Blutgericht in Nebraska - Patrick J. Grieser - E-Book

Blutgericht in Nebraska E-Book

Patrick J. Grieser

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Beschreibung

Mehr Action und mehr Abenteuer! Entdecken Sie jetzt die Sonderbände der historischen Western-Reihe „Das Gesetz des Westens“!

Klappentext: Zack Tully war einmal der schnellste Revolvermann des Westens – bis ihm ein Killer zwei Finger nahm und ihn zwang, alles mit der Linken neu zu lernen. Auf dem Weg nach Norden verfolgt ihn ein Name, der wie ein Urteil klingt: Rebecca Whitfield. Dann verschlägt es ihn nach Willow Creek, einer Stadt, die über Nacht zur Falle wird: Der deformierte Richter Judge Grime hat das Gesetz an sich gerissen und herrscht mit Angst, Gewalt und käuflicher Gerechtigkeit. Für die Bewohner bleibt nur ein letzter Funken Hoffnung – dass ausgerechnet ein gebrochener Gunman den Mut findet, sich dem Albtraum zu stellen, bevor Willow Creek endgültig verstummt.

Über die Reihe Das Gesetz des Westens: Freuen Sie sich regelmäßig auf die spannendsten Western-Abenteuer diesseits des Mississippi! EK-2 Publishing hat für „Das Gesetz des Westens“ die ganz großen Koryphäen des Western-Genres versammelt. Peter Dubina, John Gray und viele weitere Autoren katapultieren sie direkt ins Geschehen und bescheren Ihnen ein unvergessliches Leseerlebnis.

Laden Sie Ihren Revolver und satteln Sie Ihren Hengst, denn es geht auf eine spannende Reise in den rauen Wilden Westen!

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Patrick J. Grieser

Blutgericht in Nebraska

Ein Mann wie Zack Tully: Band 4

Historische Western-Reihe „Das Gesetz des Westens“

EK-2 Publishing

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Blutgericht in Nebraska

Ein Mann wie Zack Tully: Band 4

von Patrick J. Grieser

1.

Man sagt, dass irgendwann einmal die Zeit kommt, da jeder Revolverschwinger in das Mündungsfeuer der Waffe eines Mannes blickt, der schneller zieht als er selbst. Spricht von jenem Augenblick, in dem die Kugel durch die Luft sirrt und tief in den Körper schneidet. Man den Schmerz spürt, bevor das Bewusstsein den Schuss überhaupt hört.

Da draußen gibt es immer jemanden, der schneller zieht. Egal, wie gut man ist. Nichts ist für die Ewigkeit. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz in der Gilde der Revolverschwinger. Niemand weiß, wann dieser Tag kommt. Doch er wird kommen, das steht außer Frage. Es gibt aber auch Männer in den Weiten der Prärie, die versuchen, sich dieser Tatsache zu verschließen. Es ist eine Art Verweigerungshaltung, denn ihr Verstand kann nicht akzeptieren, dass der Tod eines Tages auch an ihre Tür klopfen wird. Sie streifen daher ruhelos durch das Land und suchen geradezu die Herausforderung. Der Puls beruhigt sich erst, wenn ihr Kontrahent tot im Sand liegt. Erst dann haben sie für einen kleinen Augenblick Ruhe, und ihr Verstand suggeriert ihnen, dass es niemanden gibt, der besser ist als sie. Doch dieser Zustand hält nie besonders lange an. Ein Revolverschwinger kennt keine Ruhe. Er sucht solche Kampfansagen, die Provokationen. Es ist eine Mischung aus Nervenkitzel, gepaart mit kindlichem Trotz und dem Unglauben, dass Leben nur endlich ist, und wir alle nur ein Sandkorn im Stundenglas der Ewigkeit sind.

Zack Tully hat auch versucht, diesem Schicksal zu entfliehen. In den Smokey Mountains wollte er sich damals niederlassen, bei seinem Freund Tom Graham, der ein Stück Land im Misty Valley besaß. Er hatte einen Rückzugsort gesucht, denn er war es leid, sich im ewigen Kreislauf des Lebens mit anderen Männern messen zu müssen. Doch dann waren Colonel Trout und seine Bande gekommen und hatten Tod und Vernichtung über das Land gebracht.

Scheinbar gibt es also ein weiteres ungeschriebenes Gesetz: Keinem Revolverschwinger ist es vergönnt, seinem Schicksal zu entfliehen. Wer davonläuft, wird zwangsläufig von seiner eigenen Vergangenheit wieder eingeholt. Das Bewusstwerden der Endlichkeit des Seins. Und das Wissen, dass irgendwo da draußen der Tod in Gestalt eines anderen Mannes wartet. Die gottverdammte Kugel, die den eigenen Namen trägt …

Mit diesen düsteren Gedanken schläft Zack Tully ein. Er weiß, dass der Traum ihn auch in dieser Nacht wieder heimsuchen wird – so wie in den Nächten davor. Er versinkt in der Schwärze, die all seine Gedanken vergessen lässt. Doch nicht lange. Der Traum wartet schon auf ihn, in den Tiefen seines Unterbewusstseins. Es fühlt sich an, als würde Tully durch ein Portal gleiten, das am Grund seines Ichs auf ihn wartet. Er gleitet hindurch, und der Traum verschmilzt mit seinem Bewusstsein.

Kurzzeitig schwebt er durch das tiefe Dunkel der Nacht, dann schält sich die alte Pueblo-Station aus der Finsternis. Und dann sieht er plötzlich alles ganz klar vor sich. Die Station ist ein richtiges Fort, das sich aus dem staubigen, trostlosen Land erhebt. Die mehrstöckigen Hütten sind allesamt fensterlos und können nur über Leitern betreten werden. Jemand hat vor langer Zeit einen Eingang in die Wände gebrochen, um einen ebenerdigen Zugang zu schaffen.

Tully spürt den Blick des anderen Revolverschwingers in seinem Rücken. Ganz langsam dreht er sich um. Die Pueblo-Station verschwimmt in seinem Gesichtsfeld, wird zu einem milchigen Schleier. Ihm wird schwindlig und er muss vorübergehend die Augen schließen.

Als er sie wieder öffnet, steht er Guy Flemming gegenüber. Der Mann steht im Staub der Einöde, gekleidet in seinen teuren Prinz-Albert-Mantel, und mustert Tully abschätzig. Im Licht der untergehenden Sonne glänzt sein Haar ölig. Seine eisblauen Augen versprechen nichts Gutes. In einiger Entfernung steht ein Junge mit strohblonden Haaren und Augen, die so groß sind, dass sie fast die Hälfte seines schmalen Gesichts einnehmen. Der Junge beißt sich nervös auf die Lippen, als Tully zu ihm hinüberblickt.

Als er wieder in Guys Richtung schaut, nickt ihm dieser kurz zu. »Zack Tully! Ich fürchte, du schuldest mir etwas.«

Tully weiß nicht, ob sein Gegenüber damals wirklich diese Worte ausgesprochen hat, oder er sie nur in seinem Kopf vernahm, denn die Lippen seines Widersachers haben sich nicht bewegt.

Ist das alles nur ein Traum?

Er weiß, dass es ein Traum ist, doch je mehr er sich das einredet, desto mehr ergreift auch die Wirklichkeit wieder von ihm Besitz. Er spürt die Hitze des sterbenden Tages, fühlt den Wind über sein Gesicht streichen. Tully atmet tief ein. Die Luft ist knochentrocken, klar und rein, mit einem Hauch von Staub. Sie ist ein Ebenbild der Kargheit und Einöde dieses Landes. Nur wenn es regnet, legt sich ein süßlich-würziger Duft über das Land, der von den sogenannten Kreosotbüschen stammt. Wenn es nass wird, geben diese Büsche ein geradezu erfrischendes Aroma ab.

Tully will den Revolverschwinger fragen, warum er denn angeblich in seiner Schuld stehe. Er kennt diesen Mann überhaupt nicht. Stattdessen fragt er: »Wer ist Rebecca Whitfield?«

Rebecca Whitfield. Da ist er wieder – dieser Name. Was hat es mit dieser Person auf sich?

Sie hat Guy Flemming beauftragt, Zack Tully zur Strecke zu bringen. Aber warum? Was hat er ihr angetan? Hängt es mit seiner Zeit in Mexiko zusammen? Damals, als er an der Revolution gegen Kaiser Maximilian teilgenommen hatte? Die Schätze hatten ihn gelockt, nicht die Revolution. Er war nie ein Revolutionär gewesen.

Weit über ihnen schreit ein Raubvogel, der sich von einem warmen Wind tragen lässt. Es ist ein Rotschwanzbussard, der für sein heiseres, schreiendes Rufen bekannt ist.

Das ist der Augenblick, in dem die Hände beider Männer zu den Waffen zucken. Es bedarf keiner weiteren Worte. Der Schrei des Rotschwanzbussards ist das Zeichen. Obwohl Tully sagenhafte Reflexe besitzt, fühlt sich die Bewegung an, als würde er seine Hand ins Wasser tauchen, um an seinen Colt Lightning zu kommen. Er ist viel zu langsam.

