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Inmitten der kanadischen Wälder liegt ganz aus der Zeit gefallen das Dorf Kangoq. In der Federei dieses Dorfs laufen die Sehnsüchte von Jung und Alt, Reich und Arm zusammen. Hier arbeitet die Federfrau Bluthaut, die das Dorf in einem geheimen Gleichgewicht hält. Je nach Tageszeit rupft sie Gänsefedern, stickt mit jungen Mädchen an deren Aussteuer und bringt ihnen nebenbei diskret ihren Körper näher oder sie erfüllt im Austausch gegen Geld und Pelze die intimen Wünsche der Männer. Mit einer Sprache von seltener, beschwörender Kraft – herb, lyrisch, grausam – spricht die Erzählerin davon, wie sie Frauen hilft, sich von der Herrschaft der Männer zu befreien, und den Männern, ihre wahre Natur zu erkennen. Diese ungewöhnliche Protagonistin weiß um die uralten Rituale und Geheimnisse der Welt. Sie ist zugleich Mutterfigur, Prostituierte und weise, emanzipierte Frau. Mit »Bluthaut« spinnt Audrée Wilhelmy die Mythologie ihres Erzählkosmos fort, der mit jedem ihrer Romane dichter gewoben wird. Dieses Buch, der zweite von Wilhelmys Romanen, der bei S. Marix auf Deutsch erscheint, vereint den Freiheitsdrang von Goliarda Sapienza mit der stechenden Poesie von Sylvia Plath.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Audrée Wilhelmy
audrée wilhelmy
roman
Aus dem Französischen von Tabea Rotter
den mundtoten Stimmen
den Beschwörerinnen
den Scheitholzflammen
-I-
Matrjoschken-Dämmerung
-II-
Teufelsvieh
-III-
Ahorn-Blutsaft
-IV-
Beim Gänsebankett
-V-
Der zusammenbruch
-VI-
Der fluch der philomène
-VII-
Die Yaga
-VIII-
Nordwind
-IX-
Zur besagten stunde
s’il vous plaît
soyez comme je vous ai
vous ai rêvé depuis longtemps
libre et fort comme le vent
libre aussi
regardez, je suis ainsi
apprenez-moi n’ayez pas peur
pour moi je vous sais par cœur
anne sylvestre,
Une sorcière comme les autres
bitte seid
wie ich schon lang
schon lang von euch träume
frei und stark wie der Wind
und frei
seht her, das bin auch ich
zeigt es mir, habt keine Angst um mich
denn ich kenne euch, ganz und gar
anne sylvestre,
Eine Hexe wie jede andere
lange Zeit habe ich mein Ende gelehrt
zur Stunde meines Todes hänge ich, Haar und Körper und Hände, zwischen meinen Tieren, das Gesicht zur Decke hochgekippt, meine Augen vom Halbdunkel verschluckt; die Männer auf der Straße
—
wie viele?
