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Daniel und seine Gefährten sind dem Inferno in den Ostländern nach der Eroberung der Souvanmark entkommen, aber der "Schwarze", der mysteriöse Drahtzieher der tödlichen Intrigen, spinnt seine Netze weiter. Warum ist Daniel für dessen Pläne von derartigem Interesse? Kein Ort in den Ostländern scheint sicher vor dem Zugriff des schwarzen Spielers zu sein, und Daniel erkennt, dass er das Kartenspiel Yéhfa besser verstehen muss, um seine eigene Rolle in dem mörderischen Spiel gottgleicher Mächte zu begreifen. Die feindlichen Horden immer dicht auf den Fersen, fliehen die Freunde nach Westen. Ist das angeblich unüberwindliche Schneewolkengebirge wirklich das Ende der Welt, oder findet sich jenseits die Lösung aller Geheimnisse ...?
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Seitenzahl: 448
Veröffentlichungsjahr: 2017
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BLAU UND BRAUN
ERSTER TEIL
KAPITEL EINS: JEDEDIAH
KAPITEL ZWEI: VERRN
KAPITEL DREI: ASANGIA
KAPITEL VIER: VORBOTEN DES UNHEILS
KAPITEL FÜNF: NÄCHTLICHE UNTERNEHMUNGEN
KAPITEL SECHS: VANESSA
KAPITEL SIEBEN: ABGRUND
KAPITEL ACHT: ABRECHNUNG
ZWEITER TEIL
KAPITEL NEUN: IST DAS LEBEN DER GÜTER
KAPITEL ZEHN: ALTE FEINDE
KAPITEL ELF: DAS SCHLOSS IM SUMPF
KAPITEL ZWÖLF: DIVVNU’MÔN
KAPITEL EINS: JEDEDIAH
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Auf diesen ersten Seiten werden wir Zeugen eines Duells unter Freunden und lernen einen neuen Akteur kennen. Unseren Helden, die jetzt erstmals gemeinsam unterwegs sind, wird ein Angebot unterbreitet, und prompt geraten sie in äußerste Bedrängnis.
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„Du wirst besser, Daniel“, gab Jocelin zu, als ich nach einem fünfminütigen Übungskampf keuchend die Waffe sinken ließ und um eine Pause bat.
„Natürlich hätte ich dich mindestens zwölf Mal in Stücke hauen können!“, fuhr er fort und grinste herablassend. Der verdammte Angeber!
„Achtmal!“, widersprach ich, immer noch nach Atem ringend. „Du hättest mich höchstens achtmal in Stücke hauen können. Und bilde dir bloß nichts auf deine Schwertkünste ein, ich stamme schließlich aus einer zivilisierten Welt - im Gegensatz zu dir - und bin den Umgang mit derlei primitiven Waffen nicht gewöhnt!“
Laq, der Jjarde, hatte es sich im Gras bequem gemacht und sah uns lächelnd zu. Unser Disput schien ihn zu amüsieren. Beim Gedanken, dass ich meine eigene Welt in Bezug auf ihre Waffen gerade als zivilisiert bezeichnet hatte, musste ich selbst grinsen. Das war ja wohl schon keine Ironie mehr, sondern eine blanke Lüge, aber das konnte Jocelin nicht wissen. Natürlich bekam ich sofort die angemessene Antwort:
„Ach nein? Wenn ihr euch auf deiner Welt mit derartigen Waffen wie diesem Feuer spuckenden Rohr umbringt, dann nennt man das wohl Zivilisation? Ich danke!“
Ich seufzte. Sollte ich vielleicht erzählen, dass es auch noch Maschinengewehre, Panzer, Raketen, Giftgas und Atombomben gab?
Lieber nicht.
„Es heißt Gewehr, diese Waffe“, erklärte ich wenigstens. „Wenn du sie Feuerrohr nennst ... das klingt ja wie in einem Indianerfilm!“
„Wie was?“
Der Jjarde lachte schallend, als er Jocelins erstaunten Gesichtsausdruck sah. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass unser Freund Daniel manchmal seltsame Sachen sagt, die niemand versteht. Ich glaube, daran wirst du dich gewöhnen müssen!“
„Seltsame Sachen?“, fragte der Souvaner, als ich auch lachte. „Er redet vollkommenen Quatsch daher! Nicht einmal Ybkallis würde so wirres Zeug ... Gestern sagte er zu mir, ich solle mir nicht den Kopf zerbrechen. Den Kopf zerbrechen!“
„Das bedeutet, dass du dir nicht zu viele Gedanken machen sollst“, erklärte ich.
„Sicher!“ nickte Laq mit todernstem Gesicht. „Was soll es auch sonst heißen?“ Und wieder prustete er los.
Jocelin steckte sein Langschwert in die Scheide zurück, die er auf dem Rücken trug. „Und dieses ... Gewehr, das spuckt Feuer, oder was tut es?“
„Auch!“, antwortete ich. „Aber das ist nicht das Entscheidende. Es schießt Kugeln aus Metall, viele kleine Kugeln mit hoher Geschwindigkeit.“
Er schüttelte den Kopf und meinte dann: „Na schön! Aber mit deinem Degen musst du noch besser werden. Wer weiß, ob du deine seltsame Waffe immer zur Hand hast. Wenn ich dich jetzt zum Beispiel angreifen würde ...“
Natürlich hatte er recht. Trotzdem beschloss ich, mir eine kleine Probe zu erlauben. Ich setzte also ein möglichst breites Grinsen auf und stichelte dann:
„Was wäre dann? Na sag schon!“
„Na was wohl? Ich könnte dich töten; dein Gewehr hängt an deinem Sattel!“
„Das glaube ich nicht, Jocelin de Martin!“
Er seufzte und wandte sich an den Jjarden: „Er redet schon wieder wirres Zeug, dein Freund Daniel. Zwölf Mal hätte ich ihn vorhin treffen können.“
Laq wiegte nur den Kopf und erwiderte nichts. Aber ich ließ nicht locker. „Kämpfen wir noch mal! Aber diesmal werden die Hiebe nicht angedeutet, sondern es wird wirklich zugeschlagen!“
Er schüttelte abermals den Kopf und sah mich an, als hätte ich den Verstand vollkommen verloren. „Bist du verrückt geworden? Nachher kannst du deinen Kopf im Gras suchen!“ „Das wird nicht gehen!“
„Was?“
„Den Kopf im Gras suchen - er hat doch die Augen!“ Einen Moment lang stand dem Souvaner wirklich vollständige Verblüffung ins Gesicht geschrieben, dann grunzte er abfällig: „Witzig auch noch!“
„Ich meine auch nicht, dass wir mit unseren scharfen Waffen kämpfen sollten, sondern nur mit Stöcken. Wer den ersten Treffer landet, hat gesiegt!“
Jocelin zog die Augenbrauen hoch und überlegte kurz. „Eine Wette?“, fragte er schließlich und setzte sein übliches Grinsen wieder auf. Jetzt hatte ich ihn.
Vanessa und Ybkallis hatten sich von der Feuerstelle erhoben und trotteten langsam herbei. Sie schienen bemerkt zu haben, dass hier etwas vorging, was interessanter sein könnte als unsere Waffenübungen.
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In der beginnenden Abenddämmerung stiegen dünne Rauchschwaden des Lagerfeuers in den grauen Himmel. Ein appetitlicher Geruch machte sich bemerkbar. Der Hofnarr hatte mit einer selbst gebastelten Angel drei große Fische aus einem Bach gezogen, welche jetzt an hölzernen Spießen vor sich hin brutzelten.
„Eine Wette!“, bestätigte ich. „Der Verlierer zahlt das Bier, falls wir doch einmal auf so etwas wie eine Taverne oder eine Herberge stoßen.“
„Einverstanden!“, stimmte der Souvaner zu. „Morgen Abend werden wir den Solvian erreichen. Dort gibt es eine Fähre und ein kleines Dorf mit einer Herberge. Und du wirst dort das Bier bezahlen!“
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Die anderen drei sahen uns gespannt zu, als wir von einem niedrigen Laubbaum zwei starke Äste abschnitten und die Zweige abbrachen. Wie ich erwartet hatte, schnitzte sich Jocelin eine längere ‘Waffe’ als ich. Er schwang sie einige Mal pfeifend durch die Luft und stellte sich dann in Positur.
