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Das große Spiel der Götter um das Schicksal einer Welt strebt unaufhaltsam der Entscheidung zu. Daniel und seine Freunde finden sich fern im Westen in einem vom Krieg verwüsteten Land wieder, in dem die Kräfte des Chaos regieren, und in dem ihr Feind, der Schwarze Herrscher, kurz vor der Verwirklichung seiner Ziele zu stehen scheint. Obwohl Daniel allmählich beginnt, die Prinzipien des Spiels "Yéhfa" zu verstehen und eigene Macht einzusetzen, werden die wirklichen Absichten der Spieler immer undurchschaubarer. Welche Rolle spielt er selbst - und welche sein Freund Crusan, den er mehr und mehr für die entscheidende Macht in diesem Kampf der Titanen hält? Kann er wirklich allen seinen Gefährten vertrauen, und trauen sie ihm noch, der sie nur ins Verderben zu führen scheint? In Gatarr, am Ende der Welt, treffen sich alle Pfade, und dort wartet die Lösung aller Rätsel - und der Tod ...
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Seitenzahl: 454
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Erster Teil
Kapitel Eins : Celine
Kapitel Zwei : Berge, Felsen und Fragen
Kapitel Drei : Shilanoah
Kapitel Vier : Verwirrung und Misstrauen
Kapitel Fünf : Albtraum
Zweiter Teil
Kapitel Sechs : Ravenaugh
Kapitel Sieben : Es kommt alles ganz anders ...
Kapitel Acht : ... Als man denkt
Kapitel Neun : Vor der Entscheidung
Kapitel Zehn : Die letzte Schlacht
Kapitel Elf : Schwarz
Kapitel Zwölf : Verbrannte Erde und Epilog
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In diesem ersten Kapitel erfahren wir, dass unsere Freunde es geschafft haben, das Schneewolkengebirge zu überqueren, was uns natürlich nicht verwundert, und werden um die Einsicht reicher, dass auch in Kriegszeiten der Soldat nicht auf den Bauern herabsehen sollte, denn er lebt schließlich von ihm - wie die Katze von der Maus.
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1.
Obwohl der Herbst seinen Einzug in das Bergland gehalten hatte, und die ersten stärkeren Winde von Westen aufkamen, versprach es ein schöner Tag zu werden. Die Sonne erschien blendend hell über den Gipfeln des Schneewolkengebirges und erwärmte die kühle Morgenluft so schnell, dass man dem Verdunsten der Tautropfen auf dem Gras fast zusehen konnte.
Es schien, als wollte der Feuerball am Himmel noch einmal seine ganze Kraft zeigen und den Bergen mit ihren weißen Gipfeln und Flanken eine letzte Mahnung senden, bevor er sich selbst zur Winterruhe bettete, und die Welt hier oben in Massen von Eis und Schnee versank. Ein letzter Gruß auch an die wenigen Menschen, die ihr Leben zumindest in der warmen Jahreszeit hier fristeten, dass selbst nach dem strengen Bergwinter ein Frühling folgen würde, und der ewige Zyklus seine Fortsetzung fände.
Als ob auch die anderen Naturkräfte mit diesem womöglich letzten freundlichen Gruß vom Himmel einverstanden schienen, zeigten sich nur wenige Federwölkchen am blauen Firmament, was selbst im Sommer nur selten vorkam.
Celine war wie immer die Erste auf den Beinen. Sie schob die hölzernen Läden des Fensters auf, beugte sich hinaus und atmete tief durch. Dann schlurfte sie, noch in ihrem dünnen Nachthemd, die Treppe hinunter und öffnete in der Essstube ebenfalls die Fenster.
Für Waschen und Ankleiden würde später Zeit sein; jetzt musste sie das Frühstück für die Mutter und die beiden älteren Brüder zubereiten, auf die schon die tägliche Arbeit wartete.
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Das Leben war nicht leicht für Bergbauern, vor allem wenn der Vater fehlte, aber Celine liebte die grünen Almen, das kühle frische Wasser der Bäche, die dem Gletscher entsprangen, den weiten Ausblick über die Welt im Westen - und den Frieden, der hier oben herrschte. Sie mochte selbst die abweisenden und drohenden Gipfel des Schneewolkengebirges; sie waren irgendwie ihre Freunde, denn sie stellten eine Mauer dar, eine Abgrenzung - nicht nur nach Osten, sondern in jede Richtung, denn sie sorgten dafür, dass es nicht viele Menschen in diese karge Bergwelt verschlug.
Wer hier lebte, der gierte nicht nach materiellen Gütern, und der war nicht bereit, für eine verschwommene Idee zu leben, sondern der fühlte sich als Lebewesen im Einklang mit der Schöpfung der Götter. Im Guten wie im Schlechten. Selbst die Unbilden der Natur nahm Celine mit der fatalistischen Ergebenheit des Kindes der Erde hin: Wenn der Sturm an den Balken des Berghofs rüttelte und die Blitze wie Höllenfeuer niederprasselten, sodass sogar die Luft verbrannt roch, dann spürte sie, dass sie lebte.
Es waren die Menschen, die sie fürchtete - seit vor zwei Jahren der Vater und der älteste Bruder aus nichtigem Grund im Dorf im Tal von einer versprengten Soldatenhorde getötet worden waren. Wer diese Marodeure waren, und für welches Ziel oder welchen Herrn sie kämpften - niemand fand es je heraus. Das Dorf - es war so klein und unbedeutend, dass es nicht einmal einen Namen trug, sondern nur eben „Dorf“ genannt wurde - lag auf halber Höhe des Berges am Ende des Handelsweges nach Rannock. Dort verkauften sie ihre Waren und versahen sich mit den Sachen, die sie nicht selbst herstellen konnten. Dabei schnitten sie meistens nicht einmal schlecht ab, denn Fleisch, Käse und vor allem Wolle von Bergschafen waren begehrte Handelsartikel und brachten einen guten Gewinn.
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Celine war zwölf Jahre alt, ein schlankes Mädchen mit langen blonden Haaren, die sie üblicherweise in einem dicken Zopf im Nacken trug. Ihre Brüder zählten dreizehn und fünfzehn Sommer, es waren kräftige Burschen, die es mit Hilfe der Mutter schafften, die schwere Arbeit des Bergbauern auch ohne den Vater zu bewältigen. Und obwohl sie die Jüngste war, wurde sie von dieser Arbeit nicht ausgenommen, wie die Schwielen an ihren sonst zarten Händen bezeugten.
Es war gegen die Mittagsstunde, und sie machte sich mit den Broten, dem geräucherten Schinken und dem großen Bierkrug auf den Weg nach der oberen Weide, um den Brüdern die Brotzeit zu bringen. Nach einer halben Stunde Aufstieg konnte sie schon von Ferne Gisil erkennen, den ältesten Bruder, der einen Zaun ausgebessert hatte, es sich jetzt in der warmen Sonne in der Wiese bequem gemacht hatte und seine Pfeife schmauchte. Ab und zu stieg ein kleines weißes Rauchwölkchen über seinem Kopf auf und zerfloss in der leichten Brise.
Celine setzte sich neben ihm nieder und packte die Vorräte aus ihrem Korb aus. Ihr Bruder nickte ihr freundlich-überheblich zu und klopfte die Reste seiner Pfeife an dem Zaunpfosten, den er eben gesetzt hatte, aus - wie ein erwachsener Mann. Sie lächelte ob dieser Vorstellung und sah sich um. Rolf würde nicht lange auf sich warten lassen.
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Solcherart Idyllen ist das Schicksal nicht immer wohl gesonnen, und Celine sollte dies an jenem Tag im Frühherbst erfahren.
Als sie verträumt ihren Blick über die grünen Wiesen wandern ließ, konnte sie zwei Männer erkennen, die langsamen Schrittes über die Alm heraufstiegen, dabei sahen sie sich ständig nach allen Seiten um. Überrascht stieß sie ihren Bruder in die Seite.
Dieser schreckte aus seiner Beschaulichkeit auf und verzog das Gesicht, als er die Fremden gewahrte. Etwas Angenehmes konnte dies nicht sein. Die Bergbewohner teilten alle die Einstellung, dass unangemeldeter Besuch aus dem Tal nichts Gutes bedeutete.
Entsprechend abweisend reagierte Gisil: Er richtete sich gemächlich auf, trat einige Schritte vor und nahm den kurzen Spieß in die Hand, den er an den provisorischen Zaun gelehnt hatte. Eine feindliche Geste, dachte Celine, aber wer immer sich hier herauf begab, der war kein Durchreisender, kein harmloser Wanderer oder Händler, und dem gegenüber war Vorsicht angebracht.
