und rührt mit zwei Riesenstrohhalmen in seinem Salted-Caramel-Bananen-Milchshake. Er trägt ein verwaschenes Pokémon-T-Shirt, das ich ihm zu seinem zwölften Geburtstag geschenkt habe und das aufgrund seines beängstigend niedrigen BMI immer noch passt. »Sie hätte das ja nicht machen müssen.«
Ich nicke begeistert. »Ja, oder? Und sie war echt angetan. Sie mag es sogar, wenn ich während der Proben improvisiere. Ich hab versucht, ein bisschen Selbstkritik zu zeigen, und sie darauf hingewiesen, dass das bei den meisten Leuten Mordlust weckt, aber sie blieb eisern dabei. Sie scheint meine Scherze wirklich zu mögen.«
»Die Frau erfüllt eindeutig die Kriterien für eine geistige Erkrankung«, stellt Ajita trocken fest. Ich schnipse ihr einen Klecks Schlagsahne ins Gesicht. Er landet auf ihrer Nase, und sie schleckt ihn mit ihrer abartig langen Zunge weg. Sie ist Nepalesin und ungefähr neunzig Zentimeter groß, aber sie hat eine Zunge wie ein Bernhardiner. Wenn ich jetzt beispielsweise meinen ganzen Milchshake auf den Boden verschütten würde, dann könnte sie ihn einfach mit ihrer Zunge auflecken, ohne sich auch nur zu bücken. Das ist echt bemerkenswert.
»Also ich finde, Izzy ist witzig«, murmelt Danny und verschwindet unter seiner widerspenstigen Matte aus verfilztem Haar.
Entgeistert tauschen Ajita und ich Blicke. Danny hat mir tatsächlich noch nie zu irgendeinem Zeitpunkt meines Lebens Komplimente gemacht. Nicht mal mit fünf, als meine Eltern gerade gestorben waren. Unsere Freundschaft basierte schon immer auf freundlichem Widerstreit.
»Witzig anzusehen?«, fragt Ajita und scheint krampfhaft nach einer Erklärung zu suchen.
»Halt die Klappe«, sagt er und sieht keinen von uns an. »Ich gehe mal die Milchshakes bezahlen.«
Und damit rutscht er aus unserer Nische und geht zur Kasse, wo eine vollbusige Neuntklässlerin ihn mit so viel Begeisterung begrüßt, wie sie für den Mindestlohn aufbringen kann.
»Was um alles in der Welt war das denn?«, flüstere ich Ajita zu und bin zu geschockt, um einen Witz zu reißen. »Er findet, dass ich witzig bin? Was kommt als Nächstes – dass er mich für ein grundanständiges menschliches Wesen hält?«
»Wir wollen es nicht gleich übertreiben«, sagt sie hastig. »Aber warte mal, er bezahlt die Milchshakes? Danny. Er kauft uns was. Warum? Hat er uns die ganze Zeit verarscht? Ist er der heimliche Millionär? Ich glaube, das Letzte, was er mir gekauft hat, war eine Schachtel Tampons. Und sogar das war nur seine passiv aggressive Art, mir zu sagen, dass ich während eines Streits überreagiert habe.«
Nachdem er die Kohle rübergereicht hat, spaziert Danny zurück zu unserer Nische, schiebt das Portemonnaie zurück in die Tasche seiner Jeans und sieht ziemlich zufrieden mit sich aus. Der Pikachu auf seinem Shirt grinst fies, als er fast mit einer Kellnerin zusammenstößt, die gerade drei Club-Sandwiches serviert. Sie wirft ihm einen bösen Blick zu, aber seine Augen sind so starr auf mich gerichtet, dass er es kaum mitkriegt. Dann lächelt er dieses seltsame, schüchterne Lächeln, das ich noch nie gesehen habe. Er lächelt. Danny. Ich meine, echt jetzt.
Jetzt sagt schon, what the fuck?
