Blutfuchs' Pfad - Marvin Buchecker - E-Book

Blutfuchs' Pfad E-Book

Marvin Buchecker

0,0

Beschreibung

In den Minen von Blaufels gilt Arian als Bastard - halb Mensch, halb Elf, von allen verachtet. Gewalt, Einsamkeit und Schmutz sind sein Alltag. Doch als Blutfuchs auftaucht, verändert sich für ihn alles. Die Elfenkriegerin aus der Gilde erkennt in ihm mehr als nur einen gebrochenen Jungen, deshalb fordert sie ihn heraus, eine Entscheidung zu treffen: Weitermachen wie bisher oder den ersten Schritt wagen, um einen gefährlichen Weg zu betreten. Eine Geschichte über Herkunft, Mut und den langen Weg zur Würde. Für Fans von »The Witcher« und »Die Zwerge«, die eines ganz genau wissen: Wahre Helden glänzen selten.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

AKT 1 - Blutfuchs’ Pfad

Prolog

AKT 2 - Grimbold Raufuß

KAPITEL 1 – Mägius

KAPITEL 2 – TARA - Einige Monate später

KAPITEL 3 – ARIAN

KAPITEL 4 – EDITHIA

KAPITEL 4 – ROD

KAPITEL 5 – ARIAN

KAPITEL 6 – LEHRMEISTER ROMULUS

KAPITEL 7 – ROD

KAPITEL 8 – ARIAN

KAPITEL 9 – ARIAN

Kapitel 10 – Lawitz

Kapitel 12 – Arian

Kapitel 12 –Arian

AKT 3 - Duell im Mondschein

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

AKT 1

Blutfuchs’ Pfad

Prolog

Title_4">Arian

Vor 19 Jahren. In der Mienenarbeiterkolonie der Provinz Blaufels.

»Aber du verdeckst sie doch auch nicht«, protestierte Arian, wobei er am stinkenden Stoff seiner Leinenhaube zog. Mit strenger Miene schlug ihm seine Mutter auf die Finger. »Wirst du wohl gehorchen? Ich muss das doch nicht wieder mit dir diskutieren.«

Er rieb sich seine Finger und schaute sie mit seinen grünen Augen durchdringend an, bis sein Blick sie erweichte. Sie wischte langsam mit der Kuppe ihres Daumens über seine Wangen. »Es ist nicht gut, wenn du sie abnimmst, … ich weiß, dass es nicht fair ist, aber schau mich doch jetzt nicht so an …«

Sie seufzte leise und starrte verlegen auf den rissigen Stoff ihres Leinenkleids. Die Flamme der Kerze auf ihrem Nachtisch bestrahlte ihre kantigen Wangen und ließ die türkisfarbige Iris glitzern. Die Spitzen ihrer Ohren wirkten im dämmrigen Licht wie zwei Wachtürme, die jederzeit bemerken würden, wenn der Junge versuchen würde, das schäbige Ding von seinem Kopf zu reißen.

»Bitte, mach es für mich, Arian.« Sie strich zärtlich mit ihrem Zeigefinger über den Stoff seiner Haube, genau an der Stelle, wo sich seine spitzen Ohren befanden. Sein Nacken kribbelte und es fiel im bedeutend schwerer, seinen Protest weiterzuführen. Trotzdem war er diese Haube leid.

Seitdem er vergangenen Vollmond elf Jahre geworden war, hatten sich seine Ohren verändert – ihre Form war sichtlich spitzer geworden, fast wie bei seiner Mutter. Ja, er war ihr ähnlicher geworden, anstatt sich jedoch darüber zu freuen, hatte sie ihm die Leinenhaube aufgesetzt und das Streitthema entflammte immer wieder zwischen ihnen. Neben dieser Veränderung seines Körpers war er nun auch alt genug, um einen neuen, körperlich anstrengenderen Arbeitsdienst in der Minenkolonie zu verrichten. Täglich mussten im Tagebau die von den Wänden abgetragenen Mineralien zu den Ladekarren hinaufgebracht werden. Die schweren, klein geschlagenen Erzbrocken den geschlängelten Pfad des Tagebaus entlangzuschleppen, war ohnehin schon eine Schinderei, aber die Haube machte alles noch schlimmer. Arians Haut juckte und schwitzte, der Stoff sog sich mit dem Felsstaub voll und nach einigen Stunden scheuerte das Ganze seinen Nacken wund.

Arian war nicht mehr bereit, dies zu ertragen.

Seine Mutter nahm ihm jetzt die Haube ab und streichelte mit dem Rücken ihres Zeigefingers sanft über seine Ohren. »Zum Schlafen kannst du sie ja abnehmen«, sagte sie.

Arian gähnte beherzt. Seine Finger waren aufgeschürft, aber morgen würde die Schinderei weiter gehen. Mit seinen grünen Augen sah er seine Mutter ernst an. »Aber warum muss ich sie verdecken?«

Sie seufzte erneut. »Weil es eben sein muss. Du weißt doch, wie wir hier leben, und ich möchte, dass es nicht noch schlimmer wird«, sagte sie ernst.

»Schämst du dich für mich?«, fragte er. Sie lächelte verlegene und legte ihm ihre Hand auf die Stirn. »Sag doch sowas nicht, Arian. Keine liebende Mutter schämt sich für ihr Kind. Egal ob Elf, Zwerg, Mensch oder Gnom. Die Liebe zu unseren Küken eint unsere Völker …«

»Aber als der Minenaufseher gefragt hat … also, ich meine, als er mir den Tritt verpasst hat und du ihm entgegen geschritten bist, da hat er gefragt, warum du dich um mich scherst, ich sei schließlich nicht dein Bas …, hm … Basddard?«

Er versuchte, sich dieses sonderbare Wort wieder in Erinnerung zu rufen, doch es war ihm irgendwie entfallen. Aber darum ging es letztendlich gar nicht, von Bedeutung war, was seine Mutter geantwortet hatte. Denn sie hatte ihn als Sohn verleugnet, so wie sie es immer vor den Soldaten, Minenaufseher und Grubenarbeiter tat, wenn diese nach Arian fragten. Was allerdings aufgrund der Tatsache, dass sie nicht oft in Kontakt miteinander traten, selten vorkam. Aber wenn es dann doch einmal vorkam, dann tat es ihm weh und er wünschte sich, seine Ohren würden komplett abfallen und nicht nur unter dieser vermaledeiten Kappe verrotten.

Seine Mutter schwieg. Rötliche Farbe erschien zwischen ihren braunen Wangen und ihre Lippen bebten. Arian zuckte ein wenig in seinem Bettchen zusammen und schämte sich, dass er sie traurig gemacht hatte.