„Möchte vielleicht jemand auf mich wetten?“, fragte er und sah erwartungsvoll zu unseren Gefährten. In dieser Hinsicht wurde er enttäuscht, denn Vanessa schüttelte missbilligend den Kopf, Ybkallis schnitt nur eine Grimasse und der Jjarde meinte lakonisch:
„Nein! Du wirst verlieren!“
„Ich werde verlieren? Hast du genauso den Verstand verloren wie dieser ... dieser ...?“
Momentan fehlten dem Souvaner die Worte, und er schaute Hilfe suchend in die Runde. Lediglich der Hofnarr fühlte sich verpflichtet, sich zu äußern:
„Ich halte das für Quatsch, mit Verlaub! Zwei ... na ja ... erwachsene Männer wollen mit Holzstecken aufeinander losgehen, um festzustellen, wer schneller oder geschickter ist.“
„Lass ihnen den Spaß!“, grinste Laq. „Ich will doch einmal genau sehen, wie er das macht.“
„Wie wer was macht?“
„Lass dich überraschen!“
Ybkallis zog verwundert die Augenbrauen hoch und sagte nichts mehr. Auch Jocelin schien kurz nachzudenken, aber dann stellte er sich abermals in Positur und forderte mich auf:
„Na los!“
„Wohl gesprochen!“, spottete ich. „Der Worte sind genug gewechselt - lasst nun Taten folgen!“
Der Souvaner quittierte meine Frechheit mit einem kurzen scharfen Schnaufen durch die Nase und griff an.
Seit den an anderer Stelle geschilderten Ereignissen waren etwa zwei Wochen vergangen. Unser kleiner Trupp - Laq, Jocelin, Vanessa, Ybkallis und ich - hatte die Ravensrück-Berge nördlich umgangen, um nicht auf Vorausabteilungen oder Kundschafter der Lyshiten zu treffen. Dieser Ritt durch das unwegsame Waldgebiet der westlichen Souvanmark hatte uns doch mehr Zeit gekostet, als Jocelin geschätzt hatte. Allerdings hatte sich die Vorsichtsmaßnahme, möglichst weit nach Norden auszuweichen, als klug herausgestellt, und außer den Unbilden der Natur und des Wetters hinderte uns nichts am Vorwärtskommen.
Nordwestlich des Ravensrücks meinte Jocelin, dass wir uns nun in der Yllianmark befänden, der benachbarten Grafschaft, wo er vielleicht auf Unterstützung hoffen könnte, zumindest jedoch auf eine gastfreundliche Aufnahme.
Ich hatte die Worte des Gottes Arboreysth nicht vergessen: „Folgt der Straße der Alten Götter!“
Wenn wir weiter nach Westen ritten, würden wir wieder auf sie stoßen und, ihr folgend, nach Verrn gelangen, der Hauptstadt der Yllianmark. Ich bezweifelte allerdings aus einem unbestimmten Gefühl heraus, dass der Grüne Gott diesen Rat ausgesprochen hatte, damit Jocelin Waffenhilfe bei den Yllianern suchte. Nein, bei der Komplexität des Spiels erschien mir dieser Zug zu einfach. Im Übrigen wusste ich genau, dass ich bis jetzt nur einen Bruchteil durchschaut hatte.
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Das Terrain, durch das wir uns bewegten, unterschied sich nicht wesentlich von den dichten Wäldern der Souvanmark. Es herrschte mehr Laub- als Nadelwald vor, und die Hügel waren höher und von zerklüfteten Schluchten durchzogen, so dass wir öfters einen Umweg machen mussten. Jocelin kannte sich hier nicht mehr aus und meinte nur, in westlicher Richtung würden wir früher oder später auf die Straße der Alten Götter treffen.
Es gab genug jagdbares Wild, und so brauchten wir keinen Hunger zu leiden. Bei unserer Flucht aus Mattincourt hatten wir natürlich wenig Vorräte mitnehmen können, aber Jocelin beherrschte den Langbogen der Ostländer virtuos und schoss uns so manchen Braten.
Während des Ritts hatte ich natürlich genügend Gelegenheit, meine neuen Gefährten etwas näher kennenzulernen. Vanessa - ich wusste immer noch nicht recht, ob ich ihr vollständig vertrauen konnte. Zu verworren erschien mir ihre Geschichte: vollständiger Gedächtnisverlust, ein Land namens ‘Raigneau’, der gelbe Himmel über Blianssrein, der Hauptstadt des Lyshitenreiches - damals angeblich ein friedliches Nomadenvolk -, ihre ‘Erweckung’ durch Crusan, die zufällig mit dem Angriff auf Fort Souvansfinn zusammentraf ...
Nein, irgendetwas stimmte hier nicht! Sie war ohne Zweifel mit den Lyshiten durch die Wüste gekommen - wie? Und natürlich ihre Fähigkeit, Nebel zu erzeugen; ich hatte ein ungutes Gefühl, wenn ich sie so ansah.
Ybkallis? Ich musste meinen ersten Eindruck von dem ‘Hofnarren’ gründlich revidieren: Hatte ich bei unserem ersten Zusammentreffen am Kanal in Mattincourt gedacht, dieser Zwerg sei ein aufgeblasener Dummschwätzer, so erfuhr ich aus Jocelins Schilderung der vorangegangenen Ereignisse, dass dem durchaus nicht so war.
Ybkallis war ein vernünftiger, logisch denkender und überlegt planender Mensch, dessen Ratschläge man nicht leichtfertig verwerfen sollte. Wahrscheinlich überspielte er durch seinen manchmal etwas drastischen Humor und seine trockenen Sprüche nur seine wenig imponierende Gestalt.
Und der Souvaner selbst? Ich muss zugeben, dass ich bei mir bei seiner Charakterisierung nicht ganz sicher war. Vielleicht war er zu sehr von sich eingenommen, oder zu schnell mit Worten - oder mir zu ähnlich. Mir fiel auf, dass der Jjarde sich in Gegenwart seines Freundes im Gespräch mehr zurückhielt als sonst. Die klassische Rollenverteilung zwischen Adligen und dem Volk? Oder zwischen wortgewandten Menschen und eher praktisch orientierten?
Die Zeit würde zeigen, was ich von Jocelin halten sollte. Im Übrigen durfte ich mir auf meine Fähigkeiten - außer den verbalen - auch nicht allzu viel einbilden.
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Jocelin wechselte den Griff um den Ast, der sein Schwert darstellte, und schwang ihn in einem kurzen Bogen zurück, aber der Handwechsel nutzte ihm nichts mehr: Meine ‘Klinge’ tippte ihm leicht gegen die Brust.
„Ich hab’s dir ja gesagt!“, stellte Laq trocken fest und gähnte ostentativ. Mir schien, als ob er seinem Freund die Niederlage in diesem Scheingefecht gönnte.
„Wie ... wie ...“, stotterte der Souvaner und starrte auf den Ast in meiner Rechten. Dann warf er sein ‘Schwert’ ärgerlich zu Boden und suchte nach Worten.
„Mylord haben die Ehre, unsere erlauchte Gesellschaft in der nächsten Herberge festlich zu bewirten“, bemerkte ich und trat einen Schritt zurück. Wie ich es in Mantel- und Degen-Filmen gesehen hatte, küsste ich die ‘Waffe’ und tat so, als würde ich sie in den Gürtel stecken. „Aber ich stehe Eurer Exzellenz natürlich für eine Revanche zur Verfügung!“
Jocelin knirschte mit den Zähnen und schüttelte den Kopf. „Das war ein verdammter Trick, und du“, - er zeigte auf den Jjarden -, „du hast es gewusst!“
Der zuckte die Schultern und grinste.
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Dieser kurze Auftritt war für mich in zweierlei Beziehung erfolgreich gewesen: Erstens hatte es mir wirklich Spaß gemacht, den souvanischen Prinzen zu verblüffen, und zweitens war ich mir nun endgültig sicher, meine Fähigkeit, diese ‘Ebene’ für kurze Zeit zu verlassen, bewusst und gezielt einsetzen zu können. Wie sich gezeigt hatte, konnte mir dies selbst gegen einen meisterhaften Schwertkämpfer den entscheidenden Vorteil sichern.
Ich hätte gegen Jocelin, der ja praktisch mit dem Langschwert aufgewachsen war, nicht den Hauch einer Chance gehabt. Also beschloss ich, aus der Not eine Tugend zu machen, und gab mir nach zwei halbherzig abgewehrten Hieben eine - wie er natürlich meinte - dumme Blöße. Natürlich war er viel zu erfahren, um jetzt alles auf eine Karte zu setzen, also fintete er zunächst, um zu sehen, wie ich reagieren würde. Bei einer Parade von mir wäre dann der eigentliche Hieb erfolgt. Dass ich gar keine Abwehrbewegung machen würde, damit hatte er natürlich nicht gerechnet.
Ich wich einfach aus - nach ‘innen’ oder ‘oben’, anders kann ich es nicht beschreiben - und stieß dann zu. Wie ich erwartet hatte, ging sein schräg geführter Hieb ins Leere. Mein gerade geführter Stoß dagegen kam auf den Punkt: Im Ernstfall hätte ich ihm jetzt die Brust durchbohrt.