Die beiden Fremden kamen näher, und ihre Gesichter, die sie jetzt erkennen konnte, erweckten keinen allzu freundlichen Eindruck: Beide wirkten abgezehrt, ausgemergelt und zeigten trotzdem eine gewisse versteckte Tücke, eine Wachsamkeit hinter den eingefallenen Augen, die auf üble Erfahrungen schließen ließ.
Sie waren Soldaten, darüber bestand kein Zweifel: Die Bewaffnung, obwohl die Schwerter rostig und abgenutzt aussahen, die Fetzen der Rüstung, und die Helme - Celine lief ein Schauer der Angst über den Rücken, als sie an den Tod ihres Vaters dachte.
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Der vordere ignorierte Gisil und seinen Spieß, blieb einige Meter entfernt stehen und musterte sie eingehend, wobei ein Lächeln um seine Lippen spielte. Dann wandte sich sein Blick bergwärts und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Celine sah sich um: Rolf kam über die obere Alm zum Mittagsmahl herunter.
Der vordere Soldat nickte seinem Kumpan kurz zu, und dieser erwiderte die Geste. Celine hatte kurz Gelegenheit, die beiden eingehender zu betrachten:
Man konnte sie nicht als hässlich oder gar als abstoßend bezeichnen, aber der vordere zeigte beim Grinsen eine breite Zahnlücke im Oberkiefer, und der hintere trug eine lange verschwielte Narbe auf der linken Gesichtshälfte, die ihn das Auge nur halb öffnen ließ.
Beiden hing das dunkle Haar strähnig unter den Helmen hervor ins Gesicht. Bewaffnet schienen sie gut: mit Schwertern, Messern, und der mit der Narbe trug ein seltsames Gerät in der Hand, wie sie noch nie eines gesehen hatte - ein kurzer Bogen, der an einer Art Schaft mit einem Griff daran befestigt war.
„Is hier noch jeman?“, fragte der Vordere Gisil, der wegen des eigenartigen Dialekts, den der Mann sprach, und der Art und Weise, wie er die Wortendungen verschluckte, nur verblüfft den Kopf schüttelte. Der Soldat verzog ärgerlich das Gesicht und trat einen Schritt weiter vor. Dabei legte er die Hand auf den Griff seines Schwertes, zog es aber nicht. Gisils halb erhobener Spieß schien ihn überhaupt nicht zu beeindrucken.
Aus dem Augenwinkel nahm Celine wahr, wie der andere sein Gerät hob, und ihre Nackenhaare stellten sich in jäher Furcht auf - das seltsame Ding war eine Schusswaffe!
„Gisil!“, schrie sie, und ihr Bruder wandte sich kurz verwundert nach ihr um, aber nichts geschah. Sah er denn nicht ...?
„Schrei hier nich rum!“, fuhr sie der Soldat an. „Wir tun euch nichs. Ich wollt nur wissn, ob ihr allein seid - wegn dem Fein!“
„Was für ein Feind?“, fragte Gisil jetzt, der plötzlich seine Sprache wieder gefunden hatte. Der Mann lachte, und Celine lief abermals ein Schauder über den Rücken. Nicht nur wegen der entblößten Zahnlücke, die ihm ein wölfisches Aussehen verlieh, sondern wegen der verhalten arroganten Tücke, die in seinen Augen kurz aufleuchtete. Es war dieser Blick, mit dem die Katze die Maus ansah - oder der Krieger den Bauern.
Und die Mäusebauern, das waren sie!
2.
Sie erschrak kurz, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte, aber es war nur ihr Bruder Rolf, der neben sie getreten war, und sie mit dieser Geste eigentlich beruhigen wollte.
„Welche Feinde?“, wiederholte Gisil, und versuchte, einen forschen Ton in seine Stimme zu legen, obwohl er immer unsicherer wurde. Jetzt fiel auch der Soldat mit der Narbe meckernd in das Gelächter ein.
„Ihr Affn hier obn hab wirklich keine Ahnung“, prustete der Zahnlückige. „Welcher Fein, häh? Das ganze Land is im Krieg, un ihr lass es euch hier gut gehn!“
„Ich ... ich verstehe nicht ...“, stotterte Gisil, aber Celine hatte begriffen.
„Hör zu“, fuhr der Mann fort, „bevor wir hier lang rumredn: Ihr seid die Brut von der Alten da unten auf dem Bauernhof. Und es wär besser, wenn ihr jetz mit uns dort runtergeht. Es sin noch ein paar von uns dort. Und schmeiß deinen Spieß weg, Jungchen - den wirs du nich mehr brauchn!“
Jetzt begriff auch Gisil, was hier gespielt wurde. Hilfesuchend sah er zu seinen Geschwistern, dann ließ er die Waffe zähneknirschend ins Gras fallen. Der Soldat grinste, ging auf Rolf zu und zog ihm das Messer aus dem Gürtel. Er betrachtete die Klinge kurz, rümpfte verächtlich die Nase und warf sie einfach weg.
„Und jetz komm mit!“, befahl er.
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Die Lage war schlimmer, als Celine angenommen hatte - und trotzdem nicht so verzweifelt: die Mutter lebte noch. Die Fremden waren am späten Vormittag eingedrungen, hatten sie niedergeschlagen und in eine Abstellkammer gesperrt. Dann hatten sie sich erst einmal bedient und ausgiebig gegessen.
Celine war nicht dumm: Sie stellte sofort, nachdem die beiden Soldaten sie ins Haus hineinstießen, fest, dass hier nichts geplündert, zerschlagen oder verbrannt worden war.
Sie zählte zwölf weitere Galgenvögel, die es sich inzwischen in ihrem Heim bequem gemacht hatten - lauter abgerissene Gestalten in zerfetzter Kleidung, manche leicht verwundet, aber alle mit diesem raubtierhaften Blick in den Augen, der auf vollkommenen Verlust aller mitfühlenden menschlichen Regungen schließen ließ.
Und diese Horde von Banditen hatte sich hier nicht ausgetobt, sondern häuslich eingerichtet. Obwohl sie Divvnu’môn dankte, dass ihre Mutter noch lebte und das Haus noch stand, wurde ihr leicht übel.
„Hör zu, ihr!“, begann der Zahnlückige, der offenbar der Anführer oder zumindest der Sprecher der Bande zu sein schien, nachdem sie alle im Essraum versammelt waren. „Ich denk, ich sollt mal einige Worte sagn, wies hier so weitergeht.“
Johlender Beifall vonseiten seiner Kumpane begleitete diese Einleitung, und Celines Magen rebellierte fast, als sie - ja, an was eigentlich? - dachte. Sie warf einen Blick zu ihren beiden Brüdern, aber diese hatten keine Chance, etwas zu unternehmen. Sie standen hilflos an der hinteren Wand und starrten nur auf die Schwerter, die auf ihre Kehlen zeigten. Was hätten sie auch tun können?
„Nun ... äh“, fuhr Zahnlücke, wie ihn Celine inzwischen im Geiste getauft hatte, umständlich fort, „also wir sin Soldatn, und wir kämfn für ... hm ...“
Er unterbrach seine wohlgesetzte Rede für einen Moment, um einen Schluck aus einer Weinflasche zu nehmen und seine Gedanken kurz zu ordnen, als einer seiner Männer dazwischenbrüllte: „Für uns!“
Abermals brandete grölendes Gelächter auf, aber er winkte ab, nachdem er die Flasche auf den Tisch zurückgestellt hatte:
„Natürlich! Auch für uns! Obers Gunhard wird also“, er machte eine bedeutungsvolle Pause, „in den Wintermonatn leider auf seine bewährtestn Streiter verzichtn müssn - auf uns!“
„Aye, Sal!“ schrie es aus der Menge der Krieger zurück. „Der Winterfeldzug wird ohne uns ablaufen!“
Celine hatte aufmerksam gelauscht, und bei diesen Worten wurden ihre Knie weich. Dieser Abschaum der Gesellschaft beabsichtigte also, den Winter hier zu verbringen, um den Unbilden eines Feldzuges in der kalten Jahreszeit zu entgehen. Deserteure also. Sie wusste nicht - und wollte es auch gar nicht wissen - um welche materiellen, ideellen, religiösen oder sonstigen unverständlichen Ziele in diesem Krieg gestritten und gestorben wurde, aber eine Tatsache wurde ihr bewusst: Sie selbst und der Rest ihrer Familie würden die vier oder fünf Monate mit diesem Haufen von Marodeuren hier oben nicht überleben!
