10,99 €
Eine brutale Mordserie, eine heisse Affäre, dunkle Geheimnisse und erotische Obsessionen. Ein vielschichtiger Kriminalroman, der sich im Milieu der Justiz abspielt und sich mit unterschiedlichen Tabus der Gesellschaft befasst.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2024
Eine brutale Mordserie, eine heisse Affäre, dunkle Geheimnisse und erotische Obsessionen. Ein vielschichtiger Kriminalroman, der sich im Milieu der Justiz abspielt und sich mit unterschiedlichen Tabus der Gesellschaft befasst.
...In exakt vierundzwanzig Minuten wird er hier sein, mich in den Arm nehmen, er, den sie als Bestie betiteln, er, der als gefährlich gilt, er, der es immer wieder schafft, dass ich wie Wachs dahinschmelze, nur schon, wenn er mir kurz in die Augen blickt. Bereits jetzt spüre ich eine Erregung und das beim blossen Gedanken an ihn. Auch wenn ich mit dem Feuer spiele, so erfülle ich doch grundsätzlich meine Aufgabe: Ich zähme die Bestie, wie man es von mir verlangt, oder, und das macht mir immer mehr zu schaffen, die Bestie beginnt Stück für Stück damit, mich zu zähmen.
Für alle, die spannende und rasante Kriminalromane mögen, ebenso für Liebhaber von Dark Romance-Unterhaltung.
Sascha Michael Campi, geboren 1986 in Aarau. Als Krimiautor und Kolumnist, spezialisiert auf die Themen „Crime & Art“, im In- und Ausland tätig. Mitglied des Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Vereins sowie im Syndikat, dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur. Sein Herz schlägt für Sport, Fitness, Literatur, seine zwei Katzen und die Stadt Bern.
Von Sascha Michael Campi ist ebenfalls erschienen: «Demaskiert» (ISBN 978-3-85820-345-8 E-Book)
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmassnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
© 2024 by NeptunVerlag
Rathausgasse 30
CH-3011 Bern / Schweiz
www.neptunverlag.ch
ISBN 978-3-85820-352-6
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Jennifer Carusos Tagebucheintrag: Ich weiss nicht, was es ist, und ich weiss nicht, wie er es macht, doch er raubt mir den Verstand, lässt mich gegen meine Prinzipien verstossen und ich lasse mich trotz all meinen Zweifeln und Befürchtungen und zu meinem eigenen Erstaunen immer und immer wieder von Neuem auf ihn ein. Es darf nicht sein, das weiss ich, und doch liege ich mittlerweile bald allabendlich verschwitzt neben ihm. Sex hatte ich bereits unzählige Male in meinem Leben, lange Zeit mit demselben Partner, zuvor und danach aber auch mit vielen anderen. Bis ich auf ihn traf, dachte ich, mein Sexualleben sei befriedigend, ich hätte bereits die möglichen Höhen, die vollkommenen Orgasmen erlebt. Dann kam er und warf alles über den Haufen. Er erweiterte meinen Horizont und liess mich in eine Sphäre erotischer Ekstase gleiten, von der ich zuvor nicht zu träumen gewagt hätte.