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„Wie macht er das?“, knurrte der Souvaner und setzte sich neben Laq, während Ybkallis den gebratenen Fisch ‘servierte’, indem er einfach jedem von uns einen hölzernen Spieß in die Hand drückte.
„Ich weiß es auch nicht - frag ihn selbst!“, antwortete dieser und biss in sein Stück. Eifrig kauend fuhr er fort: „Ehrlich gesagt, Exzellenz, ich will es auch lieber gar nicht wissen.“
„Ich vermute, ich kann aus dieser Welt für einen kurzen Moment verschwinden“, warf ich ein, „weil ... aber fragt mich nicht, wie!“
„Das ist doch ...“ schnitt Jocelin eine Grimasse, doch dann wurde er nachdenklich und spielte gedankenverloren mit seinem Schwert herum.
„Ich weiß, was du jetzt denkst!“, hakte ich nach. „Du warst selbst Zeuge, wie jemand aus Spielkarten herausgelesen hat, dass Laq dein Freund ist, und wie du von demselben in deinem Versteck aufgespürt worden bist - ist das nicht genauso rätselhaft?“
„Natürlich!“, gab er zu. „Aber - ist das nicht Hexerei?“
„Wenn du es so bezeichnen willst! Wird man bei euch - ich weiß das aus der Vergangenheit meiner Welt - dafür verbrannt?“
Er rümpfte die Nase. „In manchen Gegenden vielleicht. Solange mein Vater die Souvanmark regierte, hat es so etwas jedenfalls nicht gegeben. Im Übrigen dachte man eigentlich bei uns, dass Zauberei nur in Märchen existiert.“
Er zeigte mit dem Finger auf mich und fuhr mit vorwurfsvollem Ton fort: „Ich habe schon gemerkt, dass du uns für zurückgeblieben hältst, aber so blöd sind wir nun auch wieder nicht!“
„So habe ich das auch nicht gemeint“, lenkte ich ein, „es ist nur so, dass man bei einem mangelnden Verständnis der Naturgesetze vielleicht glaubt, gewisse ... äh ... Vorkommnisse seien übernatürlich und ...“
Ab diesem Moment merkte ich, dass ich mich in die Bredouille hineinredete. Laq und Jocelin hatten die Augenbrauen hochgezogen und lauschten gespannt auf meine weiteren Erklärungen, und ich war an einem toten Punkt angelangt.
„Und?“, kostete der Souvaner mein Suchen nach Worten genüsslich aus. „Willst du, Daniel Undsoweiter, damit andeuten, dass man auf deiner sogenannten zivilisierten Welt für - wie du gerade gesagt hast - gewisse Vorkommnisse verbrannt worden ist? Na?“
Ich überlegte. Verdammt noch mal, ich hätte Jocelin nicht unterschätzen sollen! Wenn ich jetzt erklären würde, dass man Frauen wegen ihrer roten Haare auf den Scheiterhaufen gebracht hatte, oder wegen so genannter Buhlschaft mit dem Teufel ... Nein! Hier half nur Angriff!
„Ich meine damit“, fuhr ich also in sachlichem Ton fort, „dass den Menschen zu allen Zeiten ganz natürliche Vorgänge als übernatürlich erschienen, weil sie eben da noch nicht erklärbar waren. Spätere Generationen konnten dies natürlich schon und …“
„Du meinst also, dass dein Enkel meinem dann endlich erklären kann, wie du es gemacht hast, dass mein Hieb durch dich hindurchging? Das beruhigt mich, Daniel!“
Ich seufzte. „Ich wollte damit nur ausdrücken, dass auf dieser Welt - oder zwischen unseren Welten - gewisse Gesetzmäßigkeiten existieren, die weder du noch ich bisher verstanden haben.“
„Aber warum existieren solche Gesetzmäßigkeiten, oder wer schafft sie?“
Jetzt musste ich lächeln, obwohl bei seiner durchaus ernsthaft gemeinten Frage kein Anlass dazu bestand. Es war kaum zu glauben:
Ich befand mich in der Situation des Mittelstufen-Mathematiklehrers, der einem kritischen Schüler den Sinn eines Axioms erklären sollte. Eigentlich konnte ich dies nur mit meinen eigenen Worten begründen:
„Es ist einfach vernünftig, Grundregeln, die sich im Einklang mit der praktischen Erfahrung befinden, als gegeben hinzunehmen, solange man nichts Besseres findet.“
Nein, das war Quatsch, so begründet man kein Axiom.
„Ich meine“, ergänzte ich, „es ist unsinnig, eine gedankliche Grundvoraussetzung infrage zu stellen, auf der die ganze weitere Theorie aufbauen soll.“ Jocelin sah mich an wie jemanden, der ihm einen schrottreifen Gebrauchtwagen verkaufen wollte. In diesem Moment mischte sich Ybkallis ein:
„Ich glaube, ich verstehe: Wenn man fortfährt, alles zu hinterfragen, führt das zu nichts. Irgendwelche Grundprinzipien muss man einfach als gegeben hinnehmen, richtig?“
Ich stimmte zu. Der Hofnarr hatte wirklich einen beeindruckenden Verstand. Aber Jocelin gab sich noch nicht geschlagen:
„Ich glaube, dass unser Freund Daniel mit seinen hochgestochenen Worten nur kaschieren will, dass er selbst überhaupt nichts von dem versteht, was hier in letzter Zeit passiert ist. Irgendwie erinnert mich das verdammt an das Geschwafel der Arboreysth-Priester!“
Sollte ich ihm hier widersprechen? Mit dem Ausdruck ‘Geschwafel’ lag er jedenfalls nicht ganz falsch. Ich wollte gerade antworten, als etwas geschah, das unser Gespräch jäh beendete:
Direkt gegenüber dem Feuer teilte sich das dichte Gebüsch und ein Mann trat hervor. Laq und Jocelin rollten sich sofort zur Seite und griffen nach ihren Waffen. Doch jemand war noch schneller: Der unbekannte Besucher stand noch nicht einmal richtig im Freien, als neben ihm eine schlanke Gestalt aufsprang und ihm ein Schwert an die Kehle drückte: Vanessa.
Ich hatte bei unserem Gespräch nicht auf sie geachtet, da sie etwas abseits saß.
„Aber, aber, meine Dame!“, meinte der Fremde mit einem Seitenblick auf ihr wallendes blondes Haar. „Begrüßt Ihr Gäste immer so?“
Durch den hellen Schein hindurch konnte ich ihn zunächst schlecht erkennen, sah aber, dass er einen großen Schlapphut in der rechten Hand hielt. Vanessa klopfte ihm mit der flachen Seite ihrer Waffe leicht auf die Brust und stieß einen leisen Pfiff aus:
„Gäste?“
„Besucher, Reisende, wenn Ihr so wollt! Es tut mir leid, wenn ich Euch in Eurem Gespräch gestört habe, aber dies lag wirklich nicht in meiner Absicht, glaubt mir!“
Nachdem auch Laq und Jocelin inzwischen mit gezückten Waffen vor dem Fremden standen, trat Vanessa zurück und gab mir so den Blick frei:
Der Sprecher war ein mittelgroßer schlanker Mann in braunschwarzer Kleidung. Nachdem ihn die gefährliche Klinge nicht mehr unmittelbar bedrohte, entspannte er sich sichtlich und stülpte sich seinen Hut mit einer graziösen Bewegung auf den Kopf. Er trug keinen Bart und hatte ein leicht feminin anmutendes Gesicht mit hoch stehenden Backenknochen und einem sinnlich geschwungenen Mund. Seine bis auf die Schultern herabhängenden, korkenzieherartig gewundenen braunen Locken verliehen ihm wirklich fast weibliche Züge.
„Es ist durchaus nicht nötig, meine Herren, mich solcherart zu bedrohen!“, betonte er mit einem missbilligenden Blick auf die Klingen meiner Gefährten. „Wenn ich mich zunächst vorstellen darf: Jedediah, der Kundschafter!“
Wie um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, lüftete er nochmals seinen breiten Schlapphut und schwenkte ihn in die Runde. Also, auf den ersten Blick war mir der Kerl nicht unsympathisch, aber einen ‘Kundschafter’ hatte ich mir doch etwas anders vorgestellt - vielleicht mehr im Sinne von Coopers ‘Lederstrumpf’.
Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, lächelte der Mann mich an und ergänzte:
„Wenn Ihr gestattet, Sir, darf ich erklären: Ich bin der Führer einer - einer friedlichen! - offiziellen Karawane von Rivell nach Verrn. Und wir sind - sozusagen - etwas vom Weg abgekommen.“
Ich grinste, sagte aber nichts, da ich genau wusste, dass zumindest Jocelin an meiner Stelle antworten würde, so wie ich ihn jetzt kannte. Und ich hatte mich nicht getäuscht:
„Dann ist es mit Euren Fähigkeiten als Kundschafter wohl nicht allzu gut bestellt, wenn Ihr den Weg nach Verrn verfehlt, mein lieber Jedediah!“, warf der Souvaner ein und steckte sein Schwert weg.
„Ich gebe zu, dass diese Tatsache nicht gerade für mich spricht“, räumte dieser ein, „aber wir hatten gute Gründe, unsere Route zu verändern. Ihr Herren wisst vielleicht selbst am besten, dass man nicht vorsichtig genug sein kann! Im Übrigen: Mir scheint, dass zwischen uns kein Grund zur Feindseligkeit zu bestehen braucht. Ich wäre also erfreut, Eure Namen zu erfahren, wenn Ihr gestattet!“
Jocelin zuckte mit den Schultern und nickte: „Setzt Euch und seid unser Gast, Jedediah! Leider können wir Euch nicht viel anbieten; wir sind ebenso wie Ihr Reisende durch dieses menschenleere Land. Dies sind Vanessa, Ybkallis, Daniel, Laq - und mein Name ist Albin!“
„Auf dem Weg von Rivell hierher sind wir zweimal von Banditen angegriffen worden“, erzählte Jedediah. „Es war offensichtlich, dass sie wussten, dass unsere Ware für Verrn bestimmt war. Ich dachte mir, sie in die Irre zu führen, wenn wir eben nicht nach Norden, sondern nach Süden auswichen, und den Solvian nicht überquerten. Jetzt suchen sie uns südwestlich von Verrn. Und wie es scheint, war mein Plan gar nicht so schlecht!“
„Und warum“, fragte Laq, „glaubt Ihr nicht, dass wir zu diesen Banditen gehören? Diese Vertrauensseligkeit könnt Ihr Euch als Kundschafter doch gar nicht erlauben!“
„Das ist ganz einfach!“, gab Jedediah zurück. „Es war eine Bande von Moerblows, die uns überfiel, und Ihr seht beim besten Willen nicht so aus, als ob Ihr zu denen gehört!“
„Was für einen Grund sollte eine Bande von Moerblows haben, Eure Karawane zu überfallen, Jedediah?“, forschte Jocelin.
„Wer oder was sind die Moerblows?“, fragte ich jetzt dazwischen und der Fremde sah mich zweifelnd an. Auch Jocelin seufzte und erklärte:
„Unser Freund Daniel ist, wie soll ich sagen, von weit her. Deswegen ...“, er unterbrach seinen Satz und blinzelte dem Jjarden unmerklich zu, „ ... deswegen drückt er sich manchmal etwas merkwürdig aus - und stellt seltsame Fragen!“
Laq kniff die Lippen fest zusammen und nickte mit vollkommen ernstem Gesicht. Der Kundschafter betrachtete mich jetzt noch neugieriger als zuvor, und so fühlte ich mich befleißigt, ihn freundlich anzugrinsen und dabei zu fragen: „Errare humanum est, gaudeamus igitur, oder?“
Der Erfolg war der gewünschte: Jedediah lächelte bemüht höflich zurück und zuckte nur mit den Schultern.
„Die Moerblows“, erklärte der Souvaner weiter, „sind ein räuberisches Volk aus den westlichen Bergen. Manchmal rotten sich ein paar Hundert von ihnen zusammen und unternehmen ausgedehnte Raubzüge in die Ebenen der Yllianmark. König Rainald hat schon öfters versucht, sie zu stellen, aber die Kerle sind einfach zu schnell - und zu gerissen.“
Der Kundschafter nickte zustimmend und ergänzte: „Das stimmt leider. Was mich nur verwundert, ist der Umstand, Moerblows so weit südöstlich anzutreffen. Normalerweise beschränken sie ihre Beutezüge auf die nordwestliche Mark zwischen der Straße der Alten Götter und dem Rhiwan, wo sie sich schneller in ihre Berge zurückziehen können. Und woher zum Teufel konnten sie von meiner Karawane erfahren haben? Ich glaube fast, dass es unter meinen Leuten einen Verräter gibt!“
„Transportiert ihr denn wertvolle Dinge?“, fragte Ybkallis beiläufig und kaute dabei wie gedankenverloren auf einem Grashalm.
Jedediah grinste. „Wenn ich jetzt Nein sagen würde - Ihr glaubtet mir ja doch kein Wort! Nun, es sind wertvolle Dinge, allerdings nicht für jeden. Es handelt sich um die persönlichen Gegenstände der Prinzessin Asangia aus Rivell. Wie Ihr vielleicht wisst, Albin, hat König Rainald die Prinzessin vor Jahresfrist geehelicht ...“
„Ich habe so etwas gehört, dass der alte ... dass König Rainald wieder geheiratet hat“, räumte Jocelin ein, wobei ihm der Jjarde einen bösen Blick wegen seines Versprechers zuwarf. „Aber ich wusste nicht, dass es sich um eine Prinzessin aus Rivell handelte. Aus Rivell! Asangia heißt die Dame?“
„Ja! Sie ist noch sehr jung, und ihre Schönheit hat wohl das Herz meines Königs entflammt. Mein Karawanenführer hat nun den Auftrag, die verbliebenen persönlichen Dinge der Königin nach Verrn zu bringen. Um gewaltige Reichtümer handelt es sich dabei wohl nicht, eher um Gewänder, Teppiche und Kindheitserinnerungen. Zwei Hunde und ...“
Er zuckte die Achseln. „Jedenfalls ist kaum etwas dabei, das man schnell oder einfach zu Geld machen könnte.“ Laq und Jocelin sahen sich an. „Warum erzählt Ihr uns das alles so genau?“, fragte der Jjarde. Jedediah lächelte. „Weil mir Eure Bewaffnung verrät, dass Ihr das Kämpfen versteht, meine Herren!“
So als ob er jetzt erst seinen Versprecher bemerkte, zog er abermals seinen breiten Schlapphut und schwenkte ihn in Vanessas Richtung. „Und meine Dame natürlich! Gerade von Eurer Schnelligkeit mit der Waffe habe ich nur den allerbesten Eindruck gewonnen.“ Dabei fasste er sich mit der Linken an den Hals.
Vanessa antwortete, wie ich es fast erwartet hatte, mit dem anscheinend allen Frauen eigenen Charme: „Lasst das Geschwätz und kommt zur Sache! Was wollt Ihr?“
„Nun, ich möchte Euch anwerben. Als Söldner. Ihr stellt Eure Kampfkraft in den Dienst meiner Karawane, bis wir Verrn erreicht haben. Dafür verspreche ich Euch eine großzügige Entlohnung der Königin. Und ich meine wahrhaft großzügig!“
Jedediah der Kundschafter war mit dem Versprechen, so schnell wie möglich zurückzukehren, zwischen den Bäumen verschwunden. Das ziemlich niedergebrannte Feuer verbreitete nur noch einen schwachen Schein auf der dunklen Lichtung. Laq räusperte sich und meinte:
„Ich finde, dass wir dieses Angebot erst einmal besprechen sollten. Allerdings nicht hier, wo man uns vielleicht sehen kann. Ziehen wir uns unter die Bäume zurück!“
Niemand widersprach. Lediglich Ybkallis mahnte: „Wir waren verflucht leichtsinnig; ich schätze, in Zukunft sollten wir immer eine Wache aufstellen, selbst in Gegenden, in denen wir keine Gefahr erwarten.“
Meiner Meinung nach hatte er verdammt recht. Das kindische Duell zwischen mir und Jocelin hätte uns alle das Leben kosten können, wenn wirkliche Feinde in der Nähe gewesen wären.
„Was haltet ihr von dem Angebot?“, fragte Laq.
„Ich glaube kein Wort von dem Gerede!“, stellte ich fest.
