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Ein Unfall, der keiner war. Ein Schweigen, das tötet. Und eine Insel, auf der nichts ist, wie es scheint. Ein tödlicher Autounfall in Witten – doch schnell ist klar: Hier stimmt etwas nicht. Als Hauptkommissarin Karla Lang kurzfristig die Leitung der Ermittlungen übernehmen muss, ahnt sie nicht, wie tief dieser Fall ins Dunkel führt. Denn was als Routine beginnt, entwickelt sich zu einem Albtraum. Eigentlich wollte sie nur endlich Urlaub auf ihrer Lieblingsinsel Föhr machen. Doch kaum angekommen, wird die Insel zum Schauplatz einer erschreckenden Serie von Verbrechen. Spuren führen zurück ins Ruhrgebiet und tauchen die Welt der Kunst in ein düsteres Licht. Gemeinsam mit ihren Kollegen aus Bochum und Föhr kämpft sie gegen die Zeit, denn bald ist klar: Der Unfall war erst der Anfang.
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Das Cover zeigt ein abstraktes Gemälde aus dem ein Streifen heraus gerissen ist. In dem ausgerissen Streifen stehen in weiß auf schwarzem Untergrund der Titel „Blut-Art“ und der Autorinnen Name Sigrid Drübbisch.
Mai 2025
© 2025 OCM GmbH, Dortmund
ISBN 978-3-949902-27-7
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung, auch auszugsweise, bedarf der Genehmigung des Verlags.
Der Verlag hält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Umschlagbild: 627 DREAMLINES 57, Mischtechnik auf drei Acrylgläsern, 50 x 25 cm, 2018 © Sigrid Drübbisch
Gestaltung, Satz und Herstellung: OCM GmbH, Dortmund
Verlag:OCM GmbH, www.ocm-verlag.de
Kriminalroman
Prolog
1. Im Polizeipräsidium
2. Der Verdacht
3. Gute Freunde
4. Die Wende
5. Der Künstler
6. Ermittlungen
7. Eine traurige Nachricht
8. In der Galerie
9. Rolf
10. ArtGalerie Friesische Karibik
11. Frühbesprechung
12. Strandspaziergang
13. In der Gerichtsmedizin
14. Vernissage
15. Neue Erkenntnisse
16. Frühstück in Hedehusum
17. Föhr, wir kommen!
18. Rehaklinik Utersum
19. Ankunft
20. Fieberhafte Suche
21. Im Atelier
22. Alarm am Ümminger See
23. In der Rehaklinik
24. Der Besuch
25. Banges Warten
26. Neue Erkenntnisse und erste Ergebnisse
27. Verschwunden
28. Neue Ermittlungen
29. Verzweifelte Suche
30. Pressekonferenz
31. Die Lesung
32. Der Fund
33. Schmerzliche Bestätigung
34. Angst geht um
35. Nachmittagskonferenz
36. Psychologische Begleitung
37. Bei Afkes Eltern
38. Ein ereignisreicher Tag
39. Vernehmungen
40. Weitere Vernehmungen
41. Afke und Ocke
42. Im Auktionshaus Stümmel
43. Drohende U-Haft
44. Bewegende Momente
45. Haftprüfung
46. Gescheiterte Rückkehr
47. Am Morgen danach
48. Überraschende Indizien
49. Im Wintergarten
50. Gemeinsame Strategie
51. Konsequente Polizeiarbeit
52. Es kommt Bewegung ins Spiel
53. Brisante Neuigkeiten
54. Parallele Polizeiaktion
55. Enthüllungen
56. Fragen über Fragen
57. Eine lange Nacht
58. Oma Alma
59. Haftprüfung
60. Ockes Entscheidung
61. Pressekonferenzen
Epilog
Danke
Anhang
Die Autorin
Der Verlag
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Cover
Impressum
Inhaltsübersicht
Textanfang
Für Detlev und Marvin
Die Bedeutung des Bildes
verschwindet im Nichts,
in der Zerstörung und Einsamkeit!
Sigrid Drübbisch
– Witten; Donnerstag –
‚Ist das geil!‘ Reiner schlug immer wieder vor Freude mit den Händen auf das Lenkrad. ‚Was für eine wertvolle Errungenschaft!‘
Er konnte es gar nicht erwarten, diese Überraschung seiner Frau Renate zu präsentieren. Es war genau das, was sie sich schon seit Langem gewünscht hatte. Er bog von der Wittener Straße links ab auf die Kämpenstraße in Richtung Durchholz. Ein heftiges Gewitter braute sich schon seit geraumer Zeit zusammen und entlud sich in diesem Augenblick in Sekundenschnelle. Der Regen prasselte so heftig auf die Frontscheibe, dass die Scheibenwischer es kaum schafften. Der Himmel verdunkelte sich. Kurz nach dem Abbiegen sah er zwei Fahrzeuge, die hinter ihm folgten. Sie überholten sich gegenseitig, fuhren dicht auf und hupten.
‚Was wollen die Idioten von mir? Sollen sie ihr Rennen woanders fahren. Ich halte die Höchstgeschwindigkeit ein.‘
Er stellte das Radio auf laut, in dem ein Song von Lou Reed, Perfect Day, gespielt wurde. Es war ihr Hochzeitslied! Er sang es laut mit, um sich von den Hupgeräuschen und den verrückten Fahrern abzulenken. ‚Was wird Renate über sein Geschenk zum Hochzeitstag sagen? Wird sie sich freuen?‘
Plötzlich zog eines der Fahrzeuge an ihm vorbei und scherte knapp vor ihm wieder ein. Der Fahrer beschleunigte erst und trat dann unvermittelt auf die Bremse. Reiner stoppte ebenfalls, um seinem Vordermann nicht aufzufahren. Mehrfach wiederholte der Fahrer vor ihm diesen Vorgang.
Der zweite Fahrer hinter ihm kam immer näher. Reiner wurde eingekesselt und wusste nicht mehr, wie er reagieren sollte.
Dann versuchte sein Hintermann, ihn fünfhundert Meter vor der Kurve rechts abzudrängen und zu überholen. Dabei touchierte er seinen kleinen Corsa mehrfach. Der Fahrer vor ihm setzte die Fahrt in Schlangenlinie fort, sodass er keine Chance hatte, auszuweichen. Die Straße war ansonsten menschenleer. Der Regen wurde immer stärker und die Sicht verschwamm. Auf Reiners Stirn bildeten sich plötzlich Schweißperlen und das Atmen fiel ihm schwer. Ihm wurde schwindelig und übel. ‚Was ist das denn jetzt?‘ Er umklammerte das Lenkrad, konnte sich nur schlecht konzentrieren und hatte Mühe, seine Spur zu halten. Dabei wurde er immer wieder bedrängt.
‚Die Rettung!‘ Auf der linken Seite sah er einen kleinen Privatweg. Er riss das Steuer nach links, um diese Möglichkeit zu nutzen und auszuweichen. Der hintere Fahrer fuhr links neben ihn und versuchte, ihn nach rechts abzudrängen, damit er das Ausweichmanöver nicht vollenden konnte. An der Ecke zu dem Privatweg standen zwei Bäume und in der Mitte ein riesiger Findling. Er hatte keine Wahl und prallte gegen diesen großen Stein.
