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Blutegel - kleine Sauger mit großer Wirkung. Schmerzen im Knie, Venenbeschwerden oder Tennisellenbogen? Bei welchen Indikationen können Sie Blutegel erfolgreich in Ihrer Praxis einsetzen? In diesem Buch erfahren Sie alles Wichtige über die biologischen Grundlagen der Blutegel und die Anwendungsmöglichkeiten dieses Therapieverfahrens. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Indikationen, die bereits durch wissenschaftliche Studien belegt sind. Hinweise auf Kontraindikationen und unerwünschte Wirkungen zeigen Ihnen die Grenzen des Verfahrens auf. Hinweise zur Abrechnung und zu rechtlichen Aspekten sowie Checklisten und Patienteninformationen runden dieses praxisorientierte Werk ab. Das einzige Fachbuch zum Thema - auf wissenschaftlicher Basis und sehr praxisnah
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Seitenzahl: 257
Veröffentlichungsjahr: 2012
Herausgegeben von
Andreas Michalsen und
Manfred Roth
Blutegeltherapie
Unter Mitarbeit von M. Aurich M. Blessmann P. Flecken J. Graf U. Groß R. Schmelzle U. Storck E. Wittke-Michalsen
3., unveränderte Auflage 52 Abbildungen
Karl F. Haug Verlag · Stuttgart
Als ich vor nunmehr zehn Jahren zum ersten Mal in einer Klinik arbeitete, in der die Blutegeltherapie bereits seit Langem zur Behandlung der schmerzhaften Kniegelenksarthrose eingesetzt wurde, war ich skeptisch. Nachdem ich zuvor zwölf Jahre lang meine internistische Ausbildung an der Universitätsklinik in Freiburg absolviert hatte und zwei Jahre in den USA in der Grundlagenforschung gearbeitet hatte, konnte ich meinen früheren Kollegen gegenüber nicht allen Ernstes vertreten, Anhänger der Blutegeltherapie bei Kniegelenksarthrose zu sein, zumal es sich um ein Verfahren handelte, über das keine einzige Studie bei dieser Indikation vorlag.
Also versuchte ich, diese Therapieoption zunächst eher zu ignorieren. Auffallend war jedoch, dass die Patienten, bei denen die Arthrose in der Regel nur eine Nebendiagnose darstellte, regelmäßig von sich aus, ohne dass man sie danach gefragt hatte, über eine eindrucksvolle Linderung ihrer Schmerzen berichteten. Durch die Blutegeltherapie reduzierte sich die Schmerzintensität offensichtlich erheblich, oder die Schmerzen verschwanden vollständig. Die Patienten konnten danach wieder problemlos Treppen steigen, oder eine vorher starke Kniegelenksschwellung war nicht mehr nachweisbar.
Aus diesem Dilemma heraus entschied ich mich, nachdem ich selbst Leiter der Modellklinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an dem Akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Duisburg-Essen, den Kliniken Essen-Mitte, geworden war, dafür, die Blutegeltherapie in unser Therapiespektrum aufzunehmen und systematisch zu untersuchen. Prof. Dr. Andreas Michalsen, ehemaliger leitender Oberarzt unserer Klinik, und Frau Ellen Wittke-Michalsen in ihrer Praxis setzten mit großer Sorgfalt, Begeisterung und wissenschaftlicher Neugier das therapeutische „Wundertierchen“ ein. Durch die Verbindung mit der langjährigen biologischen Expertise von Dr. Manfred Roth und dem therapeutischen Erfahrungsschatz von Dr. Ulrich Storck und Petra Flecken entstand ein dynamisches medizinisches Gebiet.
Die Notwendigkeit für das vorliegende Buch entstand aufgrund der auch im Rahmen der wissenschaftlichen und medialen Veröffentlichung unserer Studienergebnisse wachsend großen Nachfrage und des großen Interesses von Therapeuten und Patienten in Deutschland.
Zuvor bereits war international die Renaissance der Blutegeltherapie durch die eindrucksvollen Behandlungserfolge im Indikationsgebiet der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie eingeleitet worden. Im Bereich der Naturheilkunde stand die Behandlung von symptomatischen Arthrosen und lokalen Schmerzsyndromen im Vordergrund. In den vergangenen Jahren wurden allein an der Essener Klinik weit über 1500 Blutegeltherapien in diesem Indikationsgebiet durchgeführt. Dabei ist es in keinem Fall zu einer schweren Komplikation gekommen. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Juckreiz an der Bissstelle, der nach einigen Tagen wieder verschwand, oder eine verlängerte lokale Nachblutung. Wie Sie auch im vorliegenden Werk lesen werden, sind in jedem Fall die entsprechenden Kontraindikationen z. B. bei Gerinnungsstörungen oder medikamentöser Antikoagulation sowie bei immunsupprimierten Patienten zu beachten.
Insgesamt erscheint mir die Blutegeltherapie als ein gutes Beispiel für den Ansatz der sich neu entwickelnden Integrativen Medizin, die neben der konventionell bewährten Medizin auch die Naturheilkunde und Komplementärmedizin sowie die Mind-Body-Medicine mitberücksichtigt. Der Begriff Integrative Medizin versteht sich metaphorisch, wir übersetzen ihn mit „Mehrsprachigkeit“. Der integrativ arbeitende Therapeut bedient sich in sinnvollem Zusammenspiel verschiedener medizinischer Verfahren der konventionell bewährten Medizin (der Begriff „Schulmedizin“ wird bewusst nicht gewählt, da er ursprünglich diskriminierend verstanden wurde), der angewandten Naturheilkunde und der Mind-Body-Medicine. Zugleich bezieht er aktive, verhaltensbezogene Verfahren zur Krankheitsbewältigung mit ein. Vorurteilslos geht er auf die individuelle Situation des Patienten ein. Die Entscheidung für die jeweilige Therapieoption trifft er unter Berücksichtigung der entsprechenden wissenschaftlichen Evidenz des entsprechenden Therapieverfahrens (externe Evidenz) und aufgrund der eigenen Erfahrungen (interne Evidenz).