Wenn diese Leute sie als Arbeitssklaven nicht mehr benötigen würden und sich bei der Schneeschmelze im Februar davonmachten, um ihr zerstörerisches Handwerk in irgendjemandes Diensten oder auf eigene Rechnung fortzusetzen, dann ... Es bedurfte keiner großen Überlegung, sich das eigene Schicksal auszumalen. Sie warf Gisil einen verzweifelten Blick zu, aber die Soldaten hatten ihn auf einen Stuhl gedrückt, und während ihn drei Mann an Armen und Beinen festhielten, flößte ihm ein vierter irgend etwas aus einem großen Ziegenlederschlauch ein. Dazu brüllten sie durcheinander:
„Schluck nur, Junge - das wird dir gut tun!“- „S’is bester helardischer Rum!“- „Wirst dich bestimmt gleich gut fühlen!“
Als sich die allgemeine Aufmerksamkeit der Szene zuwandte, gelang es Rolf, seinen Bewacher zur Seite zu stoßen. Celine wollte ebenfalls vorspringen, aber eine unglaublich starke Hand packte ihre Schulter derart schmerzhaft, dass sie glaubte, das Schlüsselbein bräche. Mit Tränen in den Augen sank in die Knie.
Wie durch dichten Nebel hindurch konnte sie erkennen, dass Rolf seinem Bruder zu Hilfe eilen wollte. Er kam nur einen oder zwei Meter weit, dann traf ihn ein Hieb mit einem Schwertgriff mitten ins Gesicht und schleuderte ihn an die Wand. Blut spritzte an das Holz der dicken Balken und lief an seiner Brust herunter, während er langsam zu Boden sank und dort regungslos liegen blieb.
Celine dachte im ersten Augenblick, dass ihr Bruder tot wäre, und stieß einen gellenden Schrei aus. Der Mann, der sie festgehalten hatte, ließ los und versetzte ihr eine klatschende Ohrfeige, sodass sie ebenfalls auf den Dielenbrettern landete. „Halt die Schnauze, blöde Göre!“, fuhr er sie an. „Der Idiot ist nicht hinüber! Aber wenn er jetzt ohne Zähne für uns arbeiten muss, dann ist das seine eigene Schuld. Und dir wird’s genauso gehen. Pass auf!“
Er ging die wenigen Schritte zu Rolfs verkrümmt auf dem Boden liegenden Körper hinüber. Obwohl Celines Schädel brummte wie ein Bienenstock, den man ins Feuer geworfen hatte, und sie kaum noch etwas erkennen konnte, zwang sie sich, nicht ohnmächtig zu werden.
Der Mann schien den Auftritt vor seinen Freunden zu genießen: Er tänzelte, grazil wie ein Tanzbär und begleitet vom dröhnenden Gelächter der anderen, einmal vor und zurück und trat Rolf mit der Stiefelspitze in den Unterleib. Dieser krümmte sich gurgelnd noch mehr zusammen.
„Siehst du, Mädchen? Tot ist er nicht!“
Celine war zumute, als ob sie selbst den Tritt erhalten hatte. Sie nickte keuchend Zustimmung, während sie zu allen Göttern betete, dass dies nur ein Traum sei.
3.
Sie war tot. Nein, nicht tot - ein anderes Wort! Wie lautete das andere Wort? ... Frei! Das war es! Frei. Sie konnte ihre Schwingen ausbreiten und über den Gipfeln des Schneewolkengebirges dahinschweben. Ein berauschendes Gefühl. Eine leichte Drehung der rechten Schwinge, und sie kippte nach links ab, ließ sich für einige Sekunden bewusst abstürzen, um das Gefühl zu genießen, sich den Luftströmungen auszusetzen, um sich dann doch wieder abzufangen, sie zu beherrschen, sie auszunutzen.
Weit, weit unter ihr erstreckte sich das Land, und sie war frei. Nur durch Willenskraft konnte sie gewaltige Entfernungen zurücklegen, von denen sie bisher ... Bisher? Entfernungen bedeuteten ... zum Beispiel vom Haus zur oberen Weide ... oder zur Schneegrenze, die natürlich wanderte. Mitten im Sommer musste man ziemlich weit ... Weit?
Ein Adler hatte keine räumliche Beschränkung. Wie auch? Nach oben? Was ist oberhalb der Wolken? Sie könnte es herausfinden. Hat jemals ein Adler versucht, herauszufinden, was über den Wolken ist? Ist es nicht geradezu die Verpflichtung eines Adlers, dies herauszufinden? Wer soll es denn sonst tun?
Sie. Sie würde es tun. Wenn es die anderen niemals versucht hatten, sie würde es tun. Wenn nur diese schrecklichen Kopfschmerzen nicht wären!
Die Kopfschmerzen. Die hinderten sie daran, einfach die Schwingen auszubreiten und ... Und was? Die obere Weide? Oder ins Dorf? Das Dorf?
Celines Erwachen aus ihrem Traum war so furchtbar, dass sie eine Minute still weinte, bevor ihr überhaupt bewusst wurde, dass sich selbst die Realität in einen Albtraum verwandelt hatte. Nicht genug damit, dass sie kein Adler war! Nein, sie war nur ein kleines Mädchen, die Tochter eines Bergbauern, und ...
Obwohl sie sämtliche Erinnerungen an den vergangenen Tag am liebsten vollkommen aus ihrem Gedächtnis gestrichen hätte, zwang sie sich zum Nachdenken.
Nachdenken. Was? Oder aufgeben? Nein!
Sie strich sich über die verquollenen Augen und nahm jetzt erst einen fahlen Lichtschein wahr, der ihre unmittelbare Umgebung jedenfalls so weit erhellte, dass sie erkannte, wo sie sich befand: in der Schlafstube der Eltern, die jetzt natürlich nur noch die Mutter alleine benutzte.
Und wie war sie hier herein gekommen?
Eine schmerzende Stelle an ihrer Schläfe, die sich schorfig anfühlte, als sie vorsichtig danach fühlte, brachte ihr die letzten Ereignisse vollends ins Bewusstsein zurück. Der Mann, der sie zuerst festgehalten hatte, musste sie noch einmal geschlagen haben, und sie war ohnmächtig geworden.
Voller Angst tastete sie ihren ganzen Körper ab, ob sie vielleicht noch weitere Verletzungen davongetragen hatte, aber außer am linken Arm und der Schulter, wo sie wohl aufgeschlagen war, schmerzte nichts.
Trotzdem, sie sah keinen Grund zum Aufatmen. Beim nächsten Mal, wenn sie Widerstand zeigte, würde sie vielleicht nicht so glimpflich davonkommen. Die Männer hatten gezeigt, dass sie nicht lange fackelten und äußerst brutal vorgingen. Und wenn sie betrunken waren, oder ...
Mit Schaudern dachte sie daran, was ihr noch widerfahren konnte. Sie und ihre Mutter waren die einzigen Frauen unter einer Horde roher und disziplinloser Marodeure. Und der Mann namens Sal, Zahnlücke, wie sie ihn getauft hatte,
schien zwar in erster Linie daran interessiert zu sein, den Winter sicher hier oben zu überstehen, würde seine Leute aber bestimmt nicht immer unter Kontrolle haben.
Über das, was ihr geschehen konnte, trotz ihrer zwölf Jahre, wusste sie als Bauernkind natürlich Bescheid, und die Vorstellung jagte ihr einen so heillosen Schrecken ein, dass sie glaubte, ersticken zu müssen, weil sie unwillkürlich die Luft anhielt.
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Sie wusste nicht, wie lange es gedauert hatte, bis ihr Körper nicht mehr zitterte. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren; nur der schmale Streifen Mondlicht, der durch den Fensterspalt hereinfiel, war am Boden ein ganzes Stück weitergewandert.
Als sie sich aufrichten wollte, und sich gedankenlos auf den linken Arm stützte, stöhnte sie bei dem plötzlichen Schmerz leise auf. Seltsamerweise wurde das Stöhnen aus einer Ecke des Zimmers erwidert. Befand sich noch jemand im Raum? Sie dachte sofort an Rolf.
Vorsichtig richtete sie sich auf die Knie auf, während sie überlegte: Sie musste Licht machen. Eine Kerze. Irgendwo stand sicher eine Kerze herum. Aber wie anzünden? Normalerweise am Herdfeuer im Wohnzimmer. Die Glut hielt sich die ganze Nacht, wenn man es richtig machte. Oder mit Feuerstein und Zunder.
Dann fiel ihr eine weitaus einfachere Möglichkeit ein. Sie folgte dem dünnen Lichtstreifen am Boden und schob die Fensterläden vollends auf. Jetzt drang so viel Mondlicht herein, dass sie, da ihre Augen sich längst an die Dunkelheit gewöhnt hatten, deutlich sehen konnte.
