Blues ist unheilbar - Gunnar Lou Schmitt - E-Book

Blues ist unheilbar E-Book

Gunnar Lou Schmitt

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Beschreibung

Ein Roman, in dem es im Grunde immer nur um eines geht, nämlich um gute Musik! Seine Idole wie Rory Gallagher, Eric Clapton oder Peter Green sammelt der bedingungslose Fan Sebastian, besucht deren Konzerte und lernt sie manchmal sogar persönlich kennen. Von anderen Fans unterscheidet ihn vor allem eines: Sebastian eröffnet irgendwann seinen eigenen Musikladen und erlebt so auch die andere Seite des Musik-Business, wird vom Fan zum Profi. Als sogar das Fernsehen einen Beitrag über ihn dreht, schließlich aber sein Lieblingsgitarrist stirbt und sich spätestens damit einiges in seinem Leben ändert, besinnt er sich auf innere Werte und bleibt dabei vor allem seiner Musik treu, denn: Blues ist unheilbar!

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2014

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für Sven

Inhaltsverzeichnis

Beginnings

Die Zeiten bleiben hart

Vom Fan zum Profi

Hit Wave

Der Film

Rory

Julian taucht auf

The End

Beginnings

Eine ungewohnte Stille lag im Raum. Weil diese Art von Ruhe aber eigentlich immer nur dann eintrat, wenn gerade eine Schallplatte zu Ende gelaufen und die nächste zum Auflegen noch nicht gefunden war, konnten nun einige Außengeräusche an sein Ohr dringen.

Nachdem er in einem gesonderten Stapel Platten endlich das gesuchte Album von J.J. Cale gefunden hatte, überlegte er kurz und stellte es dann doch wieder zurück, weil nämlich J.J. Cale genau den Schuss Blues in seiner Musik hatte, den er an diesem Morgen nicht so gerne hören wollte. Tagelanges Wintergrau und immer dieselben frostigen Temperaturen begannen langsam aber sicher an seinen Nerven zu zerren. Jedes Mal, wenn er morgens nach dem Aufstehen die Rollläden hochzog, sah er auf dem gegenüberliegenden Hügel dieselben Schneereste liegen, von denen er sich schon längst wünschte, dass sie endlich verschwinden und neuem, frischem, grünen Grase weichen mochten. Und dies am besten im Einklang mit warmer Frühlingssonne.

In der sich ankündigenden Auslaufphase des Winters kam Sebastian seit Jahren bereits immer wieder auf Caravan zurück, jene vertraute alte englische Canterbury-Band mit der freundlich lieben Stimme von Pye Hastings, welche im Laufe der Zeit irgendwie aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken war. Deren Musik hatte er schon vor vielen Jahren in seinem ersten eigenen Auto, einem uralten – anfangs blauen, später eher bunten - 1966er Käfer gehört, während er durch die winterlich verschneite Landschaft des Niederrheins fuhr. Nachdem nun das Erstlingswerk von Caravan sich auf dem Plattenteller drehte und dieser wundervoll typische Sound einer Hammond-Orgel durch die neuen Boxen in angenehm weichen Wellen auf den Frühstückstisch schwappte, überflog Sebastian oberflächlich die Meldungen in der Tageszeitung. Dabei war er nicht gerade der eifrigste aller Zeitungsleser, weil schließlich das, was heute Morgen in der Zeitung präsentiert wurde, bereits gestern geschehen und ziemlich wahrscheinlich ihm bereits in den abendlichen Fernsehnachrichten zu Ohren gekommen war. „Who Wants Yesterday Papers?“ hatte es schließlich bereits bei den frühen Stones geheißen.

