Blumberg - Andreas Niedermann - E-Book

Blumberg E-Book

Andreas Niedermann

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Beschreibung

Eine erschossene Taube und eine Ohrfeige führen dazu, dass Isa Blumberg, 53, als Ausstellungsbetreuerin gefeuert wird. Im Antiaggressionstraining, das sie seit längerem besuchen muss, lässt sie sich von einem Skinhead namens Jerk anheuern, um dessen verschwundenen Bruder Ronny zu suchen. Isa, Ex-Punkerin, ehemalige Journalistin und Mutter eines erwachsenen Sohnes, in dessen Priesterwohnung sie für ein paar Tage unterkriechen muss, macht sich auf die Suche. In der unerträglichen Sommerglut der Großstadt, und während ihr bisheriges Leben zerfällt, arbeitet sich Isa Blumberg schlaflos an ihrem Auftrag ab. Dabei stößt sie, ganz ungewollt, auf eine alte Geschichte von ideologischer Verblendung, Dummheit und Schuld.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Andreas Niedermann

BLUMBERG

Kriminalroman

Songdog-Verlag

Originalausgabe

1. Auflage 2018

© Songdog Verlag, Wien

 

Cover: Yvo Egger(unter Verwendung eines Bildes von Robrob42 auf commons.wikimedia.org)

 

Lektorat: Markus Schütz

 

ISBN 978-39504224-8-1

Der Autor dankt dem Kanton St. Gallen für die großzügige Unterstützung seiner Arbeit.

 

Spezieller und herzlicher Dank gilt den Mitstreitern und Gönnern des Songdog Verlags, ohne deren Mithilfe es dieses Buch nicht geben würde. Allen voran Markus Schütz und Yvo Egger, Daniela Koller, Martin Niedermann.

«Wo viel Träume sind, da ist Eitelkeit und viel Gerede.»

Prediger Salomo

Die Taube auf dem Keyboard setzte das rechte Bein zurück, als sie den Luftzug von der Tür wahrnahm, und wandte ruckend den Kopf. Das glitzernde kalte Auge ruhte eine Weile auf Isa Blumberg, die den Raum betrat. Dann neigte die Taube äugend den Kopf, als schätze sie die Absichten der Frau ein.

„Hau ab! Verschwinde! Flieg!“, sagte Isa Blumberg leise, mehr zu sich selber als zu dem Vogel. Sie schloss die Tür hinter sich. „Hau ab“, wiederholte sie, aber noch leiser als zuvor. Sie wollte, dass der Vogel es hörte und sich in die heiße, verbrauchte Luft schwang, aber sie wollte auch, dass er es nicht hörte und blieb, wo er war. Damit alles zu einem Ende kam.

Die Taube flog auch dann nicht weg, als Isa noch näher kam. Sie hätte es aber besser getan. Wäre besser weggeflogen. Aber wohin? Der riesige Raum, hoch und weit wie ein Kirchenschiff, war leer, bis auf einen Tisch, auf dem die Computersteuerung stand.

Die Fensterfront zum Hof bestand aus Hunderten, wenn nicht Tausenden von buchseitengroßen Glasscheiben, die in sechs oder sieben Meter hohe, schwarze Eisenrahmen gekittet waren. Und irgendwo musste es eine geben, die nicht mehr heil war. Durch dieses Loch hatte die Taube von außen hineingefunden. Vor Stunden, vielleicht vor Tagen.

Die Taube, dachte Isa, wusste nicht, dass es unmöglich war, dieses Loch wiederzufinden. Die Taube wusste auch nicht zu deuten, was es mit den Skeletten ihrer Artgenossen auf sich hatte, die entlang der Fensterfront die schweren Bohlen des Bodens bedeckten. Ihr Hirn, groß wie die Hälfte einer Erdnuss, befahl ihr nur zu trinken. Aber in dem Raum gab es nichts außer den gespinstartigen, mit Federn verklebten Skeletten und dem hartgetrockneten Kot der Vögel, der sich mit den alten, grauen Bohlen verbunden hatte.

Die Taube musste wahnsinnig durstig sein. Aber Isa empfand kein Mitleid. Eine Taube war kein Tier, das einem leidtat. Aber warum flog sie nicht weg? War sie zu erschöpft? War es ihr egal, dass die Frau immer näher kam? Letzte Chance, du dummes Tier.

Isa hatte sich ihr bis auf fünf Schritt genähert. Und noch immer beließ es die Taube bei ihren flackernden Blicken. Also musste es wohl sein. Die Taube würde in jedem Fall sterben. Die Frage war nur, wie viel Schaden sie noch anrichten konnte.

Tu es. Tu es. Tu es jetzt.

Isa hob die Hand mit der Druckluftpistole, machte den Arm lang und visierte über Kimme und Korn, ohne ein Auge zu schließen. Sie wusste, wie man das richtig machte. Wie Polizisten und Personenschützer. Beide Augen offen halten. Niemals den Überblick verlieren. Das Korn, genau im V der Kimme, erschien auf dem blauen Federstreifen der Taubenbrust. Isa hielt den Atem an. Sie drückte ab.

Sie hörte den gedämpften Knall, aber ihr schien, als hörte sie ihn nicht außen in dem riesigen Raum, sondern in sich drin. Er löste eine Welle eines bekannten Schmerzes aus, die sie für einen Moment die Augen schließen ließ. Aber sie konnte noch sehen, wie die Taube fiel. Isas Herz blieb stehen. Es fühlte sich an, als würde es sich mit schwerem dickflüssigem Lehm füllen.

Sie hatte erwartet, dass die Taube noch einmal, zweimal mit den Flügeln schlagen würde, dass sie vielleicht nicht richtig getroffen hatte und noch einmal schießen müsste, darauf hatte sie sich eingestellt, aber die Taube flatterte kein einziges Mal, sondern kippte mit angelegten Flügeln zur Seite, als wäre sie immer schon so steif gewesen, als hätte sie nie gelebt. Der Vogelkörper traf auf dem Holzboden auf. Es hörte sich an wie ein Klaps auf ein Kissen.

Isa starrte auf die Tastatur, wo die Taube gerade noch gewesen war, entsetzt und darüber erschrocken, dass sie es tatsächlich getan hatte. Ihr Herz klopfte laut. Widerstrebend bewegte sie sich auf die Taube zu. Sie konnte den Vogel noch nicht sehen, da er hinter dem Tisch lag, wo sich ein Kabelsalat zum einem kleinen weißgrauen Turm kringelte. Sie trat an den Tisch. Der Ventilator des Computers hörte sich an wie der Atem all der sterbenden Vögel, die in dem Raum verdurstet waren. Der Luftstrom bewegte das im schmutzigen Licht glänzende Gefieder der Taube, plusterte es auf, als hätte der Tauber während eines Balztanzes einen Schwächeanfall erlitten.

Isa bückte sich und hob die Taube auf. Der Körper war warm und schlaff, und der Kopf pendelte sinnlos hin und her, wie ein gefiederter Penis. Isa wollte losgehen, um das tote Tier nach hinten zu bringen, wo sie es zu den vielen Skeletten ihrer Artgenossen geben wollte, aber dann hörte sie die Angeln der schweren Tür quietschen. Sie blieb stehen.

„Hallo, hallo! Was machen Sie da? Isa, was machen Sie da!“

Mascha Setz kam mit raumgreifenden Schritten näher, den Blick abwechselnd auf Isas Gesicht und Isas Hand mit der Taube richtend. Ihr Mund zuckte.

„Nach was sieht’s denn aus?“, sagte Isa heftiger, als sie es vorgehabt hatte. Egal. Immer eine Frage mit einer Frage beantworten.

„Ich habe es gesehen, Isa. Sie haben die Taube getötet. Mit einer Pistole. Hier, in einer Kunstausstellung! Sind Sie eigentlich irre?“

„Halten Sie das hier für einen Teil der Ausstellung? Das ist der Steuerungsraum.“

„Was spielt das für eine Rolle? Sie sind verrückt geworden? Woher habe Sie überhaupt dieses Ding da, dieses … äh … Schießding.“

Dieses „Schießding“, eine beinahe perfekte Druckluft-Nachbildung eines Navycolts 45, war ein Geschenk von Lenny, als sie vor einigen Jahren beschlossen hatte, Taxi zu fahren. „Damit“, hatte Lenny gesagt, „kannst du niemanden umbringen, aber einem Arschloch so viel Schmerzen bereiten, dass er das, was auch immer er vorgehabt hat, für eine lange, lange Zeit vergisst.“

Aber Isa spielte nur ihre nächste Frage aus: „Spielt es eine Rolle, woher ich das Schießding habe?“

Mascha Setz stemmte ihre Fäuste in die Seite.

Fäuste in die Seite! Wer machte denn so was? Und erst Maschas Haare. Eine Art Afrolook. Aber dafür konnte Mascha nichts. Tausende von winzigen schwarzen Haarkringeln. Und dann dieses frackähnliche Sakko, die magentafarbene Bluse mit dem ausladenden Orchideenkragen, die schwarze Hose mit Schlag. Die Stilettos und die blickdichten Strümpfe, die sich über die Fersen spannten. Von hinten, das wusste Isa, konnte man unter der engen, dünnen Hose den Abdruck ihres Slips sehen. Das ist eindeutig mangelnder Stil. Da konnte vorne sein, was wollte, aber man zeigte nicht den Abdruck des Slips her. Dann lieber keine Unterwäsche.

Isa glaubte zu spüren, wie die Taube in ihrer Hand langsam erkaltete.