Er sieht das Mündungsfeuer auf der anderen Seite aufblitzen. Für einen Moment gefriert die Szene zu einem gespenstischen Standbild. Tully hat noch nicht einmal den Colt aus dem Holster gezogen. Seine Bewegung ist erschreckend langsam gewesen. Er sieht am Himmel über sich den Rotschwanzbussard verharren, wie ein dunkles Omen. Bewegungslos.

In Guy Flemmings Gesichtszügen liegt ein verschmitztes Lächeln. Er weiß, dass selbst ein Mann wie Zack Tully keine Chance gegen ihn hat. Flemming hat einmal mehr bewiesen, dass es niemand mit ihm aufnehmen kann.

Und dann sieht Tully die Kugel vor sich in der Luft schweben. Ein Todesbote aus Blei. Er kneift die Augen zusammen und ist sich fast sicher, auf der Hülse in fein ziselierten Buchstaben seinen Namen eingraviert zu sehen. Doch das ist unmöglich.

Tully will aus der Schussbahn hechten, doch er ist ein Gefangener dieser Szene, die noch immer in Zeitlupe abläuft. Seine Muskeln weigern sich, die Befehle seines Verstandes umzusetzen.

Von jetzt auf gleich spürt er einen brennenden Schmerz in seiner Brust. Es fühlt sich an, als hätte jemand einen glühenden Schürhaken in sein Fleisch gerammt. Tully bleibt die Luft weg.

Und plötzlich liegt er auf dem Rücken und starrt hinauf ins Blau des Himmels, wo der Bussard noch immer seine einsamen Kreise zieht. Tully fragt sich kurz, warum er keinen Schuss gehört hat.

Dennoch setzt sich Guy Flemming in Bewegung, schreitet zu ihm hinüber. Tully hört die Stiefel des anderen, wie sie über den Sand schaben.

Er versucht zu atmen, doch das Gefühl, ein unsichtbarer Amboss läge auf seiner Brust, lässt ihn innehalten.

Er wartet darauf, dass Flemming in seinem Gesichtsfeld auftaucht. Die Schritte kommen näher.

»Wer … wer ist …?«, keucht Zack und spürt, wie das Blut aus seinem Mund fließt. Der Scheißkerl hat mir die Lunge zerschossen!

»Wer ist Rebecca Whitfield?«, fragt er, als sich Guy Flemming zu ihm herunterbeugt.

Und in diesem Moment erwacht Tully.

***

Vom Saloon aus kann man auf den Fluss blicken, der seinen Ursprung irgendwo in den Bergen hat und im Süden in den Niobrara River mündet. Unweit des Flussbetts erheben sich mehrere Weidenbäume, die schon hier gestanden haben, als große Teile des Landes noch unbesiedelt waren. Diese alten Bäume, deren Äste wie Lianen herabhängen und deren silbrige Blätter im Wind geheimnisvolle Geschichten erzählen, haben der kleinen Stadt ihren Namen verliehen: Willow Creek.

Arthur Kingsley, der Schmied der Gemeinde, will gerade die Pferde beschlagen, als er den großen Conestoga-Wagen sieht, der sich langsam einen Weg in Richtung Stadt bahnt. Mehrere Reiter, die nichts Gutes verheißen, folgen dem Gefährt. Es sind Dollarwölfe, das sieht jemand wie Arthur Kingsley sofort. Sie reiten für den, der die meisten Dollars in der Tasche hat. Ein Menschenleben ist für diese Kerle nicht viel wert. Sie folgen keinem moralischen Kompass.

Kingsley lässt den schweren Schmiedehammer sinken und beobachtet, wie sich der Conestoga-Wagen den ersten Häusern am Stadtrand nähert. Der Schmied ist ein kräftiger Mann mit einem kahlen Schädel und einem langen, wallenden Schnurrbart, der an die Seelöwen vor der Westküste erinnert. Dicke Muskelpakete zeichnen sich unter der öligen Schürze ab, die er sich übergeworfen hat, und die er selbst noch nach Feierabend im Saloon trägt.

Arthur Kingsley kneift die Augen zusammen. Auf dem Lazy Board des Conestoga-Wagens sitzt ein Männlein, das selbst aus der Ferne äußerst hässlich aussieht. Es kauert zusammengekrümmt auf dem Wagen, ein mächtiger Buckel hat den Körper deformiert.

»Oh, Herr im Himmel!«, entfährt es Kingsley, und er weiß nicht, ob er Ekel oder Mitleid mit dieser Kreatur empfinden soll.

Eine dunkle Vorahnung überkommt den Schmied. Heute Vormittag sind bereits zwei Reiter in die Stadt gekommen.

Sie gehören sicherlich zu der Truppe, die sich gerade einen Weg in die Stadt bahnt. Vermutlich waren sie die Vorhut, die vorangeritten ist, um den Weg auszukundschaften.

Arthur Kingsley kann nur hoffen, dass diese Kerle lediglich auf der Durchreise sind und nicht lange bleiben. Willow Creek ist ein friedlicher Ort. Solche Burschen verheißen im Regelfall nichts Gutes. Kingsley möchte in diesem Moment nicht in der Haut von Town Marshal Walker Thompson stecken. So etwas ist auch einer der Gründe, warum Kingsley immer den Blechstern abgelehnt hat. Er ist jemand, der Ärger aus dem Weg geht.

Früher war er für die Armee geritten, hatte Jagd auf Apachen und zwielichtige Händler gemacht, die Waffen an die roten Teufel verkauft hatten. Was er in diesen turbulenten Zeiten alles erlebt hatte, reichte für mehr als ein Leben.

Er genießt daher seine neue Existenz als Schmied. Willow Creek liegt in der Mitte von Nirgendwo, und das ist auch gut so. Hier ist man unter sich. Fremde machen gewöhnlich einen großen Bogen um die Stadt, denn im Süden liegt Oakhaven, eine der größten Siedlungen im ganzen Umkreis.

Arthur Kingsley verschränkt die Arme vor der mächtigen Brust und beobachtet, wie die Reiter vor dem Double Six Saloon anhalten und ihre Pferde an den Haltestangen vor dem Stepwalk anbinden. Die beiden Kumpane, die vorausgeritten waren, erwarten sie bereits. Eifrig Rufe werden ausgetauscht, dann erscheint der Conestoga-Wagen. Das riesige Gefährt blockiert die ganze Straße vor dem Saloon.

Kingsley sieht jetzt die verkrüppelte Gestalt auf dem Lazy Board viel besser. Er erschrickt bei dem Anblick, denn das Kerlchen sieht aus wie das sagenumwobene Rumpelstilzchen aus den Märchenbüchern der Gebrüder Grimm, die die deutschen Einwanderer Anfang des neunzehnten Jahrhunderts mit in die Neue Welt gebracht hatten.

Das Gesicht wird von einer breiten Nase dominiert. Darunter ein sehr dünner Mund, der zu einem spöttischen Grinsen verzogen ist.

Als die Gestalt zu Kingsleys Schmiede hinüberblickt, läuft ihm ein Schauer über den Rücken. Die Augen haben etwas Raubtierhaftes an sich. Sie sind nicht rund, sondern vielmehr längliche Schlitze. Die Pupillen haben die Farbe von flüssigem Bernstein. Kingsley hatte eine solche Augenfarbe noch nie gesehen. Jetzt ist er ganz sicher, dass eine Art Dämon in diesen Krüppel gefahren ist.

Das ist kein Mensch, der da auf dem Lazy Board sitzt.

Der Schmied bekreuzigt sich, als das Männlein wieder zu den Dollarwölfen blickt, die gerade vor den Wagen treten. Zwei von ihnen gehen einen Schritt nach vorn und reichen der Kreatur ihre Hände, damit sie vom Wagen steigen kann. Sie verhalten sich sehr unterwürfig gegenüber der Gestalt. Sie neigen den Kopf in Richtung Boden, während sie dem Wesen helfen. Auffallend ist die schwarze Kleidung des Gnoms. Hemd und Hose sind schlicht und bestehen aus einem extrem dunklen Stoff. Wenn er nicht so schrecklich aussehen würde, könnte man das Männlein glatt für einen Priester oder Richter halten.

Die Gestalt deutet mit einer fahrigen Geste auf den Kutschbock. Einer der Dollarwölfe nickt und reicht dem kleinen Mann vom Sitz aus einen Colt mit besonders langem Lauf.

Arthur Kingsley zieht überrascht eine Braue nach oben. Es ist ein sogenannter Buntline-Colt, der der verkrüppelten Gestalt gereicht wird. Es gibt nur ganz wenige Exemplare dieses Modells. Das weiß Kingsley, weil er lange genug bei der Armee war und einen solchen Colt dort schon einmal gesehen hat. Der Legende nach bekommen nur Männer, die einen besonderen Ruf haben, ein solches Schießeisen überreicht. Wyatt Earp oder Wild Bill Hickok zum Beispiel.

