Bleibst du, wenn ich frage - Lucia Sperling - E-Book

Bleibst du, wenn ich frage E-Book

Lucia Sperling

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Vom Glück, die eigene Stärke zu kennen – und eine gute Freundin zu haben »Bleibst du, wenn ich frage« ist ein lebenskluger, inspirierender Roman über die vielseitigen Facetten des Glücks, Frauenfreundschaft und Neuanfänge. Mit Mitte Vierzig muss Ari noch einmal ganz von vorne anfangen: Ihr Partner Mike setzt sie und ihre 14-jährige Tochter May vor die Tür, und nach einer unfairen Abmahnung ist auch noch ihr Job im Bürgeramt in Gefahr. Zum Glück kann sie erst mal bei ihrer Freundin Olivia unterkommen, die allerdings in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Als Ari tatsächlich ihren Job verliert, befürchtet sie, jetzt auch bei Olivia ausziehen zu müssen. Doch die reagiert ganz anders als erwartet. Aus der gemeinsamen Not entsteht die Idee zum good karma cafè, einem Second-Hand-Laden, der schnell zum Kundenliebling wird. Ari kann ihr Glück kaum fassen. Dann steht erst Mike überraschend vor der Tür, und wenig später auch noch Mays Vater, den Ari längst aus ihrem Leben gestrichen hatte … Gefühlvoll-authentische Unterhaltung für die Leser*innen von Lia Louis oder Clare Empson Unter ihrem Pseudonym Lucia Sperling schreibt Bestseller-Autorin Lucinde Hutzenlaub berührende Romane über die Fallstricke langjähriger Beziehungen und die Stärke lebenserfahrener Frauen. Entdecken Sie auch die anderen Romane für Frauen von Lucia Sperling: - Wohin gehst du, wenn ich bleibe - Vom Lieben und Lassen

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Lucia Sperling

Bleibst du, wenn ich frage

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Mit 46 muss Ari noch einmal ganz von vorne anfangen: Ihr Partner Mike setzt sie und ihre 14-jährige Tochter May vor die Tür, und nach einer unfairen Abmahnung ist auch noch ihr Job im Bürgeramt in Gefahr. Zum Glück kann sie erst mal bei ihrer Freundin Olivia unterkommen, die allerdings in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Als Ari tatsächlich ihren Job verliert, befürchtet sie, jetzt auch bei Olivia ausziehen zu müssen. Doch die reagiert ganz anders als erwartet. Aus der gemeinsamen Not entsteht die Idee zum good karma cafè, einem Second-Hand-Laden, der schnell zum Kundenliebling wird. Ari kann ihr Glück kaum fassen. Dann steht erst Mike überraschend vor der Tür, und wenig später auch noch Mays Vater, den Ari längst aus ihrem Leben gestrichen hatte …

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

Rezepte

DANKE

Für Nadine

Kapitel 1

September 2023

Ari öffnete mit dem Ellbogen die schwere Tür zu dem fensterlosen Lagerraum, in dem seit ein paar Tagen der Kopierer untergebracht war. Sie trug viel zu viele leere Ordner, die sich über die vergangenen Wochen neben ihrem Schreibtisch angesammelt hatten, auf einmal und musste sich konzentrieren, damit ihr nicht der komplette Stapel aus den Händen fiel. Aber wenn sie schon mal hierher unterwegs war, konnte sie ja genauso gut ihr Büro aufräumen.

Wenigstens war das Licht schon an.

Für das Göttinger Rathaus und viele andere Amtsgebäude typische Neonlichter beleuchteten den fensterlosen Raum, der sich am Ende des langen Ganges befand und in dem außer Kopierpapier, Handtüchern, weiteren leeren Ordnern viele übrig gebliebene oder ungenutzte Dinge lagerten, die sonst nirgends Platz oder Verwendung gefunden hatten. Der Raum wurde von den Mitarbeitern der Stadtverwaltung das Aktengrab genannt, obwohl vermutlich das Einzige, was sich hier niemals finden ließ, tatsächlich Akten waren. Die wurden streng alphabetisch geordnet und in Ausziehschubladen eingeschlossen. Zumindest die, die nicht digitalisiert worden waren, aber dafür sorgte Lampertz, der stellvertretende Amtsleiter, akribisch. Er liebte seine Akten, sprach über sie, als wären sie das Wichtigste auf der Welt, und hatte extra noch einen weiteren Raum für weitere Aktenschränke beschlossen, weshalb auch der Kopierer jetzt hier und nicht mehr neben der Kaffeeküche stand. Ari konnte Lampertz nicht leiden. Er war ein schmieriger, leicht untersetzter Mittfünfziger, der mit großer Vorliebe auberginefarbene schillernde Krawatten trug und Schuppen hatte, was ihn nicht daran hinderte, sich selbst für unwiderstehlich zu halten. Bei der letzten Weihnachtsfeier hatte er allerdings die Krawatte abgelegt und das Hemd so weit geöffnet, dass keiner an diesem Büschel grauer Brusthaare hatte vorbeisehen können, das sich immer noch sehr zuverlässig vor Aris inneres Auge schob, wenn Lampertz auftauchte und sie nicht aufpasste. Und das, obwohl mehr als neun Monate vergangen waren und ihr bereits vor der nächsten Weihnachtsfeier graute.

Auf dieser Weihnachtsfeier hatte er außerdem gefühlt jede Frau »Mäuschen« genannt. Ari hatte nur darauf gewartet, dass er auch sie so ansprach, dann hätte sie ihm vermutlich eine geklebt. Zum Glück für sie beide hatte er einen großen Bogen um sie gemacht. Aris Kolleginnen behaupteten, dass er Angst vor ihr habe, und hatten damit vermutlich recht. Das sagten sie allerdings nur, wenn Franziska nicht dabei war. Franziska Beutler. Seit Jahren Ackermanns Affäre, was alle wussten, worüber aber keiner sprach. Dass sie ein Verhältnis mit dem Amtsleiter hatte, war ein offenes Geheimnis und machte aufrichtige Gespräche unter Kolleginnen beinahe unmöglich, denn Franzi erzählte alles ihrem Boss. Und der war nun mal Christian Lampertz’ bester Freund.

Die Abneigung war jedenfalls eindeutig beidseitig. Dass Lampertz jetzt hier im Aktengrab stand und offenbar etwas suchte, hatte ihr gerade noch gefehlt. Dass er sich dabei so demonstrativ über die neue und zuckersüße Praktikantin Pia Fink beugte, um nach irgendetwas auf dem Regalbrett über ihr zu greifen, war schlicht und ergreifend ekelhaft. In dem Moment, in dem hinter Ari die Tür ins Schloss fiel, zuckte Lampertz zusammen, und Pia versuchte sofort, sich unter seinem Arm hindurchzuwinden. Leider hatte die Tür Aris Arm so unglücklich gestreift, dass sie den Stapel mit den Ordnern fallen ließ. Eine der Ecken, die alle mit einer Metallschiene geschützt waren, bohrte sich schmerzhaft in Aris nackten Fußrücken. Sie bereute, dass sie sich heute Morgen für die Sandalen entschieden hatte, aber man musste schließlich die Spätsommertage nutzen, wenn es sie schon einmal gab. »Verdammte Scheiße!«, rief sie laut und bückte sich, um die Ordner aufzuheben und sich den Fuß zu reiben. Den blauen Fleck, den ihr dieser Ausflug einbringen würde, konnte sie schon jetzt fühlen. Als sie sich wieder aufrichtete, sah sie von Pias dankbarem Gesicht direkt in das genervte von Lampertz. Sie hatte ihm offensichtlich die Tour vermasselt.

»Sind wir heute wieder ungeschickt?«, fragte er und grinste Pia an.