Nach unserem ersten Mal fühlte ich mich plötzlich unerfahren, vor jedem Treffen wurde ich nervös wie ein Teenie, der seinen Schwarm zum ersten Date trifft. Als selbstsichere Frau verspürte ich nebst dem erotischen Kribbeln auch erstmals massive Selbstzweifel. Dabei sind es bis heute dieselben Zweifel: Werde ich ihn ebenso befriedigen wie er mich? Mit was wird er mich heute überraschen und kann ich dabei mithalten? Ob es die intensiven Gefühle, die Gelüste, dieses immense Verlangen nach ihm ist, die mich diese mir neuen Gefühle spüren lassen, oder es seine kreativen Spiele sind, die das mir Unbekannte in mir auslösen, ich weiss es nicht. Auch wenn ich es vielleicht nie mit Bestimmtheit definieren kann, so lasse ich es immer wieder gerne von neuem geschehen. Seine Küsse, mit denen er mich vom Hals bis zum Bauchnabel eindeckt, bevor er das Tempo verlangsamt, bevor er sich ganz nach unten arbeitet, all seine Streicheleinheiten, besonders die, bei denen er mit dem Zeigefinger auf meiner Haut entlanggleitet, all das werde ich nie missen wollen. Auch wenn ich weiss, dass es falsch ist, dass es nicht sein darf und wir es auf einem diabolischen Boden treiben, so ignoriere ich das noch so gerne, gemessen an all den wunderbaren Stunden, den Berührungen, dem innigen Sex, der mich immer wieder in Ektasen bringt, die ich gar nicht in Worte fassen kann. Sein kräftiger Oberkörper, seine grossen Hände, mit denen er mich an sich drückt, seine stechend grünen Augen, mit denen er mich fokussiert, durch mich hindurchschaut, als blicke er tief in meine Seele wie ein Röntgengerät, mit dem er all meine Wünsche, meine Geheimnisse, mein Verlangen herausfiltert, um sie dann wahrwerden zu lassen. Er stellt dabei Sachen mit mir an, von denen ich nicht mal wusste, dass sie möglich sind, geschweige denn sie mich so intensiv antörnen, dass ich bereits bei der Vorstellung daran zum Orgasmus komme.
Ist er mein Traummann? Ich glaube nicht, denn wir sind verschieden, viel zu verschieden und doch haben wir Gemeinsamkeiten. Sexuell gesehen könnte ich die Frage zwar höchstwahrscheinlich mit einem Ja beantworten, doch allgemein betrachtet wäre es reine Utopie. Doch was bringt es zu viel darüber nachzudenken, überlegen wir nicht allgemein zu viel im Leben? Manchmal gibt es Zeiten, da muss man etwas einfach geschehen lassen und im aktuellen Fall sehr gerne, auch wenn ich dabei meine gesamte Karriere aufs Spiel setze. Ich lasse ihn in mich hineingleiten, während die Flammen um uns herum lodern. Während ich diese Zeilen verfasse, blicke ich nach jedem Satz nervös auf die Uhr. In exakt vierundzwanzig Minuten wird er hier sein, mich in den Arm nehmen, er, den sie als Bestie betiteln, er, der als gefährlich gilt, er, der es immer wieder schafft, dass ich wie Wachs dahinschmelze, nur schon, wenn er mir kurz in die Augen blickt. Bereits jetzt spüre ich eine Erregung und das beim blossen Gedanken an ihn. Auch wenn ich mit dem Feuer spiele, so erfülle ich doch grundsätzlich meine Aufgabe: Ich zähme die Bestie, wie man es von mir verlangt, oder, und das macht mir immer mehr zu schaffen, die Bestie beginnt Stück für Stück damit, mich zu zähmen.
Im Innern der Praxis duftet es nach Käse und Schinken. Der Duft der Essensreste vermischte sich die Nacht hindurch mit dem der leeren zwei Bierflaschen auf der Empfangstheke. Der Psychiaterin Jennifer Caruso brummt bereits der Kopf beim Eintreten in die Räumlichkeiten. Der Geruch, der ihr entgegenströmt, löst in ihr unweigerlich einen Würgereiz aus. Beinahe stolpert sie über eine Zimmerpflanze, die seit Jahren als Dekoration neben der Empfangstheke steht. Eine einst sehr prachtvolle Pflanze, die mittlerweile den Kopf hängen lässt, als wäre sie einer schweren Depression verfallen. Auf den Knien über die Toilettenschüssel gebeugt übergibt sich Caruso, so sehr, dass sie fürchtet ihre kompletten Eingeweide auszukotzen. Das gekaufte Laugenbrötchen war definitiv keine gute Idee gewesen. Als das letzte Teigstückchen seine temporäre Heimat wieder verlassen hat, betätigt Caruso die Spülung. Ein Blick in den Badezimmerspiegel lässt sie vor sich selbst erschaudern. Die Augenringe lassen sie älter wirken, als sie in Wahrheit ist. Ihr sonst stets schön gekämmtes Haar wirkt wirr und einzig das Haarband, das den Rossschwanz zusammenhält, verhindert eine komplett zerzauste Frisur.
