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Im Norden Kanadas wächst das Mädchen Daã in grenzenloser Freiheit auf. Die 24 Nonnen des Konvents, in dem es geboren wurde, sind einst vor Elend und Missbrauch geflohen und schätzen nichts mehr als Eigenständigkeit. Daã darf sich voll entfalten, streunt täglich durch die Taiga, lernt die Sprache der Natur und entwickelt sich zu einer unabhängigen und selbstgenügsamen jungen Frau. Als ein Geistlicher ihre Vormundschaft übernehmen soll, bricht sie auf, um als Nomadin jahrelang allein durch die Wildnis zu ziehen – bis sie dem jungen Arzt Laure verletzt vor die Füße fällt. Laure, aufgewachsen zwischen Armut und Hunger in den Hütten der Kohle Co. und als Albino ein ewiger Außenseiter, pflegt die fremde Waldfrau. Trotz aller Gegensätze beginnen sie eine Beziehung, in der Daã sich ihre Identität bewahren kann. Selbst als sie ins Dorf ziehen, wo Laure eine Praxis übernimmt, und gemeinsame Kinder bekommen, verlangt er von ihr nicht, sich an die herrschenden Rollenbilder anzupassen. Bald wird Daã von den dortigen Frauen als Vertraute und Helferin geschätzt. Doch zu erfahren, welche Gewalt die Zivilisation Menschen antut, löst Wut in ihr aus. Ihren Kindern wünscht sie ein ungebundenes, wildes und selbstbestimmtes Leben, fern vom Unglück gesellschaftlicher Anpassung. Und so trifft sie eine Entscheidung, die schwerwiegende Folgen hat. Handlungsstark und voll schöpferischer Fantasie erzählt die Autorin vom Fremdsein und Lieben, von gesellschaftlicher Unerbittlichkeit und von den vielen Gesichtern Ina Makas, der Natur. »Weißes Harz« ist eine Mischung aus realistischem Märchen, romantischem Drama und feministischer Fabel. Audrée Wilhelmy entfaltet eine wilde Poesie von seltener Vorstellungskraft.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2024
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audrée wilhelmy
roman
Aus dem Französischenvon Tabea A. Rotter
Für die von meinem Blut, Colombe, Rose-Anne, Josée, Laurence, Anne-Clotilde, Camille, Romy, Margot, Charlotte, Lily
und für die, die ich gewählt habe, Salomé und Romane.
und stößt dir ein ganzes Reich bis tief in den Hals zermalmst du die Steine zwischen deinen Zähnen das Sediment der Geschichtedie Mika allen Zorns etwas später wachsen dir Löwenzahnund Lieschgras wieder aus den Augen
Catherine Lalonde, Cassandre
OSTARA
LITHA
MABON
YULE
OSTARA
Glossar
Literatur
Ich werde geboren.
Ich durchdringe den Schoß eines Konvents.
Es sind vierundzwanzig Schwestern, die pressen und brüllen, ihre Stimmen prallen von den Mauern ab, vermischen sich mit dem Ruf der Seeadler, der Saatkrähen, mit Bellen, Gackern und Fauchen. Der Wald wimmelt von kalbenden Tieren. Es ist Taiganacht, der Mond rund und tief, eine Nacht, die an beiden Enden gleich ist: zwölf schwarze Stunden, zwölf weiße Stunden. Überall treibt sich die Tagundnachtgleiche in die Flanken der trächtigen Weibchen. Ihre mit trockenem Gras ausgelegten Höhlen unterscheiden sich von derjenigen, die achtundvierzig Beine und achtundvierzig Arme nackter Frauen beherbergt.
Hundertmal zerreißen sie sich, wachsen wieder zusammen, ein Chaos ineinandergeschlungener Haut: vierundzwanzig Köpfe, vierundzwanzig Geschlechter, achtundvierzig Augen, die die Geschlechter anderer Mütter haben sich aufspalten sehen, nie aber ihr eigenes.
Ich winde mich in ihnen, zerre an ihnen. Ich ziehe mich so gut ich kann aus ihren Bauchorganen heraus. Draußen fällt Frühlingsschnee, ein weicher Schnee, der schmilzt, wenn er mit demselben Geräusch auf den Boden klatscht, das mein Körper macht, der zwischen ihren Schenkeln hervorquillt, das Geräusch eines nassen Schwamms. Ich werde geboren: ein schleimiges, braunes Tier, behaart wie eine Fichte, das auf dem Tisch landet, platsch, und das schreit, bevor es sich schließlich an einem Finger festhält, dem ersten, den sie mir hinhalten, angefeuchtet mit Milch.
In der Nacht haben Hasenjunge den Schoß der Häsinnen durchdrungen, Rehkitze wurden auf Betten aus toten Ästen geboren. Ich koste das Kolostrum im selben Augenblick wie ein Wurf Luchse. Nur Wände trennen mich von meinen Säugetiergeschwistern.
In dem Unterschlupf aus heiligen Steinen sehen sie mir alle beim Trinken zu, mir kleinem Mädchen, das das Saugen mit dem Mund bereits beherrscht.
Der Tag geht weiß in den Fenstern auf und der Wind lässt nach. Meine Ohren entdecken die Harmonien von Chören. Das Schlagen der Scheiben und Klappläden auf ihren Bögen wird von meiner Chormutter verschluckt, die das Morgenlob singt.
Ich komme aus dem Leib eines Konvents, vierundzwanzig Frauen, kein Mann, kein Vater. Sein Gesicht ist das des Nordens, des Nomadenstammes – von ihm habe ich meine Olbak-Mähne –, aber geboren werde ich dennoch allein von vierundzwanzig Schwestern, die unter ihren Schleiern seidige Haarfluten verbergen. Und Köpfe so hart wie das Gestein der Kohle Co.