Betrachtet man die Art der Krankheiten im europäischen Sozialraum summarisch, dann hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine recht deutliche Verschiebung gegeben. Akute Infektionserkrankungen haben aufgrund des rasanten medizinischen Fortschritts viel von ihrem Schrecken verloren; die Zahl der durch sie ausgelösten Todesfälle nahm stetig ab.
Chronische Erkrankungen hingegen entwickeln sich zunehmend zu einer neuen Geißel der (westlichen) Menschheit. So ist die überwiegende Mehrheit der über 65-Jährigen chronisch krank, was zu einer Explosion der Gesundheitskosten führt. Allein in Deutschland müssen demnach ca. 80% aller Ausgaben im Gesundheitssystem für chronisch Erkrankte aufgewendet werden. Eine der häufigsten Erkrankungen sind Schmerzsyndrome des Bewegungsapparates und Arthrosen, die häufig zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Lebensqualität führen. Die medizinische Behandlung ist jedoch nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein therapeutisches Problem.
Ein Teil der dauerhaft Kranken spricht nur vermindert auf konventionelle Therapien an. In der Regel wird dann, den jeweiligen Leitlinien und Stufenplänen folgend, auf Medikamente mit anderen, potenteren Wirkmechanismen und häufig auch einem höheren Nebenwirkungsprofil umgestellt. Andererseits führt eine medikamentöse Dauertherapie nur in den seltensten Fällen zu einer kompletten Ausheilung der Krankheit. Neben erhöhten Behandlungskosten und dem Nebenwirkungspotenzial ergibt bei chronisch Kranken darüber hinaus die Polymedikation mit vielfach unklaren Interaktionen weitere Problemkonstellationen.
In nicht wenigen Fällen können durch die langjährige medikamentöse Behandlung schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten, die wiederum eine ambulante oder stationäre Behandlung notwendig erscheinen lassen, eine Fortsetzung der medikamentösen Therapie erschweren oder letztlich sogar zum Tode führen. So versterben z. B. in den USA nach offiziellen (!) Zahlen jährlich über 100 000 Menschen an den Nebenwirkungen von Pharmaka [1] und über 16 000 Menschen davon versterben an den Nebenwirkungen von nichtsteroidalen antientzündlichen Medikamenten, die vorzugsweise zur Schmerztherapie bei Arthrose eingesetzt werden [2]. In dieser Situation sind nun die erweiterten Behandlungsmöglichkeiten von besonderer Bedeutung.
Nachdem seit 1989 am Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Berlin 14 Jahre lang der erste Lehrstuhl für Naturheilkunde mit angeschlossener Klinik bestand, an dem bereits vor Jahren die erste Doktorarbeit über Blutegeltherapie durchgeführt wurde, wurde im Jahre 2002 ein Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Universität Rostock etabliert, der sich schwerpunktmäßig mit den Möglichkeiten naturheilkundlicher Therapien in der Rehabilitation befasst.
Im Jahre 1999 wurde die erste Klinik für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte als Modellvorhaben des Landes Nordrhein-Westfalen ins Leben gerufen. Ziel der Einrichtung, die 54 stationäre Betten, eine Tagesklinik und eine Ambulanz umfasst, ist die Erforschung, Evaluation und Anwendung naturheilkundlicher Behandlungsansätze und deren Integration in die klinische Versorgung. Seit Eröffnung der Einrichtung wurden über 10 000 Patienten stationär, teilstationär und ambulant behandelt, weit über 1500 davon unter anderem mit Blutegeln bei verschiedenen Indikationen. Im Oktober 2004 erfolgte die Einrichtung des bislang einzigen Lehrstuhls Deutschlands für Naturheilkunde mit Schwerpunkt Integrative Medizin an der Universität Duisburg-Essen. Förderung erfuhr er durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Klinik und Lehrstuhl bieten die ideale und modellhafte Möglichkeit, aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse der naturheilkundlichen Forschung integrativ in der klinischen Versorgung umzusetzen.
Die Blutegeltherapie zur Behandlung der schmerzhaften Kniegelenksarthrose ist ein gutes Beispiel für das Paradigma der Integrativen Medizin. Diese in unseren Breiten recht exotisch anmutende Methode ist seit der Antike bekannt. Wissenschaftliche Arbeiten konnten deren positive Wirkung bei der Kniegelenksarthrose bestätigen. Durchschnittlich drei Tage nach einer einmaligen Therapie mit vier bis sechs Blutegeln am Knie stellt sich bei 80% aller Patienten eine Schmerzreduktion um durchschnittlich 60% ein [3]. Die Wirkung ist nachhaltig mit Schmerzlinderung über mindestens drei Monate bei 70% und reduziertem Schmerzmittelbedarf noch nach zehn Monaten bei 45%. Damit übersteigt die Wirkung der Blutegel die Effektivität aller bisher bekannten schmerzlindernden Therapien der Kniegelenksarthrose bei Weitem. Darum sind häufig die Reduktion bzw. das Absetzen einer analgetisch-antiphlogistischen Therapie – und damit eine Reduktion der potenziellen Nebenwirkungen – möglich.
Ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl eines Therapieverfahrens ist neben der wissenschaftlichen Evidenz und den Kosten bei vergleichbarer Wirksamkeit auch die Einstellung des Patienten zu dem Therapieverfahren. Es ist bekannt, dass die Compliance gegenüber potenziell nebenwirkungsreichen Medikamenten bei chronisch Erkrankten gering ist. Interessanterweise ist die Mehrzahl aller mit Blutegeln behandelten Patienten von der Therapie begeistert. Manche entwickeln sogar eine recht persönliche Beziehung zu „ihren Blutegeln“. Als uns die Reviewer eines Forschungsantrages, den wir bei dem Center for Complementary and Alternative Medicine am National Institute of Health in den Vereinigten Staaten gestellt hatten, mitteilten, dass sie sich nicht vorstellen könnten, dass sich Patienten freiwillig einer solchen Therapie unterziehen würden, führten wir eine Befragung bei fast 400 ehemaligen Patienten durch, um den „Ekelfaktor“ zu ermitteln. Es stellte sich heraus, dass weniger als 10% aller Patienten eine initiale Abscheu vor der Therapie empfanden, die in der Regel nach der ersten Behandlung verschwand. Ganz im Gegenteil führten kurze Zeitungsmeldungen über die Therapie jeweils zu Hunderten von Anrufen in unserer Klinik oder auch bei der BBEZ GmbH in Biebertal. Andere, auch internationale Zentren berichten über ähnliche Resonanz.
In der naturheilkundlichen Weiterbildungsordnung gehört die Blutegeltherapie zu den sogenannten ausleitenden Verfahren. Der Begriff „Ausleitung“ stammt aus der Humoralpathologie; er basiert auf der Vorstellung einer fehlerhaften „Säftemischung“ als Ursache der finalen Beschwerden. Unabhängig von dieser an historische Medizinsysteme gebundenen Vorstellung sind heute eindeutige Wirkungshinweise für eine Reihe ausleitender Verfahren festgestellt worden. Neben der Blutegeltherapie seien der Aderlass, das Fasten sowie diuretische und laxierende Therapien genannt.
Die Weiterbildungsordnung nennt schließlich eine dritte Verfahrensgruppe, die als „andere Therapieprinzipien“ bezeichnet wird. Dazu zählen beispielsweise der Ayurveda und die Traditionelle Chinesische Medizin. Im Ayurveda werden Blutegel für verschiedenste Indikationen eingesetzt, im Rahmen der Traditionellen Chinesischen Phytotherapie besitzt die Therapie mit getrockneten Blutegeln eine lange Tradition. Auch heute existiert in China eine Vielzahl von Blutegelfarmen, die allerdings lediglich auf die Produktion getrockneter Blutegel spezialisiert sind. Entsprechend ist nach einer anfänglichen Skepsis das Interesse unserer chinesischen Gastärzte groß, in die Geheimnisse der „westlichen Blutegeltherapie“ eingeführt zu werden, um sie später nach ihrer Rückkehr nach China dort umzusetzen. Auf besonderes Interesse stoßen bei unseren chinesischen Kollegen dabei auch Kombinationen aus klassischen naturheilkundlichen Therapien mit der Blutegeltherapie. Beispielhaft wäre das Fasten als schmerztherapeutische Basistherapie zu nennen, aber auch die Anwendung von lokalen Auflagen oder der Akupunktur. In der Kombination kann dann die Wirkung der Blutegeltherapie intensiviert werden. Insgesamt hat die Blutegeltherapie in den vergangenen Jahren einiges zur Globalisierung der Naturheilkunde beigetragen. Entsprechend wird aktuell auch die Auflage des vorliegenden Werkes in englischer Sprache geplant.
Im Namen der Autoren wünsche ich Ihnen nun interessante Einblicke und anschließende Therapieerfolge.
Essen, im Mai 2006
Prof. Dr. med. Gustav Dobos
Kliniken Essen-Mitte, Modellklinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin
[1]Lazarou J, Pomeranz BH, Corey PN: Incidence of adverse drug reactions in hospitalized patients: a meta-analysis of prospective studies. JAMA. 1998; 279: 1200–5.
[2]Wolfe MM, Lichtenstein DR, Singh G: Gastrointestinal toxicity of nonsteroidal antiinflammatory drugs. N Engl J Med. 1999; 340: 1888-99.
[3]Michalsen A, Klotz S, Lüdtke R, Moebus S, Spahn G, Dobos GJ: Effectiveness of leech therapy in osteoarthritis of the knee: a randomized, controlled trial. Ann Intern Med. 2003; 139: 724–30.
Dipl.-Biol. Michael Aurich BBEZ GmbH – Biebertaler Blutegelzucht Talweg 31 35444 Biebertal
Dr. med. Dr. med. dent. Marco Blessmann Universitäts-Krankenhaus Eppendorf Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie Martinistr. 52 20246 Hamburg
HP Petra Flecken Naturheilpraxis Burg-Mühle Burgstr. 2 63571 Gelnhausen
Jörg Graf, Ph.D. Department of Molecular and Cell Biology University of Connecticut 91 N. Eagleville Road, U-3125 Storrs, CT 06268, USA
Dr. rer. nat. Ulrich Groß Hausbergstr. 25 61231 Bad Nauheim
Prof. Dr. med. Andreas Michalsen Immanuel Krankenhaus Berlin Zentrum für Naturheilkunde Professur für klinische Naturheilkunde der Charité – Universitätsmedizin Berlin Königstr. 63 14109 Berlin
Dr. rer. nat. Manfred Roth BBEZ GmbH – Biebertaler Blutegelzucht Talweg 31 35444 Biebertal
