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Obwohl Alea gemeinsam mit den Brüdern Tajo und Matteo sowie ihrem neuen Verbündeten Luca die Menschheit vor der Vernichtung bewahren konnte, geht ihr Wunsch nach einem ruhigen Leben noch nicht in Erfüllung. Die unerwartete Suche nach einem unbekannten Erbstück des Hauses Azuro stellt sie immer wieder vor sonderbare Rätsel. Um sämtliche Geheimnisse zu lüften, macht sie sich erneut auf einen gefahrvollen Weg. Währenddessen ändern ihre Gegner die Taktik, wodurch sie Alea gefährlich nahekommen. Nicht mehr die Jagd auf sie und ihre Verfolgung stehen im Vordergrund, sondern Täuschung und Tarnung. Beides bringt Alea in höchste Bedrängnis. Das ausgeklügelte und listenreiche Spiel ihrer Gegner treibt sie bis an den Rand des Todes und bedroht die Menschheit mit einer unberechenbaren Gefahr. Was wird passieren, wenn sich die Macht aller drei Häuser, Turkeso, Azuro und Lunara, in einer einzigen Person vereinigt? Wird Frieden herschen oder Tod und Zerstörung? Alea ist gezwungen, es hautnah mitzuerleben. ***** Band 1: Türkis ist nicht nur eine Farbe, Band 2: Silber leuchtet nicht nur der Mond, Band 3: Blau schimmert nicht nur ein Saphir
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
PROLOG
VOR DREI WOCHEN
Der Maskenball
AZURS ERBE
Die Ahnengruft
Die Botschaft
Der Ring
DIE TÄUSCHUNG
Falsche Gefühle
Tödliche Gier
Blau schimmert nicht nur ein Saphir
Lorena Liehmar
Wünsche sind der Ursprung unserer Träume und die Flügel unsere Fantasie.
IMPRESSUM
Band 3
Dies ist eine fiktive und frei erfundene Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Texte Copyright © 2021 Lorena Liehmar, [email protected]
Lektorat Gisela Breiter, Korrektorat Liara RamheilBildmaterialien Copyright © 2021 Lorena Liehmar, erstellt durch Ximo Matou
Alle Rechte vorbehalten.
„Hilf mir Tajo, bitte!“, flehte Alea kraftlos. Aber er war nicht bei ihr. Sie war allein und in diesem tragischen Moment der einsamste Mensch auf der Welt. Verzweifelt versuchte sie, ihn mit ihrer leisen Bitte herbeizurufen. Ihre letzte Hoffnung galt dem irrationalen Wunsch, dass er spüren würde, in welcher lebensbedrohlichen Gefahr sie schwebte. Instinktiv wusste sie, dass ihr nur noch wenig Zeit blieb, bevor ihr Bewusstsein für immer in einer undurchdringlichen Dunkelheit versank. Noch gab sie die Hoffnung nicht auf, dass ihn ihr inständiges Flehen auf irgendeine unerklärliche Art und Weise erreichen könnte. Dringend benötigte sie seine Hilfe. Ohne seine rettenden Heilkräfte würde sie sterben und er sie für immer verlieren. Ihr frisches Blut tränkte den Boden unter ihr. Es besudelte das unschuldige Weiß der glänzenden Fliesen, auf denen sie in sich zusammengesunken reglos dalag. Alea spürte, wie das Leben Tropfen für Tropfen aus ihrem geschwächten Körper sickerte. Wie ein beständiger Strom quoll der rote Lebenssaft unermüdlich aus ihrem verletzten Oberkörper hervor. Der unerträgliche Schmerz in ihrer Brust und in ihrem Rücken vernebelte allmählich ihre Sinne. Es fühlte sich an, als ob ihr Brustkorb mit einem Fleischerhaken in tausend Stücke zerrissen würde. Ein gequältes Stöhnen entfloh ihren zitternden Lippen. Deutlich spürte sie die Kälte des Bodens unter ihren kraftlosen Händen. Es gelang ihr nicht, nur einen einzigen Finger zu krümmen. Sie war bereits zu schwach. Während das Leben unaufhörlich aus ihrem erschlaffenden Körper floss, zogen die letzten Minuten ihres Lebens in Windeseile an ihrem inneren Auge vorbei. Alea sah sich mit vor Staunen geöffnetem Mund das runde und anmutige Bauwerk betreten. Es ähnelte stark einem überaus eleganten Pavillon, der auf dem Wasser zu schweben schien. Wie ein kostbares Kleinod bot es sich ihren neugierigen Blicken dar. Ehrfürchtig bewunderte sie seine faszinierende Pracht. Seine Außenwände bestanden aus zahlreichen, zierlichen, weißen Säulen, die kunstvoll mit silbernen Ornamenten geschmückt waren. Wie anmutige Blütenranken wanden sie sich von der Decke bis zum Boden hinab. Das feine Muster setzte sich auf den weißen Fliesen fort und schlängelte sich in filigranen, silberglänzenden Linien über den gesamten Fußboden. Zwischen den Säulen waren bodentiefe Glasfenster eingelassen, die am oberen Ende in weichen Rundbögen die gewölbte Decke zu tragen schienen. Einem Sternenhimmel gleich funkelten unzählige silberne Lämpchen auf sie herab. Geschickt in der schneeweißen Decke des Raumes versteckt, verströmten sie ein warmes und heimeliges Licht. Staunend stand Alea inmitten der riesigen Eingangstür, deren Flügel weit geöffnet waren. Beim Anblick der erlesenen Möbelstücke, die auf wunderbarste Art und Weise mit dem feinen, weiß-silbernen Muster der Säulen und des Bodens harmonierte, verschlug es ihr die Sprache. Auf einen Schlag fühlte sie sich in eine traumhafte Märchenwelt versetzt. Mehrere zierliche Liegen, Stühle und Tischchen sowie halbhohe Kommoden erweckten den Eindruck eines kleinen Palastes. Wie das gesamte Bauwerk waren auch die eleganten Möbel gänzlich in Weiß und Silber gehalten. Lediglich das zarte Vanillegelb der Polster und der dutzenden weichen Kissen hob sich als sanfter Farbtupfer davon ab. Riesige, bunte Blumensträuße thronten in bauchigen Vasen auf den verschiedenen Tischen und verströmten einen betörenden Duft. Wie unsichtbarer Nebel erfüllte der zarte Geruch die Luft im ganzen Raum. Die kräftigen Farben der üppigen Blütenkelche hoben sich wie ein leuchtendes Feuerwerk vom milchigen Weiß der Inneneinrichtung ab. Zartgelbe Rosenblätter übersäten den schimmernden Boden und verliehen dem Betrachter das Gefühl, auf einer riesigen Wolke aus Blüten zu schweben. Überall funkelten verschieden große Kristalle, in denen sich das Licht in sämtlichen Regenbogenfarben brach. In einem unendlichen Meer aus blitzenden Glassteinen verwandelten sie den gesamten Innenraum in ein riesiges Kaleidoskop. Wie verzaubert bewunderte Alea diesen Ort der vollkommenen Harmonie und der friedlichen Stille. In diesem glücklichen Moment fühlte sie sich so leicht wie eine Feder und völlig der Realität entrückt. Ganz langsam hob sie den Blick und ließ ihn über den atemberaubenden Lichterhimmel schweifen. Wie winzige Sterne funkelten die unzählbaren Lichtpunkte auf sie herab und brachten den Innenraum zum Strahlen. Es kam ihr vor, als ob sie soeben ein geheimes, von der Welt abgeschiedenes, kleines Schloss betreten hätte. Noch immer verharrte sie bewegungslos in der Nähe des Eingangs. Sie traute sich kaum, einen Schritt in das prachtvolle Innere zu setzen. Wie ein unliebsamer Eindringling scheute sie davor zurück, diese fremde Welt zu betreten. Nur mühsam konnte sie ihren Blick von den schillernden, silbernen Blütenranken und den funkelnden Kristallen abwenden. Unvermittelt fiel ihr wieder der Grund ihrer Anwesenheit in diesem wundervollen und eleganten Palais ein. Wie aus einer Trance erwachend fuhr sie sich mit der Hand über ihre Augen. Schlagartig setzte ihre Erinnerung ein. Augenblicklich verstärkte sich ihr Griff um die runde Kugel aus azurblauem Edelstein, die sie mit ihrer rechten Hand fest umschlossen hielt. Dieses wertvolle Juwel war der Grund für ihre Anwesenheit in diesem außergewöhnlichen, palastartigen Raum. Sofort zog die Kugel ihre volle Aufmerksamkeit auf sich. Mit angewinkeltem Ellenbogen hob sie das runde Behältnis vor ihre Brust, um dessen seltene Schönheit ein allerletztes Mal ausgiebig zu bewundern. Im Schein der warmen Deckenbeleuchtung schimmerte die Kugel in einem hellen, edlen Königsblau. Der geschlossene Deckel war mit einem feinen Netz aus goldenen Linien verziert, während winzige Blüten aus Silber die untere Hälfte schmückten. Andächtig fuhr Alea mit ihren Fingerspitzen die zarten goldenen Linien nach. Fasziniert spürte sie, wie sich der kostbare Edelstein in ihre Handfläche zu schmiegen schien. Wie gebannt starrte sie auf die Kugel, die beschützend ihren unbezahlbaren Inhalt umschloss und ihn vor gierigen Blicken verbarg. Das kräftige Blau des Azurit-Gesteins erinnerte Alea an Tajos Portalstift und an seine ausgefallene Augenfarbe, die sie so sehr liebte. Dieser schimmernde Edelstein trug für die Nachkommen des Hauses Azuro eine besondere Bedeutung in sich. Mit Herzblut hingen sie an dem Vermächtnis ihrer Ahnen. Und nun musste sie sich von diesem überaus wertvollen Kleinod trennen. Am liebsten hätte sie diese geheimnisvolle Kugel für immer behalten. Wie ein schutzbedürftiges, kostbares Juwel schmiegte sie sich in ihre Hand. Es erschien ihr, als ob die Kugel ihr zurief, dass Alea sie um jeden Preis auf der Welt beschützen sollte. Allein schon wegen ihres mysteriösen Inhalts, der seinem ausgefallenen Behältnis weder an Schönheit noch an Wert in nichts nachstand. Bedauernd strich Alea ein letztes Mal mit ihrem Finger über die zarten goldenen Linien und das schimmernde Blau. Der Edelstein fühlte sich auf ihrer Haut sonderbar warm und magisch an. Es erschien ihr, als ob der blaue Stein unter ihren Fingerspitzen sie zum allerletzten Mal davor warnen wollte, die Kugel aus der Hand zu geben. In einem letzten aufkeimenden Zweifel presste sie das erlesene Behältnis fest an ihre Brust. Plötzlich spürte sie ein grauenhaftes Brennen in ihrem Rücken und zugleich zwischen ihren Rippen. Das leise, ploppende Geräusch, das ihrem qualvollen Schmerz unmittelbar voranging, hörte sie nicht. Es fühlte sich an, als ob soeben ein Sprengkörper in ihren Brustkorb eingedrungen und explodiert war. Augenblicklich sank Alea hilflos zu Boden. Im Bruchteil einer Sekunde knickten ihre Beine unter ihr ein. Den unsanften Aufprall ihres Körpers auf dem harten Boden nahm sie kaum wahr. Bewegungslos blieb sie liegen. Wie betäubt registrierte sie, dass die blaue Kugel ihrer schlaffen Hand entglitt. Mühsam versuchte sie mit den Augen die kullernde Kugel zu verfolgen. Vergeblich. Sie rollte unaufhaltsam davon und war bereits aus ihrem Sichtfeld verschwunden. Verzweifelt versuchte sie, ihre Hand zu bewegen. Sie gehorchte ihr nicht mehr. Alea schloss die Augen. Sie fühlte die kalten Fliesen an ihrer Wange und den brennenden Schmerz in ihrer Brust. Ihr rotes Blut tropfte unermüdlich aus ihrem kraftlosen Körper. Ihr verzweifelter Hilfeschrei erstarb auf ihren blassen Lippen. Ihr letzter Gedanke galt ihrem Liebsten. Dann verlor sie das Bewusstsein.