Reiner landete im Kissen seines aufgeblasenen Airbags. Ihm wurde erneut schwindelig und er nahm alles nur noch verschwommen wahr. Krampfhaft versuchte er, den Kopf in die Seitenlage zu drehen, was ihm kaum gelang.
Er konnte nur noch schemenhaft eine Person durch die beschlagene Scheibe erkennen. Sie kam auf ihn zu. Sein Körper schmerzte überall, etwas Warmes lief ihm über die Schläfe. Gerade als er versuchte, sich zu bewegen, wurde die Fahrertür geöffnet. Jemand beugte sich über ihn. Er blickte den Fremden an. Sein Gegenüber grinste. Ein letzter Augenaufschlag. Dann ging das Licht aus.
– Bochum; Donnerstag –
Karla saß an ihrem Schreibtisch und betrachtete die kleinen blauen Minischafe aus der Friedensherde der Künstlerin Bertamaria Reetz, die sie in der Galerie Luzia Sassen gekauft hatte. Zwei große Schafe grasten bereits im Garten ihres Einfamilienhauses in der Nähe der Ruhr-Universität Bochum in der Cörmannstraße in Witten-Heven. Sie hatte das Elternhaus von ihrer Mutter geerbt, die vor ein paar Monaten gestorben war. Mit Hilfe ihres Ehemannes Dirk war aus diesem Haus ein kleines Schmuckstück geworden. Ihr bienenfreundlicher Naturgarten, mit vielen Kunstobjekten verschönert, war eine echte Augenweide. Auch hatte sie sich endlich den Traum von einem eigenen Atelier im Anbau erfüllen können, da sie in ihrer raren Freizeit gern einmal selbst den Pinsel über die Leinwand kreisen ließ. Es war ein großer, lichtdurchfluteter, beheizter Raum, in dem sie sich künstlerisch so richtig ausleben konnte. Ihre Mutter, die Blumen über alles liebte, hatte diesen Bereich zur Anzucht ihrer vielfältigen Blumen und Pflanzen genutzt.
Die Friedensherde von Bertamaria Reetz ist ein global-soziales Kunstprojekt zur Förderung der gegenseitigen Toleranz und des Friedens, die schon in über zweihundert Städten im In- und Ausland vertreten war. In diesen besonderen Zeiten von Pandemie und Krieg war es mehr als wichtig, Flagge mit solchen Projekten zu zeigen. Ja, Schafe, das war eine ihrer Verbindungen zu Föhr. Wenn sie ihre kleine Miniherde auf ihrem Schreibtisch ansah, wurde ihr ganz warm ums Herz und sie sah augenblicklich die Deichschafe von Föhr vor ihrem geistigen Auge und der Wunsch nach Frieden in der Welt intensivierte sich bei diesem Gedanken noch mehr. Die Künstlerin der Blauschäferei hatte ihr verraten, dass seit dem Frühjahr die ersten Schafe auch auf Föhr ein Zuhause gefunden hatten und gemeinsam mit Markus Freienstein durch die Versteigerung der Schafe zum Erhalt des Nordseekurparkes beitragen. Er hatte die Schafe angekauft und der Reinerlös aus den wöchentlichen Versteigerungen wurde komplett an den Verein Nordsee-Kurpark gespendet. Heute stehen vor der Agentur Freienstein immer acht Schafe vor der Tür. Sie sind der Anziehungspunkt für Jung und Alt und ein beliebtes Fotoobjekt.
In ihrem Team war sie als Kunstliebhaberin bekannt. Einige Werke von ihr selbst und anderen Künstlerinnen und Künstlern zierten nicht nur ihr Büro. Auch in ihrem Haus war die Kunst in allen Ecken vertreten. Ihr Ehemann Dirk neckte sie oft und amüsierte sich darüber. Aber das störte sie nicht. Da er sie so sehr liebte, konnte er mit ihrer Leidenschaft leben. Es war der Ausgleich zu ihrem schwierigen und oft aufregenden Job.
Sie wedelte sich mit dem Urlaubsantrag Wind ins Gesicht, den sie Rolf noch zur Unterschrift vorlegen wollte. Sie dachte an die frische Meeresbrise, die ihr bald wieder um die Nase wehen würde. Sonntagmorgen war es so weit. Sie freute sich wahnsinnig. Dieses Mal hatte sie wieder gemeinsam mit Dirk vier Wochen auf ihrer Lieblingsinsel in ihrer Ferienwohnung in Utersum, Klaf bei Stine Gedsen gebucht. Die Wohnung lag ganz in der Nähe des Strandes und man konnte von dort auf die Inseln Amrum und Sylt sehen und spektakuläre Sonnenuntergänge beobachten. Sie freute sich auf Margaret, die kleine Katze, die sie in ihr Herz geschlossen hatte und hoffte, sie wiederzusehen. Karla hatte der Katze in Erinnerung an Margaret Rutherford diesen Namen gegeben, weil sie die Kultserie Miss Marple mochte, die aus der Feder von Agatha Christie stammte. Am liebsten hätte sie Margaret im letzten Urlaub eingepackt und mit nach Hause genommen. Da sie aber nicht wusste, wo sie hingehörte, und dies auch nicht in Erfahrung bringen konnte, ließ sie das Tier besser in ihrer gewohnten Umgebung auf Föhr.
Nach dem letzten Fall, den sie gemeinsam mit den Föhrer Kolleginnen und Kollegen aufgeklärt hatte und durch den ein handfester Ehestreit mit Dirk entstanden war, hatte sich in ihrer Beziehung einiges verändert. Dirk arbeitete in seiner Tätigkeit als Psychologe mit der Mordkommission zusammen, bot Therapien und Opferhilfsprogramme an und kümmerte sich unter anderem um entlassene Strafgefangene. Er hatte seine private Praxis in ihrem Haus in der Cörmannstraße und unterrichtete einige Stunden an der juristischen Fakultät in der Ruhr-Universität Bochum unter anderem auch beim Masterstudiengang Kriminologie, Kriminalistik und Polizeiwissenschaft. Damit war er mehr als ausgelastet. Die gemeinsamen Stunden zu zweit genossen sie immer sehr. Karla bemühte sich, diese Zeit auch wirklich für Dirk freizuhalten, was leider nach wie vor nicht immer gelang. Dirk zeigte in diesen Fällen jedoch mehr Verständnis als früher, wenn es ihm auch weiterhin schwerfiel. Aber immerhin blieb er inzwischen gelassener.
Polizeihauptkommissar Piet Dirksen, seine Frau Inge und Frieda, die zutrauliche Briard-Hundedame, ihre beiden Freunde auf Föhr, warteten schon auf Karla und Dirk. Frieda hatte inzwischen gemeinsam mit Piet die Mantrailer-Ausbildung absolviert. Jetzt war sie eine voll ausgebildete Spürnase und gehörte offiziell zu den Mantrailern Föhr.