„Persönliche Gegenstände, die angeblich keinen Wert haben; das stinkt doch!“
„Natürlich! Aber es ist doch klar, dass dieser Kundschafter uns niemals wirklich die Wahrheit sagen würde. An seiner Stelle würde ich nicht anders handeln. Er denkt, wir sind umherziehende Söldner, und will uns als Begleitschutz für seine Karawane anwerben.“
„Und? Sollten wir nicht lieber versuchen, uns alleine und selbstständig nach Verrn durchzuschlagen? Eine Karawane ist doch viel langsamer als wir!“
„Schon“, warf Jocelin ein. „Wenn sich allerdings hier in der Gegend größere Trupps von Banditen herumtreiben, dann sind wir vielleicht bei einer Karawane sicherer als jetzt.“
„Aber begeben wir uns nicht gerade dadurch in die Gefahr, in ein Gefecht verwickelt zu werden?“
„Das mag sein. Aber es gibt noch einen Grund, das Angebot anzunehmen: König Rainald ist ziemlich alt, und ... wie soll ich sagen …?“
„Senil?“
„Nun, er versteht nicht mehr alles, um es so auszudrücken. Und ansonsten ... du musst ihn gesehen haben, sonst glaubst du es nicht! Es wäre auf jeden Fall besser, wenn wir mit dieser Karawane zusammen in Verrn einträfen und die Königin sprechen könnten.“
„Glaubst du etwa wirklich“, fragte Ybkallis, „dass du von den Yllianern Hilfe erhältst, um gegen die Lyshiten kämpfen zu können? Das Invasionsheer soll größer sein als alle Truppen der Ostländer zusammen!“
„Ich weiß es nicht!“, gab Jocelin zu. „Aber sicherlich würde es hilfreich sein, wenn die Yllianer wenigstens gewarnt wären. Wie dieser Schevon Ssert gesagt hat ...“
An dieser Stelle unterbrach ich: „Die Roten Truppen werden nach der Eroberung der Souvanmark nicht haltmachen, das kann ich dir versprechen! Soviel, wie ich bis jetzt von dem Spiel verstanden habe ...“
„Warum zum Teufel hast gerade du angeblich so viel von dem sogenannten Spiel verstanden? Das würde mich doch auch einmal interessieren! Du behauptest doch, nicht einmal aus dieser ... äh ... Welt zu stammen! Oder?“
„Vielleicht bin ich schlauer als du!“, gab ich zurück, und bemühte mich dabei, meine Lautstärke in Grenzen zu halten. „Wenn du dich mit mir streiten willst, dann halte ich diesen Augenblick für verdammt ungünstig; vor allem, weil wir ja eigentlich einer Meinung sind!“
Er schwieg zunächst. Dann lenkte er ein: „Du hast recht. Leider. Wir sind also einer Meinung darüber, dass die Roten versuchen werden, auch hier in die Yllianmark vorzudringen?“
„Ja. Ich glaube nur nicht, dass es deine Aufgabe ist, mithilfe eines Heeres gegen sie zu kämpfen. Wie gesagt, es ist nicht deine Aufgabe! Wir sollten - laut deinem Gott Arboreysth -, der Straße der Alten Götter folgen!“
„Aber die führt nach Nordwesten - bis in das Schneewolkengebirge!“, warf der Jjarde ein. „Zweitausend oder noch mehr Meilen! Was sollen wir dort?“
„Ich weiß es nicht! Ich denke aber, dass unser eigentlicher Feind nicht die Roten Truppen sind, sondern der Schwarze - von dem Crusan immer gesprochen hat. Er hat deinen Vater umgebracht!“
Jocelin schwieg und überlegte. Schließlich äußerte sich der Jjarde: „Ich glaube, das führt zu nichts! Die Yllianer sollten selbst mit diesem Problem fertig werden. Wir werden sie warnen, damit sie ihre Vorbereitungen treffen können - aber auf ihrer Seite kämpfen sollten wir nicht! Ich denke wirklich, dass Daniel recht hat: Folgen wir der Straße der Alten Götter - damit entfliehen wir auch dem Krieg!“
„Und wie soll es mit uns weitergehen?“, fragte Vanessa. „Wären wir nicht in Zukunft Flüchtlinge in einer fremden Welt? Ich weiß nicht einmal, wo meine Heimat ist, und ihr seid Hunderte von Meilen davon entfernt. Und wir fünf sollen uns nach Nordwesten durchkämpfen, weil Daniel meint ...“
Natürlich hatte sie recht. Wie könnte ich auch erklären, dass ich fest davon überzeugt war, dass die Auflösung dieses Spiels am Ende der Straße der Alten Götter wartete. Also schwieg ich.
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In der Dunkelheit vor mir kicherte es. Obwohl ich nicht viel erkennen konnte, wusste ich, dass es der Jjarde war. „Na also los, “ meinte er, „wer macht mit?“
Irgendeine Hand ergriff meine und hielt sie fest umgriffen. Dann schlugen einige andere darauf, tasteten umher und fassten ebenfalls fest zu.
„Also gut!“, ertönte zu meiner Überraschung Jocelins Stimme. „Wir folgen dem Ratschlag Daniels. Hat einer von uns dagegen etwas einzuwenden?“
Jetzt kicherte ich leise und fuhr fort: „Wenn nicht, dann möge er für immer schweigen!“
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„Jedediahs Angebot ist nicht schlecht!“, meinte Ybkallis unvermittelt. „Es würde uns eine Woche, vielleicht etwas länger, kosten, um diese Karawane nach Verrn zu begleiten. Und wenn die so genannte ‘Belohnung’ auch nur annähernd so groß ist, wie dieser Kundschafter versprochen hat, dann sollten wir uns das gut überlegen. Wir haben so gut wie überhaupt keine Finanzen!“
„Und deswegen sollten wir das Angebot annehmen, uns als ... als Söldner zu verdingen?“
Es war Vanessa, die dies sagte. „Seid ihr sicher, dass sich das Angebot auch auf mich bezieht?“
„Er war ja besonders von deiner Schnelligkeit mit dem Schwert beeindruckt, nicht wahr?“, gab ich zu bedenken und fuhr fort: „Ybkallis hat recht. Wenn wir uns, so undurchführbar das auch klingen mag, durch das ganze verdammte Land nach Nordwesten durchschlagen wollen, dann brauchen wir vor allem Geld! Ich bezweifle, dass Jocelin in Verrn die Art von Hilfe zuteil wird, die er vielleicht erwartet. Wir können nur versuchen, auf uns allein gestellt zu überleben!“
„Also gehen wir auf das Angebot ein?“
„Wir gehen darauf ein!“
Etwa eine Stunde später erschien die Karawane Jedediahs bei unserem Lagerplatz. Es handelte sich um zehn Kamele - ich hatte wirklich nicht erwartet, diese Art von Reit- und Lasttieren auch auf Laqs Welt anzutreffen - und eine Bedeckung von zwölf Mann auf Pferden. Der Kundschafter war wie beim ersten Mal zunächst alleine bei unserem Lagerplatz aufgetaucht, wo ihn der Jjarde im Dunkeln schon erwartet hatte. Jocelin und Ybkallis sicherten währenddessen die Umgebung ab.
Vanessa, Laq und ich waren so die Ersten, die die Karawane mit den ‘Pretiosen’ der neuen Königin der Yllianmark in Augenschein nehmen konnten.
Nun, beim ersten Blick auf die Truppe unseres neuen Bekannten Jedediah musste ich mir fast ein Lachen verbeißen: Laq hatte eine Fackel angezündet, um unsere zukünftigen Verbündeten nicht im Dunkeln begrüßen zu müssen, und so konnte ich die Leute in ihrer vollen Pracht bewundern:
Von den zwölf Männern trugen nur sieben Waffen, die übrigen fünf schienen wirklich nur Kameltreiber zu sein: Jeder saß auf seinem Reittier mit einem zweiten im Schlepp; alle waren ziemlich ärmlich gekleidet und hatten offenbar keine andere Aufgabe, als mithilfe eines langen Stockes für Vorwärtsbewegung zu sorgen. Die begleitenden Soldaten waren mit Lanzen und Schwertern bewaffnet und trugen leichte Lederrüstungen. Bei unserem Anblick setzten sie sich in den Sätteln ihrer Pferde aufrecht und versuchten, einen imposanten Eindruck zu erwecken, was aber nicht recht gelang:
Drei von ihnen schienen verletzt, ihre Kleidung war blutverkrustet, und sie hatten offenbar Mühe, sich im Sattel aufrecht zu halten. Ein weiterer schwankte so stark, dass er, noch bevor jemand etwas sagen konnte, zu Boden stürzte und dort liegen blieb.
Sollte ich mir jetzt den Mann ansehen? Meine Absicht wurde von vornherein durch den Anführer der Truppe, einen dicken Soldaten in schmutzig-metallener Rüstung zunichte gemacht, der sich von seinem Pferd herunter hangelte, wobei er seinen Helm verlor, und sich vor mir aufbaute.
„Ssseid Ihr der Führer ... vvvon diesen Leuten?“, fragte er mich, ohne die Antwort abzuwarten, und bückte sich nach seinem Helm, wobei er fast das Gleichgewicht verlor. Nachdem er das Objekt seiner Begierde in den Fingern hatte, stülpte er es sich mit unnachahmlicher Grandezza auf das von schütterem schwarzen Haar bedeckte Haupt und deutete eine Art von militärischem Salut an:
„Ich bin nämlich Hauptmann Choctor, der ... der militärische Be-fehlshaber vvvon dieser Krawane - lang lebe König Rainall von Verrn!“
Wiederum musste ich mir ein lautes Lachen verkneifen. Kein Zweifel, der Kerl war total betrunken! Und da er den Jjarden und die Frau sowieso als nicht vollwertig betrachtete, schien er mich für den Anführer der angekündigten ‘Söldnertruppe’ zu halten.
