Blindenhochzeit - Isabella Siemens - E-Book

Blindenhochzeit E-Book

Isabella Siemens

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Beschreibung

Liliana war vollkommen sorglos, als sie ihren Geschwistern hinterher lief. Doch dann passierte es, sie beobachtete einen Mord. Anschließend verlor sie ihr Augenlicht. Jetzt hat sie weder eine Hoffnung noch ein Ziel. Ihr Bruder zwingt sie jedoch zu heiraten. Sie ist vollkommen verärgert. Dennoch erfährt sie bald, was in ihrem Leben zählt.

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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Blindenhochzeit

BlindenhochzeitKapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Impressum

Blindenhochzeit

Kapitel 1

Juni, 1745

Liliana eilte lachend hinter ihren Geschwistern her. Sie war glücklich. Ferdinand und Roche hatten sie gerade abgehängt. Dennoch versuchte sie die beiden wieder ein zu holen. Wie in den letzten Tagen waren sie damit beschäftigt ihre gemeinsame Zeit mit albernen Spielen zu vertun. Jeder von ihnen wusste, dass nach diesem Sommer ihre Kindheitstage gezählt waren. 

Ferdinand würde die Gentlemen Schule besuchen und anschließend zum Militär gehen. Roche würde ebenfalls fortgehen. Zu einer Schule für angehende Damen und anschließend würde sie heiraten. Einen Cousin aus der Familie, welchem sie schon seit ihrer Kindheit versprochen war. Nur Liliana würde als einzige zurück bleiben. Sie war erst vierzehn.

Nun bog Liliana in den Garten ab. Dort hatte sie zuletzt das gelbe Kleid ihrer Schwester gesehen. Sie bemühte sich schneller zu laufen und eilte zwischen zwei Hecken hindurch. Doch ein breitschultriger Mann versperrte ihr den Weg. Sie lief ungebremst gegen ihn. Vom Aufprall zurück geworfen, landete Liliana hart auf dem Boden. Sie blickte genau in dem Moment auf, als der Mann sich zu ihr umdrehte, er hatte eine Waffe in der Hand und fing gerade an auf sie zu zielen. 

„Gustav!“ rief eine Männerstimme.

Der Mann mit der Waffe drehte sich sofort um. „Ich habe deine Ausreden satt, Hetweg.“ Der Mann erschoss ohne ein weiteres Wort den anderen.

Liliana riss die Augen auf. Ihr wollte ein Schrei entschlüpfen, doch dazu kam sie nicht mehr. Ihr Verstand arbeitete auf Hochtouren. Sie musste sofort hier weg. Sie rappelte sich auf und begann zu laufen. 

„Halt!“ rief nun der Mann mit der Waffe hinter ihr her. Er fing an die Verfolgung auf zunehmen. 

Liliana lief um ihr Leben.

Ein zweiter Schuss löste sich aus der Pistole. 

Zu Lilianas Erstaunen wurde sie an der Schläfe gestreift. Sie fiel nach vorne auf die Erde. Ihr wurde schwarz vor Augen. 

Dezember, 1752

Henrik, Großherzog von Winster starrte mit großen Augen auf die junge Königin vor sich. Sie war im Begriff etwas wirklich dummes zu tun. Er war gerade versucht sich von ihr zu entfernen, als die Königin sich an seinen Hals warf und ihn küsste.

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und der König trat mit seinen Gefolgsleuten herein. Mit einem Blick erfasste er die Szene. „Meredith!“ rief der König empört auf.

Henrik fasste sich nach einer Schrecksekunde und schob die Königin von sich fort. „Verzeihen Sie, Eure Hoheit.“ Er verfiel in einen Knicks.

Doch der König beachtete ihn kaum. „Geh sofort in deine Gemächer, Meredith.“ Erst jetzt wandte sich der König zu ihm. „Mit sofortiger Wirkung entziehe ich Ihnen den Großherzogstitel und alle Länderreihen.“ Mit diesen Worten drehte sich der König von der Szene ab und verließ den Raum.