unzählige
—
und die Frauen, erzähl auch von den Frauen
fragen sich, ob sie offen sind oder geschlossen, meine Augen; niemand sieht sie; alles, was man im Schein der Tischleuchte ausmachen kann, sind meine Rippen, meine langgezogenen Brüste, ist das, was von einem Rock aus weißer Seide übrig ist; Blut fällt in schwarzen Tropfen auf die angehäuften Innereien, auf die Kadaver der Gänse, auf die dünnen Hälse der Ganter, die sich neben der Hackbank türmen
—
es ist Saison
—
das Blutbad der Jagd beendet
ich hänge über meinem Tresen, an Gesicht und Handgelenken festgemacht: der mich hier hochgezogen hat, wusste nicht, wie er es anstellen sollte, er durchbohrte zuerst mein Kinn wie den Schnabel einer Ente, dann besann er sich und zog meine Arme höher, bis zum Dachbalken
—
schön schön …
auf der anderen Seite der Glasscheibe presst ein Mann seinen Hut gegen den Bauch, er knetet ihn mit beiden Händen: abgesehen von seinen Fingern, die den Filz wringen, steht er draußen im Winter wie erstarrt, hohe Stirn, der Mund halboffen; daneben vergräbt ein anderer seine Fäuste in den Taschen des Wollstoffs, er presst sie gegen seine Schenkel oder er kneift sich, die Finsternis verbirgt seine Bewegungen
—
aber du weißt, wie sein Geschlecht aussieht
natürlich
—
und seine Schwellung
—
da ist so viel Blut im Laden
—
trotzdem lässt die Erektion nicht nach, da, am Becken des Mannes
ein Dritter kommt näher, knöpft seinen Kragen auf, der Wind bläst ihm unter den Rock, sein Mantel hebt und senkt sich, die Kälte beißt seinen Hals; gedankenverloren rollt ein Vierter seinen Schal um die Handgelenke auf und wieder ab
—
es ist Pierre, Klein-Pierre
—
Seiden-Pierre
—
unglücklicher Pierre
er spreizt die Arme und die verschlissene Seide spannt sich, das Schnalzen der Fasern lässt ihn aufschrecken; er runzelt die Brauen, blinzelt, als erwachte er aus einem Traum, hinter sich spürt er die Meute anwachsen: von der Arbeit freigestellte Männer, die sich vor dem Lädchen ansammeln; gefangen zwischen der schlaflosen Nacht der Straße und dem warmen Licht der Glasscheiben, der Laden ist wie eine große Laterne inmitten der Dunkelheit der Geschäfte; manchmal dringt ein Windstoß durch eine gesprungene Fensterkachel: er weht über den Boden und wirbelt die Federn hinter der Scheibe auf, sie erheben sich zwischen den Gänsekadavern
—
meinen Schwestern
—
unseren Schwestern
am Schnabel aufgehängt wiegen sie sich an ihren Haken, ihr Schatten an den Wänden wächst und schrumpft; zu beiden Seiten ihrer Flanken fallen die Flügel schwer hinab, das Gewicht ihres Leibs streckt den Hals, entblößt den versteckten Flaum an den Kehlen
als er nach meinen Augen sucht,
—
offen
—
geschlossen
die andere Seite der Glasscheibe absucht, findet Pierre sein Gesicht auf den Fensterkacheln, seine schüttere Stirn, die Tränensäcke, die an seinen Wangen nagen, den blauen Bart, der an seinem üblicherweise glatten Kinn schimmert; er erblickt sich, stoppelig und grün; bald erkennt er im Fenster nur noch das Spiegelbild der Straße: er sieht sich selbst, wie er mich anschaut, und dahinter all die anderen, die sich im Dunkeln versammeln; eine dichte Schneeschicht fällt auf sie nieder
—
die Schuldigen
—
die Geliebten
sie legt ihnen ihre großen blassen Hände um die Schultern
