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Die Berner Regionaljournalistin Linda Stahl will in die Fussstapfen ihres Grossvaters, dem Bestsellerautor Maximilian Stahl, treten, indem sie ebenfalls als Buchautorin durchstartet. Für ihren ersten Kriminalroman recherchiert sie über die ehemalige Jugenderziehungsanstalt Aarburg, eine Festung im Kanton Aargau, in der einst auch ihr Opa einst eingesperrt wurde. Als Maximilian Stahl zu Beginn der Recherchen brutal ermordet wird, macht sich Linda auf die Suche nach dessen verschwundenen Manuskript «Blaufalter», dass ihr Opa als junger Mann, eingesperrt in der Festung, verfasst hatte und das ihm dann auf brutale Art und Weise vor seiner Entlassung in die Freiheit geraubt wurde. Ein Kriminalroman beruhend auf wahren Begebenheiten, gefolgt von einem Fachteil, der die einst diabolischen Verhältnisse in der Aarburger Festung erstmals unverblümt darstellt. Dr. Werner Disler, der heute als Psychotherapeut und Psychoanalytiker tätig ist, hat vor seinem Studium als Sozialarbeiter in der Festung Aarburg gearbeitet. In diesem Buch schildert er Jahrzehnte später erstmals ausführlich, was für schreckliche Ereignisse sich auf dieser Festung des Bösen abgespielt haben.
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Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2025
Über dieses Buch
Die Berner Regionaljournalistin Linda Stahl will in die Fußstapfen ihres Großvaters, dem Bestsellerautor Maximilian Stahl, treten, indem sie ebenfalls als Buchautorin durchstartet. Für ihren ersten Kriminalroman recherchiert sie über die ehemalige Jugenderziehungsanstalt Aarburg, eine Festung im Kanton Aargau, in der einst auch ihr Opa eingesperrt wurde. Als Maximilian Stahl zu Beginn der Recherchen brutal ermordet wird, macht sich Linda auf die Suche nach dessen verschwundenen Manuskript »Blaufalter«, das ihr Opa als junger Mann in der Jugenderziehungsanstalt verfasst hatte und das ihm dann auf brutale Art und Weise vor seiner Entlassung in die Freiheit geraubt wurde.
Nachwort von Werner A. Disler, der als ehemaliger Erzieher die Jugenderziehungsanstalt Aarburg von innen kennt.
»Mit ›Blaufalter‹ legt der Berner Krimiautor Sascha Michael Campi ein Werk vor, das unter die Haut geht. Inspiriert von wahren Begebenheiten, beleuchtet er die dunkle Geschichte der ehemaligen Jugenderziehungsanstalt Aarburg – und verwebt sie mit einem fesselnden Kriminalfall, der die Leserinnen und Leser nicht loslässt.« (Neue Oltner Zeitung)
Über den Autor
Sascha Michael Campi, geboren 1986 in Aarau. Als Krimiautor und Kolumnist, spezialisiert auf die Themen »Crime & Art«, im In- und Ausland tätig. Präsident von Krimi Schweiz, dem Verein für Schweizerische Kriminalliteratur und verantwortlich für die Organisation des Schweizer Krimifestivals. Mitglied im Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Verein sowie im Syndikat, dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur. Sein Herz schlägt für Sport, Fitness, Literatur, seine zwei Katzen und die Stadt Bern.
Weitere E-Books von Sascha Michael Campi
im Neptun Verlag:
Demaskiert. Kriminalroman
ISBN 978-3-85820-345-8
Enttabuisiert. Kriminalroman
ISBN 978-3-85820-352-6
Chimana. Dark Romance/Kriminalroman
ISBN 978-3-85820-353-3
Sascha Michael Campi
Blaufalter
Kriminalroman
inkl. Fachteil zur Festung Aarburg
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© 2025 by Neptun Verlag
Rathausgasse 30
CH-3011 Bern / Schweiz
www.neptunverlag.ch
ISBN 978-3-85820-376-2
Eine Mauer kann mit Sicherheit glänzen,
doch setzt auch der Freiheit Grenzen.
Monika Kühn-Görg
Die Festung Aarburg liegt im Südwesten des schweizerischen Kantons Aargau. Sie befindet sich auf einem Felssporn über dem Städtchen Aarburg. Was auf den ersten Blick wie eine friedliche Burglandschaft wirkt, verbirgt eine düstere Vergangenheit, die nur wenigen in ihrer Gesamtheit bekannt ist.