»Es tut mir leid, wenn du dich von mir verraten fühlst. Aber glaub mir, diese Worte haben mir genauso weh getan wie der Tritt in deinen Hintern«, flüsterte sie, schob ihn sanft zu Seite und legte sich zu ihm ins Bett.

Er lehnte seinen Kopf an ihre Brust. Sie roch nach Staub und Schweiß, und doch haftete da eine unwiderstehliche Süße an ihrem Körper. Wie der Nektar einer Blume. Wenn er seine Augenlider schloss, hatte er das Gefühl, er würde den Geruch eines Waldes durch seine Nase schmecken. Er lächelte und legte seine Handfläche auf ihren Bauch, gerade in dem Moment, als sie ihren Arm über seine Schultern legte und ihn näher an sich heranzog. Er fühlte tiefe Geborgenheit in sich, ein Gefühl von Heimat. Er liebte seine Mutter, liebte sie so sehr.

»Sind wir hier gefangen?«, sprach er die Frage laut aus, die ihm gerade durch den Kopf schoss.

»Nein, sind wir nicht. Aber frei sind wir auch nicht.« Der traurige Klang in ihrer Stimme veranlasste ihn, zu ihr nach oben zu blicken. Ihre Nasenflügel hoben sich und ihr Blick wanderte durch die zwanzig Quadratmeter große Baracke. Ihr Zuhause, so wie er es schon immer gekannt hatte. Sie wohnten seit seiner Geburt hier, mit all den anderen hundert Seelen, die in diesem Erdkrater schufteten. Manchmal kam er aus dem Tagebau heraus, wenn er zum Beispiel mit dem fetten Aufseher die Erzbrocken in ein Dorf fahren musste. Dann sog er den Anblick der Natur mit seinen Augen auf und merkte sich jeden Baum, den sie zu sehen bekamen. Das saftige Grün der Wiesen, den Gesang der Vögel. Er genoss jeden einzelnen Augenblick, ehe sie wieder in dieses braune Gefängnis aus Stein und Staub zurückkehrten.

»Mama?«

»Du bist aber redselig heute.«

»Warum gehen wir eigentlich nicht einfach zu den Elfen? Du bist doch schließlich auch eine von ihnen?« Er legte seinen Kopf zurück auf ihre Brust und lauschte ihrem Herzschlag. Ihr Brustkorb hob sich gleichmäßig, während sie tief ein- und wieder ausatmete, ehe sie antwortete. »Das können wir nicht, Arian … ich kann es nicht. Mein Volk hat es mir verboten.« Er erschrak und hob seinen Kopf, den sie jedoch sanft wieder an ihren Körper drückte. Er ließ es zu.

»Aber, warum sollte sie dich denn nicht wollen? Du bist doch eine gute Elfe … und in deinen Geschichten hast du erzählt, ihr passt auf die Natur auf … Ich habe noch nie gesehen, dass du schlecht gegenüber der Natur warst«, sagte er und sie gluckste leise.

»Das ist sehr lieb von dir, aber leider zählt das nicht, wenn der Rat der Sternendeuter ein Urteil …«. Sie verstummte abrupt, denn den letzten Teil ihres Satzes hatte sie gar nicht laut aussprechen wollen.

»Würden sie dir wehtun?«, fragte Arian vorsichtig nach und drückte seinen Kopf weiter an sie.

»Ich fürchte ja, Arian, aber ich habe mehr Angst davor, dass sie auch dir wehtun würden …«. Ihre Stimme zitterte und er wollte erneut zu ihr hochsehen, doch sie hielt ihn mit sanftem Druck davon ab.

»Wirklich?« Er überlegte, warum die Elfen ihn oder seine Mutter hassen sollten. Er hatte nie einen von ihnen kennengelernt und sich eigentlich vorgestellt, dass sie anders als die Menschen hier im Minental wären. Wenn er so überlegte, konnte er sich einfach nicht vorstellen, dass jemand gemeiner sein könnte als die Aufpasser und Sklaventreiber, mit denen sie hier zu tun hatten.

»Oh, ja, und wie. Gerade Elfen hassen das, was ich getan habe, ganz besonders. Genauso wie die Menschen es hassen würden, wenn sie davon wüssten …« Sie verstummte einen Augenblick und dachte darüber nach, was sie gerade zu ihrem Sohn gesagt hatte. Dann lächelte sie, beugte sich in Richtung der Kerze und hauchte die Flamme aus. Danach kuschelte sie sich an seine Seite und nahm ihn behutsam in die Arme. »Verstehst du denn jetzt ein wenig, warum du deine Kappe auflassen musst?«, flüsterte sie.

Er verstand es nicht, nickte aber dennoch. Seine Ohren waren wie die ihren, aber sein Gesicht ähnelte mehr dem eines Menschen. Was daran jetzt schlimm sein sollte, war ihm schleierhaft, er hatte aber das Gefühl, dass es seine Mutter beruhigte, wenn er so tat, als hätte er es verstanden. »Ich verspreche, sie nicht abzunehmen«, säuselte er, als ihn die Müdigkeit übermannte.

»Schlaf jetzt, mein Quedi.« Sie küsste ihn sanft auf die Stirn, während das Geräusch ihres Herzschlags ihn in seinen Träumen begleitete.

*

Arian hatte viele solche Momente mit seiner Mutter verbracht. Momente, in denen sie ihn in den Arm nahm und er ihren Herzschlag vernahm. Die Tage rasten nur so an ihnen vorbei, während er jeden Tag die Erzbrocken unter dem Gebrüll des Minenaufsehers den Pfad hinauf schleppte. Ihr Leben war hart, und doch hatten sie wenigstens sich. Für ihn war diese Tatsache ausreichend. Er fand durch seine Mutter einen Anker in dieser fürchterlichen Gemeinschaft, und solange er ihrem Herzschlag während des Einschlafens lauschen konnte, war es für ihn ein gutes Leben.

Doch dieses endete eines Tages mit dem Verstummen des Herzschlages seiner Mutter.

Sie hatten gemeinsam in die Silberminen gemusst. In einen der Stollen, die eigentlich zu unsicher waren, als dass menschliche Minenarbeiter in diesen gehen würden. Dafür waren andere Arbeitskräfte vorgesehen, entbehrliche.

Ob es nun eine falsche Bewegung ihrerseits oder schlichtweg Zufall war, jedenfalls löste sich ein Deckenbalken und begrub seine Mutter, zusammen mit schwerem Geröll, unter sich.

Arian hatte noch versucht, die Felsen von ihr zu schieben und sie mit seinen blanken Fingern auszugraben, doch er konnte nichts ausrichten. Sie hustete Blut, murmelte Worte zu ihm, die er nicht verstand.

Arian brauchte unbedingt Unterstützung, nein, seine Mutter brauchte Hilfe. Er hatte die Minenarbeiter, die sich in der Nähe befanden, angebettelt, sie zu retten, doch diese waren skeptisch und wussten nicht, wie einsturzgefährdet der Stollen war. Sollten sie ihr Leben für eine Elfe riskieren?

