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Die ahnungslose Alea führt ein beschauliches Dasein als erfolgreiche Hochzeitsplanerin. Der plötzliche Tod ihrer Eltern katapultiert sie in ein Leben, das das Geheimnis um ihre wahre Herkunft verbirgt. Als der dunkle Tajo und der charmante Matteo in ihr geordnetes Leben platzen, offenbaren ihr die attraktiven Brüder ihre wahre Identität und dass ihr Leben auf der Erde zu ihrem eigenen Schutz nur eine Tarnung sei. Alea ist sich unsicher, ob sie den anziehenden Brüdern trauen kann. Noch dazu knistert es gewaltig zwischen ihr und dem älteren der beiden. Sind sie Freund oder Feind? Durch ein schillerndes Portal gelangt sie mit ihnen in eine fremde Welt, die ihre Vorfahren erschaffen haben und die der Erde des einundzwanzigsten Jahrhunderts sehr ähnelt. Dort macht sie sich mit den kampferprobten Brüdern auf die Suche nach einem rätselhaften Erbstück, das nur für sie bestimmt ist und ein gefährliches Geheimnis in sich trägt. Ihr Talisman seit Kindertagen, ein Türkisstein mit gebogenen goldenen Strahlen, wartet bereits seit Jahrtausenden darauf, dass sie seine Macht entdeckt und das Rätsel um das verschollene Erbstück lüftet. Um herauszufinden, wie ihr eigenes Schicksal mit der Versklavung der Menschheit verbunden ist, ist sie gezwungen, ihre verborgenen Fähigkeiten zu entdecken und das Erbe ihrer Vorfahren zu verstehen. Ein gnadenloser Wettkampf um Verrat, Gier und Macht beginnt. ***** Band 1: Türkis ist nicht nur eine Farbe, Band 2: Silbern leuchtet nicht nur der Mond, Band 3: Blau schimmert nicht nur ein Saphir
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
PROLOG
VOR DREI WOCHEN
Die Beschützer
Der Einbruch
Lillys Hochzeit
ALTERRA
Die Geschichte des Königs
Der Portalstift
Der Ball
DIE VERRÄTER
Turkes Geheimnis
Der Armreif
Türkis ist nicht nur eine Farbe
Lorena Liehmar
Fantasie verleiht Flügel und Träume bringen uns überall hin.
IMPRESSUM
Band 1
Dies ist eine fiktive und frei erfundene Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Texte Copyright © 2020 Lorena Liehmar, [email protected] Riedheimstr. 3, D-87452 Altusried
Lektorat Gisela Breiter, Korrektorat Liara Ramheil
Bildmaterialien Copyright © 2020 Lorena Liehmar, erstellt durch Ximo Matou
Alle Rechte vorbehalten.
„Bin ich tot und seit wann tragen Engel Taucheranzüge?“ Mit diesem Gedanken kämpfte sich Aleas betäubter Geist aus den schwarzen Tiefen einer Bewusstlosigkeit zurück ins Leben. Dabei brummte ihr Kopf wie ein wildgewordener Bienenschwarm. Die erste und sehr oberflächliche Überprüfung ihrer Körperfunktionen ergab, dass das Wort „Kopfschmerzen” zur Bezeichnung des Zustands ihres höchsten Körperteils schlichtweg die Untertreibung des Jahres war. Nach dem Druck an ihrem Hinterkopf zu urteilen, erblühte dort gerade eine wunderschöne Beule, die zudem einen sehr engen Kontakt mit dem steinharten Boden unter ihr hielt. Somit stützte ihre momentane Position eher die These, dass sie wohl ausgestreckt auf dem Rücken lag, als aufrecht stand. Verwundert nahm sie diesen sonderbaren Zustand zur Kenntnis. Ganz vorsichtig tasteten ihre Fingerspitzen über den harten, felsigen Untergrund, der sich feucht und kalt anfühlte. Kaum wahrnehmbar hörte sie eine männliche Stimme dicht über ihr flehentlich murmeln: „Bitte bleib bei mir, verlass mich nicht.” Diese berührenden Worte wurden derart leise geflüstert, sodass Alea sie kaum verstand. Dennoch drangen sie bis in ihr noch leicht benommenes Bewusstsein vor und wärmten ihr unruhig schlagendes Herz. Ihre halb geöffneten Augen suchten verwirrt nach einem hilfreichen Fixpunkt, der ihnen Halt in dieser verstörenden Situation gab. Weshalb lag sie nur der Länge nach auf dem harten Boden? Beim besten Willen konnte sie sich keinen Reim darauf machen. Verunsichert blinzelte sie mehrmals. Schlagartig erkannte sie einen Schatten, direkt über ihr. Die hochgewachsene Gestalt, die neben ihr kniete und sich vorsichtig über sie beugte, steckte in einem pechschwarzen, hautengen Taucheranzug und betrachtete sie mit einem äußerst besorgten Blick aus tiefblauen Augen. Durch den sich allmählich lichtenden Schleier ihrer Bewusstlosigkeit erkannte sie das vertraute Gesicht, dessen faszinierende und leicht zusammengekniffene Augen nun forschend ihr Mienenspiel verfolgten. In einer verzweifelten Geste fuhr er sich mit der Hand durch sein dichtes dunkles Haar. Wie ein greller Blitz schoss plötzlich sein Name durch ihre Gedanken. Unter Aufbietung ihrer gesamten Kräfte flüsterte sie leise: „Tajo, du bist ja gar kein Engel – Gott sei Dank.” Auf seinem attraktiven Gesicht zeigte sich ein erleichtertes Lächeln, das von seinen Mundwinkeln aus seine Augen erreichte und diese für den Bruchteil einer Sekunde zum Strahlen brachten. Sein Kopf beugte sich noch etwas näher über sie und seine feingliedrige Hand berührte zart ihre Wange. Das grauenhafte Entsetzen in ihm, als er sie so leblos und blass auf dem Boden liegen sah, lähmte für eine winzige Zeitspanne all seine Empfindungen. Ihr bedrohlicher Zustand ließ ihn das Schlimmste befürchten – sie könnte sterben. Ihre wenigen Worte gaben ihm wieder neue Hoffnung und brachten sein zerrissenes Herz vorsichtig zum Jubeln. Unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte bemühte sich Alea, sich aufrecht hinzusetzen und das gewaltige Hämmern in ihrem Kopf kurzfristig auszublenden – soweit dies überhaupt möglich war. Mit Tajos behutsamer Hilfe gelang es ihr schließlich, ihren Oberkörper aufzurichten und in eine halbwegs sitzende Position zu gelangen. Noch leicht benommen tastete sie im Geiste ihre Gliedmaßen nach möglichen Verletzungen ab. Bei der stummen Bestandsaufnahme ihrer restlichen Körperteile verspürte sie jedoch keine weiteren Schmerzen. Beruhigend. Im Vergleich dazu fühlte sich ihr mitgenommener Kopf an, als ob ein streitlustiger Hüne mit einem Hammer unermüdlich auf einen Amboss schlug – nur dass der Amboss ihr Kopf zu sein schien. Um das quälende Hämmern zu vertreiben, atmete sie mehrmals tief ein und aus. Ihre Lungen füllten sich dabei gierig mit der salzhaltigen Luft und es roch nach Meer und Moder. Das Zittern, das ihren geschwächten Körper durchlief und durch die Anstrengung der geänderten Position ausgelöst wurde, konnte sie nicht unterdrücken. Ein kurzer und heftiger Schwindelanfall ließ sie beinahe unkontrolliert nach hinten kippen, während zwei starke Arme sie dabei blitzschnell auffingen und stützten. Ihr sich allmählich klärender Blick schweifte ziellos in dem wenig erhellten Raum umher. Innerlich war sie von der Heftigkeit ihrer Kopfschmerzen derart betäubt, sodass noch keine Empfindung wie Angst oder Hilflosigkeit sie beherrschte. An ihre Ohren drang das leise und gleichmäßige Plätschern von Wasser, wobei sie nicht wusste, ob dieses Geräusch sie nun beruhigen oder in Unruhe versetzen sollte. Nach einem weiteren und intensiveren Blick auf ihre Umgebung erkannte sie, dass sie sich in einer kleinen, kreisrunden und im Halbdunkel liegenden Grotte befand. Deren kuppelartige Felsendecke erstreckte sich wie ein riesiger, aufgespannter Schirm über ihr. Die winzigen glitzernden Kristalle in dem dunklen Gestein der Dachkuppel funkelten wie ein Sternenhimmel und übten eine magische Faszination auf sie aus. Sie konnte ihren Blick nicht mehr davon abwenden. Das vorsichtige und liebevolle Tätscheln an ihrem rechten Oberarm brachte Alea dazu, den Blick auf diese von Neopren bedeckte Körperstelle zu senken. Nur widerwillig löste sie sich von dem fesselnden Anblick. Ganz langsam erkannte sie, dass ihr ganzer Körper in einem hautengen, schwarzen Taucheranzug steckte. Da sich dieser unangenehm nass und klamm anfühlte, war sie anscheinend im Wasser gewesen. Sie fröstelte und erneut überfiel ein leichtes Zittern ihren mitgenommenen Körper. Schlagartig machte sich eine beklemmende Verstörtheit in ihrem Inneren breit, der sie nur schwer Einhalt gebieten konnte. Wie lange war sie bewusstlos gewesen und wie kam sie überhaupt hierher? Was war denn „hierher”? Erst allmählich nahm sie die Einzelheiten ihrer Umgebung wahr und konnte den großartigen Anblick, der sich ihr bot, kaum fassen. So etwas Beeindruckendes und Schönes, das zweifellos von der Natur und nicht von Menschenhand erschaffen worden war, hatte sie bisher noch nicht gesehen. Die Felsendecke und die Seitenwände der kleinen Grotte waren mit unzähligen Kristallen übersät und glitzerten wie funkelnde Diamanten. Die ihr gegenüberliegende Wand zeigte einen Ausgang ins Freie auf, nahe unter der Wasseroberfläche und in Form eines Rundbogens. Dieser leuchtete in verschiedenen Türkis- und Blautönen und hob sich von der restlichen Dunkelheit in der Grotte überdeutlich ab. Außerhalb musste es noch taghell sein, sodass sich das einfallende Licht in der Felsenöffnung des Rundbogens brach und diese unglaubliche Flut an wundervollen Farbtönen auslöste. In diesem Moment fühlte sie sich völlig verzaubert und zugleich zutiefst beunruhigt. Was befand sich wohl auf der anderen Seite der Felswand? Zu ihren Füßen, die noch immer schwarze Taucherfüßlinge trugen und in dunklen Flossen steckten, plätscherte Meerwasser leise gegen den felsigen Untergrund. Hinter der gegenüberliegenden Wand musste sich anscheinend ein offenes Gewässer befinden, das durch den Rundbogen mit dem salzhaltigen Wasser in der Grotte verbunden war. „Was ist geschehen?”, hauchte sie mit zitternden Lippen. Eine Welle der Angst durchlief plötzlich und ohne Vorwarnung ihren Körper. „An was kannst du dich erinnern?”, hörte sie Tajos raue Stimme fragen. Für einen kurzen Moment wirbelten verwirrende Bilder durch ihren Kopf. Auf einen Schlag fiel ihr alles wieder ein. Mit brachialer Gewalt kämpften sich die Erinnerungen an die letzten Minuten vor ihrer Bewusstlosigkeit in ihren erschöpften Geist zurück. Sie offenbarten das gesamte erschreckende Ausmaß der Gefahr, in der sie geschwebt war. Gemeinsam mit Tajo sah sie sich in einem schwarzen Taucheranzug und mit