Ob mit geschickten oder linken Händen, mit knorrigen Gelenken oder jugendlichen, sie haben Finger, die wissen, wie man Bronchien freimacht und Nabelschnüre durchtrennt, oder solche, die es rasch lernen. Sie waschen die Käseschmiere und den Schweiß ihrer Glieder ab, wickeln mich ein, küssen mich, riechen an mir; sie geben mich von Hand zu Arm, ein warmes Knäuel, um mich an ihrem Bauch und ihren Brüsten zu spüren. Ihre Haare sind Umhänge, die über ihre Rücken fließen, sie blähen sich auf, wenn die eine oder andere die Tür zum Refektorium öffnet, und verwirren sich ineinander, werden zum Netz, das sie fest umschließt, die Nonnen des Konvents Sainte-Sainte-Anne: vierundzwanzig Frauengesichter, ein großer Mutterkörper.
Das Morgengrauen zieht in ledrigen Reflexionen über den Schnee. Meine Mutter kämmt ihr Haar und ordnet es unter ihren Schleiern. Käseschmiere und Blut kleben an den Strähnen, genau wie der Schweiß und Schmutz des Körpers der Wöchnerin. Draußen tummeln sich männliche Nattern auf den Felsen, verteidigen ihr Recht auf Fortpflanzung; drinnen entwirrt die Hydra ihre Köpfe und vervielfältigt sich.
Sie heißen Schwester Elli, Schwester Ondine, Schwester Boisseau, Schwester Dénéa, Schwester Grêle. Während meines Schlafs werden sie wieder zu Gesichtern mit eigenen Zügen: die Form eines Auges, einer Augenbraue, das Ergebnis von Eltern und Eltern vor ihnen und von weiteren Eltern, die paarweise durch die ganze Geschichte zurückgehen.
Sie sind einzeln im Refektorium verstreut. Schwester Zéphérine knöpft ihren Kragen zu; Schwester Betris, Schwester Lotte und Schwester Maglia stehen neben dem Geschirrschrank, damit beschäftigt, ihr Haar zu flechten; Schwester Silène beobachtet sie, sie denkt an die Parzen, die den Schicksalsfaden spinnen, während sie zuschaut, wie die drei anderen ihre Zöpfe glattstreichen. Der Tisch zwischen ihnen ist unter schmutzigen Laken verschwunden. Schwester Selma hebt sie hoch und weicht sie ein. Die vierundzwanzig Stühle stehen verkehrt, sie wurden in der Nacht verschoben, damit die Geburt reibungslos ablaufen kann. Schwester Alcée und Schwester Nigel bücken sich jeweils zwölfmal und richten die Stühle in senkrechten Geraden auf der einen und der anderen Seite des Tischtuchs wieder auf. Schwester May singt:
Kalt wütet da der Nordwind, weit draußen überm Feld. Doch stör’ ihn nicht, den Frieden der Elemente hier!
Schwester Lénie bringt Brot vom Vortag. Das Frühstück gibt es ohne frische Laibe, ohne saubere Teller und auch ohne Eier.
Draußen ist es acht Uhr, also helllichter Tag. Schwester Carmantine hat das Angelus-Läuten vergessen, das die Bergleute der Kohle Co. weckt. Schwester Douce sagt: »Sollen sie doch mit dem Hahnenschrei aufstehen, wenn sie sich jetzt ärgern.«
In ungebleichte Windeln gewickelt, höre ich dem Besteckklappern zu und lausche den Stimmen, die mich an mein Leben im Wasser erinnern. Ganz in der Nähe stehen sich vierundzwanzig Frauen in Paaren am einzigen, langen Tisch gegenüber. Die beiden leeren Enden widersetzen sich jeder Hierarchie: Sainte-Sainte-Anne ist ein Konvent ohne ehrwürdigen Vater, durch die Sünde ganz und gar zur Mutter gemacht.
Die, die mich wiegt, sitzt nahe am Kamin. Um mich herum wird sie zum geteilten Körper, nichts als: ausreichend Wärme, ein mit genug Milch befeuchteter Finger. Atem und Herzschlag wiederholen sich von einem Brustkorb zum anderen, immer wenn die Schwestern, die sich beim Tragen abwechseln, wieder ihre Namen verlieren.
Draußen trinken meine Säugetiergeschwister, ohne irgendetwas zu sehen, ein Haufen aufgeschichteter Pelze, die die Muttermilch einschießen lassen. Drinnen sind die Verhältnisse umgekehrt, ich bin allein und meine Mutter in der Mehrzahl: Sie hat Daumen und Zeigefinger zum Essen, die gut schmecken nach toten Häuten, Gebackenem, Tierfellen, Pferdehaar, Metall und Ruß.
Während sie mich nährt, bevölkert sie zugleich meine Vorstellung mit Worten, die erzählen:
Wälder
boreale Weibchen
Feldhuhn
Flussfische
Eis
Tundra
Wurzelstock
Freudenfeuer
weiße schwarze graue Schleier
riesiges Geäst
Fauna, frei in ihrem animalischen Wissen.
Ihre Stimmen überdecken das Knistern der lodernden Kiefernflammen, ihre Worte sind die Fäden vermischter Legenden.
