Chimana - Sascha Michael Campi - E-Book

Chimana E-Book

Sascha Michael Campi

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Beschreibung

Kiara Winter flüchtet in jungen Jahren vor ihrem gewalttätigen Freund ins Ausland. In einer Spelunke lernt sie Aponi, eine Schamanin und Paartherapeutin der besonderen Art, kennen, die sie unter ihre Fittiche nimmt. Jahre später als Kiara in ihre Heimat zurückkehrt, um ihre eigene Praxis zu eröffnen, trifft sie auf den gutaussehenden Immobilienmogul John Brand, der nicht nur als Playboy, sondern auch für seine besonderen sexuellen Vorlieben bekannt ist. Als Brand erfährt, dass seine neue Mieterin eine Praxis spezialisiert auf Sexualpraktiken führt, weckt sie umgehend sein Interesse. Während der charmante Millionär alles dafür gibt Kiara zu erobern, taucht eine dunkle Gestalt aus der Vergangenheit auf, die alles zu zerstören droht, was Kiara sich über Jahre aufgebaut hat.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

„Was mit einem Wimmern begann, wandelte sich in lautes Weinen und Flehen. So durfte es nicht enden. Nicht nach all dem, was sie durchgemacht hatte. Ihre Hände fühlten sich taub an. Sie zitterte am ganzen Körper und schloss die Augen. Die Verzweiflung übermannte sie, sich damit abfindend, dass nun alles vorbei sein würde. Gerade als sie sich im Stillen von der Welt verabschieden wollte, ertönte dieses Geräusch. Ein Motor. Ein Fahrzeug. Licht erhellte die Strasse. Etwas näherte sich.“

Kiara Winter flüchtet in jungen Jahren vor ihrem gewalttätigen Freund ins Ausland. In einer Spelunke lernt sie Aponi, eine Schamanin und Paartherapeutin der besonderen Art, kennen, die sie unter ihre Fittiche nimmt.

Jahre später als Kiara in ihre Heimat zurückkehrt, um ihre eigene Praxis zu eröffnen, trifft sie auf den gutaussehenden Immobilienmogul John Brand, der nicht nur als Playboy, sondern auch für seine besonderen sexuellen Vorlieben bekannt ist.

Als Brand erfährt, dass seine neue Mieterin eine Praxis spezialisiert auf Sexualpraktiken führt, weckt sie umgehend sein Interesse. Während der charmante Millionär alles dafür gibt Kiara zu erobern, taucht eine dunkle Gestalt aus der Vergangenheit auf, die alles zu zerstören droht, was Kiara sich über Jahre aufgebaut hat.

Über den Autor

Sascha Michael Campi, geboren 1986 in Aarau. Als Krimiautor und Kolumnist, spezialisiert auf die Themen „Crime & Art“, im In- und Ausland tätig. Mitglied des Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller Vereins sowie im Syndikat, dem Verein für deutschsprachige Kriminalliteratur. Sein Herz schlägt für Sport, Fitness, Literatur, seine zwei Katzen und die Stadt Bern.

Von Sascha Michael Campi ist ebenfalls erschienen:

«Demaskiert» (ISBN 978-3-85820-345-8 E-Book)

«Enttabuisiert» (ISBN 978-3-85820-352-6 E-Book)

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© 2025 by NeptunVerlag

Rathausgasse 30

CH-3011 Bern / Schweiz

[email protected]

www.neptunverlag.ch

ISBN 978-3-85820-353-3

Chimanastammt aus dem Indianischen und bedeutet Schmetterling. Der Schmetterling ist ein Symbol für Heilung, Wandlung, Transformation und Veränderung.

Wie wird man ein Schmetterling? Man muss das Fliegen so sehr lernen wollen, dass man bereit ist, sein Raupendasein aufzugeben.

Trina Paulus

Prolog

Wie soll ich meine Tätigkeit beschreiben? Noch heute habe ich manchmal Mühe, die richtigen Worte dafür zu finden. Grundsätzlich bin ich eine Art Therapeutin, spezialisiert auf Paare mit gewissen Neigungen. In meine Praxis kommen Frauen und Männer, die einen «Kink» ausleben möchten. Der Ausdruck «Kink» hatte ursprünglich die Bedeutung eines Knicks oder Knotens, doch in den letzten Jahren hat er an einer zusätzlichen Bedeutung gewonnen. Abgeleitet von der Idee einer «Kurve» steht er für eine abweichende sexuelle Vorliebe. Wer also im Alltag vom Blümchensex gelangweilt ist, steht eher auf Kinky-Sex, das heisst, man lebt seinen Kink, eine spezielle Neigung, aus.