Das Universum ist eigenartig. Meine Eltern waren kerngesund und glücklich, als ein betrunkener Lastwagenfahrer ihr Auto erwischte. [Natürlich erwischte sie auch der Lkw, nicht nur der Fahrer – sonst wäre die Sache wahrscheinlich anders ausgegangen.] Bumm, und sofort tot. Aber meine Großmutter Betty, die Frau, die mich von dem Tag an großzog, muss sich von Ärzten dauernd anhören, dass sie wegen ihres beträchtlichen Body Mass Index bald sterben wird. Trotzdem lässt sie es nach wie vor krachen.
Aber wie auch immer. Obwohl der Arzt ihr immer wieder sagt, sie müsse Fett, Zucker, Kohlenhydrate (im Grunde genommen alles, was Spaß macht) reduzieren, bereitet Betty heute Morgen French Toast zu. Sie ist darin absolut unglaublich, weil sie im Diner schließlich 807-mal am Tag Köstlichkeiten aus Teig zubereitet. Unsere winzige Küche mit lauter uralten Armaturen, die so retro sind, dass man sie inzwischen schon in der Vogue wiederfindet, duftet nach Zimt und mit Ahornsirup glasiertem Speck. Das alte Radio in der Ecke spielt eine geschmacklose Werbung mit einem Jingle.
»Was steht denn heute in der Schule an, Kind?«, flötet Betty praktisch und ignoriert die Tatsache, dass ich unter dem Tisch Dumbledore nebenbei füttere. [Dumbledore ist übrigens unser Dackel. Ich verstecke nicht den Geist des mächtigsten Zauberers der Welt in unserer Küche.]
»Ach, das Übliche. Interesse am Periodensystem heucheln. Vorgeben zu wissen, was eine tektonische Platte ist. Zum tausendsten Mal in diesem Halbjahr vergeblich versuchen, sich vor dem Sportunterricht zu drücken.« Ich rühre Zucker in die zwei Becher auf der mit Teig verkleckerten Küchentheke [sagt das fünfmal hintereinander, ohne einen Knoten in die Zunge zu kriegen].
Das ist unser Morgenritual: Sie bereitet das Frühstück zu, ich mache Kaffee, und wir plaudern albern über den bevorstehenden Tag. So läuft das schon, so lange ich mich erinnern kann.
»Soll ich dir eine Entschuldigung schreiben?«, fragt sie. »Darin erklär ich denen, dass deine Eltern gerade gestorben sind und du gerade eine schwere Zeit durchmachst.«
Ich schnaube. »Wenn man bedenkt, dass das dreizehn Jahre her ist, bin ich mir nicht so sicher, dass sie dir das abkaufen werden.«
»Außerdem«, fahre ich fort, »waren ein paar Lehrer in letzter Zeit sogar ziemlich cool, was meine Karrierechancen angeht. Das motiviert mich irgendwie, ein bisschen öfter zum Unterricht zu erscheinen. Und sei es nur, um ihnen zu zeigen, dass meine Zukunft mich interessiert.«
Wir setzen uns an den Miniesstisch und lassen uns den Stapel aus French Toasts schmecken, der ein bisschen an den Schiefen Turm von Pisa erinnert. Betty hört mir aufmerksam zu, als ich ihr alles von meinem gestrigen Termin bei Mr Rosenqvist berichte und davon, wie schön Schwedisch ist. Aber auch von seiner Begeisterung für meine Sketche. Zwar habe ich Betty kategorisch erklärt, sie soll sich die nicht ansehen, aber sie tut es trotzdem. Dann briefe ich sie auch noch über meine nachfolgende, großartige Besprechung mit Mrs Crannon. Ich erzähle, dass die Begeisterung der beiden mich ein klein wenig optimistischer auf meine merkwürdige Art von Gesellschaftskommentar kombiniert mit einem Dutzend schmutziger Witze pro Seite blicken lässt.