Schwester Betris sagt. – Durch mich fließt das Meer in deinen Adern. Mir ist das Wasserreich ins Fleisch geschrieben. Unauslöschlich der Geruch von Aalen, Rochen, Venusmuscheln, Forellen, Schneckentieren, vom Blut der Wale, die an den Ufern aufgeschlitzt werden. Wo ich herkomme, bleibt die Wäsche auf der Leine nass, gepeitscht von Regen und feuchtem Wind. Die Frauen sind klebrig von den Männern, die ihnen zwischen die Schenkel fahren und von den Kindern, die zwischen ihren Beinen hervorgleiten. Aber ich, ich wollte jenseits von Oss leben, weit weg vom Gestank der Meereskadaver und der Kinder im Zwölferpack, für ewig mit Walblut besudelt. Vor meiner Hochzeit träumte ich, dass ich einen Angelhaken in den Hals meines Erstgeborenen treiben würde. Die einzig mögliche Flucht war das Kloster, aber ich träumte auch, dass der Klobuk sich in die Barte eines Finnwals verwandeln und mich verschlucken würde. Ich bin ohne alles losgezogen, auf dem einzigen vertäuten Fischerboot. Der Sardinenfischer hat mich untergebracht, unter sein Geschlechtsteil und unter seine Netze, ich habe ihn machen lassen, bis zur Stadt, wo ich ausgestiegen bin, frei. Nur bin ich wie eine Auster, die vom Meeresboden gerissen wurde: Selbst noch im tiefsten Wald habe ich den salzigen Geschmack im Mund und die Erinnerungen an das Wanken, von denen mir vor dem Einschlafen schlecht wird.
In den Fenstern ist es schwarze Nacht, helllichter Tag, grauer Tag, Polarlicht. Die Frauen bewachen das Feuer. Wenn sie mich nicht herumtragen, stricken sie und werfen Holzscheite in den Kamin, die Glut und Asche aufwirbeln. Manche von ihnen haben abgenutzte und raue Hände, fleckig wie mein Babygesicht. Sie wiegen mich, während ringsum der Konvent in der Sprache knarrender Balken von der Nacht erzählt.
Schwester Lotte sagt. – Durch mich bewahrt dein Geschlecht das Gedenken an die gefallenen Mädchen. Sieben Jahre lang war ich Hure im Sacré-Cœur. Rote Samtvorhänge, die Kruzifixe weit hinten im Schrank, Bettlaken ohne Farbe, damit das Sperma im Stoff zerlaufen konnte. Und Kunden, die mit Geld aus der Kollekte bezahlen. Zwischen meinen Brüsten redete der hohe Klerus über Sünden von Jungfrauen, über Seelsorge für die Wilden, über sein Vermögen aus dem Ablasshandel. Sie kamen auf meinem Bauch, während ich von einer freien Welt träumte. Eines Tages stahl ich das Gewand einer Oberin, die sich gern den Hintern versohlen ließ. Ich bin aus dem Bordell geflüchtet, verborgen hinter dem schwarzen Schleier der Frömmigkeit. Auf der Straße aß ich vom Glaubensgroschen, bis ich Betris begegnete. Sie schlitzte an einem Marktstand Forellen auf und erbrach sich zwischen jedem Filet.
Ich bin zwei Tage alt, dann zwei Wochen, bald zwei Monate. Ich lerne die Idiome des Refektoriums auswendig, seine formellen Gesänge, das Knistern der Feuerstelle, ich erkenne über die Stimme des Raums hinweg die der Kreaturen, die ihn bewohnen, Gespräche von Frauen und von Feldmäusen.
Schwester Maglia sagt. – Ich war bestimmt für ein Leben in Opulenz. Mein Verlobter hätte für mich unterwürfige Dienstmädchen eingestellt, die er mit Eisenbahngold gekauft hätte. Auf dem Rücken der Armen und ihres Elends hätte ich meine Hausangestellten zu einer Armee von kleinen Müttern erzogen, damit sie ihrerseits meine Kinder und kleinen Bestien aufzögen. Am Tag der Hochzeit erblickte ich in einem Spiegel die Tyrannin, zu der ich werden könnte, und bin vor ihr geflohen. Ich bin vom Land bis in die Stadt gelaufen, durch Wälder, Gassen, Häfen, zwischen Häusern hindurch, die unvergleichlich aussahen, Schlösser der Not, proletarisches Durcheinander. Durch mich bewahrst du das Wandern freier Frauen in deinen Füßen.
Betris habe ich auf einem Fischmarkt kennengelernt, wo man, um zu essen, nur den Ausschnitt öffnen und schöne Augen machen musste. Sie war es, die mich mit Lotte bekannt machte. Die hat mir von ihrem Traum eines unberührten Landes erzählt – »Heiligtum« sagte sie dazu. Ich nahm ihren Habit und verkleidete mich als Oberin, besuchte ihr Bordell und überzeugte den Bischof, einen göttlichen Auftrag zu finanzieren. Ich säuselte: »Ich bin Mutter Marie-Maglia-für-den-Guten-Zweck«, während ich seine Behaarung ableckte. Im Tausch gegen meinen Mund, gegen meinen Arsch bezahlte er Sainte-Sainte-Anne, den Glockenturm aus Blech, die Gärten, die Gewächshäuser, all das für die Christianisierung der Olbaks und die Weiterentwicklung botanischer Kenntnisse. Als ich aus dem Sacré-Cœur herauskam, habe ich mein Entgelt an die Kinder weitergegeben, die draußen auf den Strich gingen, und riet ihnen, auf Neuigkeiten aus dem Norden zu achten. »Bald werdet ihr dort einen Ort finden, in dem sich die Frauen Schwestern nennen und sich gegenseitig beschützen.«
Das Feuer singt leise, draußen ist es fast warm.
