Demaskiert - Sascha Michael Campi - E-Book

Demaskiert E-Book

Sascha Michael Campi

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Beschreibung

Der selbsternannte «Corona-Rebell» Matteo Meier sorgt mit seiner regierungskritischen Haltung und seinen Auftritten schweizweit für Schlagzeilen. Die junge Alina Lüpold verschwindet in der Nacht ihres achtzehnten Geburtstags, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, spurlos. Der ehemalige Berner Kriminalbeamte Walter Lehmann sitzt im Rollstuhl. Auf dem beschaulichen Bümplizer Friedhof lernt er die junge Witwe Lisi Badou kennen. Die beiden freunden sich an und eröffnen ein Detektivbüro, spezialisiert auf die Suche nach vermissten Personen. Alina beginnt gegen die metallene Tür zu hämmern. Sie beginnt zu rufen, zu schreien, noch fester zu hämmern, bis sie vor Schmerzen nicht mehr kann. Sie versucht sich zu beruhigen, zu realisieren, zu kombinieren. Betonwände. Eisentür. Das verschlossene Türschloss. Alina schreckt auf. «Ein Luftschutzraum!»

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Zu diesem Buch

Alina beginnt, gegen die metallene Tür zu hämmern. Sie beginnt zu rufen, zu schreien, noch fester zu hämmern, bis sie vor Schmerzen nicht mehr kann. Sie versucht sich zu beruhigen, zu realisieren, zu kombinieren. Betonwände. Eisentür. Das verschlossene Türschloss. Alina schreckt auf. «Ein Luftschutzraum!»

Der selbsternannte «Corona-Rebell» Matteo Meier sorgt mit seiner regierungskritischen Haltung und seinen Auftritten schweizweit für Schlagzeilen. Die junge Alina Lüpold verschwindet in der Nacht ihres achtzehnten Geburtstags, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, spurlos.

Der ehemalige Berner Kriminalbeamte Walter Lehmann sitzt im Rollstuhl. Auf dem beschaulichen Bümplizer Friedhof lernt er die junge Witwe Lisi Badou kennen. Die beiden freunden sich an und eröffnen ein Detektivbüro, spezialisiert auf die Suche nach vermissten Personen.

«Ob Entführung, Maskerade, Trauer, Liebeskummer oder Sex, dieser Kriminalroman bietet alles ausser Langeweile!»

Über den Autor

Sascha Michael Campi, geboren 1986 in Aarau. Als Krimiautor und Kolumnist, spezialisiert auf die Themen „Crime & Art“, im In- und Ausland tätig. Mitglied des Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Vereins sowie im Syndikat, dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur. Sein Herz schlägt für Sport, Fitness, Literatur, seine zwei Katzen und die Stadt Bern. Weitere Kriminalromane von Sascha Michael Campi sind in Planung.

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© 2023 by NeptunVerlag

Rathausgasse 30

CH-3011 Bern / Schweiz

www.neptunverlag.ch

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

1

Montagnachmittag in der Stadt Bern. Es ist anfangs September. Ein kühler Wind weht durch die Bottigenstrasse, mitten durch den Friedhof im Stadtteil Bümpliz. Das Laub wirbelt spiralförmig über die Gräber, die Äste an den Bäumen biegen sich gleichzeitig hin und her. Das Pfeifen des Windes ist das einzige Geräusch weit und breit, ansonsten herrscht Totenstille. Walter Lehmann blickt auf den Grabstein vor sich. Seine Augen sind feucht und in seinem Innern duelliert sich gerade die Wut mit der Trauer. Trauer, weil seine geliebte Ehefrau Therese vor einem Jahr an Krebs erkrankt und kurz darauf dem Tod zum Opfer gefallen ist. Wut gegen die Menschheit, um genau zu sein nicht gegen die gesamte, sondern lediglich gegen die jüngere. Ausgelöst wurde diese Wut soeben durch eine zerdrückte Blechdose, welche inmitten der Blumenpracht auf dem Grabbeet seiner Frau liegt. Eine leere Cola-Dose, die wohl jemand fern jeglichen Respektes auf dem Grab entsorgt hat.