»Wir?« Ari spürte, wie ihr heiß wurde. Sie war nicht unbedingt dafür bekannt, geduldig und still zu sein, wenn sie sich über etwas ärgerte, und zumindest Lampertz und Ackermann hatten in den Mitarbeitergesprächen am Anfang des Jahres immer wieder betont, wie schwierig sie es fänden, dass Ari ihr Temperament nicht unter Kontrolle habe. Keiner sonst hatte damit ein Problem. Und ganz ehrlich, was konnte Ari schon dafür, dass die beiden so zielsicher ihre Trigger-Knöpfe drückten, wann auch immer sie in der Nähe waren? »Wer: wir?«, wiederholte sie, als Lampertz nur weiter dümmlich grinste.

»Natürlich du, Ari. Wer sonst? Unsere Pia hier bestimmt nicht.«

Ari musste ein Würgegeräusch unterdrücken, als Lampertz seine Hand auf Pias Arm legte. Ari konnte ihr ansehen, wie gerne sie sie wegziehen würde. Stattdessen rührte sie sich keinen Millimeter. Alles an ihr wirkte versteinert. Ihre Körperhaltung, ihr Gesichtsausdruck. Alles. Wahrscheinlich traute sie sich nicht, sich zu wehren, genauso wenig wie Ari sich am Anfang ihrer »Karriere« hier auf dem Bürgeramt nicht getraut hatte. Bis sie bemerkt hatte, dass Lampertz und Ackermann ihre Stellung dazu nutzten, um genau das zu tun, was gerade eben passiert war: junge Mitarbeiterinnen einzuschüchtern und so subtil anzugrapschen, dass sie eindeutige Signale sendeten und hinterher immer noch behaupten konnten, dass überhaupt nichts geschehen sei. Aber sie hatte es satt, zuzusehen und die Klappe zu halten. Das hatte sie lange genug gemacht. Und wenn es so direkt unter ihren Augen stattfand, konnte sie schließlich gar nicht wegsehen.

»Klar«, sagte Ari. »Wie ungeschickt von mir, genau in dem Moment hier hereinzukommen, in dem du ausgerechnet dieses … was auch immer hinter Pia gesucht hast? Oder was meinst du?« Sie funkelte ihn an, während Pia so unauffällig wie möglich ein ganzes Stück von ihm abrückte.

»Das denkst du also?« Lampertz schnaubte. »Wenn du es genau wissen willst: Ich habe das hier gesucht.« Wahllos griff er irgendeinen Gegenstand und hielt schließlich triumphierend einen Klebebandroller in die Höhe. »Aber jetzt habe ich das Ding ja endlich gefunden.«

Das Würgegeräusch hatte sich nun leider doch an ihrem Bewusstsein vorbeigeschmuggelt, bevor sie es hätte kontrollieren und bestenfalls unterdrücken können. Sie wusste, es war nicht schlau, mit ihrem Vorgesetzten in eine Konfrontation zu geraten, aber sie konnte einfach nicht anders.

Ihr Chef kniff die Augen zusammen. »Hast du was gesagt?« Auch er konnte sehr schnell wütend werden, das hatte Ari schon mehrfach erlebt. »Was ist dein Problem, Frau Rösing?« Er siezte seine Mitarbeiter immer dann, wenn er ihnen signalisieren wollte, dass das Du quasi ein Geschenk war, das er ihnen als Vorgesetzter machte, das er aber durchaus auch sehr schnell wieder zurückziehen konnte, wenn sie nicht mehr in seiner Gunst standen. Die Angewohnheit, sie zu duzen und gleichzeitig Frau Rösing zu nennen, war vermutlich das, was sie am wenigsten an ihm mochte. Albern war das. Albern und lächerlich. »Siehst du schon wieder Gespenster? Hast du PMS, deine Tage, steht der Mond schlecht oder ist irgendetwas mit … wie hieß er noch? Jack? Mick?«

Er machte einen Schritt auf sie zu, was Ari einerseits gut fand, denn so konnte Pia sich wenigstens frei bewegen, das arme Ding, andererseits musste sie nun noch viel intensiver den Impuls unterdrücken, ihn von sich zu schieben.

»Mike«, sagte sie, obwohl Mike in ihrem Leben seit fast drei Monaten keine Rolle mehr spielte, aber das wusste Lampertz natürlich nicht. Ziemlich genau seit dem Zeitpunkt, als sie ihn im Bett mit diesen beiden schrecklichen Frauen entdeckt und innerhalb von Minuten verlassen hatte, um zu Olivia zu ziehen. Nicht, dass eine nicht auch schon ausgereicht hätte, aber Mike mochte es nun mal besonders billig. Mit Schaudern dachte sie an den Moment, in dem nicht nur sie, sondern auch ihre dreizehnjährige Tochter May Dinge gesehen hatten, die sie nie wieder vergessen würden. Und gegen die selbst Lampertz’ Brusthaarbüschel harmlos waren.

»Was hat Mike damit zu tun?«

»Keine Ahnung? Sag du es mir? Immerhin tauchst du hier auf und glaubst, Dinge gesehen zu haben, die bestenfalls deiner Fantasie entsprungen sein können. Also …«, er zuckte mit den Schultern, »ist es doch legitim, sich über die Wahrnehmungen und Ungeschicklichkeiten seiner Mitarbeiterinnen Gedanken zu machen, vor allem wenn sie so absurd sind wie deine, oder etwa nicht?«

Schon allein dafür, dass er die ganzen Fremdwörter benutzte, hasste sie ihn noch mehr. Aber was auch immer sie nun zu ihm sagen konnte, es hatte keinen Sinn, mit ihm zu diskutieren. Alles an diesem Gespräch war tatsächlich absurd, überflüssig und diente nur dazu, Macht zu demonstrieren. Ekelhaft war das. Und furchtbar, dass sie ihm das nicht einfach sagen konnte und es auch niemanden hier gab, der ihm Einhalt gebieten konnte.

Um sich zu beruhigen, bückte Ari sich und wollte die Ordner vom Boden aufheben. Pia ging ebenfalls in die Knie, um ihr zu helfen. Und als Ari sich wieder aufrichtete, konnte sie sehen, wie Christian Pia unverhohlen auf den Hintern glotzte.

Das war der Moment, in dem sie explodierte. Später fragte sie sich, ob sie vielleicht hätte still sein sollen, aber … nein. Still sein war einfach keine Option mehr.

»Sag mal, Christian! Denkst du, wir sehen nicht, dass du Pia anstarrst? Das ist total übergriffig und ekelhaft! Merkst du eigentlich gar nicht, wie unangemessen das ist?«

»Was denn?« Er hob die Hände zum Himmel. »Ich mach doch gar nichts! Und abgesehen davon, du bist ja nur neidisch, weil dich keiner mehr anschaut.«

»Lass es doch einfach sein! Merkst du denn gar nicht, dass sie das nicht will?« Ari funkelte ihn wütend an. »Pia ist ein junges Mädchen! Sie könnte deine Tochter sein!« Sie konnte nicht fassen, dass er sich noch nicht einmal zurücknahm, als sie ihn nun so direkt ansprach. Andererseits: Was hatte sie erwartet? Er war schon immer so gewesen. Das machte es nicht besser. Aber es erklärte einiges.

»Ach, Frau Anwältin für die Armen und Schwachen, denkst du nicht, sie würde es mir sagen, wenn sie irgendetwas unangemessen finden würde?«

Pia hatte sich keinen Millimeter bewegt.

Nein, sie hätte vermutlich tatsächlich nichts gesagt und würde es auch weiterhin nicht tun. Und das wusste Christian Lampertz nicht nur ganz genau. Er nutzte es auch aus.