Die Strandhochzeit von Inge und Piet im vergangenen Jahr ließ sie noch mal vor ihrem geistigen Auge vorbeiziehen. Diese Hochzeit und die von Christa Sitzler und Klaus Pfeffer waren die bewegendsten Ereignisse in der letzten Zeit gewesen. Und vor allem die Geburt von Finn, dem Sohn von Christa und Klaus. Bei der Hochzeitsfeier in Sebos Dorfkrug, bei der der Staatsanwältin die Fruchtblase geplatzt war, erblickte Finn im hinteren Teil des Lokals mit Hilfe einiger Hochzeitsgäste, angeleitet von Karla und einigen anderen, das Licht der Welt. Mutter und Kind wurden dann, nachdem beide erschöpft, aber wohlauf waren, wunschgemäß mit dem RTW in die Uniklinik Essen gebracht, in der ursprünglich die Geburt stattfinden sollte. Wichtig war am Ende nur, dass es beiden gut ging. Christa Sitzler hatte sich seitdem sehr verändert. Sie hatte ein paar Pfunde zugelegt, war viel weicher geworden und hatte für schwierige, persönliche Belange viel mehr Verständnis. Karla musste oft schmunzeln, wenn sich die Staatsanwältin, die sonst immer wie aus dem Ei gepellt gekleidet war, verlegen die Speisereste, die Finn auf ihrer Bluse nach dem Essen kurz vor Dienstantritt hinterlassen hatte, wegwischte.
Die Kommissarin freute sich, weil sie schon einiges für ihren Inselurlaub geplant hatte. Das Autorenehepaar Pia und Leif Löffler hatte in ihrem neuen Krimi die schrecklichen Ereignisse, die sie auf der Insel im letzten Jahr erleben mussten, zu Papier gebracht und wollte nun das neue Buch in einer Lesung im Kurgartensaal präsentieren. Frühzeitig hatte Karla bei Kiki in der Wyker Buchhandlung Karten zurücklegen lassen.
Dann fiel ihr ein, dass sie noch ihre bestellten Bücher in der Buchhandlung Gimmerthal abholen musste. Sie unterstützte lieber die traditionellen Geschäfte, als bei dem riesigen Onlineanbieter zu bestellen. Mit Beatrix Schulte-Gimmerthal hielt sie beim Bücherkauf immer ein nettes Schwätzchen über die Neuigkeiten in der Literaturwelt.
Ihren Friseurtermin bei Ana, seit über 35 Jahren ihre Haus- und Hoffrisörin, war auf Freitagnachmittag terminiert. Ana kannte sie schon, als sie gerade mit der Ausbildung begonnen hatte. Damals trug Karla ihre braunen, lockigen Haare bis zur Taille. Sie konnte ihre Lockenpracht plötzlich nicht mehr ertragen und besuchte den Friseurladen in Witten-Stockum, in dem Ana zu diesem Zeitpunkt ihre Ausbildung machte. Sie bat die Auszubildende, ihre Haare bis auf fünf Zentimeter zu kürzen. Ana schlug die Hände über dem Kopf zusammen und weigerte sich, diesen Radikalschnitt vorzunehmen. Ihre Chefin erklärte ihr jedoch, wenn die Kundin wünschte, von ihr bedient zu werden, solle sie mutig sein und ihrem Wunsch auch nachkommen. Unter Aufsicht ihrer Chefin fasste sich Ana ein Herz und schnitt Karla die langen Haare ab. Die abgeschnittene Lockenpracht band sie zu einem dicken Zopf zusammen, den sie ihr zum Andenken überreichte. Sie präsentierte anschließend einen perfekten Kurzhaarschnitt und bekam von ihrer Chefin ein dickes Lob. Das war für Ana und für Karla ein einschneidendes Erlebnis im positiven Sinne, von dem beide heute noch oft erzählten und sich köstlich darüber amüsierten. Mittlerweile ist Ana Meisterin und führt den Laden Anas Haarteam in Bochum-Langendreer. Karla genoss den Termin in ihrem Friseursalon immer sehr. Sie konnte dort herrlich von der Arbeit abschalten und sich entspannen.
Sie ließ ihren Träumen weiter freien Lauf und packte dabei ihre Sachen für den Feierabend zusammen. Im Vergleich zu Rolf Sahner verließ sie ihr Büro immer akribisch aufgeräumt. Rolf hingegen bevorzugte das Chaos und hinterließ es auch, wenn er in den Feierabend startete.
Sie musste sich beeilen. Dirk und sie waren an diesem Abend in Sebos Dorfkrug in Heven mit Freunden zum Essen verabredet. Sie rief ihren Mann an, um ihm mitzuteilen, dass sie pünktlich sein werde. Karla zog ihre Jacke über, schnappte sich die Tasche, klemmte den Urlaubsantrag zwischen die Lippen, weil sie mal wieder wie ein Esel bepackt war, und huschte hinüber zu Rolf. Die Tür war ein Spalt geöffnet, sie klopfte kurz und spähte hinein.
„He Rolf, ich wollte nur kurz tschüss sagen und dir meinen Urlaubsantrag geben.“ Der Chef des KK11 und aller sechs Mordkommissionen saß an seinem Schreibtisch und krümmte sich vor Schmerzen,
„Karla, hilf mir bitte“, wisperte er und hielt sich seine rechte Seite. „Ruf bitte einen Krankenwagen. Ich habe anscheinend wieder eine Gallenkolik, die ich in den letzten Tagen öfter hatte. Aber dieses Mal ist sie so schlimm, dass ich mich nicht bewegen und es nicht mehr aushalten kann.“ Sie öffnete den Mund. Ihr Urlaubsantrag wehte durch den Raum und landete unter Rolfs Schreibtisch.“
Karla ließ ihre Taschen fallen, nestelte ihr Handy aus ihrer riesigen Umhängetasche und wählte den Notruf. Dabei ließ sie Rolf nicht aus den Augen, dessen Gesichtsfarbe sich zunehmend gelb verfärbte. Das war ein Alarmzeichen! Ihre Beine wurden weich und sie hielt sich am Schreibtisch fest. Mit zitternder Stimme beschrieb sie den Sanitätern in der Notrufzentrale den Zustand ihres Chefs und flehte sie an, sich zu beeilen. Sie hatte große Angst um ihn.
Das komplette Team der Mordkommission hatte nun ebenfalls mitbekommen, dass etwas mit Rolf nicht in Ordnung war. Sie stürzten nach und nach in das Büro und begriffen den Ernst der Lage, als sie Rolf wimmernd und zusammengekrümmt in seinem Schreibtischsessel sitzen sahen.
Rolf konnte es kaum aushalten und schrie: „Helft mir! Ich kann nicht mehr!“
Karla rief Rolfs Partnerin Lisa an und teilte ihr in Kurzform mit, was geschehen war. Frank und Karin beruhigten ihren Chef und kümmerten sich um ihn.
„Wir informieren dich sofort, wenn wir wissen, in welches Krankenhaus Rolf gebracht wird“, versuchte sie Lisa zu beruhigen. Rolf flüsterte, dass er in das Uniklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum zu Professor Canbay gebracht werden möchte, den er aus der Uniklinik in Essen kannte und bei dem er in Bochum schon einige Male in Behandlung war.