Ich schlafe.
Ich lausche.
Feldmäuse erzählen von der aufgewühlten, durchgrabenen, gehärteten Erde, vom Getrippel im Boden, von Felsen, die dem Fluss entrissen wurden, versetzt und als Fassaden über dem Bau ihrer Großväter aufgerichtet. Meine Mutter spricht davon, wie die Nomadenfrauen der Olbaks sie empfingen, von ihrer Schönheit, ihren Gesten und vor allem von ihrer Kraft, als sie gemeinsam Mörtel zwischen die Hohlblocksteine laufen ließen, um ein Refugium zu errichten. Es sind die Mauern, die die Erinnerung an den Kummer und die Not der Menschen und Tiere bewahren. Fliehende Ratten, einstürzende Schlupflöcher, Tränen des Zorns oder der Erleichterung. Die Ameisen und Fliegen, die erwachen, sobald die Sonne auf ihr Versteck fällt, haben eine Sprache von kurzem Gedächtnis, sie berichten von Jahreszeiten und Festen, von der wilden Freude über lauwarmes Brot, von Sahne, fröhlicher Schwesternschaft und weiblicher Liebe.
Mit all seinen verbundenen, sich widersprechenden Stimmen beschreibt mir Sainte-Sainte-Anne, wie die Schwestern Betris, Lotte und Maglia das Refektorium aufbauten und wie die anderen kamen, eine nach der anderen, ohne Gepäck, doch mit den Spuren des Lebens in ihre steifen Glieder eingeschrieben.
Sie erreichten Cusoke mit dem Sort Tog, dem Zug des Bergwerks der Kohle Co., manchmal in den Waggons, häufiger zwischen den Frachtkisten verborgen. Sie folgten dem Pfad vom Bahnhof zum Konvent, ohne die Hand einer Schwester, die ihnen über die rutschigen Felsen geholfen hätte. Sie kamen, ob kräftig oder schwach, immer tropfnass auf der Schwelle an. Der Empfang war jedes Mal eine stille Zeremonie: Brot und Wein, während man Wasser erhitzte und die Wanne füllte, die neue Robe und saubere Unterwäsche hervorholte. »Wie möchtest du genannt werden?« Nur nach dem Namen fragten sie, nach nichts anderem. Manche behielten den ihrer Eltern, aus Pflicht, Stolz oder Gedenken, andere stotterten, denn sie hatten nicht mit der Möglichkeit gerechnet, wählen zu können. Wenn sie zögerten, ließen die bereits Ansässigen ihnen Zeit: »Wenn du es weißt, sag Bescheid.«
Mehr Worte brauchte es nicht, damit sie sich verstanden: Glückliche Mädchen hatten es nicht nötig, so weit in den Norden zu ziehen.
Während ich trinke, meinen Kopf den Körper zähmen lasse und umgekehrt, erfüllen drei Botanikerinnen, zwei Bäuerinnen, zwei Küchenhilfen, eine Milchfrau, eine Konditorin, sechs Lehrerinnen, drei Einbalsamiererinnen, eine Bienenzüchterin, zwei Krankenschwestern und drei Missionarinnen – Betris, Lotte, Maglia – unsere Höhle mit stillen Geschichten.
Lange Zeit diene ich als kleine Wärmflasche. Ich heize den Bauch meiner Mutter, und ihre vierundzwanzig Körper verharren in dem lauwarmen Kokon, den wir bilden.
Draußen braucht Cusoke mehrere Wochen, um zu schmelzen. Während meine Mutter darauf wartet, dass die Sonnenstrahlen den Weg freilegen, der zur Kohlemine führt, liebt sie mich ohne Taufe und ohne Namen.
Von April bis Juni legt der Frühling Ast für Ast das Violett, Grau, Grün und Blau der Landschaft frei. Meine Augen wollen sich nach der grellen Feindseligkeit der ersten Tage nicht an diese pastellene Wiedergeburt gewöhnen.
Um Sainte-Sainte-Anne herum erstreckt sich meine Taigaheimat in Fichten- und Kiefernwäldern, Beeten von Flechten und wildem Rosmarin, Misartaq, Quajautiit, Pingi und Qurliak, in Torfmoor und Felsen, die zu Bergen werden, wenn man sich weiter entfernt. Inmitten der holzigen Schatten sind drei Gebäude aufgestellt: der Speicher, die Klosteranlage und die Kapelle. Aus der Luft wirken sie winzig trotz ihres Gewands aus Baustein und Holz und trotz des Blechhuts, der per Zug aus der Stadt hergebracht worden ist.
Ist der Schnee erst geschmolzen, wird das bewohnbare Umfeld zu einem Gewirr aus Hütten, Hühnerställen, Schafställen und Gärten, die unermüdlich gepflegt werden müssen in diesem Klima mit zwei Monaten Hitze und acht Monaten Kälte: zwei Wochen, in denen der Bleichboden auftaut und man säen kann, und der Rest, um zu ernten und die Erde für das nächste Jahr zu rüsten.
Dort lebe ich zuallererst, meine Wickeltücher aufgebläht vom Wind, der darunter fährt. In diesem Mineralboden, wo nichts Fruchtbares gedeiht, schlage ich Wurzeln, hier, wo alles, was tatsächlich wächst, so fest in der Erde steckt, dass es sich nicht mehr wegbewegt.
Dann kommt der Tag, an dem achtundvierzig Hände den Konvent für den Sommer aufsperren, das Bettzeug ausdünnen, der würzigen Juniluft die Fenster öffnen. Das Vieh verlässt die Scheune und weidet die Spreu vom letzten Herbst ab, die Einfriedung ist fleckig von grünen Weidebüscheln.