Henrik blieb allein zurück. In ihm kochte die Wut. Sein Erstreben war zunichte gemacht. Er hatte mehr gewollt und nun alles verloren! Wie konnte die Königin ihn nur in so eine Lage bringen? Er hatte ernsthaft geglaubt, dass sie ihm zugetan war. Anscheinend mehr als ihm lieb war.

Voller Zorn verließ er den Palast. Er wusste nicht, was ihm von all seinem Reichtum noch geblieben war und wie schnell der König handelte. Besser, er machte sich gleich auf den Weg zu seinem Gut. Wenn er den noch eines hätte.

Mehrere Wochen später

Ferdinand seufzte, er hatte es sich anderes vorgestellt, um die Sicherheit seiner Schwester zu sorgen. Sie war für ihn unberechenbar geworden, seit dem Unfall vor ein paar Jahren. Sie hatte es sich gerade in den Kopf gesetzt wieder reiten zu lernen. Wie sollte er sie davor bewahren eine Dummheit an zu stellen, wenn er nicht in der Nähe war?

Ferdinand schritt durch den Stall und versuchte krampfhaft das Bild von Roche und Liliana los zu werden, wie beide auf den Knecht einredeten, dass Liliana reiten lernen konnte. Liliana hätte er diese Aktion schon zugetraut, doch das Roche mit dabei war, dass war einfach zu viel für seine Nerven.

Liliana brauchte dringend einen Mann in ihrem Leben! Nun seufzte Ferdinand wieder, kein Mann könnte sich in ein blindes Huhn verlieben. Beziehungsweise würde sich erniedrigen, sich so eine Last auf zu bürden, eine blinde Frau zu heiraten. Das konnte er sich aus dem Kopf schlagen, zumal seine Schwester sich fest vor genommen hat, niemals zu heiraten. Dennoch wollte Ferdinand diese Hoffnung nicht aufgeben, für seine Schwester einen geeigneten Mann zu finden. Ein Adliger musste doch zu finden sein!

Roche kam ihm hinterher gelaufen, mit Liliana am Arm. „Warte Freddy!“ rief Roche fast außer Atem.

Freddy ging langsamer, damit seine Schwestern ihn einholen konnten.

„Warum hast du dich gerade so aufgeregt? Ich wollte Liliana nur einmal kurz reiten lassen! Sie ist doch als Kind immer so gerne geritten.“

Freddy seufzte erneut. „Roche, du weißt das Liliana da noch sehen konnte. Jetzt muss das Pferd nur einmal scheuen und sie könnte Sterben.“

„Aber Freddy,“ setzte nun Liliana an „ich werde doch nicht sofort sterben, wenn ich auf einem Pferd sitze, welches an einer Leine ist.“

Freddy warf ihr einen abwehrenden Blick zu. Dann blickte er kopfschüttelnd zu Roche. „Das ist mein letztes Wort.“ Damit schritt er aus. Er war seinen Schwestern nur schwer gewachsen, gerade, wenn beide so einen bittenden Blick hatten.

Er hatte diesen Blick vor zwei Jahren nachgegeben und was hatte er nun davon? Mehr graue Haare, wie er zählen konnte. Vor zwei Jahren war Liliana in ein kleines Haus am ende seines Guts gezogen. Sie hatte nur zwei Bedienstete mitgenommen. Es war ein Skandal, dennoch hatte sich Liliana entschlossen ihre „Freiheit“, so wie sie es nannte, aus zu leben. Seit dem wohnte Liliana, recht glücklich, dass musste er zugeben, in ihrem Cottage.

Roche und Liliana schauten Freddy lange hinterher. „Ich glaube, wir haben ihn gerade sehr verärgert.“ seufzte Roche.

Liliana nickte zustimmend. „Ja, dass denke ich auch. Wie schade, dass er genau in dem Moment kam, als wir mit Lasse geredet haben. Lasse hätte mir das Reiten bestimmt erlaubt.“ Sie wandte sich mit dem Gesicht zu Roche. „Magst du mit zu mir kommen und noch einen Tee mit mir trinken?“

Roche schüttelte den Kopf. „Das kann ich leider nicht. James wartet auf mich.“

Lilana nickte und versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Sie pfiff leise nach ihrem Hund, welcher auch sofort an ihre Seite eilte. „Dann Grüß meinen Schwager bitte recht herzlich.“ Sie umarmte Roche und ließ sich dann von ihrem Hund zu ihrem Cottage führen.