Karla beruhigte Rolf: „Keine Angst, das regele ich“, packte seine Sachen zusammen und Karin Bock hielt ihm ein Glas Wasser an den Mund, an dem er nur nippen konnte, bevor der nächste Anfall einsetzte. Frank Lotter hatte eines seiner Stofftaschentücher, die er von seinem Vater geerbt hatte, befeuchtet und tupfte ihm damit die Schweißperlen von der Stirn. Christa Sitzler, die Staatsanwältin, die ihren Namen nach der Hochzeit behalten hatte und nach ihrem Mutterschutz halbtags wieder im Dienst war, zeigte Bestürzung, als sie Rolf so leiden sah. Ihr Mann, Klaus Pfeffer, war heute bei ihrem Sohn Finn geblieben, weil die Babysitterin sich Corona eingefangen hatte. Er wollte so lange warten, bis seine Schwiegermutter übernehmen konnte.
Das Thema Corona war leider immer noch nicht endgültig erledigt. Eine Art Massenimmunisierung war zwar schon durch die Impfungen und Infektionen gegeben, aber durch die Mutationen immer wieder neuer Varianten kam es vermehrt zu Infektionen, und die Zahlen schnellten kurzfristig wieder in die Höhe. Zwar waren die Verläufe nicht mehr so problematisch und schwer, aber dennoch fielen sie unterschiedlich aus, je nachdem, welche Variante man sich eingefangen hatte. Auch wenn die Maskenpflicht in vielen Bereichen aufgelöst worden war, in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Bus und Bahn und in öffentlichen Gebäuden galt sie noch. Ebenso verhielt es sich mit der Schnelltestpflicht durch einen Bürgertest in diesen Bereichen. Aber damit war man schon mal mehr abgesichert und konnte endlich wieder Unternehmungen planen.
Karla lauschte und hörte die Sirenen des RTW. Sie hatte ihre Kollegin in der Anmeldung im Eingangsbereich informiert, die den Aufzug schon geordert hatte, damit die Sanitäter und die Notärztin ihn sofort benutzen konnten, sobald sie das Gebäude betraten.
Rolf krümmte sich vor Schmerzen und war inzwischen vom Stuhl gerutscht. Er lag dort in embryonaler Haltung mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden und jammerte herzzerreißend.
Christa Sitzler war zum Aufzug geeilt und leitete alle Helfenden zum Büro von Rolf Sahner. „Bitte machen Sie Platz. Jetzt sind wir da und kümmern uns um ihn.“ Die Notärztin beugte sich über den Patienten, legte einen Zugang und die Sauerstoffmaske an. Die Infusion lief, und die Sanitäter bemühten sich, Rolf Sahner so behutsam wie eben möglich auf die Trage zu legen.
Karla hatte schon beim Notruf Rolfs Wunsch mitgeteilt, dass er in die UK Bochum-Langendreer gebracht werden wollte.
„Keine Sorge, Herr Sahner. Professor Canbay steht schon mit seinem Team bereit. Es wird alles getan, um Ihnen schnell zu helfen. Herr Sahner, haben Sie etwas getrunken oder gegessen?“ Rolf schüttelte den Kopf, „nur einen Schluck Wasser getrunken“.
„Gut so, das erleichtert einiges!“
„Kann ich mitfahren? Ich habe mich heute Morgen testen lassen.“ Karla hielt Rolfs Hand, die eiskalt war. In seinen Augen spiegelte sich Angst.
Sie bekam die Zustimmung, nickte kurz den Kolleginnen und Kollegen zu und lief aufgeregt und weiterhin händchenhaltend neben der Transportliege her.
– Witten; Donnerstag –
Der Regen hatte fast aufgehört. PHK Karl Schwachmer von der Verkehrskommission lief aufgeregt um die Unfallstelle herum. Die Diensthabenden von der Polizeiinspektion Witten hatten die Gegend großräumig mit rotweißem Flatterband abgesperrt.
Karl Schwachmer fluchte laut. Er stand mitten in einer Pfütze im Schlamm, was ihm so gar nicht behagte, und drehte sich etwas zu schnell um. Prompt rutschte er auf seinen glatten Ledersohlen aus und lag wie ein dicker Käfer auf dem Rücken.
„Verdammte Scheiße“, brüllte er, „was seid ihr nur für Hornochsen! Helft mir!“ Ein Wittener Kollege erbarmte sich und half ihm wieder auf die Füße.
Nur mühsam verkniffen sich die umstehenden Polizisten ein Lachen. Die meisten hassten Schwachmer. Mit seiner lauten, bevormundenden Art war er in seinem Team überhaupt nicht gut angesehen. Er war ein sogenannter „Quereinsteiger“, und keiner verstand so wirklich, warum er sich für den Polizeidienst entschieden hatte. Eigentlich hinterließ er den Eindruck, dass dieser Job nicht seins war.
Er punktete durch Oberflächlichkeit und nicht durch Sorgfalt und Disziplin. Bei der Begehung eines Unfallortes traf er häufig vorschnelle Urteile. Meistens hatte er keine Lust, in die Tiefe zu gehen und akribisch zu ermitteln. Seine Gedanken beschäftigten sich zum größten Teil mit seinem Hobby, dem Fußball. Natürlich spielte er nicht selbst, dazu war er zu dick, aber umso mehr trieb er sich bei den Spielen vom VfL Bochum rum oder schaute sich jedes Fußballspiel sogar auf seinem Handy an. Vom Fußball besessen, waren die Spiele vom VfL nicht die einzigen, die er sich ansah … Selbst fußballbegeisterte Kolleginnen und Kollegen konnten sein Gerede über diesen Sport nicht mehr hören.
Wenn jemand seine Einschätzung des Unfallgeschehens infrage stellte, wurde er oft sehr ausfallend. Er ließ machtbesessen den Chef raushängen. Niemand mochte diese Art. Auch Oberflächlichkeit war in diesem Job nicht gefragt, und darüber entsetzten sich seine Kolleginnen und Kollegen am meisten. Teamgeist war so wichtig. Aber niemand wagte, dem Polizeipräsidenten Dr. Michael Drumler über das Verhalten von Schwachmer zu berichten, weil Anschwärzen im Job auch keine Option war. Also machten sie in der Zusammenarbeit das Beste daraus und füllten die Ermittlungslücken, die Schwachmer hinterließ. Letztendlich war es nur ein fauler Kompromiss. Die anderen erledigten die Arbeit, und er erntete die Lorbeeren.
Nun stand er da, mit nasser Hose, und alle bildeten einen Kreis um ihn herum und starrten ihn an. Niemand sagte etwas. Aber dieses Bild erklärte alles.
„Was glotzt ihr Lackaffen mich so an? Ruft den Abschleppdienst und das Beerdigungsunternehmen an, damit wir hier endlich fertig werden.“
Das Expertenteam von der Technik setzte dennoch in Ruhe seine Arbeit fort und ließ Schwachmer quatschen und schimpfen.
„Aber Chef, wir haben doch die Leiche noch gar nicht genau angeschaut“, warf Anton Weiß ein.
„Was wollen Sie denn? Der blutet an der Schläfe, ist wohl mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe geknallt und daran verstorben. Was wollen Sie mehr?“
Schwachmer behagte es überhaupt nicht, dass Anton Weiß nachbohrte und weiter in die Tiefe gehen wollte, sagte aber nichts mehr und versuchte vergeblich, seine Hose mit einem Papiertaschentuch abzureiben.