Hier drohte ein Krieg, dort fehlte das Geld für Investitionen in der Lokalpolitik et cetera. Sicher war lediglich, dass die Arbeitslosenzahlen kontinuierlich anstiegen. Durchaus ein politischer Mensch mit großem Interesse am aktuellen Geschehen, wusste auch Sebastian mittlerweile keinen Rat und keine Lösung mehr für dieses Problem. Nach der Rezession wurde inzwischen bereits von einer Deflation gesprochen. Welche Partei sollte mit welchem Konzept eigentlich noch zum Abbau der Arbeitslosigkeit beitragen? Und wozu ist – pragmatisch betrachtet - eine Regierung im Amt, wenn es ihr bei zugegebenermaßen positiven Ideen letzten Endes doch nicht gelingt, das derzeit innenpolitisch drängendste Problem zumindest ansatzweise in den Griff zu kriegen?

Seit kurzem war auch Sebastian in dieser Beziehung durchaus praktisch betroffen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sich nämlich arbeitslos gemeldet, besser: melden müssen und durfte nun einigermaßen regelmäßig beim örtlichen Arbeitsamt erscheinen, um irgendwelche besonders wichtigen Belege bei streng schauenden und sich in scheinbarer Sicherheit wiegenden Sachbearbeiterinnen abzuliefern.

Wenigstens waren einige von ihnen recht hübsch.

Erscheinen bedeutete für Sebastian übrigens konkret, mit seinem mittlerweile im Rentenalter befindlichen, aber immer noch funktionsfähigen und heißgeliebten Opel Omega Caravan vorzufahren. Groß und billig musste seiner Meinung nach ein Auto sein. Groß im Sinne von leise und gemütlich, billig im Sinne von sparsamem Verbrauch. Autos waren mit dem Rock`n`Roll so untrennbar verbunden wie die Liebe, ganz besonders natürlich amerikanische Heckflossen aus den fünfziger und sechziger Jahren. Unter kulturhistorischen Gesichtspunkten betrachtet, waren diese oft zweifarbigen Schaukeln unglaublich und wunderschön anzuschauen. Dagegen ließ sich jedoch ihr immenser Spritverbrauch in keinster Weise rechtfertigen. Solche Schiffe waren gänzlich unökologisch und bis auf wenige Ausnahmen selbst aus dem amerikanischen Straßenbild folgerichtig mittlerweile verschwunden. Sebastian war allerdings nicht umsonst im Jahre der höchsten Heckflossen 1959 geboren. Ihren Platz für die Ewigkeit hatten Cadillacs und Chevrolets unterdessen bei ihm zu Hause gefunden. Auf Modellgröße reduziert glänzten sie nämlich in zwei Vitrinen still und würdig vor sich hin.

Stolzer weißer Cadillac

Reminiszenz an die Vergangenheit,

Weißer Lack und weißes Lederdach,

Alles etwas größer und breiter

Mit Sitzen gleich alten Wohnzimmern

Und unendlich vielen Chromteilen

Steht er am Straßenrand,

Seinem Schicksal überlassen und

Von keinem mehr abgeholt,

Weil doch solch ein Schiff

Wirklich niemand mehr möchte.

Und so erblindet still das Chrom,

Von nagendem Rost befleckt,

Verwandelt sich alles Weiß

In schmutzig verlassenes Gelb.

Seines strahlenden Glanzes sowie

Einer würdigen Zukunft beraubt,

Bleibt dieses Auto dennoch immer

Und für alle Zeiten: ein Cadillac.

Den zweiten Glasschrank hatte Sebastians Gattin erst vor ein paar Monaten genehmigt. Zwei Vitrinen beanspruchten einen gewissen Raum, ebenso wie eine Wand voller Schallplatten, drei Gitarren und circa hundert Kakteen, die durch keckes Wachstum dank guter Pflege über die Jahre ihr äußerliches Erscheinungsbild ebenfalls nicht gerade verkleinerten. Hobbys benötigen nun mal jede Menge Platz, wenn man nicht gerade Briefmarken sammelt. Und dass seine Layla dies alles unter relativ wenig Protest über sich ergehen ließ, rechnete er ihr sehr hoch an.