Es begann um das Jahr 1654, als der Ratsherr Hans Rudolf Willading den Auftrag erhielt, die Burg auf Erweiterungsmöglichkeiten zu prüfen. Sein Bericht hatte jedoch zunächst keine Folgen. In den Folgejahren projektierte man den Ausbau der Burg zu einer Festung, was jedoch wegen der zu hohen Kosten ebenfalls scheiterte. Im Jahr 1661 beschloss der Rat der Stadt Bern den Vollausbau zu einer Artilleriefestung. Die Fundamente dieses Festungswerks waren bis 1663 erstellt, anschließend begann die eigentliche Bauzeit, die rund zehn Jahre dauerte.
Von 1666 an war die Festung ständig mit einer Garnison besetzt; der dort herrschende Landvogt war zugleich auch der Kommandant. Bereits zu dieser Zeit wurde sie teilweise als Gefängnis genutzt. Einer der damals bekanntesten Insassen war Jacques-Barthélemy Micheli du Crest (1690, 1766), Hauptmann im Dienst des französischen Königs. Bis heute findet man bei den Führungen durch die Festung eine Gedenktafel zu seinen Ehren. Sie befindet sich direkt am Turm beim Pulverlaboratorium. Micheli du Crest fertigte während seiner 20-jährigen Haft in seiner Gefängniszelle das erste Panorama der Schweizer Alpen.
1798 übergaben die Berner die Aarburger Festung kampflos den Franzosen, und ab 1804 übernahm der frisch gegründete Kanton Aargau die Burg. Zuerst nutzte man sie als Zeughaus und Kaserne, schlussendlich dann als Gefängnis. Ein anderer der damals bekanntesten Insassen war Bernhard Matter, dem sein Ruf als Ein- und Ausbrecherkönig vorauseilte.
Als 1864 die Strafanstalt Lenzburg errichtet wurde, die als weitaus fortschrittlicher galt, standen die Räumlichkeiten von einem Tag auf den anderen leer. Die Festung wurde vom Kanton an mittellose Personen vermietet. Sie verwahrloste dadurch massiv, da sich auch der Kanton beim Unterhalt nur noch auf das Allernötigste beschränkte.
Im Jahr 1891 beschloss der Grosse Rat erstmals die Umnutzung zu einer »Anstalt für jugendliche Verbrecher und Taugenichtse». Bereits 1893 eröffnete der Kanton in der Festung die erste Zwangserziehungsanstalt der Schweiz. Dabei ging es primär darum, die jungen Menschen so abzurichten, dass sie anschließend «perfekt« in die Gesellschaft passten. Im Mittelpunkt standen Zucht, Ordnung und Bestrafung. Gottesfurcht war damals oberste Maxime der Organisation. Bereits zu Beginn waren alle Zellen bis auf den letzten Platz belegt.
Zur damaligen Zeit galt der Kanton Aargau als Armenhaus der Schweiz. Die Zahl der Geburten stieg in die Höhe, und viele Jugendliche wurden bereits mit zwölf oder dreizehn Jahren auf die Straße gesetzt, da die Familien zu Hause keinen Platz und auch keine finanziellen Mittel mehr hatten. Es gab eine Welle von herumlungernden Teenagern, die, um nicht zu verhungern, auf Raubzüge durch die Dörfer streiften. So mancher Gemüse- und Obsthändler verlor auf dem Markt Unmengen an Verkaufsmaterial durch die herumstreunenden Jungdiebe.
Erst 1905 begann sich die Festung in ihrer Ausrichtung anzupassen. Der neugewählte Direktor Adolf Scheuermann bewirkte ein Umdenken. Dank ihm wurde aus den »Jugendsträflingen» plötzlich «Zöglinge«, und der Fokus verlagerte sich auf Nacherziehung, Schulung und das Absolvieren einer Berufsausbildung. Ab 1930 trat immer mehr der erzieherische Gedanke in den Vordergrund. 1932 erfolgte dann der definitive Bewusstseinswandel im neuen Reglement.