Wie in Gottes Namen ist diese kümmerliche Gestalt an einen solchen Colt gelangt? Arthur Kingsley schüttelt ungläubig den Kopf.

Das Kerlchen streichelt mit seinen zarten, feingliedrigen Händen, die viel zu lang für den schmächtigen Körper sind, über den Lauf des außergewöhnlichen Colts. Mit den Dollarwölfen im Schlepptau betritt es den Stepwalk, der zum Saloon führt. Die Beine sind viel zu kurz, sodass der aufrechte Gang mehr wie das Watscheln einer Ente aussieht.

Arthur sieht, wie die Männer im Saloon verschwinden, während sich niemand um den Conestoga-Wagen schert, der immer noch mitten auf der Mainstreet steht.

Das wird noch Ärger geben, denkt Kingsley und wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Er möchte wahrhaftig nicht in der Haut von Walker Thompson stecken. Ihn beschleicht die dunkle Vorahnung, dass der Town Marshal früher oder später zu ihm kommen wird.

Zu diesem Zeitpunkt weiß Arthur Kingsley noch nicht, dass er – ähnlich wie der Town Marshal – nur noch wenige Stunden zu leben hat.

***

Zack Tully steht vor dem großen Standspiegel und betrachtet den Mann, der ihm entgegenstarrt. Seit seinem Zusammentreffen mit Guy Flemming hat er sichtlich abgenommen. Ein Mann wie Zack Tully hat noch nie viele Kilos auf den Hüften gehabt, doch jetzt wirkt er regelrecht hager und dürr. Dunkle Augenringe zeichnen sein eingefallenes Gesicht. Der Mutton-Chops-Bart benötigt dringend ein Trimming beim örtlichen Barbier.

Ganz langsam hebt er den rechten Arm in die Höhe. An seiner Hand fehlen der Ringfinger und ein großer Teil des Mittelfingers. Dem Viehdoktor ist nichts anderes übrig geblieben. Die Wunde ist zwischenzeitlich verheilt, doch der seelische Schmerz bleibt nach wie vor. Zack Tully wird niemals mehr mit der rechten Hand seinen Colt ziehen können. Guy Flemming hat ihn seiner außerordentlichen Fähigkeiten als Revolverschwinger beraubt.

Zack trägt den Colt nach wie vor auf der rechten Seite im Holster, doch der Griff weist jetzt in die andere Richtung. Wenn er mit der linken Hand über Kreuz zieht, gelingt ihm das schneller, als würde er sein Holster auf der linken Seite anbringen. Er ist lange nicht mehr so schnell wie früher, und daran wird sich auch nie mehr etwas ändern. Doch so leicht will sich Tully nicht geschlagen geben. Deshalb steht er vor dem Spiegel und zieht immer wieder mit der Linken über Kreuz. Es ist mittlerweile eine nahezu fließende Bewegung. Der Colt wandert mit spielerischer Leichtigkeit in seine linke Hand. Er hat sich vorgenommen, jeden Tag tausendmal vor dem Spiegel zu üben. Immer wieder dieselbe Kombination: Überkreuzziehen mit der linken. Ziehen, zielen … und dann wandert der Colt zurück in den Holster.

Tully zählt dabei von tausend rückwärts. Er zieht schon wesentlich schneller als früher, gleichwohl er mit der linken Schusshand nie ungeschickt war. Doch es fehlen die entscheidenden Millisekunden, die über den Unterschied zwischen Erstklassigkeit und Mittelmäßigkeit entscheiden. Und das wurmt Tully. Noch mehr irritiert ihn allerdings die Tatsache, dass jetzt eigentlich der beste Zeitpunkt wäre, sich auf ein Stück Land zurückzuziehen und seinen Lebensabend zu genießen. So wie er es damals vorgehabt hatte, als er seinen Freund Tom Graham im malerischen Misty Valley in den Smokies besucht hatte, um dessen Land zu erwerben.

Damals … das klingt, als sei es schon Jahrzehnte her.

Er kommt ganz schön ins Schwitzen, während er das perfekte Zusammenspiel zwischen Ziehen und Anvisieren übt. Seine Motorik muss besser werden. Alles wirkt in seinen Augen noch viel zu verkrampft. Tully weiß, dass er in dieser Hinsicht einen fast schon schädlichen Perfektionismus entwickelt hat. Doch diese Art von Genauigkeit braucht er, denn er hat sich in all den Jahren einen gewissen Ruf erarbeitet. Und es gibt da draußen unzählige Revolverschwinger, die sich nur zu gerne mit einem Mann wie Zack Tully messen möchten.

Während er fleißig weiter übt, muss er sich eingestehen, dass es ein Leben nach Guy Flemming gibt. Nur ist dieses Leben um ein Vielfaches gefährlicher geworden. Wenn heute ein junger Hitzeblitz das Duell sucht, wird Tully vermutlich den Kürzeren ziehen.

Nachdem er tausendmal den Colt Lightning über Kreuz gezogen hat, macht er schwer atmend eine Pause. Er geht hinüber zu dem kleinen Nachttisch, auf dem ein Krug mit Wasser samt Schüssel steht. Tully leert den Inhalt in die Schüssel und beginnt, sich zu waschen. Erst das Gesicht, dann den hageren Oberkörper. Zu guter Letzt nimmt er das Handtuch und tupft sich das Gesicht ab.

Ganz langsam marschiert er zurück zum Spiegel und beginnt sich von Neuem zu fixieren, während er sich den Oberkörper abtrocknet. Als er sich erneut genau betrachtet, werden in ihm Erinnerungen an seine Zeit in Knoxville wach. Als junger Revolverschwinger war er von einer Bande Dollarwölfe schwer verwundet worden. Es war eine Mischung aus Selbstüberschätzung, Arroganz und fehlender Erfahrung, die ihn – zurecht – eine Kugel hat einfangen lassen. Er fährt mit der Hand über die rechte Seite, wo sich eine Narbe auf der Haut abzeichnet. Fast sterbend hatte er in einer Gasse gelegen, während sich unter ihm eine riesige Blutlache gebildet hatte. Er lag auf dem Rücken und hatte nach oben in den Himmel geblickt. Links und rechts ragten die Holzhütten in die Höhe, sodass das Himmelszelt nicht mehr als ein breiter Spalt war. Aber ein Spalt voller leuchtender Sterne. Noch nie zuvor hatte er einen so schönen Himmel gesehen. Und dann war dieser Schwarze mit dem Mädchen aufgetaucht. Der Riese hatte ihn ganz sanft emporgehoben, so, als ob er nicht mehr als ein Fliegengewicht war. Der Schwarze und das Mädchen gehörten zu Madame Butterflys Entourage, die eines der größten Bordelle im Bundesstaat Tennessee betrieb. Das Mädchen hörte auf den Namen Amber. Zack hatte nie erfahren können, ob das ihr richtiger Name war. Doch sie hatte ihn gesund gepflegt, und er hatte sich in dem Bordell mehrere Wochen vor seinen Häschern verstecken können. Auch damals hatte er vor einem Standspiegel gestanden und das schnelle Ziehen geübt, denn die Schusswunde hatte ihn für viele Monate außer Gefecht gesetzt. Doch das war eine andere Zeit gewesen. Damals waren noch alle Finger an seiner rechten Hand und er hatte nicht über Kreuz ziehen müssen.

Ein Klopfen reißt Tully aus seinen Gedanken und holt ihn aus Knoxville zurück in das kleine, schäbige Hotelzimmer in Oakhaven.

Automatisch wandert die rechte Hand zu seinem Colt und Tully unterdrückt einen Fluch.

Alte Gewohnheiten sterben wohl nie. Das ist ein Automatismus, den ich wohl mit ins Grab nehmen werde.

Noch bevor er etwas sagen kann, geht die Tür auf. Es ist ein komischer Kauz, der da seinen Kopf in das kleine Zimmer steckt. Und noch sonderbarer ist der dreieckige Hut, den man kein zweites Mal in diesem Land findet. Bei dem Besucher handelt es sich um den deutschen Erfinder Wilhelm Schwinn, der in den vergangenen Monaten zu Tullys Weggefährten geworden ist.

Auch an diesem Morgen trägt Schwinn eine scharlachrote Wollweste über seinem Hemd. Dazu diese lächerlich anmutenden Kniebundhosen aus dunklem Stoff und darunter Wollsocken, die für den Monat Mai viel zu warm sind. Schon jetzt liegen die Temperaturen in Nebraska bei fünfundsiebzig Grad Fahrenheit.

»Guten Morgen, Zack«, begrüßt ihn der Deutsche freundlich und nimmt dabei sogar den Dreispitz vom Kopf. »Ich wollte das Frühstück mit dir einnehmen, aber ich wurde des Wartens überdrüssig und dachte, ich schaue einfach mal nach dem Rechten. Wie ich sehe, hast du wieder einmal vor dem Spiegel geübt.« Er nickt kurz in Richtung des Standspiegels, den Tully vor das schwere Bett mit den vier Messingknöpfen gerückt hat.