Der Umtrunk am Abend zuvor war eindeutig ausgeartet. Einmal mehr die letzten Wochen, oder waren es schon Monate? Caruso holt sich eine Zahnbürste aus dem Badezimmerkästchen, putzt sich die Zähne und wäscht sich anschliessend mit kaltem Wasser das Gesicht sauber. Danach begibt sie sich wieder in den Praxisraum, räumt die Essensreste und die leeren Flaschen in einen Abfallsack, wischt die verklebte Empfangstheke sauber und öffnet die Fenster. Die frische Luft wirkt wie eine Erlösung und wüsste es Caruso nicht besser, so könnte sie schwören, dass die Zimmerpflanze hinter ihr soeben einen Jubelschrei auf die Frischluft ausgestossen hat. Bereits seit fünf Jahren betreibt Caruso ihre eigene psychiatrische Praxis in der Berner Altstadt.
Bereits als Kind galt sie stets als sehr einfühlsamer Mensch, der sich immer für das Leid und die Freuden der anderen interessierte, und als jemand, der nicht nur zuhören, sondern sich auch mit Rat und Tat helfend zur Seite stellen konnte. Caruso wollte sich gestern einen Feierabend-Drink gönnen. Nach dem geplanten Drink an der Bar im Kursaal kam jedoch unerwartet eine alte Freundin aus Studentenzeiten hinzu. Ein zweiter Drink würde noch drin liegen, danach fertig. Patricia Widmer setzte sich auf den Barhocker nebendran und begann ungefragt von ihrem erfüllten Leben mit Ehemann und Kindern zu schwärmen, so sehr, dass Caruso unbedingt einen weiteren Drink benötigte. Denn wenn sie eines aktuell nicht gebrauchen konnte, dann irgendwelche gutgelaunten Mitmenschen, die das Leben hochpreisen, als sei es der reinste Ponyhof. Vier Gin-Tonics später verabschiedete sich Patricia endlich. Um zu verhindern, dass sie noch mal vollgequatscht wurde, bestellte sich Caruso einen letzten Absacker. Kaum stand der Drink vor ihr, gesellte sich ein netter Herr in einem sehr schicken Anzug zu ihr. Circa Mitte dreissig wie sie selbst, sportlich, kurzes Haar und eine Brille, die ihn eher wie einen Staatsanwalt oder Arzt wirken liess, obschon er angeblich ein Geschäftsmann war und für eine Nacht im Hotel des Kursaals verweilte. Sie entschied sich explizit in Gedanken für «angeblich», denn wenn sie ihr Job eines gelehrt hatte, dann war es der Umstand, dass alle Menschen lügen. Manche bewusst und andere unbewusst. Einige, um sich selbst besser zu fühlen, andere, um das Gegenüber zu beeindrucken.
Der Geschäftsmann bestellte sich einen Whiskey. Pur, ohne Eis. Irgendwie steht sie auf solche Typen, so ein Hauch James Bond in der richtigen Umgebung hatte ihr schon immer Eindruck gemacht. Irgendwie, Caruso kann sich heute nicht mehr genauer erinnern, zogen sie anschliessend zu zweit durch die Lauben der Berner Altstadt und irgendwie, Caruso weiss es beim besten Willen nicht mehr, weshalb, landeten mit einer Pizzaschachtel und zwei Bierchen in ihrer Praxis.
«Hatte ich gestern Sex?»
Schockiert schaut sich die Psychiaterin in der Praxis um, doch nein, wie betrunken sie auch gewesen sein mag, sich aktuell auf einen Mann einzulassen, das hätte sie auch im Delirium nicht fertiggebracht, nicht jetzt, nicht nachdem ...
«Nein, ich hatte keinen Sex!»