„Was? Elias Lunara ist tot? Das kann doch nicht sein!“ Fassungslos starrte Alea den Überbringer dieser ungeheuerlichen Botschaft an. Die überraschten Laute ihrer Eltern sowie von Tajo und Matteo vermischten sich mit ihrem eigenen bestürzten Aufschrei. Fünf Augenpaare fixierten Luca Lunara voller Entsetzen, der gemeinsam mit ihnen im privaten Wohnzimmer von Aleas Eltern saß. Jeder von ihnen konnte die fassungslose Bestürzung in den Augen der anderen erkennen. Obwohl Elias ihr Feind war und ihnen Schlimmes angetan hatte, war er dennoch viel zu jung zum Sterben. Zudem hatten sie vom Tod genug. Noch immer waren sie in ihrer tiefen Trauer um ihren gemeinsamen Freund gefangen. Wie sechs deplatzierte, schwarze Punkte hoben sie sich von dem hellen Holz und den warmen Farben des gemütlichen Innenraums ab. Noch immer trugen sie schwarze Kleidung und trauerten gemeinsam um André, der nicht mehr unter ihnen weilte. Zu ihrer aller Überraschung hatten sie in Luca einen neuen Freund und starken Verbündeten gefunden, der durch die dunkle Kleidung und seinen grimmigen Gesichtsausdruck an diesem Tag einen besonders düsteren Eindruck erweckte. Seine groben Gesichtszüge zeigten eine Mischung aus Bestürzung und Erleichterung. Obwohl er selten deutliche Gefühlsregungen erkennen ließ, konnte Alea ihm dennoch an seiner verstörten Miene ablesen, wie sehr ihn die aktuellen Ereignisse beschäftigten. Immerhin war Elias ein Verwandter von ihm, auch wenn er den dunklen und gefährlichen Zweig der verwandtschaftlichen Beziehungen verkörperte. Um genau zu sein, war er sogar Lucas Cousin, über dessen Existenz er bis vor wenigen Tagen keinerlei Kenntnis besaß. Umso erschreckter zeigte sich Luca, dass Elias nun ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilte – wie sein Vater. Beide starben eines nicht ganz natürlichen Todes. In diesem Zweig der Familie schien die bösartige Seite der Menschen eindeutig die Oberhand zu gewinnen und forderte gnadenlos seine Opfer ein. Erschüttertes Schweigen herrschte nach Lucas überraschender Verkündung im Raum. Tajo war der Erste in ihrer Runde, der sich von der unerwarteten Nachricht am schnellsten erholte. „Was ist geschehen, Luca? Weshalb ist Elias tot?“, fragte er bestürzt mit rauer Stimme. „Er ist vergiftet worden“, antwortete Luca und seine düstere Miene verfinsterte sich nochmals um eine Spur. Alea schnappte hörbar nach Luft. „Vergiftet?“ Schockiert zog sie das einzelne Wort in die Länge. „Von wem?“ „Weshalb?“ „Mit welchem Gift?“ „Wo? Doch nicht in seinem Haus?“ „Wann genau?“ „Gibt es Hinweise auf den Täter?“ „Kannte er den Täter sogar?“ „Von wem wurde er gefunden?“ „Laufen die Ermittlungen schon?“ „Was war das Motiv?“ Fünf erregte Personen bombardierten Luca gleichzeitig mit ihren neugierigen Fragen. Um Geduld mahnend hob er seine Hand. Alles, was er an spärlichen Informationen besaß, war er bereit, mit seinen wissbegierigen Zuhörern zu teilen. „Wir konnten bisher folgende Dinge erfahren“, setzte er zu einer ausführlichen Berichterstattung an. „Es handelte sich um ein sehr schnell wirkendes Gift. Vermutlich hatte er nach der Verabreichung nur noch ungefähr fünf Minuten zu leben.“ Seine aufmerksamen Zuhörer sogen hörbar die Luft ein. „Ja, aber …, wie ist er denn überhaupt vergiftet worden?“, fragte Aleas Mutter, Königin Isabel, fassungslos. „Ihm wurde eine Injektion in den Handrücken verabreicht“, erklärte Luca bereitwillig. „Das bedeutet, dass der Mörder zwangsläufig ganz nah an ihn herangekommen sein musste …“, überlegte Tajo laut. „Ja, das stimmt und es bedeutet darüber hinaus, dass er seinen Mörder vermutlich gut kannte“, zog Luca als Schlussfolgerung daraus. „Von seiner Haushälterin hat die Polizei erfahren, dass er nicht oft Besucher in seinem Haus empfing“, fügte er an. „Sie meinte auch, dass er außer gelegentlichen nächtlichen Gespielinnen nur die Menschen, denen er vertraute, in sein Haus einließ“, ergänzte er mit einem bestätigenden Kopfnicken. „Außerdem handelt es sich mit Sicherheit nicht um einen Einbruch, denn es fehlen keine offensichtlichen Wertgegenstände“, führte Luca weiter aus. „Sogar seine überaus wertvolle Sammlung an Miniaturrennwagen wurde nicht angetastet und die sind wahrlich im Überfluss mit kostbaren Edelsteinen und Diamanten verziert.“ „… und die hätte jeder Einbrecher und Dieb als leichte und wertvolle Beute sofort mitgehen lassen“, fügte Alea nachdenklich an. Diese sündhaft teure Sammlung kannte sie nur zu gut. In Gedanken sah sie die funkelnden Modelle in der großen Glasvitrine direkt vor sich stehen. Bei ihrem eigenen unerlaubten Eindringen in Elias Anwesen war sie selbst wie verzaubert vor diesen wunderschönen, mit unzähligen Juwelen geschmückten Kostbarkeiten gestanden. Nur schwer konnte sie sich damals aus deren faszinierendem Bann lösen. „Wenn es kein Einbruch wegen Geld oder Ähnlichem war, dann ist das Ganze schon sehr merkwürdig und mysteriös“, stellte Aleas Vater argwöhnisch fest. „Es sieht so aus, als ob sein Tod einen ganz anderen Grund hatte“, rätselte Matteo und rieb sich nachdenklich das Kinn. „Ja. Außerdem wird Gift sehr häufig eingesetzt, wenn eine emotionale Bindung zwischen dem Opfer und dem Täter bestand“, sprach Tajo seine Gedanken laut aus. „Es wird doch nicht eine seiner Gespielinnen gewesen sein, die sich von ihm falsch behandelt und grob abserviert gefühlt hat?“, äußerte Königin Isabel ihren schrecklichen Verdacht. „Ich denke, dass zum jetzigen Zeitpunkt keine Möglichkeit auszuschließen ist“, meinte Luca und verschränkte seine Finger fest ineinander. Obwohl er äußerlich relativ ruhig wirkte, schien er in seinem Inneren alles andere als gelassen zu sein. „Die Polizei hat ihre Ermittlungen gerade erst aufgenommen und die Ergebnisse lassen noch auf sich warten.“ Mit einer fahrigen Bewegung fuhr sich Luca durch sein Haar. „Wir werden uns zwangsläufig noch gedulden müssen, um Antworten auf unsere Fragen zu bekommen“, stellte Aleas Vater missmutig fest. „Obwohl er ein äußerst gefährlicher Gegner war, hatte er den Tod in so jungen Jahren nicht verdient“, fügte König Tarro noch an und ein Hauch von Mitgefühl schwang in seiner dunklen Stimme mit. „Auf der anderen Seite wissen wir auch nicht, was er alles noch mit dem Stab und den anderen Artefakten angestellt hätte“, sagte Matteo in nüchternem Tonfall. Sein Mitgefühl hielt sich eindeutig in sehr überschaubaren Grenzen. Zu deutlich stand ihm sein Kampf auf Leben und Tod mit seinem eigenen Bruder vor Augen, für den allein Elias verantwortlich war. „Übrigens, weil wir gerade von den Artefakten sprechen. Was ist denn mit denen geschehen?“, fragte er neugierig. Luca und alle anderen wussten sofort, welche Gegenstände er damit meinte. „Nichts davon konnte gefunden werden“, antwortete Luca rasch. Seine Bestürzung über diese unheilvolle Tatsache war ihm deutlich anzusehen. „Nichts? Also kein silbernes Kästchen, kein Metallstab, kein silbernes Amulett und auch nicht Aleas goldenes Kästchen mit ihrem Armreif?“ Entsetzt presste Tajo die Worte hervor. Erst vor Kurzem hatte er Alea sein Wort gegeben, dass sie gemeinsam nach dem Armreif suchen und ihn finden würden. Diese Nachricht erschwerte das Einlösen seines Versprechens enorm. Seine Schuld am Verschwinden des Armreifs lastete noch immer wie ein tonnenschwerer Felsbrocken auf ihm. „Nichts davon ist in Elias Haus auffindbar gewesen“, bestätigte Luca nochmals und schüttelte bedauernd den Kopf. „Aber, … wurde denn danach auch gründlich genug gesucht?“, fragte Aleas Mutter aufgebracht. „Niemand außer uns weiß um diese gefährlichen Gegenstände und er wird sie auch nicht einfach offen in seiner Wohnung ausgestellt haben.