ein Jahr zuvor
—
spul den Faden wieder auf
—
ein Jahr
—
auf einmal läuft die Zeitspindel ganz rund
—
ein Jahr ist nichts
—
webe Monate und Wochen auseinander
—
förder den Schlussfaden zutage
ein Jahr zuvor bleibt Pierre Arquilyse vor meiner Federei stehen
auf der anderen Seite des Fensters halte ich ein Messer zwischen den Fingern: ich fördere seine Schneide zutage und prüfe ihren Schliff, dann lege ich das Ausbeinmesser unter die aufgehängten Tierkörper; ich decke die Blutwanne ab, die am Ende des Tages voll aufgefüllt ist, und fege Federnwolken zusammen; das Licht flackert auf dem Reifefleisch; ich lege meine Schürzen ab
—
die erste beschützt die zweite
—
die zweite deckt die dritte
die dritte, die vom Kragen bis zu den Knöcheln reicht, birgt unter sich das schattige Rostrot meines Rocks
draußen schlafen die Gänse auf den Brachflächen; die Läden im Dorf sind leergefegt; selbst Groll hat seine Manufaktur vor der Zeit geschlossen, so oft haben sich die Näherinnen, die Weberinnen, ihre fleißigen Hände bei der Arbeit vertan
—
zu seinem Vorarbeiter hat er gesagt, die Arbeiterinnen seien »nervös wie Hündinnen oder Stallstuten, wenn der große Mond übers Feld kommt«
—
anzüglicher Groll
—
Groll, der über die feinen Finger der Kangoqer Frauen herrscht
ich löse mein Hemd: Pierre Arquilyse hat sich in der Lichtfalle der Federei verfangen; ich nehme das Haar hoch, das um meinen Hals flutet, hebe mein Kinn, streife über meine Lippen, meine Schlüsselbeine, dann drehe ich mich zur Feuerstelle um und gieße kochendes Wasser in den Trog, der manchmal der Pelzzurichtung und manchmal dem Körperbad dient; ich trete ans Fenster: auf der anderen Seite der Scheibe ist der Boden noch immer schlammig geblieben, braun und matt wie der Himmel: nichts erhellt die Straße außer mir, die ich
—
souverän
—
völlig offen
unter meinem zerknitterten Hemd den hellen Stoff meiner Korsage enthülle
draußen ist Pierre Arquilyse von einem Heiligenschein aus Licht umgeben
—
schau, er hat die Hand in seiner Kniebundhose
er hat keine Ahnung, wie sie in sein Beinkleid hineingeraten ist, hat die Bewegung nicht mitverfolgt und erwischt sie nun im feuchten Innenstoff seiner Unterwäsche, fest um sein Geschlechtsteil geklammert
er drückt sein Kinn in den Schal, die Seide fusselt noch nicht
—
darauf gibt er acht wie seine Frau aufs Tafelsilber
die Männer von Kangoq tragen Pelerinen aus Nerz oder Fuchspelz, aber keine bestickten Schals, und der Notar genießt seine Extravaganz: wenn er bei einem Klienten seinem Spiegelbild begegnet, verzieht er instinktiv das Gesicht, doch der Anblick der schönen, um den Hals gerollten Zunge erinnert ihn wieder an seine Stellung; er hebt den Kopf und öffnet seine Schultern; wie die Damen aus seiner Kindheit hält er sich, die ihre Gewänder zum Ausbessern zu seiner Mutter brachten
—
zu Adèle, der Gekrümmten, der völlig Schlaffen
—
»Kinn hoch, böser Junge«
—
Adèle, die das stattliche Auftreten müßiger Frauen bewunderte
—
»halt deinen Kopf, als hättest du eine schwere Krone darauf«
—
Adèle, die sich keine Nachsicht erlaubte
—
»steh gerade!«
—
wie hätte sie mit ihren drei Wochenpfennigen sich auch Einlass in die bessere Gesellschaft verschaffen sollen?