Füßlingen bekleidet am Rand des Wassers in der Grotte stehen. Beide waren damit beschäftigt, ihre Tauchcomputer am linken Handgelenk anzulegen. Die Bleigurte, die sie zum Abtauchen benötigten, waren bereits um ihre Körpermitte geschlungen. An der Außenseite ihrer rechten Schienbeine befestigten sie mit sicherer Hand zwei Tauchermesser – man wusste schließlich nie, was einen erwartete. Zu ihren Füßen lagen zwei fertig montierte Tauchausrüstungen, jeweils bestehend aus einem Jacket, über das zum Tarieren unter Wasser Luft ein- und ausgelassen werden konnte. An dessen Rückseite befand sich die mit reißfesten Bändern verzurrte Pressluftflasche, an deren oberem Ventil der Lungenautomat angeschlossen war Über ein Mundstück versorgte dieser den Taucher beim Einatmen mit Luft unter Wasser. Hochkonzentriert halfen sich Alea und Tajo gegenseitig, die Ausrüstungen anzulegen und einen Check auf Funktionstüchtigkeit durchzuführen. Vor dem Überstreifen der Flossen fixierten sie noch handliche Unterwasserlampen und einen hilfreichen Kompass an den Ösen ihrer Jackets. Nach einer letzten Überprüfung ihrer Lungenautomaten zogen sie ihre Tauchermasken über Augen und Nasen. Zur Sicherheit waren beide mit einem Reserveautomaten ausgestattet, der nur in Notfällen zum Einsatz kam. Anschließend sprangen sie gleichzeitig und beherzt in das dunkle, kalte Wasser der Grotte. Nach einem kurzen aufmunternden Blickkontakt gab ihr Tajo an der Wasseroberfläche mit beiden Händen das Zeichen zum Abtauchen. Nahezu zeitgleich zogen sie an den Ventilen ihrer Jackets, um die Luft mit einem leisen Zischen daraus entweichen zu lassen. Während des Abtauchens behielt sie ihren routinierten Tauchbegleiter ständig im Auge und ließ sich zügig nach unten gleiten. Nach einem kurzen Blick auf ihren Tauchcomputer und auf ein Zeichen von Tajo hin stoppte sie ihr Absinken in einer Tiefe von ungefähr sechs Metern. Vollkommen entspannt legte sie sich horizontal in das kalte Blau. Für einen kurzen Moment genoss sie das herrliche Gefühl des freien Schwebens und ein glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen. Sorgsam achtete sie dabei darauf, ihren Lungenautomaten im Mund nicht loszulassen. Alea liebte diesen einzigartigen Schwebezustand und als erfahrene Taucherin genoss sie die Schwerelosigkeit unter Wasser in vollen Zügen. Nach wenigen Sekunden bewegten sich beide mit geübten, effizienten Flossenschlägen vorwärts und tauchten durch den türkisfarbenen Rundbogen nebeneinander aus der Grotte hinaus. Vor ihnen erstreckte sich eine gewaltige Ansammlung von zerbrochenen Säulen und Mauern auf dem Meeresgrund. In ungefähr dreißig Metern Tiefe waren sie als die letzten traurigen Zeugen einer versunkenen Stadt zu erkennen. Nach dem Einschalten der hell leuchtenden Unterwasserlampen und einem konzentrierten Blick auf ihren Kompass deutete sie mit einer kurzen Bewegung ihrer rechten Hand in die Richtung, in der ihr Ziel vor ihnen lag. Zahlreiche, größtenteils zerfallene Gebäude ragten aus dem Schlamm am Meeresboden hervor und zeugten von einer längst vergangenen Pracht. Ihr Ziel lag am Rand dieser riesigen Geröllhalde und unterschied sich durch eine turmähnliche Erhöhung von allen anderen Steinfragmenten. So nah an ihrem Ziel zu sein, versetzte Alea in eine beinahe euphorische Stimmung. Kaum konnte sie es erwarten, sich mit kräftigen Flossenschlägen dem Objekt ihrer Begierde zu nähern. Versonnen und erfüllt von einer tiefen Zufriedenheit blickte sie den aufsteigenden Luftblasen hinterher. Als sie ihren Kopf in Tajos Richtung drehte, verdoppelte ein plötzlicher Adrenalinstoß ihren Herzschlag im Bruchteil einer Sekunde. Wie elektrisiert verkrampfte sich ihr gesamter Körper, der bis dahin völlig entspannt und in einem ruhigen Rhythmus atmend dahingeglitten war. Aus den Augenwinkeln erkannte sie zwei bedrohliche Schatten, die sich ihnen blitzschnell näherten. Wo waren die nur so plötzlich hergekommen? Ein kurzer Augenkontakt mit Tajo zeigte ihr, dass dieser die unerwarteten Neuankömmlinge ebenfalls bemerkt hatte und vorsorglich sein Messer aus der Halterung löste. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was wollten diese aggressiv wirkenden Gestalten von ihnen? Wie freundliche Zeitgenossen oder harmlose Zufallsbekanntschaften unter Wasser sahen diese jedenfalls nicht aus. Einer der ebenfalls schwarz gekleideten Angreifer näherte sich ihr wie ein dunkler Pfeil zielstrebig an. Blitzschnell packte er sie im Nacken am Ventil ihrer Pressluftflasche und riss sie mit einem heftigen Ruck in seine Richtung zurück. Im ersten Moment erstarrte sie vor Schreck zu einer unbeweglichen Salzsäule. Im nächsten Augenblick erwachten jedoch ihre Lebensgeister wieder und schrien lautstark nach Widerstand. Fieberhaft suchte sie nach einem Ausweg aus der eisernen Umklammerung ihres Angreifers. Verzweifelt schlug sie mit ganzer Kraft um sich. Zu ihrem größten Entsetzen verlor sie in dem sich anschließenden Handgemenge ihren Lungenautomaten. Schlaff baumelte er nach unten in die Tiefe. Bevor sich Panik in ihr über den Verlust der lebensnotwendigen Atemluft ausbreiten konnte, verspürte sie einen starken Schlag gegen ihren Hinterkopf. Augenblicklich versank sie in tiefste Dunkelheit. Nur kurz konnte Tajo aus den Augenwinkeln heraus das entsetzliche Geschehen um Alea herum wahrnehmen. Mehr Zeit gestand ihm sein gefährlicher Angreifer nicht zu. Kraftvoll stürzte sich dieser auf ihn und ließ keinerlei Zweifel darüber aufkommen, dass er ihm das Lebenslicht aushauchen wollte. Das scharfe Messer in seiner Hand, das sich gefährlich seiner Kehle näherte, löste in ihm eine deutliche Beschleunigung seiner Atmung aus. Sein Herz klopfte wie wild gegen seinen Brustkorb und drohte aus Angst um Alea zu zerspringen. Dabei musste er zunächst seinen eigenen Angreifer ausschalten, bevor er ihr beistehen konnte. Ein blitzschnell platzierter Stich in die Herzgegend seines Gegenübers entschied den Kampf zwischen ihnen in Windeseile. Eile war auch geboten. Ihr schrecklicher Anblick ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Deutlich sah er ihren Lungenautomaten seitlich neben ihrem Oberkörper schlaff in die Tiefe baumeln. Das war ein untrügliches Zeichen für Tod. In derselben Sekunde schlug ihr Angreifer ihr heftig von hinten mit einem harten Gegenstand auf den Schädel, wodurch ihr Kopf bewusstlos nach vorn rutschte. Vor Entsetzen blieb ihm für einen kurzen Moment die Luft weg. Nach einem tiefen Atemzug durch den Lungenautomaten griff er an. Durch einen kräftigen Flossenschlag angetrieben schoss er wie ein gefährlicher Raubfisch von hinten auf den zweiten Angreifer zu. Dieser hielt Alea wie in einem Schraubstock noch immer in seinen Armen gefangen, sodass sie nicht unkontrolliert und unerreichbar auf den Meeresboden absank. Was hatte er vor? Diese Frage musste wohl noch ungeklärt bleiben, denn im gleichen Moment stieß Tajo sein Messer in den Rücken des anderen Tauchers, um Alea von ihm zu befreien. Mit der anderen Hand griff er automatisch nach ihr und packte sie am linken Unterarm, um sie vor dem tödlichen Absinken zu bewahren. Seine wilden Gedanken kreisten nur noch um ein einziges Wort: „Luft, Luft – Alea braucht Luft!”. Sein blutiges Messer ließ er augenblicklich in die blauen Tiefen des Meeres gleiten und zog im selben Moment seinen Zweitautomaten aus der Magnethalterung heraus. Vorsichtig und zielstrebig schob er diesen zwischen Aleas Zähne hindurch in ihren schlaffen Mund. Nur zögerlich zog sie daran, um Luft in ihre Lungen zu pressen. Ihm blieb nicht viel Zeit, um sie an die Oberfläche in Sicherheit zu bringen. Seine Gedanken überschlugen sich. Wie tief waren sie abgetaucht? Wie lange waren Sie bereits unter Wasser? Konnte er mit ihr einen Notaufstieg an die Oberfläche riskieren, ohne sie beide durch einen zu schnellen Aufstieg in Lebensgefahr zu bringen? Nach einem kurzen Blick auf seinen Tauchcomputer war seine Entscheidung gefallen, das musste klappen Eilig tauchte Tajo mit der schlaff im Wasser liegenden Alea in seinen Armen in Richtung ihres Ausgangspunktes nach oben auf. Hektisch durchbrach er kurz hinter der Felsenöffnung des Rundbogens die Wasseroberfläche in der Grotte. Ihr Atem ging flach. Unter Aufbietung all seiner Kräfte hievte er sie so vorsichtig wie möglich an das rettende Ufer und zog sich anschließend ebenfalls an Land. Sein Herzschlag drohte vor Sorge auszusetzen. Für ihn dauerte es schier eine Ewigkeit, bis sie endlich die Augen aufschlug, obwohl es nur wenige Minuten waren. Seine Angst, sie könnte sterben, übermannte ihn beinahe. Endlich, sie lebte. Als die grässlichen Erinnerungen über Alea hereinbrachen, fühlte sie nochmals helle Panik in sich hochsteigen. Instinktiv griff sie sich mit den Fingern an den Hals, als ob sie ersticken würde. Ein tiefer Atemzug überzeugte sie, dass sie sich in Sicherheit befand. Heldenhaft hatte Tajo ihr Leben gerettet, der noch immer neben ihr kniete und sich mit sorgenvollem Gesicht über sie beugte. Dankbar hob sie ihre Hand, um ihn sanft zu berühren. Aus dem Nichts und ohne jegliche Vorwarnung knallte ein Schuss und zerriss die Stille. Ihre vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen suchten sein Gesicht. Zunächst starrte er sie aus seinen tiefblauen Augen ungläubig an. Dann senkten sich diese ganz langsam auf seine Brust. Verständnislos folgte sie seinem Blick auf dem Weg nach unten, während er in Zeitlupengeschwindigkeit neben ihr zu Boden sank. Zu ihrem blanken Entsetzen blieb er mit abgewinkelten Beinen reglos auf dem Rücken liegen. In seiner muskulösen Brust klaffte ein Loch und frisches rotes Blut tränkte seinen schwarzen Taucheranzug. Voller Grauen starrte sie auf das in Strömen hervorquellende Blut. Blut, so viel Blut. Ihr Herz drohte, vor Schmerz zu zerspringen und ihr Verstand setzte einfach aus. Sie konnte es nicht glauben - vor wenigen Minuten hatte er ihr das Leben gerettet und nun verblutete er direkt vor ihren Augen.