“ Luca nickte bestätigend mit dem Kopf. „Alina hat in Abstimmung mit den Ermittlern zwei absolut vertrauenswürdige Personen ihres eigenen Sicherheitspersonals danach suchen lassen. Sie konnten nicht ein einziges Stück davon finden“, erklärte Luca und legte seine Stirn in sorgenvolle Falten. „Das bedeutet nichts Gutes …“, murmelte Alea leise und ihr schwante Böses. „Wer könnte die Gegenstände an sich genommen und Elias vergiftet haben?“, fragte Tajo, dessen Gesichtsfarbe eindeutig eine Spur blasser geworden war. „Die Ermittler haben noch keinerlei Spuren oder Hinweise auf den Täter gefunden“, beantwortete Luca die Frage. „Dazu ist es einfach noch zu früh.“ Hörbar atmete er aus. „Allerdings ist zeitgleich mit dem Mord an Elias auch seine Privatsekretärin verschwunden und bisher nicht wieder aufgetaucht“, ergänzte er nachdenklich. „Das ist aber schon sehr merkwürdig …“, sagte Matteo gedehnt. „… aus meiner Sicht kann das kein Zufall sein.“ Grübelnd zog er seine Augenbrauen zusammen. „Entweder ist sie ebenfalls ein Opfer oder sie ist selbst die Mörderin von Elias“, sprach er seine Gedanken laut aus. „Aber, wenn sie die Mörderin wäre, weshalb sollte sie dann Elias umgebracht haben? Welches Motiv hätte sie gehabt?“, fragte Tajo und hob seine offene Hand in einer ratlosen Geste. „Hm, das ist eine gute Frage. Tatsache ist, dass wir bisher nichts darüber wissen.“ Besorgt blickte Luca in die Runde. „Das Einzige, was wir über sie wissen, ist, dass sie sehr tüchtig, zuverlässig und verschwiegen war“, ergänzte er. „Diese Informationen haben wir von Elias Geschäftsführer erhalten, der alle Firmen aus dem Imperium seines Vaters in seinem Namen fortführt.“ „Wer erbt denn nun dieses ganze Imperium und das riesige Vermögen?“, fragte Alea neugierig. „Auch das ist eine gute Frage, auf die wir derzeit noch keine Antwort wissen.“ Lucas Achselzucken zeugte von seiner Ratlosigkeit. „Allerdings wird der Geschäftsführer wie bisher die Unternehmen einfach weiterführen. Er scheint ein sehr fähiger und kompetenter Mann zu sein“, fügte Luca geistesabwesend hinzu. Für wenige Minuten herrschte ein beklemmendes Schweigen im Raum. Jeder beschäftigte sich mit Lucas Informationen und versuchte zu ergründen, welche Auswirkungen diese für ihre eigenen Pläne bedeuteten. Beunruhigt und sorgenvoll blickte Alea zu Luca hin. Taxierend musterte sie seine besorgten Gesichtszüge. „Das sind alles andere als gute Nachrichten, Luca“, kommentierte sie die aktuelle Lage. Sie fröstelte. Unbehaglich rutschte sie auf ihrem Sitzplatz hin und her. „Vor allem bedeuten sie, dass wir wie nach Alexander Lunaras Tod nicht wissen, in wessen Besitz sich die gefährlichen Gegenstände befinden.“ Voller böser Vorahnung blickte sie von einem zum anderen. Sorgenvolle Gesichter blickten ihr entgegen. „Zudem wissen wir nicht, ob der neue Besitzer um die gewaltige Macht der Objekte weiß“, fuhr sie fort. „Falls ja, hätten wir das nächste Problem ….“ Ihre Stimme klang alarmiert. „Außerdem haben wir keine Ahnung, wo wir mit der Suche nach meinem Armreif beginnen sollen.“ Frustriert starrte sie auf ihre Schuhspitzen hinab. In diesem Moment fühlte sie sich so hilflos, als ob sie sich in einem riesigen Irrgarten verlaufen hätte und den rettenden Ausgang nicht mehr finden konnte. Betrübt und zutiefst beunruhigt verschränkte sie ihre kalten Finger ineinander. „Was sollen wir nun bloß tun?“, fragte sie entmutigt. Niedergeschlagen ließ sie ihren Kopf hängen. „Im Moment können wir nur abwarten, zu welchen Ergebnissen die Ermittlungen führen werden“, meinte ihr Vater bedrückt. „Vielleicht liegen nach deren Abschluss entsprechende Hinweise vor, auf deren Basis wir mit der Suche nach deinem Armreif und dem Metallstab beginnen können.“ In Lucas Stimme war seine eigene Hilflosigkeit und Niedergeschlagenheit deutlich herauszuhören. Seine Zuhörer nickten ihm notgedrungen zustimmend zu. Keinem von ihnen fiel in diesem Moment eine bessere Idee ein. Geduldig und tatenlos die weiteren Geschehnisse abzuwarten, war derzeit garantiert nicht die Lieblingsbeschäftigung aller Anwesenden. Geknickt suchte Alea Tajos Blick. Mitfühlend streckte er seine Hand nach der ihrigen aus. Während seine Finger liebevoll ihre Hand umschlossen, streichelte er zärtlich die weiche Haut auf ihrem Handrücken. Zwischen ihnen waren sämtliche belastenden Unstimmigkeiten ausgeräumt worden, die Elias verhängnisvollem Bann geschuldet waren. Auch wenn ihr Herz noch schwer von der Trauer über Andrés Ableben war, so half ihr Tajos innige Liebe dabei, Schritt für Schritt die Dunkelheit in ihrem Inneren zu verdrängen. Fürsorglich und liebevoll kümmerte er sich um sie und schenkte ihr all seine Liebe und Zärtlichkeit, zu der er fähig war. Seine wohltuende Gegenwart übte wie in der Vergangenheit eine beruhigende Wirkung auf sie aus. Neben einem Geliebten für leidenschaftliche Stunden hatte sie in ihm auch einen wahren Freund gefunden. An seiner starken Schulter konnte sie sich anlehnen und vorbehaltlos stand er immer zu ihr. Die dunklen Schatten der Vergangenheit fingen allmählich an zu verblassen. Nur zu deutlich war ihr bewusst, welches Glück sie in Tajo gefunden hatte. Umso mehr schätzte sie seine tiefe Liebe und zärtliche Fürsorge für sie. Allerdings machte sie sich in diesem Augenblick keinerlei Hoffnung auf ein ruhiges und beschauliches Leben in absehbarer Zeit mit ihm. Solange sie ihren Armreif nicht wiedergefunden hatte, blieb ihr ein sorgenfreies Leben verwehrt. Zumindest hoffte Alea auf baldige bessere Zeiten, in denen die Trauer und der Schmerz über Andrés Verlust erträglicher sein würden. So furchtbar sein Tod auch für sie war, das Leben aller anderen ging unaufhaltsam weiter. Jeden Tag verblassten die Erinnerungen an die schrecklichen Geschehnisse immer mehr. In ihren Herzen würde er jedoch für immer weiterleben. Sie würden weder ihn noch das, was er unter Einsatz seines eigenen Lebens für sie alle getan hatte, jemals vergessen. Tajos lautes Räuspern riss Alea aus ihren trüben Gedanken. Noch immer streichelte er sanft die zarte Haut auf ihrem Handrücken. „Während wir auf die Ergebnisse aus der Ermittlungsarbeit warten, sollten wir uns allerdings noch mit etwas ganz anderem beschäftigten“, fing er entschieden an zu sprechen. Fragend und erstaunt blickte Alea ihm in die Augen. „Beinahe hätten wir vergessen, dass in ein paar Tagen ein besonderes Ereignis in Alterra ansteht.“ Ein kleines Lächeln umspielte seine vollen Lippen. Verständnislos blickte sie in seine liebevollen Augen. Irritiert beobachtete sie, dass ihre Eltern, Matteo und Luca nach einem kurzen Zögern ebenfalls ihre Mundwinkel zu einem scheuen Lächeln verzogen. Ihr dämmerte, dass sie anscheinend die Einzige war, die mit Tajos rätselhafter Bemerkung nichts anzufangen wusste. Verdutzt ließ sie ihren Blick von einem zum anderen schweifen. „Von was sprichst du denn, Tajo?“, fragte sie ihn als einzige Nichteingeweihte argwöhnisch. „Nun ja, einmal im Jahr veranstaltet das Haus Azuro einen Ball zu Ehren unserer Vorfahren und in Gedenken an alle, die nicht mehr unter uns weilen“, setzte Tajo zu einer Erklärung an. Noch immer starrte sie ihn verständnislos an. „In Alterra obliegt es seit jeher den Nachfahren von Azur, den Toten zu gedenken. Dies geschieht in Form eines großen Maskenballs“, fuhr er fort. „Anstatt zu trauern, erinnern wir uns an unsere Verstorbenen, indem wir gemeinsam unsere Vielfalt und das kostbare Leben feiern“, ergänzte er und legte eine kurze Pause ein. „Durch bunte Masken und Kostüme bringen wir unsere Lebensfreude zum Ausdruck. Mit Musik und Tanz ehren wir unsere Vorfahren und Verstorbenen“, fuhr Matteo fort. „Auf diese Art erweisen wir ihnen unseren Respekt und bringen unsere Wertschätzung ihnen gegenüber zum Ausdruck.