«Diese Chaoten», flucht Walter, während er, im Rollstuhl sitzend, mit seinem Greifstock versucht, die Büchse aus dem Beet herauszufischen.

Wie praktisch dieser verlängerte Metallarm auch ist, auch nach Jahren beherrscht ihn Walter noch immer nicht richtig. So erwischt er erst beim vierten Anlauf das Behältnis. Genervt deponiert er es auf seinem Schoss. Gleichzeitig unterbricht lautes Gerede die Stille. Eine Gruppe Teenager schlendert durch den Friedhof. Alle mit Smartphones in der einen und Getränkedosen in der anderen Hand. Walter überlegt sich, die Jungen anzuschnauzen und auf die Abfalleimer hinzuweisen, doch dann verzichtet er darauf. Zum einen würden sie ihn wahrscheinlich nicht einmal wahrnehmen, da sie alle auch noch Kopfhörer tragen und zum anderen ist die Jugend momentan genug bestraft, das ist Walter bewusst. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist immer weniger erlaubt und so erstaunt es nur wenig, dass Teenager in Gruppen durch die Strassen ziehen und sich an Orten treffen, wo sie früher nie hingegangen wären. Dadurch wurden sie auch nicht mehr von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Wenigstens diese Umstände musste Therese nicht auch noch miterleben, tröstet sich Walter. Zu sehr hätte sie sich die aktuelle Pandemielage zu Herzen genommen, sie, die jahrelang im Altersheim tätig war und jedes Mal zu Hause wie ein Schlosshund heulte, wenn der Sensenmann die nächste Bewohnerin oder den nächsten Bewohner zu sich geholt hatte. Walter wischt sich die Tränen aus den Augen, reibt sich seine Schweisshände an der Hose trocken und beginnt, die Räder am Rollstuhl in Bewegung zu setzen. Von weitem fokussiert er bereits sein nächstes Ziel: die Parkbank am äussersten Rand des Friedhofs, daneben den metallenen Abfalleimer mit einem Aschenbecher. Wie nach jedem seiner Besuche am Grab seiner Frau platziert Walter seinen Rollstuhl neben der Parkbank, dann holt er aus seiner Bauchtasche eine Packung Zigaretten hervor. Therese mochte es nicht, wenn Walter rauchte. Er wusste das genau und vermied es, in der Nähe seiner Frau diesem Laster nachzugehen. Nach der Arbeit putzte er sich im Büro daher stets brav die Zähne, besprühte sich mit einem Billigparfüm, doch war die Mühe meist vergebens.

«Du hesch wider groucht!» (Du hast wieder geraucht), begrüsste Therese ihren Mann jeweils zu Hause in tiefstem Berndeutsch.

Doch trotz Tadel folgten jedes Mal ein sinnlicher Begrüssungskuss und ein liebevoll zubereitetes Abendessen. Zwar war es manchmal versalzen, doch Walter hätte keines dieser gemeinsamen Abendessen je missen wollen. Genüsslich zieht Walter an seinem Glimmstängel, während er mit der anderen Hand die Blechdose nimmt, um sie im Abfalleimer zu versenken.

«Verdammt», flucht er, als er das Loch des Abfalleimers verfehlt und die Dose versehentlich zu Boden fällt. Verärgert holt er erneut den seitlich im Rollstuhl verstauten Greifer hervor. Die Büchse mit den Augen fixierend, beginnt er erneut nach ihr zu angeln. Eine dunkelbraune Frauenhand taucht in seinem Sichtfeld auf, langt nach der Büchse und wirft sie durch den Schlitz des Abfalleimers.