»Zu Recht sind die begeistert, Kindchen«, meint sie. »Du bist urkomisch. Aber wie kommt es, dass du dieses Drehbuch von dir noch nie erwähnt hast?«
»Ich schätze, es war mir einfach peinlich«, gebe ich zu. »Denn was weiß irgendein Teenager aus irgendwo schon über das Schreiben von Filmdrehbüchern? Ich komme mir da wie eine Betrügerin vor.«
Ich bin kurz davor, sie in meine Befürchtungen einzuweihen, dass ich in New York oder Hollywood auffallen würde wie ein bunter Hund, sollte ich es überhaupt so weit schaffen, aber ich möchte nicht, dass sie sich schlecht fühlt oder so. Betty weiß ganz genau, dass es mir nichts ausmacht, so knapp bei Kasse zu sein. Und ich mache ihr wegen unserer misslichen Lage ja auch keinen Vorwurf. Aber wenn sie wüsste, dass es für meine Karriere ein großes Hindernis bedeutet, dann hätte sie deshalb nur ein schlechtes Gewissen. Und das ist wirklich das Letzte auf der Welt, was ich möchte.
»Wenn deine Mom jetzt hier wäre, würde sie sagen …« Betty verstummt und blinzelt heftig. Es gelingt ihr fast nie, einen Satz über meine Mutter zu beenden. Wie vorher gesagt, zwingt sie sich zu einer neutralen Miene und verabschiedet sich gleich komplett von dem Gedanken. »Du brauchst dich nicht wie eine Betrügerin zu fühlen. Jeder muss doch irgendwo anfangen, stimmt’s?«
Stimmt. Nur ist für die meisten erfolgreichen Leute irgendwo nicht ausgerechnet hier.
»Vielleicht könnten wir dir wieder eine Kamera kaufen«, schlägt Betty vor und schlürft ihren Milchkaffee mit einem Strohhalm. »Ich hab in letzter Zeit so viele Doppelschichten im Diner gemacht, dass ich einmal mit der Miete nicht im Rückstand bin. Vielleicht ist dir auch aufgefallen, dass der Speck, den wir gerade verzehren, sein Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht überschritten hat. Wir schwelgen hier gerade praktisch im Luxus. Deshalb bin ich mir sicher, dass ich die Cents für eine gebrauchte Digital-Spiegelreflexkamera und ein oder zwei Objektive zusammenkratzen könnte. Also, wenn du möchtest.«
Der Vorschlag versetzt mir geradezu einen Schlag gegen die Brust. Als mir zu Beginn dieses Jahres klar wurde, wie gern ich es als Comedian schaffen würde, da kaufte Betty mir eine schöne Kamera und einen Leuchtkasten, damit ich einen eigenen YouTube-Channel ins Leben rufen konnte. Ich drehte ein paar Videos und war total begeistert. Das Ganze kam bei den Leuten auch ziemlich gut an. Ein Film verbreitete sich sogar mehr oder weniger viral. Aber es war ein langer, kalter Winter, der sich sogar bis Anfang April erstreckte, und im Martha’s war so wenig los, dass es für Betty nicht genug zu tun gab. Am Ende musste ich die Kamera im Pfandhaus verkaufen, um unsere Gasrechnung bezahlen zu können. Das war blöd, aber man tut, was man eben tun muss.
»Nee, ist schon okay«, sage ich zu Betty. »Ich werde mich jetzt für eine Weile ganz auf Drehbücher konzentrieren. Alles, was man dafür braucht, ist ein funktionierender Computer, und wenn es hart auf hart kommt, kann ich immer noch einen in der Bibliothek benutzen.« Ich lächle dankbar. »Aber trotzdem danke, ich werde dir alles zurückzahlen, wenn der Madison Square Garden für mein Stand-up-Comedy-Programm ausverkauft ist.«
Wir plaudern noch ein bisschen über meinen eigenwilligen Comedy-Stil – den absolut unkonventionellen Sinn für Humor habe ich nämlich von ihr. Sie erzählt mir auch, dass es damals, als sie noch jung war, für eine Frau als unattraktiv galt, schmutzige Witze zu erzählen oder Politiker zu veralbern und nachzumachen. Und dass sie es deshalb erst recht tun wollte.
