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Es sollte der schönste Tag im Leben von Katharina und Dirk Wagner werden. Ihre Hochzeit nach sieben Jahren Beziehung an einem wunderschönen Tag im Juni 2013. Doch als ihre beiden kleinen Töchter Lea und Marie verschwinden, findet ihr Glück ein jähes Ende. Warum hat keiner der Gäste gesehen, was nach der kirchlichen Trauung mit den Mädchen passiert ist? Die Kommissare Krug und Oppermann nehmen ihre Ermittlungen im beschaulichen Wendland auf - in der Hoffnung, die Kinder lebend zu finden
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2021
Anna Ebeling
Blumenkinder
Ein Wendland-Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Samstag, 15. Juni 2013. Die Sonne schien vom strahlend blauen Himmel. Obwohl es noch früh am Morgen war, 8 Uhr 30, um genau zu sein, zeigte das Thermometer schon 21 Grad.
Katharina Wagner stand im Badezimmer vor dem Spiegel und betrachtete ihr elegant geschminktes Gesicht und die mit Perlen kunstvoll verzierte Hochsteckfrisur. Sie musste lachen, als sie ihren Blick weiter runter gleiten ließ und sich nur in Unterwäsche dort stehen sah. Leise klopfte es an der Tür.
»Na meine Süße«, begrüßte sie liebevoll ihre Tochter Marie, die ihren Kopf neugierig durch die nur leicht geöffnete Badezimmertür steckte.
»Mami, Tante Dorothee hat dein Kleid fertig umgenäht. Sie schickt mich, um dich zu holen, damit du es endlich anziehen kannst.«
»Ich komme schon«, antwortete Katharina, zupfte eine Haarsträhne zurecht und ging hinüber ins Schlafzimmer, wo ihre Schwester mit dem Hochzeitskleid auf sie wartete. Die letzten Tage waren durch die Hochzeitsvorbereitungen sehr stressig gewesen und Katharina war immer übel, so dass sie kaum etwas zu Essen hinunter bekommen hatte. Das zeigte sich deutlich an ihrem Hochzeitskleid, als sie es heute früh angezogen hatte. Zum Glück war ihre drei Jahre ältere Schwester Dorothee in den letzten Tagen ständig an ihrer Seite. So auch heute Morgen. Dorothee war gelernte Schneiderin und es war für sie ein Leichtes, das nun um die Hüften schlackernde Kleid noch einmal umzunähen, so dass es wieder so saß, wie es sitzen sollte.
»Hier, probiere es mal an«, sagte Dorothee und reichte ihrer Schwester das Kleid rüber. »Nun müsste es passen.«
Katharina hielt das Kleid in den Händen. Ein Traum aus elfenbeinfarbenem Satin. Die perlenbesetzte Schnürung am Rücken passte perfekt zu den kleinen Perlen in ihrem Haar. Beinahe ehrfürchtig stieg Katharina in ihr Brautkleid. Und Dorothee hatte Recht – es passte wie angegossen.
»Du siehst wunderschön aus«, schwärmte Marie und rief sogleich ihre große Schwester Lea.
Dorothee lächelte sie an. »Sie hat Recht. Du bist eine wunderschöne Braut.«
Die beiden Schwestern umarmten sich, als Lea den Kopf zur Tür hereinsteckte.
»Wow, Mama«, rief sie. »Du siehst ja ganz anders aus als sonst.«
»Anders als sonst?«, fragte Katharina amüsiert. »Du meinst ohne ausgewaschenen Jeans und T-Shirt?«
Alle vier lachten ausgelassen.
»So, meine Damen«, sagte Dorothee schließlich, »ihr solltet euch schleunigst in eure Kleider werfen, sonst muss eure Mutter heute ohne ihre Blumenkinder heiraten.«
Lachend liefen die Mädchen aus dem Schlafzimmer und Dorothee ging hinterher, um ihnen ebenfalls beim Umziehen zu helfen.
Katharina betrachtete sich noch einmal im Spiegel. Zufrieden verließ sie den Raum und setzte sich auf die Terrasse, um in Ruhe eine letzte Tasse Kaffee zu trinken, ehe der Hochzeitstrubel losging. Sie war nervös und gleichzeitig überglücklich. Ihre Gedanken schweiften ab zum vergangenen Jahr. Sie hatte zusammen mit ihrem Mann Dirk ein altes Fachwerkhaus im Rundling Satemin gekauft und es aufwändig renoviert, so dass die kleine Familie wenige Tage vor Weihnachten einziehen konnten. Die Nachbarschaft hatte sie herzlich aufgenommen, und die sechsjährige Marie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Lea fanden sofort Anschluss unter Gleichaltrigen.