Sie hatte richtig vermutet: Es war ihr Bruder Rolf, den man wie ein Bündel alter Kleidung achtlos in die Ecke neben der Tür geworfen hatte.
Vorsichtig kniete sie neben ihm nieder und betrachtete ihn genauer. Er schien nichts gebrochen zu haben, aber sein Gesicht war auf der linken Seite furchtbar angeschwollen und rot und blau verfärbt. Die Nase war gebrochen, die Unterlippe gespalten und einige Vorderzähne abgesplittert.
Sie schluchzte verzweifelt, als sie an ihn dachte, wie er vor einigen Stunden noch ausgesehen hatte, und wie er nie mehr aussehen würde, aber dann fiel ihr etwas auf, das wahrscheinlich noch ernster war: Er atmete rasselnd und keuchend, und bei jedem Ausatmen spritzten kleine Tropfen Blut über seine Lippen. Sie hatte sich neben ihm auf die Hände gestützt und merkte erst jetzt, dass sie in einer Blutlache kniete.
Sie streichelte Rolf über die unverletzte Backe und weinte leise dabei. Er würde sterben. Bei einer inneren Verletzung konnte ihm nicht einmal Divvnu'môn helfen - wenn es diesen überhaupt gab! Rolf würde sterben, Gisil würde sterben, die Mutter - und sie selbst!
Aber eines würde sie vorher noch tun: Der Mann, der Rolf den tödlichen Tritt versetzt hatte, sie würde ihn töten. Eines von diesen Schweinen in Menschengestalt wenigstens würde dafür bezahlen, was er und seine Kumpane ihr angetan hatten.
4.
Der darauf folgende Tag war wie ein Albtraum, aus dem man es nicht schafft, zu erwachen. Nachdem sie an der Seite ihres Bruders, den sie wenigstens auf eine Decke gebettet hatte, in einen erschöpften, traumlosen Schlaf gesunken war, der keine Erholung brachte, hatte man sie in den frühen Morgenstunden mit Tritten geweckt, um Frühstück zu bereiten. Danach musste sie die Kühe melken und - unter Bewachung natürlich - die üblichen Tätigkeiten verrichten, die auf einem Bergbauernhof so anfielen.
Der Mann, der sie beaufsichtigte, ein kleiner, aber stämmiger Nordmann, der ein Bein leicht nachzog, schien keine Lust zu haben, sich auf ein Gespräch einzulassen. Er brummte nur einsilbig und verzog das Gesicht missmutig, wenn sie versuchte, ihn etwas zu fragen, und trieb sie barsch an, ihre Arbeit weiter zu tun. Vielleicht war der Kerl sonst gesprächiger, aber er schien noch unter den Nachwirkungen der letzten Nacht zu leiden, und sie hatte gelernt, diese Leute lieber nicht zu reizen.
All ihre Bemühungen, die Erlaubnis zu erhalten, ihrem verletzten Bruder wenigstens etwas zu trinken zu geben, scheiterten an der Sturheit ihres Bewachers, der lediglich lakonisch erklärte, „für den werde schon gesorgt“.
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Am Abend ‘durfte’ sie den ‘Gästen’, wie Zahnlücke höhnisch erklärte, bei Tisch aufwarten, zusammen mit Gisil, der zu ihrer Erleichterung außer einem blauen Auge keinen weiteren Schaden davongetragen hatte. Sie hatte einige Gelegenheiten, mit ihm zu flüstern, wenn gerade keiner der Männer hersah, aber außer hilflosem Achselzucken und einem gequälten Lächeln gab er nichts von sich. Und sie wusste warum: Er schämte sich, dass er nicht imstande war, etwas zu tun.
Während sie Schafskäse, Brot und mit Wasser verdünnten Wein auftrug (den Wein zu verdünnen, hatte ihr Zahnlücke befohlen - er schien also wirklich die Absicht zu haben, möglichst lange Zeit hier oben mit seinen Leuten auszuhalten), machte Celine sich ihre Gedanken.
Es bedurfte keines großen Könnens in der Kunst des Rechnens - und darin war sie nie schlecht gewesen, denn eine falsche Kalkulation der Vorräte oder Erträge könnte sich bei einem Bergbauern als fatal erweisen - um zu erkennen, dass diese Anzahl von Menschen niemals den ganzen Winter hier oben überleben würde.
Selbst bei strengster Rationierung, und sie selbst und ihre Familie als unnütze Esser, die man später tötet, abgezogen, reichten die Vorräte nicht bis zur Schneeschmelze im Frühjahr. Und von einer vernünftigen Einteilung der Lebensmittel konnte sie bis jetzt nichts erkennen. Die Soldaten hatten eine der Kühe geschlachtet und brieten große Stücke Fleisch an einem Spieß draußen auf der Wiese. Zwei von ihnen hatten so viel gefressen, dass sie hinter dem Haus kotzten und gleich dort einschliefen.
Celine wünschte ihnen von Herzen, dass sie erstickten oder es ihnen die Gedärme zerriss (aber derart fromme Wünsche gehen natürlich niemals in Erfüllung).
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Die Schlussfolgerung lag auf der Hand: Wenn hier oben alles verbraucht wäre - in ungefähr zwei Monaten -, dann würden die Soldaten sich durch den Schnee ins Dorf hinunter aufmachen. Dies war zu schaffen, da der Weg zwar vollkommen verschneit, aber nicht sehr gefährlich war - zwei Tagesmärsche, und im Winter brauchte man keine Angst vor Lawinen zu haben.
Das alles hatte sich Zahnlücke mit Sicherheit sehr gründlich überlegt. Trotz seines abgerissenen Äußeren war er also ein kluger Anführer - ein Offizier. Und vermutlich würde seine Rechnung aufgehen: In den zwei Monaten, in denen sie hier oben unbelästigt blieben, würde die Armee, denen sie einmal angehört hatten, weiter gezogen sein, um sich ein lohnenderes Winterquartier zu suchen. Und im Dorf würde niemand mit einem Angriff von oben rechnen. Dann hätten sie genug Zeit und Gelegenheit, sich dort noch einmal einzunisten, sich ausreichend mit Vorräten zu versehen und sich im Frühjahr bei irgendeiner anderen Armee zu verdingen.
Das Resümee war niederschmetternd. Es bestand nur aus einem Wort: Tod.
Aber dessen war sie sich bewusst gewesen, seit sie ihren Bruder in der Nacht gesehen hatte.
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Als sie dem Mann, der Rolf getreten hatte, eine Scheibe Schinken auf den Teller legte, keimte das Hassgefühl trotz der alles beherrschenden Verzweiflung in ihr auf. Er grinste sie dümmlich-gehässig an und schien die Szene zu genießen. Sie wusste, dass Blicke vieles verraten können und senkte ihre Lider. Aber von nun an befand sie sich auf der Jagd.
Den ganzen Abend trieb sie sich, anscheinend resigniertdienstbeflissen, in seiner Nähe herum, und versuchte, Worte, Gesprächsfetzen, überhaupt Informationen, die ihr weiterhelfen konnten, aufzuschnappen.
Sie erfuhr, dass er Cajetan hieß, was die anderen verkürzt „Kaii’ aussprachen, ein Söldner aus dem Süden, nahe der Wüstenländer; seine dunkle Gesichtsfarbe und die schwarzen Haare bestätigten das. Weiterhin stellte sie fest, dass er gerne trank, was ihn natürlich nicht wesentlich von seinen Kumpanen unterschied, und dass er ziemlich dämlich war, so einfältig, dass er nicht einmal mitbekam, wie ihn seine ‘Kameraden’ verspotteten. Niemand wagte aber, dies allzu deutlich zu tun - offenbar hatten sie Respekt vor seiner Körperkraft und seiner Unbeherrschtheit.
Celine wusste, dass sie ihm in Bezug auf Schlauheit überlegen war, aber ebenso war ihr bewusst, dass sie sich einen gefährlichen Gegner ausgesucht hatte. Seltsamerweise war blanker Hass inzwischen das vorherrschende Gefühl in ihren Bewusstsein, das alles andere überwog, selbst die Angst und die Verzweiflung.
Sie ertappte sich selbst dabei, wie sie beim Anblick der fressenden, saufenden und rülpsenden Horde in ihrem Heim alles andere vergaß und einen Moment lang gedankenverloren in Bewegungslosigkeit erstarrte, nur um sich auszumalen, wie ...