Jedes Mal wenn ich mich dabei erwische, wie ich den Kopf hängen lasse, weil ich keine Eltern mehr habe oder unsere finanzielle Situation so angespannt ist, dann erinnere ich mich daran, was für ein Glück ich habe, weil eine so unglaubliche Frau mich großgezogen hat. Eine Frau, die mir beigebracht hat zu lachen, ohne mich darum zu kümmern, was in meinem Leben schiefläuft.
Ich liebe meine Grandma. Vor allem wenn ich ihr dabei zusehe, wie sie unseren pummeligen Dackel mit knusprigem Speck füttert und dazu ihre ganz eigene Version beliebter Kinderlieder singt. Heute ist das: »Little Bo Peep has lost her sheep and doesn’t know where to find them, largely because Little Bo Peep is fucking irresponsible and should not be in charge of livestock.« – Klein Bo Peep hat ihre Schafe verloren und weiß nicht, wo sie sich befinden, vor allem weil Klein Bo Peep so verdammt verantwortungslos ist und man ihr kein Vieh anvertrauen sollte. – Es ist schwierig, all die zusätzlichen Silben in die letzten zwei Zeilen zu pressen, aber sie schafft es tatsächlich.
Danny wartet am Tor unserer Wohnanlage auf mich, damit wir gemeinsam zur Schule gehen können. So wie wir das seit einem Jahrzehnt an jedem Werktag tun. Ich beschließe, die ganze Seltsamkeit von gestern Abend im Diner zu vergessen und sie einfach als Anomalie abzuhaken, die sich höchstwahrscheinlich niemals wiederholen wird.
»Morgen«, zwitschert er wie ein Kakadu oder so was Ähnliches. Keine Ahnung. Wie die meisten Leute, die auch noch was anderes zu tun haben, kenne ich mich bei Vogelarten nicht wahnsinnig gut aus. Und dann – DANN! – überreicht er mir einen Pappbecher mit dampfendem Kaffee. »Hab dir einen Mokka mitgebracht.«
Für sich selbst hat er keinen. Nur für mich.
Und einfach so löst sich jeder Versuch, seine plötzliche und zutiefst verstörende Persönlichkeitsveränderung zu übersehen, in nichts auf.
»Oh, äh, danke.« Als ich den Becher entgegennehme und meine Fingerspitzen seine streifen, springt er so weit zurück, als hätte ich ihm einen Elektroschock in den Schritt verpasst. Seine Tasche fällt auf den Boden, und er braucht geschätzte 98 Minuten, um sie wieder aufzuheben, so ungeschickt stellt er sich an.
»Nicht der Rede wert«, meint er grinsend. Als er sich wieder aufgerichtet hat, bekomme ich Wind von einem neuen Aftershave. Noch ein verlegenes Lächeln, dann wendet er sich ab.
Sorry, aber WTF? Danny und ich sind schon ewig befreundet, aber so habe ich ihn noch nie erlebt. Dabei haben wir eine Menge zusammen durchgemacht. Vor allem nach dem Tod meiner Eltern. Als ein Gericht noch darüber entscheiden musste, wer das Sorgerecht für mich kriegen sollte, verbrachte ich viel Zeit bei ihm zu Hause, weil seine Mutter meine Patentante ist. Wir spielten draußen unter dem Rasensprenger, rannten nur in Unterwäsche rum und spritzten uns gegenseitig mit dem Gartenschlauch nass. Ich erinnere mich, dass mir das gefiel, weil dabei keiner merkte, dass ich fast ununterbrochen weinte.
Eine Zeit lang glaubten wir alle, dass ich letztendlich bei ihnen leben würde. Die Behörden hatten nämlich Bedenken wegen Bettys schlechtem Gesundheitszustand. Fürs Protokoll möchte ich festhalten, dass ich ewig dankbar dafür bin, dass man sich schließlich doch für sie und gegen die Wells entschieden hat. Ich meine, das sind tolle Leute, dass mich da niemand falsch versteht. Aber ich kann mir nicht mal vorstellen, bei jemand anderem zu sein als Betty.