„Ja, es spielt eine Rolle“, sagte Mascha. Sie ließ ihre Arme sinken, als hätte sie bemerkt, wie dumm ihre Hände-in-der-Seite-Pose aussah. „Ich sag Ihnen was … Ich sag Ihnen was … Da unten sind Leute, die sich heute über Sie beschwert haben …“

„Heute? Wieso heute? Beschweren sich die Leute nicht andauernd?“

„Was ist los mit Ihnen, Isa? Sie benehmen sich wie ein trotziger Teenager.“

Da liegst du nicht ganz falsch, dachte Isa, aber so war es nun mal. Sie fühlte sich im Recht. Im Recht, so wie sie dastand, in einer Hand die Druckluftpistole von Lenny und in der anderen die tote Taube. Mascha starrte wieder auf die Pistole, und Isa legte sie hinter das Keyboard auf den Tisch, und Maschas Blick wanderte zum baumelnden Kopf des Vogels, der zwischen Zeigefinger und Daumen aus Isas Hand herauswuchs. Isa legte den Körper neben die Pistole und betrachtete einen Augenblick versonnen das Todesgespann. Ursache und Wirkung.

„Diese Leute, Isa, sind Kunden. Sie haben Eintritt bezahlt, um sich die Ausstellung anzusehen“, fuhr Mascha fort. Dass der Vogel und die Pistole nicht mehr zu sehen waren, schien sie etwas zu besänftigen, aber verärgert war sie noch immer.

„Können sie ja“, sagte Isa. „Wer verwehrt ihnen das denn?“

„Sie haben ein Kind angebrüllt und den Vater zurechtgewiesen.“

„Hören Sie, Mascha, ich habe nicht gebrüllt. Ich habe den beiden lediglich zu verstehen gegeben, dass dies keine publikumsinteraktive Performance ist, sondern eine Ausstellung. Der Kleine war schon in den Regenschirmen drin und hat angefangen, damit zu spielen. Die hatten einen Anpfiff nötig …“

Isa brach ab, denn das alles führte zu nichts. Sie hätte Mascha berichten können, dass sie sich eine lange Peitsche wünschte, die sie über den Köpfen der Besucher knallen lassen konnte. Denn das Publikum, angezogen vom großen Namen des Künstlers, bestand aus Leuten die es gewohnt waren, dass bereits viele Ausstellungen interaktiv waren, demokratisch, transparent, und dass von ihnen, den Besuchern, geradezu erwartet wurde, sich „einzubringen“.

Am ärgsten trieben es jene, die mit ihren Kindern herkamen und es für eine Elternpflicht hielten, den Kleinen die Ehrfurcht vor der Kunst zu nehmen, ihnen zu zeigen, dass Kunst gar nichts Besonderes war und dass man überhaupt keinen Respekt zu haben brauchte. Dieses neue Publikum war unangenehmer als die verknöcherten Spießer von früher. Nach zwei Samstagsdiensten hatte Isa sich die skeptische, missbilligende Distanz der Spießer zurückgewünscht.

„Ich will hier nicht mit ihnen rumstreiten“, sagte Mascha abgeklärt, „aber die haben gesagt, dass Sie sie angebrüllt haben.“

„Gebrüllt?“

„Ja, gebrüllt.“

„Gebrüllt habe ich schon gar nicht. Ich brülle nie.“

„Wie auch immer: Peter wird das nicht gern hören“, sagte Mascha. Sie sprach Peter wie Pitha aus, korrekt, ohne Akzent. Das hätte Pitha gefreut, wenn er es hätte hören können, denn als Mitglied der britischen Klasse X litt er sichtlich unter dem üblen Serien-Pidgin, den man hier für Englisch hielt. Bei Besprechungen türmte Pitha ein „I beg your pardon“ aufs andere, und am Ende der Sitzungen reichte der „I beg you pardon“-Turm bis unter die Decke. Das hiesige Englisch musste in seinen Ohren so verwaschen und unverständlich klingen wie das Deutsch von Johnny Cash, als er „Wo ist zuhaus, Mama?“ aufnahm. Woisssuuausmama?

I beg your pardon.

„Und dann noch schießen“, sagte Mascha, die wieder zum Thema zurückkehrte. „Schießen! Eine tote Taube. Wirklich. Ich kann’s gar nicht glauben …“, sagte sie melodramatisch.

„Sagen Sie’s ihm halt nicht. Er muss es ja nicht erfahren …“, sagte Isa. Eine Ahnung beschlich sie. Das würde, das fühlte sie, kein gutes Ende nehmen. Sie hatte das Gefühl, dass seit dem Schuss alles gegen sie lief, nichts stimmte mehr.

Mascha strich die Haare zurück und Isa konnte nun ihre Augen sehen, ihre braunen, überschminkten, von der gestrigen Party noch geröteten Augen. Sie blickten Isa missbilligend, aber unsicher an. So etwas hatten sie noch nicht gesehen. Mascha, die Partys liebte und die Kunst. Und die Männer. Für die sie sich ein wenig zu aufdringlich interessierte. Was man so hörte.

„Warum haben Sie das getan? Warum die Taube?“

„Ich wollte es nicht, aber es musste sein“, sagte Isa.

Sie hatte nun wieder das Gefühl, dass sich alles noch zum Guten wenden konnte.

„Wie, es musste sein?“

„Ich musste es tun, weil die Taube das System zum Absturz gebracht hat.“

„Was reden Sie da? Ein Taube bringt das System zum Absturz? Was soll das?“

„Ich erklär’s Ihnen …“

„Ja, tun Sie das. Aber bitte die Kurzfassung.“

„Selbstverständlich die Kurzfassung“, sagte Isa.

Was sonst? Es gab keine lange Fassung. Sie betrachtete die Taube, auf die jetzt ein Sonnenstrahl fiel, ein schmaler Splitter Licht, der aus einer der dreckigen Scheiben hereingefunden hatte und dem Gefieder der Taube einen schmutzigen Glanz verlieh. „Die Taube“, fuhr Isa fort, „flog durch eine der kaputten Glasscheiben hinein und fand nicht mehr raus. Da hier der Tisch mit dem Keyboard die einzige Erhöhung ist, hat sie sich diesen Ort als Ruhepunkt ausgesucht. Sie trippelte also auf den Tasten herum. Die Folge war ein Systemabsturz. Das Licht draußen geht aus, der Kunstregen setzt aus, der Ton streikt und so weiter. Totalausfall. Und weder ich noch der Techniker haben eine Ahnung, was los ist, denn der Mistvogel ist was weiß ich wo. So könnte es gewesen sein. Wir standen vor einem Rätsel.“

„Und warum haben Sie die Tastatur nicht einfach mit einer Plane oder so was zugedeckt?“

„Ich brauchte eine Weile, bis ich drauf kam, dass es die Taube war. Genauer gesagt: drei Abstürze. Hintereinander. Ohne erkennbaren Grund. Erst als ich die Taubenscheiße auf dem Buchstaben r und dem t sah, ging mir ein Licht auf.“

„Und dann erschießen Sie sie. Ging’s nicht anders? Verscheuchen?“

„Darauf gebe ich keine Antwort. Schauen Sie sich einfach um hier. Sehen Sie die tausend Taubenskelette? Was glauben Sie, wie die zustande gekommen sind?“

„Was weiß ich.“

„Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Hier ist jener sagenhafte Taubenfriedhof, den die Ornithologen schon so lange suchen; sagenhafter als der Elefantenfriedhof, wo die Elefanten hinpilgern, wenn sie fühlen, dass ihre Zeit gekommen ist …“ Isa wusste, dass ihre Zeit auch gekommen war. Sie zog eine Show ab. Keine gute Show. Und sie hätte nicht einmal sagen können, warum sie es tat. Sie überließ sich wieder einmal dem süßen, fast feudalen Gefühl des Kontrollverlusts. Es war ihr egal. Hin und wieder musste einem einfach alles egal sein. Es war das beste Gefühl, das sie kannte. Das, und überhaupt kein Gefühl.

Mascha sah sie nun in einer Art an, dass Isa förmlich sehen konnte, wie sich ihr Job bereit machte, sie zu verlassen.

„Eine Taube erschießen! Sie, als Frau!“

Isa sah, wie ihr Job durch die große Tür verschwand und sie hinter sich zuzog.

„Sie, als Frau …“, wiederholte Mascha Setz voller Abscheu.

Isa ging auf Mascha zu. Es geschah ganz automatisch. Alles ging nun wie von selber. Es erstaunte sie jedes Mal aufs Neue. Wenn es so weit war, konnte sie es nicht mehr stoppen. Es war beängstigend und schön. Dann war sie bei Mascha. Stand in der Distanz. Und wieder ging es wie von selber. Dann knallte es. Aber es war nicht die Tür.

Sie, als Frau!

Lange bevor Isa den Schlüssel aus der Tasche gezogen hatte, hörte sie das Kratzen auf der anderen Seite der Tür. Es klang, als würde ein rabiater Gitarrenbauer den Instrumentenkorpus mit Schleifpapier bearbeiten. Die Tür bestand nur aus zwei dünnen furnierten Platten auf einem Holzrahmen, mit etwas Glaswolle dazwischen. Ein harter Tritt würde genügen, um sie aufzustoßen. Daran dachte Isa jedes Mal, wenn sie vor ihr stand. Diese Tür stand stellvertretend für den Sparwillen des Hausbesitzers: Nur das Billigste ist gut genug für meine Mieter.

Als der Hund hinter der Tür das Klingeln der Schlüssel vernahm, verstärkte er seine Bemühungen, sich mit seinen weichen, verwöhnten Krallen auf die andere Seite zu wühlen, und gab erst auf, als Isa die Tür aufdrückte. Sanft und vorsichtig, denn sie fürchtete, seine Pfoten könnten in den Spalt zwischen Tür und Boden geraten. Dabei spürte sie, wie er sich von der Tür zur Seite schieben ließ.