»Siehst du? Sie sagt nichts. Dann ist doch alles in bester Ordnung. Stimmt’s, Frau Fink?« Er zwinkerte Pia zu und trat dann noch einen Schritt auf Ari zu.

Nun stand er so nah, dass sie sein Aftershave riechen konnte. Lampertz beugte sich vor und schob sein Gesicht ganz nah an ihres. »Aber wenn es je etwas gibt, worüber du dich beschweren möchtest, dann komm doch einfach in mein Büro, und wir reden drüber. Meine Tür steht dir immer offen, Ari, das weißt du. Auch gern nach Feierabend.« Sowohl sein warmer Atem als auch sein anzüglicher Blick streiften Aris Haut, und das gab ihr den Rest. »Verzieh dich, Christian!«, zischte sie wütend. Sie schob ihn von sich und konnte gerade noch einen Blick auf sein süffisantes Lächeln werfen, bevor er völlig übertrieben an den Kopierer taumelte.

Er stöhnte und rieb sich mit schmerzerfüllter Miene den Ellbogen.

»Ohhh, das schmerzt! Haben Sie das gesehen, Frau Fink?«

Pia war blass geworden. Sie schüttelte nur stumm den Kopf, und Ari seufzte. Es gab solche und solche Menschen. Pia war viel zu schüchtern und scheu, um sich gegen Menschen wie Lampertz zu wehren. Und Ari hatte sich in ihrem Leben schon viel zu oft wehren müssen, um es sich leisten zu können, scheu und schüchtern zu sein. Letzteres hatte sie bereits das eine oder andere Mal in Schwierigkeiten gebracht. Und auch jetzt schien es nicht wirklich hilfreich zu sein.

»Ari, Ari …« Lampertz schüttelte den Kopf. »Du hast dich einfach nicht unter Kontrolle. Hast du schon mal darüber nachgedacht, ein Antiaggressionstraining zu absolvieren? Ist ja nicht das erste Mal, dass du hier so grundlos ausflippst.« Er rieb sich erneut demonstrativ den Ellbogen.

Und erneut spürte Ari, wie die Wut in ihrem Magen zu brodeln begann. Sie fühlte sich wie ein Wasserkocher kurz vor dem Siedepunkt, bevor das Ventil Dampf abließ. Sie musste hier raus. Noch ein dummer Spruch von Lampertz, und sie würde komplett explodieren.

»Dass du aber auch immer gleich so körperlich werden musst«, sagte er und sah sie bedauernd an, bevor er sich an Pia wandte. »Ich kann mich doch darauf verlassen, dass du das bezeugen kannst, Frau Fink, oder? Frau Rösing hat sich einfach nicht unter Kontrolle.« Er schnalzte mit der Zunge. »Dass ihr das mal nicht zum Verhängnis wird.«

Die Temperatur in Aris innerem Wasserkocher stieg. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie anfangen zu pfeifen.

»Ja, also … nein, das …« Pia war knallrot geworden.

»Da siehst du, was du angerichtet hast, Rösing!« Lampertz streckte seine Hand nach der Praktikantin aus, um ihr über den Oberarm zu streichen. »Arme Pia.«

Da war es um den Wasserkocher geschehen. Ari machte einen Schritt auf ihren Chef zu und schlug seine Hand vom Arm der Praktikantin.

»Wie deutlich muss man denn werden, damit du es kapierst?«, zischte sie böse, als er zurückzuckte und sich erschrocken über die Hand rieb. Dieses Mal hatte sie wirklich ihre ganze Kraft aufgewandt und gewollt, dass es wehtat. Offensichtlich war ihr das gelungen. Gut so. Und sowieso schon egal. Es war einfach unwahrscheinlich wohltuend, endlich ihre Wahrheit auszusprechen und sich wirklich zu wehren, anstatt immer nur zu hoffen, dass sie wieder einen Tag ungeschoren davonkam. Oder eine ihrer Kolleginnen. Sie hätte sich längst wehren müssen. Ach was, nicht sie – sie alle zusammen. Dann wäre jetzt niemand in dieser Situation. Nicht Pia und auch nicht Ari selbst.

»Glaubst du denn, du kannst dir hier alles erlauben? Nur weil du eine Stufe über uns stehst?«, fragte sie wütend. »Was fällt dir eigentlich ein, uns so unter Druck zu setzen? Ganz abgesehen davon: Was bist du nur für ein Mensch?« Mit ihrer Wut hatte sich eine unglaubliche Klarheit in ihr manifestiert, die es ihr unmöglich machte, weiterhin zuzusehen, wie er sich benahm. Es musste ein Ende haben. Das alles. Auch wenn sie wusste, dass sie sich um Kopf und Kragen redete, konnte sie nicht damit aufhören.

»Du bist ja wohl völlig verrückt geworden«, sagte Lampertz leise, wobei er sie anfunkelte. Sie hatte seine Autorität untergraben. So wütend hatte sie ihn noch nie erlebt. »Das hier wird ein Nachspiel haben, so viel ist ja wohl klar. Ich nehme an, es ist dir bewusst, dass du gerade einen Vorgesetzten geschlagen hast.« Mit einem letzten bösen Blick zu Ari schob er sich an ihr vorbei und verließ das Aktengrab mit schnellen Schritten.

Die Tür fiel hinter ihm so laut ins Schloss, dass Ari sich einbildete, einen Hall zu hören, aber vermutlich war das nur das Blut, das immer noch in ihren Adern rauschte.

»Es tut mir so leid«, flüsterte Pia, immer noch knallrot im Gesicht. Sie öffnete leise die Tür und huschte mit gesenktem Kopf aus dem Raum, als Ari sich am Kopierer anlehnte, um wieder klarer denken zu können, und sich schließlich daran entlang nach unten auf den Boden gleiten ließ.

Vor ihr lagen immer noch die Ordner, die sie mit dem Fuß zusammenschob. Zum Aufheben hatte sie keine Kraft mehr. Die hatte die Auseinandersetzung von gerade eben völlig aufgebraucht. Die Wut, die sie bis vor ein paar Sekunden empfunden hatte, war allerdings auch fort und hatte einer Erschöpfung Platz gemacht, die dafür sorgte, dass sie sich am liebsten auf den kratzigen rostbraunen Teppichboden gelegt und die Augen zugemacht hätte. Das Leben war so unfassbar anstrengend geworden, und sie brauchte dringend eine Pause. Urlaub. Oder zumindest einen Drink. Dabei war gerade mal Dienstag und bis zum Wochenende, ach was, bis zu ihrem Feierabend um halb zwei war es noch viel zu lange hin.

Gerade als sie sich aufrappeln wollte, um das zu tun, weshalb sie eigentlich ins Aktengrab gekommen war, öffnete sich die Tür erneut, und Lampertz steckte seinen Kopf durch den Spalt. »Ackermann will dich sprechen«, sagte er, in seinem Gesicht sein typisches überhebliches Grinsen und eine Genugtuung, die beinahe den Raum füllte. »Sofort.«

Kapitel 2

Wie sie die restlichen Stunden bis zu ihrem Feierabend überstanden hatte, wusste Ari später kaum. Nur, dass Pia ihr stumm und scheu, wie sie eben nun mal war, Kaffee gebracht und schließlich auch noch ein Stück Kuchen vom Bäcker geholt hatte, vermutlich mit der Absicht, ihre Dankbarkeit zu zeigen und sie aufzumuntern. Selbst wenn Ari diesen Versuch durchaus zu schätzen wusste, war es Pia nicht gelungen.

Arbeitsverweigerung, nicht eingehaltene Loyalitäts- und Verschwiegenheitspflicht, Verweigerung von Überstunden, Fehlverhalten gegenüber Vorgesetzten, Störung des Betriebsfriedens, Verspätungen … Die Liste, die Ackermann vorgelegt hatte, um Aris Abmahnung zu rechtfertigen, war lang.