Roche blickte ihrer kleinen Schwester hinterher. Sie war stark, dass wusste sie. Dennoch machte sich Roche schon länger sorgen um ihre Gesundheit. Seit dem Unfall vor knapp acht Jahren hatte sich etwas in Liliana verändert. Sie war einsam geworden, obwohl man jemanden für sie eingestellt hatte, welcher ihr half in der Dunkelheit besser zurecht zu kommen. Doch bereits nach zwei Jahren, hatte Liliana alle Hilfe abgelehnt und sich allein durchs Leben geschlagen. Daher hatte Roche ihr den Wunsch nicht verwehren können, wenigstens einmal wieder auf einem Pferd zu reiten. Sie schüttelte traurig den Kopf und machte sich auf den Weg ins Haupthaus.

James erwartete seine Frau schon sehnsüchtig zurück. Sie waren erst vor wenigen Tagen von ihrer Hochzeitsreise zurück gekommen. Er hatte Verständnis gehabt, dass Roche sofort nach ihren Geschwister sehen wollte. Zu mal er Freddy ebenfalls schon lange kannte und ihn sehr Schätzte und Respektierte. Allerdings hatte er bisher nie gewusst wie genau er mit Liliana umgehen sollte. Sie war einfach anderes. Er hatte das Akzeptiert, dennoch hatte er bisher keine gute Beziehung zu ihr aufbauen können. Sie war stets reserviert und wenn er sie getroffen hatte, dann waren das nur kurze Treffen verbunden mit einem Essen im großen Speisesaal.

Als Roche sein Arbeitszimmer betrat erhob sich James sofort und eilte ihr entgegen um sie in den Arm zu nehmen. „Roche.“ er küsste sie leidenschaftlich.

Roche lächelte ihn anschließend an. „Das nenne ich eine ordentliche Begrüßung.“ Doch bereits nach diesen Worten verdunkelte sich ihre Gesicht. „James, könntest du mal mit Freddy reden gehen? Er wollte Liliana heute nicht reiten lassen. Dabei würde sie so gerne mal wieder auf einen Pferd sitzen.“

James zog die Augenbrauen hoch. „Ich denke, dass ich mich da nicht einmischen sollte. Immerhin sind wir hier nur Gäste.“

Roche schüttelte den Kopf. „Wir sind keine Gäste. Wir gehören zur Familie.“

„Ich weiß, doch ich mische mich nicht in die Angelegenheiten von Freddy.“ James ließ seine Frau los und trat einen Schritt von ihr fort.

„Warum nicht? Warum kannst du ihn nicht einfach bitten sich es noch einmal zu überlegen?“ Roche war fast außer sich.

„Freddy hat mir stets Respekt und Achtung entgegen gebracht, wenn ich mich jetzt in seine Angelegenheiten einmische, wird er mir das niemals verzeihen.“ meinte James fest.

„Du enttäuscht mich!“ Roche hatte tränen in den Augen. Sie drehte sich schnell von ihm fort und wollte das Zimmer verlassen. Doch James war schnell an ihrer Seite und zog sie in seine Arme. „Roche.“ murmelte er und hielt sie fest. Es dauerte etwas, bis sich Roche wieder gefangen hatte. Sie schaute mit verweinten Augen zu James hinauf. Dieser Seufzte resigniert. „Na schön, ich kann mal vorsichtig mit ihm reden.“

Roche küsste ihn kurz auf den Mund als Dankeschön. „Ich geh mir das Gesicht waschen.“

James blickte ihr hinterher. Er ahnte, dass er diese Angelegenheit schnell hinter sich bringen sollte. Daher machte er sich sofort auf den Weg zu seinem Schwager.

Freddy war in seinem Arbeitszimmer. Als ein Klopfen ihn unterbrach. „Herein.“ Er war dankbar für jede Ablenkung, denn die Finanzen zu berechnen war einfach nicht so seins.