Die Schwestern legen ihre gefütterten Schleier ab und holen das Rohleinen hervor, dünne Gewänder, unter denen die Bergleute verborgene Beine und Geschlechter erahnen können. Sie tragen mich dicht an ihrem Körper gebunden und nehmen mich überallhin mit: in die Schule, in die Tunnel der Kohle Co., in die Nähe der Bienenstöcke, vor die Öfen, in Wald und Garten, zu der Werkbank, auf der die Leichname präpariert werden und den Weg entlang, der von der Werkbank bis zum Sammelgrab führt. Sie lehren mich die Sprache der Bäume, der Bienen und der Sperlinge, listen das Inventar dieses Lebensraums auf und nennen ihn »Ina Maka«, sie sprechen von den Toten mit Worten, die vom langsamen Zyklus der Mutter Erde erzählen und vom Trost ihrer Arme, ihres feuchten Bauchs, der sie umschließt und auflöst.
Ich bin ein Erinnerungsschwamm.
In meinem Tragetuch auf den Frauenbäuchen zieht der Sommer vorüber in einem Konzert aus Rotkehlchen, Spechten, Drosseln, Krähen und Ochsenfröschen, im Surren der Pikush und dem Danachklatschen. Festgespannt in meine Tücher würde ich eigentlich lieber herumfuchteln. Ich lerne zu ignorieren, was mich juckt: Stiche, Speichel in meinen Halsfalten, die feuchte Kleidung meiner Mutter, die entweder gräbt und rupft oder sägt und spaltet. Manchmal zerquetscht eine Hand eine Mücke auf meiner Stirn. Mein Blut vermischt sich mit dem des saugenden Insekts. Der Staub, der am Plasma klebt, bildet eine Kruste über seinem tierischen Tod.
Anfang September gibt es weniger Stechmücken. Manche von den Schwestern sind lieber nackt und lassen sich die verschmutzen Stoffe von den Schultern gleiten; sie entledigen sich der Kleidung, die sie nach wie vor einengt und sie an das erinnert, wovor sie geflohen sind. Von ihren Kleidern befreit, waschen sie sich, umarmen sich, kneten ihre weiche Haut, pflücken Beeren. Sie lassen Wind, Morast und Flussschlamm ihre Haare zerzausen.
Sie legen auch mich ab, setzen mich mit dem Po aufs Heu oder auf die Kiesel. Zuerst rutsche ich am Boden entlang, ziehe mein Gewicht mit den Ellenbogen, dann lerne ich, wie man den Rumpf anhebt und wie man sein Körpergewicht auf Handballen und Knien hält. Ich teile das Gras und ziehe Furchen in die schwarze Erde. Auf allen Vieren grabe ich mich ins Moor. Ich werde zur Streunerin, tauche überall auf, bin unberechenbar. Die achtundvierzig Fersen meiner Mutter müssen achtgeben, mich nicht niederzutrampeln, während mein Bauch gerade die Freuden zurückgeschnittener, stachliger, trockener Haargerste entdeckt, wenn sie sich unter ihm kräuselt.
Nunmehr in Freiheit, finde ich meine Säugetiergeschwister wieder, ich gründe einen Clan aus jungen Füchsen, Zicklein und Ferkeln, ich adoptiere ein Schwarzbärbaby und die große Bärin belauert uns aus der Ferne, ein paar Hasenjunge schließen sich unseren Spielen an.
Für lange Zeit lalle ich nur unartikulierte Schreie. Ich piepse wie ein Vogel und jammere wie eine Katze. Während sie darauf warten, dass meine Lippen präzise Klänge formen, nennen mich die Schwestern »Kleines« oder »Minushiss« oder »mein Harzkind«. Sie gedulden sich, lassen meiner Zunge Zeit, Worte und Sätze zu bilden. Sie bereiten sich auf den Tag vor, an dem ich meinen Namen wählen werde, so wie auch sie es vor mir getan haben.
Um die Mabon zu feiern, die Tagundnachtgleiche, versammeln sie sich auf einer Wildreiswiese. Sie mähen, ihre Stimmen erheben und ihre Füße verankern sich. Einige haben sich entkleidet und mit Blumen gekränzt; sie sensen, während sie dem Wind, der Sonne und der Septemberfrische jeden Winkel ihrer Haut darbieten. Andere tragen lange, mit Kohl gefärbte Schleier, die sich in den Windböen heben und sich mit einem Fädchen ans Gras klammern.
Ich wähle ebendiesen Tag, den mit dem gleichen Licht wie zu meiner Geburt. Ich liege in einem Korb und lausche dem Summen der Erde, die dabei ist, einzuschlafen. Am Himmel kreist ein jagender Bussard. Ich beobachte seine weiten Kreise. Jäh stößt er in die Tiefe. Sein Sturzflug überwältigt mich. Ich öffne meine Handflächen und strecke sie ihm entgegen. Ich gluckse: »Daaaaaaaa«, ein klares, fröhliches Gurren, heller als gewöhnlich und in einem Tonfall, der dem meiner Art ähnelt.
Die Gesichter meiner Mutter drehen sich nach mir um. Ihre Arme halten mit der Sense über dem Kopf inne, Kleider und Brüste wirbeln herum. Ich wiederhole: »Daaaaaaaa« und lache. Ihre achtundvierzig Augen treffen sich, ihre Herzen schlagen im Takt.
Daã.