POK Anton Weiß störte sich, wie die anderen auch, nicht an den Anweisungen seines Chefs und sah sich, während Schwachmer sich weiter mit seinen nassen Klamotten beschäftigte, den Toten und auch das Fahrzeug mit einem Kollegen von der Technik genau an. Dem POK erschien einiges bei der Leichenschau nicht geheuer, zum Beispiel dass alle vier Autotüren geöffnet waren. Er entdeckte am Fahrzeug zusätzlich zu dem Frontalschaden an mehreren Stellen Spuren eines Aufpralls, und zwar mit zwei unterschiedlichen Lackspuren in Rot und in Silber. Obwohl der Regen vieles verwischt hatte, entdeckte er neben dem Unfallfahrzeug eine Ansammlung von Fußeindrücken, die von der Spurensicherung schon fotografiert wurden. Soweit es bei dem Wetter möglich war, wurden davon Abdrücke gefertigt. Dann war er ein Stück die Kämpenstraße heruntergegangen. Mehrere Bremsspuren waren noch erkennbar, die ebenfalls gesichert wurden.
Auf der Rückbank des Unfallwagens lag ein dicker Blumenstrauß mit roten Rosen, an den eine Karte geheftet war. Auch fand Weiß ein in Luftpolsterfolie sorgfältig eingeschlagenes Bild. Er berührte nichts und machte nur die Spurensicherung darauf aufmerksam. Der Zeuge Winfried Freudenstadt stand immer noch am Straßenrand neben seinem kleinen Toyota. Er hatte das Opfer gegen sechzehn Uhr gefunden und sofort einen Notruf abgesetzt. Erste Hilfe brauchte er nicht mehr leisten. Auch die Notärztin hatte nur noch den Tod feststellen können und die Rechtsmedizin benachrichtigt. Der Zeuge wartete geduldig darauf, seine Fahrt fortsetzen zu dürfen.
Auch neben dem alten Corsa des Opfers konnte man Reifenspuren erkennen, die Schwachmer nicht bemerkte oder geflissentlich übersehen hatte. So genau wusste das keiner, und niemand wagte, nachzufragen. Anton Weiß entfernte sich ein Stück vom Unfallort und rief die Mordkommission an. Durch die erkennbaren Lackreste am Unfallfahrzeug und die weiteren Spuren in der Umgebung des Unfallfahrzeugs ging er davon aus, dass es sich um einen Unfall mit Fremdbeteiligung und Fahrerflucht handeln könnte. Schwachmer würde diese Eigenmächtigkeit des Handelns nicht gefallen, und Anton Weiß riskierte Stress, aber das war ihm egal. Für ihn war klar: Eine Tötungsabsicht war nicht auszuschließen. Er wandte sich noch mal an den Zeugen und bat ihn, zu bleiben, bis die Mordkommission vor Ort war.
– Föhr; Donnerstag –
Inge und Piet saßen entspannt im Garten ihres Hauses in Hedehusum. Die Obstbäume bogen sich unter der Last von Äpfeln, Birnen und Quitten. Inge hatte schon fleißig Quittenmarmelade gekocht und einen Teil in der Rehaklinik Utersum abgegeben. Äpfel und Birnen waren natürlich auch dabei. Aber besonders ihre Quittenmarmelade war nicht nur dort heiß begehrt. Mit einigen Gläsern beglückte sie die Patienten und die anderen bot sie an ihrem kleinen Stand auf dem Föhrer Wochenmarkt und auf dem Fischmarkt mit ihren anderen Gartenprodukten an. Himbeeren verarbeitete sie ebenfalls zu Gelee und Marmelade. Piet war hoch erfreut, wie sich Inge nach ihrer zweiten Brustkrebserkrankung erholt hatte. Vor allen Dingen, wenn sie sich auf der Insel engagierte und nicht an der Uni Bochum forschte. Der einzige Vorteil der Pandemie war, dass Inge meistens im Homeoffice arbeiten und Online-Seminare abhalten konnte.
Ihre Lebensfreude und ihre Agilität waren zurückgekehrt. Piet tat alles, damit es ihr weiterhin gut ging. Allerdings klappte es mit dem Kinderwunsch nicht mehr, worüber besonders Piet sehr traurig war. Selbst für eine Adoption waren beide inzwischen zu alt.
Aber für Inge war das nicht so wichtig. Sie war glücklich darüber, dass sie die Krankheit überstanden hatte, wollte auch ihren Job weiter ausüben und sich gern auch mal im Ruhrgebiet aufhalten, um an der Uni Bochum zu arbeiten. Das brauchte sie genauso wie Piet und die Insel. Inge versuchte Piet zu erklären, dass sie auch ohne Kind das Leben richtig genießen können und die Tatsachen einfach akzeptieren müssen. Sie liebte ihren Mann sehr und nach allem, was sie alles durchgemacht hatte, war sie froh, wieder auf dem Wege der Besserung zu sein.
Nachdem Frieda, die Briard-Hündin, ihre Ausbildung als echte Spürnase bei den Maintrailern mit Piet absolviert hatte, lernten sie Fiete, ebenfalls ein Briard, beim Hundetraining kennen. Fiete war der Hund eines verstorbenen Freundes. Er hatte niemanden, der sich um ihn kümmern konnte, und ins Tierheim sollte er auf keinen Fall. Piet nahm ihn mit nach Hause und Inge, Piet und Frieda waren sofort in ihn verliebt. So war schon mal die Hundeadoption erfolgreich. Piet bemerkte: „Ach ja, ein Kind hätte unser Leben noch mehr bereichern können.“ Versonnen kraulte Inge Fiete und Frieda, lächelte und dachte sich ihren Teil.
Inge hatte immer noch ihre Wohnung in Bochum, weil sie weiterhin in der Forschung an der juristischen Fakultät, Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft, an der Uni Bochum arbeitete. Piet hätte sie natürlich gern dauerhaft auf seiner Insel gehabt. Aber dazu wollte er sie nicht zwingen. Sie brauchte auch die andere Seite der Medaille. So sehr sie den Aufenthalt auf der Insel und bei ihrem Mann genoss, schlug in ihr auch immer noch das Herz für den Pott. Piet wusste das und genoss jede Sekunde, wenn sie bei ihm war, und ließ sie schweren Herzens ziehen, wenn es notwendig war.
Jetzt freuten sich beide auf den Besuch ihrer Freunde Dirk und Karla.
– Bochum; Donnerstag –
„Bitte, Dirk, sei nicht böse, dass ich noch nicht da bin, aber es ist was Schreckliches passiert …“ Karla spulte die Ereignisse ab und Dirk wurde kreideweiß:
„Sag, dass das nicht wahr ist?“
Karla wartete mit Lisa vor dem abgeschlossenen Endoskopiebereich der Inneren Medizin und hoffte, dass Rolf den Eingriff gut überstehen würde. Lisa stand völlig neben sich und Karla hatte versucht, sie zu beruhigen, was ihr nur streckenweise gelang.
„Ich muss mich jetzt um Lisa kümmern. Sobald wir hier mehr wissen, rufe ich dich wieder an. Esst ohne mich. Wir treffen uns zu Hause.“ Schon hatte sie aufgelegt und Dirk starrte auf sein Handy.