Als James hereintrat ahnte Freddy schon, dass Roche dahinter stecken musste. Dennoch lächelte er freundlich und wies seinen Freund an platz zu nehmen. „Was kann ich für dich tun, James?“

James nahm platz und blickte entschuldigend zu ihm hinüber. „Meine Frau war gerade sehr aufgelöst.“

Freddy nickte. „Das kann ich mir vorstellen. Du sollst mich bitten, dass ich Liliana erlaube zu reiten.“

James nickte schlicht.

Freddy lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Meine Sorge gilt allein dem Wohlergehen von Liliana.“

James hob abwehrend die Hände. „Das weiß ich doch.“ nun lächelte er leicht und erhob sich. „Immerhin hab ich es versucht.“ er zwinkerte Freddy noch einmal zu und wandte sich zur Tür.

Freddy war froh, dass James nicht noch einmal genau nach hakte. „Warte kurz James.“ bat er ihn nun.

James blickte sich zu Freddy um.

„Ich würde dich gerne um Rat fragen.“ erklärte sich Freddy nun.

James kam interessiert näher. „Gern. Worum geht es?“

„Um Liliana. Ich mache mir sorgen. In den letzten Wochen hat sie immer wieder Dinge ausprobiert, welche ihr geschadet haben. Sie hat versucht schwimmen zu lernen und ist dabei fast ertrunken, weil keiner in der Nähe war um sie zu warnen nicht in die Seerosen zu schwimmen. Sie hat selbst versucht Unkraut zu jäten und hat sich dabei das Bein aufgeschlitzt.“ Freddy schüttelte den Kopf. Er hatte immer noch das Bild vor seinen Augen, wie sie herumhumpelte und das Blut überall auf den Boden verteilte, als sie vom Garten in ihr Haus trat. Wäre er nicht zufällig zu einem Besuch vorbeigekommen, dann hätte er dies vermutlich nie erfahren.

James hatte bereits wieder platz genommen. „Du denkst, dass es ihr zu langweilig ist?“

Freddy nickte. „Meiner Ansicht nach braucht sie einfach einen Mann, der sich um sie kümmert. Leider kann ich nicht immer da sein. Roche und du werdet bald wieder auf dein Gut nach Spellming gehen. Und meine Eltern sind zu alt, um sich ihrer an zu nehmen. Sie reisen viel lieber und überlassen mir alle Verantwortung.“

James seufzte. „Du willst ihr einen Mann suchen.“

Freddy nickte erneut. „Ich weiß mir keinen anderen Rat mehr. Wie du weißt, hat sie alle Menschen fort geschickt, welche ich eingestellt habe. Nicht einer von ihnen ist zu ihr durch gedrungen.“

James nickte, er hatte dies schon mehrfach von seiner Frau gehört. Doch wie sollte die Lösung aussehen? „Willst du eine Anzeige aufgeben? Suche für blinde Adlige einen Ehemann, große Mitgift?“

Freddy lehnte sich in seinen Stuhl zurück. „Das wäre keine schlechte Idee. Vielleicht sollte ich mich in den Abendlokals etwas umhören. Jemanden wird es wohl geben, der Spielschulden hat und sich nicht anderes zu helfen weiß, als ein blinde Adlige zu heiraten.“

Doch James schüttelte den Kopf. „Du kannst deine Schwester nicht irgendeinem Spielsüchtigen aufhalsen. Dann wäre sie besser dran ohne jemanden. Du braucht einen Mann, der die richtigen Werte hat. Du kannst Liliana nicht an irgendeinen verschleudern.“ James beugte sich vor. „Du bist gerade sehr wütend über ihre Fehltritte. Beruhig dich erst mal und denk in Ruhe über alles nach.“ damit erhob sich James. „Ich werde mich etwas umhören, vielleicht fällt mir ja eine Lösung ein. Doch bis dahin warte erst mal ab und lass dich nicht von deinem Ärger zu irgendeiner Dummheit hinreißen!“