Es gibt unterschiedliche Arten von Kinks. Manche Personen wollen sich als Tier ausgeben, als Arbeiter einer gewissen Berufsgruppe, zum Beispiel Krankenschwester oder Klempner, andere haben Spass daran, eine gewisse Situation, sei es eine alltägliche oder einer speziellen Fantasie entsprechend, nachzuspielen. Oft ist es ein Zusammenspiel aus einem dominanten Part, dem Dom, und einem devoten Part, der Sub. Gewisse Menschen lieben es, die Kontrolle zu haben, andere lassen sich gerne fallen, indem sie die komplette Kontrolle abgeben. Das Ganze ist eine enorme Vertrauensangelegenheit. In extremen Fällen stehen die Kunden auf Sadomaso-Praktiken oder BDSM. Eine Mischung aus Schmerz und Lust, die ihnen die ultimative Befriedigung verschafft. Gerade seit dem Boom der Buch- und Filmreihe «Fifty Shades of Grey» oder dem Filmerfolg «365 Days» trauen sich immer mehr Liebespaare, sich sexuell kreativ auszuleben.

Während früher sexuell viel in den Schlafzimmern passierte, wurde zugleich nur selten bis nie darüber gesprochen. Fragen wie «Was gefällt dir?», «Auf was stehst du genau?», «Was empfindest du, wenn ich mit dir folgende Praktik ausführe?» wurden nie ausgesprochen. Das Sexleben vieler Menschen war einseitig, ideenlos und oft befriedigte der eine den anderen, ohne die Gewissheit zu haben, ob er oder sie ebenso befriedigt war wie man selbst. Man kam zwar zum Höhepunkt, erkannte aber nicht, an welchem Punkt das Gegenüber gekommen war oder ob überhaupt!

Heute ist man in puncto Sex viel offener. Das Thema wurde enttabuisiert. Man spricht darüber und damit ist bereits der erste Schritt getan. Man tauscht sich über seine heimlichen und oftmals unterdrückten Fantasien aus und versucht, sie auf spielerischerotische Art in die Beziehung zu integrieren, zum Beispiel mit Hilfe von Sexspielzeugen wie Vibratoren, Handschellen, Seilen, Nippelklemmen, Knebelutensilien und so weiter. Noch nie gab es so viele Sexspielzeuge in den Schlafzimmern von Frau und Herr Normalbürger wie in der heutigen Zeit. Auch die Sexindustrie erlebt einen regelrechten Boom. Während die ehemaligen Sexshops heute bald gänzlich verschwunden sind, florieren die Onlineshops enorm. Man bestellt alles diskret verpackt und unkompliziert nach Hause. An dem Punkt, manchmal auch schon früher, gelangen meine Kunden an mich. Denn ist das Tabu zuhause erst einmal gebrochen und die Paare haben sich gegenseitig geöffnet, stehen sie oft ratlos allein da. Einige beginnen, sich Bücher, Filme, Dokus oder Websites anzuschauen, um Ideen für die künftige Umsetzung zu sammeln. Andere wenden sich direkt an mich. Die Mehrheit jedoch probiert sich zuerst im Stillen aus. Sie haben keine Ahnung von der Handhabung des bestellten Sexspielzeuge oder versuchen irgendwelche Szenen aus schmierigen Pornos nachzuspielen. Meine Aufgabe besteht darin, diese Paare professionell zu beraten. Ich eruiere ihre Fantasien in Doppelgesprächen, manchmal zu Anfang auch in Einzelsitzungen, und helfe ihnen dabei, ihre heimlichen Wünsche, Gelüste oder gar Obsessionen mit ihren Partnern auf die richtige Weise ausleben zu können. Ist das Ziel erstmal definiert, erarbeiten wir gemeinsam ein Konzept für die Realisation des Kinks. Gewisse Paare benötigen eine Art Skript, andere gewisse Hilfsmittel und wieder andere eine bestimmte Örtlichkeit.