Er zerrte verzweifelt an den Ärmeln der Minenarbeiter und rannte, nachdem sie ihm abgewiesen hatten, zum Minenaufseher. Adrian warf sich dem Dicken vor die Füße und schrie, dass seine Mutter starb, wenn sie nicht schnellstens etwas unternehmen würden.

Doch der Minenaufseher war natürlich ebenfalls unsicher und sprach seine Abwägungen, ob die Rettung ohne fachgemäße Abstützung des Stollens möglich war, laut aus. Es ging ihm in erster Linie aber um den Verlust des Stollens und, damit verbunden, dem des Silbers.

Arian zerrte unentwegt am Unterarm des Aufsehers, bis dieser ihn hart ohrfeigte. Dabei verrutschte Arians Leinenhaube, und in der Panik um seiner Mutter, riss er sich die Haube vor den Augen des Aufsehers vom Kopf. Seine Ohren kamen zum Vorschein und der schwere Knüppel des Minenaufsehers explodierte an seinem Kopf.

»Bastard! Hurensohn! Missgeburt!«, hörte Arian ein verzerrtes Stimmengewirr in seinen Gedanken. Nun erblickten auch die anderen Minenarbeiter seine Ohren. Sie bespuckten ihn daraufhin und beförderten ihn mit Tritten auf den staubigen Boden.

Im Augenblick, in dem ihn der Knüppel ein weiteres Mal traf, verspürte er neben der Furcht um das Leben seiner Mutter zum ersten Mal eine eigene Todesangst, erkannte mit elf Jahren, dass die Menschen ihn töten könnten und das vielleicht sogar auch tun würden. Ihm wurde bewusst, dass ihn seine Mutter nicht schützen, geschweige denn sein Leben retten konnte.

»Warum? Warum? Warum?«, schrie er immer wieder, bis er das Bewusstsein verlor.

*

Arian überlebte den Lynchmob und erwachte auf dem Holzboden seiner Wohnbaracke. Sein linkes Auge war geschwollen und mit seinem rechten konnte er den Raum nur noch milchig erkennen. Er musste feststellen, dass seine Behausung fast komplett leergeräumt war. Nur vage erinnerte er sich daran, dass sie ihn hierher gezerrt hatten.

Mit dem kindlich naiven Wunsch, dass er nur einen Albtraum durchlebt hatte und seine Mutter noch am Leben sein würde, erhob er sich. Seine Rippen schmerzten beim Einatmen und sein Speichel schmeckte metallisch. Ehe er zur Tür schritt, stellte er fest, dass er seine Kapuze nicht mehr trug. Er hatte also nicht geträumt. Wie lange war er bewusstlos gewesen?

Kurz nachdem er die Tür der Baracke geöffnet hatte, drückte ihn eine ausgestreckte Hand, die zu einer der Minenwachen gehört, grob zurück. Es handelte sich um einen bulligen und mit einer Spitzhacke bewaffneten Mann, dessen braune Augen zornig funkelten, während er zischte »Rein mit dir, du Missgeburt! Und wag es noch einmal herauszukommen, dann schlage ich dich auf der Stelle tot!«

Arian zuckte zusammen, als die Wache die Tür zu donnerte. Er kniete sich hin und schlug beide Handflächen auf den Boden. Seine Finger berührten dabei etwas Weiches und er erkannte den Stoff seiner Leinenkapuze. Sie hatte die ganze Zeit neben ihm auf dem Boden gelegen, also hatten sie sie ihm hinterhergeworfen.

»Mama?«, flüsterte er, doch der Geruch seiner Mutter war bereits aus der Wohnbaracke so gut wie verschwunden. Ein Wimmern entwich seinen Lippen und seine magere Brust hob und senkte sich. Langsam begannen Tränen auf den schmutzigen Holzboden zu tropfen. Sein Körper schmerzte, alles tat ihm weh. Er befand sich völlig allein in der dunklen Baracke. Seine Mutter war fort, das wusste er.

Arian weinte. Um seine Mutter, aber auch darum, dass er von nun an völlig allein sein würde. Langsam umschlangen seine Finger den Stoff der Leinenkapuze. Während er sich diese über den Kopf zog, hatte er das Gefühl, ein spitzer Gegenstand wurde direkt in sein Herz gedrückt.

»Ich verspreche es … ja, Mutter, ich verspreche, sie niemals wieder abzunehmen«, wimmerte Arian. Er rollte sich auf dem Holzboden ein und versuchte, an den Herzschlag seiner Mutter zu denken. Doch in seinen Gedanken blieb es still.

*

Eine ganze Woche verbrachte er in dem leeren Raum. Zweimal brachte ihm jemand Essen; es war jedes Mal eine andere Minenwache als die, die ihm mit dem Knüppel gedroht hatte.

Wie ein verletzter Wolf in seiner Höhle, der seine Schnauze sehnsuchtsvoll dem Strahl des Sonnenlichts am Eingang entgegenstreckte, hatte Arian den hinkenden Mann angestarrt. Er hatte den Namen des Mannes zuvor schon einmal gehört; er lautete Gudwald.

Seine Mutter hatte sich mit ihm mehrmals unterhalten, und er schien einer der wenigen angenehmen Minenwachen zu sein.

Gudwald warf ihm einen trockenen Laib Brot zu und stellte einen Eimer mit frischem Wasser neben ihm ab. Dem Wächter schienen die vom Weinen geröteten Augen Arians aufgefallen zu sein und er tadelte ihn, dass Männer nicht weinten. Er betrachtete Arian dabei mit einem abwertenden Blick, als wäre dieser lediglich ein ihm unbekanntes Insekt.

»Wo ist meine Mutter?«, krächze Arian ihm heiser hinterher, als Gudwald bereits im Begriff war, die Baracke wieder zu verlassen. Gudwald hielt mitten in seiner Bewegung inne und brummte schließlich, ohne sich umzudrehen, »Nicht mehr hier«.

»Ich muss sie aber bestatten.« In Wahrheit wusste Arian gar nicht, was diese Pflicht eigentlich bedeutete, jedoch kannte er aus den Geschichten seiner Mutter, dass Tote bestattet werden mussten.

»Das geht aber nicht mehr«, sagte Gudwald. Die Härte in seiner Stimme wurde etwas weicher. »Ich habe mich darum gekümmert, Junge. Es tut mir leid, was deiner Mutter passiert ist.«

Arian wollte etwas entgegnen, doch Gudwald sprach einfach weiter. »Sie hätte dich niemals bekommen dürfen …«

Gudwald schritt daraufhin durch die Tür und ließ Arian wieder allein in der Baracke zurück.