»Offen gesagt, habe ich keinen Hunger«, brummt Zack und schlüpft in sein Hemd.

Wilhelm schüttelt den Kopf. »Nicht gut, Zack! Wenn du so weitermachst, wirst du noch genauso dünn werden wie ich.« Die letzten Worte sind keine Übertreibung, denn Wilhelm ist so schlank, dass man bei windigem Wetter förmlich seine Knochen klappern hören kann.

Der Erfinder macht einen Schritt ins Zimmer. Er ist ein schlaksiger Kerl mit langen, dünnen Gliedmaßen, die viel zu lang für seinen Körper sind, der bei jedem Schritt Mühe hat, sich richtig auszubalancieren. Mit einem Ächzen lässt er sich auf dem Bett nieder und starrt Tully erwartungsvoll an.

»Was machen wir hier eigentlich?«, will er von dem Revolverschwinger wissen.

»Ich lecke meine Wunden, was sonst?«

»Es gibt aber weitaus schönere Orte als dieses Drecksloch«, erwidert Wilhelm mit seinem harten Akzent, der gelegentlich ein Lächeln auf Tullys Gesichtszüge zaubert.

»Dir gefällt Nebraska nicht?«

»Oha, es ist ein wildes Land, das sicherlich seinen Reiz hat. Aber dieser Ort drückt schwer auf mein Gemüt.«

Tully steht einen Moment lang da, bevor er beginnt, sein Hemd zuzuknöpfen. Wilhelm beobachtet ihn dabei stillschweigend. Draußen ist der Lärm der Stadt zu hören. Eine Kutsche donnert über die Mainstreet, und die Rufe des Fahrers sind über den Lärm zu hören.

»Du musst noch ein, zwei Tage aushalten, mein Freund«, sagt Tully und klopft Wilhelm auf die Schulter, sodass dieser sichtlich zusammenzuckt.

»Auf wen warten wir, Zack?«

»Auf einen alten Freund aus Texas«, antwortet Tully.

***

Der Mann, auf den Zack wartet, hört auf den Namen Chip Pardo. Er sieht mit seinen schwarzen, fettigen Haaren wie ein Greaser aus. Doch der Eindruck täuscht, denn sein Vater war stolzer Texaner und die Mutter Tochter eines edlen Hidalgos. Er wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass es keine bessere Mischung zweier Völker gibt, und wer ihn einen schmierigen Greaser bezeichnet, der tut dies im Regelfall nur einmal, weil er danach seinem Schöpfergott gegenübertritt.

Pardo trägt zwei Colts Model 1878 an der Seite, welche eine Weiterentwicklung des Colt Single Action Army sind. Die Kolben beider Waffen sind stark abgenutzt – ein Hinweis, dass dieser Mann ein geübter Schütze ist und seine Bleispritzen häufig nutzt. Man sieht den Colt Model 1878 dieser Tage nur selten, denn die meisten Revolverschwinger nutzen den Single Action Army, weil er in den Anschaffungskosten niedriger ist. Das Modell 1878 erregt auf den Straßen zwar Aufmerksamkeit, ist aber letztlich nichts weiter als ein Nischenprodukt hier draußen im Westen.

Chip Pardo bindet sein Pferd an der Haltestange an und blickt hinauf zu der großzügigen Terrasse des Hotels. Das altertümliche Gebäude wurde an einem Steilhang erbaut, sodass man zuerst mehrere Treppenstufen erklimmen muss, um auf diese Terrasse zu gelangen. Von dort oben hat man dann aber einen hervorragenden Blick auf das hektische Treiben der Mainstreet.

Zack Tully steht bereits dort, beide Arme lässig über das Geländer hängend. Er nickt Pardo zu, als dieser zu ihm hinaufblickt.

Bevor Pardo mit seinen prunkvollen Stiefeln mit den hohen Absätzen die Treppenstufen nach oben Richtung Terrasse steigt, lässt er ganz langsam seinen Blick über die Mainstreet gleiten. Er wirkt in diesem Moment wie ein Jagdfalke, der nach einem potenziellen Opfer Ausschau hält. In all den Jahren seiner unrühmlichen Karriere als Revolverschwinger ist nichts von seiner Wildheit, Gnadenlosigkeit und eiskalten Fähigkeit zum Töten verloren gegangen.

Dann steigt Chip Pardo die Stufen nach oben, wobei gleichmäßig das Lied der Klimperanhänger an seinen Sporen erklingt.

»Zack Tully! Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?«, will er von dem Mann am Terrassengeländer wissen.

»Mexiko?«

»Ja, das muss in Mexiko gewesen sein. Junge, es fühlt sich an wie eine halbe Ewigkeit.« Die beiden Männer umarmen sich herzlich, dann weist Tully seinen Gast zu einem der Tische, die vor der großen Pendeltür im Freien stehen. Wilhelm Schwinn erhebt sich von seinem Stuhl und deutet eine Verbeugung an, als Pardo zu dem Tisch schreitet. Dabei stellt er sich so ungeschickt an, dass er fast das Gleichgewicht verliert und auf den Boden gestürzt wäre.

»Great Scott!«, ruft Pardo erstaunt aus und macht einen Schritt zurück. »Was ist das für ein schräger Kerl?«

Tully kann sich nur mühsam ein Lachen verkneifen. »Das ist mein Partner, Wilhelm Schwinn. Er ist zwar ein Tollpatsch vor dem Herrn, aber er besitzt ein Herz aus Gold.« Zack richtet das Wort an Wilhelm: »Wilhelm, das ist Chip Pardo. Ich kenne ihn aus unserer gemeinsamen Zeit in Mexiko.«

»Ah, es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Señor Pardo. Mein Name ist Wilhelm Schwinn, stets zu Ihren Diensten.« Wilhelm hält Pardo die ausgestreckte Hand hin, doch dieser blickt misstrauisch zu Tully. »Wieso redet der Kerl so seltsam?«

»Er ist ein Alemann, den es über den großen Ozean in den Westen verschlagen hat.« Obwohl Wilhelm schon einige Zeit den amerikanischen Kontinent bereist, ist seine fremdländische Herkunft nicht zu überhören. Man hört ihm seinen deutschen Akzent noch immer an.

»Soso, ein Alemann, sagst du?« Pardo kratzt sich am Hinterkopf. Er hebt mahnend den Zeigefinger in die Höhe.

»Ich komme aus dem schönen Odenwald. Schon mal davon gehört? Es gibt viele schöne Flecken auf diesem Erdenball, doch keiner ist so anmutig wie der Odenwald. In den tiefen Wäldern, oberhalb der Hutzwiesen, gibt es …«

»Hoiii, der Kerl hat ein Mundwerk wie ein geschwätziges Waschweib«, stöhnt Pardo. Er lässt sich mit einem Ächzen auf dem Stuhl nieder. Wilhelm hat vor, sich auf den Stuhl neben ihm zu setzen, doch Pardo zieht blitzschnell den Stuhl zur Seite und legt seine Beine mit den schweren Cowboystiefeln auf die Lehne. Zwangsläufig muss sich Wilhelm einen Stuhl vom Nachbartisch holen.

Tully lässt sich gegenüber des befreundeten Revolverschwingers nieder.

»Ich habe deine Nachricht vor einer Woche erhalten. By Gosh, ich konnte nicht glauben, dass jemand wie Zack Tully nach Nebraska kommt.« Pardo macht mit der rechten Hand eine ausschweifende Bewegung, die die nähere Umgebung einschließen soll. »Schau dich um, Zack! Wir sind hier am Arsch der Welt. Was zum Teufel machst du hier in diesem gottverdammten Niemandsland? Ich dachte, ich sehe nicht richtig, als ich deine Nachricht erhalten habe.«

Tullys Miene wird ernst. »Chip, ich benötige deine Hilfe!«

Pardo beugt sich interessiert nach vorn. »Ich bin ganz Ohr, Kumpel.«

»Sagt dir der Name Rebecca Whitfield etwas?«

Sein Gegenüber denkt einen Moment lang nach, schüttelt dann den Kopf. »Nein, ich fürchte nicht.«

Daraufhin beginnt Tully von seinem letzten Abenteuer zu erzählen. Dass ihn eine Frau namens Rebecca Whitfield unter die Erde bringen wollte, nicht ohne ihn vorher noch schön leiden zu lassen. Dass diese Frau keine Mühen und Kosten gescheut hat, um ihn von Guy Flemming jagen zu lassen. Und dann, wie Tully an der alten Pueblo-Station dem Kopfgeldjäger begegnet ist, und dieser ihm während eines Duells zwei Finger weggeschossen hat.

Als Tully seinem ehemaligen Weggefährten seine Hand mit den amputierten Fingern zeigt, weiten sich dessen Augen.