“ Mit großen Augen blickte Alea ihre Eltern an, die mit einem kräftigen Kopfnicken die Worte der beiden Brüder bestätigten. „Ja, das stimmt, Alea. Das gebieten unsere Traditionen. In diesem Jahr haben wir durch Andrés unerwarteten Tod sogar noch einen Grund mehr dazu, unsere Verstorbenen zu ehren.“ Die Stimme ihres Vaters klang heiser und rau. Auch er kämpfte mit der aufwallenden Trauer um seinen langjährigen Freund. Alea atmete hörbar ein und aus. Ihre Augen huschten unruhig von einem zum anderen. Sie fühlte sich zwiegespalten. „Eine Feier zum jetzigen Zeitpunkt? Ist das wirklich so eine gute Idee?“, fragte sie zweifelnd. Deutlich war ihr anzumerken, dass ihr derzeit die Begeisterung für einen großen Ball noch fehlte. „Der Ball wird auf jeden Fall stattfinden, denn auf unseren persönlichen Verlust können wir keine Rücksicht nehmen. Das schulden wir unseren Vorfahren und allen Bewohnern von Alterra“, antwortete ihr Vater bestimmt und straffte instinktiv den Rücken dabei. In diesem Moment war er ganz und gar der König und Staatsmann, der Verpflichtungen zu erfüllen hatte, und zwar unabhängig von seinem persönlichen Empfinden. Auch wenn ihm selbst nicht der Sinn nach einer großen Feier stand, musste er nach außen hin seine Pflichten wahrnehmen. Alea schluckte hörbar. In ihr tobte ein heftiger Widerstreit zwischen der Ablehnung einer Feier, die aus ihrer Sicht viel zu früh kam, und dem berechtigten Argument ihres Vaters. In diesem Moment wurde ihr nur zu deutlich bewusst, dass sie als Prinzessin von Turkeso ebenfalls Pflichten zu erfüllen hatte und nicht mehr nur eine unbedeutende Privatperson war. Zu ihrem neuen Leben in Alterra gehörten nicht nur die angenehmen Dinge, sondern auch manch heikle Aufgabe, der sie nun nicht mehr ausweichen konnte. Fünf forschende Augenpaare waren unentwegt auf sie gerichtet. Ihre Mutter versuchte sich an einem zaghaften, aufmunternden Lächeln, das sie ihrer widerstrebenden Tochter schenkte. Wie immer schien sie durch ihre mütterlichen Instinkte zu fühlen, was Alea belastete. „Alea, wir wissen auch, dass der Ball für uns zu früh kommt. Aber ich denke, André würde nicht wollen, dass wir wegen ihm mit unseren Traditionen brechen. Im Gegenteil, vermutlich würde er uns dazu sogar ermuntern.“ Die Königin konnte lebhaft nachvollziehen, was in ihrer Tochter vorging und mit welchen kontroversen Gefühlen sie innerlich kämpfte. „Außerdem denke ich, dass uns allen die Teilnahme an dem Maskenball guttun wird. André würde wollen, dass wir uns von unserer Trauer um ihn etwas ablenken.“ Mitfühlend blickte sie Alea in die Augen und unterstrich ihre Worte mit einem sanften Kopfnicken. Dankbar für ihre Unterstützung lächelte Tajo Aleas Mutter an. „Dieser Meinung schließe ich mich voll und ganz an“, erklärte er zustimmend und drückte zärtlich Aleas Hand. Seine Augen ruhten hoffnungsvoll auf ihr. Natürlich würde er sie nicht gegen ihren Willen zu ihrer Anwesenheit beim Ball zwingen. Inbrünstig hoffte er auf eine positive Antwort von ihr. „Ja, ich bin auch derselben Meinung…“, fügte Matteo an und warf seinem älteren Bruder einen verschwörerischen Blick zu. „… und ich teile ebenfalls diese Ansicht, obwohl ich André nicht so gut gekannt habe wie ihr alle“, schloss sich Luca einvernehmlich an. Nachdenklich brütete Alea über die verschiedenen Standpunkte und wägte nochmals stumm alle Argumente dafür und dagegen ab. Schließlich fügte sie sich schweren Herzens und gab ihre innere Abwehrhaltung auf. Zudem stellte sie erstaunt fest, dass ein klitzekleiner vorwitziger Funke der Neugier unvermittelt in ihr aufflammte. Schon sprudelte die erste Frage ungehemmt über ihre Lippen. „Wer nimmt denn an diesem Ball teil und wie viel Leute kommen zum Feiern?“, fragte sie nun sichtlich interessiert. „Nun ja, an dem Ball selbst, der in einem besonderen Veranstaltungsort in unserer Hauptstadt stattfinden wird, nehmen ungefähr eintausendfünfhundert geladene Gäste teil“, erklärte ihr Matteo bereitwillig. „Außerdem finden überall in Alterra kleinere und ähnliche Maskenbälle statt, um möglichst vielen Bewohnern die Teilnahme zu ermöglichen“, ergänzte er. „Allerdings nehmen die Familien der Staatsoberhäupter von Turkeso, Azuro und Lunara nur an dem großen Maskenball teil, zu dem die Gäste extra eingeladen werden“, erklärte Tajo ihr und tätschelte unentwegt ihren Handrücken. „Wie du siehst, Alea, können wir uns einer Teilnahme an dem Ball gar nicht entziehen, da unser Erscheinen zwingend erforderlich ist“, fügte Aleas Vater mit Nachdruck an. „Außerdem gehört neben unserem Erscheinen auch noch etwas anderes zur jahrelangen Tradition der drei regierenden Häuser, dem wir jedes Jahr bereitwillig nachkommen.“ Fragend blickte Alea ihren Vater an, der eine kleine Pause einlegte, um die Spannung für sie zu erhöhen. „Ja, das stimmt“, pflichtete Luca ihm spontan bei. „Die Einzigen, die an dem Maskenball zu erkennen sind, sind die Familienmitglieder der drei Regierungshäuser, denn es gehört ebenfalls zu unserer Tradition, dass wir in unseren typischen Farben erscheinen“, erläuterte ihr Luca und seine ernste Miene erhellte sich ein klein wenig. „Ja, so ist es. Dein Vater und ich tragen Kostüme, in denen die Farbe Türkis vorherrscht. Tajo, Matteo und ihre Eltern tragen Kleidung in leuchtendem Azurblau und Luca, Alina und der Rest ihrer Familie glänzen jedes Jahr in hellem Silber“, ergänzte Aleas Mutter die Details. Mit großen Augen und gespitzten Ohren verfolgte Alea die aufschlussreichen Ausführungen ihrer Familie und ihrer Freunde, zu denen inzwischen auch Luca fest dazugehörte. Ihr brannte bereits die nächste Frage auf der Zunge. „Ihr sprecht von Kostümen, die die Ballgäste tragen. Wie muss ich mir diese vorstellen?“, fragte sie neugierig. Allmählich erwachte in ihr das weibliche Interesse an schöner, festlicher Kleidung. „Da es sich um einen eleganten Ball handelt, tragen sehr viele Damen lange Kleider und die Herren vornehme Anzüge in den unterschiedlichsten Formen“, setzte Tajo zu einer Antwort an. „Außerdem sind alle Themen und Masken erlaubt. Es können reine Fantasiekostüme sein oder auch die Darstellung von berühmten Persönlichkeiten der Geschichte. Alles ist erlaubt. Jeder trägt das, was er an diesem Abend am liebsten sein oder darstellen möchte“, führte er weiter aus. „Wichtig ist nur, dass alle Ballgäste eine Maske über den Augen oder über das ganze Gesicht tragen. Diese symbolisiert, dass jeder mindestens einem lieben Menschen gedenkt, an den er sich an diesem Abend besonders gerne erinnert.“ Mit diesen Worten schloss Tajo seine Erklärung ab. Bei den Stichworten „Maske“ und „Kostüm“ arbeitete es in Aleas Kopf. Sofort fiel ihr ein möglicher Nebeneffekt ein. „Aha, und das bedeutet, dass man sich hinter einer Maske und einem Kostüm verstecken kann, sofern man nicht gewillt ist, seine wahre Identität preiszugeben, oder?“, fragte Alea zögernd. „Ja, so ist es. Viele der Ballgäste bleiben unerkannt und sehr viele dagegen nicht. Jeder kann das halten, wie er möchte“, bestätigte Aleas Mutter ihre treffende Vermutung. Fünf Augenpaare waren abwartend auf sie gerichtet, während sie sich nochmals alle Argumente durch den Kopf gehen ließ. Am Ende stand ihre Entscheidung fest. „Nun gut. Da ich eh keine Wahl habe, werde ich euch wohl oder übel zu dem Ball begleiten müssen“, stellte sie mit dem Anflug eines Lächelns fest. Innerlich blitzte ein winziger Funke der Vorfreude auf, der von ihrem aufwallenden schlechten Gewissen sofort im Keim erstickt wurde. Deutlich sah sie, wie sich Tajos Miene wegen ihrer freiwilligen Zustimmung entspannte. Ihre persönlichen Vorbereitungen für den Maskenball konnten nun beginnen.