Jetzt ist sich Caruso sicher oder redet es sich zumindest ein und beruhigt sich mit dem Gedanken, allein zu Hause aufgewacht zu sein, auch wenn sich ihr Unterbewusstsein zu Wort meldet, dass dies allein den Sex noch nichts ausschliesse. Caruso bringt den Abfallsack hinunter zur Strasse. Danach beginnt sie mit einem Lavendel-Duftspray ihre Praxis wiederzubeleben. Der Duft von Frische vermag zwar die hereintretenden Patienten täuschen, doch Caruso nicht. Sie weiss genau, dass sich hier einiges abgespielt hat, nicht allein gestern, bereits viele Male zuvor. Seit einigen Monaten war sie nicht mehr sich selbst. Wäre es ihr irgendwie möglich, so würde sie sich am liebsten selbst therapieren, doch da dieser Gedanke reine Utopie ist und Caruso keine Lust hat, bei einem Kollegen auf dem Stuhl zu sitzen, hat sie sich für den Weg entschlossen, den auch viele ihrer Patienten wählen: einige Monate im Selbstmitleid baden, den Kummer ertränken und darauf hoffen, dass sich die Situation bessert. Auch im Wissen, dass sich nichts von selbst regelt und sich Methoden wie die des Frustsaufens meist alles noch verschlimmert, liess sich Caruso auf diesen Weg ein.
Ein kurzer Blick in die Agenda. Josef Ruckstuhl, oh nein, ausgerechnet Josef Ruckstuhl muss es sein. Beinahe kehrt der Brechreiz von soeben zurück. Wenn Caruso einen ihrer Patienten nicht ausstehen kann, dann ist es der ehemalige Häftling Ruckstuhl. Die Berner Justiz hatte ihm eine Therapie aufgebrummt, nachdem er zum sechsten Mal ein Betrugsdelikt begangen hatte. Immer wieder schaffte es Ruckstuhl, sich eine naive, verzweifelte Frau zu angeln, die er dann finanziell und psychisch aussaugte, wie Dracula das Blut seiner Opfer. Ruckstuhl war in Carusos Augen ein fertiger Jammerlappen und am liebsten hätte sie das auch vor einigen Wochen in den Therapiebericht geschrieben, den sie der Justiz aushändigen musste. Doch leider ist Ruckstuhl ein schlauer Hund, der sich während der Bewährungszeit nichts zu Schulden kommen lässt und sämtliche therapeutische Arbeit widerstandslos mitmacht. Noch ein Monat, dann wird seine Bewährungszeit zu Ende sein. Caruso weiss genau, wie es weitergehen wird: Kaum fühlt er sich frei, begibt er sich auf die Jagd wie ein Jäger nach dem Wild. Nicht lange und irgendein Dummchen wird sich in ihn verlieben, ihm seine Kreditkarte aushändigen, für ihn ein Auto leasen, ihn mit Geld unterstützen und für ihn die Beine breit machen. Nicht lange und die nächste Anzeige flattert ins Haus und bis Ruckstuhl wieder auf dem Stuhl eines Therapeuten sitzen wird. Wo auch immer, nur nicht auf diesem Stuhl, nicht in dieser Praxis, betet Caruso innerlich, während sie sich die Notizen vom letzten Termin aus einem Ordner hervorholt. Kaum befinden sich die Blätter in ihrer Hand, betritt Ruckstuhl, wie immer zehn Minuten zu früh, die Praxis.
«Guten Tag, Frau Caruso, schön, dürfen wir uns wieder mal sehen.»
Bereits seine Begrüssung bringt seine Psychiaterin innerlich in Rage. Doch professionell, wie sie ist, setzt sie sich ihre Maske auf, grüsst Ruckstuhl freundlich, bittet ihn auf dem Stuhl Platz zu nehmen und lässt ihn wie gewohnt losplaudern. Während Ruckstuhl irgendetwas von seinem temporären Job in einer Bäckerei erzählt, fragt sich Caruso, wie so ein Mann immer wieder eine Frau finden kann, die ihn verehrt, ihm blind vertraut und dann auch noch in ihr Bett lässt. Eine Jeanshose wie in den Achtzigern, ein blau-weiss kariertes Hemd wie ein Rodeo-Cowboy und ein Parfüm, das eher nach Schuhcreme riecht als nach einem Duft, der auf die Haut gesprüht gehört. Abgerundet wird alles noch mit einem Dreitagebart und fettigen Haaren. Caruso verspürt bereits jetzt Mitleid für die nächste Frau, die durch das schleimige Geschwafel ihres Gegenübers in den Glauben versetzt wird, den Richtigen und einzig Ehrlichen gefunden zu haben, und die dann über das ungepflegte Äussere hinwegsehen, die Augen schliessen und es über sich ergehen lassen wird. Caruso muss ihre Gedankengänge stoppen. Noch ein Brechreiz könnte peinlich enden.