„Meine Frau, so kennt man sie. Aber wie immer hat sie eine handfeste Entschuldigung. Eigentlich ist mir jetzt gar nicht mehr nach Essen.“ Seine Freunde und auch Sebo redeten auf ihn ein:
„Beruhige dich. Du musst was essen. Was willst du jetzt allein zu Hause? Karla ist nicht dort, sondern in der Klinik. Alles wird gut!“ Dirk ließ sich überreden und studierte die Speisekarte.
Auf dem Flur tat sich was. Karla sprang sofort auf und spähte durch die kurzfristig geöffnete Tür. Sie sah, dass Rolf wahrscheinlich in den Aufwachraum gefahren wurde. Lisa klebte an ihr, indem sie ihren Arm fest umklammerte. Beide standen mit angsterfüllten Augen im Flur und hofften auf Auskunft.
Professor Canbay kam sofort auf die Frauen zu und erklärte geduldig, was sie wissen wollten und mussten:
„Sie sind die Partnerin und Sie die Kollegin, Karla Lang?“ Beide nickten gleichzeitig.
„Ich musste eine minimalinvasive Akutoperation durchführen. Ein Gallenstein hatte sich im Gallengang festgesetzt. Dadurch wurde dieser verstopft. Es entstand ein Rückstau und die Gallenflüssigkeit konnte nicht mehr abfließen und verursachte diese fürchterlichen Koliken. Ich habe eine Spiegelung des Gallengangs, eine sogenannte ERCP, vorgenommen. Dazu führte ich ein Endoskop über die Speiseröhre, über den Magen, Zwölffingerdarm, bis zum Gallengang ein. Die Papille öffnete ich mit einem kleinen Schnitt, sodass ich den Stein mittels eines Ballons nach oben über die Speiseröhre heben konnte. Zur Sicherheit habe ich noch einen Stent eingesetzt, damit die Gallenflüssigkeit gut abfließen kann. In der Regel wird dieser in vierzehn Tagen wieder entfernt und dann kann entschieden werden, ob eine Gallenoperation folgen sollte oder nicht. Herr Sahner bekommt wegen der Gefahr einer Sepsis und einer möglichen Entzündung der Bauchspeicheldrüse ein Antibiotikum. Vorsichtshalber werden wir ihn ein, zwei Tage stationär beobachten. Wenn alles gut verläuft, kann er nach Hause, muss sich aber schonen.“
Beide Frauen rangen nach Luft und starrten Professor Canbay an. Lisa flüsterte:
„Aber jetzt ist doch alles überstanden und keine Gefahr mehr? Oder?“
Der Professor strich der ängstlichen Lisa, die anscheinend vor Aufregung nicht richtig zugehört hatte, über den Arm: „Keine Sorge, wir haben alles getan, was in unserer Macht steht. Dank der wachsamen Kommissarin Lang, die blitzschnell gehandelt hat, war Ihr Partner früh genug hier. Jetzt beruhigen Sie sich erst mal und gehen zur Station eins. Dorthin wird Herr Sahner gebracht, wenn er aufwacht und seine Werte stabil sind.“ Karla und Lisa bedankten sich und liefen über den langen Flur zum Aufzug. Im Warteraum der Station eins holten sie sich einen Kaffee, atmeten tief durch und versuchten, das Gehörte zu verarbeiten.
Karla zog ihr Handy aus der Tasche. ‚Oh, mehrere Anrufe in Abwesenheit!‘
Als Erstes rief sie Karin Bock zurück.
„Karla, es gab einen Unfall auf der Kämpenstraße. Christa Sitzler wurde gerade von Anton Weiß informiert.
Es sieht nach Fremdverschulden mit Fahrerflucht aus. Er hat sich gerade mit PHK Schwachmer auseinandergesetzt, der die Ermittlungen mehr stört, als er hilfreich ist. Ich krieg noch die Krise! Das wird ja wieder nett werden …“
„Bleib ruhig, Karin. Wir kennen ihn doch. Ist doch nicht unser erstes Scharmützelchen mit ihm. Nehmt Elke mit.“
„Klar, sie kommt mit den Kolleginnen und Kollegen von der Spurensicherung und der Technik der Verkehrsabteilung schon klar. Dr. Breming ist auch auf dem Weg.“
„Sehr gut! Haltet mich auf dem Laufenden!“
Karla beendete das Gespräch, wurde jedoch zunehmend nervös und schaute Lisa an, die ihre kalten Hände an der Kaffeetasse wärmte.
„Einsatz?“ Karla nickte. „Fahr los, ich schaffe das ab jetzt schon allein. Rolf ist hier in den besten Händen. Danke für deine Unterstützung. Wenn ich Fragen habe, wende ich mich an das Pflegepersonal.“
„Meinst du wirklich?“ Karla strich ihr über die langen Haare. „Melde dich, wenn du mich brauchst. Okay?“
Lisa schob den Reisetrolley etwas zur Seite, in den sie für Rolf ein paar Sachen zusammengepackt hatte, nickte und drückte Karlas Hand. Karla gab Lisa einen Kuss auf die Stirn, schnappte sich ihre Tasche, winkte dem Pflegepersonal an der Empfangstheke zu und verschwand im Aufzug.
Mit dem Handy erneut am Ohr, eilte sie durch die Drehtür am Eingangsbereich, um sich ein Taxi zu rufen. Ihr Auto stand ja noch am Präsidium.
In der Wartezeit rief sie Karin erneut an: „Ich habe mir ein Taxi genommen und komme so schnell wie möglich. Vor meinem Eintreffen wird nichts veranlasst. Teilt das dem Schwachmer mit.“
„Alles klar, Chefin!“
Da Karla Rolfs Vertretung war, lag die Entscheidungskompetenz nun bei ihr. Damit hatte sie Übung und es stellte kein Problem für sie und auch nicht für die anderen dar. Sie war nicht nur in ihrem Dezernat angesehen und beliebt, sondern auch darüber hinaus.
Das Taxi fuhr vor. Karla stieg ein, gab kurz Anweisung, wohin der Fahrer sie bringen sollte, und telefonierte mit Dirk: „Wir haben einen Unfalltoten. Ich fahre jetzt zum Unfallort. Wahrscheinlich Fremdverschulden mit Fahrerflucht. Bist du noch bei Sebo?“
Dirk bejahte dies mit vollem Mund und brachte nur einen undefinierbaren Laut hervor.
„Lass es dir schmecken, mein Schatz! Bis später. Ich melde mich!“
Karlas Ehemann starrte wieder mit großen Augen auf sein Handy. Seine Freunde schauten ihn sprachlos an. Sebo klopfte ihm auf die Schulter: „Genieß das Essen. Karla macht das bisschen schon!“ Dirk nickte und schob den nächsten Bissen nach.