Freddy sah ihm lange hinterher, auch wenn die Tür sich hinter James schon geschlossen hatte. Er hatte recht. Er hatte wirklich recht. Langsam erhob sich Freddy und ging zum Fenster um hinaus zu schauen. Er konnte Liliana nicht an irgendwen verscherbeln. Sie war viel zu wertvoll für ihn. Und das hatte er tief in seinem Innern gewusst. Wie gut, dass er James um Rat gebeten hatte. Er würde seinen Rat befolgen, und erst einmal etwas Zeit verstreichen lassen. Vielleicht kam die Lösung von ganz allein? Doch nun schüttelte Freddy den Kopf. Die Lösung würde nicht von allein kommen. Er drehte sich zu seinem Schreibtisch um und setzte sich wieder. Sein Blick fiel auf die Zahlen, er war noch nie gut dadrin diese zu lösen. Er beschloss erst einmal aus zu reiten. Vielleicht kommt er dann auf andere Gedanken.

Eine halbe Stunde später ritt Freddy über sein Land. Er genoss die Freiheit auf dem Rücken seines Pferdes. Und ja, er konnte es nach voll ziehen, warum Liliana wieder reiten wollte. Er kannte sehr gut das Gefühl eingesperrt zu sein. Er seufzte, vielleicht war er vorhin zu streng mit ihr gewesen. Er hätte bei dem ersten Ritt einfach dabei sein können, um im Notfall ein zu greifen. Kurzentschlossen ritt er in Richtung Cottage, er würde Liliana einen kurzen Besuch abstatten, um ihr zu sagen, dass sie erneut reiten dürfte. Allerdings mit der Auflage, dass er ständig dabei sei.

Vom weiten sah er das Cottage. Es lag friedlich im Schatten einiger Bäume. Er ritt langsam näher, als ein Schrei ihn dazu bewegte, schneller zu reiten. Freddy lenkte sein Pferd hinter das Cottage. Was er da sah, ließ ihn sein Blut in den Adern gefrieren. 

Liliana hing am Dachsims. Ihre Beide baumelten in der Luft und eine Leiter lag umgefallen im Gras. Blitzschnell sprang er von seinem Pferd. „Halt dich gut fest Liliana. Ich stell die Leiter auf und werde zu dir hoch kommen!“ Lilianas Herz machte einen heftigen Sprung. Schon wieder kam ihr Freddy zu Hilfe. „Ist gut.“ rief sie und versuchte ihre Stimme den Druck zu nehmen, wieder einmal versagt zu haben.

Freddy schnappte sich die Leiter und lehnte sich gegen die Mauer. Dann kletterte er so schnell er konnte hoch. „Ich stelle deine Füße nun auf sie Sprossen.“

Liliana spürte wie zwei Hände sich um ihre Fesseln legten und dann wurde leichter Druck ausgeübt und sie konnte die Sprosse unter sich spüren.

„Jetzt lass deine rechte Hand los und greif nach unten. Da ist der Leiteransatz.“ Freddy´s Stimme war sehr ernst.

Liliana tat was er ihr sagte und erfühlte den Leiteransatz. 

„Jetzt deine andere Hand.“ Freddy vergewisserte sich, dass Liliana richtig stand und bewegte sie dann dazu mit ihm zusammen nach unten zu klettern. Erst als beide sicher auf den Boden war, drehte er Liliana zu sich um. „Was hast du dir dabei gedacht?“ fuhr er sie wütend an.

„Ich wollte doch nur den Dachsims reinigen.“ meinte Liliana kleinlaut.

„Den Dachsims reinigen? Dafür haben wir Personal!“ Schrie Freddy nun.

Liliana zuckte zusammen. Sie hatte es ihm noch nicht gesagt und jetzt würde sie auch nicht drum herum kommen es Freddy mit zu teilen. „Mmh, nein.“

Freddys Augen verengten sich. „Nein? Was meinst du mit nein?!“

„Das Personal hat gekündigt vor einer Woche.“ Liliana strafte ihre Schultern. Sie wusste was nun kommen würde. 

Freddy starrte seine kleine Schwester an. Das Personal hatte gekündigt? Warum hatte man ihn nicht informiert? Er ahnte warum nicht. Liliana wollte ihre Selbstständigkeit nicht aufgeben. Er seufzte. „Liliana?“

Dieses eine Wort ließ Liliana zusammenzucken. Sie hatte nicht gewusst, wie traurig sich Freddy anhören konnte. Sie spürte förmlich, dass er am erschüttert war. „Es tut mir Leid, Freddy.“ flüsterte sie. Sie ließ ihre Schultern sinken und versuchte ihre Tränen zurück zu halten.