«... und der Chef und meine Arbeitskollegen sind sehr zufrieden mit mir. Sie würden sich freuen, wenn ich fest bei ihnen arbeiten würde. Auch sie sind der Meinung, dass ich nie mehr straffällig werde.»
«Was ist mit den weiblichen Arbeitskolleginnen? Gefällt Ihnen da eine?», hakt sich Caruso heute erstmals ein, denn irgendwann muss sie mal den Anschein erwecken, am Gespräch und der Zukunft des Jammerlappens teilhaben zu wollen.
«Nein, Frau Caruso, auf Arbeitskolleginnen lasse ich mich nicht ein. Allgemein fühle ich mich nicht bereit, mich auf eine Frau einzulassen.»
«Bis die Bewährung vorbei ist!»
Ups, das wollte Caruso jetzt nicht laut sagen. Der entsetzte Blick von Ruckstuhl könnte nun bei manchem Mitleid erwecken, doch nicht bei seiner Therapeutin, die ihn besser kennt als jeder andere. Für Caruso ist Ruckstuhl ein offenes Buch, ein wahrer Groschenroman mit Bestsellerqualitäten.
«Ich weiss, Frau Caruso, Sie denken, dass ich wieder in mein altes Muster fallen werde, doch diesmal nicht, diesmal werde ich es schaffen.»
Es sind Momente wie dieser, in denen sich Caruso einen kurzen Augenblick lang fragt, wieso sie sich diesen Job überhaupt antut. Wäre Brötchen backen oder Briefe verteilen nicht befriedigender? Wäre die Welt nicht einfacher und würde man nicht Sinnvolleres bewirken, könnte man den Hunger stillen oder Rechnungen verteilen? Während Caruso sich in Gedankengänge flüchtet, um sich von dem Gegenüber abzulenken, plaudert Ruckstuhl weiter, als würde er in Hollywood eine Rede für einen soeben gewonnenen Oscar halten. Unweigerlich erinnert sich Caruso an ein altes Zitat des Schweizer Journalisten Walter Ludin: Psychiater haben es schwerer als Chirurgen. Von der Seele lässt sich kein Teil wegschneiden.
Jennifer Carusos Tagebucheintrag: Kerzen mag ich seit jeher, doch was er mit dem Wachs auf meinem Rücken anstellt, das lässt mich die Kerzen gerade zu lieben. Dieses Gefühl, dieser stetige Wechsel zwischen Hitze und Kälte, wenn er mich den heissen Kerzenwachs fühlen, er ihn auf meinen Rücken tropfen lässt, bevor er mir mit einem Eiswürfel vom Nacken den Rücken hinunterfährt, er kurz vor meinem Po abbremst, er den Eiswürfel dort für einen Moment liegen lässt, fühlt sich an wie ein Stich. Danach die Massage wie ein Beben, das meinen ganzen Körper zum Vibrieren bringt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, ich will mehr und gleichzeitig, dass er aufhört, nicht weil es etwa nicht gut wäre, sondern weil mich das Verlangen nach dem, was kommen wird, so sehr antörnt, dass ich es nicht mehr erwarten kann. Immer wieder versuche ich mir einzureden, dass der Höhepunkt in unserer Affäre erreicht ist, dass ich es beenden muss, und genau an diesem Punkt werde ich immer wieder schwach, lasse mich wieder auf ihn ein und werde erneut überrascht und mit neuen Höhepunkten konfrontiert.