Es gab im Laufe der Jahre immer wieder Sanierungen und Ausbauten. 1946 wurden in vier Bauetappen Unterkünfte, Wohnungen, Werkstätten, Verwaltung, Küche und Lingerie saniert. 1959 war dann alles bereit. Es standen eine geschlossene, eine halboffene und eine offene Abteilung zur Verfügung. Im Jahr 1972 kam es sogar zu einer Umbenennung von »Erziehungsanstalt» in «Erziehungsheim» und im Jahr 1989 schließlich zur Bezeichnung «Jugendheim». Im Jahr 1990 wurde das Jugendheim und die Anstalt für Nacherziehung (ANE) vom Bundesamt für Justiz anerkannt. Von 1993 bis 1996 gab es einen Modellversuch in Form einer «Drogenabteilung«. 2001 wurde das Jugendheim mit der Schaffung der Funktion des Erziehungsleiters und der Integration der ANE in den Heimbetrieb neu konzipiert.
2018 feierte das Jugendheim sein Jubiläum, es wurde 125 Jahre alt. Zum Ereignis entstand das Buch »Die Jugend auf der Aarburg«. Es folgten einige Renovationen und Umbauten bei den Wohngruppen. 2024 gab der Aargauer Regierungsrat bekannt, dass für das Jugendheim Aarburg in der Nachbargemeinde Oftringen ein Neubauprojekt geplant sei. Die Jugendlichen müssten ausziehen. Das Gebäude werde den wachsenden Anforderungen nicht mehr gerecht. Wie weit dieses Projekt umgesetzt wurde, ist zur Zeit der Niederschrift dieser Einführung noch nicht bekannt.
Unter der Aarburger Bevölkerung war schon immer die Forderung zu hören, dass die gigantische Festung eigentlich als historisches Bauwerk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Bei einer Recherche zur Geschichte der Festung erfährt man zwar einiges, und doch nichts. Was sich hinter den Mauern in Wahrheit wirklich abgespielt hat, wissen nur jene, die dort »gefangen» oder «mitgewirkt« haben.
Ich selbst kam mit der Festung gleich dreifach in Berührung. Zum einen war sie mir aus der Kindheit bekannt, da ich im nahegelegenen Schönenwerd aufgewachsen bin und im benachbarten Olten längere Zeit gelebt habe. Mein zweiter Berührungspunkt war ein Familienmitglied, das als Teenager selbst einmal für einige Wochen in der Festung untergebracht worden war. Der junge Mann gehörte zu denen, die ausgebrochen sind und das Weite gesucht haben. Von ihm erfuhr ich, dass damals die Umstände dort von Grund auf schrecklich waren. So musste er unter anderem mitansehen, wie ein junger Mann aus der Festung flüchtete, indem er sich von der Turmmauer in den Tod stürzte. Allein solche Vorfälle zeigen, dass die Umstände in dieser Jugendanstalt nicht halb so gut funktionierten, wie viele Theoretiker, die damals gar nicht dabei waren, es heute berichten.
Mein dritter und intensivster Berührungspunkt mit der Festung war Dr. phil. Werner A. Disler. Heute ist er als Psychotherapeut und Psychoanalytiker sowie als Buchautor tätig. Damals, 1969/70, lag seine Psychologie- und Psychotherapie-Ausbildung als »Erzieher» in der «Kantonalen Erziehungsanstalt Aarburg» noch vor ihm. Er war schlicht entsetzt über die Verhältnisse, die er dort antraf. Zwei jugendliche Insassen planten die Flucht, und er riet ihnen, sich in Zürich an die Redaktion der Schweizer Boulevardzeitung «Blick» zu wenden. Sie sollten dort erzählen, was auf der Festung täglich geschieht. Er würde den Journalisten die nötigen Informationen bestätigen. So kam der Fall «Festung Aarburg« an die Öffentlichkeit.
Disler berichtete an einem Symposium über die unhaltbaren Zustände auf der Aarburg. Die schweizerischen Jugendanwälte beschlossen, keine Jugendlichen mehr in die Aarburg einzuweisen. Das war der Schlussakt für die Erziehungsanstalt. Sie wurde geschlossen, die alten Angestellten wurden entlassen und die gesamte Heimstruktur musste durch ein neues Konzept zu einem modernen Jugendheim mit ausgebildeten Sozialpädagogen umfunktioniert werden.
Der nachfolgende Roman basiert somit auf wahren Begebenheiten. Die Story und die Protagonisten sind jedoch alle frei erfunden.
1968, Festung Aarburg
Sie haben mir gesagt, es würde nicht so schlimm sein, doch das können nur solche behaupten, die niemals hier eingesperrt waren. Der Raum, in dem ich sitze, ist rund fünf auf fünf Meter klein. Die Zimmertür wurde vor einigen Minuten geschlossen, und das Einzige, was mir bleibt, sind einige Papiere und meine Stifte, mit denen ich schreiben darf.