„Was bedrückt dich, Alea?“, fragte Tajo sie besorgt und zog sie noch eine Spur enger in seine Arme. Nach ihrem Gespräch im Wohnzimmer ihrer Eltern hatten sie sich in Aleas Privatgemach zurückgezogen. Nun saßen sie eng umschlungen auf der hellen Couch und genossen die Nähe des anderen. Wohlig kuschelte sich Alea in die starken Arme ihres Liebsten und legte ihren Kopf an seine Schulter. Andächtig lauschte sie seinen regelmäßigen Atemzügen. Gelegentlich strich sie mit ihrer Hand über seine muskulöse Brust und spürte dabei die weiche Wolle seines schwarzen Pullovers unter ihren Fingerspitzen. Im Übermaß strahlte er warme Geborgenheit und gelassene Sicherheit aus. Im Gegensatz dazu herrschte in ihrem Inneren das reinste Gefühlschaos. Das Empfinden von Trauer, Schmerz, Vorfreude und Argwohn wechselte sich nahezu im Sekundenrhythmus ab. Gleichzeitig kämpfte sie mit den Dämonen der Vergangenheit und mit den unbekannten Schrecken der Zukunft. Geduldig wartete Tajo ihre Antwort ab und gab ihr Zeit, ihre durcheinander wirbelnden Gedanken zu sortieren. Da sie ihm nach mehreren Minuten des beharrlichen Schweigens noch immer keine Antwort gegeben hatte, versuchte er es erneut. „Alea, bitte sag mir, was dich beschäftigt.“ In seiner eindringlichen Stimme schwang unterschwellig ein flehender Ton mit. „Ich spüre doch, dass dich etwas belastet, was nichts mit Andrés Tod zu tun hat“, fügte er hartnäckig hinzu. „Also, was ist es, was dir so zusetzt?“, fragte er sie erneut. Alea schwieg noch immer. „Freust du dich denn gar kein bisschen auf den Ball?“, setzte er nach. „Du hast doch so viel Spaß am Tanzen und liebst flotte Musik“, versuchte er, sie aufzumuntern. „Du wirst sehen, diese Abwechslung wird uns allen guttun. Außerdem tragen wir unsere Masken an diesem Abend insbesondere als Andenken an André. Er wird also in unseren Herzen ständig bei uns sein“, versuchte er sie zu trösten. Sanft streichelte er hingebungsvoll ihren Rücken, als ob er mit dieser zärtlichen Berührung die ganze beschwerliche Last von ihr nehmen könnte. Immer wieder hauchte er einen zarten Kuss in ihr weiches Haar. Mit wachsender Sorge registrierte er ihr beharrliches Schweigen. „Alea, bitte rede mit mir“, flehte er sie mit rauer Stimme an. Im Zeitlupentempo hob sie ihren Kopf, um ihm in die Augen zu blicken. Die tief empfundene Liebe, die sie darin erkannte, besänftigte ein wenig ihren inneren Aufruhr. „Tajo, du … hast ja recht“, begann sie stockend zu sprechen. „Ein wenig Ablenkung wird uns sicherlich nicht schaden …“, fügte sie leise an. „Was ist dann mit dir? Warum bist du so bedrückt?“, hakte er sorgenvoll nach. „Hm, …“, setzte sie unschlüssig zu einer Antwort an. „… ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll.“ „Dann sage es einfach so, wie es dir gerade in den Sinn kommt“, versuchte Tajo erneut sein Glück, sie zum Sprechen zu bewegen. Allmählich beunruhigte ihn ihr aufgewühlter Zustand. Er war es gewohnt, dass sie mit ihm über all die Dinge sprach, die sie beschäftigten und umgekehrt. Auch er vertraute ihr regelmäßig seine persönlichen Sorgen und Nöte an. Gegenseitig halfen sie sich mit hilfreichen Vorschlägen oder hörten einander einfach nur zu. Derart verschlossen zeigte sie sich ihm gegenüber äußerst selten und meist nur, wenn ihre Gefühlswelt gehörig in Unordnung geraten war. Nur gelegentlich igelte sie sich auch vor ihm ein und kam erst wieder zum Vorschein, wenn sie die belastende Situation still und allein verarbeitet hatte. Nachdenklich blickte sie ihm in die fragenden Augen. Er konnte sehen, wie sehr sie sich überwinden musste, um einen erneuten Anlauf zu nehmen. „Seit unserem Gespräch verfolgt mich ein mulmiges Gefühl, das sich einfach nicht mehr abschütteln lassen will“, setzte sie zu einer Antwort an. „Was für ein mulmiges Gefühl und in Bezug auf was?“, bohrte Tajo sofort nach. „Na ja, ich kann es nicht näher beschreiben. Nenne es böse Vorahnung oder einfach nur Einbildung …“, murmelte sie bedrückt. „… allerdings beschleicht mich das Gefühl, dass etwas sehr Schreckliches geschehen wird“, fügte sie beinahe tonlos an. Ihre Augen flackerten unruhig und Tajo spürte, wie sie am ganzen Körper zu zittern begann. „Dieses bedrohliche Gefühl drückt mir buchstäblich die Kehle zu …“, sprach sie leise weiter, während sie sich unbewusst mit einer Hand an den Hals fasste. Erneut drückte er ihr einen zärtlichen Kuss auf ihr seidiges Haar. „Alea, in den letzten Wochen haben wir bereits mehrere gefahrvolle Situationen überlebt“, versuchte Tajo sie zu beruhigen. „Ja, das stimmt. Dieses Mal ist es aber anders ...“ Ihre Stimme begann hörbar zu zittern. „… ich habe das Gefühl, dass etwas derart Furchtbares geschehen wird, das wir uns im Moment gar nicht vorzustellen vermögen“, fügte sie mit tonloser Stimme an. Verzweifelt versuchte sie, dieses bedrohliche Gefühl abzuschütteln, was ihr völlig misslang. „Was soll schon passieren? Solange wir uns gegenseitig beistehen und beschützen, kann uns niemand etwas anhaben“, erwiderte er voller Zuversicht. „Außerdem werde ich dir in nächster Zeit nicht von der Seite weichen. Ich werde dir buchstäblich auf die Pelle rücken und wie ein Schatten folgen.“, versuchte er sich mit einem leisen Lachen an einer aufmunternden Antwort. Von Alea erfolgte keinerlei Reaktion. „Nach allem, was wir bereits durchgestanden haben, kann uns nichts mehr trennen. Ich werde immer an deiner Seite sein“, versprach Tajo ihr nachdrücklich und streichelte sanft über ihre blasse Wange. „Ja, das weiß ich, Tajo, aber dennoch …“, flüsterte sie leise. „Irgendetwas kommt auf uns zu, das uns vernichten und auslöschen könnte …“ Sie seufzte hörbar. Endlich hatte sie den Mut gefunden und ihre schlimmste Befürchtung ausgesprochen. „… und an dem Maskenball fängt es an …“, flüsterte sie voller Furcht. Mit ihren kalten Fingern umklammerte sie seine warme Hand derart fest, sodass es ihm schon beinahe Schmerzen bereitete. Vorsichtig versuchte er, ihren verzweifelten Griff zu lockern. In höchstem Maße beunruhigt kämpfte Tajo um seine Selbstbeherrschung. Auf keinen Fall wollte er, dass sie seine schnell wachsende Unsicherheit erkannte, die ihre zögerlichen Worte in ihm auslösten. Bei jeder anderen Person würde er diese unbegründete Befürchtung nur als trügerisches Hirngespinst eines ängstlichen Geistes abtun. Seine bisherigen Erfahrungen zeigten jedoch unstrittig, dass Aleas zuverlässiger Instinkt sie immer vor einer drohenden Gefahr warnte und leider immer recht behielt.
Genüsslich nippte Ella an ihrem Glas Champagner, der ihr ein sanftes Kribbeln auf der Zunge bescherte. Versonnen beobachtete sie die sprudelnden Bläschen in der blassgoldenen Flüssigkeit, die unaufhörlich in ihrem Glas perlten. Ein glücklicher Seufzer entrang sich ihrer Brust und wohlig kuschelte sie sich in die flauschige Decke, die sie über ihren ausgestreckten Beinen ausgebreitet hatte. Endlich führte sie das Leben, von dem sie so oft seit ihrer Kindheit geträumt hatte. Ihre sehnsüchtigen Wunschträume drehten sich ständig um unerreichbaren Reichtum, beruhigenden Wohlstand und vollkommene Unabhängigkeit. Dabei standen sie in krassem Gegensatz zu ihrem wahren Leben. Noch größer hätte der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit nicht sein können. Die letzten Worte, die sie ihrem sterbenden Zwillingsbruder ins Gesicht geschleudert hatte, drängten sich ihr ein weiteres Mal auf. Mit wenigen gezielten Worten warf sie ihm vor, unter welch elenden Umständen sie täglich ums Überleben kämpfte. Mit Schrecken erinnerte sie sich an ihr früheres Leben auf der Erde, das sie zu einem erbärmlichen Dasein in Armut und Not verdammte. Ihre leibliche Mutter hatte es zwar gut mit ihr gemeint, aber ihr war nicht bewusst, dass sie ihre Tochter durch ihren unerwartet frühen Tod zu einem Leben in bitterer Armut zwang. Im Glauben daran, dass sie ihre geliebte Tochter bei einer Person ihres Vertrauens in guter Obhut wusste, starb sie überraschend bei einem Unfall. Zwar war ihre Pflegemutter eine gute Freundin ihrer Mutter, allerdings fehlte ihr jeglicher Geschäftssinn und mütterliche Fürsorge. Ständig litt ihre winzige Familie an quälender Geldknappheit. Solange ihre leibliche Mutter lebte, reichten die regelmäßigen finanziellen Zuschüsse für einen einfachen Lebensstandard völlig aus. Zu Ellas Leidwesen verprasste ihre Pflegemutter einen großen Anteil der monatlichen Zuwendungen für deren eigene Bedürfnisse. Mit Hingabe vergeudete sie das Geld für den übermäßigen Genuss von Alkohol, gelegentlichen Drogenkonsum oder für häufige Geschenke, mit denen sie ohne Erfolg ihre ständig wechselnden Liebhaber an sich zu binden versuchte. Ellas Bedürfnisse standen leider immer nur an zweiter Stelle und wurden meist der finanziellen Knappheit geopfert. Als sie gerade in die Schule gekommen war und ihre anfänglichen Kämpfe in der ersten Schulklasse ausfocht, verschlimmerte sich ihre Situation drastisch. Durch den plötzlichen