Dirk und Katharina hatten sich vor sieben Jahren kennen und lieben gelernt. Kurz darauf wurde sie schwanger. Lea, ihre Tochter aus einer früheren Beziehung, wurde von Dirk genauso angenommen und geliebt, wie ihre gemeinsame Tochter Marie, die fast auf den Tag genau ein Jahr nach ihrem Kennenlernen geboren wurde.
Dirk war Zimmermann und arbeitete in einer kleinen Tischlerei in Lüchow, Katharina war Zahnarzthelferin und arbeitete erst seit einem knappen Jahr wieder vormittags in der Praxis. Vorher kümmerte sie sich ausschließlich um ihre beiden Mädchen.
Katharinas Eltern, Hedi und Georg Setzer, lebten im wenige Kilometer entfernten Küsten, dem nächst größeren Ort. Zu ihnen hatte Katharina ein sehr enges und herzliches Verhältnis. Ihre zukünftigen Schwiegereltern hatte sie leider nicht mehr kennenlernen dürfen, da sie vor zehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben kamen.
Und heute, bei diesem wunderbaren Wetter, sollte ihr Glück nun perfekt werden. Vor drei Monaten hatte Dirk ihr den ersehnten Heiratsantrag gemacht. Recht unspektakulär, aber sie hatten beschlossen, den Mantel des Schweigens darüber zu legen. Denn Dirk war kein Romantiker, sondern eher sachlich veranlagt. Und so überbrachte er ihr, quasi nebenbei als spontanen Gedanken, dass es doch besser wäre, wenn sie heiraten würden. Jetzt, wo sie beide für ein Eigenheim Sorge zu tragen hätten. Natürlich auch wegen der Kinder. Katharina musste lächeln bei dem Gedanken an diesen Antrag. Aber da sie ihren Dirk so gut kannte, konnte sie ihm das auch nicht übel nehmen.
Vor drei Tagen hatten sie bereits standesamtlich geheiratet. Nur im kleinen Kreise. Ihre Eltern waren dabei, Dorothee als ihre Trauzeugin und Johannes, Dirks bester Freund und Inhaber der Tischlerei, der Dirks Trauzeuge war. Und als Trauzeuge hat es Johannes auch übernommen, Dirk seit gestern bei sich zu beherbergen und mit ihm gemeinsam zur Kirche nach Küsten zu kommen, damit er seine Braut vor der Trauung nicht zu Gesicht bekam. Ein wenig Tradition musste sein, hatte Katharina beschlossen.
Es klingelte an der Tür und Marie lief schnell hin, um zu öffnen. Katharina hörte Stimmengewirr im Flur und konnte ihren Vater heraushören, der mit verliebter Stimme feststelle, dass seine beiden Enkeltöchter wie Prinzessinnen aussahen. Mit etwas weichen Knien erhob Katharina sich von ihrem Stuhl und betrat das Haus. Nachdem sie von ihren Eltern mit Komplimenten überhäuft wurde, stellte ihre Mutter drängelnd fest, dass sie sich nun besser auf den Weg machen sollten. Und so stiegen sie in das Auto ihrer Eltern. Katharina und ihre Töchter nahmen auf der Rückbank Platz. Dorothee fuhr mit ihrem eigenen Wagen.
Die Glocken der Friedenskirche zu Küsten läuteten und das große Haupttor öffnete sich. Das vom Organisten und einem Trompeter gespielte ›Rondeau from Sinfonie de Fanfares‹ von Jean-Joseph Mourets aus dem Inneren der Kirche vermischte sich mit dem Glockengeläut und die Menschen auf der Straße blieben stehen, um zuzuschauen.
Lea und Marie schritten als erstes aus dem großen Tor heraus, gemeinsam mit vier anderen Mädchen aus der Nachbarschaft, die nach rechts abbogen und sich auf der Treppe hinunter zur Straße im Spalier aufstellten. Alle sechs Mädchen trugen die gleichen roséfarbenen Kleider und hielten weiße Körbchen gefüllt mit bunten Blumen in der linken Hand.