„Was, ich soll in männlicher Begleitung zu deiner Hochzeit erscheinen? Wieso?”, japste Alea entrüstet durch den Telefonhörer an ihrem linken Ohr und schnappte geräuschvoll nach Luft. Dabei wippte sie ungeduldig mit der rechten Fußspitze ihrer weißen Ballerinas und verursachte durch das ständige Tappen auf dem hellen Parkettboden ein ungeduldiges, monotones Geräusch. Ihre Miene sprach Bände. Dieses Thema brachte ihr Blut ganz schön in Wallung. „Aber klar doch, wir müssen dich ja auch irgendwann und irgendwie mal unter die Haube bringen”, flötete ihre Freundin Lilly mit honigweicher Stimme vergnügt am anderen Ende der Leitung. „Ich werde mein Bestes geben, um für dich auch einen tollen Mann zu finden”, ergänzte sie belustigt im Brustton der Überzeugung. Ihr breites Grinsen konnte Alea buchstäblich vor ihrem inneren Auge sehen, vor allem den völlig unschuldigen Gesichtsausdruck ihrer Freundin mit ihren großen, leicht mandelförmigen Augen. Den setzte sie nämlich immer dann auf, wenn sie Anstalten machte, Alea zu verkuppeln oder wenn sie ein neues, interessantes männliches Opfer gesichtet hatte, das ihrer Meinung nach angeblich sehr gut zu ihr passte. „Oh Gott, wie ich diese Manöver hasse!“ Bei diesem Gedanken entrang sich ihren Lippen ein schicksalsergebenes Seufzen. Ihre gerunzelte Stirn glättete sich jedoch sogleich wieder. Sie dachte daran, dass Lilly es nur gut mit ihr meinte und dass ihre Freundin ihr bloß dasselbe Glück wünschte, das sie mit ihrem Mark erlebte. Die beiden kannten sich bereits seit ihrer gemeinsamen Schulzeit und es war die große Liebe auf den ersten Blick, die bis heute unvermindert anhielt. In einer Woche wollten sie heiraten und es gab gar nicht so viel rosa Farbe, um die Wolken passend zu deren Gemütsverfassung anzustreichen. Vermutlich hörten sie jeden Tag nur die Klänge von Engelsharfen jubilieren, die sie derzeit in ihrer von Hochzeitsvorbereitungen geprägten Welt auf den letzten Metern vor dem Traualtar begleiteten. Sie waren einfach überglücklich miteinander und wollten alle in ihrem engsten Freundeskreis in dem gleichen Glücktaumel sehen. Soweit zur Theorie. „Um sieben Uhr komme ich bei dir vorbei und bringe Rebecca mit. Dann können wir gemeinsam die Kandidaten diskutieren, die infrage kommen. Tschüss, bis heute Abend.” Mit dieser gutgemeinten Androhung beendete Lilly in bester Laune ihr Gespräch, bevor Alea die Chance hatte, lautstark dagegen zu protestieren, um eine Vielzahl von Einwänden zu erheben. „Na, das ist wieder mal sehr gut gelaufen, aber nicht für mich“, dachte sie sich zermürbt. Von dem kurzen Gespräch aufgewühlt sank sie auf ihre cremefarbene Wohnzimmercouch nieder. Ihre Hände wuschelten durch ihr weiches Haar und brachte es etwas in Unordnung, was ihr in diesem Moment völlig egal war. Getrieben durch ihre innere Unruhe rollte sie nur ungeduldig mit den Augen und verschränkte beide Arme vor ihrer Brust. „Das muss im Moment reichen, um meinen Unmut zum Ausdruck zu bringen“, überlegte sie stumm in Ermangelung irgendwelcher Zuhörer. „Wieso klappt das nicht mit den Männern bei mir? So hässlich bin ich nun auch wieder nicht und mit meinen fünfundzwanzig Jahren nicht wirklich alt“, dachte sie resignierend und legte ihre hohe Stirn schon wieder in leichte Falten. Ihre letzte feste Beziehung lag zwei Jahre zurück und endete in einem Fiasko mit wüsten Beschimpfungen ihrer Person. Ihr Ex-Freund hatte sie gerne an seiner Seite und präsentierte sie stolz wie eine neu errungene Trophäe. Für ihn war sie nur ein hübsches Püppchen, das nach seiner Pfeife zu tanzen hatte – wie ein dressiertes Hündchen. Seine übertriebene Eifersucht machte ihr das Leben zur Hölle, da er ihr sogar den Umgang mit ihren beiden Freundinnen untersagte. Er wollte sie ganz für sich allein haben. Am Ende ihrer Beziehung war sie ihm eindeutig zu aufmüpfig und zu wenig unterwürfig gewesen. Tja, das Dasein als schmückende Trophäe an der Seite eines angeblich unwiderstehlichen Mannes hatte sie nun eindeutig satt. Anscheinend geriet sie immer wieder an solche Exemplare der männlichen Spezies. Ein wehmütiges Seufzen rutschte ihr über die Lippen. Ihre Wundwinkel bogen sich leicht nach unten und eine traurige Schnute kam zum Vorschein. Ja, Männer frustrierten Alea und sie hielt sich schon eine geraume Zeit von ihnen fern. Die Ausnahme bestand lediglich in der gelegentlichen Annahme von Einladungen zum Abendessen. Wenn ihre besten Freundinnen Lilly und Rebecca ihre trüben Gedanken hätten hören können, dann wäre sie zwangsläufig nur als dritte Siegerin vom Platz gegangen. Nämlich in der Disziplin, ihre Vorzüge anzupreisen. In deren Augen war sie eine sehr attraktive, hochgewachsene, junge Frau mit goldblondem Haar, das ihr in sanften Wellen bis über die Schultern fiel und um das sie viele andere weibliche Wesen glühend beneideten. Ihre langen schlanken Beine steckten gerade in einer engen, hellblauen Jeans, zu der sie eine weiße, kurzärmelige Bluse trug, die sie vorne oberhalb des Reißverschlusses lässig in den Hosenbund gesteckt hatte. Ihre weiblichen Rundungen wurden dadurch besonders gut zur Geltung gebracht – schlank, aber keine Bohnenstange. Ihre helle Kleidung verlieh ihrer leicht gebräunten Haut einen zarten Schimmer und es konnte der Eindruck entstehen, sie käme gerade aus dem Urlaub. Das war jedoch definitiv nicht der Fall. Das Auffälligste an Alea war jedoch ihr ausdruckstarkes Gesicht. Ihre Freundinnen vertraten überzeugt die Meinung, dass sie ein Gesicht wie ein Engel hätte, mit einem sinnlichen Mund, hohen Wangenknochen, perfekt geschnittenen Augen, langen dichten Wimpern und dann noch diese besondere Augenfarbe – ein leuchtendes Türkis. Ihr Anblick ließ schon viele Männerherzen höherschlagen und auf vom Pfad der Tugend abweichende Gedanken kommen. Ach ja, und da war dann auch noch die Sache mit der männlichen Trophäenmanie, die durch ihr Aussehen zweifellos befeuert wurde. Im Moment schritt sie innerlich aufgewühlt mit wiegenden Hüften in ihrem Wohnzimmer auf und ab. Das Thema Männer ärgerte sie zunehmend mehr. In diesem besonderen Fall halfen ihr nicht einmal mehr ihre eigenen vier Wände, um sich vollkommen zu beruhigen. Ihre Wohnung stellte für sie der sichere Rückzugsort dar, wenn sie sich einigeln wollte oder ihr, wie im Augenblick, traurige Gedanken das Lächeln raubten. Sie lachte nämlich sehr gerne und oft. Missmutig schüttelte sie kräftig ihren Kopf, wodurch ihre blonden Locken sanft durch die Luft wirbelten. Diese Geste sollte ihr helfen, die trübe Stimmung zu vertreiben und ihre Gefühle zu beruhigen. Nachdenklich ließ sie ihren Blick durch ihr Wohnzimmer schweifen. Alea bewohnte in einem gepflegten Wohnviertel mit vielen hübsch angelegten Gärten eine großzügig geschnittene Dreizimmerwohnung im Erdgeschoss eines Vierparteienhauses. Sie genoss das Leben in dieser ruhigen Wohngegend am Stadtrand und konnte mit der Hektik und dem Lärm inmitten von Großstädten nichts anfangen. Ihr Herz schlug eindeutig zufriedener in einer ruhigen Wohnlage mit viel Grün. Dort fühlte sie sich pudelwohl und vor allem liebte sie ihr gemütliches Zuhause. Ihre Wohnung war mit hellen und modernen Holzmöbeln eingerichtet, da sie den warmen Farbton von hellbraunem Holz sehr mochte und sich gern damit umgab. Ihr Wohnzimmer wurde von der cremefarbenen Couch beherrscht, die frei im Raum platziert war und die an einen modernen, petrolfarbenen, weichen Teppich angrenzte, der zum Barfußlaufen einlud. Der Echtholzparkettboden aus Eiche in allen Räumen, außer in Küche und Bad, erzeugte eine gemütliche Atmosphäre und harmonierte vollendet mit der geschmackvoll ausgewählten Inneneinrichtung. Die weißen Wände waren mit farbenfrohen Landschaftsbildern geschmückt und verliehen dem Raum eine überaus freundliche und positive Ausstrahlung. Besonders liebte Alea jedoch ihre kleine grüne Insel, die sie auf ihrer Terrasse eingerichtet hatte. Aus mehreren winterharten Grünpflanzen und blühenden Sommerblumen in verschiedenen Pflanzkübeln schuf sie sich eine behagliche Oase. Hier duftete es ständig nach Rosen und Insekten schwirrten eifrig durch die Luft. Durch die großen Terrassentüren im Wohnzimmer und in ihrem Büro hatte sie ständig einen guten Blick auf ihre besondere Wohlfühlnische. Diese wurde von einem schmalen, gepflegten Rasenstreifen und einer mannshohen