«Das hätte ich auch selbst geschafft», nörgelt Walter und dreht den Rollstuhl zur Seite, damit er seine Helferin sehen kann.

Vor ihm steht eine dunkelhäutige, junge Frau mit lockigem, schulterlangem Haar und einem sichtlich verweinten Gesicht. Sie setzt sich neben ihn auf die Parkbank und stützt ihr Gesicht auf die Handflächen. Dann beginnt sie loszuheulen. Walter schämt sich bereits für seine unfreundliche Reaktion, daher entschuldigt er sich mit einem simplen «Sorry» und zieht weiter an seiner Zigarette. Die Frau neben ihm reagiert nicht, es wirkt auf Walter, als würde sie ihn gar nicht wahrnehmen, so sehr in Trauer und Verzweiflung versunken. Es würde ihn nicht einmal erstaunen, wenn sie sich nicht einmal mehr daran erinnern würde, ihm vor wenigen Sekunden mit der Blechdose geholfen zu haben. Walter kramt in seiner Bauchtasche herum, holt eine angefangene Packung Papiertaschentücher hervor und reicht sie der Verweinten.

«Ähm, entschuldigen Sie, die könnten Sie eventuell gebrauchen.»

Die Frau nimmt ihre Hände, die sie sich vors Gesicht gehalten hat, weg. Sie nimmt die angebotene Packung mit den Taschentüchern, bedankt sich mit einem Nicken und beginnt, in ein erstes Taschentuch zu schnäuzen. Walter drückt unterdessen seine Zigarette am Rand des Abfalleimers aus. Dann dreht er sich mit seinem Rollstuhl ab, um sich auf den Heimweg zu machen. Je weiter er sich von der Parkbank entfernt, hört er hinter sich das immer lauter werdende Geheule der jungen Frau. Walter hält einen Moment inne, dreht mit dem Rollstuhl um und fährt zurück zur Parkbank und zu der jungen Frau.

«Es wird besser, das Leben geht weiter», versucht er sie zu trösten.

Mit verheulten Augen schaut sie ihm nun erstmals direkt in die Augen.

«Wirklich? Wird es echt besser?», hakt die junge Frau hoffnungsvoll und zugleich misstrauisch nach.

«Nein, eigentlich nicht!»

Kaum ausgesprochen, bereut Walter das Gesagte. Das löst bei der jungen Frau einen noch stärkeren Heulkrampf aus. Walter beschliesst, einen Moment lang zu schweigen, in der Hoffnung, allein mit seiner Anwesenheit, seinem stillen Beistehen etwas Gutes bewirken zu können. Als sich ihr Zustand nicht bessert, bietet er ihr etwas zu rauchen an.

«Zigarette?», fragt er vorsichtig.

«Nein danke, ich rauche nicht», antwortet sie schluchzend, ihren Körper nicht bewegend und das Gesicht noch immer durch die Hände verdeckt.

«Ein guter Tag, um damit anzufangen!», schiesst es aus Walter heraus, der kaum ausgesprochen erneut sein Gesagtes bereut.

Entsetzt sieht sie ihr Gegenüber durch den Spalt, der durch die zur Seite bewegenden Hände entstanden ist, an.

«Trösten ist nicht gerade Ihre Stärke, stimmt‘s?», schluchzt sie ihn an.

«Nein, das ist wirklich nicht meine Stärke, doch glauben Sie mir, ich weiss genau, was Sie gerade durchmachen. Meine Frau Therese ist vor knapp einem Jahr verstorben. Krebs. Ausgerechnet sie, die nie eine Zigarette angerührt, sich vegetarisch ernährt und regelmässig Sport getrieben hat. Sie wurde trotzdem aus dem Leben gerissen!»

«Das tut mir sehr leid», erwidert die Fremde.

«Wissen Sie, was das Schlimmste ist, abgesehen von ihrem Tod? Was mir immer wieder durch den Kopf geht?»

«Nein, was denn?» Gespannt schaut sie ihn an.