Ein unbestimmtes Gefühl warnte sie. Zahnlücke lehnte am Eingang zur Küche und sah nachdenklich zu ihr herüber. Sofort wischte sie sich über die Augen, um den Eindruck zu erwecken, dass sie geweint hatte. Dann kauerte sie sich auf einen Stuhl, und, als ob das Wissen um die Hoffnungslosigkeit ihrer Situation sie tatsächlich überwältigt hatte, strömten die Tränen nun wirklich über ihre Backen.
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Zu wissen, dass man verloren ist, aber mit der verbleibenden Energie noch jemanden mit in den Abgrund zu reißen, ist ein äußerst starker Beweggrund. Celine fühlte das, und sie wusste, Zahnlücke war der einzige von der Bande, der bei ihr so etwas vermuten könnte. Also hatte sie sich vor ihm in Acht zu nehmen. Es lag in seinem eigenen Interesse, dass möglichst viele seiner Mannschaft überlebten, auch wenn sie ihm vollkommen egal waren, was sie vermutete. Aber alleine hatte er keine Chance, im Winter zum Dorf durchzukommen, oder sich gar dort mit ausreichenden Vorräten zu versehen. In dieser Beziehung war er ebenso ein Gefangener der Umstände wie sie.
Und er wusste das genauso wie sie.
5.
Als die Fremden langsam zu Bett gingen - oder wo immer sie sich zum Schlafen hinlegten - wurde sie wieder in die Schlafkammer gesperrt.
Rolf war tot.
Sie hatte es nicht anders erwartet. Er lag noch an derselben Stelle in der Blutlache, zusammengekrümmt, mit verzerrtem Gesicht. Sie warf eine Decke über den Leichnam ihres Bruders und setzte sich still auf das Bett. Keine Träne wollte fließen, sie waren versiegt. So saß sie nur und starrte schweigend die Tür an.
Im Haus ertönte ein lauter Schrei von einer Frau, dem trunkenes Gelächter folgte. Mutter. Celine wusste, was geschah. Und dass sie als Nächste dran sein würde.
Sie hoffte es.
Sie hatte den ganzen Abend versucht, Cajetans Blicke auf sich zu lenken. Sie hatte ihn bevorzugt bedient, ‘zufällig’ an der Hüfte gestreift, sich wie gedankenverloren über die Lippen geleckt, wenn er gerade zu ihr hersah, und dergleichen kleine Gesten mehr. Und sie merkte mit untrüglichem Instinkt, dass sie dabei Erfolg hatte: Immer öfter, je später der Abend wurde, und je mehr er trank, glitten seine Blicke wie tastend über ihren Körper, der zwar noch nicht einmal annähernd die frauliche Reife erreicht hatte, aber die ersten Anzeichen des kommenden Frühlings zeigte.
Dabei trat ein Ausdruck in seine Augen, den man nur als begehrlich-stupide bezeichnen konnte. Sie spürte, dass sie ihn an der Leine hatte.
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Was sie nicht wusste, und das wurde ihr erst jetzt erschreckend deutlich klar, als sie den Abend geistig Revue passieren ließ, das war, was sie jetzt eigentlich tun sollte.
Wie bringt man einen Menschen um? Wie ein Schwein oder ein Huhn?
Cajetan selbst hatte ihr gezeigt, wie einfach es sein kann, ein Leben schon fast beiläufig zu beenden. Aber er war groß, kräftig, ein Krieger. Der einzige Vorteil, den sie hatte, war, dass er nicht damit rechnete. Sicher, er würde Widerstand erwarten, aber nicht einen Mordplan. Und er wäre betrunken.
Sie konnte sich diese Vorteile aufzählen, so lange sie wollte, es stellte sich keine rechte Zuversicht ein. Sie überlegte weiter. Es wäre viel zu riskant, sich auf eine Eingebung oder einen glücklichen Umstand, eine Unaufmerksamkeit oder einen Fehler von ihm zu verlassen. Nein!
Sie musste Vorbereitungen treffen.
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Cajetans vom reichlich genossenen Schnaps benebelter Verstand hatte einen Verbündeten, der ihm schon oft geholfen hatte, und der nicht betrunken war: sein Instinkt.
Er saß vornübergebeugt am Tisch in der Wohnstube und stierte aus glasigen Augen zu Rivera und Jansson hinüber, die schliefen, den Kopf in die Ellbogenbeuge gebettet, wobei sie ab und zu schnarchende und schmatzende Laute von sich gaben. Dass er sich selbst in eine Weinlache stützte, bemerkte er gar nicht, denn er dachte angestrengt nach, was ihm sonst schon schwer fiel.
Wie hatte Sal das gemeint? Sei lieber auf der ... auf der Hut vor dem Mädchen! Vor der Kleinen? Quatsch! Die sollte lieber auf der Hut vor ihm sein! Er kicherte leise in sich hinein, weil ihm die Formulierung gefiel. Das hätte er Sal antworten sollen. Aber solche Erwiderungen fielen ihm immer erst später ein.
Deswegen war er nicht blöd, nein! Er merkte genau, dass die anderen ihn manchmal hinters Licht führen wollten, aber sie trauten sich nicht, es allzu offen zu tun, die Feiglinge. Sal wusste, dass er nicht blöd war. Wo war der eigentlich? Richtig! Er hatte sich mit der Schlampe nach oben verzogen. Und was hatte er da vorhin gemeint?
Nachdem Cajetans Gedanken solcherart einmal im Kreis gelaufen waren, begann er von Neuem zu grübeln, was ihm immer schwerer fiel. Trotzdem war sein Instinkt noch wach und warnte ihn ebenfalls. Es war ein unbestimmtes Gefühl in seinem Hinterkopf, dass er irgendetwas lieber nicht tun sollte. Jedenfalls nicht in seinem Zustand.
Die Kleine, genau! Darüber hatte er nachdenken wollen. Die war nicht sehr alt, und lebte hier mit ihren Brüdern, also war sie bestimmt noch Jungfrau. Obwohl man schon die ersten Ansätze von Titten unter dem Hemd erkennen konnte. Für so etwas hatte er einen Blick. Und warum sollte er nicht ...?
Wenn er es nicht machte, dann würde es einer von den anderen früher oder später tun, einer von diesen Schnarchsäcken.
Und jetzt, wo sie schliefen ... Ein einziges Mal wäre er dann schlauer gewesen. Der Gedanke gefiel ihm. Und er hatte lange keine Frau mehr gehabt.
Er rappelte sich mühsam hoch und nahm noch einen Schluck Wein.
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An der Tür zum Schlafzimmer stieß er auf den ersten Widerstand: Sie war abgesperrt. Und kein Schlüssel im Schloss. Natürlich musste man die Kleine einsperren, überlegte er sich - aber die konnte doch leicht durch ein Fenster verschwinden; soweit er gesehen hatte, waren die nicht vergittert.
Ärgerlich trat er mit dem Fuß gegen das Holz. Er hasste es, wenn er irgendetwas nicht verstand, was die anderen machten, vor allem Sal. Der wusste schon, was er tat, aber er sagte es ihm nie. Warum also ...?
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Celine wäre beinahe eingeschlummert, aber das Krachen an der Tür schreckte sie auf. Und sie wusste, was es zu bedeuten hatte.
Nach kurzer Zeit, wie ihm selbst schien - in Wirklichkeit hatte er zwei Minuten mit hängendem Kopf am Türrahmen gelehnt und mühsam versucht, seine wirren Gedanken zu ordnen -, war ihm die Lösung eingefallen: Das Mädchen würde nicht weglaufen, solange ihre Brüder und die Mutter hier Geiseln waren, nicht wahr?
Befriedigt von dieser geistigen Glanzleistung rülpste er laut und nahm noch einen Schluck aus einem halbvollen Becher auf dem Tisch. Die Stimme in seinem Inneren hatte immer noch etwas einzuwenden, dabei müsste sie doch eigentlich jetzt zufrieden sein, oder?
Warum Sal die Tür abgesperrt hatte? Egal. Er konnte ihn jetzt nicht stören, also würde er sie eben aufbrechen. Sei’s drum.
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Das trübe Mondlicht erhellte das Zimmer nur wenig, und seine Wahrnehmung brauchte geraume Zeit, bis sie sich auf die Dunkelheit eingestellt hatte. Er machte zudem noch den Fehler, sich mit den Fingern in den Augen zu reiben, sodass er zuerst nur farbige Schlieren sah.
Die warnende Stimme seines Instinkts im Kopf wurde lauter, aber irgendwie drang sie nur verstümmelt bis zu seinem Bewusstsein vor. Er fluchte leise vor sich hin. Seine Augen brannten.