Prof. Dr. Dr. R. Schmelzle Universitäts-Krankenhaus Eppendorf Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie Martinistr. 52 20246 Hamburg
Dr. med. Ulrich Storck Rheumazentrum Mittelhessen
1 Einführung
A. Michalsen, M. Roth
2 Zur Geschichte der Blutegeltherapie
E. Wittke-Michalsen
2.1 Blutegeltherapie in der älteren europäischen Medizin
2.2 Blutegeltherapie in Mittelalter und Neuzeit
2.3 Blutegeltherapie in der Moderne
3 Zur Biologie der Blutegel
M. Roth
3.1 Einführung
3.2 Die biologische Geschichte der Blutegel
3.3 Bau und Funktion
3.4 Die Mundregion und ihre Funktionen
3.5 Haut, Muskeln, Nerven, Sinne
3.6 Verhalten, Lebensraum und Haltung
3.7 Fortpflanzung
3.8 Haltung und Aufzucht von medizinischen Blutegeln bei BBEZ
3.9 Zusammenfassung für die Haltung der Blutegel in der Praxis
4 Zur Praxis der Blutegeltherapie
E. Wittke-Michalsen
4.1 Vorbereitung der Hautstelle
4.2 Applikation
5 Indikationen
P. Flecken, A. Michalsen, U. Storck
5.1 Varicosis/Venenerkrankungen
5.2 Gelenkarthrosen
5.3 Rheumatische Erkrankungen
5.4 Tendovaginitis (v. a. Epicondylitis lateralis) und Tendinose
5.5 Vertebragene Schmerzsyndrome
5.6 Weitere allgemeine Indikationen
6 Das Anwendungsgebiet der Blutegeltherapie bei rheumatologischen Erkrankungen: Erfahrungen aus 35-jähriger Anwendung an einem rheumatologischen Zentrum
U. Storck
6.1 Die Anwendung bei überforderter Haltefunktion eines Muskels
6.2 Entzündungsreaktionen in Bindegewebe/bindegewebigen Zonen und Blutegeltherapie
7 Die Blutegeltherapie in der plastischen Chirurgie
M. Blessmann, R. Schmelzle
7.1 Theorie
7.2 Fallbeispiele
8 Wissenschaftliche Grundlagen der Blutegeltherapie
A. Michalsen
8.1 Wirkmechanismen und ihre klinische Zuordnung
8.2 Wirksamkeitsnachweis nach klinischen Indikationen
8.3 Besonderheiten der klinischen Forschung mit Blutegeln
9 Zur Biochemie der Blutegelsekrete
U. Groß, M. Roth
9.1 Bestandteile der Sekrete des medizinischen Blutegels
9.2 Bestandteile des Sekrets anderer Egel
9.3 Rekombinante Gerinnungshemmer
10 Kontraindikationen
P. Flecken, A. Michalsen
10.1 Hämophilie, medikamentöse Antikoagulation
10.2 Anämie
10.3 Erosive Gastritis und mögliche gastrointestinale Blutung
10.4 Infektionskrankheiten im akuten Stadium
10.5 Schwerwiegende Organerkrankungen und Immunsuppression
10.6 Ausgeprägte allergische Diathese
10.7 Schwangerschaft
10.8 Allgemeine und örtlich begrenzte Wundheilungsstörungen
10.9 Keloidneigung
10.10 Fehlendes Patienteneinverständnis
11 Unerwünschte Wirkungen der Blutegeltherapie
A. Michalsen
11.1 Lokaler Schmerz während der Behandlung
11.2 Lokaler Juckreiz
11.3 Kreislaufdepression und vasovagale Reaktionen
11.4 Blutverlust
11.5 Wundheilungsstörungen, Superinfektion, Allergien
11.6 Sepsis
11.7 Übertragung von Krankheitserregern
11.8 Narbenbildung
12 Die Bakterienflora des medizinischen Blutegels
J. Graf
12.1 Die Darmsymbiose des medizinischen Blutegels
12.2 Aeromonas, Darmsymbiont des Blutegels
12.3 Mikrobiologie des Blutegels
12.4 Antimikrobielle Eigenschaften des Egeldarms
13 Abrechnung
P. Flecken, A. Michalsen
13.1 Die Abrechnung der Blutegelbehandlung in der ärztlichen ambulanten Tätigkeit nach GOÄ
13.2 Die Abrechnung der Blutegelbehandlung in der Heilpraktikerpraxis
14 Rechtliche Aspekte der Blutegeltherapie in der Europäischen Union und in den USA
M. Aurich, J. Graf
14.1 Wie sind Blutegel arzneimittel- und medizinrechtlich eingestuft?
14.2 Welche fachlichen Voraussetzungen benötigt der Therapeut, um eine Blutegelbehandlung durchzuführen?
14.3 Hat der Therapeut ausreichend über potenzielle Risiken/Nebenwirkungen informiert?
14.4 Ist der Patient über die Erscheinungsformen potenzieller Nebenwirkungen informiert?
14.5 Gelten tier- und naturschutzrechtliche Anforderungen?
14.6 Wie ist die Rechtslage für den Verbleib der Egel nach der Behandlung?
Anhang
Checkliste: Materialien für eine Blutegeltherapie
Checkliste: Behandlungsablauf
Ausbildungsmöglichkeiten
Schmerzprotokoll zur Dokumentation des Behandlungserfolges bei Blutegeltherapie
Patienteninformation und Einverständniserklärung
Vorinformationen zur Blutegeltherapie
Behandlungsverlauf Blutegel
Abbildungsnachweis
Indikationsverzeichnis
Stichwortverzeichnis
A. Michalsen, M. Roth
Die Wiederkehr des traditionellen Therapieverfahrens „Behandlung mit Blutegeln“ in die moderne Medizin ist Anlass dieser Monographie. Heute wie damals wird der Blutegeltherapie eine große öffentliche Aufmerksamkeit zuteil. Wie ein Alter Ego begleiten den Blutegel als Protagonisten hierbei sowohl erhebliche Vorurteile als auch manchmal überzogene Erfolgserwartungen, denen er jedoch gelassen gegenüberstehen kann. Die mehr als 2000-jährige Anwendung in den wichtigsten traditionellen Medizinsystemen der Welt (u.a. traditionelle europäische, ayurvedische, chinesische Medizin) lässt zweifellos den Rückschluss auf einen immer wieder zu beobachtenden Behandlungserfolg zu.