Freddy zog sie in seine Arme. „Liliana, du weißt, dass ich dich sehr lieb habe. Doch so kann es nicht mehr weiter gehen.“

Liliana weinte nun leise in seinem Arm. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte nickte sie. „Was willst du jetzt mit mir machen?“ fragte sie leise.

„Erstmal ziehst du wieder zu mir ins Haupthaus und dann…“ Freddy wusste nicht genau wie er sich ausdrücken sollte.

„Freddy, was dann?“ Liliana ahnte, dass sie das was nun kommen würde, nicht hören wollte.

„Dann, werde ich dir einen Ehemann suchen.“ Freddy beobachtete nun ganz genau Lilianas Reaktion.

Ihre Augen wurden groß und sie riss den Mund vor staunen auf. „Du willst mir einen Ehemann suchen?“

Freddy nickte. „Ich halte diese ständige Angst um dich nicht mehr aus. Daher denke ich, dass es so am besten ist.“

„Aber Freddy,..“ setzte Liliana an, doch Freddy unterbrach sie direkt. „Nein, Liliana. Die heutige Aktion hat mir den Rest gegeben. Ich kann einfach nicht mehr. Du wirst noch in diesem Jahr heiraten.“

Liliana schüttelte vehement den Kopf. „Was soll ein Ehemann mit mir anfangen? Ich bin blind! Keiner wird eine blinde Frau akzeptieren und ich habe keine Lust, dass mein Ehemann vor meinen Augen fremd geht!“ sie funkelte ihren Bruder nun böse an. „Ich werde auf gar keinen Fall heiraten, sperr mich ein oder mach sonst was mit mir, aber ich werde nicht heiraten!“

Freddy ließ Liliana nun ganz los und trat einen Schritt von ihr fort. „Doch das wirst du. Und das ist mein letztes Wort. Ich werde zwei Diener rüberschicken, die dir beim packen helfen werden. Heute Abend erwarte ich dich zum Abendbrot im Haupthaus.“ Somit drehte er sich um und ging zu seinem Pferd. Ohne seiner Schwester noch einen Blick zu schenken ritt er zurück.

Liliana hörte das Pferd davonreiten und mit ihm ihre letzte Hoffnung noch einmal mit ihrem Bruder zu reden. Wie konnte er einfach so über ihr Leben bestimmen? Wieso ließ er sie nicht einfach in Ruhe? Sie kam wunderbar ohne ihn zurecht! Sie hatte vielleicht nicht immer alles unter Kontrolle, doch sie hatte schon mit so vielen Höhen und Tiefen zu kämpfen gehabt, sie hätte es allein geschafft.

Und jetzt nahm er ihr nicht nur ihre Selbstständigkeit, sondern auch noch ihre Freiheit! Wie sollte sie je wieder glücklich werden? Alle ihre Freunde haben sich von ihr abgewandt. Selbst ihre Bediensteten waren gegangen, weil keiner es in ihrer Nähe ertragen konnte. Warum, dass wusste sie selbst nicht. Sie stellte sich nicht ungeschickt an, wenn sie im Cottage unterwegs war. Dort fühlte sie sich frei, im Gegensatz zum Haupthaus. Wo sie nicht wusste, wo die Möbel standen und sie ständig irgendwo gegen lief.

Jetzt rannten erneut Tränen über ihr Gesicht. Sie fühlte sich nutzlos und hoffnungslos. Wie sollte das nur werden, wenn sie einen Ehemann hatte? Sie hatte sich als Kind immer gewünscht aus Liebe zu heiraten. Doch seit dem sich blind geworden war, war dieser Traum für immer verschwunden. Sie hatte ihn begraben, zusammen mit all den anderen Dingen. Jetzt konnte ihr keiner mehr helfen. Freddy hatte immer versucht ihr zu zuhören und sich Zeit für sie zu nehmen. Doch mit der Zeit, hatten ihn die Verwaltungsaufgaben mehr und mehr eingenommen, sodass für sie kaum Zeit übrig blieb. Und dann hatte Roche sich verliebt und war nun glücklich verheiratet. Wo hatte sie da noch platz? Ihre Eltern hatten sehr früh die Verantwortung an andere übertragen und sich nicht weiter mit ihre beschäftigt.