Nachdem sie das Büro des Amtsleiters verlassen hatte, war sie noch viel müder als zuvor. Zu müde, um sich zu fragen, was ihr Ausbruch für Folgen haben würde. Natürlich war ihr klar gewesen, dass Lampertz sofort zu seinem Spezialfreund rennen und Ari anschwärzen würde. Im Grunde hatte er schon seit Jahren vermutlich darauf gelauert. Von wegen Loyalitätspflicht.

 

Ari schnaubte und kickte gegen einen Pflasterstein, der lose auf dem Bürgersteig lag. Er kullerte ein paar Meter und blieb dann einfach liegen. Ari ertappte sich dabei, dass sie neidisch auf ihn war. Ankommen. Pause machen. Einfach mal liegen bleiben.

Ackermann hatte ihr geraten, ab jetzt sehr vorsichtig zu sein und sich genau zu überlegen, was sie sagte oder tat, um ihre Stelle nicht zu gefährden. Ari schnaubte. Sie hasste ihren Job. Und Ackermann. Sie hatte es sich gerade noch verkneifen können, nicht schon wieder auszuflippen. Was für eine Farce das alles war. Typisch, dass Ackermann zu Lampertz hielt. Er war ja auch nicht viel besser. Es war einfach abstoßend, wie sie sich gegenseitig unterstützten. Vermutlich klatschten sie sich jetzt gerade ab und waren stolz darauf, wie sie ihren Laden und alle Mitarbeiterinnen im Griff hatten. Kein Wunder, dass sie Ari loshaben wollten. Sie war unbequem und die Einzige, die sich traute, den Mund aufzumachen. Das Tragische daran war, dass sie diesen Job unbedingt brauchte und somit am meisten zu verlieren hatte.

Andererseits: Wenn sie sich vorstellte, dass irgendein Typ May so behandeln würde wie Lampertz Pia vorhin und sich niemand vor sie stellte, um sie zu verteidigen, wurde ihr allein beim Gedanken daran beinahe schlecht. Man hatte immer eine Wahl. Aber ihren Job zu riskieren war durchaus leichtsinnig gewesen. Immerhin hatte sie im Rathaus vor Ewigkeiten ihre Ausbildung gemacht und war sehr froh, dass sie diese feste Anstellung hatte, selbst wenn sie bei ihrer Siebzig-Prozent-Stelle nie wirklich genug verdiente. Aber die Arbeitszeiten gaben ihr wenigstens die Möglichkeit, May einigermaßen pünktlich etwas zu essen zu machen und die Nachmittage mit ihr zu verbringen.

Seitdem sie in Olivias Haus eingezogen war, sparte sie noch zusätzlich Zeit und Geld, weil sie die wenigen Hundert Meter von der Groner-Tor-Straße zu ihrer Arbeitsstelle schnell zu Fuß gehen konnte.

Jetzt allerdings kam ihr dieser kurze Weg wie eine Weltreise vor. Zum Glück konnte sie Olivias Haus schon am Ende der Straße sehen. Das alte Gebäude lag direkt am Mühlengraben und hatte ehemals eine Apotheke beherbergt. Die großen Fenster zur Straße hin und die wunderschöne Inneneinrichtung aus dunklem Holz gab es noch. Olivias zukünftiger Ex-Mann Philip hatte hier sein Architekturbüro gehabt und die Schrankwand mit den unzähligen Schubladen und Regalböden mehr oder weniger als Showroom für Skizzen und kleine Modelle genutzt, bis er mit seiner jungen Freundin Aimee aufs Land gezogen war. Die riesige und schwere Ladentheke stand in einer der Garagen im Hinterhof und wartete darauf, entweder entsorgt zu werden oder eine neue Bestimmung zu finden.

Ari fand sie wunderschön und geheimnisvoll mit der massiven Holzplatte und den Schubladen und Türen darunter.

Jetzt beherbergte der hohe Verkaufsraum immer noch Philips langen Holztisch mit den Bänken davor, und er hatte mehrfach gesagt, dass er kein Interesse daran habe, ihn abzuholen, was Olivia total nervte, weil er so viel Platz einnahm. Andererseits war der Raum ungenutzt, abgesehen davon, dass Olivia und May dort ab und zu malten und sie die Kissen für die Outdoormöbel hier lagerten.

Was für eine Verschwendung, dachte Ari wieder einmal, als sie durch das Fenster in den Innenraum sah. Auf den tiefen kniehohen Fensterbrettern standen zwei kleinere verstaubte Skulpturen, aber mit ein paar Sitzkissen wäre das der perfekte Platz für eine Limonade oder einen Kaffee.

Hennings Idee, aus der Apotheke ein Café zu machen, war mehr als gut. Allerdings hatte er sich jetzt für ein anderes Objekt entschieden, nachdem Olivia glücklicherweise beschlossen hatte, das Haus doch nicht an ihn zu verkaufen und es zu behalten.

Wenn Ari nur ein paar Millionen auf dem Konto hätte. Oder wenigstens eine. Oder … eine halbe. Dann könnte sie … Aber es brachte ja nichts. Sie hatte keine. Stattdessen allerdings eine Abmahnung auf dem Tisch, was so ungefähr das Gegenteil von einer Million auf dem Konto war.

Und das alles nur wegen Lampertz.

»Arschgeige!«, sagte sie laut und war froh, dass die Joggerin, die in diesem Moment an ihr vorbeilief, Kopfhörer trug. So langsam kam die Wut zurück und somit wenigstens auch ihre Energie.

Bevor sie die Tür aufschloss, atmete Ari ein paarmal tief ein und wieder aus, um die schlechte Laune draußen zu lassen, damit May nichts davon spürte. Ihre Tochter konnte schließlich nichts dafür, dass ihre Mutter ihr Leben nicht auf die Reihe bekam und keinen Job hatte, der sie sowohl anständig ernährte als auch gleichzeitig einigermaßen Spaß machte.

 

Ihre Wohnung lag im ersten Stock des alten Gebäudes und war immer noch komplett möbliert mit Vincents Möbeln.

Es störte Ari nicht, dass es nicht ihre waren, denn erstens hatte sie bei ihrem Einzug vor ein paar Wochen gar keine eigenen gehabt, zweitens gefiel ihr seine Einrichtung, und außerdem war Olivias Sohn sehr entspannt mit den ganzen Vintage-Designerstücken, die einen Großteil der Möbel ausmachten. Ja, es war zunächst eine Notlösung gewesen, weil alles ganz schnell hatte gehen müssen, nachdem sie Mike erwischt und dort rausgemusst hatte. Aber für den Moment schien es für Vincent in Ordnung zu sein, und wenn sich daran etwas ändern sollte, würden sie darüber reden. Neue Möbel konnte sich Ari zurzeit sowieso nicht leisten. Sie war ja schon froh, dass sie die Miete aufbringen konnte, ganz besonders, weil ihr bewusst war, dass Olivia nicht einmal die Hälfte des Preises verlangte, der angemessen gewesen wäre.

Dass sich Mike schon wieder in ihre Gedanken gemogelt hatte, war nicht wirklich hilfreich bei ihrem Versuch, sich zu beruhigen. Im Gegenteil.

Egal. Sie sollte einfach reingehen, sich einen Kaffee machen, eine dicke Kugel Vanilleeis dazu in die Tasse geben und damit nach oben auf Olivias Dachterrasse steigen, wo sie schon allein beim Anblick von Göttingens Dächern ihre gute Laune wiederfinden würde. Nein, verbesserte sie sich, sie sollte zwei Kaffee machen. Einen für sich und einen für ihre Freundin Olivia. Und sie sollte definitiv eine Flasche Prosecco mit dazu aufs Tablett stellen.