Allerdings sind zeitgemäße Überarbeitung und moderne wissenschaftliche Evaluation unabdingbar. „Die Blutegeltherapie gehört zu den ältesten Heilmethoden überhaupt. Mehr als 2000 Jahre hat sie seit den Anfängen der wissenschaftlichen Medizin überdauert. In Milliardenzahlen wurden Blutegel angesetzt, ein außergewöhnliches Massenexperiment, das leider nur mangelhaft dokumentiert wurde.“ [1] Die Zusammenführung des tradierten Erfahrungsschatzes mit jetzt vorliegenden aktuellen Erkenntnissen aus biologischen und klinisch-medizinischen Studien erlaubt nun eine präzise Beschreibung der optimierten Blutegeltherapie in Klinik und Praxis.
Mit unserem Buch „Blutegeltherapie“ sollen in erster Linie die wesentlichen Module für eine erfolgreiche Behandlungspraxis vermittelt werden. Diese umfassen, neben der eigentlichen Behandlungstechnik, vor allem die gute und kritische Indikationsstellung sowie die präzise Kenntnis von Kontraindikationen und Standards zur Minimierung potenzieller unerwünschter Wirkungen. Die eingehende Kenntnis der Biologie des Hirudo medicinalis (resp. Hirudo verbana) und ein einfühlsamer kenntnisreicher Umgang bei der Hälterung und Behandlung sind weitere wesentliche Eckpunkte zur Qualitätssicherung in der Therapie.
Im historischen Kontext wird der Wandel im Indikationsspektrum deutlich, vom Einsatz bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der älteren Medizin zum nunmehr vorrangigen Einsatz bei chronischen Entzündungen und in der Schmerztherapie.
Insgesamt haben Blutegel in den letzten Jahrzehnten erstaunlich viel von dem an Bedeutung für die Medizin aufgeholt, was sie in ca. 200 Jahren verloren hatten. Einem Jahrhundert einer Art von „Vampirismus“ mit regelrechtem Abusus mit allen negativen Folgen und Begleiterscheinungen folgte ein Jahrhundert der Diskriminierung und Vorurteile. Heilsame Eigenschaften des Blutegels sind jedoch heute – allein aufgrund der Kenntnis einiger seiner wirksamen Speichelkomponenten – in einer objektiven wissenschaftlichen Perspektive darstellbar, in der klinischen Medizin zunächst aufgrund spektakulärer Erfolge in der plastischen sowie rekonstruktiven Chirurgie und neuerdings in der Behandlung von chronischen Schmerzsyndromen bei degenerativen Arthrosen.
Am Blutegel scheiden sich jedoch noch immer die Geister. Dies bedeutet zum einen, dass Berichte klinischer Erfolge meist große (willkommene) öffentliche Resonanz erzeugen, aber auch, dass in der öffentlichen Meinung das, was bei einer „sauberen“ Tablette an Ungereimtheiten (Nebenwirkungen, Placebowirkung etc.) durchaus erlaubt und normal ist, beim Egel oft misstrauisch vergrößert wird. Diese Ambivalenz wird verständlich angesichts der „Anonymität“ und „Sterilität“ (auch im übertragenen Sinne) der Mehrzahl der heutigen Heilmittel, der Tabletten, Skalpelle und Injektionsnadeln, in deren Mitte ein Blutegel ähnlich exotisch oder auch deplatziert wirkt wie ein Vogel zwischen Flugzeugen. Von Patienten werden deshalb an den Egel besondere Maßstäbe angelegt. Weil sie das Tier im wahrsten Sinne des Wortes hautnah erleben, ergeben sich viele interessierte, manchmal auch argwöhnische Fragen über seine Wirksamkeiten und Nebenwirkungen. Diesem Wissensbedürfnis muss aus therapeutischen Gründen entsprochen werden können. Die Behandlung mit einem lebenden Tier stellt auch besondere Anforderungen an den Therapeuten. Um diesen Anforderungen sowohl praktisch und theoretisch gerecht werden zu können, wurde dieses Buch für Ärzte, Heilpraktiker und Pflegepersonal, aber auch für Biologen und interessierte Laien konzipiert und von Ärzten, Heilpraktikern und Biologen geschrieben.
Für die erfolgreiche Blutegeltherapie empfehlen wir darüber hinaus die Teilnahme an entsprechenden Seminaren (Ausbildungsmöglichkeiten s. Anhang) mit praktischer Ausbildung. Die Blutegeltherapie ist im Vergleich zu anderen Verfahren der Naturheilkunde und Komplementärmedizin relativ rasch erlernbar. Mögliche Fallstricke sind oft erst in der weiteren Praxis erkennbar. Aufgabe von Seminaren ist aber, darauf hinzuweisen und so zum optimierten Erfolg in Klinik und Praxis beizutragen. Für die zukünftige Perspektive und den Bestand der Blutegeltherapie wird es vorrangig sein, dass die erforderlichen Qualitätsstandards von allen Anwendern umfassend umgesetzt werden. Mit dieser Vorgabe stellt die Blutegeltherapie eine für Praxis und Klinik wertvolle und äußerst effektive Behandlungsmethode für eine vermutlich noch wachsende Anzahl von klinischen Indikationen dar.
[1]Müller IW: Blutegeltherapie zwischen Empirie und Wissenschaft. Erfahrungsheilkunde. 2002; 51 (7): 462 – 471.