Es fühlt sich an wie eine Sucht, es befriedigt einen. Man will sich trotzdem davon lösen, weil einem alle dazu raten, weil die Konsequenzen fatal sind und man selbst weiss, dass es nicht sein darf. Doch lässt man sich wieder und wieder darauf ein, man gönnt sich den nächsten Kick und schwebt dabei in einer Sphäre weit weg von der Realität. Für mich ist es, wie makaber es klingen mag, beinahe so, wie gewisse Menschen ein Nahtoderlebnis beschreiben. Eine Kollegin von mir verunfallte vor Jahren schwer mit ihrer Vespa. Man musste sie an Ort und Stelle wiederbeleben. Im Nachhinein beschrieb sie ein sonderbares Ereignis. Sie habe den Sanitäter von oben her beobachten können, wie er immer und immer wieder ihren Brustkorb nach unten drückte. Ihr Geist habe bereits den Körper verlassen, sie sei über ihrem eigenen Leib geschwebt als Zuschauerin, bis zu dem Moment, als der Körper zu atmen begann, da wechselte die Perspektive wieder ins Normale. Seither glaubt meine Freundin an ein Leben nach dem Tod, an viel Übersinnliches und Esoterisches, was sie zuvor stets verspottet hat.
Wenn ich mich mit ihm vergnüge, fühlt es sich so ähnlich an. Er lässt mich während dem innigen Sex aus dieser Welt schweben. Wenn ich meine Augen schliesse, sehe ich oft noch mehr, als wenn sie geöffnet sind. Ich sehe von oben hinunter, wie eine Beobachterin schaue ich auf ihn herab, wie er auf mir liegt, wie er in mich reingleitet, wie er seinen Körper hin und her bewegt, wobei ich dieses Vibrieren spüre, dieses wohlwollende Gefühl, bevor ich mein Stöhnen nicht mehr zurückhalten, nicht mehr drosseln kann. Es ist, als wäre für einen Moment alles in Ordnung, als wäre mein Leben perfekt, bestehend aus lauter Glücks- und Liebesgefühlen, von denen ich nie genug bekommen kann.
Mittlerweile ist es so schlimm, dass wenn ich irgendwo Kerzen sehe, ich nicht mehr an Weihnachten oder Romantik, sondern direkt an Sex denke, ebenso ergeht es mir mit Eiswürfeln. Ich bestelle mittlerweile im Café um die Ecke meinen Eistee bewusst ohne Eis, denn der blosse Anblick erregt mich, erinnert mich an ihn und verstärkt meine Sehnsucht, meine Gelüste, die sich schon beinahe wie Gier anfühlen. Ja, ich giere nach ihm wie noch nie nach jemandem. Wie das sein kann? Ich weiss es nicht, denn ich bin noch immer davon überzeugt, dass er nicht mein Traummann, er nicht der Mann fürs Leben sein kann, denn wir sind verschieden, viel zu verschieden und doch sind wir wie zwei Magnete, wir ziehen uns an und kaum sind wir beieinander, ziehen wir uns aus.
In der Strafanstalt Pöschwies im zürcherischen Regensdorf. Eine kalte Bise bläst durch das Fenster einer kleinen Zelle. Valentin Speranza erhebt sich nach seinem kurzen Nickerchen auf dem kleinen Bett in seiner Zelle. Während die anderen Häftlinge ihre Pausen vor dem Fernseher, beim Kartenspielen oder Konsumieren von hereingeschmuggelten Drogen verbringen, legt sich Speranza stets für einen kurzen Moment hin, greift nach seinem aktuellen Buch, taucht in eine weit entfernte Welt ein, weit weg von den Gittern der Strafanstalt, weit weg von dem düsteren Umfeld, den verzweifelten Geistern, die ein Leben im Schatten der Gesellschaft verbringen, einsam, eingesperrt in kleine Räume. Nach einigen Seiten fallen ihm die Augen zu und eine halbe Stunde lang gelingt es ihm zu schlafen. Eine halbe Stunde Frieden.