Als Nächstes trat das frisch gebackene Brautpaar in das Tor. Katharina und Dirk blieben für das erste Hochzeitsfoto stehen und gingen dann ebenfalls langsamen Schrittes Arm in Arm die Treppe hinunter. Die Mädchen setzten sich wieder in Bewegung und warfen die Blumen vor das Brautpaar auf den Weg.
Alles war so, wie Katharina es sich gewünscht hatte und sie konnte sich ein paar Tränen nicht verkneifen. Die Mädchen blieben vor der weißen Hochzeitskutsche stehen und das Brautpaar stieg hinein. Als sie sich setzen, warfen die Mädchen ihre letzten Blumen aus dem Körbchen Richtung Kutsche. Dann setzten sich die vier schwarzen Friesenpferde elegant in Bewegung und trabten Richtung Satemin und das Brautpaar winkte ihren Gästen zum Abschied zu.
Es sollte ja nur ein kurzer Abschied werden, denn die Hochzeitsgäste verteilten sich kurze Zeit später auf ihre Autos und fuhren ebenfalls nach Satemin, wo im Restaurant ›Markgraf‹ die Feier stattfinden sollte.
Eine Stunde später war die größte Aufregung vorbei und der gemütliche Teil sollte beginnen. Das Wetter war ihnen weiterhin wohlgesonnen und so waren die lange Kaffeetafel und mehrere kleine Sitzgruppen im weitläufigen Restaurantgarten aufgestellt. Katharina und Dirk nahmen am Kopf der langen Tafel Platz. Rechts von Katharina saß ihr Vater, links neben Dirk setzte sich ihre Mutter. Nach und nach nahmen auch die restlichen der 40 Gäste ihre Plätze ein und schon kamen Kellnerinnen und Kellner mit großen Kaffeekannen. Der Chef des Hauses, Reiner Grahlich, und seine Ehefrau Hanna trugen schwer beladene Tabletts mit Champagner zu den Gästen. Die Kinder spielten im Garten.
Eine Rede nach der nächsten folgte. Erst von Dirk, dann von Georg Setzer, Johannes als Trauzeuge ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, ein paar wohlwollende Worte für die Zukunft abzugeben und zum Schluss gab es noch die Glückwünsche des Bürgermeisters. Schließlich prosteten sich alle zu und Katharina beendete die Rederei mit den Worten:
»Genug geredet, jetzt wird gegessen und getrunken. Jeder so viel er mag… und verträgt.«
Unter lautem Gelächter wurden Kuchen und Torten aufgetischt, Bestecke klapperten und ein allgemeines Stimmen-Wirrwarr brach herein.
Plötzlich sah sich Katharina suchend um. »Wo sind eigentlich die Kinder?«, fragte sie an ihren Mann gerichtet. Dirk suchte mit den Augen den Garten ab.
»Ich sehe sie nicht. Sie werden mit den anderen zusammen sein«, antwortete er.
»Aber die anderen Mädchen sitzen dort vorn am Tisch. Siehst du? Und da sind sie nicht bei.«
Nun sind auch ihre Eltern und Dorothee aufmerksam geworden. Alle sahen sich um, doch niemand konnte die zwei entdecken. Katharina sprang auf.
»Bleib sitzen«, sagte Johannes. »Ich gehe mal los und suche sie.«
»Warte, ich komme mit«, sagte Dorothee und so gingen die beiden los. Nach einigen Minuten hielt es auch ihren Vater nicht mehr auf seinem Platz.
Mit den Worten: »Die können doch nicht verschwunden sein«, ging er ebenfalls los. Katharina sah ihren Mann besorgt an.
»Mach dir keine Gedanken. Vielleicht sind sie kurz nach Hause gegangen und werden gleich wieder auftauchen.«
Doch sie tauchten nicht auf. Eine Stunde später waren auch andere Gäste aufgeschreckt und an der Suche beteiligt.
»Dorothee, du hast sie doch von der Kirche mit hier her gebracht, oder etwa nicht?«, fragte Katharina ihre Schwester. Dorothee sah sie erschrocken an.
»Nein, habe ich nicht«, antwortete sie. »Ich musste doch noch einmal zu mir in die Wohnung fahren, um Sachen für die Hochzeitsspiele abzuholen. Papa, sie wollten doch bei dir mitfahren.«
Georg Setzer schüttelte den Kopf. »Davon weiß ich nichts. Mir hat niemand was gesagt.«
»Mein Gott, wer hat die Kinder mitgenommen?«, rief Katharina verzweifelt. Aber keiner der Gäste hatte die beiden Mädchen seit der Kirche gesehen. Johannes bot sich an, zurück nach Küsten zu fahren, um dort nach den Kindern zu suchen.