Meine Mutter umringt den Tragekorb und stimmt im Einklang all ihrer Stimmen an: »Nitanis naha, Ina Maka.«
Ich werde hochgehoben, es gibt ein kleines Gedränge, wer mich als Erste hält. Wir gehen zum Fluss, eine von ihnen badet mich darin, dann recken andere Hände mich gen Himmel, und von neuem werde ich untergetaucht, dreimal repetierte Bewegung, aus der Luft ins Wasser, und wieder, und wieder. In ihrer Mitte bin ich eine einzige Gänsehaut. Ein Durcheinander von Fingern salbt meine Stirn, meinen Bauch, mein Geschlecht – klebrige, mit Fichtenharz gezogene Kreuze – und Lippen pusten Salbeirauch über meine Nase.
Am Strand huschen Schatten umher. Die Schwestern von Sainte-Sainte-Anne kennen den Namensritus auswendig: Sie wurden alle auf dieselbe Art aufgenommen und haben ihrerseits die aufgenommen, die ihnen folgten. Sie zeichnen einen weiten Kreis aus schwarzem Sand, dann einen zweiten, klein und konzentrisch, den sie mit Blättern, Moos, Flügelnüssen und Kiefernzapfen füllen, die sie an den Rändern meiner Taiga aufgelesen haben.
Schwester Grêle entkränzt sich und setzt ihr Blumendiadem auf meinen Kopf. Schwester Zéphérine wickelt mich in ihren rauhen, malvenfarbenen Schleier. Schwester Nigel bettet mich in das Nest aus Unterholz, während rundherum die anderen im Inneren des großen Gürtels Platz nehmen. Ein Gewirr von Röcken und Haut, blasse Körper rücken sich zurecht, runde Hände tupfen über die Augen, um die Erregung zu vertreiben.
Im Chor nehmen die Münder meiner Mutter die ersehnten Worte wieder auf, sie besingen die Hüterin des Bodens und die des Windes, dann die des Feuers und schließlich die Hüterin der Fluten mit ihren wogenden Flanken. Sie führen mich dem dreifaltigen Gott vor, Unserem Vater, und ich zittere zwischen ihren Körpern. Sie machen einen Schritt nach vorn, schließen den Kreis wieder und schützen mich vor dem Wind.
Vierundzwanzigmal beugt sich meine Mutter über mich und schenkt mir so viele Gaben, wie sie Gesichter hat: Lebhaftigkeit Stärke Kühnheit Ungestüm Geduld Bedachtsamkeit Freude Zurückhaltung Behändigkeit Zaudern Schneid Elan Verstand Magie Standhaftigkeit Kraft Scharfsinn Wut Intellekt Ausdauer Begeisterung Zuneigung Wärme Naturbegriff.
Um sie herum, durch das Laub und die Zweige meines Lagers höre ich die schwere Stille meiner Taiga. Die Raben schweigen, genauso die Gänseschwärme und die letzten Bremsen des Sommers.
Etwas erhebt sich in mir.
Ich sage es noch einmal, das Lied, das mir die Lippen verbrennt und mich mit Freude erfüllt.
Daã.
Ich taufe mich selbst, noch ohne von der großen Macht meines Mundes zu wissen.
Bald bricht der Schmelz durch mein Zahnfleisch. Wo es vorher nur weiche Haut gab, bewaffnen mich nun Zähne. Kaum sind sie da, wollen meine Schneidezähne die Beschaffenheit der Gegenstände erkunden, und meine Zunge ihren Geschmack. Im Oktober zerbeiße ich alles, was man mir gibt und was ich finde; mein ganzes Wollen konzentriert sich auf die Bewegung von der Hand zum Mund. Ich verschlinge: Brotlaibe, Honig, Wein, Eier, tote Fliegen, Käse, Tonerde, Apfelbeeren, Preiselbeeren, Holunder und Heckenkirschen, Erde, Wurzeln, Humus, Rinde, Schnüre, Staub, Lachs, Borstenwild, Körperausscheidungen und essbare Vögel.
»Sie schlingt ja«, sagt eine Stimme meiner Mutter.
»Sie wächst doch«, antwortet eine andere.
Einige weisen mich an, Spinnen und Blätter nicht hinunterzuschlucken, andere erwidern: »Lass sie ihren Kopf haben, sie wächst mit dem Mund.«
In dem Moment des Durchbruchs, als ich aufhöre, an ihren Fingern zu nuckeln, beginnt meine Mutter, sich zu teilen. Die Zähnchen verleihen mir eine neue Macht: Sie schneiden und zerlegen und mit ihnen spalte ich meine Erzeugerin in mehrere, eigenständige Figuren auf. Mit einem Mal vervielfältigt sie sich, ich habe viele Eltern und eine jede hat ihre Bewegungen, ihre Anweisungen, ihre Legenden und ihre schwankenden Stimmungen.
Indem ich allmählich Zugang zur gesprochenen Sprache gewinne, fasse ich sie in Gruppen zusammen. Einige von ihnen wenden sich an einen Vorfahren weit oben im Himmel, sie murmeln mehrmals am Tag »Vater Unser«, knien sich mit gefalteten Händen hin und richten ihre Augen zur Decke. Sie singen ihre Bitten, und ihre Stimmen steigen den Glockenturm hinauf und erreichen das väterliche Ohr. Die anderen unterhalten sich mit einer Mutter in unmittelbarer Nähe, die sie »Kybele« oder »Gaia« oder »Mari« oder »Ina Maka« nennen. Das Bitte und Danke, das sie ihr schicken, liegt in ihren Handflächen: um Baumstämme gewundene Blumengirlanden, auf die Felsen niedergelegte Gebeine von Feldmäusen, Brotkrumen, Flechtzöpfe oder unter den Wurzeln vergrabene Kieselsteine und mit Schlick vermengtes Frauenblut.