Was ich damit sagen will: Wenn irgendwem auffallen dürfte, dass Danny sich seltsam verhält, dann mir. Und er benimmt sich definitiv seltsam.
Der Rest unseres Schulwegs verläuft allerdings ziemlich ereignislos. Wir unterhalten uns über die Hausaufgaben für Geografie. Beide hatten wir Mühe, sie fertig zu kriegen, ohne in einen komaähnlichen Zustand zu verfallen. Wir diskutieren unser Abendprogramm und sind hin- und hergerissen zwischen: eine Parodie filmen oder zum millionsten Mal alle Monty Pythons gucken. Außerdem spekulieren wir darüber, welche Filme in ein paar Monaten die meisten Oscar-Nominierungen einheimsen dürften.
Er hat vergessen, eine Manschette aus Pappe für den Kaffeebecher zu nehmen. So brennt der sich im Gehen in meine Handfläche und wird dadurch unvergesslich. Wie immer treffen wir Ajita auf halbem Weg zur Schule. Sie beäugt den Kaffee, als handele es sich um eine Handgranate mit bereits abgerissenem Zünder. Keiner von uns erwähnt es, aber ich weiß, sie denkt genau dasselbe wie ich:
Was ist mit unserem besten Freund los?
Geografie ist, wie schon befürchtet, ein Schnarchfestival epischen Ausmaßes. Ich glaube, wenn ihr mir in dieser Sekunde 500000 Dollar anbieten würdet, falls ich euch sagen könnte, worum es ging, müsste ich passen. Und das will was heißen, denn mit einer halben Million Dollar könnte ich sowohl aufs College gehen als auch einen Killer bezahlen, der Donald Trump umlegt. [Das ist ja offensichtlich eine illegale Äußerung, deshalb möchte ich unbedingt klarstellen: ICHMACHEHIEREINENWITZ. Tatsächlich sollte ich sicherheitshalber (noch mal) erwähnen, dass alle juristisch zweifelhaften Sätze in dem gesamten Manuskript als Scherz gedacht sind. Ich bin mir nicht sicher, ob ich damit aus dem Schneider bin oder nicht, aber ich hoffe mal. Denn sonst muss ich ziemlich sicher ins Gefängnis. Und dort würde ich für immer verrotten, weil ich keine Geduld für eine Flucht im Stil von Die Verurteilten hätte. Es könnte aber durchaus sein, dass mein grundsätzlicher Lebenswille sich ohne Netflix sowieso innerhalb einer Woche in nichts auflösen würde.]
Als Mr Richardson an irgendeinem Punkt mit dröhnender Stimme über, nun ja, Drohnen labert, nehme ich Blickkontakt mit Carson Manning auf, der in der nächsten Reihe sitzt. Er ist ein professioneller Klassenclown, deshalb weiß ich sofort, dass ich in Schwierigkeiten stecke. Meine Fähigkeit, mir das Lachen zu verbeißen, ist nämlich nicht vorhanden.
Carson hält grinsend seinen Block hoch und zeigt mir irgendwas, das er mit Kugelschreiber an den Rand neben seine Notizen gekritzelt hat. Zuerst vermute ich, dass es ein Penis ist, denn Teenager-Jungs lieben nichts mehr, als ihre eigenen Genitalien zu zeichnen. Deshalb bin ich positiv überrascht, als ich eine zauberhafte Karikatur von Mr Richardson erkenne. Er hat riesige Hängebacken und auf dem Arm ein Tattoo von einem Alpaka. Das ist nicht deshalb witzig, weil unser Erdkundelehrer tatsächlich so ein Tattoo hat, sondern weil er uns alle dreißig Sekunden mindestens einmal an die Zeit erinnert, als er zum Trekking in Peru war und den Machu Picchu bestiegen hat.