«Vier Jahre zuvor habe ich einen Schlaganfall erlitten. Seither bin ich von der Hüfte abwärts gelähmt. Anfänglich wollte ich mir die Kugel geben. Ich haderte täglich mit meinem Dasein, war andauernd genervt und für mein Umfeld kaum auszuhalten. Dann begann ich Alkohol zu trinken, wurde noch mühsamer. Wissen Sie, was meine Frau in diesen vier Jahren tat?»

«Was denn?»

«Sie hat mich ertragen, hat mich gewaschen und gepflegt und sprach mir immer wieder Mut zu. Sie war so sehr mit meiner Pflege beschäftigt, dass sie ihren eigenen Körper gänzlich ignorierte und vergass. Und dann kam die vernichtende Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Eine Überlebenschance von gerade mal drei Prozent. Es vergingen keine vier Monate bis zur Beerdigung.»

Walters Augen füllen sich nun ebenfalls mit Tränen, auch wenn er sie zu unterdrücken versucht.

«Oje, das ist ja schrecklich. Das tut mir sehr leid, doch ich bin mir sicher, dass Ihre Frau Sie über alles liebte», tröstet ihn die Fremde.

«Wissen Sie, was ich mir nie verzeihen werde … Therese opferte ihre letzten Jahre für mich auf und ich führte mich teilweise wie ein riesiges, jammerndes Ekel auf!»

Die junge Frau gibt ein Papiertaschentuch aus der soeben erhaltenen Packung zurück. Walter bedankt sich und beginnt sich die Tränen aus den Augen zu wischen. Er hasst es, vor anderen zu weinen.

«Wissen Sie, junge Frau, es erwischt immer die Guten zuerst, das ist seit jeher die grösste Ungerechtigkeit auf Erden. Auch in meinem ehemaligen Beruf hatte ich viel mit dem Tod zu tun, ich weiss also ganz genau, wovon ich spreche.»

«Ach, waren Sie von Beruf Bestatter oder Arzt?»

«Ich war Kriminalbeamter bei der Kantonspolizei Bern. In unserer Abteilung – Leib und Leben – mussten wir uns mit so manchem sinnlosen Tod von guten Menschen befassen. Traurige Schicksale, unnötige Taten, manchmal aus Gier, Eifersucht, banalen Streitigkeiten und oft unter Einfluss von Drogen und Alkohol. Menschen, die andere verletzten, töteten oder gar, im Delirium befindend, Selbstmord begingen. In der Regel befanden sich diese Menschen in solchen Momenten in einem Ausnahmezustand. Ich könnte Ihnen hunderte von Geschichten erzählen.»

Walter schluckt leer. Normalerweise ist er nicht so gesprächig und doch ist es ihm gerade seit langem wieder einmal danach. Vielleicht liegt es an der pandemiebedingten Isolation, der langen Trauerphase, wie auch immer, denkt er sich. Es fühlt sich in diesem Moment einfach richtig an.

«Ich bin übrigens der Walter und wer bist du?»

«Lisbeth, aber bitte nenne mich nie so, all meine Freunde nennen mich Lisi, auf diesen Namen hör ich auch, im Gegensatz zu meinem richtigen.»

Die beiden reichen sich die Hände, dann beginnt er davonzurollen. Nach einigen Metern macht er nochmal Halt.

«Ich werde morgen um dieselbe Zeit da sein, falls du das Bedürfnis hast, mit jemandem zu reden. Trösten kann ich schlecht, doch zuhören kriege ich hin.»

Lisi nickt Walter bejahend zu, während sich ihre Augen bereits mit neuen Tränen füllen.

«Bis irgendwann», verabschiedet sich Walter.

«Bis morgen», antwortet Lisi, gefolgt von einem lauten Schluchzer.