Ohne es zu wollen, offenbaren sie mir meine Abstammung. Ich bin drei Jahre alt, mein Großvater hat blaue Arme und ich weiß, dass seine Launen die Form der Wolken bestimmen. Er umhüllt den fruchtbaren, üppigen Körper von Nunak, meiner grün geflankten Großmutter mit ihren bergigen Hängen und dem wallenden, flüssigen Haar.
Ob meine Mütter nun diesen oder jenen Ahnen bevorzugen – ich habe sie alle gleich lieb. Wen ich allerdings um eine Brioche anbetteln, mit wem ich in den Fluss springen oder wie ein Wiesel die Bäume hinaufklettern und mich von Ast zu Ast schwingen kann, lerne ich, je älter ich werde. Meine Mutter Ondine erzählt mit ihrer heiseren Stimme schöne Legenden; meine Mutter Lénie kennt alle Insekten beim Namen; meine Mutter Nigel bestimmt Vögel anhand der Farbe ihrer Eier; meine Mutter Mélianne kann die Menschheitsgeschichte auf einen Karton zeichnen; und mit meiner Mutter May lerne ich, mich geschmeidig zu bewegen, mit Hüftschwung und fluidem Rumpf.
Ich wachse, breite mich aus, bekomme langgestreckte, kräftige Muskeln; ich werde riesengroß und ich werde schnell.
Sobald meine Beine mich weit genug tragen, gehe ich durch den Wald bis zur Kohlemine und wieder zurück, ohne zwischen dem Volk der Olbak, das im Herbst aus dem Norden herunterkommt, und den Bergleuten der Kohle Co. zu unterscheiden. Im Winter folge ich den Kindern der Nomaden, die ins Eis treten, es erzittern lassen und Wurzeln ausgraben. Im Sommer springe ich von Kluft zu Kluft im Takt der Keilhauen, zum Krachen der Steine und zum Einstürzen der Felsen. Und wenn die Waldmenschen ihre Jungen zusammentrommeln und die Arbeiter den schwarzen Staub abwischen, der ihren Kleinen im Gesicht klebt, gehe ich zwischen beiden hindurch und lege mich zum Schlafen an die behagliche Haut meiner Mütter, jeden Abend in ein anderes Bett. Ich teile mir die warmen Bäuche von Sainte-Sainte-Anne mit dem alten Hund.
Ich gliedere die Welt in Schwarz, Braun und Rostrot. Schwarz die Bergleute, braun die Olbaks, rostrot alle anderen, die an Kopf oder Körper kupferfarben sind und schmutzig wie der Klosterturm. Die reinen Farben der Säugetiere verschmutzen auf Menschenhaut. So bei mir: Ich habe kein Fell, bloß Flaum wie der eines neugeborenen Vogels, wie Felsenmoos. Ich bin fünf Jahre alt und meine Haut, von den Seiten bis zur Stirn, von den Schenkeln bis zum Schambein, ist eine dünne Rinde, die unter dem Kinderhaar bedeckt ist mit Kohle, Flecken und Blasen, mit weißen Narben von alten Stichen, neuen Bissen von Stechmücken. Ich weigere mich, mein Schopfdickicht schneiden zu lassen: Ich nehme darin Bienen und Blätter, abgebrochene Zweige, Disteln und Raupen auf, die mir in den Weg gefallen sind. Ich bin braun, rostfarben und schwarz, Tochter des Waldes, der Mine, der vierundzwanzig Bäuche meiner Mutter, und meines Stammesvaters.
Das allererste Mal, dass ich das Weiße entdecke, höre ich es, noch bevor ich es sehe. Ein vorbeiziehender Krach, Schritte, die den Farn zertrampeln, ein Körper, der Vögel, Eichhörnchen und Feldmäuse in Alarm versetzt.
Ich bin in der Nähe eines Wasserfalls am Spielen. Ich sage »mein Liebling« zum Filet-aux-Truites-Fall und zum dicken Felsen im Geröll, ich paare mich mit Birken, reibe mich an der Rinde, sage »amiq ononhouoyse«, verspreche den Tannen wilde Babys, gehe weg und komme zurück, beuge mich über die Äste und flüstere, die Hände kegelförmig um meine Lippen gelegt, gegen den Stamm: »Jetzt werden sie geboren.« Ich hole Blattstücke und Knospen aus meinen Unterhosen, sage: »Unsere Nachkommen, Abazi, mein Liebling, schau zu, wie ich unsere Kinder gebäre.« So wie meine Mütter mit mir niederkamen, so entbinde ich meine Taiga.
Das Weiße stört die Geburt meiner Sträucher. Ich wittere es auf hundert Schritte. Noch nie habe ich etwas Ähnliches gerochen. Körperdüfte, völlig unter einem Geruch vergraben, der nicht aus dem Wald kommt, nicht vom Alkohol, von einer Pfeife oder von Erde und ebenso wenig von irgendeiner Blume. Ich verfolge den Geruch, während er sich durch ein Wäldchen am Pfad entlangwühlt. Er ahnt nichts: Meine Füße wissen seit jeher, wie sie verhindern, dass Zweige knacken, mein Atem geht leise und mein Herz entspannt sich.