Es kommt wohl selten vor, dass man von zwei Seiten gleichzeitig einen Rippenstoß erhält, aber in diesem Moment geschah es: Laq und Vanessa, die sich links und rechts von mir aufgebaut hatten, gaben mir auf diese Weise zu verstehen, dass ich antworten sollte.
Nun, das konnten sie haben. Ich gedachte, meine mir so auferlegte Pflicht aufs Beste zu erfüllen und erwiderte also in salbungsvollem Ton:
„Seid gegrüßt, Hauptmann! Ich bin Daniel von ... Antonio, und ich und meine Leute wären erfreut und geehrt, in die Dienste Eures Königs zu treten und ...“
„Gegen Entlohnung natürlich!“, warf Vanessa ein.
Da ich momentan meinen Faden verloren hatte, sah dieser ‘Karawanenführer’ seine Gelegenheit gekommen, seine unterbrochene Rede wieder aufzunehmen:
„Natürlich! Die Grozügichkeit meines Herrn wird über Euch leuchten wie ... wie ... Ihr werdet es nicht bereun!“
Dann machte er ein äußerst nachdenkliches Gesicht. Wahrscheinlich überlegte er jetzt, was er eigentlich gerade gesagt hatte. Und da ihm offenbar nichts weiter einfiel, ließ er sich einfach mit einem hörbaren Ächzen zu Boden sinken, wobei er sich den Griff seines Schwertes unter die linke Achsel stieß, was ihn aber nicht sonderlich zu stören schien. Von diesem Beispiel ermutigt, schwangen sich seine Männer ebenfalls von ihren Pferden und machten es sich im Gras bequem.
Ich war im Augenblick etwas ratlos, was die weiteren Verhandlungen betraf. War damit alles abgemacht? Jedediah der Kundschafter, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, trat hinzu.
„Ich würde vorschlagen, Daniel, dass Ihr das Weitere mit mir besprecht. Choctor ist zwar der Befehlshaber, aber er wird mit allem einverstanden sein, was wir beschließen.“
Das konnte ich mir lebhaft vorstellen. Der ‘Hauptmann’ schien sich dort, wo er jetzt saß, durchaus wohl zu fühlen. Er spielte mit seiner Schwertscheide herum, stierte blicklos vor sich hin und nahm keinen weiteren Anteil an dem, was um ihn herum geschah.
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Jocelin trat aus dem Dunkel heraus hinzu und vermeldete: „Die Umgebung ist sicher, aber Ybkallis passt trotzdem weiter auf. Ich denke, dass wir mit ihm als Wachposten nichts zu befürchten haben, schließlich kann er im Dunkeln sehen.“
Ich nickte ihm zu und fuhr dann fort, meiner Rolle als Söldnerführer gerecht zu werden:
„Dieser Penner ... also ich meine Trunkenbold ... ist der Befehlshaber einer Karawane, die persönliche Dinge der Königin der Yllianmark von Rivell nach Verrn schaffen soll? Vierhundert Meilen durch gefährliches Gebiet?“
Jedediah räusperte sich und druckste etwas herum: „Er ... er genießt das Vertrauen von König Rainald, aber der König ... nun, wie soll ich sagen ... der König ist auch nicht mehr so ganz ...“ - „Er ist senil!“ ergänzte Jocelin. „Und mir scheint, ist das, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen habe, wohl noch schlimmer geworden. Was ist mit Kanzler Lanatour?“
„Ihr wisst bemerkenswert gut Bescheid, Albin“, stellte der Kundschafter fest und fasste den Souvaner scharf ins Auge.
„Der Kanzler ist vor einem knappen halben Jahr verstorben - an der Schwäche des Alters.“
„Quatsch!“, gab Jocelin zurück. „Lanatour war zehn oder fünfzehn Jahre jünger als der König selbst. Und immer bei bester Gesundheit - körperlich und geistig!“
Jedediah druckste wieder etwas herum, doch dann räumte er ein:
„Euch kann man wirklich nichts vormachen! Es heißt“, er senkte die Stimme, „dass er an einer Krankheit gestorben ist, an einer Krankheit, die man sich beim ... äh ... beim Beieinanderliegen holt; ihr wisst, was ich meine? Man spricht nicht gerne darüber bei Hofe.“
Jocelin schnaubte durch die Nase. „Wer hätte das gedacht!“
In diesem Augenblick sprang Ybkallis aus dem Dunkel ins Licht der Fackel, riss sie aus dem Boden und trat sie aus. „Reiter!“ verkündete er halblaut. „Mindestens dreißig Männer! Auf dem Weg direkt hierher! Sie scheinen zu wissen, wo wir uns befinden!“
„Verdammt!“ Jedediah wandte sich um und rüttelte den inzwischen im Sitzen eingeschlafenen Choctor an den Schultern. „Hauptmann! Wacht auf! Wir werden angegriffen!“
„Langebe König Rainald!“, hörte ich den Angesprochenen nur murmeln, dann wurde die ganze Lichtung plötzlich von einem gespenstischen bläulichen Licht erhellt.
Die Soldaten der Karawane sprangen auf und griffen nach ihren Waffen. Das Licht schien von nirgendwoher zu kommen und doch über unseren Köpfen zu schweben. Und noch etwas fiel mir mit Schaudern auf: Die Männer waren zwar deutlich zu sehen, warfen aber keinen Schatten! Ich sah um mich herum: Ich hatte ebenfalls keinen Schatten! Was war das wieder für ein unerklärlicher Effekt auf dieser seltsamen Welt?
Ich fand keine Zeit mehr, mir darüber Gedanken zu machen, denn mehrere Reiter brachen krachend durch das uns umgebende Gebüsch und gingen sofort zum Angriff über.
Ich konnte mich gerade noch zur Seite werfen, als der vorderste Angreifer direkt auf mich lossprengte, um mich einfach über den Haufen zu reiten. Die Hufe des riesigen Rappen verfehlten mich nur knapp; dafür rollte ich ungeschickt ab und prellte mir schmerzhaft die rechte Schulter. Zum Glück besaß ich noch genug Geistesgegenwart, um mich sofort weiterzurollen, denn zwei weitere Reiter versuchten ebenso, mich unter die Hufe ihrer Pferde zu bekommen. Irgendjemand brüllte irgendwelche Befehle, aber ich konnte nicht darauf achten.
Vor Anstrengung keuchend warf ich mich ein weiteres Mal herum, denn einer der Angreifer schien momentan nur darauf aus zu sein, mich zu erwischen. Er ließ sein Pferd um mich herum tänzeln und hieb ohne Unterlass mit seiner langen Klinge nach mir.
Sollte ich dem Kerl zurufen, dass ich überhaupt nicht zur Karawane gehörte? Quatsch! Erstens würde er mir nicht glauben, und zweitens hätte er mir den Schädel gespalten, bevor ich auch nur einen Satz zu Ende gesagt hätte.
Ich wich einem weiteren unpräzisen Schlag aus und rollte mich unter das stampfende Pferd. Da ich im Liegen meinen Degen nicht ziehen konnte, griff ich zum Dolch und stieß ihn dem Tier in den Bauch. Das tat mir zwar leid, aber in meiner verzweifelten Situation blieb mir nichts anderes übrig.
Der Effekt war der gewünschte: Wiehernd bäumte sich der Rappe auf und warf seinen Reiter nach hinten ab. Dieser schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden auf und blieb erst einmal bewegungslos liegen. Ich sprang hinzu und stach ihm angesichts seines schweren Kettenhemds den Dolch durch den Sehschlitz seines Helms, bis ich auf Widerstand stieß. Ich zog die bluttriefende Waffe wieder heraus. Kein Zucken durchlief den Körper meines Gegners, wahrscheinlich hatte er sich schon bei dem Sturz das Genick gebrochen.
Nun hatte ich erst Gelegenheit, mich umzusehen. Die ganze Szenerie war immer noch von dem blassblauen Licht erhellt, das genügte, um die Hoffnungslosigkeit unserer Lage deutlich werden zu lassen:
Ich befand mich selbst im Moment in keiner unmittelbaren Gefahr, aber für die anderen sah es verdammt schlecht aus:
Die Angreifer auf ihren großen Pferden waren wirklich derartig in der Überzahl, dass sie sich nicht die Mühe machten, abzusteigen und von Mann zu Mann zu kämpfen. Sie trieben ihre Reittiere einfach kreuz und quer durch die Lichtung und hieben alles nieder, was auf den Füßen stand. Die Kameltreiber versuchten nicht einmal, sich zu wehren, sondern rannten in alle Richtungen auseinander, um das schützende Dickicht zu erreichen.