Wie erwartet muss ich vor Lachen hässlich prusten. Aber Mr Richardson ist so beschäftigt damit, sich an das Alpaka zu erinnern, das ihm damals seinen Proteinriegel geklaut hat, dass er völlig vergisst, mich zu schimpfen.
Carson sieht über mein Gütesiegel ehrlich erfreut aus und lächelt breit, was auf seiner glatten braunen Haut kleine Grübchen erzeugt. Das schwarze Shirt, das er trägt, spannt an den Oberarmen und Schultern. Er ist der Basketballstar der Schulauswahl – und fantastisch in Form. Seine blaue Beanie sitzt ein bisschen schräg.
Obwohl wir noch nie viel miteinander geredet haben, kommt es mir vor, als würde ich Carson schon gut kennen. Ich meine, als Mensch. Ist das seltsam? Wir haben eine Riesenmenge Gemeinsamkeiten – beide würden wir für einen Lacher alles tun, und wenn an den Gerüchten auch nur ein bisschen was dran ist, dann schwimmt seine Familie auch nicht gerade in Geld. Ich meine sogar, ihn vor ein paar Jahren mal in der Suppenküche gesehen zu haben. Damals hatte Betty Gürtelrose und konnte überhaupt nicht arbeiten. [Das war eine düstere Phase für unsere Mundhygiene. Wenn man extrem knapp bei Kasse ist, dann ist Zahnpasta der erste Luxusartikel, auf den man verzichtet. Ajita schmuggelte damals ihre Tube für mich in die Schule, damit ich dem Problem noch vor der ersten Stunde Abhilfe verschaffen konnte.]
So viel zu Carson Manning. Er ist einer von den Guten. Und auch ganz nett anzusehen.
Interessante Entwicklung.
Auf dem Weg zur letzten Unterrichtsstunde am Vormittag gehen Danny, Ajita und ich noch bei meinem Spind vorbei, weil ich mir das Heft mitnehmen will, das ich letzte Woche da reingeworfen und seither nicht mehr angesehen habe. Die Flure sind ziemlich voll mit Leuten, die sich den Weg zu verschiedenen Kursen bahnen. Das Quietschen unzähliger Turnschuhe auf Linoleum hallt von den Wänden wider.
Wir erreichen den Spind, und ich stelle, ohne nachzudenken, meine Nummer ein, denn ich bin viel zu sehr damit beschäftigt zu begreifen, was zum Teufel mit meinem Kumpel los ist, den ich doch schon ewig kenne. Kaum öffne ich die Tür, fällt etwas Weiches, Dunkelrotes heraus und auf den Boden. Verblüfft bücke ich mich und hebe es auf. Es ist ein Pulli, den ich noch nie gesehen habe, auch wenn ich das vorne aufgestickte Logo sofort erkenne. Gryffindor. Mein Haus in Hogwarts.
»Was zum Teufel ist das denn?«, frage ich mich. »Wer hat den hier reingetan? Hab ich den Spind verwechselt?«
Doch da sehe ich den Geschenkanhänger neben meinen Turnschuhen im Spind. Es ist ein Geschenk.
Nur zwei Leute außer mir kennen meine Nummernkombination: Danny und Ajita.
Danny steigt von einem Fuß auf den anderen und blickt zu Boden.
Ajita zählt zwei und zwei fast so schnell zusammen wie ich. »Hey, Danny«, sagt sie mit einem fiesen Grinsen. »Erinnerst du dich noch, wie du in der vierten Klasse so aufgeregt über den neuen Harry-Potter-Film warst, dass du dich von oben bis unten vollgekotzt hast?«
Anstatt schnell zurückzufeuern, wie er das sonst tun würde, benimmt Danny sich total seltsam und irgendwie unbeholfen. Außerdem murmelt er ein paar heftige Flüche, für die er und seine gesamte Familie aus der Kirche fliegen würden.