Speranza ist bereits seit achtzehn Jahren inhaftiert. Man hatte ihn als Dreissigjährigen verwahrt, ihn dadurch aus der Gesellschaft entfernt und in diese Anstalt verfrachtet, die für ihn mittlerweile widerwillig sein Zuhause geworden ist. Speranza gilt als vorbildlicher Insasse, der in all den Jahren nicht einen einzigen Regelverstoss begangen hat. Selbst die von der Gefängnisbücherei ausgeliehenen Bücher kamen immer pünktlich zurück. Während seine Mitinsassen sich immer mal wieder krankschreiben lassen, fehlte Speranza bei der gefängnisinternen Arbeit noch nie. Seine Zelle war steriler als so manche Arztpraxis. Alles hatte seinen Platz und jeder Gegenstand wurde mehrmals die Woche abgestaubt und gesäubert. Während die anderen um ihn herum immer mal wieder untereinander, oder gegen das Personal gerichtet, die Beherrschung verlieren, war Speranza seit jeher die Ruhe selbst. In der Anstalt hatte man ihm vor Jahren den Spitznamen «Gentleman» verpasst und dieser wurde mittlerweile nicht nur von den Mitinsassen, sondern auch von den Aufsehern, sogar dem Direktor, verwendet. Der Gentleman schwebt wie ein Geist durch die Anstalt und, obschon er alles andere als wie ein gefährlicher Straftäter wirkt, kann er auf seine ganz eigene Art einschüchternd auf die anderen wirken. Gerade seine innere Ruhe, seine Eloquenz und zugleich seine Gefühlskälte können bei so manchem einen Schauder hervorrufen.
Es gibt unzählige Gerüchte, weshalb Speranza einsitzt. Einige sprechen von Massenmord, andere von Vergewaltigung und einige sind sich sicher, dass es sich bei ihm um den letzten Kannibalen handelt, der seine ganze Familie geschnetzelt und zu einem Eintopf verarbeitet hat. Gerüchte über Gerüchte, doch die Wahrheit kennt keiner. Nicht einmal die Aufseher wissen Bescheid und das sorgt auch beim Personal, gerade beim Wachpersonal, immer mal wieder für Gesprächsstoff, da man normalerweise im System bei allen Häftlingen einsehen kann, weshalb der Insasse verurteilt wurde. Bei Speranza spukt der Computer jedoch nur wenige Zeilen aus, lediglich den Hinweis, dass sich alle Akten und Informationen unter Verschluss befänden. Der Insasse sei als hochgefährlich einzustufen und mit Vorsicht zu geniessen. Die Aufseher kannten diese Zeilen, doch mittlerweile, nach all den Jahren, hatten sie sich ihre eigene Meinung gebildet. Speranza, der bei ihnen im Hausdienst tätig war, die Essensausgaben organisierte und koordinierte und der die Gänge und Aufenthaltsräume sauber hielt, ist für sie einer der unkompliziertesten Insassen, der ihnen einzig dann Arbeit beschert, wenn er wieder neue Bücher aus der Bibliothek ausleihen will. Zudem ist er der einzige Insasse, der seit jeher freiwillig auf einen Fernseher verzichtet. Unter dem Motto «Wenn ich schon nicht mehr in der Gesellschaft leben darf, dann interessiert mich auch nicht, was diese da draussen treibt» hat er sich komplett von der Aussenwelt abgeschnitten. Die Ausnahme sind einige Radiosendungen, im Speziellen gewisse Talksendungen, die sich mit Literatur und Philosophie befassen, die sich Speranza regelmässig anhört.
Die Zürcher Justizdirektorin Gabriella Studer sitzt hinter ihrem Schreibtisch, der wie immer penibel gereinigt und nur mit dem Nötigsten belegt ist. Bereits um fünf Uhr morgens hat sie bei einer Aussentemperatur von zwei Grad ihre obligate Joggingrunde entlang der Limmat absolviert und bereits um halb sieben Uhr ihr Büro betreten. Wie immer hat sie sich als erstes einen Kaffee aus ihrer Nespresso-Maschine genehmigt und bereits beim ersten Schluck den Computer aufgestartet.