E. Wittke-Michalsen
Die Blutegeltherapie gehört zu den ältesten Heilmethoden der überlieferten Medizingeschichte. Die erste eindeutige Schilderung der Blutegeltherapie stammt aus der indischen Medizin. Die mythische Gestalt Dhavantari, der Arzt, der der Welt die traditionelle indische Medizin offenbarte, trug in der einen Hand Nektar, in der anderen hält er einen Blutegel. Die umfangreichste Darstellung der Blutegeltherapie in der indischen Medizin findet sich dann bei Sushruta (zwischen 100–600 v. Chr.). Auch in der traditionellen chinesischen Medizin war die Blutegeltherapie immer prä- sent, jedoch spielte sie, anders als in der indischen Medizin, einestron eher untergeordnete Rolle. In Europa war die Blutegeltherapie seit den Anfängen einer sich als wissenschaftlich verstehenden Medizin von der Antike bis in das 19. Jahrhundert hinein ein unverzichtbarer Bestandteil der ärztlichen Therapie, aber auch immer Bestandteil der Volksmedizin. Überwiegend bedienten sich zunächst empirisch orientierte Praktiker dieses Heilverfahrens. Meist wurde seine Wirksamkeit erst nachträglich im Rahmen der jeweils herrschenden wissenschaftlichen Theorie der jeweiligen medizinischen Schule gedeutet. So blieb die Blutegeltherapie schließlich Bestandteil unterschiedlichster Medizinsysteme im Laufe der Jahrhunderte. Die Basis bildeten jedoch jeweils grundsätzliche Vorstellungen der so genannten Säftelehre (Humoralpathologie). Diese allgemeine Krankheitslehre geht von der Überzeugung aus, dass Krankheitsursachen hauptsächlich in den flüssigen Substanzen, den Säften des Körpers, und deren Ungleichgewicht zu suchen ist. Innerhalb der Humoralpathologie, die die ältere europäische und arabische Medizin bis in das 17. Jahrhundert dominierte, hatte die Blutegeltherapie ihr festes und relativ überschaubares Indikationsgebiet. Grundsätzlich konnte mittels Blutegeltherapie analog zum Aderlass Blutüberschuss bzw. Fülle „ausgeleitet“ werden, daneben waren hauptsächlich akute Infektionen, lokale Entzündungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen Domäne der älteren Blutegeltherapie. Mit dem Niedergang des humoralpathologischen Krankheitsverständnisses kam es dann im 18. und 19. Jahrhundert zu einer Phase der missbräuchlichen Anwendung mit einer nicht mehr rational begründbaren Ausweitung der Indikationen und einer Intensität der Anwendung (sog. Zeitalter des „Vampirismus“), hier v.a. nach der Lehre des französischen Arztes Broussais.
Eine sichere und in Bezug auf das humoralpathologische Medizinsystem genaue Übertragung der historischen Krankheitsbezeichnungen und damals üblichen konstitutionellen Zuordnungen/Indikationen in unsere moderne medizinische Terminologie ist nur eingeschränkt möglich. Prinzipiell sollten Begriffe und konstitutionelle Beschreibungen von Erkrankungen und deren Therapievorstellungen in der Säftelehre eher metaphorisch verstanden werden, ähnlich den Konzepten der heute noch präsenten traditionellen chinesischen und indischen Medizin.
In der antiken griechischen Medizin, die von der indischen Medizin beeinflusst wurde, findet sich eine erste ausführliche Beschreibung der Blutegeltherapie in der von Nicandros von Kolophon (200–130 v. Chr.) verfassten „Alexipharmacia“. Zu wirklicher Bedeutung gelangte die Blutegeltherapie jedoch erst in der Schule der Methodiker. Als primäre Indikationen galten der chronische Kopfschmerz, fieberhafte Allgemeinerkrankungen, Psychosen und Epilepsie, Ohrenerkrankungen, Krankheiten von Leber, Milz und Dickdarm, Ischialgien, Arthritis und Gicht sowie generell Erkrankungen, die durch Symptome wie Härte, Schwere, Starrheit, Spannung, Schwellung, Schmerz und Krämpfe gekennzeichnet sind, d. h. durch einen „Status strictus“ in der damaligen Nomenklatur. Die Blutegeltherapie galt als vorrangiges „entspannendes“ Mittel bei Status strictus.
Die Ärzte der pneumatischen Schule schätzten Blutegel als Heilmittel, um generell „Verderbnis“ und „Überfluss“ des Blutes zu beseitigen. Schlechtes Blut sollte durch gutes, neu gebildetes ersetzt werden. Etwa um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. setzte als Modeerscheinung eine erste Blüte der Blutegeltherapie ein. Eine dem Umfeld des römischen Arztes Galen (129–199 n. Chr.) zugeschriebene überlieferte Schrift zur Blutegeltherapie ordnete diese in die Lehre von den Elementen und Temperamenten ein, deren gesundes Mittelmaß bisweilen der Entleerung überflüssiger Substanzen bedürfe. Plethora (Säftefülle) wurde von Säfteverderbnis unterschieden, quantitative Fülle von qualitativer. Plethorische Veränderungen wurden hierbei durch Blutentziehung, vorzugsweise durch Blutegel und Aderlass behandelt. Für die therapeutische Vorgehensweise spielten Vorstellungen über die Säftebewegung im Körper eine Rolle. Solange diese in Bewegung und auf natürliche Weise ausgeschieden wurden, waren Organe oder Organsysteme nicht in Gefahr, geschädigt zu werden. War aber ein Körperteil direkt erkrankt und das Geschehen chronifiziert, sollte lokal behandelt werden, um Einfluss auf die Wiederherstellung des gesunden Säfteflusses zu nehmen. In diesem Zusammenhang verwendeten die antiken Ärzte Blutegel zur symptomatischen Lokalbehandlung bei fieberhaften und entzündlichen Erkrankungen. In der römischen Medizin wurde die Blutegeltherapie auch in der militärischen Wundversorgung eingesetzt.
In der arabischen Medizin des Mittelalters kam dem Blutegel, neben Aderlass und Schröpfen, eine begrenzte Bedeutung zu. Typisch war die Verwendung bei zahlreichen Hautkrankheiten und Zuständen von so genannter schwarz-galliger (melancholischer) Natur. Hingegen wurden in der bedeutenden Ärzteschule von Salerno Blutegel vielfältig zur Entfernung überflüssiger Säfte eingesetzt. Von Italien aus verbreitete sich die salernitanische Praxis nach und nach über ganz Europa.