»Holy Shit! Zack! Du wirst nie mehr mit rechts eine Bleispritze führen können«, spricht Pardo das Offensichtliche aus. Da ist kein Mitleid in seinen Augen, denn er weiß, dass Tully ein harter Hund ist und sich mit der Situation arrangieren wird.

»Wie sieht es mit der linken aus?«, fragt er nach einem unangenehmen Moment der Stille.

»Ich übe vor dem Spiegel. Jeden Morgen.«

Pardo nickt zufrieden. »So ist es richtig. Nur nicht aufgeben.«

»Ich hatte gehofft, dass du vielleicht etwas über Guy Flemming und Rebecca Whitfield herausfinden kannst«, meint Zack.

Ein Grinsen schleicht sich in Chip Pardos Gesicht. »Da bist du bei mir an der richtigen Adresse.«

Tullys ehemaliger Weggefährte arbeitet für die Pinkerton’s National Detective Agency, eine private Detektei, die im Jahre 1850 in Chicago von dem schottischen Einwanderer Allan Pinkerton gegründet wurde. Die Pinkertons haben sich auf die Verbrechensbekämpfung spezialisiert und werden häufig von den großen Eisenbahngesellschaften und Expressunternehmen engagiert. Das Unternehmen hat Kontaktmänner auf dem ganzen Kontinent. Wenn also jemand etwas über Rebecca Whitfield herausfinden kann, dann Tullys Freund Chip.

»Ich werde für dich Nachforschungen anstellen, was diese Rebecca Whitfield betrifft«, sagt Chip mit ernster Miene. »Aber ich sage dir eins, mein Freund! Du steckst bis zum Hals in Schwierigkeiten, wenn jemand Guy Flemming angeheuert hat, um dir das Leben zur Hölle zu machen.«

»Wer ist der Kerl?«, will Tully von seinem Freund wissen.

»Er ist der Albtraum, der auch den besten Revolvermann verfolgt«, erklärt Pardo. »Er steht in der Rangliste ganz oben.«

Tully zuckt mit den Schultern. »Hab nie von dem Kerl gehört.«

»Wo hast du dich in den vergangenen Jahren nur herumgetrieben, Zack?«

Bevor Zack etwas erwidern kann, werden die Türen des Saloons aufgestoßen und ein krummbeiniger Bursche mit einem Besen in den Händen tritt nach draußen auf die Terrasse. Er hat diese typischen O-Beine, die von einem langen Leben im Sattel zeugen. Vermutlich hat er viele Jahre auf einer Ranch als Cowboy gearbeitet, ehe er für diese Art von Arbeit zu alt wurde, und muss jetzt als Saloonfeger seinen Unterhalt verdienen.

Pardo winkt den Mann zu sich. »Ich will etwas trinken, Amigo.« Er deutet auf Zack und Wilhelm. »Und diese beiden Männer hier auch.«

Der Saloonfeger mustert ihn aus kleinen, dunklen Augen. Er denkt nach. Offensichtlich weiß der Mann vor ihm nicht, dass es nicht zu den Aufgaben eines Fegers gehört, Drinks zu ordern und dann auch noch nach draußen zu bringen. Doch als der alte Mann Chip und Zack sieht, merkt er, dass mit diesen beiden Kerlen nicht zu spaßen ist.

»Aber natürlich. Was darf es denn sein, Gentlemen?«, fragt er mit einer rauchigen Stimme.

»Whiskey für meinen Freund und mich«, meint Pardo und deutet mit dem Daumen auf Tully. Dann blickt er unsicher in Wilhelms Richtung, der gelangweilt seinen Kopf auf einer Hand abstützt und die Mainstreet beobachtet.

»Und was möchtest du, Amigo?«

Wilhelm nimmt sofort den Arm vom Tisch und beugt sich nach vorn.

»Glauben Sie, dass es hier frisch gepressten Apfelsaft gibt?«

Pardo schaut den Erfinder an, als sei dieser als Kind einmal zu heiß gebadet worden.

»Ähm, okay … er nimmt auch einen Whiskey«, sagt Pardo und schüttelt ungläubig den Kopf. Der Saloonfeger stellt den Reisigbesen neben die Pendeltüren und verschwindet im Inneren.

»Dieser Guy Flemming ist vermutlich ganz in der Nähe«, meint Pardo und lässt seinen Blick langsam über die Mainstreet gleiten. »Der beobachtet uns vielleicht in diesem Moment und lacht sich gerade so richtig ins Fäustchen.«

»Was macht dich da so sicher? Du kennst ihn also?«

Pardo schüttelt den Kopf. »Wer Bekanntschaft mit Flemming macht, schaut in die Mündung seiner Waffe, noch bevor er selbst schussbereit ist. Der Kerl ist ein Killer. Und zwar ein verdammt guter.«

Der alte Mann mit den krummen Beinen kommt aus dem Saloon und stellt eine Flasche Whiskey mit drei Gläsern auf den Tisch. Die Gläser haben einen milchigen Schleier, eines hat einen Sprung am Rand, sodass eine scharfe Kerbe entstanden ist, an der man sich die Lippe aufschneiden kann, wenn man nicht aufpasst.

Tully will zu seiner Brusttasche greifen, die er unter seinem Hemd trägt, doch Pardo hebt die Hand und schüttelt kaum merklich den Kopf.

»Ich zahle. Du wirst mir einen Haufen Geld schulden, wenn ich mit meinen Nachforschungen fertig bin.«

»Was bekommst du für die Flasche, Oldtimer?«

»Fünf Dollar, Sir!«

»Fünf Dollar?«, wiederholt Pardo ungläubig.

»Das ist kein schäbiger Rotgut-Whiskey, Sir! Hier finden Sie keinen Fusel, der anständiger als dieser hier gealtert ist.«

Pardo zählt das Geld ab und drückt dem Saloonfeger noch zusätzlich ein Dollarstück in die Hände. »Das ist für dich.«

Der Oldtimer weiß die Geste zu schätzen und verbeugt sich so tief vor Pardo, als hätte er den König von England am Tisch sitzen. »Danke, Sir! Danke!« Anscheinend wird hier nicht oft Trinkgeld gegeben, was aber auch kein Wunder ist, denn Nebraska ist kein bedeutender Bergbaustandort für Gold oder Silber. Gold findet man höchstens in einer Handvoll Flüsse wie dem North Platte River. Doch die Konzentration ist nicht ausreichend genug für den kommerziellen Bergbau, denn das wenige Gold wird von den Rocky Mountains eingeschwemmt.

Pardo schenkt den beiden Männern die Gläser voll. Wilhelm gibt dem Mann mit der Hand zu verstehen, dass er nicht so viel von dem Teufelszeug trinken möchte, doch Pardo ignoriert ihn geflissentlich und füllt das Glas randvoll. Danach macht er sein eigenes Glas voll.

Tully hebt feierlich sein Glas in die Höhe. »Auf dich und deine Nachforschungen, Chip.«

»Yeah.«

»Prost«, meint Wilhelm und will mit den beiden anstoßen, doch Tully und Pardo haben bereits die Gläser an ihre Lippen gesetzt und sie in einem Zug geleert.

»Hoiii, schmeckt das Zeug beschissen«, meint Pardo und verzieht das Gesicht. »Ich habe Pulque in Mexiko getrunken, der hat besser geschmeckt.«

»Seit wann trinkst du Whiskey wegen des Geschmacks, mein Freund?«, fragt Tully und schlägt seinem Freund auf die Schulter.

»Wo du recht hast, hast du recht. Ein Mann trinkt wegen der Wirkung und nicht wegen des Geschmacks. Wir sind doch keine gottverdammten Tingeltangelmädchen!«

Pardo schenkt ein zweites Mal die Gläser voll. Er knurrt böse, als Wilhelm sein Glas wegzieht, das noch mehr als halb voll ist.

»Hast du vor, die nächsten Wochen und Monate hier in Oakhaven zu bleiben?«

»Nein, hier hält mich nichts. Ich werde die nächsten Tage weiterziehen. Richtung Oak Willow … und dann mal schauen.« Dieses Mal nimmt Tully nur einen kurzen Schluck von seinem Whiskey.

»Wo werden wir uns treffen, Chip?«

Pardo runzelt einen Moment lang gedankenversunken die Stirn. »Gib mir sechs Monate. Ich benötige achtzehn Tage bis zur Pinkerton-Niederlassung in Chicago. Vermutlich eher zwanzig Tage, wenn ich meinem Gaul ausreichend Ruhe gönne.«

Sechs Monate sind eine verdammt lange Zeit in einem Land, wo jeder Tag für einen Revolverschwinger der letzte sein kann. Doch Zack Tully ist ein geduldiger Mensch. Er kann warten.

»Sechs Monate, also«, sagt Tully und nickt bedächtig. »Und? Wo werden wir uns treffen?«, erkundigte er sich erneut.