Das Leben war viel zu kurz und im Grunde auch zu schön, um es sich von Typen wie Lampertz, Ackermann oder Mike verderben zu lassen.

Als sie ihre Tasche auf einem der knallroten Panton-Stühle ablegte, entdeckte sie eine Nachricht, die ihr May geschrieben hatte und die an der Blumenvase auf dem Küchentisch lehnte.

Bin mit Olivia im Smiles, Spaghettieis essen.

Komm doch nach!

Kuss, May

Keine Olivia, kein Prosecco, keine May.

Ari spürte, wie ein winziger Pfeil gespickt mit heißer Eifersucht in ihr Herz fuhr und dort die Wut noch ein bisschen heller glimmen ließ.

Sie hatte Ärger bei der Arbeit, einen schlimmen Ex-Freund, und ihre Freundin und Vermieterin war mit ihrer Tochter unterwegs. Was für ein Tag. Ja, das Leben war vielleicht grundsätzlich schön. Aber manchmal war es gar nicht so leicht, das im Bewusstsein zu behalten.

Ari setzte sich an den Tisch und drehte Mays Nachricht in den Händen. Sollte sie ebenfalls ins Smiles laufen? Vielleicht waren die beiden längst weitergezogen oder auf dem Heimweg? Außerdem wollte sie nicht sofort wieder los und unter Menschen auch nicht. Die, die ihr heute schon begegnet waren, hatten ihr völlig gereicht.

Olivias Kater Kismet kam hereinstolziert, und Ari lächelte, als er sich an ihrem Bein rieb. »Na du?«, sagte sie und kraulte seinen Kopf, während Kismet sich genüsslich in ihre Hand schmiegte. Vermutlich hatte er ein kleines Schläfchen in Mays Bett abgehalten. Die beiden waren unzertrennlich, seitdem Ari und May hier eingezogen waren und das kluge Tier offensichtlich gespürt hatte, dass Aris Tochter sehr viel Zuneigung und Liebe brauchte. Und zu geben hatte.

»Auch einen Prosecco?«, fragte sie den Kater, der ihr für einen weiteren Moment um die Beine strich, bevor er in Richtung Wohnungstür stolzierte, von wo aus er sie abwartend ansah.

»Du gehst schon? Tja, weißt du, du bist auch nicht mehr so lustig, wie du schon mal warst«, sagte sie zu ihm, bevor sie ihn nach draußen ließ. Er würdigte sie keines weiteren Blickes.

Nur für sich wollte sie keinen Prosecco aufmachen, immerhin hatte sie sich schon vor Jahren geschworen, jenseits von einem Bier nie allein eine Flasche von irgendetwas zu öffnen, das Alkohol enthielt, woran sie sich eisern hielt. Und irgendwie war ihr auch die Lust auf den Eiskaffee auf der Dachterrasse vergangen. Dafür war sie genervt von ihrer eigenen schlechten Laune und hatte das dringende Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun.

Eine einzige Sache musste sich doch finden lassen, die sich heute gut anfühlte.

Im Schlafzimmer legte sich Ari auf ihr Bett und starrte für einen Moment an die Decke. Durch das geöffnete Fenster hörte sie das Lachen und die Gespräche der Passanten unten und nahm die Stille hier oben umso lauter wahr. Sie fühlte sich einsam, planlos und unendlich schwer. Vielleicht war es doch nicht so toll, so ein Pflasterstein zu sein.

»Danke, Universum, dass ich mich jetzt auch noch selbst bemitleiden muss!«, sagte sie laut und rollte sich für einen Augenblick zusammen. Vorhin auf dem Amt hatte sie sich selbst damit motiviert, dass man immer eine Wahl hatte, und dabei an Pia gedacht. Aber das galt ja wohl auch für Ari selbst.

Und Selbstmitleid war absolut keine Option.

Etwas Sinnvolles zu tun zu finden war doch alles andere als schwer.

Sie stand auf und schlüpfte erneut in ihre Jeansshorts, ihr getigertes Top und ihre gelben Flipflops und band sich ihre Locken zu einem festen Dutt.

Auf dem Weg nach unten in den Hinterhof nahm sie sich ein Bier aus dem Kühlschrank und schnappte sich im Hinauslaufen die kleine Bluetooth-Musikbox vom Tresen. Sie hatte einen Plan, für den sie die Wut von vorhin gut brauchen konnte.

 

Der massive braune Ladentisch, der früher einen großen Teil der Apotheke eingenommen hatte, füllte beinahe die komplette Garage. Wie Philip ihn aus dem Verkaufsraum hierhergeschafft hatte, war Ari ein Rätsel. Letztendlich war es aber auch unwichtig, denn egal, was mit dem Möbelstück passieren würde, es war viel zu schade, um hier in der Garage zu verrotten. Bisher hatte Philip sein Werkzeug, Farben und irgendwelchen Architektenkram darin gelagert, wovon Ari viele Dinge noch nie zuvor gesehen hatte. Als sie Philip bei seinem letzten Besuch gefragt hatte, was mit dem Tisch passieren solle – weil sie mehr an der Garage interessiert gewesen war als an dem Ladentisch selbst  –, hatte er ihr in seiner typischen überheblichen Art mitgeteilt, dass sie das Ding gern haben und entsorgen könne, wenn sie in der Lage sei, es zu bewegen.

Schade, dass sie das nicht schriftlich hatte, aber sie interpretierte es dennoch als Schenkung. Und das kam ihr nun gerade recht.

Ari schob das schwere hölzerne Tor auf und trat in den dunklen Raum. In dem Sonnenstrahl, der in die Garage fiel, tanzten Staubkörnchen, aber ihre Augen mussten sich trotzdem erst an das dämmrige Licht gewöhnen, bevor sie sich in den unzähligen Schubladen auf die Suche nach der Schleifmaschine und dem dazu passenden Schmirgelpapier machen konnte.

Sie wollte die Tischplatte und die vielen Türen und Schubladen erst mal von dem spröden Lack befreien und das ursprüngliche helle Eichenholz zum Vorschein bringen. Was danach damit geschehen sollte, würde sie sich dann überlegen. Zunächst aber war es vor allem ein gutes Projekt, um sich abzureagieren.

Auf ihrem Handy scrollte sie zu ihrer Lieblings-Playlist und stellte auf maximale Lautstärke.

»We Found Love in a Hopeless Place«, sang Rihanna, und Ari begann, im Takt ihre Hüfte zu schwingen, während sie Schublade für Schublade öffnete, bis sie gefunden hatte, was sie suchte.

Die Schleifmaschine war natürlich nicht aufgeladen, sodass sie zunächst von Hand arbeiten musste, was ihrem Energielevel aber durchaus entgegenkam. Außerdem hätte sie sonst die Musik nicht mehr gehört, und das war sowieso undenkbar. Sie wickelte das Schleifpapier um einen Schleifklotz, zog eine Staubmaske über Mund und Nase und legte los.

»… what it takes to come alive …«, sang Ari laut mit Rihanna im Duett. In ihrem Fall brauchte es Bewegung, gute Musik und eine Aufgabe, die Sinn ergab. Wenn sie auch noch nicht ganz sicher war, welchen.

 

Innerhalb kürzester Zeit war Ari völlig in ihre Arbeit versunken. Die helle Eiche, die unter dem dunklen Lack zum Vorschein kam, hatte eine tolle Maserung und war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte, und obwohl sie das Garagentor weit geöffnet hatte, roch der ganze Raum nach dem Holz, das sich unter ihren Händen so glatt und lebendig anfühlte.