Wahrscheinlich hatte er noch Reste von Schnaps oder Wein an den Fingern gehabt. Aber was sollte die kleine Göre ihm schon anhaben? Bevor sie sie am Tag zuvor hier einsperrten, hatte Sal den ganzen Raum durchsucht, ob sich vielleicht Waffen oder Werkzeuge hier befanden. Vielleicht hatte sie ja ein Stuhlbein abgebrochen, aber damit würde sie ihm nicht beikommen. Er kicherte und langte nach dem Messer in seinem Gürtel. Seine eigene Klinge war doch die einzige Möglichkeit, wie das Mädchen an eine Waffe gelangen könnte. Und das würde er ihr schon vermasseln! Er machte die Scheide samt Messer vom Gürtel los, wofür er länger als sonst brauchte, da seine Finger nicht so recht wie er wollten, dann steckte er das Ganze vorne unter seinem Hemd in den Hosenbund. Sollte die Kleine doch jetzt versuchen, seine Waffe zu kriegen. Dort, wo diese sich jetzt befand, würde sie noch etwas anderes finden! Bei diesem Gedanken musste er wieder kichern.
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Er tastete sich stolpernd bis zu dem breiten Bett vor, das er jetzt deutlich erkennen konnte, da seine Augen nicht mehr so brannten. Die Decke war gebauscht und offenbarte darunter die Umrisse eines Körpers. Na also! Sie schlief. Sie schlief, oder hatte ihn gehört und zitterte jetzt vor Angst und wagte nicht, sich zu rühren.
Trotzdem sah er sich erst einmal misstrauisch im Zimmer um, bevor er näher trat. Durch die jahrelange Erfahrung waren solche Vorsichtsmaßnahmen bei ihm in Fleisch und Blut übergegangen.
Aber er konnte nichts wahrnehmen, das ihn irgendwie beunruhigte.
Das war Cajetans Fehler. Eben die Tatsache, dass er nichts Außergewöhnliches bemerkte, hätte sämtliche Alarmglocken in seinem Inneren zum Läuten bringen müssen. Aber der Schnaps ließ die Glocken verstummen (oder lediglich weit, weit im Hintergrund ein kläglich Liedlein bimmeln).
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Alle Vorsicht beiseite lassend, riss er die Decke zur Seite und stürzte sich ... Als er die Arme des Mädchens packte und seinen Mund auf ihren presste, war es zu spät, noch zurückzuzucken.
Zwei tote Augen in einem aufgequollenen zerschlagenen Gesicht starrten ihn an. Mit einem Schrei des Ekels fuhr er hoch und wischte sich fahrig über die Lippen, wo er sich mit Blut beschmiert hatte. Einen Moment lang drängte sein Mageninhalt nach oben, aber er schluckte mehrmals krampfhaft, bis der Brechreiz nachließ.
Eine dunkle Gestalt huschte neben dem Bett hervor, stieg auf ein Schränkchen und war so schnell zum Fenster hinausgekrabbelt, dass er keine Chance hatte, etwas dagegen zu unternehmen, vor allem, weil er immer noch vollkommen perplex war. Die verdammte Hure hatte ihren toten Bruder ins Bett gelegt und zugedeckt!
Wie zur Bestätigung erklang von draußen ein helles Lachen.
Und nun machte sie sich über ihn lustig!
Cajetan atmete einmal tief durch und richtete sich mühsam auf. Er warf noch einen Blick auf die Leiche auf dem Bett und warf fluchend die Decke über das entstellte Gesicht, damit es ihn nicht mehr höhnisch anstarrte, wie er sich einbildete.
Abermals ertönte das Kichern von draußen und brachte bei ihm endgültig den letzten Rest von Vernunft zum Verstummen. Wenn die Kleine meinte, sie könnte ihn auch noch verspotten, dann würde sie jetzt etwas erleben! Ihr Fehler, dass sie nicht gleich weit weggelaufen war. Im freien Gelände, bei dem hellen Mondlicht, würde er sie mit Leichtigkeit erwischen - und dann gnade ihr Divvnu’môn, oder wer auch immer!
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Mit einem wütenden Fußtritt stieß er das Schränkchen zur Seite, das Celine für ihre Flucht benutzt hatte, und schob seinen Kopf durch das Fenster nach draußen. Er wollte sich am Fensterbrett mit den Armen aufstützen, als er feststellte, dass die Öffnung für seine Schultern zu schmal war.
Verdammt, er passte nicht durch! Er würde außen herumlaufen müssen, und die Kleine hätte einen größeren Vorsprung - aber egal.
Plötzlich wurde sein Kopf nach unten gerissen, als sich etwas um seinen Hals zusammenzog. Instinktiv zuckte er zurück, aber es ging nicht - er hing fest. Vor ihm tauchte das Mädchen aus dem Schatten auf, und er konnte ein böses Lächeln um ihre Mundwinkel spielen sehen, als er mühsam den Kopf zur Seite drehte.
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Celine hatte aus einem Kälberstrick, der neben dem Haus am Zaun hing, eine Schlinge geknüpft, und so außen am Fensterrahmen befestigt, dass ein Verfolger seinen Kopf hindurch stecken müsste, sobald er ihr durchs Fenster nachsteigen wollte. Zudem waren Cajetans Schultern so breit, dass er ihr durch die enge Öffnung gar nicht folgen konnte, aber dieser besoffene Trottel hatte das zu spät erkannt. Sie hatte die Schlinge um seinen Hals zugezogen, und das Ende blitzschnell um einen dicken Nagel geknotet, der knapp über dem Boden aus einem Holzbalken herausschaute.
Und jetzt hing das Schwein fest.
Mit Befriedigung, aber auch mit einem gewissen morbiden Interesse, sah sie zu, wie er den Kopf drehte und hin und her wand, wobei er gurgelnde Laute von sich gab, wenn sich die Schlinge enger zuzog.
Cajetan hatte inzwischen trotz seiner Trunkenheit erkannt, dass er sich in einer gefährlichen Falle befand. Die Nebel um seinen Verstand lichteten sich allmählich und machten einer dumpfen Angst Platz, momentan noch überlagert von Wut und Trotz, dass ein Mädchen es geschafft hatte, ihn hereinzulegen. Und die Schande, wenn die anderen ihn so sahen, gefangen von einer Zwölfjährigen!
Wenn er den Kopf so weit wie möglich hinausstreckte, dann ließ der Zug an der Schlinge etwas nach, und er könnte um Hilfe rufen, aber er tat es nicht. Er musste es verdammt noch mal auch so schaffen, herauszukommen!
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Celine beobachtete genau, wie er sich wand, und trat näher heran. Unter Mühen drehte er den Kopf nach vorne und starrte sie hasserfüllt an. Aus dem Mundwinkel lief Geifer über sein Kinn und tropfte zu Boden.
„Du verdammtes Schwein hast meinen Bruder umgebracht“, stellte sie beinahe beiläufig fest und wunderte sich selbst über die vermeintliche Teilnahmslosigkeit in ihrer Stimme.
Cajetan gurgelte etwas Unverständliches und verzog den Mund, als der Strick bei seinen Anstrengungen in seine Haut schnitt. Er musste nur den Oberkörper so weit zur Seite drehen, dass er mit der Rechten das Messer unter seinem Hemd erreichen konnte. Dann könnte er versuchen, wenigstens den Arm durch die schmale Fensteröffnung zu stecken und den Strick durchzuschneiden.
Celine beobachtete ihn weiter aufmerksam, während sie in die Hocke ging. Soweit man in der Dunkelheit erkennen konnte, lief sein Gesicht blau oder rot an, und ein leises Würgen entrang sich seiner Kehle, als er sich selbst die Luft abschnürte, um den Arm durch das schmale Fenster zu stecken. Sie sah ihm interessiert zu und wartete.
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Nach einer geraumen Weile hatte er es geschafft: Noch bevor die Hand mit dem Messer auftauchte, verriet ihn das triumphierende Aufblitzen seiner Augen. Dann schob sich sein Arm ins Freie, und die Klinge blitzte kurz im Mondlicht auf.
Auf diesen Moment hatte Celine gewartet. Als Cajetan die Schneide etwas unterhalb seines Halses ansetzte, hob sie den großen Stein, den sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, und schmetterte ihn mit aller Kraft auf seine Finger.
Der Schmerz, als seine Hand zerquetscht wurde, hätte Cajetan aufschreien lassen, aber in einer Reflexbewegung war er zurückgezuckt und hatte sich dabei die Schlinge so fest um den Hals gezogen, dass ihm die Luft wegblieb.