Kirschlorbeerhecke mit dicken, grünglänzenden Blättern eingesäumt. In der Mitte der Terrasse standen drei hochlehnige Stühle mit passenden Fußhockern und waren um einen runden Aluminiumtisch angeordnet. Die weichen, rot-gelb gemusterten Polsterauflagen luden förmlich zum Genießen und Faulenzen ein. Dies war im Sommer ihr Lieblingsort, an dem sie sich am besten entspannen, ihre Gedanken sortieren und ihrer Kreativität freien Lauf lassen konnte. Diese gemütliche Nische im Freien, umgeben von viel Grün, war Balsam für ihre Seele. Im Winter bevorzugte sie ihr Schlafzimmer als Rückzugsort zum Kräftetanken, das ebenfalls mit hellen Holzmöbeln und einem großen Doppelbett eingerichtet war. Hier dominierten die Farben Gelb und Orange auf Bettwäsche, Teppichen, Vorhängen und diversen Dekorationsstücken. Insbesondere bei schlechtem Wetter verbreiteten die strahlenden Farben gute Laune. Allerdings war das Leben viel zu schön und insbesondere auch das Wetter an diesem Tag, um sich von dem Thema Männer herunterziehen zu lassen. Ein Blick aus dem Fenster in den strahlend blauen Himmel und in den hellen Sonnenschein verfehlten ihre besänftigende Wirkung nicht. Das plötzliche Klingeln ihres Handys riss Alea endgültig aus ihren restlichen, trübsinnigen Gedanken und brachte sie in die Realität zurück. Kurz mit den Augen blinzelnd sammelte sie sich innerlich. Energisch griff sie nach dem Smartphone, das auf ihrem niedrigen Wohnzimmertisch aus Rauchglas lag und darauf wartete, dass sie es in die Hand nahm. „Hi, freust du dich schon darauf, dass wir beide heute Abend bei dir vorbeikommen?”, säuselte ihre Freundin Rebecca gut gelaunt und mit Schalk im Nacken in ihr Ohr. Natürlich war sie mit dem speziellen Tagesordnungspunkt der spontan angesetzten abendlichen Dreimädel-Sitzung vertraut. Sie selbst nahm das Thema Männer sehr sportlich: Mal gewinnt Frau, mal verliert Frau, aber solange es Spaß machte, war alles in Ordnung. Die Männer lagen der rassigen Rothaarigen scharenweise zu Füßen und entsprechend groß war ihre Auswahl. Allerdings hatte sie bisher mit Mitte zwanzig noch kein wirkliches Interesse an einer dauerhaften Beziehung gezeigt. „Willst du darauf jetzt tatsächlich eine ehrliche Antwort haben?”, maulte Alea mit rollenden Augen vor sich hin. „Ich habe euch ja gern um mich, aber muss es immer dieses blöde Thema sein?” Sie gab ein leises Stöhnen von sich. „Es wird langsam Zeit, dass Lilly unter die Haube kommt und damit beschäftigt sein wird, kleine Marks und Lillys zu produzieren”, ergänzte sie. „Dann vergisst sie hoffentlich ihre Ambitionen als Ehestifterin und ich habe dann wieder meine Ruhe.” „Du bist aber ein Optimist. Hast du denn schon vergessen, dass sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, uns beide ebenfalls in den Zustand von ehrbaren und gut behüteten Ehefrauen zu versetzen?” Ihr fröhliches Lachen hob schlagartig Aleas Laune und auch auf ihren bisher leicht missmutigen Gesichtszügen erschien ein kleines Lächeln. Ja, Rebeccas gute Laune war immer ansteckend und zeigte jedes Mal ihre Wirkung – egal in welcher Situation. Sofort spürte sie, wie die Anspannung in ihrem Inneren nachzulassen begann. Die Welt rückte in ein anderes Licht. „Na gut, aber das Ganze ertrage ich nur mit einem Glas gekühlten Hugo frizzante.” Das war das alkoholisierte Lieblingsgetränk der drei gleichaltrigen Damen, insbesondere in der warmen Sommerzeit. Das um noch eine Spur lauter gewordene Lachen von Rebecca vertrieb die letzten trüben Gedanken bei Alea und führte dazu, dass sich bei ihr allmählich etwas Vorfreude auf ihr abendliches Treffen einstellte. Bei dem Gedanken an die beiden Mädels empfand sie eine wohltuende innere Wärme und sie war froh, dass sie ihre Freundinnen hatte. Seit ihrer Schulzeit waren sie ein unzertrennliches Trio und hielten auch in schwierigen Zeiten wie Pech und Schwefel zusammen. „Okay, dann stell schon mal sicherheitshalber zwei Flaschen Hugo in den Kühlschrank”, schlug Rebecca mit einem amüsierten Lachen vor. „Eine wird da nicht reichen. Du weißt ja, wenn Lilly in Fahrt kommt, kann das dauern.” Mit einem Glucksen ergänzte sie: „Vergiss nicht, ich stehe voll und ganz auf deiner Seite. Warum die ganze Kuh kaufen, äh Stier, wenn ein Glas Milch oder so etwas Ähnliches auch ausreicht. Auf jeden Fall hast du meine volle Unterstützung.” Mit diesem aufmunternden Kommentar beendete Rebecca das Gespräch und ließ eine amüsierte Alea mit einem leichten Schmunzeln zurück. Der nächste Anruf auf ihrem Festnetztelefon holte Alea in die Realität ihres Berufslebens zurück und machte ihr klar, dass ihr Feierabend noch nicht kurz bevorstand. Es war erst mitten am Nachmittag eines normalen Arbeitstages. Dieser wunderschöne Spätsommertag verleitete dazu, in Tagträume zu verfallen und an Dinge mit hohem Spaßfaktor zu denken - wie zum Beispiel an das kurz bevorstehende Wochenende. Allmählich tauchte sie aus ihren Gedanken auf und stellte fest, dass sie wieder vor der offenen Terrassentür in ihrem Wohnzimmer stand und träumerisch in den Garten blickte. Anscheinend musste sie aufgestanden sein, ohne es bemerkt zu haben. Nun ja, das aufdringliche Bimmeln verursachte bei Alea ein Kribbeln im Nacken, als ob sie bereits spürte, dass dieser Anruf mit Ärger verbunden sein könnte. Nach dem Abheben erklang die schrille Stimme von Frau Talhofen in ihrem Ohr und verursachte dort sofort ein leises Klingeln. Sie war eine anstrengende Kundin, für die Alea besonders gute Nerven und ein äußerst hohes Maß an Geduld und Gleichmütigkeit aufbringen musste, um ihr mit der gebührenden Höflichkeit gegenübertreten zu können. Die Frau Anfang dreißig gehörte zu der Kategorie der hypernervösen Bräute, die ständig auf dem sehr schmalen Grat zur Hysterie balancierten. Alea war eine erfolgreiche und gefragte Hochzeitsplanerin, die sich im Laufe der vergangenen Jahre einen guten Ruf in diesem Metier aufgebaut hatte. Entsprechend zufriedenstellend entwickelte sich ihre Auftragslage. Ihrem Organisationstalent, ihrer strukturierten Arbeitsweise und insbesondere ihrer liebenswürdigen und einfühlsamen Art verdankte sie ihren persönlichen Erfolg. Es gelang ihr immer wieder, die nervösen, angehenden Ehefrauen zu beruhigen und mit ihren kreativen Vorschlägen zufriedenzustellen. Während sie dem hektischen Redeschwall ihrer Kundin ihre volle Aufmerksamkeit schenkte, legte sie mit ein paar Schritten den Weg zu ihrem Büro zurück, in dem sie alle erforderlichen Unterlagen ihrer jeweiligen Klientinnen griffbereit aufbewahrte. Auch dieser Raum war mit modernen, hellbraunen Büromöbeln, einem farbenfrohen Teppich mit Phantasiemuster und verschiedenen Farbdrucken an den Wänden ausgestattet. Dieser helle Raum übte eine beruhigende Wirkung auf Alea aus und sie zog sich dorthin gerne zum Arbeiten zurück, um sich mit vollem Herzblut der Belange ihrer aufgeregten Kundinnen zu widmen. Kaum an ihrem Schreibtisch angekommen, ließ sie sich in ihren bequemen Bürodrehstuhl fallen und aktivierte ihren auf der Tischplatte stehenden Laptop. Grundsätzlich war sie eine geduldige Zeitgenossin, die mit viel Einfühlungsvermögen die Sorgen und Nöte ihrer Klientinnen nachvollziehen konnte. Sie fühlte ein klitzekleines bisschen Stolz in sich aufkeimen und war sich ihrer Fähigkeit bewusst, dass sie es hervorragend verstand, anderen Menschen zuzuhören. In ihrem Job war das Zuhören besonders wichtig und vor allem hilfreich, um die nicht ausgesprochenen, vielfältigen Wünsche zwischen den Zeilen zu erkennen. Das machte die Qualität einer guten Hochzeitsplanerin aus – das Erfüllen von offensichtlichen und vor allem geheimen Wünschen. Darin war sie richtig gut. Dieser Gedanke und die Freude an ihrer Arbeit brachten ihre Augen kurzfristig zum Leuchten. Glücklicherweise war sie mit einem gesunden, aber nicht übertriebenen Selbstbewusstsein gesegnet, gepaart mit einer ausreichenden Portion an Resolutheit. Manche Ehefrauen in spe benötigten diese dringend, um die Aufregung der vorehelichen Hochzeitsvorbereitungen schadlos zu überstehen. Trotz ihrem gelegentlichen Dasein als Seelsorgerin bereitete ihr ihr hektischer Beruf großen Spaß. Sie arbeitete gern mit den Frauen zusammen, die sie gut organisiert in den Hafen der Ehe begleitete. Zumindest meistens, ein paar abgesagte Hochzeiten waren auch in ihrer umfangreichen Sammlung