Katharina brach in Tränen aus. Dirk und Georg versuchten sie zu beruhigen, was ihnen jedoch nicht gelang. Hedi und Dorothee überlegten fieberhaft, wo die beiden geblieben sein konnten.
Nach einer halben Stunde kam Johannes wieder. Er stieg aus dem Auto aus und schüttelte ratlos den Kopf.
»Marie! Lea! Himmel, wo seid ihr nur?«, schrie Katharina verzweifelt.
Die Band im Hintergrund hörte auf zu spielen, die letzten Gäste, die bislang unbeteiligt waren, erhoben sich von ihren Plätzen. Eine lähmende Stille trat ein.
»Ich rufe jetzt die Polizei an«, sagte Reiner Grahlich leise, aber bestimmt zu seiner Frau.
Kommissar Walter Krug hielt bei dem Restaurant ›Markgraf‹ und stieg aus seinem Wagen. Sein Kollege David Oppermann öffnete die Beifahrertür und trat neben ihn.
»Wie tragisch, oder?«, fragte er seinen älteren Kollegen. »Das nennt man nun den schönsten Tag des Lebens.«
Walter Krug knuffte ihm in die Seite.
»Nun warten wir erst mal ab. Villeicht ist alles ganz harmlos.«
Gemeinsam gingen sie in den Restaurantgarten zu der Hochzeitsgesellschaft. Die Braut saß mit durch ihre Tränen verlaufener Schminke auf einem hölzernen Gartenstuhl, ihr Ehemann stand hinter ihr und seine Hand lag tröstend auf ihrer Schulter. Als Walter Krug und David Oppermann auf sie zugingen, wischte sie sich gerade erneut mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht.
»Guten Tag«, sagte Walter. »Mein Name ist Krug. Kriminalhauptkommissar. Und das ist mein Kollege Oppermann.«
Er reichte erst der Braut und dann ihrem Ehemann die Hand. Katharina Wagner sah auf, räusperte sich und erhob sich von ihrem Stuhl. Sie knetete das bereits nasse Taschentuch nervös zwischen ihren Fingern, dann suchte ihre Hand die ihres Mannes.
»Herr Grahlich, der Chef des Ganzen hier, hat uns angerufen. Er sagt, Ihre beiden Töchter sind verschwunden?«, begann David Oppermann.
Dirk blickte sich ein wenig hilflos um. Dann sagte er: »Vielleicht ist das alles ein bisschen früh. Ich meine, vielleicht haben die beiden sich nur einen schlechten Scherz erlaubt, oder streifen durch die Felder ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass wir hier umkommen vor Sorge.«
Walter Krug nickte fast unbemerkt.
»Das ist möglich und wir hoffen, dass es sich um eine solch banale Angelegenheit handelt«, antwortete er. »Allerdings müssen wir auch in Betracht ziehen, dass es eben noch andere Möglichkeiten gibt.«
Katharina schluchzte auf. »Was meinen Sie? Dass sie entführt wurden?«
»Na ja«, begann Oppermann, »möglicherweise. Wann haben Sie ihre Kinder zum letzten Mal gesehen?«
»Als wir nach der Trauung aus der Kirche kamen. Lea und Marie waren gemeinsam mit vier anderen Mädchen unsere Blumenkinder. Sie standen noch Spalier, als wir in unsere Hochzeitskutsche eingestiegen sind«, sagte Dirk.
»Und dann?«, fragte Walter.
»Dann sind meine Frau und ich mit der Kutsche hierher gefahren. Meine Töchter sollten eigentlich mit meiner Schwägerin, Dorothee Setzer, nachkommen. So war es jedenfalls vereinbart«, erzählte Dirk weiter.
»Aber sie sind nicht mit Ihrer Schwägerin hergekommen?«, wollte David Oppermann wissen.
Katharina schüttelte den Kopf.
»Nein. Meine Schwester sagt, es wäre anders besprochen gewesen. Die Mädchen sollten mit meinen Eltern mitfahren. Doch die wissen davon nichts.«
»Das verstehe ich jetzt nicht«, sagte Walter. »Wie alt sind ihre Töchter noch gleich?«
»Marie ist sechs und Lea ist acht«, antwortete Dirk.