Die Wünsche und Vorstellungen meiner Kunden gehen kilometerweit auseinander. Ich habe mir Wörter wie «normal» oder «gewöhnlich» schon lange abgewöhnt, denn in meinem Beruf werde ich immer wieder von Neuem mit den abstrusesten Ideen konfrontiert. Wichtig ist für mich, dass alle Umsetzungen meiner Kunden einvernehmlich geschehen, was im Übrigen auch einer der Gründe ist, weshalb ich nur Paare und nicht Einzelpersonen therapiere. Ich lehre niemanden, wie man den anderen fesselt, wenn ich nicht weiss, dass es der andere auch will. Oder einfacher gesagt, ich will nicht nur den Fessler, sondern auch die gefesselte Person kennen.

Meine Arbeit erfüllt mich sehr. In den meisten Fällen darf ich miterleben, wie sich Paare dank unserer Sitzungen näherkommen, näher als sie sich das je hätten vorstellen können. Manchmal erlebe ich Paare, die bereits Jahre oder gar Jahrzehnte zusammen sind und sich erst nach dem Ausleben ihrer Kinks zum ersten Mal als miteinander verschmolzen wahrnehmen. In seltenen Fällen führt meine Therapie zur Trennung. Manchmal beginnt sich der eine zu öffnen und der andere ist sichtlich schockiert über dessen bisher verborgene Vorlieben. Oder man wendet gewisse Praktiken dem anderen zuliebe an, kommt aber eigentlich nicht damit klar. Es gibt Paare, bei denen beide auf Unterschiedliches stehen, und sie wechseln sich ab, bei anderen decken sich die Vorlieben. Ab und zu erlebe ich es, dass Kunden ihren Partner mitbringen, ohne ihn vorgängig über das Vorhaben oder die Sitzung bei mir vorbereitet zu haben. Das sind schwierige Momente, in denen sich so mancher überrumpelt fühlt.

Meine Mentorin Aponi, die indianische Wurzeln hat, verpasste mir vor Jahren den Namen «Chimana». Das Wort ist schamanisch, bedeutet Schmetterling und steht für Transformation und Verwandlung. Laut Aponi verfüge ich über die Gabe, Menschen bei ihrer Verwandlung zu helfen, damit sie wieder fröhlich und befreit durchs Leben schweben, wie ein Schmetterling. Anfangs lachte ich über meinen neuen Namen, doch heute bin ich dankbar dafür. Es ist das passende Wort für mich als Therapeutin und es treibt mich an, der Bedeutung dieses Namens gerecht zu werden.

1

2018 im schweizerischen Graubünden

Sie rannte, so schnell sie konnte. Die Äste unter ihren Füssen brachen, Steine bohrten sich durch die dünnen Sohlen der Hausschuhe direkt in ihre Haut. Der Wind wehte ihr durch die Bäume ins Gesicht. Ein Donnerschlag ertönte, während der Regen nur so prasselte. Es war kalt. Eiskalt. Doch sie spürte nichts. Keine Schmerzen, keine Zweifel. Sie rannte durch die Dunkelheit, so schnell sie konnte. In der linken Hand hielt sie die Leine ihres Labradors Butch, mit dem rechten Arm umschlang sie die Urne ihres Vaters. Alles, was ihr wichtig war, trug sie bei sich. Sie wollte fliehen, nicht zurückschauen, hinfort in ein neues Leben. Weg von all den Psychospielen, den Schmerzen. Weg von ihm, von diesem elenden Bastard, der ihr das Leben in den letzten zwei Jahren zur Hölle gemacht hatte. Er würde sie suchen. Er würde sie jagen. Vielleicht klebte er ihr bereits im Rücken.

Bei diesem Gedanken schreckte sie während des Rennens kurz auf. Sie sprang zusammen mit ihrem Vierbeiner über einen umgestürzten Baumstamm, lief schneller und schneller, ohne zurückzuschauen. Butch keuchte und doch wedelte er ununterbrochen mit dem Schwanz. Auch er hatte vieles durchgemacht, die Brandwunde über seinem rechten Auge war noch gut sichtbar.

Ein stechender Schmerz im Hüftbereich machte sich bemerkbar. Sie war es nicht gewohnt zu rennen, schon gar nicht solche Distanzen. Gewöhnlich lag sie nach dem allabendlichen Streit auf dem Boden, wimmernd, während er sie mit Tritten, bösen Worten und Spucke traktierte. Zu oft hatte sie all das über sich ergehen lassen. Heute hatte er den Bogen endgültig überspannt, das Fass ihrer Geduld war überlaufen. Was er heute getan hatte, würde sie ihm nie verzeihen. Ihre Energiereserven waren am Ende, sie konnte und wollte nicht noch mehr einstecken. Ein Gefühl der Leere ergriff sie, treibend in einem See namens Verzweiflung, ausgepowert. Mit letzter Kraft hatte sie sich heute Nacht befreit aus ihrem sogenannten Daheim, das in den letzten Monaten ein Gefängnis gewesen war.