Da war er. Dieser langhaarige Cockerspaniel, dessen Fellzeichnung einer scheckigen Marone glich und der darum „Scheckige Marone“ gerufen wurde. Er hatte einen anderen Namen, Sascha oder ähnlich, aber Isa nannte ihn nicht so. Eigentlich nannte sie ihn überhaupt nicht, denn es war nicht ihr Hund, er gehörte nicht einmal Carla, sondern deren Bruder, der ihn immer wieder mal bei ihnen deponierte, um sich ein paar Tage ungestörter Vögelei zu gönnen.

Isa trat in den Flur und der Hund wich vor ihren Füßen zurück, vollführte dabei seitliche Sprünge, als imitiere er eine Katze, die mit einer Maus spielt, wobei Isas Schuhe den Part der Maus übernahmen. Seine langen, schlaffen Ohren flogen dabei hin und her, als gehörten sie nicht auf natürliche Weise zu ihm, als hätte sie sein sadistischer Besitzer irgendwie an seinen Schädel getackert, um ihn schwachsinnig aussehen zu lassen.Wenn sie sich jetzt zu ihm runterbeugte und ihm auf den Bauch drückte, würde die Pisse aus ihm rauslaufen. Denn Carla war bestimmt nicht mit ihm draußen gewesen. Darauf war Verlass.

Isa ging in die Küche und stellte ihre Tasche auf den kleinen, roten Tisch, auf dem noch Carlas leere Kaffeetasse vom Frühstück stand. In einer eintrocknenden Lache Milch dümpelten zwei große Krumen Weißbrot.

Der Hund verharrte währenddessen bei der Küchentür und verfolgte Isas Tätigkeit mit geneigtem Kopf, während sein Schwanz über den Flurboden fegte. Isa stupste ihn sanft mit dem Fuß an, damit er Platz machte, und ging ins Wohnzimmer. Bereits im Flur verriet das Plastikgeklapper der Tastatur, dass Carla in ihrem Zimmer war. Es hörte sich an, als zerdrückte sie ihn rasender Wut eine Armee von Maikäfern.

Isa konnte das Geräusch nicht ausstehen. Sie wusste nicht, warum, aber sie hasste es. Und sie hasste es, dass sie es hasste, weil es eine lächerliche Sache war, so etwas als störend zu empfinden. Aber was sollte man machen? Was man hasste, hasste man. Und sie hatte sich selber in Verdacht, neidisch zu sein. Carla schrieb rasend schnell. Mühelos. Ein akustischer Mahlstrom, rhythmisch, als wäre schreiben nur eine besondere Art von musizieren. Oder, am Schlimmsten: als bedeute schreiben einfach nur tippen.

Die Tür zu Carlas Zimmer war wie gewöhnlich halb offen, und Isa sah ihre Freundin am Schreibtisch sitzen. Es war kurz nach 17 Uhr. Vermutlich hatte sich Carla vor einer Stunde aus dem Bett gewälzt, geduscht und nach einem kleinen Frühstück und ein paar Zigaretten zu arbeiten begonnen. Carlas Arbeitsrhythmus war ein Grund, dass sie schon getrennte Schlafzimmer hatten, als sie noch miteinander schliefen. Denn Isa stand auf, wenn Carla langsam daran dachte, sich ins Bett zu legen. Aber nun schliefen sie auch nicht mehr miteinander. Sie waren kein Paar mehr. Schon eine ganze Weile. Es war kein abrupter Schluss gewesen. Ihre Beziehung war kompliziert geworden, sie hatte nach und nach an Fahrt verloren und war dann einfach ausgerollt, bis sie schließlich zum Stehen gekommen war. Das Begehren war längst von den stetig anrollenden Wellen der Alltäglichkeiten erst unter-, dann vollends weggespült worden. Es war zu Ende. Aber sie waren einander noch zugetan, wie Carla sagte, sie mochten sich noch, aber es wurde schwieriger.

Schwierig war es schon vorher gewesen, aber nun war es anders schwierig. Carla hatte sich neu verliebt. Vor einigen Wochen, auf einem ihrer geliebten Kurztrips nach Rom. Das war in Ordnung so, denn es machte die Sache für Isa leichter. Keine Gefühle mehr, die über eine Art Geschwisterliebe hinausreichten. Sie wusste Carla emotional aufgehoben und sie hatte damit nichts mehr zu tun. Es machte sie frei.

Carlas neue Liebe, Paola, war eine Businesslady aus Roma, nannte sich „Troubleshooterin“, was mit ihrem italienischen Akzent ganz niedlich klang, wie eine neue Gelatosorte. Aber in Isas Verständnis war dies nichts anderes als ein behübschter Ausdruck für Ausputzerin. Paola war diejenige, die den Angestellten erklärte, dass sie jetzt keinen Job mehr hatten. Ein weiblicher George Clooney aus dem Film „Up in the Air“, stets unterwegs, um verdienten Mitarbeitern zu eröffnen, dass ihre Tage in der Firma gezählt waren und sie sich einen anderen Job suchen sollten. Und Paola sah mindestens ebenso gut aus wie George Clooney.

Isa und Carla hatten einen Deal: Wenn Paola von Rom herkam, um ein paar Tage mit Carla zu verbringen, dann musste sich Isa unsichtbar machen. Das ging am besten, wenn sie auszog und für ein paar Tage woanders unterkam. Dafür sah Carla darüber hinweg, wenn Isa die Miete am Monatsersten nicht parat hatte. Zumindest ein paar Tage lang. Dann begann es mit Anspielungen und endete in Vorträgen über das Wesen der Freundschaft und deren Grenzen. Carla, die mit ihren Kriminalromanen seit einiger Zeit erfolgreich war und deren Erstling von einem TV-Sender zur Verfilmung angenommen wurde, hätte die Miete auch alleine übernehmen können, aber das wollten beide nicht. Wobei es Carla ums Prinzip ging. Isa akzeptierte es, wobei es ihr nie etwas ausgemacht hatte, von anderen etwas anzunehmen, genauso wenig, wie es ihr etwas ausmachte, etwas herzugeben. Sie verband damit nicht wie Carla Stolz, Ehre und ein Gefühl der Unabhängigkeit. Es war ihr einfach egal. Aber mit Carla hätte dieses lockere Geben und Nehmen nicht funktioniert.

Carla nannte sich Feministin, aber wer tat das nicht? Jede Stripperin hielt sich dafür, und jede bekennende Hausfrau war eine Rebellin gegen den Mainstream. Aber Carla war eine Feministin der alten Schule. Ihr bedeuteten Unabhängigkeit, eigenes Geld und gerechte Verteilung der Produktionsmittel alles. Und aus diesem Grund, und keinem anderen, hatte Isa getan, als bestände sie darauf, die Hälfte der Miete beizusteuern. Leicht war es nie gewesen. Oft blieb das Telefon still. Und niemand brauchte die Dienste von Isa Blumberg, kein Künstler, kein Schauspieler, kein Professor für Theaterwissenschaften musste vom Flughafen abgeholt, betreut und untergebracht werden; keine Galerie, kein Kurator brauchte Ausstellungsbetreuung oder auch nur jemanden, der in der Lage war, die Bilder einer Ausstellung korrekt zu hängen.

Isa blieb in der stickigen Wärme des Wohnzimmers kurz stehen, entschloss sich dann aber, in ihr Zimmer zu gehen, ohne Carla zu begrüßen. Aber dann schoss Scheckige Marone ungestüm an ihr vorbei und blieb beim Versuch, durch den Türspalt in Carlas Zimmer zu schlüpfen, mit dem Becken an Türkante und Zarge hängen. Jaulend strebte er nach vorne, seine Krallen wetzten über den Spannteppich, wobei er die Tür nur weiter zuzog, bis er vollends in der Falle steckte. Um sich zu befreien, hätte er rückwärts gehen müssen. Aber was wusste ein Spaniel von den Tücken der Physik, und so tat er dann einfach nichts, was gar kein schlechter Einfall war, und blickte abwechselnd zu Isa, die hinter ihm stand, und winselte nach vorne zu Carla, die am Tisch saß und lachte.

Isa zog die Tür vorsichtig auf und befreite den Hund, der mit hin und her schleuderndem Hinterteil unter den Tisch zu Carlas nackten Beinen wackelte und sein Kinn auf ihre Schenkel legte.

„Warst du draußen mit ihm?“, fragte Isa.

„Draußen? Weißt du, wie heiß es ist?“

„Der Kleine muss pissen. Auch wenns heiß ist.“

„Mascha hat angerufen“, sagte Carla, ohne auf Isas Einwand einzugehen. Dann tätschelte sie den Hundekopf auf ihren Schenkeln, so hart, dass die Zähne bei jedem Schlag zusammenklackten. „Ich weiß also Bescheid.“

„Was wollte Mascha? Warum ruft sie dich an? Was ist das für’n Scheiß?“

„Frag sie. Jedenfalls hat sie angerufen. Gerade eben, bevor du hereingekommen bist.“

Isa lachte trocken. „Hat Mascha bei Mutti gepetzt?“

„Sie wollte nur wissen, was mit dir los ist. – Und ja: Was ist mit dir los?“

„Das war alles?“

„Du seist ausgetickt. Aber so richtig. Ein Rückfall sei nicht ausgeschlossen, man müsse sich Sorgen machen.“

„Was hast du ihr gesagt?“

„Nichts. Was hätte ich sagen sollen? Ich sagte ihr, dass du dreiundfünfzig bist, einen erwachsenen Sohn hast und dass ich beinahe glaube, dass deine Punkerzeit hinter dir liegt.“

„Das hast du gesagt?“

„Sinngemäß. Sie war ziemlich aufgebracht. Ich hatte aber den Eindruck, dass sie mir nicht alles erzählen wollte, obschon ich nach Einzelheiten gefragt habe. Nichts. Willst du mich aufklären?“

„Ich habe Mascha Setz eine aufgelegt“, sagte Isa. Sie fand es jetzt anständig von Mascha, dass sie sich nicht bei Carla darüber ausgeweint hatte. War es falsch gewesen? Hatte sie sich in Mascha getäuscht?