Als farbige Blitze vor seinen Augen tanzten, packte ihn die nackte Angst, aber er brachte nur ein ersticktes Röcheln hervor. Celine hob das Messer vom Boden auf und betrachtete es befriedigt. Sie hätte ihm natürlich mit dem Stein den Schädel einschlagen können, aber sie wollte die Klinge.
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Sal schreckte aus dem Schlaf hoch. Er hatte ohnehin nur leicht geschlummert, da ihn schon den ganzen Abend ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung beunruhigt hatte. Was hatte ihn geweckt?
Jetzt hörte er es wieder: ein heiseres Husten oder Keuchen von draußen. Er schlief allein in der Stube im ersten Stock; die Frau hatte er einem seiner Männer überlassen, der mit ihr machen könnte, was er wollte, solange er sie nur nicht umbrachte.
An sich hätte ihn das Geräusch nicht weiter gestört - irgendeiner von seinen Leuten kotzte wohl in die Büsche hinterm Haus -, aber sein Instinkt warnte ihn, dass es diesmal etwas anderes war. Er stand auf, ging zum Fenster und schob es leise auf.
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Auch Celine wurde von ihrem Instinkt gewarnt, obwohl sie nichts gehört hatte. Sie hob den Kopf und sah nach oben: der Fensterladen war geöffnet und ein Gesicht, dessen Helle sich deutlich in der Dunkelheit abzeichnete, starrte auf sie herab.
Obwohl sie nicht damit gerechnet hatte, die Nacht zu überleben, packte sie jetzt die Panik. Sie packte das Messer und rannte kopflos in die Nacht davon.
Eine laute Stimme schrie irgendetwas ins Haus hinein, aber sie konnte es nicht verstehen.
6.
Sal und zwei seiner Männer standen an der Seite des Hauses und starrten auf die Leiche Cajetans. Im Tod sah er genauso dämlich aus, wie er im Leben war, fand Sal, aber er sagte es nicht laut. Kopf und ein Arm hingen aus dem Fenster heraus, als wäre er im Suff so eingeschlafen. Ein breiter Schnitt, aus dem immer noch Blut tropfte, zog sich von Ohr zu Ohr, zudem hatte er nur noch blutige Höhlen, wo einmal die Augen waren.
„Die Kleine hat ihn ja sauber erledigt!“, stellte Ceril fest,
ohne besondere Bestürzung zu zeigen. Auch Rivera kicherte:
„Der Idiot hat den ganzen Abend schon auf ihren Arsch geglotzt, beinahe hab’ ich mir so was gedacht.“
Sal fluchte: „Verdamm, schneidet den Trottel los und vergrab ihn hinterm Haus, wo er uns nich die Luft verpestet! Nein! Nochmal verdamm! - Wir müssen zuers die Kleine schnappen! Wenn sie ins Dorf hinunterläuf und verrät, dass wir hier sin, kann es uns schlech ergehn. Wenn sie nich die Bürgerwehr raufschicken, dann sin sie doch gewarnt!“
Er überlegte einen Moment lang, dann stieß er Ceril, der immer noch den Toten anglotzte, in die Seite: „Hol eure Waffen! Vor allm eine Pfeilschleuder! Wir folgen der Spur. Ich hab’ gesehn, wie sie bergauf gelaufn is.“
Rivera fluchte halblaut vor sich hin. Das hatte er davon, dass er sich hatte aufwecken lassen. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte er einen Hufschlag von einem Pferd abbekommen. Jansson hatte noch mehr gesoffen als er, und der schlief jetzt so fest, dass er nicht wach zu kriegen war. Sein Glück! Und da sollte noch einer sagen, dass Saufen schlecht ist! Der musste jetzt nicht mitten in der Nacht in den Bergen herumsteigen.
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Celine hielt erst in ihrer Flucht inne, als sie über einen Felsen stolperte und zu Boden stürzte. Zum Glück fiel sie in ein Polster aus weichem Moos und brach sich nichts. Ihr Atem ging keuchend, und ihr Herz schlug rasend schnell, aber das merkte sie erst jetzt, als sie sich aufrichten wollte.
Ein brennender Schmerz in ihrer linken Handfläche brachte sie vollends in die Wirklichkeit zurück: Sie hatte sich beim Sturz die Messerspitze in die Hand gestochen. Vorsichtig über die Wunde tastend stellte sie fest, dass diese nicht tief war. Während sie wie ein Tier daran leckte, kehrte die Überlegung zurück.
Sie hatte den Kerl umgebracht, und leicht war er nicht gestorben. Und jetzt waren die anderen hinter ihr her.
Während des ganzen Abends hätte sie durch das Fenster fliehen können - aber ihre Mutter und Gisil hätten dies büßen müssen. Das hatte sie sich ständig überlegt - und dann doch ihren Racheplan ausgeführt. Und irgendwie hatte sie angenommen, nein, fest damit gerechnet, dabei selbst den Tod zu finden. Als sie es wider Erwarten schaffte, Cajetan zu töten, und schließlich entdeckt wurde, hatten ihre Nerven versagt.
Sie war blindlings fortgelaufen, ohne an Mutter und Gisil zu denken. Sie hatte keinen Gedanken daran verschwendet, wie es ihnen nun ergehen mochte.
Aber ihre Tat ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Die Rache der anderen würde sie alle drei treffen - und das unvermeidliche Ende nur beschleunigen. Und sie hatte es geschafft, wie sie sich vorgenommen hatte, wenigstens einen mitzunehmen!
Eigentlich hätte sie jetzt stolz auf sich sein können, aber sie fühlte nur Erschöpfung.
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Das helle Mondlicht offenbarte, dass sich drei Gestalten aus dem Schatten des Hauses lösten und, zuerst anscheinend unentschlossen, dann zielstrebig auf die Felsen zu bewegten, hinter denen sie Zuflucht gesucht hatte.
In ihrer Angst hatte sie natürlich nicht daran gedacht, zuerst in eine andere Richtung zu laufen, und Sal hatte sie vermutlich beobachtet. Und nachdem die ungefähre Richtung ihrer Flucht feststand, brauchten sie nur nach Spuren zu suchen. Das niedergetretene Gras zeichnete sich im Gegenlicht des Mondes allzu deutlich als heller Streifen gegen die Umgebung ab. Wenn der Himmel doch nur bewölkt wäre!
Sie überlegte: Von ihrem Standort aus konnte sie nur weiter bergauf fliehen. Die vereinzelten Felsen bildeten den unteren Rand eines Schotterfeldes, das sich weit hinauf bis zu den Bergwänden erstreckte. Hier könnte man sie leicht von unten sehen und verfolgen; vor allem kämen die Männer mit ihren derben Stiefeln auf die Dauer schneller voran.
Als einzige Fluchtmöglichkeit blieb somit der schmale Pfad zwischen den Felsen zur oberen Weide hinauf. Sie überlegte nicht lange, denn die Verfolger kamen schneller näher, als sie gedacht hatte. Während sie über die im Weg liegenden Steine sprang, wurde ihr die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage erst so richtig bewusst:
Wohin würde sie von der oberen Weide aus noch fliehen können?
Diese war auf zwei Seiten von hohen Felswänden umgeben und bot nur wenige Möglichkeiten, sich zu verbergen.
Weiter nach oben - bis zur Schneegrenze? Und dann?
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Sal hielt keuchend inne und wartete, bis Rivera und Ceril zu ihm aufgeschlossen hatten. Er machte eine weit ausholende Bewegung zu den Flanken der Berge hin und erklärte: „Sie is bestimm nich so blöd, über das Geröll dort hinaufzusteigen.“
„Und?“, fragte Rivera, dessen Kopfschmerz ihn in eine äußerst üble Laune versetzt hatte, überflüssigerweise.
Sofort fing er sich einen bösen Blick Sals ein. „Die kann nur dem Weg da gefolg sein, du Idiot!“, fuhr dieser ihn an. „Dort hinauf. Und da geht’s nich weiter!“
„Na dann holen wir sie uns!“, fügte Ceril hinzu. „Wenn ich mir schon die Nacht um die Ohren schlage, dann will ich wenigstens was davon haben - was Cajetan nicht gekriegt hat!“
Die drei folgten dem schmalen Pfad bergauf, nicht ahnend, dass ihnen die Nemesis bereits auf den Fersen war.
Celine hatte die obere Weide erreicht und stützte sich schnaufend auf den Zaunpfosten, den Gisil als Letztes errichtet hatte.
Es erschien ihr wie eine Ewigkeit her, in einem anderen Leben, dass sie ihm das Mittagessen hier heraufgebracht hatte. Ihr ganzes Dasein hatte sich innerhalb eines Tages in einen Albtraum aus Gewalt und Mord verwandelt.