Da Sebastian intensiv mit der Vorbereitung eines Seminars an der Volkshochschule beschäftigt war, begann er langsam, den Frühstückstisch abzuräumen und fuhr danach zügig seinen Computer hoch. Um das verschmutzte Geschirr in die Spülmaschine zu räumen und den Tisch abzuwischen, hatte er vorher als akustischen Hintergrund noch schnell Dolly Parton ausgewählt.

Es ging ihm gut – keine Frage. Er hatte eine nette und noch dazu beruflich erfolgreiche Frau sowie einen phantastischen, gerade eingeschulten Sohn, welchem gerade sein erster Liebesbrief überreicht worden war. Dessen Wirkung hatten die dafür verantwortlich zeichnenden Mädchen noch einmal eindrucksvoll verstärkt, indem sie dem Sechsjährigen während seiner Abwesenheit an einem einzigen Nachmittag neunmal auf den elterlichen Anrufbeantworter sprachen.

Im Grunde lief also alles glatt für Sebastian, und wenn etwas mal nicht so gut aussah, würde die Wende zum Positiven sicherlich nicht lange auf sich warten lassen. Er hatte also allen Grund zur Zufriedenheit. Dies war jedoch bei weitem nicht immer so gewesen.

Nahezu alle pubertierenden Jugendlichen hören Musik, manche sogar ziemlich viel davon. Sie identifizieren sich mit ihren Stars, kleiden sich wie ihre Stars und Lieblingsbands, verleiben sich Unmengen an Literatur über sie ein, wofür sie Unsummen ausgeben und studieren zuweilen sogar deren Mimik und Gestik ein, um ähnlich wie ihre Idole zu wirken und ihnen dadurch näher und immer näher zu sein. Dies verhilft ihnen zum dringend benötigten Selbstbewusstsein und unterstützt sie auf ihrem schwierigen Wege des Erwachsenwerdens.

Auch die neuesten CDs oder Schallplatten steigern unweigerlich den Wert eines jeden Teenagers. Sein Ansehen bei Freunden und Bekannten, auch dem stark an Bedeutung zunehmenden anderen Geschlecht ist untrennbar verknüpft mit einer Kenntnis der aktuellen Chartnotierungen. Sollten die angesagten Scheiben sich sogar im persönlichen Besitz befinden, ist man selbst auch entsprechend angesagt – oder eben nicht, wenn man dieser Renommee-Belege entbehren muss. Finanzielle Situation oder wirtschaftliche Lage der Eltern sind dabei irrelevant, gelten nicht als Entschuldigung, denn dafür ist auch ein Teenagerleben zu kurz, als dass solche Dinge berücksichtigt werden könnten. Somit zählt schon dort haben oder nicht haben, Besitztum oder Armut, allerdings äußerst latent, weil andererseits sich niemand tiefere Gedanken über solche Dinge macht. Das noch kindliche Gemüt legt auf so etwas nicht allzu viel Wert.

Mit den Jahren beginnen sich die Interessen und damit auch die Vorlieben für Musik unterschiedlicher zu entwickeln. Da gibt es Leute, die kein Geld haben, Musik käuflich zu erwerben und sich daher mit Aufnahmen ihrer Freunde begnügen müssen. Es gibt aber auch Leute, denen es vollauf genügt, die neuesten Hits im Radio zu hören. Und es gibt Musikinteressierte, in deren Zimmer man plötzlich eine ganze Sammlung mit LPs und CDs vorfindet, welche dort quasi über Nacht gewachsen zu sein scheint, sozusagen ein Eldorado für Mittellose.

Das frustrierende Gefühl, Tausende von Platten wirklich dringend besitzen zu müssen, aus finanziellen Gründen jedoch die Befriedigung dieses Bedürfnisses vermutlich niemals realisieren zu können, muss man am eigenen Leibe kennen lernen, um es beurteilen zu können.