Die Worte wirkten nur sehr langsam auf Arian ein. Der Gegenstand in seinem Herzen drang immer tiefer ein, während er über Gudwalds Worte nachdachte. Dann vernahm er die Stimme der anderen Minenwache hinter der geschlossenen Tür.

»Kannst du mir verraten, warum du bei ihm da drin warst?«

»Halt’s Maul, Xaley«, entgegnete Gudwald gereizt.

»Und wenn ich das nicht mache? Wir sollten einfach da rein gehen und mit dieser Missgeburt kurzen Prozess machen. Vorräte für so einen weiter zu verschwenden, ergibt für mich absolut keinen Sinn.«

»Wir sind es aber der Mutter schuldig, sie hat immerhin ihr Leben in der Mine lassen müssen.«

»Pah. Ich habe schon immer gesagt, dass diese billigen Nichtmenschen als Arbeitskräfte nichts taugen und über kurz oder lang nur Probleme bereiten.«

»In ein paar Tagen kommt jemand, der sich um ihn kümmert … dann ist die Sache eh erledigt …«

Arian stockte der Atem.

Wer würde kommen? Und was würde dieser Fremde mit ihm machen?

Er begann wieder zu weinen und kauerte sich unter das Bett. Den Eimer mit Wasser und den Laib Brot ließ er unberührt. Wimmernd harrte er unter dem Bett aus, stets zusammenzuckend, sobald ein Geräusch von draußen zu hören war.

*

Zwei Tage nach dem Besuch von Gudwald betrat eine Fremde die Wohnbaracke.

»Du bist Arian?«, fragte die Frau. Sie trug eine fein gearbeitete, leichte Rüstung. Auf ihrem Brustpanzer war mit einem roten Metall der Kopf eines Tieres eingearbeitet, das Arian nicht kannte. Es besaß einen schmalen Kopf mit einer langen Schnauze und dreieckige, abstehende Ohren. Er schwieg, während sein Herz immer schneller schlug. Das musste die Person sein, von der Gudwald erzählt hatte und die sich um ihm kümmern sollte.

»Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten, Bursche«, sagte sie und machte einen kleinen Schritt auf ihn zu. Als er leicht zusammenzuckte, blieb sie stehen. »Mein Name ist Blutfuchs. Der Aufseher der Silberminen hat meine Gilde kontaktiert und um Unterstützung bei diesem Problem gebeten.« Sie verschränkte ihre Arme und betrachtete ihn, er tat es ihr eine Weile gleich. Arian hatte eine gestandene Frau mit einem drahtigen, durchtrainierten Körper und einem spitzen Gesicht vor sich, das von roten, kurzen Haaren umgeben war.

Als Arian die Spitzohren von Blutfuchs erblickte, hellte sich sein Gemüt sofort auf. Es waren dieselben Ohren wie die von ihm und seiner Mutter. Blutfuchs schien seinen Blick bemerkt zu haben und lächelte. Sie deutete mit ihrem wurmgelenkigen Zeigefinger auf ihre Ohren und dann auf seine Leinenkapuze. »Zeigst du sie mir?«, fragte sie bestimmend, aber nicht befehlend.

»Das kann ich nicht.« Er strich sich unbewusst über sein linkes Augenlid, das zunehmend verheilt war. Anscheinend sah man ihm aber noch immer die Behandlung durch die Minenarbeiter an, denn er glaubte zu hören, wie Blutfuchs etwas äußerst Abfälliges über die Menschen flüsterte, ehe sie sich wieder an ihn wandte und sagte: »Du musst sie mir nicht zeigen. Kein Problem. Wie alt bist du?«

»Elf Jahre … Herrin.« Die Anrede war ihm durch eine der vielen abendlichen Lektionen seiner Mutter in den Sinn gekommen. Ältere hatten mit respektvollem Ton angesprochen zu werden, meinte sie damals. Seine Mutter hatte stets Wert darauf gelegt, dass er gutes Benehmen erlernte. Sie selbst hatte es ihm auch täglich vorgelebt. Respekt sorgt für mehr Respekt, Arian, erklang ihre Stimme in seinen Gedanken. Sein Herz pochte bei jedem Gedanken an sie schneller.

»So Alay, elf Jahre … und du bist hier geboren?«, erkundigte sich Blutfuchs und musterte ihn.

»Nein, Herrin.«

»Weißt du denn, wo du das Licht der Welt erblickt hast?«

»Ähm, nein, Herrin«, antwortete er ehrlich. Seit er denken konnte, befand er sich hier in den Minen, zusammen mit seiner Mutter.

»Deine Mutter ist … war eine Elfe, so wie ich?«

»Ich glaube ja …«

»Und dein Vater?«, fragte sie und ihre Stimme nahm plötzlich einen etwas schärferen Ton an.

Arian zögerte. »Mama nannte ihn …« Er überlegte, wie die Beschreibung, die seine Mutter verwendete, war und erinnerte sich in erster Linie an ein bestimmtes Wort. »Mama nannte ihn einen edlen Unedlen …«

Blutfuchs lächelte. »Weißt du eigentlich, wer deine Mutter war?«

Arian verstand die Frage nicht, doch sein Schweigen schien für Blutfuchs eine befriedigende Antwort zu sein. »Ich bin eine Heldin der Gilde, der sogenannten Heldengilde. Weißt du, was eine Heldin macht, Arian?«

Arian überlegte kurz und nickte dann zögernd. Er hatte von seiner Mutter Geschichten über die Heldengilde gehört. Sie waren starke Krieger, die sich dem Bösen in den Weg stellten. Krieger, die von allen respektiert wurden, da sie Monster bekämpften und töteten. Krieger, die gerufen wurden, wenn es Probleme gab.

War sie etwa hier, um ihn zu töten? Aber er war doch gar kein Monster.

Zerknirscht senkte Arian den Blick, unterbrach sein Nicken und schüttelte stattdessen seinen Kopf. Vielleicht lag es an der Erschöpfung der vergangenen Tage oder den Erinnerungen an seine Mutter, dass ihm Tränen in die Augen stiegen und über seine Wangen liefen. Arian versuchte, sich gegen das Schluchzen zu wehren, doch es gelang ihm nicht.

»Arian, die Gilde ist dafür da, um die Völker unseres Kontinents Mandorgard zu schützen. Menschen, Zwerge, Gnome und auch Elfen entsenden Mitglieder für die Gilde. Wir versuchen durch diese Zusammenarbeit das Misstrauen zwischen den Völkern zu überwinden und die Gefahren für die Völker, sowohl innerhalb als auch außerhalb, zu bekämpfen«, erklärte sie mit fester Stimme. »Der Minenaufseher hat uns kontaktiert und um die Entsorgung eines Monsters gebeten … Und? Bist du ein Monster?« Er schüttelte den Kopf.