Im späten Galenismus des Mittelalters wurde der Blutegel überwiegend ebenso zur sog. Derivation und zur Entleerung von schädlichen Säften aus dem erkrankten Teil selbst eingesetzt. Durch die Entleerung sollte der Egel die innere Kochung (Kochung: vollständige Umwandlung einer Substanz im Körper mit Hilfe der konstitutionellen Wärme eines Organs) der noch zurückbleibenden krankhaften Materie fördern und schließlich damit die heilende Natur unterstützen. Die einfache, systemische Entleerung war indiziert bei allgemeiner Fülle, z. B. bei Fieber, und konnte einen Aderlass ersetzen. Der bedeutendste spätgalenische Vertreter der Blutegeltherapie war Abraham Zacuto (1575–1642), der das Spektrum der Indikationen ausweitete und mit seiner Sammlung von Kasuistiken den empirischen Grundstock für viele Ärzte der folgenden Zeit legte.
Im 17. Jahrhundert bekam die galenistische Humoralmedizin Konkurrenz von neuen medizinischen Strömungen, die aus unterschiedlichen theoretischen Vorstellungen auch zu anderen Beurteilungen der ausleitenden Verfahren gelangte. So war unter den Iatrochemikern die Tendenz zu beobachten, Blutentziehungen abzulehnen. Jede Blutentziehung könne das Leben verkürzen und das Blut sei gemäß der Heiligen Schrift Sitz der Seele und der Lebenskraft. Durch die Auffassung, Krankheit entstehe dadurch, das dem Archeus, dem tätigen Prinzip des Organismus, dem Mittler zwischen Seele, eine Ideo morbos aufgeprägt werde, könne diese krankhafte ursächliche Idee auch nicht durch Blutentziehung beseitigt werden. Die Mehrzahl der Iatrochemiker führte ihre Praxis der ausleitenden Verfahren mit mäßigen Einschränkungen jedoch trotzdem fort.
Die Iatrophysiker werteten die Blutegeltherapie ebenfalls unterschiedlich. Sie standen unter dem Eindruck des neu entdeckten Blutkreislaufes, praktisch blieben die Blutegel unverzichtbar. Die Wirkungen der Blutentziehungen wurden nun mehr mechanistisch mit Druck-, Widerstands- und Geschwindigkeitsveränderungen der Blutströmung beim Aderlass und einer zeitweisen Umverteilung des Blutes im Körper, mit Wirkung auf die Gefäße, das Herz und die Blutbeschaffenheit erklärt.
Im 18. Jahrhundert war eine Synthese von Iatromechanik und Galenismus vorherrschend. Danach bestand Blut aus einer labilen Mischung unterschiedlicher Substanzen und neigte darum zur Verderbnis. Wichtig war vor allem die ständige Bewegung des Blutes, damit dieses nicht verdicke. Plethora wurde wiederum als die wichtigste Krankheitsursache angesehen. Sie entstand durch eine gestörte Bilanz von Nahrungszufuhr und Blutverbrauch. Fasten und körperliche Arbeit dienten der Wiederherstellung dieser Bilanz, ließen sich aber praktisch oft nicht im erforderlichen Maße um- bzw. durchsetzen. So blieb das Nachahmen spontaner Blutungen, die die Natur auch von sich aus als Hilfsmittel anstrebe, ein primäres Heilmittel. Die Blutegeltherapie aber vermeide die starke Schwächung, wie sie beim Aderlass und blutigem Schröpfen auftreten könne. Beim so genanntem sanguinischem Temperament (Blutfülle) und schwammigen, fleischigen Personen entleere ein Aderlass zu wenig, weil das Blut größtenteils im kapillären Bereich gestaut sei. Wenn sich die Blutfülle, wie bei Cholerikern, hauptsächlich in den großen Gefäßen befand, galt das Schröpfen als nicht ausreichend und der Blutegeleinsatz als wirkungsvoller. Ein spezieller Nutzen der Blutegeltherapie bestand auch darin, dass die Blutegel an Stellen gesetzt werden konnten, die dem Schröpfkopf nicht zugänglich waren, wie z. B. an der Stirnvene, der Jugularvene, Gefäßen hinter den Ohren, Schläfenarterien oder Hämorrhoidalvenen. Bei Schwellungen, Krämpfen und Schmerzen im Unterleib und insbesondere bei Rheuma, Arthritis, Ischias, Nephritis, Gicht und Krampfadern galten Egel als spezifisches und zuverlässiges Heilmittel.
Der berühmte Iatromechaniker F. Hoffmann (1660–1742) gebrauchte Egel bei einer Vielzahl akuter Krankheitserscheinungen ebenso wie zur Prävention. Die Vorstellung von Phletora als wesentlicher Krankheitsursache mit Blutverdickung und der daraus resultierenden Verderbnis der Säfte sowie unterschiedlichen Stauungsmöglichkeiten in Organen erlaubte, Egel auch bei akuten Geisteskrankheiten, Melancholie, Krämpfen, Pleuritis, Asthma oder Hautkrankheiten als wirksam anzusehen und einzusetzen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewann die Blutegeltherapie nun überragende Bedeutung in der Medizin. In England war man aufgrund des hohen Verbrauches ab 1810 schon auf importierte Blutegel angewiesen. So wurde der Verbreitung der Blutegeltherapie eine ökonomische Grenze gesetzt. In Frankreich, wo sie noch häufiger in der Natur vorkamen, begann ein Blutegelboom, der bald ganz Europa erfasste. Die Blutegel wurden nun dem Aderlass in fast jedem Behandlungsfall vorgezogen. Das bloße Ansetzen wurde zu einem eigenständigen Beruf. „An die Spitze dieser Bewegung setzte sich F. J. V. Broussais (1772–1832) mit seinem neuen Entwurf einer „physiologischen Medizin“. Broussais führte fast sämtliche Krankheitserscheinungen auf Entzündungen zurück, wobei er den Veränderungen im Kapillarsystem der Gewebe eine besondere Rolle zuerkennt.“ [4] Da die Lokalisation von Entzündungen hauptsächlich im Bereich der Kapillaren zu suchen ist und Blutegel vorwiegend aus den Kapillaren Blut entleeren, wurde er therapeutisch universell appliziert, insbesondere aber bei abdominellen Erkrankungen. Broussais kombinierte ältere Grundanschauungen mit damals neueren Theorien von Reiz und Erregung in Anlehnung an Brown (1735–1788). Alle Krankheiten wurden als ein Übermaß oder ein Mangel von Reiz und Erregung betrachtet, als Sthenie oder Asthenie. Blutentziehungen waren dann angebracht, wenn die Lebensenergie stark vermehrt war oder zuviel blutbildende Nahrung genossen wurde. Blutüberfluss bedeutete eine übermäßige Stärke oder Reizbarkeit, die sich in Fieber, Entzündungen, Kongestion, Spasmen und Schmerzen äußerte. Der Blutüberschuss konnte auch indirekt Schwächung herbeiführen, indem er Bewegungen verhinderte, unter anderem bei Apoplexie, Asthma, psychischen Krankheiten. Letztlich boten sich so je nach Betrachtungsweise nahezu alle Krankheiten als Indikation an.