enthalten – das lag allerdings nicht an ihr. Eine Hälfte des Brautpaars hatte in diesen wenigen Fällen kalte Füße bekommen und beschlossen, den geordneten Rückzug anzutreten. Das anschließende Trocknen der Tränen stand zwar nicht in ihrem Stellenprofil, gehörte aber dennoch zu ihren Aufgaben. Auch hier tat sie alles, um ihren Kunden diese schwierigen Situationen zu erleichtern. „Wann bekommen Sie endlich die neuen Muster unserer Hochzeitseinladungen?”, schallte die leicht nörgelnde Stimme durch das Telefon. „Die bisherigen waren nur schrecklich und so etwas Grässliches können wir doch nicht an unsere Gäste versenden. Wie würde das denn aussehen? Die würden ja alle meinen, wir könnten uns nichts Besseres leisten und Geld spielt bei uns nun wirklich keine Rolle.” Alea schluckte. „Also, wie geht es nun weiter?”, fragte die nun nicht mehr schrille, sondern leicht verärgerte und etwas hochnäsige Stimme durch das Mikrofon. Innerlich aufseufzend lauschte Alea dem weiteren Redeschwall und hoffte, dass sich ihre Stimme wie immer höflich und freundlich anhörte. Sie schluckte kurz und setzte zum Sprechen an – nachdem sie endlich zu Wort kam, da Frau Talhofen beim Reden erstaunlicherweise kaum Atem holen musste. „Mir liegen seit heute Mittag fünf neue Musterdrucke vor, die ich Ihnen morgen Vormittag zeigen könnte, sofern dies zeitlich bei Ihnen passt”, schlug sie besänftigend vor. „So wie ich zwischenzeitlich Ihren Geschmack kenne, bin ich zuversichtlich, dass sich darunter auch ein Vorschlag befindet, der Ihre Zustimmung finden wird. Wann passt es morgen bei Ihnen?” „Ach, Sie sind ein Goldstück. Kommen Sie doch um zehn Uhr auf eine Tasse Kaffee vorbei”, zwitscherte Frau Talhofen glücklich zurück. Ihre Stimmung schwankte zwischen Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt in Lichtgeschwindigkeit hin und her. Nun saß Alea entspannt mit ausgestreckten Beinen an ihrem Schreibtisch und bereitete konzentriert ihre Termine für die anstehenden Aktivitäten des nächsten Tages vor. Einladungsmuster für Frau Talhofen, Anprobe von Brautkleidern mit zwei weiteren Kundinnen und nachmittags die detaillierte Statusbesprechung mit Lilly zu deren Hochzeit, mit deren Planung sie natürlich ebenfalls beauftragt worden war. Ab und zu warf sie einen sehnsüchtigen Blick durch die geöffnete Terrassentür ins Freie hinaus und genehmigte sich kurze Tagträume. An diesem Nachmittag fiel ihr die Konzentration auf ihre Arbeit schwer. Ihre Gedanken galoppierten ungezwungen wie junge Wildpferde davon und beschäftigten sich bereits mit dem bevorstehenden, verlockenden Wochenende. Mühsam riss sie sich zusammen. Mit viel Disziplin verbrachte sie die restliche Zeit bis achtzehn Uhr am Telefon und an ihrem Laptop, um weitere offene Punkte zu klären und anstehende Aktivitäten voranzubringen. Als sie mit ihrer Arbeit im Büro fertig war, saß sie zufrieden an ihrem Schreibtisch und ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Innerlich versuchte sie, sich auf das Gespräch mit Lilly zu wappnen und hoffte inbrünstig, dass Rebecca ihr wie versprochen zur Seite stand. Lange würde es nicht mehr dauern, bis ihre Freundinnen anklopften. So trug Alea ein Tablett mit drei Gläsern und einer Flasche Hugo in einem schlanken Sektkühler nach draußen und stellte es für ihre Gäste auf dem Tisch bereit. Anschließend machte sie es sich in ihrem Lieblingsstuhl bequem und legte genussvoll ihre Beine hoch – sie wartete. Pünktlich um sieben Uhr klingelte es an der Haustür. Nach dem Öffnen herzte sie ihre Freundinnen, indem sie beide nacheinander in ihre Arme nahm. „Hallo Mädels, schön, dass ihr da seid.” Lilly und Rebecca drängten sich nach einem lachend erwiderten „Hallo“ breit grinsend und mit erwartungsvollen Gesichtern an ihr durch das Wohnzimmer in Richtung Terrasse vorbei. Ihr fragender Blick folgte den beiden jungen Frauen. „Oh, oh“, Alea schwante Böses. Die Mienen ihrer Freundinnen trugen nicht dazu bei, dass sie die Hoffnung hegte, es könnte ein ganz entspannter Abend für sie werden. Im Gegenteil, sie kam sich eher vor, als ob soeben zwei Generäle ihre Wohnung betreten und sie bereits für ihre jeweiligen Attacken eingeplant hätten, von denen sie jedoch noch keinen blassen Schimmer hatte. Hoffentlich ging das gut. Rebecca hatte sich bereits ein Glas Hugo gegriffen und es sich in einem der bequemen Gartenstühle auf der Terrasse gemütlich gemacht. Lässig saß sie mit ihrem kupferroten schulterlangen Haar und ihrem durch Kampfsport trainierten Körper in ihrem Stuhl und erinnerte an eine schöne, selbstbewusste, griechische Göttin. Sie sprühte ständig voller Energie und Tatendrang, sodass sie von Alea und Lilly gelegentlich als kupferrotes Duracell-Häschen aufgezogen und geneckt wurde. Hoheitsvoll verzieh sie ihnen jedes Mal. Lilly – die dritte im Bunde und angehende Ehefrau – steuerte geradewegs den runden Tisch auf der Terrasse an. Dabei balancierte sie ein Tablett mit ihren selbstgebackenen, kleinen, herzhaften Snacks auf ihrer Hand. Sie liebte es zu backen und erfreute regelmäßig ihre Freundinnen mit neuen wundervollen Kreationen – egal ob süß oder herzhaft, so wie an diesem Abend. Ein köstlicher Duft durchzog die milde Abendluft. Die zierliche Brünette mit ihren dunkelbrauen kinnlangen Haaren, den frechen Ponyfransen und einem schalkhaften Lächeln auf den Lippen führte eindeutig etwas im Schilde. Ihre dunkelbraunen Augen blitzten verräterisch und sie sah wie ein hinreißender, kleiner, weiblicher Kobold aus. „Bevor wir uns heute über Männer unterhalten, sollten wir uns zuerst stärken”, schlug Lilly schelmisch vor und zeigte auf das Tablett. „Deshalb habe ich mich in die Küche gestellt und etwas Neues ausprobiert. Ihr seid also meine Versuchskaninchen. Lasst es euch schmecken.” Mit einer einladenden Geste ihrer rechten Hand deutete sie auf die appetitlichen Häppchen, die buchstäblich danach schrien, verzehrt zu werden. Ihren Freundinnen lief bereits bei deren Anblick vor lauter Vorfreude das Wasser im Mund zusammen. „Ach Lilly, wir opfern uns doch gerne für deine Experimente”, erwiderten Alea und Rebecca nahezu zeitgleich. „Was hast du denn dieses Mal ausprobiert?”, fragte Rebecca erwartungsvoll. „Nun ja, die kleinen Täschchen bestehen aus Blätterteig und sind mit verschiedenen Füllungen bestückt. Mehr verrate ich jetzt aber nicht. Also greift schon zu.” Diese Aufforderung genügte. Das hübsche Trio saß nun Snacks futternd im Freien, nippte gelegentlich an ihren Gläsern und genoss die laue Abendluft und die noch immer wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut. Es war ein ruhiger Abend ohne störenden Lärm. Lebhafte Vögel zwitscherten eifrig und der Duft von frisch gegrillten Steaks aus der Nachbarschaft lag in der Luft. Rundum ein gemütlicher Abend. „Jetzt sag schon”, platzte plötzlich Lilly heraus, während sie noch die letzten Reste ihres Häppchens hinunterschluckte. „Aha“, dachte sich Alea, „jetzt kommt der unangenehmere Teil des Abends.“ Automatisch richtete sie sich etwas in ihrem Stuhl auf. Ihre innere Anspannung wuchs. „Wer aus deiner umfangreichen Sammlung an mehr oder weniger ernsthaft interessierten Verehrern wird dich zu unserer Hochzeit begleiten?” Mit diesen Worten begann nun Aleas Verhör, zumindest fühlte es sich für sie so an und sie schluckte schwer. „Warum kann ich denn nicht allein kommen? Das würde mir viel mehr Spaß bereiten”, nuschelte sie missmutig. „Männer interpretieren sofort zu viel hinein. Wenn sie eine Frau zur Hochzeit ihrer besten Freundin begleiten dürfen, denken sie, sie hätten bereits fest die Stelle des Platzhirsches erobert und ergänzen umgehend ihren persönlichen Anforderungskatalog.” Aleas Gesichtsfarbe hatte einen leicht rötlichen Schimmer unter ihrer Bräune angenommen, der eindeutig von ihrem inneren Unmut zeugte. „Auf diese Nachwirkungen kann ich gerne verzichten. Das muss ich mir nicht wirklich antun.” Ihre Augen glänzten angriffslustig und ihre Lippen formten eine Schmollschnute, die nichts Gutes verhieß. „Da hast du allerdings recht”, stimmte ihr Rebecca sofort zu. „Manchmal sind Männer noch schlimmer als Frauen, wobei ja uns Frauen nachgesagt wird, dass wir angeblich die hartnäckigeren Kletten wären. Dem ist jedoch nicht so.” Mit diesen Worten signalisierte ihre Freundin schon mal ihre Unterstützungsbereitschaft. Geflissentlich