Stirnrunzelnd stupst Ajita ihn mit der Schulter an. »Jetzt komm schon, ich hab doch nur Spaß gemacht. Obwohl, eigentlich nicht, weil du das ja wirklich getan hast. Aber das ist doch kein Grund, so auszuticken.«
Danny wirft ihr einen mörderischen Blick zu. Dann verschränkt er schnaubend die Arme und starrt weiter auf seine Füße. Du meine Güte. Wo ist bloß sein Sinn für Humor geblieben?
In dieser Mittagspause findet Dannys Berufsberatung bei Mr Rosenqvist statt. Während er also seinen Plan, trotz mittelmäßiger Noten ein Superchirurg zu werden, verteidigt, nutzen Ajita und ich die Gelegenheit, sein erratisches Verhalten in letzter Zeit durchzusprechen.
[Okay, nachdem ich aus diesem Text ein Buch mache, sollte ich natürlich alles detailliert beschreiben, damit meine Leserschaft sich die Szene bildlich vorstellen kann. Aber mal im Ernst, wir befinden uns in einer Schul-Cafeteria – ihr alle wisst doch, wie die aussehen, und wenn nicht, dann muss nicht ausgerechnet ich diese Bildungslücke bei euch schließen. Es ist laut, überall ist Plastik, und es riecht nach altem, in der Mikrowelle geschmolzenem Käse.]
Ajita beißt in ihren Veggie-Hotdog und mustert mich scharf. »Eins muss ich sagen, Dude. Und ich weiß, du wirst es cringe finden. Du wirst mir wegen deines fundamentalen Misstrauens meinem Urteilsvermögen gegenüber sicher vehement widersprechen, aber ich denke, was hier gerade passiert, ist doch ziemlich offensichtlich.«
»Ach ja?« Mein eigener – echter – Hotdog ist mit so viel scharfem Senf bedeckt, man könnte damit ein kleines Pferd töten. Meine Nasenlöcher brennen schon wie Feuer.
»Der Junge scheint ganz plötzlich draufgekommen zu sein, dass er in dich verknallt ist. Das hat ihn total unvorbereitet getroffen, weil er dich schließlich schon seit ungefähr einer Million Jahren kennt. Aber jetzt entwickelt er GEFÜHLE [The Feels] und weiß nicht, wie er damit umgehen soll.«
Ich denke kurz darüber nach. »Dann kauft er mir jetzt also diverse Getränke, neue Pullis und macht mir Komplimente für Charakterzüge, die er zuvor ausdrücklich gehasst hat, und alles in der Hoffnung, dass ich mich im Gegenzug irgendwie in ihn verlieben werde?«
Der Pulli liegt wie eine warme Katze auf meinem Schoß, doch jedes Mal, wenn mein Blick darauf fällt, kriege ich ein schlechtes Gewissen. Danny und ich haben uns immer Harry-Potter-Filme angesehen, wenn ich bei ihm übernachtete. Ajita stieß erst in der Mittelstufe zu uns, aber davor waren es immer nur Danny und ich gegen den Rest der Welt. Und Harry Potter war unser Ding. Wann immer es ging, flüchteten wir nach Hogwarts.
»Hör zu, ich habe ja nicht behauptet, dass seine Taktik besonders subtil ist«, sagt Ajita mit vollem Mund, wobei Brotkrümel in alle Richtungen fliegen. Sehr hübsch. Ich wünschte, ich hätte einen Regenschirm oder was anderes Schützendes. »Ich glaube nur, dass er gerade in Liebesdingen ganz schönen Druck hat.«
Bevor ich mein Entsetzen und absoluten Widerwillen angesichts der Situation zum Ausdruck bringen kann, knallt ein extrem großes Mädchen, das ich nicht kenne, ihr Tablett neben Ajita und lächelt vertraulich. Sie hat irre gelocktes kastanienbraunes Haar und blasse Wangen voller Sommersprossen.
»Hey, Ajita«, sagt sie fröhlich. »Hey, Izzy.«
Äh, Entschuldigung?