»Das ist gut. Ich erkenne nämlich auch kein Monster in dir. Was ich aber in dir erkenne, ist eine Chance für die Völker von Mandorgard. Du bist ein Halbmensch, Halbelf oder Mischling – mir egal, wie sie dich nennen. Aufgrund deiner Herkunft wirst du verabscheut, verstehst du?« Arian verstand es zwar nicht, nickte aber trotzdem.

»Ich könnte dich jetzt einfach hierlassen und dem Minenaufseher erklären, dass die Gilde seinen Auftrag ablehnt, da wir keine unschuldigen Kinder abschlachten. Ich gehe davon aus, dass dich im günstigsten Falle diese Niedergeborenen dann in einen ihrer Stollen jagen oder solange warten, bis du hier drin verhungert bist.« Blutfuchs lächelte, als Arian seinen Kopf hob und sie anschaute.

»Das wäre aber meiner Meinung nach eine furchtbare Verschwendung von Potenzial.« Sie spreizte ihre wurmgelenkigen Finger und präsentierte einen Siegelring an ihrem Ringfinger, auf dessen Wappen eine geschlängelte Rune eingraviert war. »Ich sehe es dir an, Arian. Deine Wunden heilen zwar langsamer als die von anderen Elfenkindern in deinem Alter, dennoch hast du die schnelle Regenerationsfähigkeit unseres Volkes geerbt. Ich bin mir sicher, dass du zudem ausgezeichnet hörst und dich in den dunklen Stollen immer gut zu orientieren wusstest, stimmt’s?«

Er nickte.

»Und genau das meine ich mit Potenzial. Du hast die Fähigkeiten der Elfen mit in die Wiege gelegt bekommen, und die machen dich für uns sehr kostbar. Leider entzieht sich mein Volk immer mehr der Verpflichtung, elfische Anwärter für die Gilde zu entsenden. Dabei sind gerade die Fähigkeiten der Elfen für unsere Pflichterfüllung unabdingbar«, erklärte sie sachlich. »Du könntest also mit mir zur Gilde kommen und dich der Aufnahmeprüfung stellen. Zwar ist es nicht unwahrscheinlich, dass du diese nicht überlebst, jedoch würdest du mit der Gewissheit sterben, wenigstens versucht zu haben, aus deinem Leben etwas zu machen.«

Er schaute sie mit großen Augen an.

Aufgrund seiner Herkunft würden die meisten ihn hassen? Hatte dies auch Gudwald gemeint, als er zu ihm sagte, dass seine Mutter ihn niemals hätte bekommen dürfen?

»Aber wieso verabscheut man mich?«, fragte er leise. Blutfuchs seufzte und fuhr sich mit den Fingern durch ihre roten Haare. »Weißt du, Arian, in einer Welt, in der es möglich ist, den anderen nach bestimmten Merkmalen von sich abzugrenzen … nun ja, in so einer Welt lebt es sich einfach. In einer Welt, in der jeder die Angst vor dem Fremden schüren kann, da vermag der Mächtige jederzeit vor den Fehlern in seinem System ablenken zu können.« Sie seufzte erneut und sprach mit leiserer Stimme weiter. »Wie leicht ist es also, mit solchen Gegensätzen zu argumentieren? Aber was passiert, wenn das Fremde sich mit etwas Bekanntem vermischt und dabei etwas entsteht, das all ihre Gemeinsamkeiten vereint? Dann wird das Fremde nicht länger fremd sein. Und ab diesem Moment ändert sich das System, in dem wir leben. Genau davor haben viele Angst.« Sie beugte sich zu ihm und schaute tief in seine Augen. »Arian, deine Herkunft mag dir vielleicht im Moment wie ein Fluch vorkommen, sie kann aber auch eine Art Schlüssel für uns sein. Du musst lediglich beweisen, dass du es in unserer Gesellschaft zu etwas bringen kannst. Werde ein Held!« Sie erhob sich und schickte sich an, die Wohnbaracke zu verlassen. »Jetzt hast du es in der Hand, Arian. Komm mit mir oder bleib in dieser Minenkolonie, wo du im Dreck landen wirst.«

Blutfuchs Worte lösten etwas aus, erweckten eine heroische Ader in ihm.

Der Gesellschaft beweisen, dass er es zu etwas bringen konnte? Dass er es wert war, ein Teil von ihr zu sein? »Wartet, Herrin«, rief er, als Blutfuchs die Tür öffnete. »Und was ist, wenn ich ein Held bin? Werden sie mich dann nicht mehr verabscheuen?«

»Dessen bin ich mir sicher«, sagte sie und schritt, ohne sich nach ihm umzudrehen, aus der Wohnbaracke nach draußen. Arian streifte mit seinen Fingern über den Stoff seiner Leinenkapuze und berührte anschließend mit den Kuppen seine Spitzenohren.

Dann folgte er Blutfuchs mit entschlossenen Schritten.

*

Arian hatte kein Gepäck, außer der Kleidung, die er trug. Werde ich je wieder hierher zurückkehren?, fragte er sich in Gedanken, während er aus ganzem Herzen hoffte, es niemals tun zu müssen.

Vor der Baracke kletterte sie auf einen bereitstehenden Wagen. Das Holz der Kutsche hatte eine dunkle Farbe und war mit goldenen, geriffelten Symbolen verziert.

»Ryuisch makó, Donnerhuf«, sagte Blutfuchs, während sie die Zügel des Pferdes in die Hand nahm. Das hellbraune Kaltblut zog an und sie rollten den sandigen Weg vom Krater der Minenkolonie hinauf. Einige der Minenarbeiter hielten in ihrer Schufterei inne und deuteten auf Arian und Blutfuchs. Dabei tuschelten sie oder machten deutliche Gesten der Abneigung in seine Richtung. Arian saß wie erstarrt neben Blutfuchs, die gelassen die Zügel in ihrer Hand hielt und dabei eine sanfte Melodie summte.

Kleine Steine knackten unter den schweren Hufen des Rosses. Während sie an einem Aufseher vorbeitrabten, erblickte Arian nicht nur diesen, sondern auch Gudwald. Eine ihm bis dahin unbekannte Wut loderte plötzlich in seinem Bauch auf, denn es war jener Minenaufseher gewesen, der seiner Mutter die Hilfe versagt hatte. Arians Finger verkrampften und er bemühte sich, auf sie zu achten. Just in diesem Augenblick wurde seine Wut abgelenkt, denn seine Finger veränderten sich. Ringartige Verformungen bildeten sich auf ihrer Haut und sie ähnelten den wurmgelenkigen Händen seiner Mutter oder denen von Blutfuchs. Es tat überhaupt nicht weh.