ignorierte Lilly diesen Kommentar und ließ sich nicht beirren. „Zwei deiner Verehrer belagern dich doch schon seit längerer Zeit und hoffen darauf, dass du einen von ihnen erhörst.” Abwartend betrachtete sie Aleas Gesicht. „Wie heißen sie doch gleich noch mal? Ach ja, Lukas und Martin.” Lilly wartete auf ein zustimmendes Nicken von Alea. „Lukas ist doch dieser hübsche Typ mit dem italienischen Aussehen, dem knackigen Hintern und dem maskulinen Gesicht, nicht wahr?”, fragte sie mit einem eigentümlichen Glanz in den Augen. „Wie wäre es denn mit dem? Der würde sich bestimmt darüber freuen, wenn du ihn fragen würdest”, kam der prompte Vorschlag von Lilly, verbunden mit einem auffordernden Augenaufschlag ihrer träumerisch glänzenden Augen. Nur gut, dass Mark als ihr zukünftiger Ehemann diesen Blick nicht sah. Innerlich stöhnte Alea laut auf und schloss für einen kurzen Moment die Augen, um ein lautloses Omm zu zelebrieren. Oh ja, Lilly hatte es auf den Punkt gebracht. Lukas und Martin bewarben sich schon seit geraumer Zeit sehr hartnäckig um den Job als Liebhaber bei ihr. Allerdings bisher ohne Erfolg und sofern es weiterhin nach ihr ging, würde das auch so bleiben. „Oh nein”, widersprach sie vehement mit einem deutlichen Stirnrunzeln und einem Tonfall in der Stimme, der keine Diskussionen zulassen wollte. „Lukas würde als mein Begleiter bei deiner Hochzeit sofort davon ausgehen, dass er mich nun sicher an der Angel hätte. Als Belohnung für seine Begleittätigkeit träumt er anschließend davon, mit mir ins Bett zu hüpfen.” Ein leises Aufstöhnen entfloh ihrem Mund. „Außerdem gehört er zu dem Typ Mann, der sich gern selbst reden hört und einer Frau einen Orgasmus regelrecht einzureden versucht, anstatt sich an dessen Entstehung selbst aktiv zu beteiligen.” Nach dieser Äußerung rutschten Lilly und Rebecca vor lauter Lachen in ihren Stühlen hin und her. Als sie wieder Luft holen konnten und nur noch ein schwaches Glucksen zu hören war, japste Rebecca mühsam: „Ist er tatsächlich so schlimm?” Vor lauter Lachen lief ihr eine Träne über die Wange. „Allerdings”, bestätigte Alea mit ernsthafter Miene und schilderte ihren Freundinnen den Verlauf ihrer letzten Begegnung mit ihm. Vor ein paar Tagen hatte er sie in das teuerste und nobelste Restaurant am Ort eingeladen. Vor ihrem geistigen Auge erlebte sie diesen Abend nochmals. Wie ein aufgeplusterter Pfau wartete Lukas bereits auf sie und saß an einem mittig im Raum stehenden Tisch – er liebte den großen Auftritt und jeder sollte ihn dabei sehen. Das Restaurant war mit dunklen, massiven Möbeln ausgestattet und zahlreiche Lampen verbreiteten ein heimeliges Licht im ganzen Raum. Lukas strahlte mit den eleganten Leuchten des teuren Lokals um die Wette. Obwohl er kein Italiener war, konnte er für einen gehalten werden, denn sein glänzendes tiefschwarzes Haar, seine olivfarbene Haut und seine fast schwarzen, glutvollen Augen ließen sehr wohl diesen Schluss zu. Auch hinsichtlich seiner inneren Einstellung war er ganz ein extrovertierter Italiener und versuchte dieses Image, nach außen zu tragen. Im gefiel es, wenn er für einen temperamentvollen Südländer gehalten wurde. Das volle Haar stylte er mit einer großen Portion Haargel zu einer modernen Komposition an seinem Oberkopf auf. Das ließ ihn noch ein paar Zentimeter größer wirken - genau das war seine Absicht. In seinem eleganten, dunkelblauen Anzug mit blassblauem Hemd und einer farblich passenden Krawatte gab er schon einen schönen Anblick ab und fügte sich wunderbar in das edle Ambiente ein. Sein durch regelmäßiges Training im Fitnessstudio gestählter Körper betonte seine Vitalität und wurde von ihm auch ausgiebig durch enge Kleidung zur Schau gestellt. Sein zur Begrüßung gezeigtes strahlendes Lächeln und seine angedeutete Verbeugung unterstrichen seinen Willen, nach außen hin zu glänzen. Seine leuchtend weißen Zähne schienen, einer Zahnpastawerbung entsprungen zu sein. Alea erwiderte sein Lächeln, das sie beinahe zu blenden schien. Ihre Mundwinkel verzogen sich nach oben, allerdings ohne die entsprechende Freude in ihren Augen widerzuspiegeln. Grundsätzlich war er ja ein netter und sympathischer Kerl, der sie gut mit verschiedenen teils lustigen Anekdoten zu unterhalten wusste. Außerdem erfreute er das Auge jeden Betrachters, denn er war in der Tat ein sehr attraktiver Mann – ein optisches Sahneschnittchen eben. Allerdings gewann sie bei seinen Worten ständig den Eindruck, dass ein unsichtbares Schild mit der Aufschrift „Ich bin doch ein ganz toller Hecht“ an seiner vor Stolz geschwellten Brust prangte und er dafür ständig bewundert werden wollte. Diese übertriebene Selbstverliebtheit störte sie ganz gewaltig. Vor allem, da seine Taten und sein Handeln damit nicht immer im Einklang standen. Da gab es schon eindeutige Abweichungen. Dabei dachte sie an den ersten Gang ihres erlesenen Abendessens in dieser wundervollen Umgebung. Wie sie hatten auch alle anderen Gäste in dem Restaurant sich in Schale geschmissen. Nun saßen sie elegant gekleidet, sich leise unterhaltend an den verschieden großen Tischen in dem vornehmen Lokal. Die Atmosphäre war perfekt. Auch ihr Menü schmeckte vorzüglich. Zu ihrer Vorspeise gehörten unter anderem grüne gefüllte Oliven, die Lukas mit vollem Genuss verspeiste. Beim Anstechen einer Olive hüpfte diese schwungvoll über den Rand seines Tellers und landete direkt neben seinem Weinglas. Ups, Alea nahm eilig einen Schluck von ihrem trockenen Rotwein, um das in ihrer Kehle aufsteigende Lachen zu unterdrücken. Mühsam versuchte sie, ihre ausdruckslose Miene aufrechtzuerhalten. Geflissentlich ignorierte Lukas diesen Vorfall mit ernster Miene und vermied den Blickkontakt mit ihr. Damit war sie sofort einverstanden und senkte ebenfalls ihren Blick. Beim Hauptgang wurden neben Feinschmeckerknödeln Erbsen als Beilage serviert, die sich Lukas genussvoll schmecken ließ. Ja, das Essen war exzellent und schmeckte auch Alea ausgezeichnet. Irgendwie schaffte er es bei der gestikreichen Untermalung seiner Worte - er sprach auch während des Essens eifrig -, einige Erbsen mit der Gabel über den Tellerrand zu katapultieren. Diese kleinen grünen Dinger näherten sich daraufhin gefährlich ihrem Weinglas an. Prompt hatte sie ihr Besteck fallen gelassen und einen kurzen, heftigen Hustenanfall vorgetäuscht, um sich nach ihrer Handtasche auf dem Fußboden bücken zu können. Ihr Kopf war somit außerhalb seines Sichtfelds. Beim besten Willen konnte sie sich ein Lachen nicht mehr unterdrücken und gluckste unbemerkt einige Sekunden unter dem Tisch vor sich hin. Als sie sich von ihrer Tauchstation wieder verabschiedete und sich ihrem leidenschaftlichen „Beinahe-Italiener“ zuwandte, hatte sich eine leichte Röte auf seine Wangen gelegt. Auch ihre zarten Wangen zeigten eine verräterische rosige Färbung auf, die jedoch nicht durch Verlegenheit, sondern durch das lautlose Unterdrücken des Lachanfalls ausgelöst worden war. Auch dieses Mal vermied er eisern den Augenkontakt zu ihr. Durch das Erzählen einer amüsanten Anekdote aus seinem letzten Urlaub auf Sizilien überspielte er die unangenehme Stille. Der Höhepunkt folgte prompt beim Dessert. Eine Schokokugel auf seinem Teller hatte sich, beim Versuch verspeist zu werden, als widerspenstig erwiesen und beschloss ebenfalls, vom Teller zu flüchten. Sie landete genau zwischen Olive und Erbsen, während Lukas versuchte, Alea verbal mit den leidenschaftlichen Worten „Nenn mich doch Luca, ich bin dein Tiger“ zu umgarnen. Das war dann für ihre angegriffene Gemütsverfassung eindeutig zu viel. Ein lautes Lachen konnte sie sich nicht mehr verkneifen, woraufhin der Abend ein sehr schnelles Ende fand. Schade, denn das Essen war ausgezeichnet gewesen. Nach dieser deutlichen Schilderung ihrer jüngsten Erlebnisse konnten sich ihre bis dahin aufmerksam zuhörenden Freundinnen nicht mehr auf den Stühlen halten. Laut lachend sprangen sie zwischen den Kübelpflanzen herum und wischten sich die Tränen von den erhitzten Wangen. Ihre Ausgelassenheit und ihr Übermut ließen sich nur durch etwas Bewegung eindämmen. Das ganze Geschehen beobachtete Alea mit stoischer Ruhe und wartete geduldig mit unschuldiger Miene am Tisch – zumindest in der ersten Minute. Ihr blieb gar nichts anderes übrig, als ebenfalls in die allgemeine Erheiterung