– Föhr; Donnerstag –
So gut, wie im Augenblick, war es Ocke Hansen noch nie gegangen. Zufrieden lächelte er vor sich hin und schaute auf seine Leinwand. Er malte an einem Bild, das an ein Werk des Künstlers Otto Heinrich Engel erinnerte. Das Original hieß die Friesische Braut von 1904 und hing im Museum Kunst der Westküste, welches er oft aufsuchte, um sich von der friesischen Kunst inspirieren zu lassen. Es war keine Fälschung, auch keine Kopie, sondern eher eine Hommage an diesen friesischen Maler. In seinem neuen Atelier fühlte sich Ocke sauwohl. Es lag lichtdurchflutet im Nordseekurpark an der Gmelinstraße in Wyk und diente ihm auch als Zuhause. Das restaurierte Holzhaus verfügte über mehrere Zimmer und eine breite Fensterfront. Über eine Steintreppe gelangte man direkt in sein Atelier. Die Galerie hatte ihm das Haus zur Verfügung gestellt und er war glücklich und zufrieden. Der Park hatte eine lange Historie. Ein einzigartiges Kulturdenkmal, das saniert und revitalisiert wurde und auch noch wird, damit das historische Erbe bewahrt bleibt. Von Gästen und Insulanern wird es gern besucht. Am 21. Dezember 2020 wurde ein Kooperationsvertrag zwischen der Stadt Wyk und dem Verein Nordsee-Kurpark e.V unterzeichnet. Durch Spenden und Aktionen konnten die Häuser restauriert, der Park renaturiert und neues Leben eingehaucht werden. Einige Häuser im Park waren noch nicht bewohnt. Ocke hatte das Glück, eines davon bekommen zu haben. Es war freistehend, ohne direkte Nachbarn, umgeben von Natur und das Meer in unmittelbarer Nähe. Es war eine Freude, hier zu leben und zu arbeiten. Die Freiheit, die er innerlich spürte, spiegelte sich in seiner Kunst wider.
‚Soll noch einmal jemand etwas über arme, brotlose Künstler erzählen. Ich spüre davon nichts.‘
Ocke wurde von der neuen Galeriekette, ARTStern vertreten, die es auch im Ruhrgebiet gab. Auf der Insel Föhr war sie in Nieblum am Alkersumer Stieg, in der Nähe der Kirche St. Johannis, in Bochum-Langendreer in der Alte-Bahnhof-Straße und in Witten Herbede in der Meesmannstraße zu finden. Die Schwestern Gerhild Sauer und Gudrun Schallmeier leiteten mit ihren Ehemännern Erich Sauer und Karl Schallmeier diese Galerien. Dazu gehörte ein umfänglicher Stab von Mitarbeitern, die auch die Ausstellungen und Kunstmessen koordinierten. Diese Galerien vertraten eine Vielzahl von Künstlerinnen und Künstlern. Für diese Galerien malte Ocke Auftragsarbeiten. Aber auch zeitgenössische Kunst nach seinen eigenen Vorstellungen war gefragt. Von Ockes Arbeiten fertigten die Galerien Kunstdrucke auf Papier oder Leinwand an, rahmten sie sowohl in einfachen als auch opulenten Rahmen. Es war interessant, welchen Absatz auch die traditionelle Kunst des Nordens fand. In Nieblum standen die Menschen Schlange und auch im Ruhrpott war die friesische Kunst beliebt. Umgekehrt malte er genauso die Industriekultur des Ruhrgebiets, was ebenfalls auf der Insel und im Ruhrgebiet gut lief. Es war ja letztendlich seine Heimat und die wollte er nicht ganz vergessen.
Es lag vermutlich daran, dass viele Menschen aus dem Ruhrpott auf der Insel Urlaub machten und zu Hause gern Kunst der Insel in ihren Wohnungen platzierten, um sich an die Friesische Karibik zu erinnern. Auch diese Kundschaft nahm gern mal einen Druck oder ein Original der Industriekultur mit.
Seine Originale hatten allerdings ihren Preis, den die Galeristen festlegten. Dennoch fanden sie einen großen Absatz. An den Verkäufen wurde er zu fünfzig Prozent beteiligt. Durch die Vielzahl der Verkäufe hatte er schon beachtliche Einnahmen erzielt. Gut, er musste davon noch Steuern zahlen. Dennoch lohnte sich der enorme Aufwand.
Ocke lächelte zufrieden und strahlte Afke Johannsen an. Die zartgliedrige junge, hübsche Frau stand mit ihren jugendlichen 22 Jahren in voller Blüte. Sie saß ihm Modell. Ihre Mutter hatte sie als friesische Braut in der traditionellen Tracht für diese Sitzung hergerichtet. Sie sah zauberhaft aus. Ihre langen Haare waren zu einem Zopf geflochten. Darauf war die friesische Kopfbedeckung befestigt. Afke arbeitete, wenn sie nicht Modell saß, in der Rezeption im Hotel Upstalsboom Wyk auf Föhr.
In dieser traditionellen friesischen Tracht, mit Schmuck und Schürze, die Ocke sich auch im Dr.-Carl-Häberlin-Friesen-Museum angesehen hatte, saß sie völlig entspannt in dem Sessel und schaute ihn mit ihren klaren blauen Augen an, die wie Sterne leuchteten. Sie hielt eine Rose in der Hand entsprechend dem Bild von Otto Heinrich Engel. Obwohl sie nicht das erste Mal für ihn Modell saß, war Ocke sehr aufgeregt und von ihr hingerissen.
Im Friesenmuseum hatte er sich mit der Tradition der Insel, unter anderem mit alten Gemälden, die zum Beispiel Männer beim Walfang zeigten, mit der friesischen Sprache Fering, den Bräuchen, Trachten und Fauna beschäftigt. Das alles interessierte und inspirierte ihn.
Er mischte seine Ölfarben und tastete sich so langsam an die Konturen seiner Arbeit. Nicht umsonst waren seine Galeristen von ihm so begeistert. Ocke war Autodidakt. Das große Talent zu malen hatte er von seiner Mutter geerbt, die ihn von Kindertagen an und später künstlerisch förderte. Sie hatte Kunst studiert und war international eine begehrte Künstlerin gewesen. Leider gewesen. Ganz plötzlich war sie aus dem Leben gerissen worden. Bei einem Autounfall vor einem Jahr in Nizza kamen seine Eltern zu Tode, gerade nach einer für ihn sehr erfolgreichen Vernissage. Das war für Ocke der schlimmste Augenblick seines Lebens. Aber er hatte sich vorgenommen, nicht aufzugeben, ihr Erbe fortzusetzen und ein erfolgreicher Künstler zu werden, obwohl ihm dazu das klassische Studium fehlte. Dennoch brachte er alles, was von ihm erwartet wurde und was er malen wollte, auf die Leinwand. Denn er beherrschte zahlreiche Techniken der Malerei. Er wusste, dass seine Mutter auf ihn stolz sein würde, wenn sie ihn in diesem Augenblick sehen könnte. Schließlich war sie ihm die beste Lehrmeisterin gewesen, die er sich hatte vorstellen können.
– Witten; Donnerstag –
Karla drückte dem Taxifahrer das Geld in die Hand, stieg aus und warf die Autotür hinter sich zu:
„So, was ist hier passiert? Herr Schwachmer, bitte sind Sie so freundlich und berichten mir, was Sie schon rausgefunden haben.“
Karl Schwachmer stotterte, strich sich durch seine Haare, in denen mittlerweile auch schon der Schlamm klebte, und über seine nasse Hose.
„Oh, du meine Güte, Herr Schwachmer. Was ist passiert?“ Der Kommissar berichtete kurz von seinem Dilemma. „Sie sollten sofort nach Hause fahren, bevor Sie sich noch erkälten. Ich übernehme jetzt hier. Herr Weiß kann mir sicherlich genauso gut weiterhelfen.“
Das ließ sich Schwachmer nicht zweimal sagen: „Wenn Sie meinen, Frau Kollegin, dann fahre ich jetzt.“
„Auf jeden Fall. Kranke Kollegen können wir uns im PP nicht leisten, nicht wahr?“ Karla sah in die Runde und keiner widersprach ihr.