Blutfuchs gebot dem Pferd anzuhalten, sodass ihr Gefährt direkt neben dem beleibten Aufseher zum Stillstand kam. Die Elfin senkte ihr Haupt und schaute auf den Aufseher hinab. »Es wird Zeit für mich, meine Bezahlung entgegenzunehmen, Aufseher«, sagte sie mit ruhiger Stimme. Der Angesprochene kniff seine Augenlider zusammen, schaute zuerst in ihre Richtung und dann nach Arian. Seine Gesichtsfarbe nahm einen rötlichen Ton an. »Bezahlung? Wofür? Wenn mich meine Augen nicht täuschen, dann lebt diese Missgeburt ja noch.«

»In der Tat«, sagte Blutfuchs und ihre Augen fixierten den Aufseher.

»Tja, dann werde ich euch auch nicht bezahlen, schert euch hinfort!« Der Aufseher fummelte an einem kleinen Lederbeutel herum, der an seinen Gürtel befestigt war, und murmelte. »Eine Unverschämtheit. Hörst du, Gudwald, bezahlen sollen wir sie … dafür, dass sie nichts gemacht hat.«

»Ihr habt mich gerufen, um eine Kreatur zu erschlagen, doch gefunden habe ich nur ein Waisenkind. Da es nun keine Kreatur hier gibt und ich das Waisenkind mitnehmen werde, gelten die Bedingungen des Vertrages dennoch, denn die Gilde hat schließlich den Auftrag erfüllt«, erklärte Blutfuchs und deutete auf den Lederbeutel des Aufsehers.

»Waisenkind? Diese Missgeburt? Erkennt ihr denn nicht …?«, äußerte der Aufseher perplex und japste nach Luft.

»Habt ihr denn nicht seine Ohren gesehen?«

»Ich habe weder die Zeit noch die Muse, mich mit Euren einfältigen Gedanken auseinanderzusetzen, Aufseher. Zahlt mich einfach aus, damit wir von dannen ziehen können.«

»Verdammte Spitzohrenbrut, schert euch zum Verstoßenden!«, bellte der Aufseher und schlug mit seiner linken Hand die ausgestreckte Hand von Blutfuchs zur Seite.

Die Elfin reagierte blitzschnell. Ein grelles Licht entwich dem Siegelring der Heldin und ein rötlich schimmerndes Katana materialisierte sich in ihrer Hand. Noch ehe der Aufseher seine Hand wegziehen konnte, vollzog Blutfuchs einen leichten Schlenker mit der Klinge und trennte mit einem einzigen Hieb die linke Hand des Wächters ab. Der schrie laut auf und fiel zu Boden, dabei wimmernd den blutigen Stumpf nach oben haltend.

Gudwald wollte sein Kurzschwert ziehen, doch Blutfuchs richtete die Spitze des Katanas sofort in seine Richtung. »Wenn Ihr nicht Euren Kopf verlieren wollt, dann lasst Euer Schwert besser in der Scheide. Mich nicht zu bezahlen und dann auch noch zu beleidigen war ein äußert dummer Einfall, Niedergeborener«, sagte sie erbost, während sich das Katana wieder dematerialisierte und in ihrem Siegelring verschwand. »Kein Angehöriger eines Volkes hat das Recht, einen Helden zu beleidigen. Euer Aufseher kann sich glücklich schätzen, dass ich vom Kutschbock aus nur seine Hand abzutrennen vermochte. Zahlt mich aus, oder ich überlege, von der Kutsche zu Euch hinabzusteigen.«

Gudwald dachte angesichts der Situation nicht lange nach, nahm dem noch immer wimmernden Aufseher den Lederbeutel ab und überreichte ihn Blutfuchs. Dabei schaute er in Arians Richtung und zischte: »Deine Mutter hätte dich niemals bekommen dürfen.«

Blutfuchs ignorierte die Worte, nahm den Beutel an sich und reichte ihn Arian.

Sie hätte dich niemals bekommen dürfen.

Diese Worte begleiteten ihn wie ein verhöhnendes Echo, als die Kutsche weiterrollte und er die Minenkolonie schon bald für immer hinter sich lassen würde.

*

Die Kutsche überquerte gerade eine kleine Brücke, als die Umrisse der Fördertürme der Minenkolonie bereits wie in der Luft flirrende Punkte hinter ihnen lagen. Selbst die Vegetation hatte sich mittlerweile von felsigem Boden zu saftigem, grünem Gras verwandelt.

Arian war sich sicher, niemals zuvor so weit von der Minenkolonie weg gewesen zu sein. Er atmete tief ein und erkannte neuartige Gerüche und Geräusche in der Umgebung. Da war zum Beispiel das Summen von in der Luft schwebenden Insekten und der Wind, wie er sanft über die mit Gras bewachsene Ebene blies.

Arian war zu einem neuen Leben aufgebrochen. Einem Leben, das ihn vor dem Schicksal schützen würde, das seine Mutter ereilt hatte.

Ein Held zu sein, würde ihm einen gewissen Wert in dieser Welt verschaffen, da war er sich sicher. Ja, er würde stark sein und respektiert werden.

Er blickte zu Blutfuchs, die noch immer ruhig die Zügel des Pferdes hielt und auf den Weg vor ihnen blickte. Die lodernde Wut in ihm war in jenem Augenblick erstickt, als Blutfuchs dem Aufseher die Hand abschlug. Der Mann hatte eine Strafe bekommen und die Elfe hatte es mit einer Macht getan, die ihn nachhaltig beeindruckte. Zum ersten Mal hatte Arian gesehen, wie sich jemand gegen die Respektlosigkeit der Menschen zur Wehr setzte und die Autorität besaß, sich nicht von ihnen herumschubsen zu lassen.

»Blutfuchs?«, fragte er und rückte mit seinem Hintern näher an sie heran.

Die Elfin runzelte die Stirn, schaute jedoch mit ihren grünen Augen weiter geradeaus auf den Weg. »Nein, so redest du bitte nicht mit mir. Wenn du mich ansprichst, dann mit Herrin Blutfuchs oder nur Herrin, da du nun mein Entsendeter für die Gilde bist.«

»Ja, Herrin«, antwortete Arian.

»Sehr gut. Und merke dir Folgendes: Fragen darfst du mir immer stellen, doch ehe du sprichst, erwarte ich, dass du über deine Worte nachgedacht hast. Wäge ab, ob du wirklich sprechen musst oder dies lieber unterlässt. Ebenso brauchst du mir ungefragt nichts über dich zu erzählen … Du bist ein junger Mann, der vor allem den Älteren zuzuhören hat.« Die Art, wie sie die Worte aussprach, machten nur allzu deutlich, dass sie hier gerade Bedingungen aufstellte, an denen es nichts zu rütteln gab.