Unfalltod ihrer Mutter blieben die zuverlässig eingehenden Zahlungen schlagartig aus. Da ihre Mutter in Alterra scheinbar niemanden in ihr gut gehütetes Geheimnis eingeweiht hatte, kümmerte sich nur ihre Pflegemutter weiter um sie. Niemand kam, um sie abzuholen oder zu unterstützen. Entweder ahnten ihre Verwandten in Alterra nichts von ihrer Existenz oder sie hatten sie einfach nur vergessen. Notgedrungen musste sich Ella mit ihrer veränderten Situation arrangieren, auch wenn sie sich den plötzlich drastischen Geldmangel nicht erklären konnte. Von ihrer leiblichen Mutter und deren Geheimnissen ahnte sie nichts. Sie kannte nur ihre kleine Welt, in der sie keine bedeutende Rolle spielte. So oft haderte sie mit ihrem schweren Schicksal. Wie sollte ein kleines Mädchen auch verstehen, dass ihre Mutter sich lieber betrank und sich wahllos mit dubiosen Männern einließ, als sich mit ihrer einsamen Tochter zu beschäftigen. Wenn Ella ihre kleine Familie mit denjenigen ihrer Klassenkameraden verglich, kam sie zwangsläufig zu dem Schluss, dass ihre Pflegemutter sich nicht wirklich um sie kümmerte. Nein, von fürsorglicher Zuwendung und mütterlicher Liebe spürte sie nichts. Voller Neid nahm sie zur Kenntnis, dass andere Mütter ihren Kindern leckere Pausenbrote schmierten und sich um deren Wohlergehen sorgten. Auf all das und noch viel mehr musste sie in ihrer eigenen Kindheit und Jugend verzichten. Nachdem sie weder das Geheimnis um ihre uneheliche Geburt noch die Existenz von Alterra und ihre eigene Verbindung zu dieser sonderbaren Welt kannte, fristete sie wie selbstverständlich ein tristes Dasein in Armut und Vernachlässigung. Bereits sehr früh übte sie sich schon während ihrer Schulzeit als flinke Taschendiebin, um nicht zu verhungern und wenigsten ab und zu etwas zu essen zu bekommen. Das gnadenlose Leben hielt eine harte Lehre für sie bereit. Sehr früh lernte sie, sich nur um sich selbst zu kümmern, um zu überleben. Ihr winziger Kosmos drehte sich lediglich um die Beschaffung von Essen und Trinken, um den nächsten Tag zu erleben. Im Gegensatz zu anderen Kindern interessierte sie sich für zwischenmenschliche Kontakte kaum. Mit anderen Menschen verbanden sie keinerlei freundschaftliche Gefühle. Nur wenige Ausnahmen versuchten, sich einen festen Platz in ihrem ungnädigen Herzen zu erobern – meist mit mangelndem Erfolg. Ella blieb ein Einzelgänger, der jedem anderen Menschen in ihrer Umgebung mit abgrundtiefem Misstrauen und nagenden Neidgefühlen begegnete. Von klein auf war sie darauf trainiert worden, nur an ihren eigenen Vorteil zu denken. Ihr trauriges, karges Leben engte ihre aufblühende Persönlichkeit und ihr grenzenloses Streben nach finanzieller Unabhängigkeit ein. Umso mehr flüchtete sie sich in ihrer Jugend in eine Traumwelt, in der sie die umschwärmte Heldin war und die Herzen ihrer stürmischen Verehrer im Flug eroberte. Zu ihrem eigenen Erstaunen fand sie äußerst großen Gefallen am Theaterspiel. Wegen ihres angeborenen schauspielerischen Talents ergatterte sie regelmäßig die begehrten Rollen der Hauptdarstellerin. Mit viel Herzblut glänzte sie in den vielfältigsten Stücken, die ihre Schulklasse jedes Jahr aufführte. Mit Leichtigkeit schlüpfte sie in die unterschiedlichsten Charaktere, um sie meisterhaft auszufüllen und brillant darzustellen. Mit überschwänglicher Begeisterung verwandelte sie sich durch Perücken, geschickte Schminktechniken und wechselnde Kleidungsstücke in die jeweilige Person, die sie spielen wollte. Keine Herausforderung erschien ihr zu groß. Wie eine zweite Haut streifte sie eine Persönlichkeit nach der anderen über und entledigte sich ihrer, wenn sie deren überdrüssig wurde oder der Vorhang für diese künstlich erschaffene Figur für immer fiel. Mit dem Erreichen ihrer Volljährigkeit zog sie kurzerhand von zu Hause aus und baute sich mit eiserner Hartnäckigkeit ein neues Leben auf. Wissbegierig wie sie schon seit Kindertagen war, absolvierte sie erfolgreich eine Lehre zur Bürokauffrau und bildete sich immer weiter fort. Stetig und beharrlich lernte sie, sich in der harten Berufswelt zu behaupten. Besonders zeichnete sie sich dabei durch ihre schnelle Auffassungsgabe und ihre extrem hohe Lerngeschwindigkeit aus. Besonders stolz war Ella darauf, dass sie jede Aufgabe wie ein Wettkämpfer in Rekordgeschwindigkeit bewältigen konnte. Dabei musste sie nicht einmal Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit vornehmen. Ohne es zu wissen, bereitete sie sich über Jahre hinweg auf ihre wichtige Rolle als vertrauensvolle Privatsekretärin von Elias Lunara vor. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass ausgerechnet ihr beschwerliches Leben eine derartig einschneidende Veränderung erfahren sollte. Der Tag, an dem sich ihr Schicksal zu ihren Gunsten wandelte, begann mit der Nachricht vom Tod ihrer unglücklichen Pflegemutter. Wie erwartet hatte sich diese durch eine tödliche Mischung aus Drogen, zu viel Alkohol und undefinierbaren Pillen selbst ins Jenseits befördert. Ella weinte ihr keine einzige Träne nach. Im Gegenteil, innerlich fühlte sie sich dadurch von einer schweren Last und bedrückenden Fessel befreit. Vollkommen unabhängig konnte sie nun daran arbeiten, sich ein Leben nach ihrem Geschmack aufzubauen. Sie war sich bewusst, dass es bis zu ihrem Ziel, einem unbeschwerten Leben in purem Luxus und finanziellem Reichtum, ein sehr weiter Weg war. Die Mittel, die sie anwenden musste, um ihrem Ziel Stück für Stück näher zu kommen, waren ihr reichlich egal. Unter Einsatz all ihrer Fähigkeiten und Vorzüge strebte sie unaufhaltsam nach mehr. Sogar ihren eigenen Körper setzte sie widerstrebend als Waffe ein, sofern ihr dieser Schritt als nützlich und unumgänglich erschien. Da sie seit Kindertagen nie genug zu essen bekam, entwickelte sie sich zu einer äußerst schlanken und zierlichen jungen Frau. Ihre zarte Erscheinung täuschte gewaltig über ihren eisernen und unerbittlichen Willen hinweg. Ihre ausgeprägte innere Zähheit und mitleidlose Zielstrebigkeit sah ihr niemand an. In vielen Männern weckte sie deren Beschützerinstinkt und ließ sich gerne von ihnen verwöhnen. Ohne ein schlechtes Gewissen nutzte sie schamlos deren ahnungslose Gutmütigkeit aus. Auf diese Art und Weise konnte sie gelegentlich ihrem armseligen Leben entfliehen, in dem sie gezwungen war, jede Münze vor einer Ausgabe erst mehrfach umzudrehen. Tja, und dann kam der Tag mit der nicht überraschenden Botschaft über den Tod ihrer Pflegemutter. Der Anruf erfolgte erst vor wenigen Wochen und kam von der Nachbarin, die Ella von klein auf kannte. Viele Habseligkeiten hatte ihre Pflegemutter nicht hinterlassen. Erstaunt war Ella darüber keineswegs. Entschlossen hatte sie alles entweder verschenkt oder im Mülleimer entsorgt. Bis auf einen Stapel ominöser Briefe. Rätselhafte und zugleich aufschlussreiche Briefe ihrer leiblichen Mutter, die direkt an sie gerichtet waren und die ihr nie überreicht worden waren. Dieses Päckchen mit ungeöffneten Briefen war ihr einziges Erbe, das sie voller Misstrauen und höchstem Interesse in den Tagen danach intensiv studierte. Ihr einziger Schatz bestand aus einem Stapel dicht beschriebenen Papiers. Nur zu gut erinnerte sie sich an jede Kleinigkeit ihrer Übergabe. Es kam ihr vor, als ob ihr die Briefe erst am vorherigen Tag überreicht worden waren. Aus ehrlichem Mitgefühl hatte die Nachbarin ein rotes Satinband um den Stapel Briefe geschlungen und eine hübsche Schleife gebunden. Zusätzlich schob sie eine frische gelbe Rose quer unter das Band. In dieser Form erweckten die Umschläge den Anschein, als ob sie ein kostbares Geschenk für Ella bereithielten. Zu ihrem größten Erstaunen beinhalteten sie in der Tat eine Art von Überraschungsgeschenk, das sich auf ihr gesamtes weiteres Leben auswirken sollte. Neben der Tatsache, dass sie bei einer Pflegemutter aufgewachsen war, erfuhr Ella viele Dinge über ihre leibliche Mutter und vor allem über eine geheimnisvolle Parallelwelt namens Alterra – ihrer ursprünglichen Heimat. Damals war sie völlig geplättet über die drastische Wendung, die ihr langweiliges und mühseliges Leben plötzlich erfuhr. Nach wenigen Tagen, die sie zwangsläufig zur Verarbeitung der offenbarten Wahrheit benötigte, schmiedete sie eifrig Pläne für eine grandiose Zukunft. In den Briefen waren auch die Kontaktdaten einer Vertrauensperson ihrer Mutter festgehalten, die jedoch über keinerlei Detailkenntnisse hinsichtlich ihrer eigenen Person verfügte. Ein Anruf genügte, um ihre heimliche Reise durch ein seltsames Portal nach Alterra zu bewerkstelligen. Dank gefälschter Dokumente gelang es ihr, die Anstellung als Privatsekretärin bei ihrem unbekannten Bruder zu ergattern. Ihr Timing war perfekt, obwohl sie sich dessen gar nicht bewusst war. Was war das bloß für eine Überraschung für sie gewesen, als sie in den Briefen ihrer Mutter von ihrem zweieiigen Zwillingsbruder erfuhr. Mit aufgeregt flatterndem Herzen las