Karl Schwachmer stürzte zu seinem Auto, riss die Wagentür auf, fläzte sich auf seinen Sitz, startete und gab Gas. Alle schauten sich erleichtert an, schüttelten den Kopf und grinsten.
Karla wandte sich an die Umherstehenden:
„Jetzt aber mal zackig. Infos an die Sonne!“
Anton Weiß übernahm sofort und teilte Karla Lang mit, dass er Fremdverschulden vermutete. Er zeigte ihr die Beulen und argwöhnte durch den Aufprallwinkel, dass der Fahrer abgedrängt worden sein könnte. Lackspuren an dem großen Stein und am Fahrzeug deuteten ebenfalls darauf hin. Die roten und silbernen Farbspuren untermauerten diese These ebenfalls. Auch die Reifenspuren, die sich neben und hinter dem Corsa befanden, könnten ein Indiz für ein Abdrängen des Fahrzeugs sein. Karla zeigte auf die Schuhabdruckspuren: „Gesichert?“ Anton Weiß nickte und sie inspizierten gemeinsam die Fundstücke, die auf dem Rücksitz lagen. POK Weiß erklärte ihr, dass die Spurensicherung ihre Aufgabe bereits erledigt habe. Karla gab die Fundstücke zum Einpacken frei. „Was hatte der Mann bloß vor mit dem Kunstdruck und den Rosen?“ „Die Geschenke waren wohl für seine Frau Renate zum Hochzeitstag gedacht“, gab Anton Weiß an Karla preis, der die beigefügte Karte gelesen hatte. „Die Personenabfrage hatte ergeben, dass es sich um einen Reiner Rees handelt, der in Durchholz, Durchholzer Straße, in der Nähe der ehemaligen kleinen Kirche wohnt. Handy und Papiere haben die Kollegen der KTU schon eingetütet.“
Karla wollte wissen, ob ersichtlich sei, wo er das Kunstwerk gekauft hatte. Anton Weiß konnte ihr mitteilen, dass der Aufkleber auf dem Bilderrahmen wohl darauf hindeutete, dass es aus der Galerie ARTStern stammte. Er wusste, dass es sich um eine Galeriekette handelte, die auch eine Filiale in der Meesmannstraße in Witten Herbede und in Bochum Langendreer betrieb.
In diesem Augenblick traf auch der Rechtsmediziner Dr. Breming ein, begab sich zu den beiden und nahm sofort die Leiche in Augenschein. Die Notärztin, die noch auf den Kollegen gewartet hatte, erstattete ihm Bericht und erklärte, dass das Unfallopfer schon tot war und jegliche Hilfe zu spät kam.
Der Rechtsmediziner beugte sich über das Opfer und hob vorsichtig den Kopf an. Er hatte eine blutende Verletzung an der linken Schläfe.
„Der Aufprall war wohl heftig. Vermutlich ist er mit dem Kopf gegen die Seitenscheibe geprallt. Das ist durch den Aufprall seines Fahrzeuges auf den Stein möglich. Danach fiel er in den Airbag. Es ist die Frage, ob das Opfer versucht hat, seinen Kopf zu drehen oder ob jemand nachgeholfen hat. Dennoch vermute ich, dass der Aufprall nicht zum Tod geführt hat. Da ist noch mehr passiert, aber ich halte mich erst mal mit meiner Einschätzung zurück. Er ist ungefähr zwei Stunden tot. Das erkenne ich an der Ausprägung der Leichenstarre. Ich muss den Toten noch genau untersuchen. Dann weiß ich mehr.“
Karin Bock, Frank Lotter und Elke de Haak, die quirlige Niederländerin, waren ebenfalls vor Ort. Karin hatte schon fleißig fotografiert. Frank und Elke begleiteten die Kolleginnen und Kollegen der Spurensicherung, um nach weiteren brauchbaren Spuren Ausschau zu halten.
Frank und Karin wandten sich noch mal an den Zeugen, der auch nicht mehr zur Aufklärung beitragen konnte. Er hatte vorbildlich gehandelt und sofort Hilfe gerufen. Alle Autotüren standen bereits offen, als er das Opfer gefunden hatte. Niemandem war klar, warum das der Fall war, zumal nicht zu erkennen war, dass etwas aus dem Wagen entwendet wurde. Sogar das Hochzeitsgeschenk und die Papiere waren vollständig vorhanden.
Inzwischen stieg auch Christa Sitzler, die noch in der Dienststelle beschäftigt war, aus ihrem Wagen. Sie hatte aus den früheren Tatortbegehungen in High Heels gelernt und trug zu diesem Zweck nun festes Schuhwerk. Karla gab ihr ebenfalls einen kurzen Bericht ab. Das Beerdigungsunternehmen fuhr vor und Christa Sitzler und Dr. Breming gaben nach einem ausführlichen Austausch die Genehmigung zum Abtransport zur Gerichtsmedizin nach Essen.
Alle Ermittlerinnen und Ermittler ließen den Unfallort noch einmal auf sich wirken, bis sie dem Abschleppdienst die Erlaubnis zum Abtransport des Fahrzeugs gaben, das zur weiteren Untersuchung in die KTU gebracht wurde.
„Okay, ich fahre mit Elke zu Renate Rees, um ihr die traurige Nachricht zu überbringen.“ Dann bedeutete Karla Lotter und Karin, die sich die Galerie genauer anschauen sollten.
Christa Sitzler mischte sich ein: „Ich werde Siegfried Westermann bitten, in der Presse eine Zeugensuche zu veröffentlichen. Vielleicht meldet sich noch jemand und wir erfahren mehr.“
– Witten; Donnerstag –
Ihr Handy meldete sich mit dem Klingelton der Kultserie Miss Marple.
Es war Inge: „Na Karla, wie läuft es? Freust du dich genauso auf uns, wie wir auf euch?“
„Sicher, liebe Inge, aber ich weiß noch nicht, ob wir wirklich pünktlich kommen können. Hier ist einiges passiert.“ Im Telegrammstil brachte sie Inge auf den neuesten Stand.
„Nein, das kann nicht wahr sein. Halt mich auf dem Laufenden. Ich drücke die Daumen, dass ihr planmäßig am Sonntag anreisen könnt.“ Kaum hatte sie Inge weggedrückt, rief Lisa an und berichtete ihr, dass Rolf jetzt auf seinem Zimmer sei und es ihm so weit ganz gut ginge. „Das freut mich sehr, meine Liebe. Bestell Rolf liebe Grüße. Er soll sich auf jeden Fall schonen.“
„Er hat nach dir gefragt und ich habe ihm dummerweise erzählt, dass du zu einem Unfallort gerufen wurdest. Somit ist er natürlich neugierig und will wissen, was los ist. Er will dich jetzt sprechen.“
„Nein, sag ihm, dass wir alles im Griff haben. Er soll sich entspannen und sonst nichts. Ich melde mich auf jeden Fall später bei ihm.“
Sie beendete schnell das Gespräch und wandte sich an Elke.