Man sagte mir beim Eintrittsgespräch, dass man mich formen werde. Mein Dasein würde danach einen Wert bekommen, indem ich nach meinem Aufenthalt hier ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft sein dürfe und bestimmt eine Stelle als Handwerker erhalten würde. Ob ich das möchte, das wurde ich nicht gefragt.
Noch vor zwei Tagen war meine Welt unperfekt, doch lebenswert. Meine Eltern leben am Rande von Aarburg in einem kleinen Bauernhaus. Sie haben stets versucht, mir so viel wie möglich beizubringen, damit ich eigenständig im Leben klarkomme. Das Lesen habe ich bereits früh erlernt, und seit ich die Buchstaben beherrsche, verschlinge ich jedes Buch, an das ich herankomme.
Mein Leben besteht aus Armut, aber nicht aus Unglücklichsein. Wir sind eine gewöhnliche Arbeiterfamilie, die vieles hat, außer Geld. Meine vier Geschwister, die allesamt jünger sind, helfen beim Anbau von Gemüse ebenso mit wie ich. Trotz all unserer Bemühungen können wir die Ernte nicht steuern, und es gab bereits öfter unschöne Phasen, meist witterungsbedingt, in denen wir nichts zu essen hatten.
Bereits unzählige Male habe ich mich daher auf den Dorfmarkt geschlichen, um einiges an Obst, Käse und Brot zu ergaunern. Meine Eltern habe ich stets angelogen, dass ich auf dem Markt einen Händler geholfen habe und für die Mithilfe mit den Esswaren belohnt worden sei.
Vorgestern geschah es dann. Ich begab mich einmal mehr auf den Markt im Städtchen. Der Stand ganz am Rande stach mir direkt ins Auge, denn er war neu. Der Händler war mir unbekannt, seine Handelsware allerdings nicht. Selten habe ich so viele Bücher auf einmal gesehen. Unglaublich, was für großartige Werke darunter waren, von denen ich noch nie gehört hatte, die ich jedoch alle lesen wollte.
Der Buchhändler schielte mich bereits von der Seite an, als ich mich seinem Stand näherte. Als ein potenzieller Kunde an ihn herantrat, wich sein Blick von mir weg. Dass ein Junge ein Buch stiehlt, hielt er wohl für unwahrscheinlich, da die meisten meiner Generation kaum lesen können und ihre Diebestouren, wenn überhaupt, auf Essbares konzentrierten.
Nicht, dass ich hätte stehlen wollen, nein, das war nicht meine Absicht. Mein Interesse galt allein den Büchern. Ich schaute mich auf den bücherbeladenen Tischen um. Dann stach es mir ins Auge:
»Die Physiker« vom Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt. Die Geschichte über einen Kernphysiker, der eine gefährliche Formel entdeckt hat und dann ins Irrenhaus flüchtet, wo er den Irrsinn vorspielt. Ich habe meinen Vater davon sprechen hören. Das Buch wurde vor Kurzem in einer Zeitung hochgelobt. Dann der Schock: Das Buch kostete vier Franken! Unerschwinglich für mich. Der Händler war noch immer mit seinem Kunden ins Gespräch versunken, also ließ ich das Buch unauffällig in meinem Bündel verschwinden.
Der Buchhändler bekam nichts davon mit, doch der Obsthändler von nebenan, den ich nicht beachtet hatte. Mit festem Griff hielt er mich an der Schulter fest, als ich davonlaufen wollte. Sofort informierte er den Buchhändler und anschließend den dazukommenden Dorfpolizisten. Als Dieb und Taugenichts wurde ich von allen dreien bezeichnet. Der Dorfpolizist brachte mich nach einer Standpauke nach Hause. Meine Eltern waren schockiert, als sie mich in Begleitung des Polizisten sahen.
Am Abend kam ein Mann zu uns auf den Hof, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich musste im Kinderzimmer verweilen, während er mit meinen Eltern ein ernsthaftes Gespräch führte. Ich lauschte an der Tür und bekam vereinzelte Worte und Sätze mit wie »Es ist nur zu seinem Besten», «Wir werden ihn umerziehen», «Denken Sie an seine Zukunft», «Sie wollen doch nicht, dass er für den Rest seines Lebens im Gefängnis endet«.
Ich verstand an diesem Abend nicht, was da vor sich ging. Noch weniger verstand ich am Folgetag, als meine Eltern mir eine Tasche mit Kleidern bereitstellten.