2

Alina steht im Badezimmer vor dem Spiegel. Ihr dunkelbraunes Haar hat sie heute zu einem Rossschwanz zusammengebunden. Das dunkle Make-up, welches sie gerade eingehend rund um ihre hellgrünen Augen verteilt, soll ihre Augen noch besser zur Geltung bringen. Am Nachmittag hat sie sich noch für ein rotes Kleid entschieden, es sich dann aber bis zum Abend anders überlegt. Enge Jeans, schwarzer Rollkragen-Pullover und eine warme, dunkelgrüne Winterjacke. Zwar nicht so feierlich wie geplant, doch dem Wetter entsprechend. Lange hat sich Alina nach dem heutigen Tag gesehnt. Endlich volljährig zu sein. Die grosse Freiheit, wie sie es selbst gern nennt, liegt ihr nun endlich zu Füssen. Alina ist ein engagiertes Berner Mädel, das sich bereits seit Jahren für eine bessere Welt einsetzt. Der Kampf für Gerechtigkeit hat sie schon von klein auf fasziniert. Demonstrationen, Unterschriften sammeln, sich im Internet an politischen Debatten beteiligen und nun neu dann auch endlich an der Urne abstimmen zu dürfen, für all das brennt ihr inneres Feuer. Ein Blick auf die Uhr, es ist bereits sieben. Alina muss sich beeilen, um nicht zu spät zu kommen. Hastig huscht sie in ihr Zimmer, entfernt das Ladekabel von ihrem Smartphone, steckt es in ihre Handtasche auf dem Bett, huscht zum Bücherregal, das sich in einer Ecke ihres Zimmers befindet, holt das Buch «Revolution der Frauen» hervor, entnimmt ihm die darin versteckten Präservative und verstaut auch diese in ihrer Handtasche. Ein letzter Kontrollblick, dann eilt Alina die Treppe hinunter, dabei überspringt sie jede zweite Treppenstufe, etwas, das ihre Mutter seit Jahren beinahe in den Wahnsinn treibt. Unzählige Male musste sie sich die Prophezeiung von gebrochenen Beinen anhören. An der Haustür angekommen, beginnt sie in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel zu kramen. Nicht schon wieder verloren, denkt sie sich, als zwischen all den Make-up-Artikeln, Unterlagen, Feuerzeugen, Lippenstiften und sonstigem Schnickschnack kein Schlüssel zum Vorschein kommt.

«Suchst du den hier?»

Mutter Lüpold streckt ihrer Tochter von hinten den Hausschlüssel entgegen.

«Oh ja, danke, Mum!»

Alina will gerade den Schlüssel nehmen, da zieht ihre Mutter ihn wieder zurück. Man würde Alina erst in die grosse Freiheit entlassen, wenn sie mit ihren Eltern, wie versprochen, angestossen hat. Alina rollt ihre Augen, dann wirft sie einen Blick zurück ins Wohnzimmer. Vater sitzt dort bereits am Tisch, vor ihm stehen drei Gläser Sekt und daneben ein Teller mit, in kleine Stückchen geschnittenen, belegten Brötchen. Alina und ihre Mutter setzen sich dazu. Nach einem «Prost» nippen alle gleichzeitig an ihren Sektschalen.

«Du weisst, was jetzt folgt, oder?», erkundigt sich Vater Lüpold, gefolgt von einem gespielt-schockierten Augenaufschlag.

«Oh nein», entfährt es Alina.

«Oh doch!», schaltet sich Mutter Lüpold ein.

«… Es war ein für diese Jahreszeit zu kalter Septembermorgen. In der Entbindungsstation des Inselspitals herrschte eine unglaubliche Kälte, nicht etwa des Wetters wegen, sondern auf Grund einer defekten Heizung. Mehrere Handwerker arbeiteten mit Hochdruck an einer Lösung des Problems.»

«Mutter, bitte verschon mich dieses Jahr! Ich habe diese Geschichte bereits siebzehn Mal gehört und ein achtzehntes Mal kann ich sie wirklich nicht ertragen.»