Die exzessive Verwendung der Blutegel in der Ära Broussais ging bald so weit, dass sie von einzelnen zeitgenössischen Kritikern als „Vampirismus“ bezeichnet wurde (s. ▶Abb. 2.1).
▶Abb. 2.1 „Noch einmal 90 Blutegel!“ Karikatur Anfang des 19. Jahrhunderts.
Bis zu 100 Egel wurden für eine Behandlung eingesetzt, insgesamt wurden jährlich mehrere Millionen Blutegel insbesondere in Frankreich, England und Deutschland verbraucht. Anschaulich wird dieser „Broussaisismus“, wie die Blutegeltherapie zeitweise auch genannt wurde, durch die „robes à la Broussais“, einem dem „Paisley“-Muster verwandten Textildesign mit Blutegelmuster, das „auf den Kleidern der Damen der Gesellschaft zu finden“ [1] war. Bald waren die französischen Bestände an Blutegeln erschöpft, zumal auch die Lebensräume der Egel durch Landwirtschaft und Industrialisierung immer mehr zurückgedrängt wurden. Blutegel mussten zunehmend importiert werden. Bis 1828 waren sie zum wichtigsten Artikel der Materia medica geworden, mit einem ungefähren Verbrauch von 100 Millionen Stück jährlich allein in Frankreich. Die Preise für Egel stiegen um ein Vielfaches. Aus diesem Grunde drängte man auf die Wiederverwendung bereits verwendeter Egel und versuchte, sie in Zuchtanlagen, die an Krankenhäuser angeschlossen waren, zu vermehren. Die Zucht wurde staatlich gefördert, besonders die Militärführung sorgte sich um einen eventuellen Mangel im Bereich der militärischen Wundversorgung.
Um 1850 setzte allmählich eine gewisse Rückläufigkeit der Blutegeltherapie ein, die teilweise darauf zurückzuführen war, dass die Egel in Mitteleuropa größtenteils ausgerottet waren und aufwändig aus Mittelasien importiert werden mussten. Vor allem aber stellte die Virchow'sche Zellularpathologie seit Mitte der 50er Jahre sämtliche bis dahin für die Blutentziehungen erarbeiteten rationalen Begründungen in Frage. Es folgte die Entdeckung der Bakterien als Krankheitserreger, damit entwickelte sich auch eine Bakterienphobie. Insbesondere in der Klinikbehandlung kam es infolgedessen zu einem raschen Rückgang der Blutegelanwendung. Blutegel ließen sich weder desinfizieren noch sterilisieren, ohne sie dabei abzutöten. Da die ärztliche Ausbildung in Kliniken erfolgte, kamen angehende Ärzte kaum noch mit der Blutegelbehandlung in Berührung und diese Therapie geriet in Vergessenheit.
Ein wesentliches Ereignis in der Geschichte der Blutegeltherapie war dann 1884 J. B. Haycrafts (1857–1922) Entdeckung einer blutgerinnungshemmenden Substanz in Mund und Schlund des Blutegels, die 1903/04 nach weiterer chemischer Isolierung als Hirudin bezeichnet wurde. Die besondere Wirkung der Blutegel ließ sich nun als chemischer Prozess deuten, als ein rationales Prinzip, welches die Blutegeltherapie wieder dem aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Verständnis annäherte. Die neue Erkenntnis verbreitete sich aber nur langsam, anfangs nur in experimentellwissenschaftlichen Kreisen, und nur die Substanz wurde beachtet. Zunächst wurde an einen potenziellen Nutzen bei Bluttransfusionen oder an die therapeutische Verwendung des Extraktes bei Thrombosen, Embolien und Infarkten gedacht. Einer weiteren Verbreitung standen exorbitant hohe Kosten entgegen. Etwa um diese Zeit, 25 Jahre nach der Entdeckung des Hirudins, wurde erstmals in einer klinisch-praktischen Arbeit die Gerinnungshemmung zur Kenntnis genommen. Durch den 1. Weltkrieg und den damit verbundenen Zusammenbruch des Blutegelhandels kam es im Folgenden aber zu einem erneuten Vergessen dieser Therapieform.
Einen Aufschwung erlebte die Blutegeltherapie in einem umfassenderen Zusammenhang in den 1920er Jahren. Als Wegbereiter unter den naturheilkundlichen Ärzten stand hierbei B. Aschner (1883–1960) an vorderster Stelle. Im Rahmen seiner Konstitutionstherapie besann er sich auf die alten ausleitenden Verfahren und veröffentlichte sie unter ergänzenden neueren Gesichtspunkten, die jedoch vom humoralpathologischen Krankheitsverständnis stark geprägt waren.
Die Liste von Einzelindikationen für die Blutegeltherapie war erneut lang und rückte das Verfahren unkritisch in den Rang eines Universalheilmittels.