Je mehr sie davon zum Vorschein brachte, umso motivierter wurde sie. Und je öfter sie den Schleifklotz von links nach rechts und wieder zurück schwingen ließ, umso mehr ließ die Wut nach, die sie bis eben noch in sich gespürt hatte. Leider machte sie Platz für Scham, weil sie sich von Lampertz so hatte provozieren lassen, sich selbst in diese Situation gebracht und mit der Abmahnung ihren Job riskiert hatte.

Ihre Bewegungen wurden langsamer. Ari schwitzte. Der Schleifstaub hing überall und begann, in ihren Augen zu jucken. Es war höchste Zeit für eine Pause.

 

Mit einem altmodischen Flaschenöffner öffnete Ari ihr Bier und lehnte sich an den Tisch, bevor sie sich mit der freien Hand über ihre Stirn strich.

»You Had Me«, sang Joss Stone gerade, und auch hier fiel Ari mit ein. Es war eines ihrer absoluten Lieblingslieder. Sie hatte es bei jedem ihrer winzigen Auftritte ganz am Anfang gesungen, weil sowohl der Rhythmus als auch der Text sehr zuverlässig für gute Laune sorgten.

Es funktionierte auch bei Ari. Sie sollte wieder damit anfangen, wenigstens ab und zu öffentlich zu singen. Seitdem sie hier bei Olivia wohnten, war May abends auch nicht allein, wenn Ari weg war. Bei Mike, dem Ekel, hätte sie sie nie gelassen. Aber selbst wenn sie nun abends unterwegs sein konnte, war das Pub, in dem sie früher manchmal aufgetreten war, zufällig Mikes Stammkneipe. Und ihm zu begegnen war das Letzte, was sie wollte.

Gut, abgesehen von Begegnungen mit Ackermann oder Lampertz, aber die waren abends offensichtlich nicht allzu oft in Göttingen unterwegs. Oder an anderen Orten. So oder so waren sie ihr bisher wenigstens in ihrer Freizeit erspart geblieben.

Ari seufzte. Hatte nur sie so viele Auseinandersetzungen mit anderen Menschen? Und wenn ja, an wem oder was lag es? An … den männlichen Arschgeigen, die sie umgaben und die sie irgendwie anzuziehen schien? Oder vielleicht doch an ihr? War sie selbst schuld? An allem?

Wieder landete sie gedanklich bei der Abmahnung. Ari seufzte und nahm einen großen Schluck von ihrem Bier.

»Warum stehst du so bedröppelt hier rum, siehst aus wie Rambo mit voller Kriegsbemalung und trinkst Bier ohne mich?« Olivia war von ihr unbemerkt durch den Torbogen getreten und stand nun grinsend vor ihr.

Ari hielt ihr ihre Flasche hin, aber Olivia schüttelte den Kopf. »Nein danke, du siehst aus, als würdest du es dringender brauchen als ich.« Sie strich sich über den Bauch. »Passt auch nur halb gut zu Spaghettieis«, sagte sie und kam näher, um mit der flachen Hand über die Thekenoberfläche zu streichen, die Ari bereits abgeschliffen hatte. »Das fühlt sich toll an. Und es sieht großartig aus! Was hast du damit vor?«

Ari drehte die Musik leiser. »Wo ist May?«, fragte sie, statt Olivia zu antworten.

»Oh, May!« Olivia lachte. »Deine Tochter hat mich zum Smiles begleitet, aber auf dem Heimweg vom Spaghettieisessen sind ihr zwei Mädchen aus ihrer Klasse begegnet, und sie ist mit den beiden gerade noch mal dorthin zurück. Linda und Sophie heißen die zwei, glaube ich. Sie wollten danach noch ein bisschen auf den Wall und haben May gefragt, ob sie nicht mitkommen will. Ich hoffe, es ist okay für dich, dass ich sie habe mitgehen lassen?«

Ari lächelte und fühlte sich ein bisschen besser beim Gedanken an ihre Tochter und daran, dass sie dank Olivia nicht nur zu einem Eis, sondern auch zu einer Verabredung gekommen war. »Logisch. Ich bin ja froh, dass sie so schnell Anschluss gefunden hat.«

Als Ari mit May vor ein paar Wochen Hals über Kopf bei Mike aus- und hier bei Olivia eingezogen war, hatte ein Schulwechsel überhaupt nicht im Raum gestanden, aber schließlich war May es gewesen, die das Thema aufgebracht hatte. Immerhin hatten sie beinahe gegenüber von ihrer alten Schule gewohnt, und allein die Vorstellung, jeden Tag dort vorbeizumüssen und eventuell doch irgendwann Mike über den Weg zu laufen, war für May so grauenhaft gewesen, dass sie es sogar in Kauf genommen hatte, ihren besten Freund Bela zu verlassen. Abgesehen davon war er der Sohn von Olivias Freundin Babette, und sie würden sich auch so oft genug sehen, so viel war klar.

So hatte sie auf das Felix-Klein-Gymnasium gewechselt.

Es war schon erstaunlich: Wenn die beiden nicht gewesen wären, hätten sich Olivia und Ari nie getroffen, sie hätte niemals so schnell eine Wohnung gefunden, schon gleich gar nicht so eine, und würde jetzt nicht hier stehen und dieses Möbelstück abschleifen. Nichts geschah wohl ohne Grund.

Ob das auch für die Abmahnung galt?

Da. Kaum fühlte sie sich ein bisschen besser, schmuggelte sich das Gespräch mit Ackermann schon wieder in ihre Gedanken.

Wenn es dafür einen Grund gab und das Universum Pläne für sie hatte, die am Ende Sinn ergaben, dann wäre es hilfreich, sie wüsste, welche das waren. Vielleicht würde sie sich dann besser fühlen.

»Woran denkst du?«, fragte Olivia auch prompt. »Scheint eine Gefühlsachterbahn auszulösen.«

»Hm. An Arschgeigen und Zufälle«, antwortete Ari. »Und ob es überhaupt welche gibt.«

»Arschgeigen? Genügend. Zufälle? Keine Ahnung. Die Kombination klingt jedenfalls … philosophisch.«

»Eher nach einem Dilemma.«

Ari zuckte frustriert mit den Schultern. Olivia und sie kannten sich gerade mal ein paar Wochen. In dieser Zeit war das ganze Mike-Chaos eskaliert, und Olivia hatte sie aufgenommen, obwohl Ari nur einen Bruchteil der Miete zahlen konnte, die eigentlich angemessen gewesen wäre, und es außerdem die Wohnung ihres Sohnes Vincent war und seine Möbel noch alle darin standen. Wenn sie jetzt auch noch erzählte, dass sie ihren Job wegen einer Auseinandersetzung riskiert hatte, die sie noch nicht einmal etwas anging, musste Olivia sie wirklich für nicht ganz zurechnungsfähig halten.

»Erzähl schon, Ari! Der beinahe komplett abgeschliffene Tisch hier, das Bier, dein Gesicht … Ehrlich, irgendetwas stimmt doch nicht.« Sie lehnte sich neben ihre Freundin. »Und überhaupt: Gibt es vielleicht für mich doch auch irgendwo so eines?« Sie zeigte auf Aris Bier.

»Zum Bier: Ich kann dir gern eines von oben holen. Und zum Rest: Ich habe mich in etwas eingemischt, was ich vielleicht besser hätte lassen sollen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Vermutlich ist es halb so wild, aber … vielleicht eben auch nicht.«

»Okay. Wir machen es so: Ich hole das Bier, und du stellst uns so lange zwei Liegestühle in Philips Zen-Garten. Und dann will ich alles wissen. Gut?«

Ari nickte. Dass es jemanden gab, der sich für ihre Themen interessierte, war neu für sie. Und es war gleichermaßen schön wie beängstigend, dass sie über die Dinge reden sollte, die in ihrem Kopf vorgingen. In ihrem bisherigen Leben war es ihre Strategie gewesen, persönliche Probleme so lange wegzudrücken, bis sie sich von selbst lösten, oder sie sofort und sehr pragmatisch aus der Welt zu schaffen.