»Ja, Herrin«, antwortete Arian und setzte dann noch hinzu: »Wohin reisen wir?«

Blutfuchs seufzte. »Habe ich dir nicht gerade gesagt, dass du zuerst über deine Worte nachdenken sollst?«

»Ich … ich verstehe nicht …«

»Ja, das ist vollkommen richtig: Du verstehst nichts. Und zu allem weiteren Übel posaunst du dein Unverständnis auch noch hinaus in die Welt. Also, pass auf. Wir reisen zur Heldengilde. Was möchtest du sonst noch hören? Dass ich dir den Doras beschreibe? Die Dreizehn Berge, die wie eine gezackte Krone die Ländereien der Heldengilde umschließen? Du hast außer dem Staub und Schmutz der Silberminen noch nichts gesehen, also würden dir jegliche Beschreibungen in Worten meinerseits nur wie mystische Formeln vorkommen, und das in einer Sprache, die du niemals zuvor gehört hast«, sagte sie.

Schweigend richtete Arian seinen Blick über den wehenden Schweif des Kaltbluts hinaus in die Welt. Die Landschaft um sie herum veränderte sich mit jeder Stunde, die sie hinter sich brachten. Er erblickte Bauern, die auf ihren Feldern arbeiteten, einsame Pilger, die am Wegesrand beteten, Händlerkarawanen, die ihnen mit ihren eigenen Kutschen entgegenkamen, und Vögel, die über ihre Köpfe hinweg in Richtung der untergehenden Sonne flogen.

Vor Einbruch der Dämmerung schlugen sie neben einem Bach und in der Nähe eines kleinen Waldstücks ihr Lager auf. Die Heldin erklärte ihm, wie er das Kutschgeschirr ordentlich vom Pferd nahm, und anschließend zeigte sie ihm, wie das braune Fell trocken gerieben werden musste. »Behandle dein Reittier stets mit Respekt und Achtung, raste also nur dort, wo es trinken und fressen kann. Am Zustand seines Fells offenbart sich das Pflichtgefühl seines Besitzers.«

Er nickte und strich mit seinen wurmgelenkigen Fingern über das weiche Fell von Donnerhuf.

Blutfuchs ließ ihn danach mehrmals zum Waldrand laufen, um trockenes Holz für ein Feuer zu sammeln. Arian hatte noch nie zuvor derart viele Bäume gesehen und ihn überkam eine große Neugier, als er in das Dunkel des Waldes blickte, wo leises Knacken und unbekannte Geräusche aus dem finsteren Dickicht erklangen. Neben der Neugier erfasste ihn aber auch eine Furcht, die sein Herz schneller schlagen ließ. Das Waldstück barg Geheimnisse und Gefahren der Natur, das schienen ihm die elfischen Instinkte in seinem Unterbewusstsein zu verdeutlichen, doch eben genau dieses Unbekannte jagte ihm Angst ein.

Eilig machte er wieder kehrt und war erleichtert, als die Heldin mit dem Haufen aus Ästen vor ihren Füßen zufrieden schien.

Bald darauf knistere das Feuer und die Flammen erhellten die Dunkelheit um ihre Lagerstätte. Der Mond war unter einer Wolkendecke verschwunden und Blutfuchs erklärte, dass Sie morgen vermutlich den ganzen Tag mit Regenschauern rechnen mussten. Sie nahm das Kochgeschirr von der Kutsche und beauftragte Arian, den Zinntopf mit Wasser aus dem Bach zu befüllen. Nachdem er dies getan hatte, nahm sie den Topf und stellte ihn in die Glut. Dann reichte sie ihm ein Holzbrett mit einem Jagdmesser und holte einen Leinensack von der Kutsche. Sie griff in den Sack und zeigte ihm den Inhalt. »Hier, diese kleinen Knollen nennt man Ingwer. Er ist sehr gesund, aber auch scharf im Geschmack. Schneide ihn sorgfältig in dünnen Scheiben … und nicht schälen.« Dann holte sie noch ein Bündel Karotten, eine Zwiebel, Lauch und getrocknete Kräuter hervor. Als er diese Zutaten zu ihrer Zufriedenheit vorbereitet hatte, schüttete sie diese in das sprudelnde Wasser.

»Wir Elfen essen nur sehr selten Fleisch, anders als die Zwerge und Menschen«, erklärte sie ruhig und er nickte. In der Minenkolonie hatte es fast ausschließlich Dinkelbrot und eine Art Haferschleim gegeben, er war also in dieser Beziehung nicht besonders anspruchsvoll.

Während die Suppe köchelte, holte Blutfuchs ein Bündel Ziegenfelle von der Kutsche. »Hier, breite sie vor dem Feuer aus. Direkt auf dem Boden zu übernachten, solltest du vermeiden, denn die Kälte zieht von unten in deine Glieder und raubt dir dadurch sämtliche Erholung. Gesunder Schlaf gehört zu den wichtigsten Dingen für einen Helden, hörst du? Sich im gesunden Schlafen zu üben ist genauso wichtig wie das Training mit Kampftechniken oder das Beherrschen der Schrift.«

Als er die Ziegenfelle ausgelegt hatte, befüllte Blutfuchs zwei Tonschalen mit der Suppe. Sie hatte mit dem Ingwer recht gehabt, seine Schärfe trieb ihm Tränen in die Augen. Dennoch schmeckte ihm die Suppe. Der intensive Geschmack schien in seinem Mund zu explodieren und ihm wurde fast schwindelig, bei den vielen neuen, geschmacklichen Eindrücken, die ihm diese Suppe bot. Nachdem sie gegessen hatten, nahm Blutfuchs ihm die Schüssel ab und rieb diese mit Erde wieder sauber, um sie zusammen mit ihrer und dem Topf wieder zu verstauen. Danach holte sie ein Lederbündel von der Kutsche und breitete es vor ihm aus.

»Entkleide dich. In solchen Lumpen, wie du sie anhast, reist keiner meiner Entsendeten, geschweige denn ein Anwärter der Heldengilde.«

Behutsam zog er seine Kleidung aus.

»O ja, man sieht, dass du menschliche Gene in dir hast«, sagte sie und betrachtete neugierig seinen nackten Körper.