„Sie hat gefragt, ob du noch in Therapie bist.“

„In welcher Therapie?“

„In welcher Therapie? Im Ernst jetzt?“

Carla blickte verärgert auf den Kopf des Hundes und ließ ihre Hand hart auf den Schädel fallen.

„Du solltest den Hund nicht schlagen, sondern mit ihm rausgehen. Er muss immer noch pissen.“

„Paola ist im Anflug“, sagte Carla, ohne Isa anzusehen.

„Ach, Scheiße“, sagte Isa, „komm her, Marone!“ Sie schnalzte mit der Zunge. Der Hund trottete schwanzwedelnd heran. Du bist gar nicht so dumm, wie du aussiehst, dachte Isa. Er konnte unterscheiden. Scheckige Marone wusste: Carla war für Fressen und Spiel zuständig und Isa für Pissen und Laufen. Dabei mochte sie den Hund nicht einmal. Aber für Carla war das Tier ein witziger Spielgeselle, mit dem sie auf dem Boden herumtollen konnte, wenn ihr danach war. Dass das Tier auch andere Bedürfnisse hatte, wie kacken, pissen, laufen, schnüffeln, interessierte sie nicht. Sie fütterte ihn und spielte mit ihm, damit hatte es sich.

„Tut mir leid, ich hätt’s dir sagen sollen. Hat sich kurzfristig ergeben. Weiß es auch erst seit gestern Nacht“, sagte Carla.

„Anrufen?“, sagte Isa.

„Ja, hätt’ ich tun sollen“, sagte Carla hart, ohne jede Spur des Bedauerns und so weit von einer Entschuldigung weg wie Scheckige Marone vom selbständigen Gang auf eine Toilette.

Isa wusste, wie sehr sich Carla jetzt innerlich wand, obschon ihr Blick hart und kalt geworden war. Sie wollte Paola, nur Paola, nichts als Paola, Paola – und keine Troubles.

Sollte sie bekommen. Alles. Sogar den Hund würde sie ausführen. Nicht weil sie ihn mochte, sondern weil er ihr leidtat. Er war eine Kreatur, und Kreaturen waren in ihrer Kreatürlichkeit gefangen, wie Carla in ihrem Begehren gefangen war.

„Geht das okay für dich?“, sagte Carla. „Oder geht es gar nicht?“

„Ich dreh eine Runde mit der Marone und bin dann weg.“

„Du bist nicht sauer?“

„Nein, ich bin nicht sauer.“

Nein. Sauer war sie nicht. Sie war niemals „sauer“. „Sauer“ war Carlas Gefäß für Gefühle des Unmuts, der Missbilligung, der Wut, des Hasses, der depressiven Verstimmung. Bei Bedarf stellte sie das Gefäß zur freien Entnahme des passenden Wortes auf den Tisch. Aber in ihren Büchern stand nie: „Du bist nicht sauer?“ Irgendwann würde Isa sie fragen, warum dem so war.

„Ach, es eilt nicht“, sagte Carla, während sie mit gerunzelter Stirn auf den Schirm blickte, um dann in einem blitzschnellen Überfall ein Bataillon Maikäfer zu zerdrücken.

Isa wartete, bis sie das Tippen einstellte, und fragte dann: „Was heißt: eilt nicht? Wann kommt Paola?“

„Heute Nacht. Ich hol sie vom Flughafen ab.“

„Oh ja, dann hat es ja wirklich keine Eile“, sagte Isa sarkastisch. Aber in Carlas Augen spiegelte sich bereits die Textfläche auf dem Display. Mehr gab es für sie nicht zu sagen.

Isa schnalzte mit der Zunge und der Spaniel schoss durch das Wohnzimmer in den Flur, wetzte über den Bodenbelag und kam hechelnd vor der Tür zum Stehen und ließ seinen Schwanz das billige Furnier der Tür peitschen. Isa griff sich die Leine von der Garderobe im Flur und folgte ihm.

Scheckige Marone pisste wie eine Hündin. Er hob kein Bein, er senkte sein Hinterteil ab. Scheckige Marone war der Sitzpinkler unter den Rüden. Nachdem er sein Wasser losgeworden war, schoss er durch die Gegend, Schnauze dicht über dem Boden, als wäre seine schwarze Nase aus Eisen und unter dem Asphalt ein Magnet, den ein Spaßvogel nach Lust und Laune in alle Richtungen bewegte.

Sie gingen hinunter zum Kanal, der schnell und braun zwischen den großen, hellen Ufersteinen dahinfloß. Eine Menge Volk lag im gelb werdenden Gras des steil abfallenden Bords. Einige lagen auf Badetüchern, andere sonnten sich mit nacktem Oberkörper einfach so, als hätten sie sich spontan dazu entschlossen. Das Gras des Ufers war beinahe kniehoch, dort, wo es von den Sonnenbadenden nicht niedergedrückt war. Isa betrachtete das niedergedrückte Gras mit dem schamhaften Befremden eines Landeis. Niemals würde sie eine Wiese betreten, deren Gras mehr als knöchelhoch war. Frühkindliche Prägungen wurde man nicht los. Niedergetretenes Gras war ein Vergehen gegen den Bauern, denn niedergetretenes Gras ließ sich nicht mehr mähen. Das hatte sie dereinst von ihrer Großmutter lernen müssen. Gras war nicht einfach nur irgendwas. Es war das Futter der Kühe. Gras war Milch und Butter, Käse und Fleisch in einem frühen Stadium. Sie lächelte bei dem Gedanken daran. Er kam ihr jedes Mal, wenn sie jemanden durch hohes Gras gehen sah. Es machte ihr etwas aus. Sie hatte immer den Wunsch, es zu verhindern, und tat es doch nie.

Auf der anderen Seite des Kanals stieß die niedrige Skyline in den flachen, sich rötenden Abendhimmel. Es war noch immer brütend heiß und morgen sollte es noch heißer werden. Die erste Hitzewelle des Jahres war angekündigt worden. Und wie jedes Mal, wenn eine Reihe glühend heißer Tage anstand, stellte sich Isa dieselbe nutzlose Frage, warum sie nicht die Stadt verließ und für ein paar Tage aufs Land zog, wo es zumindest in der Nacht ein wenig abkühlte. Aber auch das tat sie nie. Meist kam etwas dazwischen, was sie davon abhielt. Einmal war es ein Auftrag, ein neuer Job, ein anderes Mal das Fehlen eines Jobs, kein Geld für ein billiges Hotel, oder man rechnete mit dem baldigen Ende der Gluthitze. Und so blieb sie eben und stand es durch. Das war es, was der Sommer war: Etwas, das man irgendwie durchstand.

Die Hitze im Raum war kaum zu ertragen, die Luft war verbraucht und roch säuerlich, als hätte sich vor ein paar Minuten eine Kompanie Soldaten ihrer Marschuniform entledigt.

Heute waren sie nur zu dritt. Nur sie, der lange, machtvolle Skinhead neben ihr, der sich Jerk nannte, und die Leiterin des Antiaggressionstrainings, deren Namen Isa ein ums andere Mal entfiel. Lottmann.

Lottmann saß an einem kleinen Tisch vor einem Bücherregal, das mit Büchern vollgestellt war, aber auch Herberge von geflochtenen Körben voller namenloser Dinge war. Sogar eine begonnene Strickarbeit, aus der dicke Nadeln ragten, die über den Rand des Korbs lugten. Auf dem Tisch, zur Rechten der Psychologin, stand eine rosa Trinkflasche, wie sie Sportler herumtragen und an der Lottmann immer dann nippte, wenn sie zuvor mit ihrer Brille gespielt hatte, und mit der Brille spielte sie, wenn sie in ihrem Vortrag eine bedeutungsvolle Pause machen wollte. Die Worte, so sah es Isa, fielen ihr farblos und flach aus dem Mund, wie geschälte, blanchierte Zucchinischeiben. Ganz egal, was die Worte als Gegenstand behandelten und beschrieben, immer waren sie flach und emotionslos, aber nicht nüchtern, denn zur Nüchternheit fehlte ihnen die Entschiedenheit.

Keine Minute wäre Isa unter normalen Umständen in dem Raum geblieben, aber es gab gerade keine normalen Umstände, sie musste es hinnehmen und, wie man so sagte, gute Miene zum bösen Spiel machen.