Zwei von ihnen schafften es nicht, die Gegner erkannten die Absicht und schlugen den Unbewaffneten mit ihren langen Klingen die Köpfe von den Schultern. Auf die anderen konnte ich in dem Getümmel nicht achten.
Was war mit meinen Gefährten? Ich sah nur den Jjarden: Er war genau wie ich zuvor in ein Gefecht mit einem Reiter verwickelt, der unentwegt vom Sattel aus mit einer langstieligen Axt nach ihm schlug. Als ich schon helfend eingreifen wollte, ging Laq selbst zum Angriff über: Er wich einem weit ausgeholten Hieb aus und packte blitzschnell den Arm des Mannes. Beinahe hätte ich gelächelt: Für den flinken Jjarden war diese Waffe wirklich zu plump.
Der Angreifer in seiner Kettenrüstung polterte gleich meinem zu Boden und - ich brauchte nicht weiter zuzusehen. Trotzdem wurde die Lage immer bedrohlicher: Die Begleitsoldaten der Karawane wehrten sich tapfer, aber obwohl sie ihre Rüstungen noch trugen, ging einer nach dem anderen unter dem Ansturm der Feinde zu Boden.
Verdammt, in was für eine Scheiße waren wir hier wieder hineingeraten! Ein weiteres Mal sah ich mich in einen Kampf verwickelt, der mich überhaupt nichts anging. Mitgefangen - mitgehangen! Wenn wir überleben wollten, mussten wir uns unserer Haut so gut wie möglich wehren.
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Jetzt sah ich Vanessa: Sie hatte es geschafft, sich bis zum Waldrand durchzuschlagen, und stand mit dem Rücken gegen einen Baum, während ein Gegner vom Pferd aus versuchte, mit einem Speer nach ihr zu stoßen. Sie wich den Stichen gewandt aus, aber ein anderer Mann stieg gerade von seinem Tier, um in ihren Rücken zu gelangen.
Hier war schnelle Hilfe am nötigsten. Ich rannte um die Büsche herum, die die Lichtung umgrenzten, stolperte über eine Baumwurzel, fiel aber wie durch ein Wunder nicht. Während des Laufs schaffte ich es, meine Klinge zu ziehen. Beinahe wurde mir der Griff aus der Hand geprellt, als ich mit der Schneide gegen einen Baum schlug, aber ich konnte die Waffe gerade noch mit zwei Fingern an der Parierstange fassen.
Der eine Angreifer näherte sich Vanessa von hinten und war auf meine Attacke nicht gefasst. Ich konnte meinen Lauf nicht so schnell abbremsen und rannte ihn einfach um. Der Mann stieß einen überraschten Schrei aus und fiel auf die Seite, ich auf ihn. Da ich in dieser Lage mit dem Degen nicht zustoßen konnte, aber mit der linken Hand ertastete, dass mein Gegner seinen Helm verloren hatte, hieb ich mit dem Griff meiner Waffe mehrmals auf seinen Schädel ein.
Beim dritten Schlag gab irgend etwas knirschend nach, und meine Hand fühlte sich glitschig an. Ich schlug noch zweimal zu, und der Körper unter mir wurde schlaff.
Ich wollte mich aufrichten, glitt aber auf dem feuchten Gras aus und fiel nochmals auf meine schon angeschlagene linke Schulter.
Von dieser Warte aus konnte ich sehen, wie Vanessa sich gegen ihren Gegner, der jetzt ebenfalls zu Fuß angriff, zu wehren versuchte. Sein Pferd lag zuckend auf dem Boden und schlug mit den Hufen in die Luft - ein Schwert steckte in sei - ner Flanke.
Vanessa hatte nur noch einen Dolch zu ihrer Verteidigung, während ihr Gegner genüsslich grinsend - sein Helm ließ die untere Gesichtshälfte frei - eine lange Axt von seinem Gürtel losmachte und langsam und bedächtig näher kam. Seltsamerweise steckte sie ihre Waffe in den Gürtel und griff hinter sich nach - nach was?
Ich rappelte mich ächzend hoch, konnte meinen Blick aber nicht von der Szene lösen. Wenn der Mann jetzt mit der Axt angriff, dann würde jede Hilfe zu spät kommen. Ich war etwa zehn Meter entfernt, und als ich loslaufen wollte, verspürte ich einen stechenden Schmerz im linken Fußgelenk - verstaucht! Hoffentlich nur das!
Ich humpelte drei Schritte weiter und knickte dann ein. Verdammt noch mal! Vanessa stand immer noch mit dem Rücken zum Baum und richtete - was war das? - meine Flinte auf ihren Gegner. Wo hatte sie die her? Der Mann lachte schallend über ihre verzweifelten Anstrengungen, mit der Waffe zurechtzukommen, und deutete eine leichte spöttische Verbeugung an. Sie wusste natürlich nicht, wie der Schuss auszulösen ist, hielt das Gewehr aber richtig.
„Vanessa!“, schrie ich. „Links ziehen - rechts abdrücken!“
Ich hoffte inständig, dass sie gut aufgepasst hatte, als ich Laq die Funktion der Waffe erklärte. Der rechte Zeigefinger! Sie müsste jetzt ...
Das Donnern des Schusses übertönte selbst den Schlachtenlärm. Der Gegner Vanessas überschlug sich rückwärts im Gras und blieb dort in einer Blutlache liegen. Sie sah verblüfft auf den - sozusagen - Prügel in ihrer Hand und wandte sich nach mir um.
„Gut!“, rief ich und humpelte näher. „Du kannst ...“
„Was ist mit Laq?“, schrie sie zurück. „Und Jocelin?“
„Such sie und hilf ihnen! Du kannst das mit dieser Waffe noch sechs Mal machen! Aber nicht öfter!“
Sie nickte mir zu und sprintete los. Ich versuchte, mit mei - nem linken Fuß fester aufzutreten, aber ein weiterer stechender Schmerz zwang mich zum Innehalten. Keuchend lehnte ich mich gegen einen Baumstamm. Momentan schien sich kein Gegner um mich zu kümmern.
Was konnte ich tun? Ich sah mich um. Etwa zehn Meter von mir entfernt wälzten sich zwei Menschen am Boden. Der eine, der unten lag, schien Ybkallis zu sein, der kleine Hof - narr. Der andere, ein massiger Mann in metallener Rüstung, hatte sich auf ihn geworfen und umklammerte mit beiden Händen seinen Hals. Ich sprang auf einem Fuß hinzu, aber meine Hilfe schien nicht mehr notwendig zu sein: Der Krieger krümmte sich plötzlich zusammen und ließ Ybkallis los. Dieser stieß ihn von sich herunter und wälzte sich auf die Seite. In seiner linken Hand blitzte ein schmales Messer, vermutlich hatte er es im Jackenärmel versteckt gehabt. Der Narr richtete sich auf und erblickte mich. Heftig gestikulierend deutete er auf den Waldrand neben mir. Ich sah in die gewiesene Richtung.
Es war fast nicht zu glauben: Dort zwischen den Büschen stand ein großer dünner Mann mit einem langen Schwert in der Rechten. Mit der Linken hielt er irgendetwas in die Höhe, das ich nicht erkennen konnte. Von ihm schien das blaue Licht auszugehen; das fühlte ich mehr, als ich es sah. Aber was mich wirklich verblüffte: Ich glaubte fast, in einen Spiegel zu sehen! Der Krieger, der dort regungslos verharrte und anscheinend das Licht dirigierte, war mir wie aus dem Gesicht geschnitten. Er war muskulöser als ich und trug einen schmalen Oberlippenbart, aber ansonsten hätte er mein Zwillingsbruder sein können.
Mein Bruder! Wie ein Blitz zuckten die letzten Worte meines Stiefvaters Joe, bevor ich versetzt wurde, durch meine Erinnerung. Sollte vielleicht ...
Unsere Blicke trafen sich. Der Mann schien genauso verblüfft wie ich. Für einige Augenblicke flackerte das blaue Licht. Ich verdrängte alle weiterführenden Gedanken aus meinem Kopf und konzentrierte mich auf das Notwendige: Dieser Krieger war unser Feind! Und er schien die Fähigkeit zu haben, seine unmittelbare Umgebung zu erhellen.
Im Dunkeln hätten wir eine ungleich größere Chance zu entkommen, niemand würde mehr wissen, wer eigentlich gegen wen kämpfte, und die Reiter wären nicht mehr imstande, unsere Flucht zwischen die Bäume zu verhindern.