Bereits nach dem Frühstück kam der Dorfpolizist in Begleitung des Unbekannten zurück. Es wäre nun Zeit, mich zu formen, so die Begrüßung des Fremden. Meine Mutter begann zu weinen, und mein Vater klopfte mir auf die Schulter. Was soll das, fragte ich mich. Es war nur ein Buch, oder? Meine Mutter legte mir Papier und Stifte in die Tasche, denn sie wusste, dass ich gerne Gedichte und Geschichten schrieb. Wieso Mami weinte, wusste ich zuerst nicht, doch als sich meine Eltern und Geschwister von mir verabschiedet hatten, erkannte ich, dass ich nun an einen Ort verfrachtet wurde, an den ich nicht gehörte. Das erinnerte mich an Dürrenmatts »Die Physiker«, denn ich fühlte mich wie ein psychisch Gesunder, der ins Irrenhaus eingeliefert werden sollte.
Nun sind keine vierundzwanzig Stunden vergangen, und ich sitze hier in einem Viererzimmer, das eher einer Zelle ähnelt. Es ist meine erste Nacht in dieser Anstalt. Die drei anderen schlafen bereits, obwohl das Licht an ist. Sie sind hundemüde von der Arbeit, die sie außerhalb der Festung auf dem Straßenbau verrichten mussten. Geschlafen habe ich bislang keine Minute, seit ich hier bin. Wie auch, in dieser Besenkammer, eingesperrt mit drei Fremden?
Ich habe Angst, und ich vermisse meine Familie. Als ich beim Abendessen nicht aufgegessen habe, hat mir einer der Erzieher eine Ohrfeige verpasst. So etwas kannte ich bisher nicht, denn meine Eltern hatten mich nie geschlagen. Ab morgen werde ich mitgenommen, um Feldarbeit zu leisten. Es sei wichtig für mich, dass ich mich körperlich stärke, um in Zukunft für den Arbeitsmarkt von Nutzen zu sein, sagte man mir.
Man habe bereits Jahrzehnte zurück in dieser Anstalt die Jungen geformt. So mancher durfte nach seinem Aufenthalt in der Festung als Magd oder Knecht arbeiten und musste nicht auf der Straße leben. Mich würde man in den kommenden Jahren zum Handwerker formen. Bereits das Wort »formen« stört mich, aber wen interessiert schon, was ich denke, geschweige denn, was ich möchte.
Hätte ich die Wahl, würde ich Schriftsteller werden. Ich würde Geschichten aus dem Leben erzählen, darunter traurige, schöne, romantische, tragische, was immer mir das Leben offenbart.
Mein Blick wandert zum Fenster, durch das gerade ein blauer Falter hineinfliegt. Ich erstarre und bewundere ihn. Nicht allein wegen seiner Schönheit, sondern auch wegen seiner prachtvollen Flügel, die es ihm ermöglichen, zu reisen, wohin immer er will.
Das muss Freiheit sein, denke ich, als er neben mir auf meinen leeren Papieren neben den Stiften landet. Warum nicht heute, an meinem ersten Tag in dieser Hölle, mit dem Schreiben beginnen? Vielleicht ist es mein Schicksal, hier zu sein, um Erfahrungen zu sammeln, um zu beobachten, zu dokumentieren und daraus mein erstes Buch zu erschaffen. Sollen mich die Erzieher doch formen, wie sie wollen, im Verborgenen forme ich mich selbst.
Ich beobachte den blauen Falter, wie er sich wieder davonmacht. Dann greife ich mir einen Stift und beginne, meine Gedanken und meine Situation niederzuschreiben. Tag für Tag werde ich weiterschreiben ... Auch wenn ich gefangen bin, so sind und bleiben meine Gedanken dem Falter ähnlich, und somit frei.
2025, Bern, Altstadt
Maximilian Stahl hat soeben seine allmorgendliche Joggingrunde absolviert. Mit seinen 72 Jahren fühlt er sich noch immer pudelwohl. Der Sport hat ihn ein Leben lang begleitet, genauso wie seine Leidenschaft für Literatur und Schriftstellerei. Maximilian hat in seinem Leben mehrere Romane geschrieben und war jahrelang als Investigativjournalist unterwegs.
Nach der Morgendusche kocht er sich seinen obligaten Kaffee. Nicht irgendeinen Kaffee, sondern seine Lieblingsmischung aus der Dominikanischen Republik. Heute ist er früher dran als gewöhnlich, denn seine Enkelin Linda hat sich gestern telefonisch zum Besuch angemeldet.