Eine alte Geschichte. Sie reichte zurück in eine Zeit, die ihren Anfang nahm, als ihr eine Beamtin mit unstetem Blick und vergessenem Kaugummi im Mund an der Tür eröffnete, dass Lenny vermisst gemeldet war. So hatte es angefangen. Eine der Folgen davon war, dass sie nicht aufgehört hat, Lenny überall zu sehen: auf der Straße, im Supermarkt, im Kino, auf Ausflugsschiffen, in vorbeirollenden Taxis oder stehenden Trams, in der U-Bahn, auf Bahnhöfen. Nicht dass sie sich oft an diesen Orten aufgehalten hätte. Aber es reichte aus, ihr Herz wie verrückt schlagen zu lassen und ihre Knie weich zu machen, und es reichte aus für ein absonderliches Gefühl: etwas fuhr in ihrem Körper nach unten, etwas wie ein schwerer, mit nackter Angst beladener Lift. Ach ja. Und dann der Alkohol. So sagt man doch: Der Alkohol. Aber es war nicht der Alkohol. Es war Wodka. Gin. Spanischer Brandy. White Russians, Brandy/Cola. Und der kleine Kilian bei den ratlosen Eltern von Lenny. Und ihre unerklärliche, aufspritzende Wut auf alles. Dann das Zuschlagen, das Hauen, die Fäuste auf Münder und Köpfe.

Darum war sie hier. Nach dem Urteil eines freundlichen Richters, der, wie er sagte, „von einer Gefängnisstrafe absehen wolle“, wenn sie sich verpflichtete, das Antiaggressionstraining zu besuchen. „Regelmäßig, ohne Fehlstunden“, wie er betont hatte.

 

Zu den Gruppensitzungen kamen außer Jerk und Isa meist noch drei andere, sehr junge Leute. Ein mageres Mädchen mit hochgezogenen Schultern und unstetem Blick, ein Kind noch, dem man höchstens die Aggression zutraute, einen Dreijährigen fies anzublicken. Dann ein muskulöser, ganz in schwarz gekleideter Junge von etwa 19 Jahren, der aber aussah wie ein Rausschmeißer von Anfang dreißig, der sich blonde Strähnchen in sein zurückgegeltes Haar hatte färben lassen, und ein Kaugummi kauendes Mädchen mit Push-up-BH und den wie eingeschnitzten Linien der Verachtung um den Mund. Und eben der glatzköpfige Jerk, dessen Tattoos über den Rand des Military-Muscle-Shirts hinausrankten wie schwermütige Pflanzen, die in ewiger Finsternis weinten.

Im Großen und Ganzen und auf den ersten Blick waren sie ein harmloser Haufen Angespülter, die hier unter der Leitung von Lottmann irgendwie die Zeit herumbrachten.

Hin und wieder rauschte eine wuchtige Welle heran und spie ein paar wirklich kaputte Typen aus, aber die verbrachten die kurze Zeit damit, wortlos provozierend in die Runde zu blicken, bis dann die Lottmann, nach ein paar vergeblichen Versuchen, sie zur Mitarbeit zu bewegen, mit ihrem Telefon den Raum verließ. Dann wurden die Typen aufgefordert zu gehen, man übergab sie den Profis bei den „Regulären“, wie man hier das verschärfte Antiaggressionstraining nannte, und man widmete sich wieder den eher unbedeutenden Vergehen der alteingesessenen Gruppenmitglieder.

Isa hatte in einigen Sitzungen etwas über ihr früheres Leben erzählt, gerade so viel, dass der Eindruck entstand, sie würde kooperieren. Ein bisschen Alkoholabsturz, ein wenig aus der Zeit, als sie mit Lenny als Journalistin unterwegs war, ein wenig von der schmerzhaften Reue und der Schuld, die sie gegenüber ihrem Sohn empfand, weil sie ihn in dieser schlimmen Zeit alleingelassen oder bei den Großeltern deponiert hatte. Es war vorgekommen, dass sie während ihrer Bekenntnisse tatsächlich das Gefühl hatte, dass sie den anderen damit „etwas zu geben hatte“, wie es hier bezeichnet wurde. Ein Gefühl, das sich wie Hauch auf der Scheibe auslöste, sobald sie geendet hatte.

„Wollen Sie uns einmal etwas aus Bosnien erzählen, Frau Blumberg? Sie waren doch Journalistin. Sie waren dort unten, als es … äh … als Krieg war.“

„Nein, möchte ich nicht“, sagte Isa.

„Okay. Wir akzeptieren das. Aber schade. Das würde Sie bestimmt weiterbringen.“

„Wohin weiterbringen?“

„Im Bewältigen Ihrer Probleme. Ihren unkontrollierten Aggressionsschüben.“

„Mit Verlaub“, sagte Isa, „unkontrollierte Aggressionsschübe? Übertreiben Sie da nicht ein wenig? Ich meine, das waren ein paar Ohrfeigen.“

„Dann erzählen Sie uns etwas über Ihren Tag“, sagte Lottmann. „Sie haben doch jetzt einen interessanten Beruf. Sie betreuen Ausstellungen von Künstlern. Erzählen Sie uns etwas davon.“

„Keine gute Idee“, sagte Isa. „Das würde Ihnen nicht gefallen.“

„Aber warum denn nicht? Das können Sie doch nicht wissen?“ Lottmanns Stimme nahm einen schmeichelnden Ton an.

„Doch. Das kann ich wissen.“

„Riskieren Sie es. Jetzt haben Sie uns neugierig gemacht. Selbst Jerk hat eine Augenbraue gelupft.“

„Gelupft? Sagten Sie gelupft?“

„Ja. Was ist an diesem Wort so merkwürdig?“

„Nichts. Aber aus Ihrem Mund klingt es irgendwie nicht richtig. Es passt nicht zu Ihnen.“

Lottmann legte beide Hände auf die Tischplatte, als wolle sie sich aufstemmen, aber sie ließ sie gleich wieder sinken, nahm dann ihre Brille ab, setzte sie wieder auf und griff zur Wasserflasche, stellte auch die wieder unbenutzt ab.

„Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein. Erzählen Sie uns etwas über Ihren Tag.“

„Wenn Sie darauf bestehen, gut.“

Dann erzählte Isa von ihrem Tag. Sie erzählte ausführlich von der Taube und ihrem gewaltsamen Tod, erzählte aber nichts von der Ohrfeige, die sie Mascha Setz verpasst hatte. Nur dass sie ihren Job verloren hatte. Es konnte sein, dass dies bald einmal von offizieller Seite zur Sprache kam, falls Mascha Anzeige erstatten würde. Dann war genügend Zeit, sich ausführlich damit zu beschäftigen. Aber die Geschichte mit der Taube war wie geschaffen für die Sitzung. Eigentlich war es eine dumme Angebergeschichte und bestimmt eine Provokation für Lottmann. Aber sie hatte gefragt.

„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“, sagte Lottmann, als Isa geendet hatte.

„Sagen Sie nichts. Das wär doch schön.“

„Möchte Jerk etwas dazu sagen?“, fragte Lottmann hoffnungsvoll.

„Guter Schuss“, sagte Jerk. Er lächelte dabei.

„Ach ja?! Das ist es, was Ihnen dazu einfällt?!“, sagte Lottman heftig. „Ich würde das als brutalen Akt der Aggression bezeichnen.“

„Ich bitte Sie“, sagte Isa. „Das hat doch nichts mit Aggressionen zu tun. Die tat mir doch leid, das war reiner Selbsterhaltungstrieb. Ich habe versucht, mich und meine Arbeit zu schützen. Und den Unterschied muss ich Ihnen wohl nicht erklären, oder? Selbsterhaltung ist ihrem Wesen nach auch aggressiv. Daran können auch Sie nichts ändern.“

„Spüre ich da schon wieder Aggression heraus? Werden Sie gerade aggressiv, Frau Blumberg? Möchten Sie mich schlagen?“

„Ehrliche Antwort?“, sagte Isa.

„Deswegen sind wir ja hier, deswegen sprechen wir: Wir wollen ehrlich über alles sprechen.“

„Ja“, sagte Isa, „Ich habe gerade daran gedacht.“

Jerk sah zu ihr herüber, wieder dieses Lächeln. Es war winzig, mehr eine Andeutung, aber, so schien es Isa, es veränderte das Wesen ihres Nachbarn vollständig. Alles Grobe, Stumpfe und Ungeschlachte löste sich in dem kleinen Lächeln auf. Und wurde zu etwas anderem. Dann war das Lächeln wieder weg und er verwandelte sich wieder in einen dumpfmuffenden Skinhead zurück. Oder in einen Typen, der einen dumpfmuffenden Skinhead darstellte. Ganz seltsam, fand Isa.

„So kommen wir nicht weiter, Frau Blumberg“, sagte Lottmann, nahm ihre Brille ab und spielte mit ihr.

Isa sagte nichts darauf. Man kam ja nie weiter. Wohin sollte man auch kommen? Sie erfüllte die richterliche Auflage und ging zu den anberaumten Treffen, gleich einem Arbeitslosen, der seit Monaten in Kursen lernte, formvollendete Bewerbungen zu schreiben. Natürlich würde daraus keine Zusage erfolgen, das schien auch nicht der Sinn zu sein, sondern etwas anderes, über das Isa nicht nachdenken mochte. Lottmann blickte Isa herausfordernd an, aber Isa machte ein schlaffes Gesicht und blickte einfach zurück. Dann sagte Lottmann: „Machen wir eine Pause.“

Isa stand auf und folgte Jerk aus dem stickigen Zimmer in den stickigen Flur. Wenn Jerk ging, war er ein Bär, schwer, kraftvoll und doch geschmeidig. Auf dem Flur steckte er sich eine Zigarette in den Mund, ohne sie anzuzünden, und kippelte sie im Mundwinkel.

„Hab aufgehört“, sagte er. „Vorgestern.“

„Glückwunsch“, sagte Isa.