Pierre Arquilyse, der nun Notar mit Seidenschal ist, hat die Gewohnheit angenommen, sich selbst zu überwachen, fest entschlossen, jeden seiner Fehltritte aufzuspüren; er meidet für gewöhnlich die Hintere Straße im Armenviertel, zu viele Spuren begegnen ihm dort aus der entbehrungsreichen Zeit mit seiner Mutter
—
trotzdem, er ist hier
—
aufrechtstehend
—
wie angewurzelt
er hat seine Augen wieder auf das Schaufenster der Federei gerichtet, um sich selbst zu beobachten, und wäre so fortgefahren, hätte nicht das jähe Licht von drinnen sein Spiegelbild verschluckt; unversehens stürzt Pierre über mich, und da steht er nun, stockend und gefesselt von der roten Zeichnung, die mein Mieder ziert, während ich einen nach dem anderen die Knöpfe aufmache, die meine Wäsche zusammenhalten
—
sieh mal, wie seine Hand in der Emporkömmlings-Hose zappelt
—
er berührt sich reizlos
—
mangelnde Gewohnheit
der Rock fällt, sinkt schwer auf meine Knöchel nieder, und ich steige darüber hinweg
an der Decke tanzen die Gänsekadaver: ihr Federkleid wirkt stumpf neben den makellosen Unterröcken, die ich überall im Laden verteile: jedermann weiß, dass ich unter meinen schmutzigen Metzgersachen ein Reich von Stickereien trage, Ton in Ton verlaufende Flachreliefs auf weißem Leinenkanevas
—
jedermann, nein
—
Klein-Pierre, der wusste es nicht
er erkundet den Reichtum meiner Unterröcke und tauft mich insgeheim Bluthaut, ein Widerhall dieses Märchens, das er seinen drei Töchterchen jeden Abend vorliest, wenn sie ihn zuhause am Fenster erwarten: die Kleinen kleben geradezu mit ihren Nasen an der Scheibe, ihr Atem verströmt einen matten Dunst, der vor ihnen die Allee verschleiert: sie warten auf ihren Vater, zeichnen Erhängte auf das Glas, während dieser einige Straßen weiter unten, in die Nacht gehüllt, seinen Mantel über die Finger zieht und mit der freien Hand das Schaufenster poliert
Beschlag umschließt die Federei, alles zergeht hinter einem Dampfschleier
—
eine Stimme, nicht seine
—
ruft »Sulfurian!«
und Pierre Arquilyse prallt zurück
die raue Stimme hat das Dunkel zerrissen, der Notar kennt den Akzent nicht, der in der Kehle rollt; er runzelt die Stirn und kneift die Augen zusammen: ein schwarzer Schatten flackert in der Ecke des Lädchens
—
er ist zäh, der da gesprochen hat
—
geheimnisvoll
—
mein Ehemann nimmt ihn für die Feldarbeit in Dienst
—
meiner, um beim Vieh zu helfen
—
er kann Leder gerben und Metall biegen
—
ich nenne ihn Sulfurian, weil er selbst das oft so sagt
seine Haltung scheint der des Notars nachempfunden: er steht leicht gekrümmt, reckt das Kinn nach vorn, als hoffe er, mit gestrecktem Hals an den beschlagenen Scheiben vorbeisehen zu können; seine Hose ist gespannt, die Finger unter der rauen Wolle berühren seinen Phallus, und Pierre erkennt diesen Griff gegenüber seinem eigenen mit Schrecken als diskreter und weniger derb
der Notar weicht überstürzt zurück und stolpert in eine üppige Menge, an seinem Ohr spürt er das warme Röcheln eines anderen Voyeurs, er dreht sich um und erkennt den Blechschmied
—
sechs Zähne fehlen dem
—
das Loch in seinem Mund, wenn er lächelt, ist angsteinflößend
für andere vielleicht
—
für Pierre
—
Klein-Pierre
—
bestimmt
»bald sieht man da gar nix mehr, musste wohl selber fertig werden, mit dem Bild in deinem Kopf, Kumpel«
Pierre weicht zurück, hinter ihm sind drei Teufel mit sich selbst beschäftigt, ohne sich um die anderen zu scheren; der Blick des Notars bleibt an jedem hängen: der erste schnauft laut, die beiden anderen zu seiner Linken hecheln: alle drei scheinen sie befallen von ein und derselben Lüsternheit, die von einem Körper zum nächsten reicht zusammengescharte Männer
—
sieben? acht?