Gabriella Studer ist seit jeher eine engagierte Persönlichkeit, die sich im Sozialen wie auch im Politischen mit Herzblut für die Schweiz einsetzt. Seit zwei Jahren ist sie als Direktorin des Zürcher Amtes für Justiz tätig. Seit ihrem Amtsantritt haben sich keine grösseren Skandale ereignet, auch wenn Studer sich bereits im Vorfeld strategisch und mental auf den einen oder anderen medialen Grossskandal vorbereitet hatte. Wie selbstsicher sie sich nach aussen in ihrer Position präsentiert, eines macht ihr doch seit dem Beginn ihrer Amtszeit Kummer: Die Fälle aus der Vergangenheit. Den Kopf hinhalten für den Fehler eines Vorgängers, das ist Studers grösster Albtraum und gerade heute droht dieses Schreckensszenario erstmals einzutreffen. An der Bürotür klopft es. Die Direktorin erhebt sich und öffnet die Tür. Staatsanwalt Martin Mosimann tritt über die Schwelle. Die Begrüssung der beiden fällt kurz aus. Beide sind mit einem mulmigen Gesichtsausdruck versehen. Keiner der beiden hat sich auf den heutigen Termin gefreut.
«Martin, bringen wir es hinter uns. Wie sieht es mit dem Fall Valentin Speranza aus?», kommt Studer direkt auf den Punkt, während sie sich ruckartig auf ihren Sessel fallen lässt.
Mosimann richtet sich auf dem Sessel gegenüber seine Lesebrille zurecht, holt einige Dokumente aus seiner Ledermappe hervor, setzt sich in gerader Haltung auf, fährt sich kurz mit der linken Hand durch das Haar und beginnt mit seinem Briefing.
«Ich fange mit den guten Nachrichten im Fall Speranza an. Wir haben Glück. Die Medien haben nichts mitbekommen und es scheint gottseidank allgemein nichts durchgesickert zu sein. Speranza muss entlassen werden, das hat das Gericht durch die Aufhebung seiner Verwahrung festgesetzt. Wir können ihm eine Therapie verordnen, was ich als sinnvoll erachte und ihm bereits vorgeschlagen habe. Damit scheint er einverstanden zu sein. Speranza wünscht sich zudem einen Neuanfang in Bern.»
«In Bern?», hakt sich Studer verwundert ein.
«Ja, das können wir ihm nicht verbieten, doch werden wir darauf bestehen, dass weiterhin unsere Behörde für den Fall verantwortlich bleibt. Unsere Akten und der Fall selbst werden keinesfalls an eine andere, geschweige denn eine ausserkantonale Behörde weitergeleitet. Dafür habe ich bereits gesorgt.»
Studer bestätigt mit einem Nicken. Der Gedanke, dass einer der eventuell gefährlichsten Straftäter des Landes entlassen wird, sie die Verantwortung mittragen muss und dann noch unter den Umständen, dass sich der Straftäter einige Kantone weiter frei bewegt, breitet ihr mehr als nur Sorgen, doch anmerken lassen will sie sich das nicht.
«Wenigstens lässt er sich auf die Therapie ein, so sind wir stets über ihn informiert und haben ihn in gewissem Mass unter Kontrolle», meint Studer optimistisch nach einem lauten Räuspern.
«Ja, das schon, jedoch gibt es einen Haken, was die Therapie betrifft.»
Die Pupillen der Justizdirektorin weiten sich. Sie ahnt, dass nun die schlechten Nachrichten folgen.
«Ich dachte er lässt sich auf eine Therapie ein.»
«Ja, das wird er auch, jedoch nur unter einer Bedingung», erklärt Mosimann mit leiser Stimme.
«Und die wäre?»
Studer ahnt bereits Übles.
«Er will von einer gewissen Jennifer Caruso therapiert werden und von niemand anderem.»
«Jennifer Caruso? Eine Therapeutin vom psychiatrisch-psychologischen Dienst Zürich?»
«Nein, eben nicht. Eine selbstständige Berner Psychiaterin», präzisiert Mosimann mit hochgezogener Augenbraue.