Sie steuerte das Fenster am Ende des Flurs an und Jerk folgte ihr. Isa bemerkte seine Anspannung, ahnte, dass da was kommen würde. Bisher hatte er nie das Wort an sie gerichtet, aber das, das spürte sie, würde sich jetzt ändern. Sie wusste nicht, wieso, aber sie war neugierig. Es hatte etwas mit diesem kleinen Lächeln zu tun. Immer waren es die flüchtigen Dinge, das Aufblitzen von etwas Unerklärlichem, Magischem, das einen berührte. Alles andere war doch nur Schrott und Lebensmüll, den man unter Anstrengungen zu entsorgen versuchte oder den die meisten mit sich herumschleppten wie Penner ihre Habe in einer Batterie zerknautschter Plastiktüten.

„Du bist Journalistin?“, fragte Jerk, nachdem sie das Fenster geöffnet hatte, und blickte von seinem Turmkörper auf sie hinunter. Isa konnte seine Augenfarbe nicht erkennen. Sie reichte ihm gerade mal bis zur Brust, auf der, von einem Camouflage-Muscle-Shirt halb bedeckt, schlecht gestochene rote und schwarze Runen prangten.

„Ja, manchmal“, sagte Isa. „Manchmal bin ich Journalistin. War ich mal. Ist schon eine Weile her.“

„Ich war in dieser Ausstellung“, sagte Jerk.

„Ach ja?“, sagte Isa überrascht.

„Hat mir irgendwie gefallen. Ich hab dich gesehen. In deinem kleinen Wärterhäuschen oder wie das heißt.“

„Du gehst in Ausstellungen?“

„Eigentlich nicht“, sagte Jerk. „Na ja, manchmal. Geschäftlich.“

Isa schloss das Fenster wieder. Der Ausblick auf die pralle, grüne Krone einer kleinen Kastanie hatte ein wenig Kühlung versprochen, aber die Luft im Hinterhof war stumpf und heiß und roch nicht wesentlich besser als die Luft drin.

Sie überlegte, was für Geschäften einer wie Jerk nachgehen konnte. Wenn es illegale waren, waren Ausstellungen vermutlich ein ganz guter Ort. Schwere Deals bei Peter Greenaway. Schiebereien bei Richter. Waffenhandel bei Goya. Aber sie fragte nicht und begnügte sich mit einer Musterung, die Jerk ausdruckslos über sich ergehen ließ.

„Bist du ein Nazi?“

„Bist du ’ne Lesbe?“

„Okay. Das hätten wir geklärt. Weswegen bist du hier? Du hast noch nie was gesagt.“

„Ärger“, sagte er. Sein Blick wurde intensiv. Schon wieder was Neues für Isa.

„Ärgerärger oder richtiger Ärger?“

„Was glaubst du?“

„Hab ich davon gelesen?“

„Youtube“, sagte er und sah aus, als wolle er ausspucken. „Als Journalistin, was machst du da? Musst du da nicht manchmal rumspitzeln und so?“

„Rumspitzeln?“

„Ja. Schnüffeln. So was. Suchen. Aufspüren.“

„Worauf willst du hinaus?“

„Du warst unten in Jugo, oder?“

„Darüber red ich nicht.“

„Alles klar. Ich frag nicht.“

„Ich hab jemanden begleitet“, sagte Isa. Es war mehr, als sie hatte sagen wollen.

„Wenn ich das recht verstanden habe“, sagte Jerk, „dann hast du gerade deinen Job verloren. Ist das richtig?“

„Wen kümmert’s?“, sagte Isa. „Es gibt andere.“

Ja, bestimmt gab es andere, aber gab es welche für sie? Die Branche war ein Nischending, man kannte sich, und es war davon auszugehen, dass sich die Taubenschuss-Mascha-Geschichte herumsprach. Und dies war nicht die Art von Geschichte, auf die man in diesen Kreisen scharf war. Gewalt? Bitte nur in Verbindung mit Sex oder stilisiert, und mit eindeutiger Positionierung zu gesellschaftlich relevanten Zuständen. Nicht einfach so. Davon konnte man schließlich selber betroffen sein, und darauf legte niemand Wert, kein Kurator, keine Kuratorin, kein Künstler. Und keine Künstlerin.

„Auf das Gewaltding sind die Kunsttypen nicht scharf, oder?“, sagte Jerk.

Isa blickte ihn an, als hätte er sie mit einem Taschenspielertrick überrascht. Sie nickte.

„So was spricht sich herum“, spann Jerk ihre eigenen Gedanken weiter, und ihr blieb nichts weiter, als zu nicken.

„Ich hab was für dich. Das könnte dich interessieren. Du kannst schnüffeln und suchen und spitzeln. Falls du wieder zurück in deinen alten Job willst, könntest du da ein bisschen trainieren.“

„Schnüffeln? Spitzeln?“

„Hab ich dich beleidigt?“

„Hast du, ja“, sagte Isa. „Aber nicht sehr. Journalisten sind im Allgemeinen beliebt wie Kopfläuse.“

„Hab davon gehört.“

„Um was geht’s?“

„Kannst du jemanden finden?“

„Man kann so ziemlich jeden finden. Ist nur eine Frage der Zeit. Am Ende findet man immer alle. In fast allen Fällen. Auf einem Friedhof oder auf dem Grund des Flusses oder so was.“

„So viel Zeit hab ich nicht.“

„Wie viel Zeit hast du?“

„’n paar Tage.“

Hinter ihnen erschien Lottmann im Türrahmen und warf ein paar ihrer flachen Worte hinaus auf dem Flur, sie glitschten dahin: „Wir machen weiter, bitte – jetzt, bitte.“

„Ich erklär’s dir nachher“, sagte Jerk.

Sie gingen zurück in den kleinen Raum. Natürlich hatte Lottmann nicht gelüftet. Es stank schlimmer als zuvor.

Isa kannte den Ort ihrer Verabredung mit Jerk. Und wie sie den Laden kannte! In dieser Stadt: Absturzbar Numero uno. Für Isa war sie ein Platz voller Erinnerungen an erinnerungslose Nächte. Dass Jerk dieses für immer und ewig nach verschüttetem Bier, Hausschwamm und Chlorlauge riechende Kellerlokal als Treffpunkt vorgeschlagen hatte, mochte daran liegen, dass er damit rechnete, ein paar Meter unter dem Stadtasphalt der Hitze zu entkommen. Das war nicht ganz falsch. Zudem war diese Kellerbar ein würdiger Ort für ein konspiratives Treffen, ein Ort, wo weder sie noch Jerk auffallen würden. Und am frühen Abend, kurz nach der Öffnung, war noch nichts los.

Isa durchquerte den Nichtraucherbereich, der nicht nur leer war, sondern wie schon vor langer Zeit verlassen wirkte, so als würde sich niemals jemand an diese braun lasierten Tische setzen. Wer hierherkam, um zu trinken, der wollte auch rauchen, das verstand sich von selbst. Aber der Raucherbereich befand sich um die Ecke, hinter einer Doppeltür aus Glas. Die Unterteilung des L-förmigen Raums in Raucher- und Nichtraucherbereiche hatte die zuvor offene Atmosphäre zuverlässig zerstört und den Barbereich mit dem hohen Tresen in die Nähe einer privaten engen Kellerbar gerückt. Das versetzte Isa einen Stich.

Sie empfand die Veränderung als unwürdig, sie wurde der Erinnerung an die verbrachte Zeit und all dem, was hier geschehen war, nicht gerecht.

Die Tische waren noch alle unbesetzt, nur am Tresen lehnte ein Pärchen in enger Umklammerung und sah sich etwas furchtsam, aber neugierig um. Es musste sich um Touristen handeln, denen man zu Hause ans Herz gelegt hatte, unbedingt diesen Laden zu besuchen. Warum auch immer. Vielleicht der vermuteten groben Action wegen oder des Künstlervolks, das angeblich hier verkehrte, was es nicht mehr tat, aber mal getan hatte. Damals, als es noch so etwas wie ein Künstlervolk gab.

Nun waren die beiden hier, standen am Tresen und wussten nicht mehr, wieso, und flüsterten einander Mutmaßungen ins Ohr und warfen schnelle, scheue Blicke auf Isa, die einen freien Tisch ansteuerte.

Jerk war noch nicht da. Isa setzte sich an den Tisch ganz hinten beim Klo, dort, wo sich der Geruch nach Chlor mit dem von Urin mischte, ein scharfer Mix, der jedesmal heranwehte, wenn jemand durch die Schwingtür trat.

Es waren noch dieselben Tische wie vor zehn Jahren, stellte Isa fest. Zumindest sahen sie so aus. Tische, die ein halbwegs reinlicher Mensch zuerst mit einer Bürste schrubben und danach ordentlich verschrauben würde, bevor er sie dem Feuer übergab. Es war schön, dass es Dinge gab, die sich nicht änderten.

Der alte Martin schlenderte heran, die Tonsur inzwischen vollständig ergraut. Er schien Isa nicht zu erkennen und fragte grußlos und in ironischer Habachtstellung nach Isas Wunsch, drehte sich um und schlurfte hinter den Tresen, um ein Sodawasser in ein Glas zu füllen, was ein zischendes und brodelndes Geräusch machte, das das Touristenpärchen erschreckte. Martin lächelte und brachte das Glas zu Isa und stellte es außerhalb ihrer Reichweite auf den Tisch. Isa musste sich halb erheben, um es zu ergreifen. Hielt er sie für eine Touristin? Sah er nicht mehr gut?

Sie trank einen Schluck und beobachtete drei junge Typen, die durch die Raucherschleuse hereintrampelten. Die Kerle blieben stehen und blickten sich suchend um. Es waren alle Tische frei, aber sie steuerten schnell und bestimmt Isas Tisch an, rückten sich Stühle zurecht und setzen sich, ohne weitere Umstände zu machen. Sie waren jung, wie Isas Sohn Kilian, Mitte zwanzig, und ihre Gesichter waren von dichten Bärten gerahmt, rot und hell und braun und gepflegt, und vermutlich, dachte Isa, dufteten sie nach irgendwelchen Duftwässern, mit denen sie sie besprengten.