Pierre Arquilyse mit seinem geschwollenen Geschlecht in der Hand ist als einziger in Licht getaucht; er müht sich, seine Finger aus der Unterwäsche zu ziehen, sie sitzen in der Umklammerung des Hosenbunds fest; er wird bleich und im Gesicht bricht ihm der Schweiß aus; die Kälte beißt in seine feuchten Wangen; er möchte sich würdevoll entfernen, stürzt aber in großen Schritten davon, die Faust noch immer im Beinkleid gefangen, das Herz wütend, der Mund schlaff
»das ist dem Fraiteau seine Kuh, seine Kuh Matrjoschka, seine Kuh, ohne Haut am Körper, seine Kuh, die neue, Matrjoschka, läuft rum nur aus rotem Fleisch, von den Gleisen zum Fluss«
—
der Beaupré-Waisenjunge plärrt
—
so laut, als wäre er dem Tod selbst begegnet
—
dem Tod in fleischlichem Gewand
—
Binouche, Binouche, was hat er nur gesehen?
—
eine Kuh, die bis auf die Knochen abgemagert ist, wie die vom bösen Bauern Asling, der sie nicht füttert?
—
nein: er sagt, immer wieder sagt er »eine Kuh ohne Haut«, das ist nicht dasselbe
—
»ohne Haut, die Kuh«
—
er schreit
früher an diesem Abend, bevor Pierre Arquilyse die Federei entdeckt hatte, deren Türen der Lust offenstehen, brach er von seinem Klienten Morelle auf; im Dorf waren keine der üblichen Schatten zu sehen: einzig Binouche Beaupré rannte von einer Tür zur nächsten, schlug mit seiner rundlichen Faust auf die Fenster ein, die guten Familien auf der anderen Seite der Scheiben setzten sich unterdessen zu Tisch
»Matrjoschka! Matrjoschka ohne Haut!«
—
dieser ganze Krach
—
und dieser Berg von einem Mann mit seinen kindischen Tränen
Binouche schrie von Haus zu Haus, und die Eltern forderten ihre Kleinen auf, nicht hinzusehen, so zu tun, als wäre der Große Tollpatsch gar nicht da
—
sie sagen Dorfdepp
—
sie sagen Idiot
—
sie sagen zu ihm Die Schande mit den dicken Händen
als das Waisenkind im Matsch ausrutschte, dort in sich zusammensank und dabei seine Bundhose zerriss, brach das kleine Publikum hinter den Fenstern in Gelächter aus
—
zeigte alle Zähne
—
schöne, gerade Zähne in verhätschelten Kindermündern
—
ihr mit Hachsen, Keulen und Eingemachtem gepäppeltes Lachen
der Notar schnitt eine Grimasse
—
Pierre, Klein-Pierre und seine steife Art
—
rümpfte die Nase, als hätte Die Schande einen Geruch
er kniff seine Manschettenknöpfe mit den Fingern, während das rotz- und tränenverschmierte Waisenkind sein dickes Gesicht zu ihm hochhielt
»ohne Haut, die Kuh«
Pierre schaute auf die schöne Straße, die überdachte Brücke, die Oberkangoq in zwei Teile trennt, schaute wieder auf den ausgetretenen, dreckigen Matsch zwischen sich und der Überführung und entschied schließlich, den Umgehungsweg zu nehmen, den, der nach Unterkangoq führt, bis hinab zu meiner Federei; er drückte sein Kinn in den Schal, die Seide streifte seine Wangen: er gab sich der Liebkosung des Stoffs hin und beruhigte sich
—
er wusste ja nicht, wohin ihn seine Verachtung führen würde
—
seine schon bald gestrafte Überheblichkeit
in der Federei quillt, je mehr heißes Wasser ich ins Becken schütte, der Dampf auf und bildet einen matten Schleier an den Fensterscheiben; die Männer, die sich auf der anderen Seite des Fensters versammelt haben, stellen sich vor, wie meine letzten Kleidungsstücke zu Boden fallen, sie kommen und beschmieren sich ihre Hände; ich bewege mich wie eine Flamme durch den Dunst, während der Notar wieder aus der Unterstadt in die obere zurückläuft, mit Feuer auf den Wangen und