Im Gras konnte sie seine Pfeife liegen sehen.
Die Bergwände links und rechts boten keinen Schutz. Sie musste höher hinauf fliehen, dort, unterhalb der Schneegrenze gab es ein ausgedehntes Feld von großen Felsbrocken, zwischen denen sie sich wenigstens verstecken konnte. Auch wenn es ihr nicht lange helfen würde, denn früher oder später würden die Männer sie doch aufstöbern - aber der Instinkt zu überleben war stark.
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Als sie zwischen den ersten Felsen hindurchhuschte, warf sie einen Blick zurück: Ihre Verfolger erschienen soeben am unteren Rand der Weide und bewegten sich zielstrebig weiter. Ob sie sie gesehen hatten? Sie trug dunkle Sachen, aber wer weiß? Das Mondlicht war viel zu hell.
Sie eilte verzweifelt zwischen den Felsen umher - kein Versteck schien ihr wirklich sicher. Es musste eine Art Höhle sein, aber nur klein, sodass man den Eingang mit ein paar herbei gerollten Steinen und Strauchwerk tarnen konnte. Zu spät fiel ihr ein, dass es ja hier oben überhaupt keine Sträucher gab.
Hier übermannte sie die Resignation, und sie setzte sich auf einen Fels, während ihr die Tränen über die Wangen rannen. Warum sollte sie nicht einfach hier sitzen bleiben und ihr Schicksal erwarten? Es hatte keinen Zweck, weiter zu fliehen, oder sich zu verbergen. Oder besser noch, sie könnte sich mit dem Messer die Pulsadern aufschneiden - dann würde sie sich das Schlimmste ersparen.
In diesem Moment sah sie die Spuren, und das erschien ihr so seltsam, dass sie für einen Augenblick sogar ihre Angst vergaß.
Sie wischte sich über die Augen, um wieder klar zu sehen. Nein, sie träumte nicht: Vom Gletscher, der sich vor ihr grau glänzend nach Osten erstreckte, führten Spuren herab - menschliche Fußspuren, von Stiefeln.
Und, so weit sie sich auch umsah, es führten keine anderen Spuren hinauf. Also - und beinahe schreckte sie vor der Schlussfolgerung zurück - war jemand von dort heruntergekommen!
Unglaublich! Eigentlich unmöglich! Was würde noch alles Seltsames geschehen?
Sie stand auf und ging zum Rand des Eisfeldes; die Fußspuren auf dem Gletscher berührten sie so eigentümlich, dass die Gefahr, in der sie schwebte, momentan vergessen war.
Die Abdrücke bildeten eine einzige Spur, aber unzweifelhaft stammten sie von mehreren Personen. Celine drehte sich um und starrte nachdenklich auf die schweigenden Felsen um sie herum.
Wer auch immer von dort heruntergekommen war, er hatte den Weg nehmen müssen, den sie herauf geflohen war. Und er würde an ihrem Haus vorbeikommen.
Das Scharren von Stiefeln auf Stein weckte sie aus ihrer Nachdenklichkeit, und die Todesangst war plötzlich wieder da. Sie musste sich irgendwo verstecken, egal wo, und versuchen, die Männer zu umgehen. Dann könnte sie wieder zurück fliehen und ...
Sie dachte den Gedanken gar nicht zu Ende, so aussichtslos erschien ihr das Unterfangen. Die Verfolger waren erfahrene Krieger und zu dritt.
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„Sie hat sich irgenwo zwischen den Steinen versteck“, stellte Sal fest. „Wahrscheinlich wird sie versuchn, an uns vorbeizukommen. Also: Ceril und ich durchstöbern das Gelände, und du, Rivera, bleibs hier unten und fängs sie ab. Nimm die Pfeilschleuder!“
Der Angesprochene brummte halblaut Zustimmung und suchte sich einen Beobachtungsposten hinter einem Felsen, wo er das ganze Gelände gut einsehen konnte. Wenn die Kleine es wirklich schaffte, Sal und Ceril auszutricksen, dann würde sie eine böse Überraschung erleben!
Die beiden anderen stapften weiter bergauf. Rivera sah ihnen nach, während er die Pfeilschleuder so bereitlegte, dass er sie blitzschnell zur Hand hatte. Er hoffte allerdings, sie nicht einsetzen zu müssen. Er hatte nicht die ganze Verfolgung mitgemacht, um am Ende ein totes Mädchen zu bekommen. Aus seiner Deckung beobachtete er, wie die anderen ihre Schwerter zogen, bevor sie zwischen den Felsen verschwanden.
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Celine duckte sich tief in den Schatten unter einem kleinen Überhang und versuchte, möglichst flach zu atmen, obwohl ihr Herz wie rasend schlug. Das scharrende Geräusch hatte sich wiederholt. Also war einer der Verfolger ganz in der Nähe.
Sie wünschte, sich in ein Insekt, einen Käfer oder eine Spinne verwandeln zu können, und in einer Ritze im Stein zu verschwinden.
Ein anderer Laut erschreckte sie noch mehr: Ganz in der Nähe klirrte es metallisch. Einer von ihnen war unvorsichtig mit seiner Waffe gewesen und hatte damit über einen Stein geschrammt. Die Angst gebot ihr, aufzuspringen und fortzulaufen, aber die Vernunft gewann die Oberhand über den Instinkt.
Wenn sie jetzt nur ein einziges Geräusch machte, dann hatten sie sie. Und dann konnte sie es sehen: Links von ihr bewegte sich etwas. Das Mondlicht drang nicht bis zwischen die Felsen, aber der Widerschein genügte, um dort einen winzigen Lichtreflex zu erzeugen. Ein Schatten, dunkler als die Umgebung, näherte sich ihrem Versteck, und wieder blitzte irgendetwas auf - eine blanke Schwertklinge.
Sie duckte sich tiefer, versuchte, eins zu werden mit der Dunkelheit und ihren Atem zu beruhigen, aber die Vorstellung, wie der kalte Stahl in ihren Körper eindrang, ließ sie nicht los. Sie zitterte heftig, unfähig, diese Reaktion unter Kontrolle zu bekommen.
Der Schatten kam näher, und sie konnte die Umrisse des Oberkörpers des Mannes gegen den Himmel ausmachen - und des Schwerts.
Den Atem anhalten!
Einen Moment lang war sie verwundert, dass ihr Verfolger an ihrem Versteck vorbeiging. Er hatte sie wirklich nicht gesehen!
Die Erleichterung war fast so groß wie die nervöse Erregung, die jetzt von ihr Besitz ergriff. Das war die einzige Chance, die sie hatte: jetzt leise in der anderen Richtung zurück schleichen, und ...
Und was? So weit dachte sie nicht. Nur weg!
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Obwohl sie noch am ganzen Körper zitterte, richtete sie sich so leise wie möglich auf und huschte nach links davon.
„Na, na, kleines Mädchen!“, erklang vor ihr eine spöttische Stimme, die sie sehr wohl kannte. „Wer wird denn gleich davonlaufn wolln?“
Zu spät erkannte sie ihren furchtbaren Fehler. Sal hatte sie in eine Falle gelockt.
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Sal selbst war sehr mit sich zufrieden. Das Mädchen war auf den - mindestens - zweitältesten Trick der Welt hereingefallen. Er hatte Ceril vorgeschickt und fest damit gerechnet, dass sie die Gelegenheit, in die andere Richtung zu entfliehen, nicht ungenutzt verstreichen lassen würde. Der Instinkt des gejagten Wildes; er kannte das.
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Celine schnaufte schwer und senkte die zur Abwehr erhobenen Hände. Jetzt hatte alles keinen Zweck mehr. Die dunkle Gestalt vor ihr richtete das Schwert lässig zu Boden, aber sie erwartete jeden Augenblick den tödlichen Streich. Seltsam, dass sie in diesem Moment nicht an ihren Bruder, nicht an ihre Mutter, nicht an sich selbst dachte, sondern sich nur ärgerte, in diese plumpe Falle hineingetappt zu sein.
„Es tut mir ja furchbar leid“, höhnte die Stimme vor ihr. „Wir hätten dich vielleich noch gebrauchen können, aber ...“
Ein scharfer Knall aus der Richtung, wo das Haus lag, unterbrach Sals Ansprache. Gleich darauf folgten zwei weitere, die sich mehrfach an den Felswänden brachen.
„Verdamm, was war das?“, fluchte er und hob sein Schwert. Celine war ebenfalls zusammengezuckt. Ein Gewitter konnte das nicht sein, oder? Aber was dann?