Alinas Worte lösen reihum ein Gelächter aus.

«Sei froh, darfst du jetzt Alkohol trinken, nur so habe ich die Geschichte siebzehn Mal ertragen, ich, der ja damals dabei war!», scherzt Vater Lüpold.

Alina erinnert ihren Vater daran, dass sie bereits seit zwei Jahren Alkohol trinken dürfe und betont dabei, dass sie achtzehn und nicht sechzehn wird, was erneut Gelächter auslöst. Mit dem nächsten Schluck wird der im Glas verbliebene Sekt auf ex heruntergekippt. Ihr läuft die Zeit davon.

«So ihr Lieben, seid mir nicht böse, doch Jenny wartet auf mich, ich muss dringend los.»

Alina küsst ihre Eltern nacheinander auf die Stirn, bedankt sich für den Hausschlüssel und den Apéro und macht sich auf den Weg zur Tramhaltestelle «Bümpliz Unterführung», wo ihre beste Freundin Jenny bereits ungeduldig auf sie wartet.

«Sorry für die Verspätung, aber meine Eltern wollten noch mit mir anstossen», so Alinas Begrüssung.

Jennys zeigt Verständnis und lächelt. Alina solle froh sein, äussert sie sich, denn Jenny müsse sich an jedem ihrer Geburtstage, alle Jahre wieder, von ihrer Mutter die Geschichte rund um ihre Geburt anhören. Die Erzählung hänge ihr bereits aus den Ohren raus. Alina kann sich einen Lachanfall nicht verkneifen, als gerade das rote 8er Tram in Richtung Hauptbahnhof neben den beiden anhält.

«Jetzt weiss ich, was ich vergessen habe!», schreit Alina und haut sich gegen die Stirn.

«Hier, dein erstes Geschenk», wird sie von Jenny beruhigt und überreicht ihrer Freundin eine Stoffmaske mit dem Aufdruck «best friends forever».

Gerührt bedankt sich Alina, setzt sich die Maske auf und steigt ins Tram. Im Wageninnern befinden sich vor allem Teenager, die meisten sind noch nicht mal volljährig. Obwohl sie sich alle nicht kennen, verbindet sie etwas. In einer Zeit, in der alles eingeschränkt, reglementiert und mit Hygienevorschriften versehen wird, sind sie alle auf der Suche nach Freiheit. Alina und Jenny setzen sich auf die hintersten Plätze. Bereits während der Schulzeit galt diese hinterste Sitzbank als ihr Stammplatz. Keine ihrer Freundinnen wagte es damals, die beiden Plätze zu besetzen und wenn auch nur eine der beiden best friends anwesend war.

«Was glauben deine Eltern, wo wir heute Abend hingehen?», fragt Jenny mit einem schelmischen Grinsen.

«Feiern mit dir. Meine Eltern fragen nie viel nach, die wissen halt, wie seriös und brav ihr Töchterchen ist.»

Kaum ausgesprochen, bricht auf der hintersten Sitzbank lautes Gelächter aus. Jenny holt aus ihrer Handtasche zwei Dosen-Prosecco hervor.

«Tatä! Geschenk Nummer zwei», ruft sie dabei laut.

Alina strahlt und schreit durchs ganze Tram: «Vorglühen!»

Die beiden stossen an und wollen zum ersten Schluck anheben, bis sie merken, dass sie beide noch ihre Masken tragen, was bereits das nächste Gelächter auslöst. Einige Fahrgäste drehen sich genervt zu ihnen um. Bei der Haltestelle am Hauptbahnhof steigen die zwei Freundinnen aus. Arm in Arm und mit angezündeten Zigaretten im Mund überqueren sie den Bahnhofvorplatz, vorbei an einem Strassenmusiker, der gerade einen Blues Song spielt, vorbei an der Rolltreppe, auf der um diese Zeit kein Mensch hoch- und runterfährt und vorbei an einer Gruppe von Randständigen, die sich gerade einem Kasten Bier widmen. Nach Erreichen der Laubenbogen laufen die beiden am Fünfsternehotel Schweizerhof vorbei, davor parkieren protzige Sportwagen mit Diplomatenkennzeichen.