sie die Zeilen immer wieder. Nie im Traum wäre sie darauf gekommen, dass sie Geschwister hatte. Seitdem sie denken konnte, hielt sie sich für ein einsames Einzelkind ohne familiäre Bindungen. Umso interessierter las sie den Brief, der die unglaublichen Informationen über ihren unbekannten Bruder enthielt. Natürlich wollte sie ihn unbedingt kennenlernen, allerdings ohne ihre eigene Identität preiszugeben. Der Job bei ihm war das ideale Sprungbrett, um unerkannt in seine Welt und sein luxuriöses Leben einzutauchen. Von Neidgefühlen zerfressen und von tiefen Rachegelüsten getrieben, musste sie erkennen, dass er im Gegensatz zu ihr als verwöhntes Söhnchen eines stinkreichen Vaters in übertriebenem Luxus lebte. Mit vollen Händen gab er das Geld seines Vaters aus, der zugleich auch der ihrige war. Für diese offensichtliche und unfaire Ungleichheit musste er in ihren Augen bezahlen. Alle Informationen über Alterra, ihren Bruder und über ihren Vater, denen sie nur habhaft werden konnte, sog sie wie ein unersättlicher Schwamm in sich auf. Je mehr sie von Elias ausschweifendem und luxuriösem Lebensstil mitbekam, umso mehr gierte sie nach seinem Reichtum, der ihr in gleichem Maße zustand wie ihm. Ein tödliches und schnell wirkendes Gift zu beschaffen, fiel ihr nicht schwer. Ohne jegliche Skrupel hatte sie es ihrem um wenige Minuten jüngeren Bruder verabreicht, um seine zahllosen Besitztümer und dessen unvorstellbar großes Vermögen zu übernehmen. Endlich war sie am Ziel ihrer abenteuerlichen Träume angelangt. Genau genommen hatte sie ihr hochgestecktes persönliches Ziel um ein Vielfaches übertroffen. Während sie in Gedanken in ihrer jüngsten Vergangenheit schwelgte, genehmigte sich Ella einen weiteren Schluck des köstlichen und sündhaft teuren Champagners. In vollen Zügen genoss sie ihren neuen Reichtum und blinzelte zufrieden in die allmählich untergehende Sonne. Ein unvorstellbares Leben in Saus und Braus stand ihr nun offen. Nach Lust und Laune konnte sie nun ihr neues Leben gestalten, ohne auf irgendwelche Zwänge Rücksicht nehmen zu müssen. Zudem hatte sie bereits umsichtige Vorkehrungen für eine unbehelligte und rosige Zukunft getroffen. Nur unter dem Siegel der völligen Verschwiegenheit hatte sie sich Elias tüchtigem Geschäftsführer und dem alten Rechtsanwalt ihres Vaters zu erkennen gegeben. Wie ihr Bruder traf sie mit den beiden dieselbe Vereinbarung hinsichtlich der Geheimhaltung ihrer Existenz. Dabei ließ sie keinerlei Zweifel über ihre unerschütterliche Ernsthaftigkeit aufkommen. Bei Nichteinhaltung ihrer Spielregeln drohte sie beiden mit einem sofortigen und qualvollen Tod. Sehr schnell hatten ihre neuen Geschäftspartner verstanden, dass sie hinsichtlich ihrer Kaltblütigkeit und Kompromisslosigkeit ihrem Vater stärker ähnelte als es ihr Zwillingsbruder tat. Sichtlich eingeschüchtert stimmten sie all ihren Bedingungen kommentarlos zu. Nun konnte ein neues aufregendes Leben für sie beginnen. Rundum glücklich und zufrieden machte es sich Ella unter ihrer Kuscheldecke bequem. Ihr neuer Reichtum gefiel ihr ausnehmend gut. Mit großen glänzenden Augen erfasste sie dessen ungewohnte Annehmlichkeiten und ließ ihren Blick wohlwollend über ihr neues Anwesen schweifen. Bereits als kleines Kind hatte sie von einem eigenen Haus mit einem gepflegten Garten geträumt. In ihren lebhaften Fantasien entfloh sie bereitwillig ihrem beengten und freudlosen Zimmer. Wie in einem düsteren Gefängnis fühlte sie sich darin eingesperrt und jeglicher Lebensfreude beraubt. Schon seit sie denken konnte, sehnte sie sich nach einem Haus am See. Es musste nicht übermäßig groß sein, aber es sollte unbedingt an einem ruhigen Gewässer und weit weg von neugierigen Nachbarn liegen. Zu ihrem unfassbaren Glück erfüllte sich dieser Wunsch in Windeseile. Ihren ersten Auftrag hatte ihr neuer Geschäftsführer prompt und zu ihrer vollsten Zufriedenheit erledigt. Als überaus stolze Besitzerin blickte sie nun versonnen über den stillen See. In vollen Zügen genoss sie die verschiedenen Farbtöne, mit denen die Natur sie erfreute. Nur selten konnte sie bisher der erdrückenden Enge ihrer Stadt, in der sie aufgewachsenen war, entfliehen. Umso mehr wusste sie ihren persönlichen Garten Eden zu schätzen. Der beruhigende Anblick des glitzernden Blautons des Wassers besänftigte ihr hitziges Temperament. Zudem liebte sie das satte Grün von endlosen Wiesen, deren glänzende Grashalme sich im sanften Wind wiegten. An den fröhlichen Farben von blühenden Blumen konnte sie sich nicht sattsehen. Im Gegensatz zu ihrem Bruder liebte sie helle und kräftige Farben. In ihren Augen verkörperten diese Farbtöne am besten die überschäumende Lebensfreude, die sie nun zum ersten Mal tatsächlich in ihrem Leben empfand. In bunten Farben spiegelte sich ihrer Meinung nach die unbeschwerte Fröhlichkeit und Sorglosigkeit wider, nach der sie sich so viele Jahre vergebens verzehrte. Glücklich schloss sie für einen Moment die Augen und genoss die himmlische Ruhe, die sie in ihrem eigenen Haus umgab. In ihren Augen passte ihr neues Heim perfekt zu ihr und zu ihren vielfältigen Bedürfnissen. Das Haus war nicht übermäßig groß und stand zum Glück komplett möbliert zum Verkauf. Sie musste nur noch einziehen und ihre neu gekaufte Kleidung sowie ihre persönlichen Dinge einräumen. Aus diesem Grund dauerte ihr Einzug vor wenigen Tagen nicht mehr als eine Viertelstunde. In ihrem neuen Domizil fühlte sie sich so wohl wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Ihre bisherigen Mietwohnungen waren beengte und abgewohnte Käfige, in deren Umfeld andauernde Hektik und ohrenbetäubender Lärm vorherrschte. Von Luxus oder gehobener Ausstattung war sie so weit entfernt, wie die Erde vom Mond. Im Gegensatz hierzu stellte ihre neue Wohnung eine wunderschöne Insel dar, die von Helligkeit und Ruhe geprägt war. Die gesamte Inneneinrichtung bestand aus weißen Holzmöbeln und einem hellem, weißstichigen Parkettfußboden. Zudem ergänzte in jedem Raum eine andere Farbe das strahlende Weiß ihrer Möbel. Die große Sitzgruppe und die Teppiche in ihrem Wohnzimmer leuchteten in einem kräftigen Gelb. Dagegen erstrahlte die Bettwäsche einschließlich der Dekoration in ihrem geräumigen Schlafzimmer in einem freundlichen Fliederton. Ihr Badezimmer leuchtete in einem satten Lila und in der Küche bildeten zahlreiche hellblaue Utensilien fröhliche Farbtupfer zu den weißen Möbelstücken. Ihr absoluter Lieblingsplatz stellte jedoch der helle Wintergarten dar, in dem sie sich gerade genüsslich auf ihrem Liegeplatz räkelte. Auf einer halbrunden Sitzlandschaft aus dunkelbraunem Rattangeflecht lagen orange-gelbe Kissen verstreut, die perfekt zu dem kräftigen Kirschrot der Polster harmonierten. Ihr sehnsüchtigster Traum war wie durch ein Wunder in Erfüllung gegangen. Ihr Wunsch wurde sogar noch dadurch übertroffen, indem das Gewässer vollkommen auf ihrem Grundstück lag und von dichten Sträuchern und Hecken eingesäumt wurde. Noch immer konnte sie es nicht fassen, dass sie ihren eigenen See besaß. Nur eine Viertelstunde vom Palast der Königsfamilie von Turkeso entfernt erwarb sie mit dem Geld ihres unendlich reichen Vaters dieses abgeschiedene Anwesen. Es hatte buchstäblich auf sie gewartet. Bei weit geöffneten Türen blickte sie aus ihrem farbenfrohen Wintergarten über ihren eigenen kleinen See. Unmittelbar daran schloss sich eine ausgedehnte Rasenfläche an. Lediglich an der Hausfront entlang erstreckten sich niedrige Blumenbeete, deren leuchtende Blüten sich deutlich von der weißen Hauswand abhoben. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht blickte Ella auf das sanft schwappende Wasser des kleinen Sees. Voller Besitzerstolz betrachtete sie das prachtvolle Juwel ihres neuen Reiches. Mitten in dem bläulich schimmernden Nass thronte ein schneeweißer Pavillon, der über riesige, viereckige und eng aneinander gereihte Steinplatten zu erreichen war. Wie kleine Flöße schwebten sie auf der glatten Wasseroberfläche und ersetzten einen herkömmlichen Steg. Ein glücklicher Jauchzer entrang sich ihrer Brust und ihr helles Lachen schallte ungehört durch die Luft. In diesem Augenblick fühlte sie sich wie im siebten Himmel. Ihr Verstand konnte es noch gar nicht vollständig begreifen, dass sie innerhalb weniger Minuten zu einer der reichsten Frauen geworden war. Amüsiert musterte sie das goldene Etikett der sündhaft teuren Champagnerflasche, die neben ihr auf einem niedrigen Glastisch bereitstand. Wer hätte das gedacht, dass einmal die kleine, schmächtige Taschendiebin, die mit allen Wassern gewaschen war, eines Tages die stolze Herrin über ein solch gewaltiges Imperium sein würde. Erneut lachte Ella laut auf. Mit Hochgenuss gab sie das Geld für all die Dinge aus, von denen sie ihr ganzes Leben lang nur geträumt hatte. Ihr gesamtes äußeres Erscheinungsbild hatte sie erfolgreich verändert. Seit kurzem schimmerten feine goldblonde Strähnchen in ihrem mittelbraunem