Chip tippt mit dem Zeigefinger auf die unebene Tischplatte vor sich. »Genau hier!«

»Einverstanden!«

Sein Gegenüber klopft ihm zufrieden auf die Schulter. »Also gut. Und jetzt lass uns trinken und ein wenig in den Erinnerungen von damals schwelgen.«

2.

Als der Gnom mit seinen Leuten den Saloon betritt, verstummen schlagartig alle Gespräche. Selbst der Klavierspieler macht einen ziemlich lange andauernden Aussetzer, ehe er mit der dritten Strophe von The Yellow Rose of Texas fortfährt.

Die Männer und Frauen schauen gespannt zu der zwergwüchsigen Gestalt, die einen Ehrenplatz in jedem Wanderzirkus oder Kuriositätenkabinett bekommen hätte. Eines der Flittergirls an der Bar hebt entsetzt eine Hand vor den Mund.

Judge Grime genießt die Blicke der anwesenden Gäste, als er langsam auf die Bar zuschreitet. Eine Mischung aus Verachtung, Ekel und Mitleid schlägt ihm aus jeder Ecke des Saloons entgegen. Früher haben solche Blicke wie Feuer in seiner Seele gebrannt, doch heute ist er stolz darauf. Er genießt diese Art der Aufmerksamkeit. Kein Artist oder Spielmann auf der Bühne kann die Menschen mit seiner Präsenz so fesseln wie er. Und er spürt noch etwas anderes in den Blicken der Gäste: Angst. Ja, die Leute fürchten diese Kreatur, die er für sie darstellt.

Lässig lässt Judge Grime den Buntline-Colt über die Schulter baumeln. Seine Männer postieren sich rechts und links vom Eingang der Bar, die Hände ruhen auf ihren Colts.

Der Mann am Klavier entlockt den Tasten einige missmutige Töne. Man kann nur noch mit viel Fantasie erkennen, dass er jenes symbolträchtige Lied spielt, das wie kein anderes für die Geschichte von Texas steht. Zu sehr ist die Aufmerksamkeit des Musikers auf die Gestalt vor ihm gerichtet.

Judge Grime dreht sich einmal im Kreis, um die Anwesenden genauer ins Visier zu nehmen. Die Leute weichen seinen Blicken aus. Die Kartenspieler in der Ecke starren gebannt auf ihre Karten. Die Flittergirls haben plötzlich nur noch Augen für ihre rot lackierten Nägel. Und die restlichen Gäste sehen auf einmal Dinge auf dem Boden ihres Glases, die faszinierender sind als die verkrüppelte Gestalt vor ihnen. Niemand will den Blick dieses raubtierhaft wirkenden Wesens erwidern. Einige bekreuzigen sich hastig, als sein eisiger Blick weiterwandert.

»Hör auf zu spielen!«, fordert Judge Grime den Klavierspieler auf, und der Mann nimmt sofort die Hände von den Tasten. In den Augen des Gnoms blitzt es tückisch auf.

Niemand wagt es, etwas zu sagen. Eine angespannte Stille legt sich über den Schankraum.

»Der Herr liebt Ordnung. Und eine solche Ordnung braucht einen Mann, der sie gnadenlos durchsetzt. Dieser Mann bin ich«, sagt Grime und hebt dabei beschwörend die Hände. »Mein Name ist Judge Grime, und ich bringe die Gerichtsbarkeit nach Willow Creek. Dieser Ort steht ab sofort unter meinem Schutz.«

Schweigen – im ganzen Saloon. Die ausweichenden Blicke der Anwesenden sprachen Bände.

»Mit sofortiger Wirkung erkläre ich dieses Land zu einem eigenständigen County. Die Gerichtsbarkeit liegt allein bei mir. »Ladys und Gentlemen … haben Sie das verstanden?«

Als niemand antwortet, nickt Judge Grime zufrieden. »Nebraska endet ab heute an dieser Straße. Fortan gilt hier mein Gesetz. Willkommen in Grime County!«

Langsam dämmert den Männern und Frauen im Saloon, was dieses kleine, verkrüppelte Männlein mit dem schweren Buntline-Colt da sagt: Was bis eben noch ein freies Dorf war, existiert ab diesem Moment nur noch dem Namen nach.

»Für euch wird sich einiges ändern, aber der Himmel …«, Judge Grime starrt nach oben in Richtung Holzdecke, »… der Himmel wird der gleiche bleiben.«

Seine Revolverschwinger lachen dreckig bei den Worten.

»Wer sich der hohen Gerichtsbarkeit und mir als seinem ehrenwerten Richter widersetzt, der hat sein Leben verwirkt.«

»Was soll das heißen, Mister?«, will ein bärtiger Kerl wissen, der mit seinem Wildlederanzug aus der Menge heraussticht. Er hat die Arme über seiner Brust verschränkt und ist der einzige, der genug Mumm in den Knochen hat, um den kreatürlichen Blick des Gnoms zu erwidern.

»Ihr werdet mich mit Euer Ehren ansprechen, unflätiger Bursche«, meint Judge Grime erbost, der es offensichtlich nicht gewohnt ist, einfach nur mit Mister angesprochen zu werden.

»Einen Scheiß werde ich! Dies ist ein freies Land und …«, donnert der Mann und will noch etwas sagen, doch Judge Grime reagiert blitzschnell. Der lange Buntline-Colt verschwindet in seinem Schulterholster, dann macht Judge Grime einen Ausfallschritt zur Seite. Dort befindet sich ein massiver Holzbalken, der das Dach des Saloons stützt. Judge Grime greift mit seinen klauenartigen Händen nach dem Balken und klettert wie ein Artist nach oben. Eigentlich ist es ein Ding der Unmöglichen, den Balken auf diese Art und Weise zu erklimmen, doch Judge Grime beweist das Gegenteil. Seine Finger mit den spitzen Nägeln krallen sich ins Holz und die Beine suchen Halt in den Ritzen. Er kletterte hoch, schief und falsch. Er sieht dabei aus wie eine Krabbe, oder eine Spinne … jedenfalls etwas, das lieber an den Wänden oder in dunklen Ritzen lebt als unter Menschen.

Mit einer Hand hängt er nun am Balken, während ein Raunen durch die Menge geht. Mit der anderen Hand zieht er jetzt den schweren Buntline-Colt wieder aus dem Schulterholster. Ganz kurz sieht es aus, als würde er abrutschen, doch Judge Grime fängt sich sofort wieder. Da die langläufige Waffe ein Single-Action-Colt ist, hakt der Richter den Hahn kurz an seinem Gürtel ein. Es ist ein ruckartiger Zug nach unten, wobei das Metall über Leder schabt und von einem Klicken begleitet wird. Der Revolver liegt nun gespannt in der Hand des gnomenhaften Mannes. Das dünne Ärmchen zittert, doch die Mündung findet konsequent ihr Ziel in der Gestalt des bärtigen Kerls an der Theke. Eine Feuerzunge stößt aus dem länglichen Lauf hervor und der Mann an der Bar wird wie von einer unsichtbaren Faust getroffen. Der Druck hebt ihn in die Luft und er segelt in einem Halbbogen über den Tresen. Der Körper des Mannes landet in dem Regal hinter dem Ladentisch. Flaschen gehen mit einem lauten Klirren zu Bruch und Bretter zersplittern. Die zerstörte Regalwand sieht von einem Moment auf den anderen aus, als habe man einen Eimer roter Farbe auf ihr entleert.

Langsam gleitet der Körper des Bärtigen nach unten, ehe er hinter dem Tresen und aus den Blicken der Gäste entschwindet. Die eintretende Stille ist dem lähmenden Entsetzen der Männer und Frauen geschuldet, deren Gehirne noch gar nicht richtig verstanden haben, was sich soeben hier abgespielt hat. Vor ihren Augen ist gerade ein Mann kaltblütig niedergemetzelt worden.

Ein leises Schaben auf dem Holzboden ist zu hören. Es sind die Stiefel des Toten, die dieses grauenhafte Geräusch erzeugen, da der Körper noch nicht gänzlich realisiert hat, dass sämtliches Leben bereits aus ihm entwichen ist.

»Das Hohe Gericht erkennt diesen Mann als schuldig. Die Strafe wurde soeben vollzogen«, krächzt Judge Grime und lässt dabei den Lauf seines Buntline-Colts über die entsetzten Gesichter der Anwesenden wandern. Die Revolverschwinger haben ebenfalls ihre Bleispritzen gezogen und auf die Menge gerichtet.

»Noch jemand, der auf sein Recht zu leben verzichten möchte?«, will Judge Grime wissen, und in seinen Augen funkelt es böse.

»Wie ich bereits sagte: Ab sofort seid ihr alle Teil meines glorreichen Countys! Die Regeln sind simpel: Widerspruch wird als eine Art Schuldeingeständnis gewertet. Flucht als Geständnis.«

»Judge Grime, wir legen unser Schicksal in deine Hände«, sagt jemand aus den hinteren Reihen.