—
mit Feuer im Körper
—
Pierre, Klein-Pierre
—
von seiner Begierde gepackt
—
dreht sich oft um
—
drei, fünf Mal
er vergewissert sich, ob Mitstreiter seine Flucht verfolgen, aber stattdessen erahnt er mich in den rostbraunen Schatten der Hütten; die Schmach beugt ihn, die Erregung beugt ihn, er geht schnell, täuscht Langsamkeit vor, verheddert sich beim Gehen; schließlich bleibt er im runden Licht einer Straßenlaterne stehen, zurück im ruhigen Land der gepflasterten Straßen, der Backsteinhäuser und toten Blumenbeete: die Kulisse entlang des Wegs
—
wenn er könnte, würde er sich im Schlamm wälzen
—
mit dem Mist auf dem Weg verschmelzen
—
sein Begehren erscheint ihm plötzlich wie eine unüberwindbare Verderbtheit
er fühlt seine allererste Scham, die so alt ist, dass er sie wie ausgeleierte Unterwäsche trägt, solche, die man vergisst, sobald man sich nicht mehr die Mühe macht, an sie zu denken, die man aber trotzdem jeden Morgen wieder überstreift
er ist fünf Jahre alt und beobachtet durch die angelehnte Tür die Bewegungen in der Küche: seine Mutter ist über den Topf gebeugt, sie geht von einer Schublade zur anderen, durchsucht die Küchengeräte und probiert das Gekochte, als koste sie von einer feinen Soße; nun, da das Kind Pierre in der Schneiderei allein ist, berührt es die Spitze, den Taft und die Innenfutter, es taucht seine Nase in die Seide der Madame de Sève; gerade ist die Kundin gegangen: in ihrer Kleidung liegt die Erinnerung an ihren Körper bewahrt, ihre Gerüche nach seltenen Blumen, Schweiß, Wein; eine Spur von Lippenrouge hat den weißen Halbmond des Kragens gestreift und Pierre stellt sich das dicke, farbige Fett auf seinem Mund vor: der Stoff raschelt in seinen Händen; er legt sein Gesicht darauf und vergräbt sich; wann genau er in das grüne Kleid hineinschlüpft, weiß er nicht mehr, aber schon schnürt er die Bänder, gerade so fest, dass die Korsettstäbe sich wie ein zweiter Körper um ihn legen; da
—
genau da
öffnet seine Mutter die Tür zur Werkstatt; und in das Zimmer, das bis dahin im Halbdunkel lag, sticht plötzlich das Licht aus der Küche
jedes Mal, wenn Pierre Arquilyse sich durch irgendeine Bewegung verrät, hört er wieder das Gebrüll seiner Mutter
—
oh, der Zorn der Adèle
—
kleine, krumme Frau
—
Adèle, die gern ohrfeigte und ausspuckte
aus dieser Schande – das Kleid festungsgleich um seinen Körper, Adèles maßlose Raserei – befreit er sich nie wieder richtig; er hat sich auf diesen Widerspruch aufgebaut: wenn er an den mütterlichen Wutausbruch denkt, fühlt er sich von der Seide der Madame de Sève bedeckt, der Wonne, zur Gänze von den duftigen Gewändern einer Riesin verschlungen zu sein
—
eine Mischung aus Scham und Wollust, von der er nicht loskommt
er fröstelt: die Seide des Schals genügt für einen Moment nicht mehr; die Nacht ist schlammig, seit mehreren Tagen regnet es, obwohl längst der erste Schnee hätte fallen sollen; Feuchtigkeit dringt in seine Wäsche; die Schritte des Notars sind lang und jeder bringt ihn aus seinen Gedanken in die Gegenwart zurück; als er auf der Schwelle zu seinem Haus steht, gehören Bluthaut und das grüne Kleid der Madame de Sève nunmehr beide zum dunklen Land der Träume