Diese Bärte waren etwas seltsam. Sie sahen falsch aus, passten nicht zu den erfahrungsfreien Mienen, aber Jung trug heute Bart. Bart, fand Isa, war etwas für Männer, die ihr Kinn verdoppelt oder verdreifacht hatten, oder für jene, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht zum Rasieren kamen. Abgesehen von den religiösen Extremisten. Aber sonst?

Nachdem sie sich gesetzt hatten, warfen sie abwechselnd Blicke auf Isa, nahmen sie in Augenschein, vermaßen sie, wie Typen es so tun: Titten, Visage, Arsch. So etwas dauerte normalerweise nur ein paar Sekunden, und damit war alles abgecheckt, eingeordnet und versorgt. So war es auch jetzt.

„Jungs, ich möchte nicht unhöflich sein, aber dieser Tisch und diese Stühle sind besetzt. Wär nett, wenn ihr euch woanders hinsetzen würdet. Ist ja genug frei.“

Es war nicht so, dass sie es nicht gehört hätten, aber ihre Hirne schienen den Schall unter die Hintergrundgeräusche einzuordnen, gleich dem leisen Knarren der Klotür, dem Zischen des Zapfhahns.

Isa wartete ab. Man wusste nie. Vielleicht brauchten die verklebten Synapsen ein wenig Zeit, um klarzukommen, um die Nachricht weiterzuleiten an jenen Ort, wo noch Überreste einer möglichen Erziehung herumlagen. Aber eigentlich glaubte Isa nicht daran. Erziehung war etwas, was die Großmütter der Kerle noch gekannt hatten. Wenn überhaupt.

„Sagt mal, Jungs, wuchern diese tollen Bärte irgendwie in die Gehörgänge und verstopfen sie?“

„Was?“, sagte der mit dem kürzesten Bart. Er sah aus wie ein junger irischer Flötenspieler, die rötlichen Barthaare kringelten sich ein. In der kleinen Fläche seines Gesichts prangte eine üppige Aussaat an Sommersprossen, wie man sie nur noch selten zu sehen bekam.

„Die Bärte. Sie verstopfen eure Gehörgänge. Dieser Tisch ist besetzt.“

Der Rote wich ihrem Blick aus, wandte sich wieder dem Gespräch seiner Kumpel zu, die Isa mit einigem Aufwand ignorierten.

Isa griff nach dem Pfefferstreuer, der nur zu dem einzigen Zweck auf dem Tisch stand, dem berüchtigten Käsebaguette durch Schärfe den Anschein von Genießbarkeit zu verleihen, und zog ihn heran. Ihre Hand schloss sich fest um das kantige Glas, sie spürte den Griff, der ihren Körper unter Spannung setzte, bis in die Zehen. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander. Die Wut kam wie eine Woge aus heißen, scharfen Glassplittern und ergoss sich über ihr Herz. Dachte sie.

„Eine Frage, ihr Haargurken: Warum ist der Wunsch, Mitmenschen zu demütigen, bei einigen Arschlöchern so ausgeprägt? Ist es einfach nur Ignoranz? Angeborene Dummheit? Oder das Menschenrecht auf eine abgestumpfte Existenz, der heiße Wunsch, im immerwährenden Orgasmus als zuckender Fleischklumpen seine Existenz zu finden? Was ist es, sagt es mir, und danach verpisst euch. Der Tisch ist besetzt!“

„Was hat die?“, sagte der Kerl, der ihr diagonal gegenübersaß, und machte ein übertrieben verständnisloses Gesicht. Der Rote beäugte sie verächtlich von der Seite.

„Ich hab’s dir gesagt: Hier triffst du das geilste Volk. Manche sind besoffen, manche verrückt, andere haben gerade ihre Tage.“

„Glaubst du, die auch? Ist die nicht schon zu alt?“

Isa spürte, wie sie lächelte. Bevor sie das tun konnte, was sie tun wollte, hörte sie Jerk mit ruhiger Stimme sagen: „Ihr habt gehört, was die Lady gesagt hat, Arschlöcher!“

Jerk war von irgendwoher aufgetaucht, als wär er die ganze Zeit über schon da gewesen.

Isa bemerkte, dass sie automatisch die Metallkappe des Pfefferstreuers abgeschraubt hatte. War es seltsam, dass die drei Kerle auf Jerk nicht wie bei ihr mit Ignoranz reagierten? Alle Augen waren auf den verschwitzten Skinhead gerichtet. Der Rote hob lässig die Hand: „Cool, Bruder, hier ist noch genug Platz.“

„Ihr habt es gehört“, sagte Jerk. Er trug noch immer sein fleckiges Camouflage-T-Shirt und die ausgebeulten Khakihose, die er bereits am Nachmittag getragen hatte. Nur um zwei Kilo Schweiß schwerer. Er sah aus wie einer dieser Survivaltypen, die nach überstandenem Abenteuer nach einem Bier gierten. It was a long way, sagte sein Gesicht, und sein Gesicht sagte auch, mach den Weg besser nicht noch länger, Kumpel!

Aber das sahen die Typen nicht, für sie war der Film abgespielt. Ende.

„’tschuldige“, sagte Jerk zu Isa, beugte sich vor und griff nach Isas Glas. Eine Welle scharfer Körpergeruch folgte seiner Bewegung.

„Tu’s nicht“, sagte Isa und griff ebenfalls nach dem Glas, „die sind es nicht wert.“

„Ach was!“ sagte Jerk gutmütig.

Isa ließ das Glas los. Jerk hob es langsam, als wäre es das Intro zu einem Zaubertrick, so dass es alle Anwesenden auch deutlich sehen konnten, dass das Glas auch wirklich voll war, und kippte den Inhalt ebenso langsam auf den Kopf des Roten.

Genau so, dachte Isa, genau so.

Der Rote stemmte sich aus dem Stuhl, dessen Holzlehne sich dabei quietschend ein wenig verbog. Die Haare vom Wasser an die Stirn geklebt, mit lustig triefendem Bart, wollte der Rote sich lang machen, aber nach der Hälfte des Weges unterbrach eine klatschende Ohrfeige seinen Aufstieg, Wassertropfen schleuderten aus seinem Bart und landeten auf seinen Kumpels und auf dem Tisch. Der Rote setzte sich mit einem Ausdruck beinahe höflichen Erstaunens wieder hin. Wortlos und erschüttert starrte er Jerk an.

„Willst noch eine?“, fragte Jerk sachlich, als böte er zum Tee etwas Konfekt an.

Der Junge, der neben Isa saß, sprang auf. Isa drehte sich schnell zu ihm hin, während ihre rechte Hand vorschnellte und kurz vor seinem Gesicht stoppte. Mehr war nicht nötig, um den Typen zum Schreien zu bringen. Er schrie und rieb sich die Augen, was er besser gelassen hätte. Er stampfte mit den Füßen auf und brüllte wie ein Tier in höchster Not, aber Isa vernahm trotzdem das Klatschen von Jerks zweiter Ohrfeige, gefolgt vom Gepolter des Stuhls, der auf dem Steinboden aufschlug. Der Tisch ächzte, als ihn Isa mit ihrem Gesäß beiseiteschob.

„Abhauen!“, rief sie und packte Jerk am Arm, zog ihn mit sich, vorbei an dem Touristenpärchen, das sich vor Schreck losgelassen und die Augen aufgerissen hatte.

„Fotze! Nazi! Schwuchtel!“

Im Gehen holte Isa ihr Kleingeld aus der Jeanstasche und legte es auf den Tresen. Und dann waren sie auch schon oben auf der Straße.

„Scheiße!“, fluchte Jerk, und Isa wusste nicht, ob er damit die Aktion meinte oder die Hitze, die sie wieder gefangen nahm.

 

Die Bedienung balancierte einen Amy-Winehouse-Bienenkorb auf hochhackigen Pumps auf die Straße und zog sich gleich wieder ins Innere des Cafés zurück, als sie Jerk und Isa im Garten erblickte. Eigentlich war es kein Garten, sondern ein Bretterrost aus ungehobelten Brettern, der den Höhenunterschied zwischen Gehsteig und Gasse ausglich, umfriedet von einem Zaun aus dunkelgebeizten Latten und ein paar Sonnenschirmen, deren ausgebleichte morsche Baumwollbespannung voller Löcher war.

Jerk grinste und tätschelte seine rasiermessergeschabte Glatze.

„Sind wir jetzt Komplizen?“, fragte er.

„Vermutlich“, sagte Isa und stand auf. „Ich seh mal nach, ob sich Amy drinnen gut genug fühlt, um in den Kühlschrank zu greifen. Darf ich dir was mitbringen?“

„Ein Zero“, sagte Jerk. „Das wäre nett.“

Amy erwartete Isa mit verschränkten Armen hinter dem Tresen, kaum zu erkennen im Halbdunkel. Nicht schon wieder, flehte Isa innerlich.

„Eine Coke Zero und ein Tonic. Nach draußen – bitte“, sagte Isa und hoffte, dass der Ärger hier keine Fortsetzung erfahren würde. Manchmal schien es unmöglich, mit Anstand und ohne Verlust der Selbstachtung eine Cola zu bestellen. Das lag daran, fand Isa, dass der Sozialstaat sich ein verhätscheltes Edelproletariat herangezüchtet hatte, das sich, aus was für Gründen auch immer, durchwegs zu Höherem berufen fühlte. Jede Kellnerin, jeder Supermarktkassierer ein Superstar in spe.