«Hier sitzen die Angeber von Bern», kommentiert Alina verächtlich.

«Bis endlich die Wende kommt! Nicht mehr lange», antwortet Jenny, bevor sie ihre leere Prosecco-Dose zerdrückt und direkt vor dem Eingang des Hotels fallen lässt.

Der Portier, der die respektlose Tat aus dem Innern der Lobby durch die Glasschiebetür beobachtet hat, stürmt im Eiltempo nach draussen.

«Ihr verdammten Gören, was soll das hier?», schreit er komplett in Rage.

In rasantem Tempo rennen Alina und Jenny davon, beim Burger King links vorbei bis zum Revendo Shop, wo sie langsam ihr Tempo drosseln und schliesslich im Schritttempo weitergehen.

«Hast du den Typen studiert? Keine fünfundzwanzig Jahre jung und läuft wie ein sechzigjähriger Banker im Anzug rum!», höhnt Jenny.

Die beiden ziehen weiter, vorbei am Bollwerk in Richtung Reithalle. Laute Musik dröhnt den beiden bereits jetzt entgegen. Von weitem erkennen sie vier Fässer, aus denen Flammen emporsteigen, sowie rund dreihundert Jugendliche mit Schildern, Alkoholflaschen und Zigaretten in der Hand. Ein Anblick, der an den Film «Mad Max» mit Mel Gibson erinnert. Eine Parallelwelt im Herzen der Stadt Bern.

«Meinst du, er wird heute da sein?», erkundigt sich Jenny.

«Robi? Ja, er wird heute sicher kommen und wer weiss, vielleicht vernasch ich ihn heute endlich.»

«Nein, ich meine nicht deinen Freund Robi, sondern Matteo Meier, der Rebell, der den Politikern den Kampf angesagt hat und der gegen die Corona-Massnahmen aufbegehrt wie kein anderer», erwidert Jenny.

«Ach so! Du meinst den Typen aus den sozialen Medien, den du so scharf findest», gibt Alina zurück.

«Gar nicht wahr», verteidigt sich Jenny mit gerötetem Gesicht.

«Gib‘s zu!», fordert Alina sie auf, worauf Jenny gesteht, dass sie Matteo Meier tatsächlich nicht von der Bettkante stossen würde.

Alina triumphiert. Sie konnte ihrer Freundin die Wahrheit entlocken, das war etwas, was Alina stets gut gelang. Während der letzten Monate wurde Matteo Meier in den sozialen Medien wie seinerzeit Che Guevara gefeiert. Er wiegelte unzählige junge Leute, darunter viele Minderjährige, dazu auf, sich gegen die Coronapolitik der Politiker zur Wehr zu setzen. Obschon die Polizei bereits mehrere Konten des selbsternannten Rebellen hat sperren lassen, gelingt es Matteo immer wieder, sich an die breite Masse zu wenden. Alles andere als erfreut waren die Politiker, als dann in der Berner Zeitung auch noch ein Portrait über Matteo Meier erschien. Zwar ein höchst kritisches, doch nichtsdestotrotz erweiterte er damit seinen Bekanntheitsgrad. Alina mochte Matteo anfänglich nicht, doch irgendwann, je mehr sie von Jenny über das Gedankengut ihres Schwarms erfuhr, umso mehr weckte Matteo ihr persönliches Interesse. Heute Abend soll Matteo in einer alten Lagerhalle, die nahe der Reitschule gelegen ist, eine Ansprache halten, die zusätzlich als Liveübertragung über YouTube und Facebook ausgestrahlt wird und dadurch ein grosses Publikum erreicht. Selbstverständlich wollen sich die beiden Freundinnen dieses in ihren Augen womöglich historische und wichtige Ereignis nicht entgehen lassen. Nachdem sie den Vorplatz der Reitschule erreicht haben, mischen sich Alina und Jenny unters Volk. Die Stimmung und die anwesenden Besucherinnen und Besucher erinnern eher an eine Studentenparty als an ein Treffen von angeblichen Rebellen der Gegenwart.