Das neueste Werk des Lieblingsgitarristen oder der Lieblingsband erscheint im Durchschnitt automatisch alle ein bis zwei Jahre, so wie nach circa drei Studioalben häufig ein Live-Album in die Regale der Musikläden nachgeschoben wird. Dass dies etwas mit Plattenverträgen zu tun hat, sollte Sebastian erst viel später lernen. Ebenso, dass ein neu erscheinendes Best-Of-Album eines noch lebenden Künstlers respektive einer noch gemeinsam auftretenden Band fast immer ein diskreter Hinweis auf einen bevorstehenden Wechsel der Plattenfirma bedeutete, also quasi eine vertragliche Bedingung:

„O.k., du kannst gehen, erst veröffentlichen wir aber noch eine Best-Of von dir.“

Die neuen Produkte werden überall in der Musikpresse besprochen, die Künstler finden plötzlich Zeit für Interviews, in denen sie versichern, dass insbesondere dieses neue Album ein ganz besonders ehrliches geworden ist, weil es eben so viel über sie selbst erzählt und nicht zuletzt deswegen ihr absolut bestes ist.

Verreißen dürfen die Kritiker in den Medien Neuerscheinungen natürlich auch, und es wird gerne und häufig Gebrauch davon gemacht. Werden jedoch zu viele Produkte einer Plattenfirma negativ kritisiert, so verebbt irgendwann die Lieferung von Gratishörproben dieser Plattenfirma an den abtrünnigen Kritiker. Um dem zu entgehen und dennoch ehrlich zu bleiben, muss Kritik sorgsam abgewogen werden.

Ebenso wird ein neu erschienenes Album sehr häufig durch eine Tournee unterstützt, um dessen Verkäufe anzukurbeln. Dadurch ergibt sich für die Fans die Möglichkeit, den angehimmelten Star endlich mal auf der Bühne erleben zu können. Ein Live-Erlebnis bedeutet, mit einer großen Menge anderer unbekannter, manchmal ebenso wahnsinniger, jedoch zumindest musikalisch gleich gesinnter Menschen in einer Halle zusammen zu sein. Im Sommer kann dies auch gerne unter freiem Himmel, also Open Air stattfinden. Das gemeinsame Erlebnis entsteht durch die Musik, welche auf der Bühne produziert und mittels ziemlich vielen und relativ großen Lautsprechern ins Publikum gestreut wird. Zu einem solchen Konzert müssen die Fans anreisen, manchmal weite Wege in entfernte Städte auf sich nehmen. Wer auf dem Lande lebt, hat somit nicht nur die finanzielle Hürde zu überwinden, sondern außerdem noch diejenige der regionalen Distanz.

Sebastian lebte nun zufällig auf dem Lande, besaß weder Geld für ein Konzert-Ticket noch für eine Bahnfahrkarte dorthin, noch existierte ein Auto in der Familie, welches ihn mal eben an der angesagten Konzerthalle hätte absetzen können. Somit war der Gedanke, seine Lieblingsband eines fernen Tages mal live sehen zu können, praktisch von Anfang an hinfällig. Bilder von Rockkonzerten begutachtete Sebastian regelmäßig und mit wachsender Begeisterung in den einschlägigen Zeitschriften, aber er konnte nicht einmal daran denken, einer von denen zu sein, die da im Publikum standen und durch Zufall mit aufs Foto geraten waren. Seine Realität war finanziell und regional ganz erheblich begrenzt, und dies hier war eine andere Wirklichkeit, eine Welt des Glitzers, der Backstage-Aufnahmen und der fröhlichen Ausgelassenheit, weil schließlich auf den Fotos alle immer lachten und gut drauf waren. Dagegen hatte sich an Sebastians Perspektive nie etwas geändert.