—
dies ist der Ort, wo wir am meisten leuchten
—
blühend, formbar
—
ein hundertfach auf sich selbst zurückgeworfenes Begehren
auf der anderen Seite der Brücke, nahe der Kirche, hat sich Tamiel
—
der schöne Arzt von Kangoq
—
Tamiel, Heiler der Körper
—
Tamiel, Heiler der Herzen
daran gemacht, Binouche Beaupré zu besänftigen, der noch immer sein panisches Geheul von sich gibt
»Matrjoschka, Matrjoschka, dem Fraiteau seine Kuh, Matrjoschka ohne Haut, ohne Haut, die Kuh«
immer und immer wieder dieselben Worte und dieser ganze Rotz unter dem großen Mond; die Schreie dringen bis an Pierre Arquilyses Ohr, er seufzt: mit einem Mal scheint ihm das Dorf gleichzeitig zu klein und zu groß; Madame Gattin öffnet die Tür, noch bevor er überhaupt seine Hand auf den Knauf legen konnte, sie erscheint im Türrahmen, fest eingeschnürt in ihrer Kleidung: das graue Gewand kann ihre Verstimmung kaum zurückhalten, und Pierre bemerkt
—
an den Armen
—
an den Brüsten
—
am Bauch
die gespannten Nähte der Korsage; er senkt den Kopf und spreizt die Finger ein wenig, hinter seinem Rücken warten die Backsteinhäuser auf den Winter, während ihm drinnen die älteste seiner drei Töchter ungeduldig das Märchenbuch hinhält
Fraiteaus Kuh ist wandelndes Aas: ohne Haut geht sie zwischen den Häusern umher, nur zwei Männer aus dem Dorf haben sie gesehen: der Waisenjunge Beaupré und Sulfurian, der Schattenteufel
—
»Sulfurian«, sein Dialekt, seine schöne, runde und fremde Sprache
—
Sulfurian, der Mann, der plötzlich auftaucht
—
und wieder verschwindet
die Kuh, die beides zugleich ist, tot und lebendig, führt ihren gehäuteten Körper durch die Kangoqer Nacht: Matrjoschka ist, wer weiß, durch welchen Zauber, von ihrem Tierleben in einen Fleischhaufen ohne Haut übergegangen; nun vagabundiert sie die geraden Straßenränder entlang, ihr Leben als Kreatur mit Fell gehört einer fernen Vergangenheit an: hat sie je woanders existiert als in diesem eisigen Moment, wo der Wind ihren Körper am rohen Muskelfleisch trifft? sie läuft ungelenk, richtet ihre großen, leeren Augen auf den Abend, der früh hereingebrochen ist; danach kommt nichts, in ihrem Gedächtnis ist auch nicht viel: sie erinnert sich an den Jungen, der sich nach ihr umgedreht hat und sie gesehen hat, während die Werksfrauen auf dem Weg vorauseilten
—
die Arbeiterinnen, die fleißigen, früh heimgegangenen Hände
längst hatte das Dorf geahnt, dass dies eine schaurige, eine verfluchte Nacht werden würde, und abgesehen von einigen Hitzköpfen beeilte sich jeder, zurück in seine Behausung zu kommen, bevor es ganz dunkel wurde
Binouche Beaupré war stehengeblieben, um seine Schnürstiefel zu binden: eine grobe Figur, noch Kind in seinen Gesten
—
natürlich noch Kind
—
wie ein schlecht zur Welt gekommenes, schlecht gealtertes Kätzchen
—
ein Männerkörper mit dem Gesicht eines seligen Welpen er hatte sich über seinen Schuh gebeugt und die Schnürsenkel um seine Finger gewickelt, ohne einen Knoten hinzubekommen; die Frauen entfernten sich auf dem Fußweg, er hob den Kopf in ihre Richtung, wollte eine von ihnen rufen, die ihm die Schleife neu binden könnte, doch zwischen der letzten Arbeiterin und ihm erhob sich nun Matrjoschka