In der Ferne erkannte sie ein Licht. Zuerst wollte sie anhalten in ihrem Lauf, sich verstecken aus Angst, es könnte sein Geländewagen sein, um ihm nicht direkt in die Arme zu laufen. Doch sie rannte weiter und erkannte, dass sich das Licht nicht bewegte. Zudem tauchte ein weiteres auf. Strassenlaternen. Eine Landstrasse. Noch ein paar Meter und sie könnte es geschafft haben. Ihr fiel ein, dass sie ihm zum Glück die Reifen zerstochen hatte, er konnte sie gar nicht verfolgen. Dass sie vor ihrer Flucht daran gedacht hatte, seine Pneus mit einem Messer zu zerstechen, darüber war sie sehr froh. Vor vier Monaten hatte sie bereits versucht zu fliehen. Sie war nicht weit gekommen. Als ihr einfiel, dass sie die Urne ihres Vaters im Haus zurückgelassen hatte, kehrte sie, ohne zu überlegen, um, doch er war unterdessen bereits wieder bei Bewusstsein, hatte sich aufgerafft und sich auf die Lauer gelegt. Kaum war sie über die Schwelle des Hauses getreten, um die Urne zu holen, zog er sie an den Haaren. Er schleifte sie durchs Wohnzimmer ins Bad, warf sie in die Badewanne und begann, sie mit heissem Wasser abzuduschen. Butch erkannte nicht, ob es gespielt war oder nicht. Er mischte sich nicht ein. Ihre Schreie waren weit zu hören. Hätten sie nicht auf dem Land gelebt, wäre ihr in Kürze jemand zu Hilfe geeilt. Aber hier, in dieser gottlosen Einöde, in der sie lebten, konntest du dich heiser schreien und es kam niemand.

Sie hasste diesen Ort fast so sehr wie ihn. Sie wollte fort und nie mehr in dieses Höllenloch zurückkehren, nie mehr daran denken oder an ihn erinnert werden. Neu anfangen. Alles hinter sich lassen. Sie verlangsamte ihr Tempo, als sie sich der Strasse näherte.

«Mach schon. Irgendwer muss doch unterwegs sein, verdammt nochmal.»

Sie betete, dass ihr ein Auto, ein Traktor, von ihr aus auch ein Fahrrad entgegenkam. Irgendjemand, der ihre Not erkannte, der ihr half, der die Polizei anrief und sie am besten direkt mitnahm, weg von Satans Spielwiese, dem hellen Licht entgegen.

Sie wischte sich mit der Hand den Schweiss von der Stirn und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch ihr langes schwarzes Haar. Butchs Leine hatte sie auf den Boden plumpsen lassen. Er stand nur wenige Meter von ihr entfernt und war damit beschäftigt, die Bäume am Strassenrand zu beschnuppern. Was, wenn niemand kommt, schoss es ihr durch den Kopf. Was, wenn keiner in den nächsten Stunden hier durchfährt. Sie würde der Eiseskälte zum Opfer fallen. Ihr dünner Seidenpyjama fühlte sich nass an. Von Schweiss und Kälte vollgesogen wirkte er wie ein Eismantel, der ihr das Gefühl gab, sie stünde als Schneemann da.

Butch näherte sich ihren Füssen und schnupperte. Sie setzte sich neben ihn ins Gras. Der Regen hatte nachgelassen, doch nicht lange und das Unwetter würde von neuem losbrechen. Butch begann ihre Hand zu lecken. Sie umarmte ihn, damit er ihr etwas Wärme spenden konnte. Nun brach es aus ihr heraus. Es begann mit einem Wimmern und wandelte sich in lautes Weinen und Flehen. So durfte es nicht enden. Nicht nach all dem, was sie durchgemacht hatte. Ihre Hände fühlten sich taub an. Sie zitterte am ganzen Körper und schloss die Augen. Die Verzweiflung übermannte sie. Würde nun alles vorbei sein? Als sie sich im Stillen von der Welt verabschiedete, ertönte ein Geräusch. Ein Motor. Ein Fahrzeug. Licht erhellte die Strasse. Etwas näherte sich.