»Die Geschlechtsorgane der Menschen ähneln unseren zwar, aber eine Vorhaut wie bei männlichen Menschen ist bei unseren Männern eigentlich nicht existent …« Sie räusperte sich, als sie seinen fragenden Blick bemerkte, und schaute anschließend an seiner Schulter vorbei in den Wald. »Ehe du die neue Kleidung anziehst, könntest du noch kurz in den Bach gehen und dich waschen.«

Arian schaute zu dem Wasser hinüber. »Aber es ist doch viel zu spät für ein Bad.«

»Und wieder spricht er, ohne zu denken«, sagte Blutfuchs. »Für uns Elfen ist die natürliche Dunkelheit niemals eine Gefahr, Bursche. Konzentriere dich. Mag dein Körper teilweise menschlich sein, so sind deine Augen die deiner Mutter. Also hast du auch die Elfensicht. Atme einfach in den Bauch … und lass deine Gedanken fließen, wie das Wasser vor deinen Füßen.«

Er tat wie befohlen und tatsächlich schien es, als würde die Umrisse um ihm herum zu leuchten beginnen. »Kann das jeder Elf?«, erkundigte er sich erstaunt. Blutfuchs nickte. »Ja, und es ist keine große Leistung, dass du die Elfensicht sofort beherrscht. Es ist für uns eine natürliche Motorik des Körpers. Also, hopp Zinn Topf.«

Das Wasser des Baches war nicht länger finster, sondern leuchtete jetzt neongelb. Arian erkannte kleine Steine und flimmernde Punkte, die sich als Fische offenbarten. Völlig abgelenkt von dem, was er sah, rutschte er auf dem Gras vor dem Bach aus und plumpste in das eiskalte Wasser. Der Kontakt mit der klirrenden Kälte ließ ihn unmittelbar erstarren, als hätte die tiefe Temperatur alle seine Sinne für einen Moment eingefroren. Seine Atemzüge kamen nur noch in hastigen, flachen Wellen, als der eisige Kontakt seine Lunge ergriff. Nach wenigen Minuten gewöhnte er sich jedoch an die Temperatur, seine Atmung wurde wieder ruhiger und das Wasser angenehmer.

Blutfuchs betrachtete ihn mit verschränkten Armen. »Wie eine Kröte bist du da hineingesprungen. Ab morgen möchte ich, dass du an deinen Bewegungen arbeitest. Sie müssen feiner und kontrollierter wirken. Na los, mach dich sauber, du hast nicht die ganze Nacht Zeit.« Sie warf ihm eine kleine Bürste mit Wildschweinborsten, wie sie erklärte, und ein Stück Seife zu.

Arian tauchte seinen Kopf unter Wasser, schrubbte mit der Bürste seinen Körper ab und stieg, nachdem Blutfuchs zufrieden schien, aus dem Bach.

Die Kälte kroch nun aus dem Wald zu ihm. Schauer überzogen seine Wirbelsäule, als sein Körper versuchte, sich gegen die Kälte zu wehren. Die Haut bildete dabei eine Gänsehaut. Blutfuchs bemerkte dies, nahm von der Kutsche ein Bündel und breitete es vor ihm aus. Stumm deutete sie darauf. Es war, wie angekündigt, neue Kleidung für ihn.

Behutsam zog Arian ein frisches Leinenhemd an. Es war ihm zwar ein wenig zu klein und die dazugehörige Lederhose scheuerte an seinem Gesäß, aber er fühlte sich dennoch frisch und sauber.

»Ich hatte vor sehr langer Zeit schon einmal einen angehenden Entsendeten unter meinen Fittichen gehabt, das sind seine alten Sachen, du kannst sie behalten. Und zieh auch die Lederstiefel an. Deine Füße werden sie schon einlaufen.« Arian setzte sich, nachdem er sich angekleidet hatte, auf eines der Ziegenfelle und nahm von Blutfuchs ein Hirschfell entgegen, um sich damit zuzudecken. Das Fell roch kräftig, hielt ihn jedoch warm. »Darf ich Euch was fragen, Herrin?« »Nur zu, frag«, sagte Blutfuchs, während sie sich im Schneidersitz auf das freie Ziegenfell neben ihm setzte. »Was ist aus Eurem vorherigen Entsendeten geworden?« »Er ist gestorben, noch ehe er seine Ausbildung bei der Heldengilde anfangen konnte«.

»Und woran?«, fragte Arian neugierig.

»Ich habe ihm den Kopf abgeschlagen«, antwortete sie leise und schloss dabei ihre Augenlider, als würde sie meditieren.

Arian schluckte schwer und ihm blieb eine weitere Nachfrage im Hals stecken. Er zweifelte keinen Augenblick am Wahrheitsgehalt von Blutfuchs’ Worten. Er kauerte sich auf das Ziegenfell und zog die Hirschfelldecke über seinen Kopf. Dabei ließ er jedoch einen Spalt für seine Augen frei, um Blutfuchs im Blick behalten zu können. Er dachte darüber nach, wie schnell sie die Hand des Aufsehers abgetrennt hatte, und dass er der Elfin absolut nichts entgegenzusetzen hätte, sollte sie ihn töten wollen.

Würde sie ihm sogar heute Nacht das Leben nehmen? Vielleicht war das alles nur ein Vorhaben ihrerseits gewesen, um ihn erst in Ruhe zu beobachten und, nachdem er ihr keine weiteren Erkenntnisse verschaffen konnte, ihn dann zu erledigen?

Er wartete gespannt unter der stinkenden Decke auf einen Angriff von Blutfuchs, die Müdigkeit immer wieder von sich abschüttelnd, doch letztendlich hörte er irgendwann ein leises Schnarchen der Heldin, was ihn ebenfalls in einen unruhigen Schlaf sinken ließ.

*

Regentropfen weckten Arian. Gerädert blickte er in den grauen Morgenhimmel. Er hatte fast traumlos geschlafen, nur einmal schien er von seiner Mutter geträumt zu haben. Wie sie mit zertrümmertem Becken unter den Felsbrocken lag und er sich verzweifelt bemühte, die Steine von ihrem Körper zu schieben. Dabei ertönte immer wieder Gudwalds Stimme im Hintergrund. Es wäre besser gewesen, sie hätte dich nie bekommen … niemals!

Seine Augen waren verquollen, er hatte im Schlaf geweint. Als er sich erhob, stellte er fest, dass seine neue Meisterin ebenfalls schon wach war. Blutfuchs hatte bereits den Großteil der Utensilien zusammengeräumt und auf der Kutsche verstaut.

»Binde die Felle wieder ordentlich zusammen und lege sie dann zu dem Leinensack. Vergiss nicht, die Walkdecke auf sie zu legen. Dann wird der Regen sie nicht so schnell durchnässen«, sagte sie, während sie Donnerhuf vor die Kutsche spannte. Als sich Arian zu ihr auf den Kutschbock setzen wollte, winkte sie ab und trug ihm auf, seine alten Kleidungsstücke aufzusammeln und zu vergraben, erst dann durfte er zu ihr hochsteigen. Nachdem er getan hatte, was sie von ihm verlangte, reichte sie ihm eine grüne Bundhaube. »Es ist besser, wenn du deine Ohren verdeckst. Zumindest so lange, bis wir bei der Gilde angekommen sind.«

Arian nahm die Bundhaube entgegen und nickte stumm. Blutfuchs gab Donnerhuf ein Kommando und die Kutsche geriet sofort in Bewegung.