Zwei Schüsse krachten und das blaue Licht flackerte abermals. Er ließ sich also ablenken!
„Vanessa!“, schrie ich, so laut ich konnte. „Das Gewehr! Schnell!“
Drei weitere Schüsse donnerten, und dann noch einer. In Gedanken fluchte ich - sie hatte die Flinte leer geschossen! Ich humpelte mit erhobener Waffe auf mein Ebenbild zu, aber ich war noch Meter entfernt, als sich ein Schatten aus den Büschen löste und den Mann ansprang. Sofort wurde es auf der Lichtung dunkel. Das Einzige, was man noch sehen konnte, waren zwei kämpfende Gestalten, um die blaue Lichtblitze herumzuckten.
Als sie sich voneinander lösten, erkannte ich den Angreifer an der Silhouette - Laq. Der Jjarde hatte offenbar genau wie ich erkannt, dass der andere unser Hauptgegner war.
Wenn ich jetzt ... Zu weiteren Überlegungen kam ich nicht, denn irgendjemand stieß mich heftig zu Boden und fiel auf mich.
„Daniel, ich bin’s!“, keuchte es. Vanessa! Sie drückte mir im Dunkeln das Gewehr in die Hand. „Es geht nicht mehr! Ich habe ...“ Ich hörte nicht weiter zu. Eine Patrone, nur eine!
„Wo sind die roten ...“ Wie im Zeitraffer liefen sämtliche Beschreibungen einer Patrone an meinem inneren Auge vorbei. Zylinder, Röhrchen, Kerzen, Rollen ... Verdammt!
„Das da? Die Dinger sind aus deiner Satteltasche heraus ...“
„Ja! Gib her!“
Ich beschloss, mich später zu wundern, und drehte mich im Liegen herum, wobei ich das Geschoss in das Magazin drückte. Hoffentlich nicht zu spät!
In dem flackernden blauen Licht konnte ich die Kämpfenden gerade auseinander halten: Die kleinere der beiden Gestalten stürzte zu Boden, gefällt von einem gewaltigen Aufwärtshieb der größeren.
Ein Langschwert erhob sich in die Luft, um nochmals zuzuschlagen. Ich hebelte einmal durch und drückte ab. Ich hatte die Flinte nicht sicher gehalten und der Rückschlag prellte sie mir aus der Hand. Dann war es plötzlich stockfinster.
Ich hörte Pferdegetrappel und das Brechen von Büschen und Gesträuch. Einige halblaute Kommandos erschallten, die ich nicht verstand. Dann war es ruhig, bis auf das Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden. Vanessa neben mir knuffte mich mit dem Ellbogen in die Seite und reichte mir eine weitere Patrone in die Hand. Ich knurrte zustimmend und lud. Sicher ist sicher!
„Hast du noch mehr davon?“, flüsterte ich.
„Gleich!“, ertönte es in derselben Lautstärke zurück. Sie kroch davon und kehrte wenige Momente später zurück. „Deine Satteltasche! Die Dinger sind heraus gefallen, als dein Pferd stürzte. Irgendwie hat es einen Stich abbekommen und ist neben mir zusammengebrochen. Ich dachte mir, dass deine Waffe ...“
Ich drückte ihr im Dunkel den Arm. „Das war verdammt richtig, aber jetzt sollten wir sehen, dass wir die anderen finden!“ Während dieser Worte hatte ich in die Tasche gefasst und erfühlte mehrere Patronen, die ich nachlud. Um uns herum war es vollkommen finster.
„Daniel!“, rief eine halblaute Stimme ganz in der Nähe. Ich erkannte den Tonfall: Jocelin. Also lebte er, Gott sei Dank - oder wem auch immer! Eine weitere leise Stimme antwortete links von mir: „Sie sind weg! Keine Gefahr mehr!“
„Ybkallis?“ - „Ja! Daniel und Vanessa sind rechts zwischen den Büschen!“
Ich richtete mich langsam auf und stellte fest, dass ich meinen Fuß belasten konnte. Beim Auftreten schmerzte er höllisch, aber immerhin!
Vanessa fasste mich unter der Achsel, sodass ich mich auf ihre rechte Schulter stützen konnte. Mühsam humpelten wir in die Richtung, aus der ich Jocelins Stimme gehört hatte.
Neben uns leuchtete ein Licht auf - Ybkallis hatte eine Fackel angezündet. Der flackernde Schein erhellte die Lichtung und offenbarte eine Szene der Verwüstung: niedergestochene Pferde, menschliche Leichen, Blutlachen im Gras.
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Jocelin winkte uns mit seinem Schwert näher. Neben ihm auf dem Boden lag ein zusammengekrümmter Mensch, der sich in seinem Blut wälzte - Laq! Der Hieb meines Doppelgängers hatte ihm den linken Oberschenkel vom Knie bis zur Hüfte aufgerissen - bis auf den Knochen!
Der Jjarde lag in einer riesigen Lache von Blut, das aus der klaffenden Wunde sickerte. Als Ybkallis mit der Fackel näher herantrat, konnte ich erkennen, dass er nicht bewusstlos war, sondern uns aus glasigen Augen anstarrte.
Vanessa beugte sich über ihn und strich ihm über das Haar. Sie nahm seine Hand und erklärte ruhig:
„Ich denke, du wirst es überleben, kleiner Jjarde - wenn du den Wundbrand überstehst! Aber du bist stark! Tu es für mich!“
Laq nickte und versuchte ein Lächeln, was etwas kläglich ausfiel. Dann wandte sich Vanessa an Jedediah, der hinzugetreten war: „Unter den Sachen deiner verdammten Königin befindet sich doch sicher auch Nähzeug, oder? Bring mir Nadel und Faden!“
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Hier erfahren wir, welches Geheimnis Jedediah, der Kundschafter, vor unseren Freunden verborgen hatte und in welcher Mission die Karawane der Königin wirklich unterwegs war. Außerdem erleben wir den wahrhaft eindrucksvollen Empfang unserer Helden in Verrn, der Hauptstadt der Yllianmark.
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„Ob wir da mit der Trage hinüberkommen?“, zweifelte ich und sah nach hinten. Laq lag seit einem Tag im Fieber. Ab und zu erwachte er, starrte aber nur aus glasigen Augen um sich und murmelte unverständliche Satzfetzen vor sich hin. Ich war öfters abgestiegen, um nach ihm zu sehen und seine Stirn zu fühlen: Er schien von innen heraus zu glühen, sein Atem ging stoßweise, und ab und zu durchlief ein Schauer seinen Körper.
Vanessa, die die ganze Zeit neben seiner aus starken Ästen zusammengebauten Trage, die von seinem eigenen Pferd gezogen wurde, her marschierte, verzog missmutig das Gesicht und antwortete nur:
„Wir müssen, sonst stirbt er!“
Sie ließ dem schwer verletzten Jjarden wirklich die bestmögliche Pflege angedeihen, aber unser aller Möglichkeiten waren in dieser Wildnis begrenzt.
Nachdem sie seinen Oberschenkel mit einer Ledernadel und einem dicken Zwirn notdürftig zusammengeflickt hatte, wobei Laq keine Miene verzog, und die Wunde mit scharfem Schnaps versucht hatte zu desinfizieren, hatte sich einen Tag später doch das gefürchtete Wundfieber eingestellt.
Ich machte mir da keine Illusionen: Der Jjarde war zwar gesund und kräftig, aber eine solche offene Verletzung führt in den meisten Fällen zum Tode, wenn keine Antibiotika zur Verfügung sind. Sollte das Bein brandig werden, dann gab es nur zwei Möglichkeiten: ein qualvolles Ende oder ... Diesen Gedanken dachte ich jetzt lieber nicht weiter.
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Vor uns lag der Solvian, ein schmaler Fluss aus den westlichen Bergen, der etwa hundertfünfzig Meilen nordöstlich in den Rhiwan mündete. Wir hatten entgegen unserer ursprünglichen Absicht nicht versucht, die Straße der Alten Götter zu erreichen, sondern hatten den Weg direkt nach Westen durch die Wildnis der Yllianmark eingeschlagen, da dies der kürzeste Weg nach Verrn war. Jocelin fand sich hier zwar nicht mehr zurecht, aber in Jedediah besaßen wir einen sachkundigen Führer, der sich in diesen Wäldern auskannte wie Safard in seiner Küche. Was immer dieser Vergleich auch bedeuten sollte, er behauptete es - und es klang zuversichtlich.
Von der ‘Karawane der Königin’ existierten nur noch klägliche Überreste: Drei Kamele mit zwei Treibern, zwei berittene Begleitsoldaten, der ‘Hauptmann’ Choctor, der das ganze Gefecht verschlafen hatte und offenbar für tot gehalten worden war, Jedediah der Kundschafter - und wir!