«Hallo, Alina, gut schaust du aus.»

Mit Schwung dreht sich Alina um. Diese Stimme würde sie unter tausenden erkennen.

«Robi, ich habe schon gedacht, du kommst heute nicht.»

Ihr Freund küsst sie auf die rechte Wange und drückt ihr eine Pralinenschachtel in Herzform in die Hand.

«Och, wie süss», kreischt Jenny, während sich Alina mit einer Umarmung und einem schüchternen Kuss auf Robis Mund bedankt.

«Hey, Ladies, habt ihr schon mitbekommen, dass Matteo Meier in zwanzig Minuten eine Ansprache in der alten Lagerhalle halten wird?», bemerkt Robi voller Enthusiasmus.

«Klar wissen wir das», mischt sich Jenny dazwischen.

«Wenn wir die Ansprache nicht verpassen wollen, sollten wir uns langsam auf den Weg machen, denn von der hintersten Reihe aus kriegt man nichts mit», stellt das Geburtstagskind strahlend fest, gefolgt von einer geballten Faust in die Luft und dem Aufruf: «Vive la révolution!»

Mit lautem Gelächter ziehen die drei durch das Getümmel in Richtung alte Lagerhalle, zum, ihrer Meinung nach, historischen Grossanlass.

3

«Warum nur?» Lisi spricht die Frage laut aus. Wie ein Häufchen Elend sitzt sie zusammengekauert auf dem Sofa in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung in Bümpliz. Das Smartphone hat sie auf dem Salontisch, der vor ihr steht, liegen. Seit Stunden hockt sie fassungslos da, wischt mit dem Zeigefinger von rechts nach links die Fotogalerie durch. Jedes Bild ist mit einer Erinnerung verbunden, wie ein Film, der sich in Lisis Gehirn und in ihrem Herzen eingeprägt hat. Auch wenn Lisi sich bewusst ist, dass all die Fotos von Julian ihre Trauer noch verstärken, so sind alle Erinnerungen, die Kurzfilme in ihrem Kopf der einzige Weg, um sich ihm nahe zu fühlen. Während die Bilder in der Smartphone-Galerie auch für die Zukunft aufbewahrt werden können, so werden die Bilder und Erinnerungen in ihrem Kopf mit den Jahren verblassen. Verzweifelt hofft Lisi durch das stetige Rückerinnern, der Zeit und dem Verblassen entgegenwirken zu können, auch wenn es ihr insgeheim bewusst ist, dass das Wunschdenken und reine Utopie ist. Vor sechs Jahren hatte ihre Beziehung am Computer begonnen. Über einen Chat lernten Lisi und Julian sich kennen. Nach einigen Wochen führten die beiden Videotelefonate und bereits nach zwei Monaten reiste Julian nach Kenia, um seine Lisi in der Realität zu treffen. Anfänglich verständigten sich die beiden in Englisch, doch bereits während der Online-Kennenlernphase lud sich Lisi eine Sprachapp herunter, um die deutsche Sprache zu erlernen. Julians Urlaub in Kenia dauerte zwei Wochen. Vom ersten Tag an, als er seinen Fuss auf den Boden Kenias setzte, schwebten die beiden im siebten Himmel. So intensiv die Liebe, umso grösser der Schmerz, als Julians Rückreise anstand.

«Ich hole dich in die Schweiz», waren seine letzten Worte, welche er seiner Lisi nach einem zärtlichen Abschiedskuss ins Ohr flüsterte.