 

„Wie alt bist du eigentlich?“, fragte Jerk, während sie Amy dabei zusahen, wie sie sich beim Servieren der beiden Drinks beinahe in Lebensgefahr brachte. Ihre roten Lack-Pumps waren makellos neu.

„Ich könnte jetzt sagen, alt genug, dass ich dir zu einer gewissen Zeit deines Lebens problemlos den Arsch versohlt hätte. Aber ich sage es nicht.“

„Schade“, sagte Jerk und heftete seinen Blick seitlich auf Amy, die es tatsächlich schaffte, die Drinks an den Tisch zu bringen, ohne mit dem einen oder dem anderen Absatz in einen der Zwischenräume des Rosts zu geraten.

„Sie hat einen Applaus verdient, finde ich“, sagte Isa, während sich der sanft wogende Bienenkorb wieder entfernte und im Dunkel des Eingangs verschwand.

„Was war da vorhin los? Was hast du mit dem Typen gemacht?“

„Nichts, was er nicht verdient hätte.“

„Pfeffer? Das war Pfeffer, nicht?“

„Mmmh. Weswegen bin ich hier?“

„Wundert mich nicht, dass du bei der Lottmann im Abonnement bist, du bist ziemlich taff.“

„Solche Sachen geschehen einfach“, sagte Isa. „Manchmal.“

„Und wann tritt dieses ,Manchmal‘ in Kraft? Schätze, du stehst nicht sonderlich auf Demütigungen und Respektlosigkeiten, was?“

Isa fragte sich jetzt, wen sie hier vor sich hatte. Die Begegnungen mit Skinheads, vor vielen Jahren, waren anders verlaufen. Weniger wortreich, ganz bestimmt. Und wenn Worte im Spiel waren, waren es nicht solche, die Jerk gerade in diese von der Hitze kaputtgemachte Luft entließ.

„Wer bist du? Ein Skin, ein Bonehead oder so ’ne Art Psychologe?“

„Geschäftsmann“, sagte Jerk und blickte sie durchdringend, aber nicht unfreundlich an.

„Okay. Geschäftsmann“, sagte Isa. „Geschäfte, welcher Art?“

„Military, Accessoires, Mode, Devotionalien.“

„Nazischeiß?“

„Ist doch verboten.“

„Vieles ist verboten. Zum Beispiel: Ohrfeigen auszuteilen.“

„Du sagst es.“

„Ich nehme an, du sitzt in Businesskluft vor mir.“

„Könnte man so sagen“, sagte Jerk und warf einen Blick in den Abendhimmel. Auf seiner Brust lag ein feiner Schweißfilm, der die über den Shirtrand hinausrankenden Tattoos glänzen ließ.

„Könnte oder kann man?“

„Jetzt nähern wir uns, nach und nach, dem tieferen Grund für unsere Zusammenkunft.“

„Okay. Ich höre.“

„Ich weiß es nicht, aber ich schätze dich als jemand ein, der auch mal einen Blick in eine Tageszeitung riskiert, oder liege ich da falsch?“

Isa sagte nichts, nippte an ihrem Drink.

„Dann hast du mitbekommen, dass es vor einer Woche einen Brand in einem Militaryshop gegeben hat. Zugegeben, es war kein seitenlanger Artikel, unter ,Chronik‘ zu entdecken. Und diese Rubrik wird ja von allen gelesen …“

„Irgendwas, ja, war da. Ich erinnere mich.“

„Gut. Dann kommen wir gleich zur nächsten Meldung: In einem Fitnessladen hatte man vor einiger Zeit einen Toten gefunden. Eine Weile konnte man täglich was darüber lesen, dann verschwand das Thema wieder. Es gab das Gerücht, dass es kein Unfall gewesen sei, aber es wurde niemand verhaftet, öffentlich verdächtigt oder so was. Es gab wie immer in solchen Fällen ein Menge heißes und dummes Gequatsche, das dann irgendwann wieder abkühlte.“ Jerk lehnte sich zurück, reckte die Arme in die Höhe, als wolle er sich strecken, und presste dabei seinen massiven Körper in die Plastiklehne, die nachgab und einknickte. „Hobbila“, machte er und beugte sich vor, worauf der Knick wieder verschwand. Ein heller Streifen blieb auf der mürben Knickstelle zurück.

„Und die beiden Ereignisse stehen in einem Zusammenhang. Ist es das, was du sagen willst?“

„Überhaupt nicht.“

Isa fühlte sich unbehaglich. Es lag daran, dass sie den Mann aus der Lottmannsitzung und dessen beinahe gestammelten Erkundigungen nach ihrem Beruf und den Typen, der jetzt klar und deutlich formulierte, nicht zusammenbrachte. Sie hielt sich für eine gute Menschenkennerin und war der Meinung, dass es nicht leicht war, ihr etwas vorzumachen. War dem so? Vielleicht täuschte sie sich. Man täuschte sich ja oft. Warum nicht bei dem Mann?

Aber bevor sie nachhaken konnte, sagte Jerk: „Trinken wir Tequila?“

„Tequila?“, wiederholte Isa überrascht, als spräche sie dieses Wort zum ersten Mal aus. Sie musste sich in Acht nehmen. Gerade geschah etwas, das sie möglicherweise nicht kontrollieren konnte. Sie verschränkte die Arme, lehnte sich zurück, ging auf Abstand.

„’tschuldige“, sagte Jerk. „Ich dachte eben an Mexiko. Ist wegen der Hitze, vermutlich. Vielleicht trinken wir was, wenn das Geschäftliche geklärt ist. Einverstanden?“

„Geschäftlich klingt gut. Gefällt mir.“

„Die beiden Geschichten hängen nicht unmittelbar zusammen, könnten es aber. Und da kommst du ins Spiel.“

„War nicht die Rede davon, dass ich jemanden finden sollte?“

Jerks Arm ging nach hinten, er beugte sich nach links, und dann flog eine Brieftasche, die aussah wie ein Stück glänzende Speckschwarte an einer Kette, auf den Tisch. Er klappte sie auf und zog ein zerknittertes Foto heraus.

„Es ist schon etwas ramponiert. Hab vergessen, dass ich es in die Brieftasche gesteckt habe, dachte, es ist im Kuvert, bei den Scheinen.“

Isa nahm das Foto an sich. Es war die Aufnahme eines jungen, kräftigen Kerls mit kahlgeschorenem Kopf, großem Lächeln und kleinen Zähnen, den Brustkasten in ein enges Lonsdale-T-Shirt gequetscht. Er hatte einen Schnürstiefel in den Nacken eines schwarz gekleideten Mannes gestellt, der auf dem Bauch am Boden lag. Auf den ersten Blick sah er aus wie eine Teenagerausgabe von Jerk. Isa drehte das Foto um. Auf der Rückseite stand mit schwarzem Filzstift geschrieben: Ronny, 17 Jahre.

„Netter Junge“, sagte Isa ironisch.

„Oh ja, toller Bursche. Mein kleiner Bruder.“

„Lass mich raten: Der Kleine hat deinen Laden angesteckt und sich aus dem Staub gemacht? Oder er hat den Typen im Fitnessladen umgebracht, hat sich dann in deinem Laden versteckt und dann, als er sich einen Joint anzünden wollte, versehentlich die neu eingetroffene Thor-Steinar-Kollektion abgebrannt und ist dann abgehauen, ohne die Asche zusammenzukehren?“

Jerk lächelte dünn. „Na ja, fast. Tatsächlich war es mein Laden, der gebrannt hat. Aber Ronny hat nichts damit zu tun. Gut, das stimmt auch nicht ganz: Der Laden gehört uns beiden. Und dieser Laden ist jetzt ein Versicherungsfall und ich brauche Ronny, um die Versicherungssache abschließen zu können, damit die das tun können, was sie am meisten hassen: zahlen.“

„Und der Fitnessladen?“

„Der war als Tipp gedacht. Für dich. Denn Ronny hat dort trainiert. Ein Anhaltspunkt.“

„Wie lange ist er weg?“

„Weiß ich nicht. Unser Kontakt ist lose. Aber ich kann ihn zurzeit nicht erreichen. Er geht nicht ans Telefon.“

„Freunde? Bekannte? Freundin?“

„Kenn ich nicht. Hör zu, das ist der Grund, warum ich dich auf die Sache ansetzen will: Ich habe keine Lust und auch nicht die Zeit, mich darum zu kümmern.“

Er lehnte sich nach links, riss eine Tasche seiner Camouflagehose auf und holte ein Kuvert heraus.

„Du bist oder warst Journalistin,“ sagte Jerk. „Du warst in Jugo. Und ja, ja, du willst nicht darüber reden. Aber du weißt, wie man so was macht. Finde Ronny.“ Er schob das Kuvert über den Tisch. Oben rechts prangte ein grinsender Totenkopf, darunter stand: „Martial Rights“ und noch etwas anderes, das aber von Jerks Schweiß verwischt worden war.

Das Kuvert war nicht dick, aber es war ein Kuvert, und Kuverts hatte Isa schon immer gemocht. Good news or bad news. Dieses Kuvert sah nicht nach Good News aus, aber es war nur die Hülle.

„Da sind drei Tausender drin“, sagte Jerk. „Eine Anzahlung. Es kommen noch mal zwei dazu – aber du musst dich beeilen. Ich will die Sache abschließen. Sie geht mir mächtig auf den Sack.“

Da haben wir dich wieder, den alten Jerk, dachte Isa.

„Was ist?“, sagte Jerk. „Trinken wir Tequila?“

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