Judge Grime starrt in die Richtung, aus der die Worte gekommen sind. Er erblickt einen jungen Mann, der nicht mehr als zwanzig Sommer zählt. Es ist eigentlich ein gut aussehender Bursche, wäre da nicht die tiefe Narbe, die sich über seine rechte Wange zieht. Der Fremde holt tief Luft, ehe er weiterspricht: »Wir sind ein friedlicher Ort und wollen keinen Ärger.« Er gibt sich sichtlich Mühe, dass seine Stimme nicht zittert, doch seine Augen verraten ihn. Der junge Mann hat große Angst.

»Wie ist dein Name, mein Sohn?«, will Judge Grime von ihm wissen.

»Malcolm, Euer Ehren!«

Ein vergnügtes Lächeln schleicht sich in die koboldhaften Gesichtszüge des Richters.

»Malcolm … du gefällst mir.«

Der Angesprochene erwidert unsicher das Lächeln der spinnenartigen Kreatur, die noch immer im Gebälk hängt und zu ihm spricht.

»Du kommst von hier?«

»Ja, ich bin hier geboren. Mein Vater betreibt den General Store.«

»Den General Store, eh?«

»Ja.«

Judge Grime schweigt einen Moment. Dann wendet er das Wort an einen der Revolverschwinger, die sich an der Pendeltür positioniert haben und noch immer ihre Revolver auf die Besucher richten. »Miquel, ich möchte, dass du Bruce suchst und mit ihm zusammen dann dem General Store einen kleinen Besuch abstattest. Sei so lieb und erkläre dem Vater von Malcolm, dass sich hier einige Dinge grundlegend ändern werden. Im Wagen findest du eine Liste mit Dingen, die wir brauchen. Falls sich Malcolms Vater weigern sollte oder gar Geld für seine Waren verlangt, dann jage ihm bitte in meinem Namen eine Kugel in den Kopf.«

Judge Grime sieht aus dem Augenwinkel, wie sich das Gesicht von Malcolm entsetzt verzieht.

»Euer Ehren, wenn Ihr mir gestattet, dann begleite ich diesen Gentleman und erkläre meinem Vater die … ääähh … neue Situation«, sagt Malcolm mit flehendem Unterton in der Stimme.

»Du magst deinen Vater, wie?«

Malcolm versucht einmal mehr zu lächeln, doch es wird nur eine furchtbar verzerrte Grimasse daraus.

»Das ist gut. Ein Mann, der seinen Vater achtet, versteht Ordnung«, erklärt der Richter. »Das sind Werte, auf denen dieses großartige Land gebaut wurde.«

Malcolm macht einen Schritt in Richtung des Revolvermannes, wird aber sofort scharf von Judge Grime zurückgepfiffen.

»Mein Sohn, nur ich gebe die Erlaubnis, meinen Gerichtssaal zu verlassen! Verstanden?«

»Entschuldigung, Euer Ehren.« Malcolm schluckt schwer.

»Also gut, wer hat hier das Sagen in dieser Stadt?«, fragt Judge Grime. Es grenzt fast schon an ein Wunder, dass dieses dürre Kerlchen noch immer an dem Stützpfeiler hängt. Woher nimmt es nur die Muskelkraft?

»Town Marshal Walker Thompson, Euer Ehren«, erwidert Malcolm ernst. »Sein Office liegt am anderen Ende der Main Street.«

»Ich glaube, ich habe sein Haus bereits gesehen, als wir hier Halt machten.«

»Auf der linken Straßenseite, Euer Ehren! Ihr könnt es gar nicht verfehlen. Es ist das einzige Gebäude mit Gittern vor den Fenstern.«

»Ich werde dem Town Marshal einen Besuch abstatten«, meint Judge Grime – mehr zu sich als zu den Anwesenden. »Der Marshal hat die Wahl, sich dem Hohen Gericht anzuschließen oder eben nicht.«

Damit ist für Judge Grime alles gesagt und er klettert wieder nach unten. Er steigt aber nicht herab, sondern krabbelt vielmehr wie eine Spinne, die die Sicherheit ihres Netzes verlässt, auf den Boden zurück. Seine Beine und Arme suchten Halt wie animalische Glieder, die nie für einen aufrechten menschlichen Körper gedacht waren.

***

Town Marshal Walker Thompson lehnt mit dem Rücken am Geländer, das den Stepwalk vor dem Jail umgibt. Er ist ein hagerer Mann, an dem kein Gramm Fett zu viel ist. Das Gesicht ist vom Destillengeist gezeichnet, doch der Marshal hat noch rechtzeitig den Absprung geschafft, ehe der letzte Zug nach Westen Gelegenheit hatte, ihn auf die lange Reise ins Nichts mitzunehmen. Seit drei Jahren hat er nun schon keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Doch jetzt, wo er vor seinem Office steht und die dunklen Gestalten sieht, die sich wie eine biblische Plage über den kleinen Ort ausbreiten, packt ihn das erste Mal seit langer Zeit wieder das Verlangen, einen Tropfen aus der Flasche zu nehmen, die er in der untersten Schublade seines Schreibtisches gebunkert hat.

Angespannt leckt er sich über die Lippen, als könne er den rauchigen Film schmecken, der zurückbleibt, wenn man einen großzügigen Schluck aus der bernsteinfarbenen Flasche nimmt.

Er weiß, dass es Ärger geben wird. Diese Kerle verheißen nichts Gutes für Willow Creek. Er kann nur hoffen, dass sie schnell weiterziehen und nur auf der Durchreise sind. Er würde drei Kreuze machen, wenn es nur bei einer Schlägerei im Saloon bliebe. Er würde großzügig darüber hinwegsehen – Hauptsache, diese wilde Horde wäre gleich wieder verschwunden.

Der Town Marshal ist so auf die Kerle fixiert, dass er Arthur Kingsley, den Schmied von Willow Creek, gar nicht kommen sieht. Erst als dieser den Stepwalk betritt und sich zu Thompson gesellt, schaut dieser über die Schulter.

»Das sieht nach Ärger aus, Arthur«, spricht Thompson das Offensichtliche aus.

»Unter ihnen ist ein hässliches Männlein, das aussieht wie ein Kobold.«

»Ich habe ihn gesehen. Könnte der Anführer dieser komischen Truppe sein.«

»Wir müssen etwas unternehmen, Wally«, meint Arthur, und seine Hände umschließen den Schmiedehammer so fest, dass die weißen Knöchel unter der Haut sichtbar werden.

»Diese Kerle sind uns zahlenmäßig weit überlegen«, erwidert Thompson nach einer langen Pause. Er deutet auf eine Reihe von Conestoga-Wagen, die sich dem Dorf nähern. »Sieh mal, es kommen sogar noch mehr von dieser Sorte.«

»Wer sind die?«

Der Town Marshal zuckt mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung.«

»Du wirst rübergehen und mit ihnen reden müssen.«

Thompson starrt einige Augenblicke lang auf den Blechstern, der an seinem Hemd befestigt ist. »Muss ich das wirklich, Arthur?«

Arthur Kingsley lacht laut auf. »Wally, du bist der gottverdammte Marshal, nicht irgendein dahergelaufener Zuschauer, der sich da raushalten kann. Geh rüber und sieh nach, was da los ist.«

Der Town Marshal beißt sich nachdenklich auf die Lippen, eine Falte entsteht auf seiner langgezogenen Stirn. »Du brauchst mir nicht zu sagen, wie ich meinen Job zu machen habe. Ich weiß, was es heißt, dieses Stück Blech am Hemd zu tragen. Die Leute erwarten, dass ich meinen Job mache – sonst tut’s nämlich keiner.«

Kingsley legt seine massige Hand auf Thompsons Schulter. »Okay, pass auf: Wir gehen beide da rüber und schauen nach dem Rechten.«

Dieses Mal ist es Thompson, der lacht. Er deutet auf den massiven Hammer, den Kingsley in der Hand hält, als sei er nicht mehr als eine riesengroße Zuckerstange. »Und du glaubst, du kannst die Kerle damit einschüchtern.«

»Ich kann zumindest ein paar Schädel einschlagen, wenn es hart auf hart kommt«, brummt Kingsley lakonisch.

»Eher fängst du dir eine Kugel ein.«

»Wäre nicht die erste«, entgegnet der Schmied, der früher einmal bei der Armee gedient hat und weiß, wie es ist, sich ein Stück Blei einzufangen.

Der Town Marshal will sich gerade ein Stück Kautabak in den Mund schieben, da ertönt aus Richtung des Saloons ein Schuss. Jemand hat einen Colt abgefeuert.

Die beiden Männer starren sich wortlos an, dann sagt Kingsley ein weiteres Mal zu dem Gesetzeshüter: »Wir müssen da rüber, Wally!«

Einen Moment lang spielt Walker Thompson mit dem Gedanken, noch schnell ins Office zu gehen, um die unterste Schublade zu öffnen. Dort, wo die bernsteinfarbene Flasche mit dem goldenen Etikett liegt. Es wäre der erste Tropfen Alkohol nach drei Jahren.