Sie war einsam, sehr einsam. Doch ihr schien kein glückliches Leben vergönnt. Sie würde wohl oder übel diese Jahr heiraten müssen. Einen Fremden. Einen völlig Fremden. Liliana schüttelte den Kopf und strafte die Schultern. Jetzt wurde es erstmal Zeit sich waschen zu gehen. Danach konnte sie sich immer noch Gedanken zu ihrer baldigen Hochzeit und ihren zukünftigen Ehemann machen.

Die Bediensteten kamen und halfen Liliana ihre Sachen zusammen zu packen und brachten sie ins Haupthaus. Dort war auch schon ihr altes Zimmer wieder hergerichtet worden. Sie verstaute ihre Sachen und machte sich dann bereit zum Abendbrot.

Wie gewohnt erschien ein Diener, um sie zum Abendbrot nach unten zu begleiten. Dieses Mal würde es sich Liliana gefallen lassen, doch in Zukunft, so nahm sie es sich vor, würde sie alleine versuchen den Weg zu finden.

Liliana wurde kurz darauf in den Speisesaal geführt. Sie hörte an dem Atem, dass bereits mehrere Personen anwesend waren.

„Liliana!“ Roche war sofort an ihrer Seite. „Komm, ich bring dich zum Tisch.“ Sie drückte dabei mitfühlend die Hand ihrer Schwester. „Freddy hat mir schon alles erzählt. Es tut mir so leid.“ flüsterte sie ihr ins Ohr.

„Danke.“ hauchte Liliana kurz zurück, dann wurde sie auch schon von Roche auf ihren Platz gedrückt.

Liliana hörte, wie sich die Stühle neben ihr bewegten und die Herren nun ebenfalls platz nahmen. Sie vermutete, dass James und Freddy ebenfalls im Raum waren. Doch keiner machte sich bemerkbar.

Das Essen wurde aufgetragen und das Abendbrot begann. Wie immer fand kaum jemand ein paar Worte, so dass der größte Teil des Essens schweigsam eingenommen wurde.

Liliana seufzte innerlich. So würde sie das hier bestimmt nicht lange aushalten können. Sie nahm bei der Nachspeise all ihren Mut zusammen. „Freddy, hast du schon jemanden für mich ins Auge gefasst?“

Die Stille welche darauf folgte war mit nichts zu vergleichen. Liliana konnte sich vorstellen, dass Freddy sie entgeistert ansah. Roche würde bestimmt ebenfalls ein erschrockenes Gesicht machen. Der einzige, welcher vermutlich ruhig bleiben würde, wäre James. Obwohl Liliana nicht genau sagen konnte, warum sie dies vermutete.

James konnte sich gerade noch ein Lächeln verkneifen. Seine Schwägerin war wirklich mutig, dass hätte er ihr nicht zugetraut. Zu seinem Erstaunen, konnten seine Tischpartner nicht antworten. Daher fasste er sich ein Herz. „Liliana, ich denke nicht, dass Freddy so schnell schon jemanden gefunden hat. Hast du einen Vorschlag?“ Er beugte sich leicht vor, um kein Wort von seiner Schwägerin zu verpassen.

„Nicht direkt, James. Dennoch würde ich gerne bei der Auswahl mitreden wollen. Ich weiß, dass es schon recht schwierig wird einen Mann zu finden, der über meine Blindheit hinweg sieht. Doch ich möchte keinen Mann haben, der mein Vermögen verspielt oder dazu neigt Fremd zu gehen. Ich mag keine Männer, welche beleibt und viel zu alt sind und ich kann gut und gerne drauf verzichten in der Stadt zu wohnen.“

Endlich hatte sich Freddy von seinem Schock erholt. Er warf James einen dankbaren Blick zu und wandte sich dann an Liliana. „Wenn ich diese Dinge alle berücksichtige, wirst du dich dann einer Hochzeit gegenüber fügen?“