«Butch, wir werden gerettet. Gottseidank!», schrie sie in die Dunkelheit.

Sie lief dem Fahrzeug entgegen, wedelte dabei wild mit den Armen. Sie schrie aus tiefster Kehle um Hilfe. Ein grauer Kombi verlangsamte. Der Fahrer schien seinen Augen nicht zu trauen. Er bremste sein Fahrzeug neben ihr auf der Strasse ab, ohne auszusteigen. Langsam liess er die Scheibe ein Stück weit herunter.

«Sind Sie betrunken? Stehen Sie unter Drogen?», erkundigte sich eine scheue Greisenstimme.

«Nein, ich bin nüchtern. Sie müssen mir helfen. Ich wurde misshandelt. Mein Freund jagt mir hinterher. Bitte nehmen Sie mich und meinen Hund mit. Ich flehe Sie an, helfen Sie mir.»

Sie liess sich neben dem Fahrzeug auf die Knie fallen, die Finger verschränkt, als würde sie in der Kirche zu Gott beten. Der alte Mann musterte sie einen kurzen Moment.

«Wird er mich beissen?»

Sie realisierte, dass es nicht sie war, der er misstraute.

«Nein, das ist Butch, mein Labrador. Er ist ein gutherziger und folgsamer Hund. Sie brauchen keine Angst zu haben.»

«Na gut. Steigen Sie ein, junge Frau.»

Der alte Mann löste die Verriegelung des Wagens. Sie öffnete augenblicklich die hintere Tür des Fahrzeugs, liess Butch hinein und setzte sich zu ihm auf die Rückbank. Die Urne ihres Vaters legte sie sich behutsam auf den Schoss.

«Wo müssen Sie hin?», erkundigte sich der Fahrer.

«Egal, einfach nur weg von hier. So weit weg wie nur möglich!»

2

2025 in der Schweizer Landeshauptstadt Bern

Der Vermieter öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Der Geruch von frischer Farbe, gemischt mit Lavendelduft, stieg Kiara in die Nase. Wie ein Zirkusdirektor in der Manege präsentierte Dieter Bachmann voller Stolz die frisch bemalten Wände der kleinen, aber stilvollen Berner Altstadtwohnung.

«Wie versprochen wurde alles renoviert, Frau Winter. Sie können nun ihr Bijou beziehen und es nach Belieben einrichten.»

Er reichte ihr den Wohnungsschlüssel, den sie dankbar entgegennahm. Kiara Winter begab sich zum Fenster, öffnete es und atmete die frische Luft der Berner Altstadt ein.

«Sie sind nicht von hier, oder? Aus St. Gallen, stimmt's?»

Der Vermieter versuchte offenbar, einen Smalltalk zu eröffnen. Die Aussicht direkt in die Münstergasse war etwas Besonderes. Kiara mochte ihre neue Wohnung.

Klein aber fein und direkt im Herzen der Landeshauptstadt. Überall, wo sie hinschaute, erblickte sie Passanten. Ein lebendiger Stadtteil, in dem sich niemand allein fühlen musste.

«Nein, aus Graubünden, aber das ist lange her. Ich war für längere Zeit im Ausland …», antwortete sie nach einer kurzen Pause.

«Ich kenne die Lenzerheide gut», erwiderte Herr Bachmann. «Meine Frau und ich fahren oft dorthin zum Skifahren. Eine wunderbare und friedliche Gegend. Da werden Sie die Natur und die Ruhe sicher vermissen.»

«Oh nein!», schoss es aus Kiara heraus. «Glauben Sie mir, ich werde nichts dort vermissen, am allerwenigsten die Ruhe.»