 

»Weißt du, ich finde, du solltest stolz auf dich sein«, sagte Olivia, nachdem sie sich die Geschichte angehört hatte. »Diese alten weißen Männer müssen doch irgendwann einmal Gegenwind bekommen.« Sie hielt ihre Bierflasche so hin, dass Ari mit ihr anstoßen konnte. »Wir sollten alle viel öfter den Mund aufmachen, sonst geht das immer weiter. Und ganz ehrlich: Wenn du mich fragst, ist diese lange Liste von Gründen für deine Abmahnung nur Willkür und Interpretation.«

»Ja, aber selbst wenn du recht hast, was hilft mir das?« Wenn es Interpretationssache war, war es doch umso schlimmer, Lampertz’ und Ackermanns Version von was auch immer ausgeliefert zu sein. Dann hatte sie ja erst recht keine Chance. Sie würden so lange weitermachen, bis sie Erfolg hatten – und bestenfalls noch gleichzeitig Ari los waren.

»Na ja, es hilft dir vielleicht nichts, das zu wissen, aber wir könnten uns überlegen, wie du da wieder rauskommst. Vor allem wenn du den Job behalten willst – und das willst du, oder?«

»Ich muss, Olivia. Ich kann nichts anderes! Und May und ich sind auf das Geld angewiesen.«

»Na ja, wenn ich mir das hier so anschaue, finde ich, du kannst sehr viel mehr als nur Verwaltungsfachangestellte in einem Amt sein.« Sie lehnte sich demonstrativ auf die Theke.

»Du meinst, ich kann echt gut Möbel abschleifen?« Ari lachte. »Danke auch. Das macht mich bestimmt eines Tages zur Millionärin. Zur Staubmillionärin vielleicht.«

Olivia lachte ebenfalls. »Hey, nichts gegen staubige Millionen! Aber nein, das war es nicht. Ich meine, du hast gesehen, was da unter dem abgesprungenen Lack für ein Schatz ist.«

»Das konnte doch jeder sehen.«

»Ach ja?« Olivia lächelte. »In meiner Wahrnehmung hat Philip die Theke als Sperrmüll bezeichnet. Und er ist mehr oder weniger vom Fach. Wenn er dasselbe gesehen hätte wie du, dann hätte er dir das Ding niemals geschenkt. Er lässt sich doch keine Gelegenheit entgehen, Dinge zu Geld zu machen.« Sie schnaubte. Ihr Ex-Mann hatte in Henning schon einen potenziellen Käufer für das Haus hier gefunden, bevor er mit Olivia auch nur ein Sterbenswörtchen darüber gewechselt hatte. Obwohl die Hälfte ihr gehörte und sie hierbleiben wollte. Er hatte sie regelrecht erpresst. Und nur weil Henning das durchschaut hatte und weil Olivia mit der Hilfe von ihren Freunden eine andere Lösung gefunden und Ari hatte einziehen lassen, war sein Plan schließlich nicht aufgegangen.

Er war geldgierig, gemein und ein selbstverliebter Gockel. Ari konnte sich überhaupt nicht erklären, was Olivia an ihm gefunden hatte, und war heilfroh, dass er aus deren Leben verschwunden war, bevor Ari ihren Platz darin gefunden hatte. Und Olivia hatte ganz sicher recht: Wenn er auch nur geahnt hätte, was aus der Theke werden konnte, oder auch nur den Hauch von Profit in der Aufbereitung gerochen hätte, hätte er sie ihr nicht überlassen. Nicht dass sie sich vorstellen konnte, wer so ein Ding kaufen oder überhaupt etwas damit anfangen wollte. Aber das war im Moment auch noch gar nicht wichtig. Hauptsache, sie hatte etwas gefunden, woran sie sich abreagieren konnte.

 

»Hey, aber was ganz anderes: Ich habe beschlossen, am Freitag mal wieder ein paar Leute zum Essen einzuladen. Ich habe schon ewig keine Feigenspaghetti mehr gemacht, und die Feigenzeit ist schon fast wieder vorbei. Hast du Lust?«

Aris Handy klingelte, bevor sie antworten konnte.

Kurz schaute sie aufs Display. Johnny. Schon wieder. Sie drückte ihren großen Bruder weg und hoffte, dass auch das schlechte Gewissen irgendwann verschwinden würde. Aber die Vergangenheit hatte gezeigt, dass das eher unwahrscheinlich war. Wie immer wollte er vermutlich Geld, einen Schlafplatz, weil ihn seine aktuelle Freundin rausgeschmissen hatte, oder er steckte in anderen Schwierigkeiten. Ari seufzte. Er war zwar fünfzehn Monate älter als sie und ihr großer Bruder, dennoch fühlte sie sich meistens eher wie seine Mutter oder zumindest wie die ältere Schwester. Jedenfalls verantwortlich. Und meist auch ein wenig überfordert.

Es war immer dasselbe mit ihm, und aktuell hatte sie wirklich keine Kapazitäten frei, sich auch noch um seine Probleme zu kümmern. Sie hatte mit ihren eigenen genug zu tun.

»Sorry. Freitag, sagst du? Klar bin ich dabei. Natürlich vor allem wegen der Feigenspaghetti. Das habe ich noch nie gegessen.« Sie lachte. »Was soll ich mitbringen? Und wer kommt alles?«

»Ein paar Kollegen, Babette und Theo, Henning, Ernst und Mo natürlich.« Sobald Olivia den Namen ihres Geliebten aussprach, überzogen ein Strahlen und eine leichte Röte ihr Gesicht, die Ari freuten. Olivia hatte wirklich schwere Zeiten hinter sich, und dass Mo sie nun so glücklich machte, steckte Ari zumindest ein bisschen mit an.

»Oh, Mo!« Ari grinste ebenfalls. Seitdem Olivias Mann Philip sich von ihr getrennt und sich total klischeehaft auf Olivias Yogalehrerin Aimee eingelassen hatte, waren einige Dinge ganz anders gelaufen, als Olivia sich das vorgestellt hatte. Statt den Rest ihres Lebens unglücklich und die übrig gebliebene Hälfte eines Paares zu sein, hatte sie viel Spaß – und sich Hals über Kopf in Mo verliebt, obwohl sie das nicht zugeben wollte. Wenn sie von ihm sprach, nannte sie ihn ihre Affäre. Unverbindlich, fröhlich. Mo. Aber er brachte Olivia zum Strahlen und Schwärmen, vielleicht gerade weil sie absolut nichts erwartet hatte – aber nicht weniger hatte sie verdient.

Und das Beste daran: Mo kam ihr niemals zu nah. Er wollte nicht einziehen, nicht heiraten, nicht mit ihr zu seinen Eltern fahren und sie als seine neue Freundin vorstellen. Die beiden genossen, was sie hatten, und zementierten nichts wegen irgendwelcher gesellschaftlichen Erwartungen. Ari fand es perfekt. Zu viel Nähe brachte nur Schwierigkeiten mit sich. Sie hatte es selbst oft genug erlebt. Und das letzte Mal mit Mike erst vor ein paar Wochen. Eine feste Beziehung oder irgendwelche Verpflichtungen waren ganz sicher das Letzte, was sie gerade brauchte.