Drei verdammte Jahre!

Es kommt ihm wie eine halbe Ewigkeit vor. Am Anfang hat er mit den Dämonen in der Flasche gerungen. Er hätte sich niemals gedacht, dass es so schwer sein würde, auf einen Schluck Whiskey zu verzichten. Damals hatte er die Flasche immer wieder aus der Schublade geholt und gegen das Bürofenster gehalten, sodass das Mondlicht sie in einen silbrigen Glanz hüllen konnte. Ja, die Versuchung war jedes Mal groß gewesen, doch er hatte ihr standgehalten. Wie genau er das gemacht hatte, konnte er sich im Nachhinein selbst nicht mehr erklären. Aber da war ein unbändiger Wille in ihm gewesen, der ihn hatte durchhalten lassen. Und nach einem halben Jahr hatte er die Flasche nicht einmal mehr aus der Schublade geholt.

Vielleicht liegt sie gar nicht mehr in meinem Schreibtisch, denkt Thompson. Möglicherweise hatte sich sein Deputy Jimmy, der letztes Jahr an Keuchhusten verstorben ist, klammheimlich die Flasche Whiskey einverleibt, wohlwissend, dass Thompson ihr schon so lange keine Beachtung mehr geschenkt hat.

Der gute alte Jimmy …

Ihm wäre so etwas tatsächlich zuzutrauen gewesen. Sollte er vielleicht doch mal bei Gelegenheit nachschauen?

»Äh, Wally …?«, drängte Arthur seinen alten Freund.

Der Town Marshal schreckt aus seinen Gedanken hoch. Er blickt kurz auf den Stern an seiner Brust, nur um sicherzugehen, dass dieser noch an seinem Hemd befestigt ist. Einmal mehr wird er daran erinnert, welchen Job er übernommen hat.

Jimmy hat der Keuchhusten dahingerafft, und er fragt sich in diesem Augenblick, ob es eine Kugel Blei sein wird, die seinem Leben ein unrühmliches Ende bereitet.

Walker nickt dem Schmied zu. »Gehen wir!«

Oh, Herr im Himmel!, sendet der Town Marshal ein Bittgebet nach oben. Lass uns heil aus dieser Sache herauskommen! Ich werde die Flasche Whiskey auch nicht anrühren! So, wie ich es dir damals versprochen habe!

***

Willow Creek mag ein verschlafenes Nest sein, dennoch ist der örtliche General Store besser bestückt als so mancher Laden in den Städten jenseits des Niobrara Rivers. Dieser Umstand ist einer Frachtroute der Western Stage Company geschuldet, die durch Willow Creek weiter nach Oakhaven führt. Die Western Stage Company hat in dem kleinen Ort keine Niederlassung und es gibt auch keine Relaisstation für die Pferde, doch Tom Muller zahlt dem Fahrer und dem Shotgun-Mann ein ordentliches Handgeld, wenn sie kurz bei seinem Store anhalten, um den Handelsagenturen einen Teil der Ware abzukaufen, die eigentlich für Omaha, Nebraska City und Fort Kearny vorgesehen ist.

In diesem Store gibt es alles, was das Herz begehrt: getrocknetes Fleisch wie Bacon oder Beef Jerky, Hülsenfrüchte, Mehl, Zucker, Salz, Kaffee, Tee, aber auch Haushaltswaren wie Kerzen, Lampen, Öl oder Töpfe in verschiedenen Größen, die das Herz jedes Pfannenschwenkers höher schlagen lassen. Und natürlich auch Waffen und Munition.

Tom Muller hat sich hier gar fürstlich eingerichtet. Er ist der einzige Geschäftsmann in Willow Creek, und seine Familie zählt zu den wohlhabendsten im ganzen Umkreis.

Das Glöckchen klingelt hektisch, als die Tür zum Store aufgerissen wird. Helen Muller war in ihrem Ohrensessel hinter der Theke eingeschlafen. Das Klingeln holt sie abrupt zurück in die Realität. Aufgeregt schaut sie in Richtung Tür, die von den schwer beladenen Regalen größtenteils verdeckt wird. Die kleine Glocke kann nur eines bedeuten: neue Kunden!

Wenn man Tom Mullers Laden betritt, fällt als allererstes der Geruch auf, der wie ein unsichtbarer Schleier über dem Reich des Gemischtwarenhändlers hängt. Es riecht nach Kaffee und Staub, in denen sich das Aroma von frisch aufgerissenen Mehlsäcken sowie die süße Note von Melasse mischt. Der Town Marshal meinte einmal, es würde in den Gängen mit den hohen Regalen nach allem riechen, was man zum Überleben braucht. Und damit hat er verdammt nochmal recht.

Helen Muller ist mit ihren großen Mondaugen und dem kastanienfarbenen Haar, das auf der rechten Seite über ihre Schulter fällt, eine schöne Frau. Sie hat einen wohlgeformten Busen, der sich unter dem karierten Kleid deutlich abzeichnet. Sie wäre für jeden Mann in Willow Creek die perfekte Partie, denn mit ihr bekommt man nicht nur eine schöne Frau, sondern gleich das finanzielle Polster mit dazu. Eigentlich gehört diese Frau auf das Tanzparkett der großen Häuser an der Ostküste. Sie hat hier draußen im Nirgendwo von Nebraska nichts verloren. Doch so einfach ist es dann doch wieder nicht, denn wenn man sich als Mann erst einmal an ihren schönen Brüsten sattgesehen hat (denn da schauen die wilden Kerle sofort hin), dann fällt einem irgendwann der schwachsinnige Ausdruck in ihrem ansonsten makellosen Gesicht auf. Der Mund ist meistens leicht geöffnet und die Augen sind nicht von der Geistesklarheit, wie man sie von einem erwachsenen Menschen erwarten würde. In Helen steckt ein kleines, wehrloses Kind im Körper einer erwachsenen Frau.

»Daaaaaaad, Daaaaaad!«, ruft sie und klatscht in ihre Hände. Ein Speichelfaden fließt aus ihrem Mundwinkel – das passiert oft, wenn Helen aufgeregt ist. Sie erinnert manchmal an einen Hundewelpen, der einen Besucher freudig begrüßen möchte. Dies sind für Tom Muller immer bittersüße Momente. Die junge Frau wirkt rührig, wenn sie sich über so simple Dinge freut, doch gleichzeitig wird ihm auch klar, dass der Schwachsinn seine Tochter fest im Griff hat, und ihr Leben von einer Art Dämmerzustand gezeichnet ist, der keinen klaren Gedanken zulässt.

»Ist gut, ist gut, Helen«, sagt Tom Muller, der gerade in der kleinen Kammer hinter der Theke damit beschäftigt war, die gelieferten Pakete mit Lampenöl, Dochten und Feuerstahl auszupacken.

»Malcolm, es ist Malcolm! Maaaalcoooooolm!«, sagt sie, als sie ihren Bruder zwischen den Regalen hervortreten sieht. Sie lacht mit engelhafter Stimme.

»Komme gleich«, sagt Tom, der die letzten beiden Flaschen Lampenöl aus dem Paket holt. Ein Großteil der Arbeit ist getan, später muss er noch den Speck und den Käse in Ölpapier wickeln.

»Oha, welche bezaubernde Perle haben wir denn da?«, fragt plötzlich eine fremde Stimme im Hintergrund.

Tom Muller erstarrt mitten in der Bewegung. Ganz langsam dreht er sich um und wirft einen Blick nach draußen.

Sein Sohn Malcolm steht vor der Theke, neben ihm zwei Fremde, die Muller vorher noch nie in Willow Creek gesehen hat. Ihm wird sofort klar, zu welcher Sorte Mann diese beiden Burschen gehören: Desperados.

Der eine hat ein scharf geschnittenes Gesicht mit einem feinen Oberlippenbart. Mit einer lässigen Geste schiebt er seinen Hut in den Nacken und stützt sich mit beiden Händen auf die Theke.

»Na, wie wäre es mit einem kleinen Kuss auf den Mund, Süße?«

Helen kichert erneut. Der Speichel fließt ungehemmt aus dem Mundwinkel auf ihr Kleid.

»Was stimmt mit dir nicht, Süße?«, will der Fremde wissen, und über sein Gesicht huscht die Andeutung von Ekel.

»Bruce, ich glaube, bei der Kleinen pfeift der Wind durchs Hirn«, meldet sich der zweite Fremde zu Wort, der eine doppelläufige Parker-Gun in den Händen hält. Der Sprecher trägt den Staub einer langen Reise auf seiner Weste mit sich, selbst das weiße Rüschenhemd ist nicht verschont und wirkt fleckig. Sein Kopf ist relativ klein, sodass der flachkronige, mexikanische Hut größer wirkt, als er tatsächlich ist.

---ENDE DER LESEPROBE---