Den Beginn dieser Entwicklung könnte man vielleicht setzen an einem dieser Tage, an dem er sich zusammen mit seinen beiden anderen Geschwistern und seiner Mutter in der viel zu engen Wohnküche aufhielt, welche damals den bescheidenen Mittelpunkt der ebenfalls viel zu engen Wohnung darstellte. Während die Mutter mit irgendwelchen Hausarbeiten beschäftigt war, spielten die drei Kinder, spielte zumindest Sebastian für sich alleine, als er zum wiederholten Male im Radio diesen Song hörte, der so nett mit einem Klavier oder zumindest einem dem Klavier verwandten Tasteninstrument einsetzte. Die Erwachsenen schrieben das Jahr 1967 und dieser Song wurde öfter gespielt, ohne dass Sebastian zu dieser Zeit etwa gewusst hätte, was ein Hit ist. Auch den Titel des Liedes lernte er nie richtig kennen, obgleich der Interpret einmal sogar im Fernsehen zu bestaunen war. Es handelte sich dabei um „Death Of A Clown“ von Dave Davies. Dieser war der jüngere Bruder von Ray Davies und hatte bis dato immer im Schatten seines älteren Bruders gestanden. Beide waren Mitglieder der Kinks und Dave Davies landete mit dieser Single in der Tat einen Hit, der umsatzmäßig den anderen Kinks-Singles durchaus das Wasser reichen konnte.

Im Grunde handelte es sich bei „Death Of A Clown“ also um Sebastians allerersten Lieblingssong, welchen er erst viele Jahre später auf dem Kinks-Album „Something Else“ entdeckte und bei dieser Gelegenheit ohne längeres Zögern seiner Sammlung einverleibte. Was er an diesem Song so sympathisch fand, war jener mehrstimmige kindliche Gesang im Hintergrund, mit dem sich Sebastian bei seinen acht Jahren durchaus zu identifizieren vermochte.

Mit Vierzig würde er dies immer noch tun. Dann machte ihn die Erinnerung an jene unschuldige Zeit in der kleinen Stube, in die am Nachmittag immer das Sonnenlicht gefallen war, häufig traurig, weil sie so unwiederbringlich vorüber war wie irgendwie eine ganze Epoche.

Auf der Ebene der Musik geschah für Sebastian nach der Dave Davies-Single lange Zeit nichts, abgesehen von vielleicht ein paar Kuriositäten. So veranstaltete mal jemand aus seinem Bekanntenkreis eine Geburtstagsparty und zum Dank für seine Einladung bekam er – zweifellos aufgrund mangelnder Absprache – von fünf verschiedenen Gästen fünfmal die gleiche Single geschenkt. Sozusagen einmal zum Hören und viermal zum An-die-Wand-Nageln oder Darauf-Herumtreten.

Erst um 1970 herum fand sich Sebastian abends auf dem Zimmer eines alten Spielkumpels wieder, wo dieser ihm bei rotem Schummerlicht die relativ frischen Alben „Fireball“ und „In Rock“ der englischen Hardrock-Truppe Deep Purple vorstellte. Ohne die Bands Deep Purple, Black Sabbath und Led Zeppelin wäre die gesamte Heavy Metal-Szene späterer Jahre undenkbar gewesen. Es war musikalisch etwas gänzlich Neues und bedeutete in einer Zeit schlimmster Auseinandersetzungen zwischen den Generationen für die Eltern vermutlich den endgültigen Knock out.

Auch für Sebastian war es damals völlig neu und fremd, so dass ihm durchaus ein wenig unbehaglich zumute war ob dieser ungewohnt harten Klänge. Sie saßen dort oben nicht zum Spielen etwa mit Autos, sondern ihre Zusammenkunft stellte neuerdings das Spielen von Musik in den Mittelpunkt der Aktivitäten. Beide saßen auf dem Bett oder einem Stuhl, dank der fürsorglichen Mutter des Freundes ausgestattet mit einem Gläschen Wermut, schauten trübe vor sich hin, ohne sich mehr als nötig zu unterhalten und lauschten den Klängen von „Child In Time“ oder „Anyone`s Daughter“.