Haar und brachten es zum Strahlen. Mit neuer Frisur und nach einem mehrstündigen Besuch bei einer äußerst versierten Kosmetikerin fühlte sie sich nun wie neu geboren. Ihre leicht veränderte Haarfarbe harmonierte perfekt zu dem warmen Braunton ihrer Kontaktlinsen, hinter denen sie ihre zweifarbigen Augen verbarg. Ihre frisch polierten Fingernägel schimmerten in einem zarten Rosaton und ein zartes Make-up hob ihre hohen Wangenknochen vorteilhaft hervor. Von Kopf bis Fuß hatte sie sich neu eingekleidet und ihre alte Kleidung komplett in den Müllcontainer geworfen. Viel hatte sie sowieso nicht besessen und von dem Wenigen trennte sie sich mit fröhlichem Herzen. Lediglich ihre umfangreiche Sammlung an Perücken und Schminkutensilien, die sie benötigte, wenn sie in andere Rollen schlüpfte, bewahrte sie in einem eigenen kleinen Lagerraum auf. Voller Besitzerstolz strich sie mit der flachen Hand über den Ärmel ihres neuen smaragdgrünen Pullovers aus kostbarem Cashmere. Das weiche Gewebe unter ihren Fingerspitzen erinnerte sie an das samtige Fell eines kleinen Kätzchens, das in ihrer Kindheit eine Zeitlang ihr einziger Spielkamerad gewesen war. Ellas Blick schweifte über ihre sehr schlanken Beine weiter nach unten. Die Seitennaht der nachtschwarzen Edeljeans war üppig mit winzigen, goldglänzenden Metallnieten verziert. Ihre zierlichen Füße steckten in bequemen Pumps, deren mattes Schwarz ebenfalls mit goldfarbenen Ornamenten geschmückt war. Sie wackelte genüsslich mit den Schuhspitzen. Gefühlt hatte sie die gesamte Boutique und das angrenzende Schuhgeschäft leer gekauft. Noch nie hatte sie sich derart großartig und attraktiv gefühlt wie in diesem Moment. An diesem frühen Abend war ihr dies jedoch besonders wichtig, da sie noch Besuch erwartete. Ihren ersten Gast in ihrem neuen Heim zu empfangen, versetzte sie in eine beinahe euphorische Stimmung. Schon drang das melodische Läuten ihrer Türklingel an ihr Ohr. Schwungvoll und mit bester Laune erhob sich Ella von ihrem Liegeplatz und steuerte zielstrebig die Haustüre an. Mit einem Ruck riss sie die weiße Tür auf und blickte erfreut in Kiras dunkle Augen. „Hallo Kira, es freut mich, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen können.“ Fröhlich strahlte sie ihren Gast an und trat beiseite, um ihn eintreten zu lassen. „Guten Tag Ella, es freut mich ebenfalls, dass wir uns nun von Angesicht zu Angesicht sehen.“ Kira schenkte Ella eines ihrer seltenen freundlichen Lächeln. Keine der beiden Frauen ließ ihr Gegenüber erkennen, dass sie insgeheim über das Aussehen der anderen überrascht war. Wie zwei lauernde Katzen verfolgten sie jede Bewegung der anderen. Nachdem Ella ihren Gast zu der großen honiggelben Couch in ihrem Wohnzimmer geleitet hatte, nahmen die beiden Damen in diskretem Abstand voneinander ihre Sitzplätze ein. Mit übereinander geschlagenen Beinen musterten sie sich unauffällig gegenseitig. Elias Aufzeichnungen hatte Ella bereits entnommen, dass Kira für ihn arbeitete und eine überaus attraktive Erscheinung bot. Von ihrem raubtierhaften Auftreten, das wie üblich von ihrer schwarzen, hautengen Lederkleidung und von ihren wilden Haarstacheln besonders betont wurde, war sie dann doch etwas überrascht. Am meisten faszinierte Ella jedoch das winzige Tattoo auf Kiras Wange, das beim Sprechen plötzlich zum Leben erwachte. Noch niemals zuvor hatte sie ein Teufelsflügelchen mit einer solch filigranen Schwanzspitze gesehen und schon gar nicht im Gesicht einer schönen Frau. Kiras rauchige Stimme klang nahezu genauso wie in ihren Telefongesprächen, die die beiden Frauen im Vorfeld ihrer persönlichen Begegnung geführt hatten. Lebhaft konnte sie sich vorstellen, wie der aufregende Klang ihrer Stimme den Verstand von Männern reihenweise benebelte. Wie gebannt starrte Ella auf den friedlich schlummernden Teufelsflügel und konnte kaum ihren Blick davon abwenden. Sie wartete bereits darauf, dass er wieder zum Leben erwachte. Amüsiert verzog Kira ihre Mundwinkel zu einem leichten Grinsen, da ihr das intensive Mustern nicht verborgen blieb. Ruckartig riss sie sich von Kiras Anblick los und erinnerte sich wieder an den Grund ihres Zusammenkommens. Verlegen hüstelte Ella in ihre Hand, während sie sich ihres unhöflichen Starrens bewusst wurde. Dann fand sie ihre Stimme endlich wieder. „Also Kira, wir haben bereits am Telefon darüber gesprochen und ich freue mich sehr darüber, dass du ab sofort für mich arbeiten wirst.“ Freundlich blickte ihr Ella direkt in die dunklen Augen. Kira nickte bekräftigend, während ihre schwarzen Haarstacheln bei jeder Bewegung bedrohlich vibrierten. „Da du bereits für meinen Bruder gearbeitet hast, denke ich, dass wir diese Zusammenarbeit nahtlos fortführen können“, fügte Ella zuversichtlich an. Erneut nickte Kira zustimmend. „Aus unseren bisherigen Telefongesprächen schließe ich, dass wir uns gegenseitig helfen können, unsere persönlichen Ziele zu erreichen“, ergänzte Ella und frohlockte innerlich über die unverhoffte Unterstützung. „Ja, Ella, das denke ich auch und dass wir beide ein gutes Team abgeben werden“, stimmte ihr Kira zu, ohne eine Miene zu verziehen. „Da ich bereits damit beschäftigt bin, die Unterlagen meines Bruders zu studieren, werde ich schon sehr bald in der Lage sein, meine nächsten Schritte zu planen.“ Bei diesen Worten stahl sich ein listiges Lächeln auf Ellas Lippen. „Ich verfolge zwar ähnliche Ziele wie er, allerdings unterscheiden sich meine Methoden gravierend von den seinen. Anders als mein Bruder setze ich weniger auf Angriff und Verfolgung, sondern vielmehr auf List und Tücke …“, gab Ella unumwunden zu. „… und dabei rechne ich fest mit deiner Unterstützung, Kira“, fügte sie mit Nachdruck an. „Du kannst dich auf mich verlassen, vor allem auf meine Verschwiegenheit“, bestätigte Kira ernsthaft. „Gut, dann melde ich mich in den nächsten Tagen bei dir, sobald ich weiß, mit welcher konkreten Maßnahme ich beginnen werde“, antwortete Ella in Hochstimmung. Das lief ja alles wie geschmiert. „Dann freue ich mich auf eine gute Zusammenarbeit mit dir, Kira.“ Fröhlich grinste sie ihre neue Mitarbeiterin an. „Ja, dann auf eine gute Zusammenarbeit.“ Kiras dunkle Stimme klang ebenfalls erheitert. Nachdem die beiden Frauen mit Champagner auf ihre zukünftige Zusammenarbeit angestoßen hatten, tauschten sie noch für eine Viertelstunde belanglose Informationen aus. Anschließend verabschiedete sich Kira und zog sich wie eine geschmeidige Katze lautlos zurück. Hoch zufrieden mit dem Verlauf ihres persönlichen Treffens freute sich Ella über den gelungenen Auftakt ihrer Zusammenarbeit. Vom ersten Moment an beschloss sie, Kira in ein paar ihrer Geheimnisse einzuweihen. Normalerweise traute sie einer anderen Person keinen Millimeter über den Weg. Bei Kira lag der Fall jedoch anders. In ihr erkannte sie auf den ersten Blick eine Seelenverwandte, der das Erreichen ihrer individuellen Ziele ebenso wichtig war wie ihr selbst. Bei ihrem Arrangement profitierte jede von ihnen auf unterschiedlichste Art von der neuen Partnerschaft. Um den Erfolg versprechenden Auftakt ihres neuen Lebens in Alterra gebührend zu feiern, griff sie erneut zu ihrem Champagnerglas. In einem gierigen Schluck leerte sie das halbvolle Glas. Fröhlich pfiff sie eine Melodie vor sich hin, die sie erst vor Kurzem gehört hatte und ihr seither nicht mehr aus dem Ohr ging. Zum krönenden Abschluss des schönen Tages holte Ella die Briefe ihrer Mutter aus der goldenen Schatulle hervor, die sie extra zu deren Aufbewahrung erworben hatte. Wie kostbare Juwelen hütete sie die dicht beschriebenen Seiten des dünnen Briefpapiers, deren bedeutungsvoller Inhalt sie unverhofft nach Alterra geführt hatte. Inzwischen war es für sie zu einem vertrauten Ritual geworden, jeden Abend in den Briefseiten zu lesen. Immer wieder studierte sie die aufschlussreichen Sätze und konnte nicht davon genug bekommen. Allmählich bekam sie ein gutes Gespür für die sonderbaren Umstände, die sich um ihre heimliche Geburt rankten. Zugleich führte sie ihre Mutter Seite für Seite in die außergewöhnlichen Geheimnisse der drei herrschenden Familien in Alterra ein. Ausführlich erläuterte sie deren besondere Fähigkeiten und zeigte ihr ihre eigenen verwandtschaftlichen Beziehungen zum Hause Azuro und Lunara auf. Bei jeder Lektüre faszinierte sie diese mysteriöse neue Welt ein Stück mehr, zu der nun auch sie gehörte. An diesem Abend galt ihr besonderes Augenmerk einem kleinen Zettel, dessen Ränder ein eigentümliches, zackenartiges Muster aufwiesen. Sorgsam war die wichtige Botschaft mit einer silbernen Heftklammer an einer beschriebenen Briefpapierseite befestigt. Nur wenige Sätze enthielt das unscheinbare Stück Papier. Bedeutungsschwer hallten die Silben in ihrem Ohr. Wie hypnotisiert las sie die warnenden Worte der allerletzten Zeile immer wieder laut vor: „Geliebte Tochter, nimm dich in Acht vor dem verlockenden Geschenk der alten Götter!“