Max ist seit zwei Jahren Witwer. Nach einer monatelangen Trauerphase hat er sich wieder aufgerafft und genießt jeden Tag, als wäre es sein letzter. Linda kommt ihn regelmäßig besuchen, seit zwei Jahren noch mehr, was Max zwar freut, bis auf den Moment, wenn sie auf ein Altersheim zu sprechen kommt; dann blockt er ab und fordert Linda meist zum Gehen auf. Max hat sich geschworen, bis zu seinem Ableben eigenständig und frei zu bleiben. Nie wird er einen Fuß ins Altersheim setzen, geschweige denn seinen Hintern dort für den Rest seines Lebens platzieren.
Gut gelaunt setzt er sich auf seinen kleinen Altstadtbalkon, von dem aus er das morgendliche Treiben der Bernerinnen und Berner beobachtet. Das Rauchen ist ein Laster, das Max nie losgeworden ist, auch wenn er seinen Zigarettenkonsum auf zehn pro Tag beschränkt hat. Mit einem Glimmstängel zwischen den Lippen rührt er im dickflüssigen Kaffee. Über dem Balkon kreisen Vögel, die friedlich und gut gelaunt vor sich hin zwitschern. Max liebt es, auf diese Weise in den Tag zu starten. Nur wer einst die Dunkelheit erlebt hat, weiß das Helle wahrlich zu schätzen, eine seiner Weisheiten, die er gern an andere weitergibt.
Max spricht nie viel über seine Vergangenheit. Alles, was vor seiner Ehe und dem Familienleben war, hat er in eine innere Box verfrachtet und im See namens »Vergessen« versinken lassen.
Gerade als Max an seinem Kaffee nippen will, klingelt es an der Tür. Behutsam stellt er das Heißgetränk auf dem kleinen runden Balkontisch ab, dann macht er sich auf den Weg durch den Flur zur Haustür.
»Hallo Opa, bist du da?«, ruft Linda durch den Eingang.
Max lächelt über die Ungeduld seiner Enkelin, dreht den Hausschlüssel und öffnet ihr die Tür.
»Guten Morgen, Linda. Was schreist du denn hier so rum? Klar bin ich da, wir haben ja schließlich abgemacht.«
Linda beteuert, dass sie sich Sorgen gemacht habe, ihm sei vielleicht etwas zugestoßen. Max weist sie mit einem Lächeln auf sein Alter hin und darauf, dass er zwar noch täglich joggen gehe, aber trotzdem nicht mehr der Schnellste sei.
Linda schenkt ihm eine Umarmung, dann holt sie sich, wie bei jedem ihrer Besuche, eigenständig einen Energy-Drink aus dem Kühlschrank. Max mag diese Dosengetränke nicht, doch kauft er Linda zuliebe immer welche auf Vorrat.
»Wie geht es meiner Lieblingsenkelin denn so?«, fragt Max, während sie sich auf den Balkon begeben.
»Deiner einzigen Enkelin geht es gut.« Sie grinst und gesteht: «Ich bin heute ehrlich gesagt nicht grundlos hier.»
Max runzelt die Stirn. »Ich bin nicht reich, aber ich kann dir bestimmt etwas leihen. Wie viel brauchst du?«
»Ach, Opa, nein, es geht nicht um Geld. Ich habe etwas Besonderes vor und möchte es dir persönlich anvertrauen.«
Max verdreht die Augen. Jeder, der ihn kennt, weiß, dass er kein Fan von Überraschungen ist, was einer der Gründe ist, weshalb er sich an seinen Geburtstagen stets auf Wanderschaft begibt. Er steht nicht gern im Mittelpunkt. Bereits als Buchautor war es ihm unangenehm gewesen, Lesungen zu halten oder einem Reporter ein Interview zu geben.
»Bist du schwanger?«
»Opa! Nein, das bin ich nicht. Also ... nicht, dass ich wüsste.«
Max verdreht die Augen.
»Die frohe Nachricht ist, dass ich beschlossen habe, in deine Fußstapfen zu treten«, löst Linda überschwänglich die Überraschung auf, als hätte sie gerade die Lottozahlen erraten.
Max lächelt. »Das machst du ja schon länger. Du bist eine wunderbare Regionaljournalistin. Hast du nun vor, in den Investigationsjournalismus zu wechseln, oder wie darf ich dich verstehen?«
»Nein, das nicht. Ich werde ein Buch schreiben. So wie du!«