»Gut, da sind also zwei kleine Mädchen inmitten des Hochzeitstrubels und niemand kümmert sich darum.« Walter Krug klang leicht verärgert.
»Nein! Ja, vielleicht«, stotterte Katharina. »Ich verstehe das selbst nicht. Dorothee wollte noch etwas aus ihrer Wohnung holen. Für Hochzeitspiele. Sie wissen schon, Baumstamm durchsägen und solche Sachen. Ich glaube, die Mädchen hatten dazu keine Lust und wollten dann lieber mit ihrem Opa mitfahren. Aber wieso mein Vater davon nichts wusste, kann ich Ihnen nicht sagen.«
»Okay, wir sprechen gleich noch mit Ihrer Schwester und Ihren Eltern. Bitte beschreiben Sie mir doch Ihre Töchter«, bat Walter wieder etwas versöhnlicher.
»Marie ist, wie gesagt, sechs Jahre alt. Sie hat lange blonde Haare, zurzeit zu einem Zopf geflochten. Sie ist zierlich, hat blaue Augen, ist etwa 1,20 Meter groß. Und sie trägt ein roséfarbenes Kleid. Genauso wie Lea. Nur sie hat dunkle Haare. Dunkelbraun. Ihre Haare sind kürzer, so bis kurz über die Schulter. Für die Hochzeit trug sie einen Haarreifen mit weißen Blüten. Lea ist acht und ein bisschen größer als Marie. So ungefähr zehn Zentimeter größer.« Katharina fühlte sich schlecht, als sie ihre Mädchen so sachlich beschreiben musste.
»Haben Sie eventuell ein Foto für uns?«, wollte Oppermann wissen.
»Ja selbstverständlich«, antwortete Dirk. »Bei uns zuhause. Es sind nur ein paar Minuten zu Fuß.«
»Dann holen wir es später ab. Erstmal möchten wir mit Ihren Eltern und Ihrer Schwester sprechen.«
Walter und David wandten sich vom Brautpaar ab und sahen sich skeptisch an.
»Ich spreche mal mit der Familie. Hörst du dich bei den anderen Gästen um?«, fragte Krug. Oppermann nickte und so trennten sich ihre Wege.
Krug steuerte geradewegs auf ein älteres Ehepaar zu, das zusammen mit einer Frau an einem kleinen, runden Tisch saß und zeigte seinen Polizeiausweis. Im selben Moment kam ihm diese Geste völlig fehl am Platz vor und so steckte er den Ausweis schnell wieder in seine Tasche.
»Setzer. Georg Setzer«, sagte Katharinas Vater. »Meine Frau Hedi und meine Tochter Dorothee.« Er zeigte nacheinander auf die beiden Frauen am Tisch.
»Bitte erklären Sie mir doch, wie das nun genau war mit der Rückfahrt von der Kirche. Wer war für die Kinder verantwortlich?«, wollte Krug wissen. Etwas verschämt hob Dorothee den Zeigefinger.
»Ich war verantwortlich. Eigentlich.«
»Was heißt eigentlich?«, fragte Krug weiter.
»Ich habe meiner Schwester in den letzten Tagen bei den Vorbereitungen geholfen«, begann sie zu erklären. »Und wir sprachen darüber, dass Katharina und Dirk allein in der Kutsche nach Satemin zurückfahren sollten. Ich sagte gleich, dass die Kinder dann ja bei mir mitfahren können. Katharina empfand das als Kleinigkeit, schließlich gäbe es ja genug Leute, die noch Platz im Auto haben und das könne man dann ja spontan entscheiden. Aber ich hatte mir zur Aufgabe gemacht, am heutigen Tag die Kinder unter meine Fittiche zu nehmen.«
Krug hob fragend eine Augenbraue.
»Na damit Katharina und Dirk sich um nichts kümmern müssen. Lea und Marie sind tolle Mädchen, aber sie können auch anstrengend sein. Völlig normal für das Alter, oder nicht? Na ja, als die Trauung vorbei war und Katharina und Dirk mit der Kutsche los sind, da habe ich die Mädchen gefragt, ob wir auch loswollen. Sie wollten aber nicht, weil der Pfarrer allen sechs Mädchen noch ein Eis versprochen hat. Darauf haben sie gewartet. Ich musste aber los, Utensilien aus meiner Wohnung holen für ein paar Spiele, die geplant waren. Das habe ich den Mädchen gesagt, woraufhin Lea meinte, sie würden dann mit Opa mitfahren. Ich hab sie gefragt, ob er das weiß und Lea sagte, klar, das wäre kein Problem. Ich hab mich dann drauf verlassen«, schloss Dorothee schuldbewusst.