einzufallen. Auf einen Schlag spürte sie selbst die ausgeprägte Komik der Situation. Laut prustend stimmte sie in das Gelächter mit ein. Erst nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatten und des Redens wieder mächtig waren, ließen sie sich mit vom Lachen feuchten Augen auf ihren Stühlen nieder. Mit beherrschter Miene versuchte Alea, dem belustigten Augenkontakt ihrer Freundinnen zu begegnen und fuhr mit fester Stimme fort. „So, jetzt wisst ihr, warum Lukas mich nicht begleiten kann. Ich will ihm keine falschen Hoffnungen machen. Sein Betthäschen werde ich niemals.” Das klang entschlossen. „Außerdem würde er mit großer Wahrscheinlichkeit das blütenweiße Tischtuch der Hochzeitstafel ruinieren und das kann ich nicht zulassen.” Mit diesem Kommentar war das Thema Lukas als Begleitung für Alea abgeschlossen und ihre Miene nahm wieder einen ernsten Ausdruck an. „Und was ist mit Martin?” Rebecca verfolgte mit größtem Interesse Aleas Schilderungen. „Der ist zwar ein bisschen langweilig, aber dafür grundsolide. Warum kommt dieser nicht in Frage? Er soll dich ja auch nur auf eine Hochzeit begleiten, mehr nicht”, wollte nun Rebecca neugierig wissen und beugte sich bereits erwartungsvoll in ihrem Stuhl nach vorn. „Also, wenn mich Martin begleiten würde, dann wären wir aus seiner Sicht bereits am nächsten Tag so gut wie verlobt”, erklärte Alea und zog dabei eine ablehnende Grimasse. „Nein, das geht auch nicht.” Energisch schüttelte sie ihren hübschen Kopf, sodass ihre goldblonden Haare wie ein Heiligenschein um ihren Kopf wirbelten. Ihre Stimme hatte einen entschiedenen Klang angenommen. In Erwartung der nächsten haarsträubenden Story konnten sich ihre Freundinnen ein Kichern nicht verkneifen und setzten sich in ihren Stühlen schon mal in Position. Für sie als nicht Betroffene hatten Aleas komische Erlebnisse einen enormen Unterhaltungswert. Diesen konnten sie weder verleugnen noch sich dessen Auswirkungen entziehen. Ihre Augen strahlten, die Mundwinkel zuckten verräterisch und ihre fröhlichen Gesichter drückten eine freudige Erwartung aus. „Dann erzähl mal von deinem letzten Zusammentreffen mit Martin. Wir sind schon ganz gespannt darauf.” Lilly setzte ein treuherziges Lächeln auf und aus ihren Augen blitzte der Schalk. In Aleas Kopf drängten sich die Bilder ihres letzten Abendessens mit Martin vor. Unbewusst zogen sich ihre Augen zusammen und das leichte Lächeln verschwand aus ihrem hübschen Gesicht. Bevor sie die Erlebnisse zu schildern begann, brauchte sie jedenfalls erst noch eine Stärkung. Mit einem tiefen Seufzer setzte sie ihr Glas an die Lippen und der süße Geschmack des erfrischenden Getränks perlte über ihre Zunge. Nach einem kräftigen Zug begann sie mit ihrer Geschichte. In seinem Beruf als Buchhalter erblühte Martin und er lief zu seiner persönlichen Hochform auf. Er verstand sich ausgezeichnet auf den Umgang mit Zahlen. Leider fehlte ihm dabei jegliche kreative Komponente, die jedoch gerne von seiner dominanten Mutter übernommen wurde. So kleidete sie ihn regelmäßig ein und gab ihm auch bei allen anderen Fragen des Lebens Empfehlungen mit auf den Weg, denen er gerne und willenlos folgte – auch bei Frauen. Natürlich war er ein sparsamer Mensch und somit hatten sie sich bei ihrer letzten Verabredung in einer allseits beliebten Pizzeria getroffen. Gelegentlich aß Alea sehr gerne eine Pizza, allerdings waren die Rahmenumstände bei diesem Restaurantbesuch sogar für ihren Geschmack schon denkwürdig. Sie hatten sich beim Italiener um die Ecke verabredet und steuerten einzeln das Lokal an. Als überpünktlicher Mensch kam Martin eine halbe Stunde früher und saß bei ihrem Eintreffen bereits an einem kleinen Tisch für zwei Personen im vorderen Teil des Lokals. Erfreut winkte er ihr zu, als sie den im italienischen Stil eingerichteten gemütlichen Gastraum betrat. Seine ausgeprägte Stirnglatze sprang ihr sofort ins Auge und glänzte wie frisch poliert, was er vermutlich auch getan hatte. Seine blassblauen Knopfaugen himmelten sie bewundernd an und seine verbliebene schüttere Haarpracht in hellbrauner Durchschnittsfarbe schmiegte sich eng an seine Kopfhaut an. Sein Outfit bestand aus einer schwarzen Jeans und einem zu engen Hemd. Sein grün-weiß kariertes Oberteil spannte sich über seinem Bauchansatz und war brav bis zum höchsten Knopf unter seinem Kinn geschlossen. Ein augenschmeichelnder Straßenfeger war er jedenfalls nicht. Dafür erledigte er die Buchhaltung für Alea sehr gewissenhaft und gründlich. Das war auch der Grund, weshalb sie seine Einladung nicht ausschlug. Um ihn nicht zu verletzen, war sie mit ihm zum Essen ausgegangen, obwohl er sich zu ihrem Leidwesen langfristig mehr von ihr erhoffte. Kurz nach ihrer Bestellung servierte der Kellner als Vorspeise einen gemischten Salat. Umgehend reklamierte Martin ihn und ließ ihn prompt zurückgehen, bevor der Ober die Chance hatte, die Schale auf dem Tisch abzustellen. Ausführlich erläuterte er dem Ober mit ernster Miene und in einem oberlehrerhaften Tonfall, dass die verschiedenen Salatsorten säuberlich getrennt anzuordnen wären und nicht dermaßen durcheinander wie auf seinem Teller. Also, das Ganze zurück und noch ein Versuch. Tatsächlich verschwand der perplexe Kellner in der Küche und kam ein paar Minuten später mit einem wohl organisierten Salatteller zurück. Seine säuerliche Miene sprach Bände. Das sonderbare Geschehen beobachtete sie mit leicht gerunzelter Stirn und mit der ihr eigenen stoischen Ruhe. Sie fragte sich, wie das wohl noch weitergehen würde an diesem Abend. Nach der Vorspeise plätscherte ihre Unterhaltung über belanglose Themen zwanglos dahin. Beim Hauptgericht begutachtete Martin mit einem kurzen fachmännischen Blick den Abstand seiner bestellten Pizza zum Tellerrand. Als er feststellte, dass der Abstand nicht überall gleich groß war, schob er die Pizza so lange auf dem Teller hin und her, bis sie komplett zentriert lag. Nach einer gründlichen Inaugenscheinnahme des Belags startete er die Umsortierung, an deren Ende ein geometrisches Muster entstand, das sich konsequent an Wurst- und Gemüsestreifen orientierte. „Sehr, sehr dünnes Eis“, hatte sich Alea gedacht und versuchte, sich in Gedanken seine Wohnung vorzustellen. Vermutlich hatte er diese mit dem Meterstab genauestens vermessen, sodass alles exakt im korrekten Winkel zu den Wänden ausgerichtet war. „Wenn er über das richtige Werkzeug verfügen würde, würde er bestimmt noch jede Ameise tätowieren, um deren Wiedererkennungswert zu steigern“, dachte sie sich - und ja, er war bis in die letzte Haarspitze ein Pedant. Seinen Job erledigte er ausgezeichnet und er behandelte sie wie eine Prinzessin. Aber eine romantische Beziehung mit ihm konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Dazu reichte ihre gesamte Phantasie nicht aus, nicht in diesem Leben und auch nicht im nächsten. Während der Schilderung ihrer Erlebnisse wurden die Augen von Lilly und Rebecca immer größer und runder. Auf ihren Gesichtern mischte sich ungläubiges Staunen mit einem Hauch von Belustigung. Sichtlich in sich zusammengesunken saß Alea mit vor der Brust gekreuzten Armen auf ihrem Platz, wobei aus ihrer Miene jegliche Wärme verschwunden war. Plötzlich verspürte sie eine gewisse Einsamkeit in ihrem Leben, obwohl ihre Freundinnen alles taten, um diese zu vertreiben. „Seine Mutter würde vermutlich den Verlobungsring aussuchen und er würde schon einmal anfangen, deine Wohnung zu vermessen”, stellte Lilly nüchtern fest. „Auch wenn er dich zuvorkommend wie eine Prinzessin behandelt, ist so ein pedantisches Muttersöhnchen nicht zu ertragen.” Damit pflichtete sie Alea entschieden bei. „Du hast recht, der kann dich auch nicht begleiten”. Damit beendete Lilly endgültig das nachdenkliche Schweigen am Tisch. „Alea, soll ich dir einen Begleiter aus meiner Sammlung zur Verfügung stellen? Mir würde da schon ein geeignetes Exemplar einfallen”, bot Rebecca mit ernster Miene und voller Hilfsbereitschaft an. „Oh, nein, nein”, widersprach sie im Bruchteil einer Sekunde mit energischer Stimme. „Für deine Hilfe bin ich dir zwar sehr dankbar, aber unsere Vorstellung von begleitfähigen Männern geht doch etwas weit auseinander”, ergänzte sie noch mit einem Lächeln voller Zuneigung. „Wieso?” Mit treuherzigem Blick und einem völlig unschuldigen Augenaufschlag zog Rebecca dieses einzelne Wort in die Länge. „Nun ja, ich denke da nur so an den Typ mit dem Irokesenhaarschnitt und an den leicht bekleideten Rocker”, erwiderte sie in einem süffisanten Tonfall. „Die beiden haben durch ihre kreativen Darbietungen bei deiner letzten Geburtstagsfeier gewaltig für Aufsehen gesorgt”, merkte Alea mit einer hochgezogenen Augenbraue an. „Hat dir denn der spontane Striptease im Stil von ‚Magic Mike‘ nicht gefallen? Ich fand die beiden magisch.” Ihre Aussage untermalte Rebecca mit einem kehligen, wenig damenhaften Lachen und fuhr sich dabei langsam durch ihr offenes Haar. „Na ja, knackig waren sie schon”, gab Alea ehrlich zu. „Ach Alea, also einen Langweiler brauchst du bestimmt nicht. Du solltest dir etwas Aufregendes suchen. Ich helfe dir dabei”, drohte ihre Freundin ihr an. „Ooh. Glaubst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?