—
ohne Haut, die Kuh
er schrie wie in einem Albtraum, ohne dass ein Laut durch seine Kehle drang, das Wesen sah ihn regungslos an; und als es sich wieder in Bewegung setzte, war der Waisenjunge allein, die Frauen hatten ihre Häuser erreicht; lange Zeit blieb er stumm, dann brachte er all sein Entsetzen in die Straßen des Dorfs
jetzt zieht Matrjoschka weite Kreise, von einem leeren Weg zum anderen; wohin sie auch geht, hört sie das lärmende Weinen des Jungen; sie durchquert die Unterstadt und hinterlässt eine schlammige Furche; vor der Federei haben sich Dunstschwaden und Voyeure verzogen; im Innern ist, wie auch überall sonst, der Abend hereingebrochen: die an der Decke aufgehängten Kadaver wiegen sich, genau wie ich, ich schlafe in meinem Stuhl schaukelnd ein, meine großen Messer gegen die Schüssel gelehnt
drei Türen weiter streckt sich Philomène zwischen Stapeln sauberen Geschirrs
—
an den Hüften ganz Arglosigkeit, Brüste wie Zitronen
—
wie alt?
sie berauscht sich am fetten Seifengeruch, ihre Finger sind vom heißen Wasser rissig; die jüngeren Schwestern, kleinen Brüder und ihre Eltern haben sich ins Nebenzimmer zurückgezogen, ihr Geflüster dringt durch die Wand, die Mauer spricht leise
—
was sie sagt?
—
banale Dinge
—
eine Bestandsaufnahme der Bewerber
—
Geschichten vom Wohlgeformtsein, von Haut, Haar, Lippen
—
Verheißungen von Kinderbettchen
die Küche ist ein winziger Raum, leer und überquellend in einem, Philomène fühlt sich wohl in dieser gestohlenen Einsamkeit, sie sieht zu, wie die Essensreste auf den Boden des Spülbeckens sinken, die Rinderbrühe bildet einen klebrigen Film auf der Oberfläche
—
sie würde gerne den Finger hineintauchen
—
ihn ablecken
—
alles Salz und Öl, vermischt
—
sie leckt nichts ab
als schließlich Stille die Stimmen ihrer Familie ersetzt, nimmt das junge Mädchen einen Kupfertopf, den sie mit dem weichen Zipfel ihrer Schürze blankputzt, sie poliert ihn, bringt ihn auf Hochglanz; bald macht sie darin ihr Spiegelbild aus, jetzt füllt sie ihn mit lauwarmem Wasser, wartet, bis das Metall die richtige Temperatur annimmt und leert dann den Inhalt in die Spüle aus, wirbelt den toten Brei der Mahlzeit auf; sie schließt die Augen und lässt ihrem Atem Zeit, bis in die Fersen hinabzusteigen; sie nimmt den Topf in ihre beiden hohlen Hände und legt ihre Lippen auf das Kupfer, ein kleiner beschlagener Ring bildet sich um ihren Mund
—
es ist eine akribische Übung
—
die Lippen leicht öffnen
—
gerade so viel wie nötig
—
den Druck zügeln
—
den Drang der Zunge kontrollieren
—
nicht mit den Zähnen an das Metall stoßen
die Gaslampen schwanken, Philomène wölbt sich, sie biegt den Rücken durch, führt ihren Unterleib gegen das Becken eines imaginären Mannes; ihre Lippen gleiten über den Topf, eine ihrer Handflächen verlässt das Metall und kehrt zu ihrem Körper zurück, sie hebt die Stirn, öffnet halb die Augen; unbelebt erscheint die Nacht, drinnen wie draußen
dennoch, auf der dunklen Seite der Welt geht Matrjoschka langsam ihren Weg; Dampf steigt von ihrem Rücken auf, ihr