»Und Sie wussten nichts davon?«, fragte Krug an Georg Setzer gewandt.
Dieser schüttelte den Kopf.
»Wir haben mit den Mädchen nicht mehr gesprochen, seitdem wir morgens von meiner Tochter aus zur Kirche gefahren sind. Als wir dort ankamen, wurden wir gleich von allen möglichen Leuten in Beschlag genommen. Und nach der Trauung waren sie ja als Blumenkinder beschäftigt.«
»Es hat also niemand in dem Tumult auf zwei kleine Mädchen geachtet und alle sind in ihre Autos gestiegen, um mehr oder weniger direkt zur Feier zu fahren«, resümierte Krug. Georg, Hedi und Dorothee sahen sich beschämt an.
»Gut«, fuhr Walter fort. »Wie sind die anderen vier Kinder hergekommen?«
»Sie sind mit ihren Eltern gefahren«, antwortete Hedi kleinlaut.
»Haben Sie sonst noch etwas bemerkt? Ist Ihnen jemand aufgefallen, eine Person, die nicht zur Hochzeitsgesellschaft gehört? Oder irgendetwas, was Ihnen komisch vorgekommen ist?«
»Nein, nichts«, sagte Georg Setzer und die beiden Frauen schüttelten ebenfalls den Kopf.
»Falls Ihnen noch etwas einfällt, melden Sie sich bitte bei mir«, bat Krug und überreichte seine Visitenkarte. Dann ging er hinüber zu den Eltern der anderen Mädchen, die alle gemeinsam mit ihren Töchtern an einem Tisch saßen. Aber auch hier gab es keinerlei Hinweise. Alle sind nach dem Blumen streuen mit ihren Kindern direkt zum Restaurant gefahren. Von einem Eis bei dem Pastor wussten sie nichts. Wieder verteilte er seine Visitenkarten mit der Bitte, sich zu melden, falls ihnen doch noch irgendetwas einfällt.
Walter Krug ging zu seinem Auto und betrachtete die Szenerie aus der Ferne. Die mit weißen Hussen überzogenen Sitzgruppen wirkten größtenteils verlassen. Nur hier und da saßen vereinzelt schweigende Hochzeitsgäste. Alle wirkten in sich gekehrt und geschockt. An der langen Tafel saßen das Hochzeitspaar und die Eltern der Braut. Dorothee Setzer war nirgends zu sehen. Am Eingang des Restaurants erblickte er David Oppermann im Gespräch mit einem Mann. Insgesamt macht hier niemand den Eindruck, irgendetwas zu verschweigen oder gar etwas mit dem Verschwinden der Mädchen zu tun zu haben.
Leise begann das Personal die Tische abzuräumen. Die Feier war vorbei. Auf Walter Krug lastete die bedrückende Schwere der Situation. Dann sah er, wie sein Kollege sich von seinem Gesprächspartner verabschiedete und in seine Richtung kam. Walter spürte einen Anflug von Erleichterung.
»Und? Hast du etwas herausgefunden?«, fragte er David.
»Nichts«, antwortete dieser kopfschüttelnd. »Offenbar hat niemand auf die Kinder geachtet.«
Das konnte Walter nur bestätigen und erzählte David von seinen Gesprächen mit dem Ehepaar Setzer und Dorothee.
»Es will mir nicht in den Kopf, dass sich keiner um die Mädchen gekümmert hat. Gerade bei diesem Trubel, der vor der Kirche geherrscht haben muss«, schloss Walter und ließ seinem Unmut darüber freien Lauf.
Ehe David etwas dazu sagen konnte, trat Dorothee Setzer zögernd an das Auto heran.
»Entschuldigung«, begann sie leise. »Ich war eben in dem Haus meiner Schwester. Hier, bitte schön«, sagte sie und hielt Walter ein Foto entgegen. Der Anblick der beiden Mädchen versetzte ihm einen Stich. Er war ein erfahrener Kommissar, der schon viel Leid, Elend und Grausamkeiten gesehen hatte. Aber wenn Kinder beteiligt waren, ging ihm das jedes Mal sehr nahe und es gelang ihm nur mit Mühe, die sachliche Distanz zu wahren.