Der Vermieter verabschiedete sich und drückte ihr eine Flasche Rotwein in die Hand, zur Feier der Wohnungsübergabe. Kaum war er über die Schwelle getreten, schloss Kiara die Tür ab. Sie kehrte zurück ins Wohnzimmer, lehnte sich mit dem Rücken gegen eine der Wände und glitt langsam hinunter, bis sie sie auf dem Boden sass. Sie lächelte und schaute sich um. Endlich hatte sie es geschafft! Sie war zurück in der Schweiz, in dem Land, in dem sie zuvor gelebt hatte, und doch weit entfernt von allen schlimmen Erinnerungen. Nun hiess es von vorn anfangen. Eine neue Existenz aufbauen. Neue Freunde. Neue Hobbys. Kiara freute sich auf alles, was kommen würde, und doch war sie den Tränen nah. Wie sehr wünschte sie sich Butch an ihrer Seite. Vor zwei Jahren hatte sie ihn einschläfern lassen müssen. Der Tumor wurde immer grösser und die Schmerzen zur Zumutung. Es war eine schwere Entscheidung, als sie im Hamburger Tierspital das Einverständnis hatte geben müssen. Butch war ihr ein treuer Begleiter gewesen in all den Jahren. Eine Art Schutzengel auf vier Beinen. Leider musste er zu früh von dieser Welt gehen.

Kiara legte die Hände vors Gesicht. Sie fühlte sich einsam, einsamer als sonst. Die Wohnung gefiel ihr, und auch wenn sie nur zweieinhalb Zimmer hatte, so wusste sie, dass viel auf sie zukam, denn ihr einziges Hab und Gut bestand aus drei riesigen Koffern. Keine Möbel, keine Accessoires, keine Erinnerungsstücke. Zwei Koffer gefüllt mit Kleidern und einer mit den Utensilien, mit denen sie die letzten Jahre nicht nur ihre Brötchen verdient hatte, sondern auch einiges zur Seite legen konnte. Die Finanzen waren bei dem Neustart ihre kleinste Sorge.

Es stand ein weiterer Termin an, ein kleiner Altstadtkeller nahe der Rathausgasse war zum Vermieten ausgeschrieben. Eine Art altertümlicher Gewölbekeller mit Steinwänden und einem alten Holzboden. Zuvor war jahrelang ein Trödelladen darin eingemietet, nun war der Geschäftsführer gestorben und das Geschäft wurde aufgelöst. Bereits um 17 Uhr stand der Besichtigungstermin an. Kiara war nervös, weil sie nicht sicher war, ob sie den Keller zugesprochen bekam, denn laut der Immobilienfirma gab es mehrere Interessenten. Eine gewisse Selina Wolf war ihr für die Besichtigung zugeteilt worden. Kiara hatte die Maklerin bereits gegoogelt. Eine auffallend hübsche Blondine Mitte zwanzig mit stechend grünen Augen und einem auffälligen Muttermal auf der rechten Wange.

Am meisten fürchtete Kiara Fragen wie «Was wollen Sie aus diesem Keller machen?» oder «Warum wollen Sie diesen Keller mieten?». Wie sollte sie ihren Beruf erklären? Einen Beruf, den es eigentlich gar nicht gab. Der aber so sinnvoll war und vielen Kunden nicht nur Freude bereitete, sondern auch vor vielem bewahrte. Ob es besser war zu lügen oder zu versuchen auszuweichen, wusste Kiara nicht, nur eines war ihr klar: Der Maklerin konnte sie nicht die Wahrheit sagen. Sie würde sie anlächeln, von oben bis unten abwertend mustern und mit einem «Wir werden uns melden» abwimmeln.

Kiara erhob sich. Sie öffnete die kleine Reisetasche, die sie an einem der grossen Koffer befestigt hatte. Sie nahm einen schwarzen Rollkragenpullover heraus und kramte einen Kamm und eine fast leere Parfümflasche hervor, damit sie sich für die Besichtigung etwas frisch machen konnte. Während sie sich im Badezimmer die Haare kämmte, blickte sie sich im Badezimmerspiegel in die Augen. Unglaublich. Erstmals erkannte sie, was aus ihr geworden war. Sie dachte an die Zeit vor ihrer Reise – besser gesagt vor ihrer Flucht – zurück. Damals stand ihr im Spiegel noch eine nicht gerade dumme, doch viel zu gutgläubige und herzliche junge Frau gegenüber. Heute sah sie sich selbst in die Augen und erkannte das enorme Selbstvertrauen, die innere Ruhe, die Gelassenheit und gewaltige Aura, die von ihr ausging, die ihr ihre Mentorin Aponi von Anfang an prophezeit hatte. Sie war im Nachbarland neu geboren worden und mit einer Stärke in die Heimat zurückgekehrt, die ihr niemand mehr nehmen konnte.

Kiara hatte sich aus ihrem Kokon befreit. Der Schmetterling breitete seine Flügel aus.

3

2018 in Hamburg