 

May kam um die Ecke gebogen, ihre beiden neuen Freundinnen im Schlepptau. »Hallo, Mama! Oh, Hinterhofparty? Dürfen wir mitmachen?« Sie umarmte Ari, bevor sie sich an Olivia wandte. »Oder darf ich Linda und Sophie das Haus zeigen?«

»Klar darfst du.« Olivia lächelte und drückte May ebenfalls kurz an sich. Auch ihr tat es bestimmt gut, sie hierzuhaben. Sie hatte oft genug gesagt, wie sehr ihr Vincent fehle, seitdem er in England studierte, und May himmelte Olivia geradezu an und verbrachte mindestens so viel Zeit in deren Wohnung wie unten bei Ari. Die beiden teilten die Liebe zur Kunst und zum Malen. Und manchmal fragte sich Ari, ob May nicht eigentlich die engere Verbindung zu Olivia hatte, aber sie schob den Gedanken schnell beiseite. Es war völlig unwichtig, irgendetwas zu vergleichen oder zu bewerten. Es war einfach nur schön, ihr Kind glücklich zu sehen und so voller Stolz auf das Haus, in dem sie jetzt lebten. Punkt.

Als sie noch in Mikes winziger Wohnung gewesen waren, hatte sie nie eine Freundin oder einen Freund mitgebracht. Noch nicht einmal Bela.

Das führte Ari wieder zurück zur Abmahnung. Sie durfte auf keinen Fall ihren Job riskieren, denn dann konnte sie sich eine Wohnung wie diese auf keinen Fall mehr leisten, egal wie großzügig Olivia die Miete nach unten geschraubt hatte. Sie musste ab jetzt ihren Mund halten, ganz gleich, wie viel Kraft sie das kosten würde. Vielleicht sollte sie sich sogar bei Ackermann und Lampertz entschuldigen, selbst wenn ihr dabei vermutlich die Zunge abfiel. Aber Ari wusste, dass sie ihre Seele für ihr Kind verkaufen konnte, denn May war ihr das Wichtigste auf der Welt. Und wenn sie hier glücklich war, musste Ari dafür sorgen, dass sie bleiben konnten.

»Also, Freitag noch mal: Was darf ich mitbringen?«

»Wenn du uns wieder ein Aquarium voller Erdbeermargaritas machen könntest wie bei Babettes Fest, das wäre wundervoll.« Olivias Augen leuchteten, und Ari musste lachen. Den Drink hatte sie tatsächlich in einem Aquarium mitgebracht. Es war noch nie im Einsatz gewesen, rund und das größte Gefäß, das sie eben nun mal in Mikes Wohnung gefunden hatte. Der Drink war es gewesen, der Olivia in Aris Augen von der versnobten reichen Architektengattin in eine tanzende, singende und sehr ausgelassene Olivia transformiert und ihre Freundschaft besiegelt hatte. Sie hatten ihn in Anlehnung an das Gefäß Fishing for Compliments getauft, und wann auch immer es etwas zu feiern gab, waren die Erdbeermargaritas Pflicht und nicht mehr wegzudenken.

»Fishing for Compliments, May und Ari Rösing und sehr viel gute Laune werden am Freitag am Start sein, versprochen.« Ari stieß sanft mit ihrer Schulter an die von Olivia. »Aber jetzt muss ich weitermachen. Ich weiß zwar nicht, warum, aber ich habe den Eindruck, diese Theke hier und ich haben noch was vor.«

Ihr Telefon klingelte erneut. Schon wieder Johnny. Vielleicht sollte sie doch drangehen. Immerhin war sie seine Schwester und außer ihr niemand mehr aus der Familie übrig. Ari seufzte und hob ab.

Kapitel 3

Als sie in die Nikolaistraße abbog, sah sie Johnny schon an einem der kleinen Tischchen sitzen, die bei schönem Wetter immer vor dem Birds aufgebaut waren. Sie hatte sich mit ihrem Bruder hier verabredet, weil das Café nicht weit entfernt war, vor allem aber, weil Ari die belegten Fladen und Kuchen dort so liebte, und da sie sowieso zahlen musste, wenn sie mit Johnny unterwegs war, wollte sie wenigstens in etwas investieren, das ihr schmeckte. Außerdem war das Birds zauberhaft eingerichtet und das Personal immer fröhlich und freundlich. Ari fühlte sich hier wie zu Hause, und wenn sie je in ihrem Leben auch einmal ein Café betreiben würde, dann müsste es genauso sein wie dieses hier. Nicht, dass das zur Debatte stand.

Johnny sah aus wie das Gegenteil von ihr. Kaum zu glauben, dass sie verwandt waren. Dass sie dieselbe Mutter hatten, war wohl erwiesen, aber beim Vater war sich keiner so sicher. Ari kannte weder ihren eigenen noch den von Johnny. Ihre Mutter hatte ihre Männer immer »eine vorübergehende Erscheinung« genannt, und das traf es ziemlich genau. Abgesehen davon, dass zumindest zwei davon ihr bleibende Erinnerungen in Form von Ari und Johnny hinterlassen hatten.

Johnny war blond, blauäugig, beinahe zwei Meter groß und sah aus wie eine noch zerzaustere Version von einem jungen Rhys Ifans. Sie wusste von früher, dass es tatsächlich Zeiten gegeben hatte, in denen er zumindest versucht hatte, seine Haare zu kämmen, aber es war ihm nie gelungen. Ob er seinen Klamottenstil absichtlich seiner Frisur angepasst hatte, wusste Ari nicht. Aber die Hosen, die er trug, blieben aus unerfindlichen Gründen nie auf seinen schmalen Hüften, und seine Shirts schlackerten meist ebenfalls um den ziemlich dünnen Oberkörper.

Ari hingegen war kaum eins sechzig, hatte dunkle, dicke Haare und eine Augenfarbe, die man am ehesten als Graugrün bezeichnen konnte. Menschen, die es gut mit ihr meinten, fanden dies faszinierend, vor allem weil sich direkt um die Pupille ein bernsteinfarbener Ring befand. Woher der kam, wusste niemand. Und zumindest in ihrer Familie hatte sich auch nie jemand dafür interessiert. Ari brauchte keine Brille und konnte sehen. Das war das Einzige, was für ihre Mutter gezählt hatte. Sie war viel zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt gewesen, um überhaupt wahrzunehmen, ob ihre Tochter hübsch war oder nicht.

Früher in der Schule hatten ihre Mitschüler sie Arielle, nach der Meerjungfrau, genannt und sie damit aufgezogen, dass sie komische Augen hatte, mit denen man bestimmt unter Wasser sehen konnte. »Geh schwimmen, Arielle!«, hatte sie tausendmal gehört, wenn wieder jemand Ari nicht hatte dabeihaben wollen. Wie so oft. Wie immer eigentlich. Johnny hatten immer alle gemocht, dabei war er von Anfang an einer der Bad Boys an der Schule gewesen.

Oder vielleicht auch deshalb. Er hatte geraucht, Verwarnungen kassiert, geschwänzt und jeden Tag ein anderes Mädchen geküsst. Und trotzdem … Johnny machte aus allem eine Show, aber er hatte zu ihr gestanden und sie verteidigt. Das hatte ihr bestimmt das eine oder andere erspart. Und dazu geführt, dass sie sich vermutlich auf ewig in seiner Schuld fühlte und dass sie irgendwann damit angefangen hatte, sich selbst und alle anderen ebenfalls zu verteidigen. Was ihr sehr zuverlässig zunehmend ebenfalls Schwierigkeiten eingebracht hatte. Und Abmahnungen. Sie seufzte.

 

Ihre seltsamen Namen verdankten sowohl Ari als auch Johnny der Vorliebe ihrer Mutter für Tanzfilme. Ariel war Kevin Bacons Freundin in Footloose, und Johnny hieß nach Patrick Swayze aus dem Film Dirty Dancing