Der Freund: „Die Platte hab` ich ganz neu.“

Sebastian: „Gut.“

Nach einer Weile wieder: „Und? Wie findest du?“

Sebastian: „Toll, echt.“

Von da an nahmen die Dinge ihren Lauf. Sebastian lag häufig in seinem unbeheizten und daher im Winter ziemlich kalten Zimmer auf dem Bett unter einer Decke und schaltete sein brandneues silbernes National Panasonic-Transistorradio ein, welches ihm glücklicherweise der Weihnachtsmann zum Fest 1971 hereingereicht hatte. Die Distanzierung und Abnabelung vom Elternhaus, welches bei ständiger Abwesenheit des Vaters ohnehin nie ein vollständiges hatte sein können, wurde damit praktisch offiziell vollzogen. In Wahrheit hatte sie allerdings schon wesentlich vorher eingesetzt, weil Sebastian zu Hause schon früh keine Antworten mehr auf seine Fragen erhielt und er sich daher von Kindesbeinen an gezwungen sah, diese Antworten woanders zu besorgen. Nun aber lag er durchaus gewollt und bewusst auf seinem Bett, um Musik zu hören und nicht dabei gestört zu werden, während hinter der geschlossenen Tür in der Küche die Stimmen der anderen Familienmitglieder zu vernehmen waren. Sebastian befand sich längst in einer anderen Welt, in der Welt des John Lennon mit seinem „Imagine“, des Rod Stewart mit seiner „Maggie May“ und vor allem der T.Rex mit ihrem „Hot Love“.

T.Rex zogen ihn in ganz besonderem Maße an. Innerhalb kürzester Zeit stiegen Marc Bolan und Micky Finn für den mittlerweile musikbegeisterten Sebastian, gelinde gesagt, zu Göttern auf, unerreichbar wie alle Götter, im Gegensatz zu jenen jedoch real existent und noch dazu unglaublich wunderschöne Musik spielend. „Get It On“, „Telegram Sam“, „Metal Guru“ und weitere Singles dieser Band verkörperten für Sebastian fortan das Schöne in seiner Welt, das, was ihn von seinem sinnleeren Zuhause immer weiter wegbrachte. Während seine Freunde alle schon LPs besaßen, musste er lange sparen, um sich nur eine einzige Single leisten zu können, ein mühsames Unterfangen also. Dennoch sammelte er die wichtigsten Hits von T.Rex im Laufe der Zeit emsig zusammen.

Bei „Jeepster“ handelte es sich sogar um den ersten für ihn bedeutsamen Song, über dessen Erscheinen Sebastian aktuell informiert wurde, indem nämlich frühmorgens im Schulbus ein Freund schon aufgeregt auf ihn zukam.

„Weißt du schon, dass T.Rex eine neue Single raushaben??“

„Nö, echt?“

„Ja wirklich, sie heißt, Jeepster’ und ist total super!“

Schon mal eine gute Nachricht an diesem noch so jungen Tage.

Auf die Lieblingsband Sweet seines jüngeren Bruders konnte er natürlich nur mit Verachtung herabblicken, was ja bei einem Jungen in diesem Alter nicht verwunderlich ist. In Wahrheit aber gab es musikideologisch nicht nur Differenzen und Auseinandersetzungen zwischen den Fans der Beatles und der Rolling Stones in den Sechzigern, sondern tatsächlich auch zwischen den Fans von T.Rex und Sweet in den Siebzigern, weil diesen Sweet nun wirklich endgültig die geistige Tiefe in ihrer Musik abhanden gekommen war. Dagegen besaß das Schaffen des Marc Bolan, im Grunde alleiniger Kopf von T.Rex, durchaus eine gewisse Substanz, welche stellenweise sogar ein wenig in Richtung Bluesrock tendierte beziehungsweise dazu führte, dass Marc Bolan mit seiner Musik zukünftig sogar als Wegbereiter des Punk angesehen werden sollte. Da konnte Sebastian nun wieder überhaupt keine Parallelen entdecken. Viel später las er dann, dass Marc Bolan sogar einmal ein paar Stunden Gitarrenunterricht bei Meister Eric Clapton genommen hatte. Die Ergebnisse dieses Unterrichtes durften aber nicht nur nach Sebastians Auffassung gerne in Zweifel gezogen werden.