“, hauchte sie voller böser Vorahnung. Ihr Geschmack bei Männern driftete deutlich in eine andere Richtung. „Lasst uns für heute dieses Thema beenden und ja, du hast mich für den Moment mit deinen Argumenten überzeugt”, lenkte Lilly ein. „Es ist so ein schöner Abend und da sollten wir nicht Trübsal blasen. Wir finden noch eine Lösung.” Mit diesem Kommentar versuchte sie, Alea in eine andere Stimmung zu versetzen, nachdem sie deren zerrüttete Gefühlslage an ihrer verschlossenen Miene abgelesen hatte. Zur Aufheiterung erzählte Lilly noch einige Anekdoten aus ihrer lebhaften Familie, die sich bereits in höchster Aufregung wegen der bevorstehenden Hochzeit befand. Mit fröhlichem Geplauder vergingen die nächsten zwei Stunden wie im Flug. Einer Lösung waren die drei Mädels trotz dem Genuss von mehreren Gläsern Hugo an diesem Abend nicht nähergekommen. Gegen neun Uhr verabschiedeten sich ihre Freundinnen mit einer herzlichen Umarmung, einem neckischen Augenzwinkern und noch ein paar letzten aufmunternden Worten. Nur gut, dass ihre Freundinnen in der gleichen Straße wie sie wohnten, nur einige Häuser in verschiedenen Himmelsrichtungen entfernt. So konnten sie den Heimweg zu Fuß bewältigen und mussten nicht mit dem Auto fahren. Nun war sie wieder allein. Umgehend zog sich Alea in ihre grüne Wohlfühloase zurück und sog genießerisch den lieblichen Rosenduft in ihre Nase ein. Um sich abzulenken, kreisten ihre Gedanken bereits um die Aktivitäten, die sie am kommenden Wochenende unternehmen wollte. Dieser Ausblick und die Vorfreude darauf hellten ihre Stimmung merklich auf. Mit offenen Augen träumte sie bereits davon, auf ihrem Motorrad im Sonnenschein durch die Landschaft zu sausen und sich den Wind um die Nase und den Helm wehen zu lassen. Als Alea nach einem versonnenen letzten Blick in die samtweiche Nacht hinein zwei Stunden später die Terrassentür im Wohnzimmer schloss, ahnte sie nicht, dass sie den ganzen Abend aufmerksam beobachtet worden waren. Eine dunkle große Gestalt verbarg sich unbemerkt im dichten grünen Laub der gegenüberliegenden Baumgruppe und steckte eine Kamera mitsamt einem großen Objektiv in eine schwarze Tasche ein. Geschickt kletterte sie am Baumstamm hinab und kam mit einem letzten kraftvollen Sprung auf der Erde zum Stehen. Verstohlene Blicke um sich werfend setzte sich die Gestalt in Bewegung, um sich lautlos und unauffällig in der Dunkelheit aus dem Staub zu machen. Sie hatte genügend Fotos von den drei jungen ausgelassenen Frauen geschossen und ihren Auftrag erledigt. Am nächsten Morgen erwachte Alea früh bei schönstem Sonnenschein, tiefblauem Himmel und bester Laune – sie hatte gut und traumlos geschlafen. Ihr Schlafzimmer war durch das einfallende Tageslicht in warme gelbe und orange Farbtöne getaucht. Jedes Mal genoss sie diese besondere Atmosphäre vor dem Aufstehen, weshalb sie oft bei schönem Wetter abends die Jalousien nicht schloss. Voller Energie sprang sie schwungvoll aus dem Bett und stellte sich unter die warme Dusche. Nachdem sie ihr morgendliches Ritual im Bad beendet hatte und angezogen war, frühstückte sie in ihrer heimeligen Küche mit einem Croissant und einem Glas Orangensaft. So, nun war sie für den Tag gerüstet. Mit einer schwarzen, eng anliegenden Stoffhose, einer apricotfarbenen Sommerbluse und passenden schwarzen Pumps bekleidet, schnappte sich Alea ihre kleine Handtasche vom Sofa und ihren Aktenkoffer vom Büroschreibtisch. Mit einem kurzen kritischen Blick überprüfte sie nochmals dessen Inhalt auf Vollständigkeit. Alles Erforderliche hatte sie bereits vor dem Zubettgehen am vorhergehenden Abend eingepackt. Die Musterordner mit Fotos für Brautsträuße, Tischdekorationen, Autoschmuck, Anstecker, Einladungs- und Dankeskarten, Brautkleider in unterschiedlichen Stilrichtungen, Checklisten zu den verschiedenen Themen der Hochzeitsvorbereitungen, Statusberichte und noch einiges mehr lagen bereit. Auf eine gute Vorbereitung legte sie größten Wert. Zur Sicherheit hatte sie immer ein Sammelsurium an Mustern bei sich, um erste Vorschläge unterbreiten zu können. Sobald sie ein Brautpaar näher kannte, machte es ihr besonderen Spaß, individuell zugeschnittene und kreative Ideenvorschläge zu präsentieren. Ihr letzter Blick fiel auf die Einladungskarten, die sie ihrer Kundin, Frau Talhofen, vorstellen wollte und mit der sie sich um zehn Uhr traf. Gut gelaunt schnappte sich Alea ihre Autoschlüssel vom Haken neben der Wohnungstür im Flur. Energiegeladen schritt sie in Richtung Garage, die direkt an das Wohnhaus angrenzte. Nach einem kurzen Druck auf die Fernsteuerung öffnete sich das Garagentor mit einem leisen gleichmäßigen Geräusch und es kamen ihr nachtblauer Kleinwagen sowie ihr blau-weißes Motorrad zum Vorschein. Nach einem kurzen sehnsüchtigen Blick auf ihr flottes Zweirad rutschte sie hinter das Lenkrad ihres Autos. Mit einer raschen Handbewegung setzte sie ihre Sonnenbrille auf, die sie immer im Auto liegen hatte, um beim Fahren nicht geblendet zu werden. Nach dem Umdrehen des Zündschlüssels hörte sie zufrieden den Motor gleichmäßig schnurren. Umsichtig manövrierte sie ihr Auto aus der Garage durch die Einfahrt auf die Straße hinaus. Auf ihrer Anliegerstraße herrschte meist wenig Verkehr. Zügig fuhr sie los und lauschte mit Freude dem gleichmäßig brummenden Geräusch ihres Autos – sie fuhr gerne Auto, insbesondere bei Sonnenschein. Nach einer zwanzigminütigen ereignislosen Fahrt parkte sie in der Einfahrt ihrer Klientin und betrat mit ihrem schwarzen Aktenkoffer und leicht federnden Schritten den Eingangsbereich der schönen weißen Villa. Neugierig drehte sie den Kopf und inspizierte aufmerksam die ruhige Wohngegend mit den vielen wundervollen Villen. Lange musste sie nicht warten, denn kurz nach ihrem Klingeln wurde ihr die Tür geöffnet und sie trat mit einem freundlichen Lächeln ein. Den grauen unscheinbaren Kleinwagen, der ungefähr zweihundert Meter weiter in einer gegenüberliegenden Lücke parkte und dessen Fahrer sie aufmerksam hinter einer großen dunklen Sonnenbrille beobachtete, bemerkte sie nicht. In einen schneeweißen Hosenanzug gekleidet begrüßte Frau Talhofen ihren Gast mit einem strahlenden Lächeln im Flur ihrer Villa. Sie führte Alea in ihr prachtvolles Wohnzimmer, das mit einer Vielzahl von Antiquitäten bestückt war. Ihr kinnlanges pechschwarzes Haar wippte bei jedem ihrer Schritte sanft im Takt mit. Zielstrebig steuerte sie einen großen niedrigen Mahagonitisch an. Im Raum nahm Alea den Duft von Orangen wahr, der einer auf dem Tisch stehenden Duftlampe entströmte und sie in der Nase kitzelte. „Ich kann es schon gar nicht mehr erwarten, die neuen Muster zu sehen und in Händen zu halten”, zwitscherte ihre Kundin aufgeregt. Nachdem sie sich beide auf dem dunkelbraunen Echtledersofa niedergelassen hatten, bedachte sie Alea mit einem erwartungsvollen und ungeduldigen Blick. Innerlich die Ruhe selbst öffnete Alea mit flinken Fingern ihren Aktenkoffer und holte die fünf Mustereinladungen hervor. Sorgsam legte sie die Karten einzeln auf den Tisch, sodass Frau Talhofen jede intensiv betrachten und einen ersten Eindruck gewinnen konnte. „Ich denke, dass wir dieses Mal wirklich etwas für Sie finden werden, denn diese Karten sind außergewöhnlich schön und etwas Besonderes.” Mit einem aufmunternden Lächeln reichte sie die Karten der Reihe nach ihrer Kundin, sodass diese sie einer eingehenden Musterung unterziehen konnte.