Zwischen den Zweigen erkenne ich zuerst den blassen Schein eines Hemdes und einer hellbraunen Leinenhose. Der Duft ist nicht der von Baumwolle, aber er haftet daran. Die Helligkeit der Kleidung verwirrt mich, ich muss die Augen zusammenkneifen, um hinter den Stoff zu blicken. Das Weiße hat das Gesicht eines jungen Mannes – fünfzehn, siebzehn Jahre alt – mit dichtem, schneeigem Haar, gelben Augen und den milchig rauen Wangen eines Rehbocks irgendwo zwischen Jugend und Vaterschaftsalter. Der Junge hat die Haut eines Flussgeistes, der unablässig ins Wasser taucht, glattgewaschen im Spiel der Kiesel.
Ich beobachte ihn, er weicht nicht vom Weg ab. An der Stelle, wo mein Herz schlägt, spüre ich seine Nervosität. Aus einem Feldmäppchen hat er eine gusseiserne Schere mit langen Klingen und einen braunen Papierumschlag hervorgeholt und beugt sich über die Zeichnung eines Mutterkrauts. Um sich zu beruhigen, pfeift er. Er klemmt den Kopf eines Zweiges zwischen seine Finger und öffnet seine Schere über dem Stängel.
Ich schreie: »Nein!«
Ich springe vor ihm auf.
»Was machst du da!«
Ich habe meine Fäuste in die Seiten gestemmt, knotige Ellenbogen, geschmeidige Oberarme. Er hat sich drei Schritte von mir entfernt, hält seine Schere vor sich und mustert mich, ich habe graue Kniebundhosen an, mein Bauch ist frei, die Unterlippe zittert. Aus meinem Schritt ragen Knospen und Birkenkätzchen. Er runzelt die Augenbrauen, hält Abstand. Ich gehöre zu einer Spezies, die er nicht kennt. Er schaut sich um, als ob weitere meiner Artgenossen ihn angreifen könnten.
Außer mir ist hier niemand von meiner Rasse.
»Was du machst, habe ich gefragt.«
»Guten Tag. Bist du das kleine Mädchen, das von den Nonnen adoptiert wurde?«
Seine Stimme versucht, sanft zu klingen, er füllt seine Überraschung mit Worten.
»Wie heißt du?«
»Du bist hier in meinem Wald. Also sagst du mir deinen Namen.«
Ich möchte wissen, was er da ausatmet und was mir die Nasenlöcher füllt; ich schaffe es nicht, mich auf seine Worte zu konzentrieren, mein Gehirn durchforstet die Bibliothek der Gerüche, ohne einen vergleichbaren Duft zu finden wie den, der seinen Menschengeruch überdeckt.
»Laure Hekiel. Ich bin der Lehrling von Doktor Do. Er hat mir von dir erzählt.«
Ich erkenne die Farbe seiner Behaarung, es ist die eines Hermelins, und seine Haut gleicht der der weißesten Schneeeulen. Ich behalte mir seinen Namen nicht, sondern nenne ihn sofort Ookpik. Alles an ihm ist keimfrei, sauber sind Wäsche, Haut, Nägel, selbst der Blick. Ich sage noch einmal: »Was machst du«, und da wird er sich der Schere bewusst, die er vor sich hochhält, lässt die Deckung sinken und fährt sich mit den Fingern durch seinen schneebedeckten Schopf.
»Ich wollte mich von den Nonnen verabschieden. Morgen verlasse ich Brón. Ich gehe in die Stadt. Wenn ich wiederkomme, bin ich Amtsarzt. Professor Rondeau vom Institut für Wildpflanzen hat mich gebeten, noch einiges zu sammeln, bevor ich abreise. Dies ist ein Sämling des Rhododendron groenlandicum.«
»Gegen Geburtsschmerzen.«
»Wie alt bist du?«
Ich öffne meine Faust vor seinem Gesicht und zeige ihm ihre fünf Äste, wedele damit unter seiner Nase herum. Seine strohfarbenen Augen weiten sich, dann lacht er, und sein Lachen ist so rein wie seine Haut, wie sein Haar, wie seine Wäsche: Es prallt von meinen Felsen ab, schlängelt sich zwischen meinen Bäumen hindurch. Ookpik wird still, aber der Klang setzt seinen Weg fort, schließt sich dem Lauf meiner Flüsse an, dringt in meine Ohren und in mein ganzes Revier. Der Junge nimmt seine Pflanzenkunde wieder auf. Ich möchte ihn am liebsten treten, mit beiden Füßen. Ich finde sein helles Lachen gemein.
Er arbeitet weiter. Er sieht nicht, dass der Strauch, für den er sich interessiert, noch ganz jung ist; er pflückt die Blätter, ohne zu wissen, wie alt der Saft im Stiel ist, ohne die Farbe der Triebe zu beachten, die von der Unreife der Pflanze zeugen, oder den spitz zulaufenden Schaft, der ohne sein Geäst nicht überleben wird. Er setzt seine Schere an, schneidet zu viel, schneidet schlecht.
Auf einmal spüre ich die Schere an meinen eigenen Fingern, meinen Armen und Beinen, Ookpik zerschneidet uns beide, mich und das Mutterkraut, und merkt es nicht einmal.
Mein Heulen alarmiert Schwester Grêle, die ein Stück weiter einen Bienenstock ausräuchert. Als sie vor ihm steht, weiß der junge Mann nicht, was er sagen soll, er versteht nicht, was mich aufregt. Meine Tränen bahnen sich durch den Dreck auf meinen Wangen, sie rinnen mir bis zum Bauch, zeichnen Rinnsale auf meine Haut. Der Junge würde am liebsten verschwinden, und ich kann durch meine Schluchzer hindurch nicht mehr sprechen. Ich schaue auf meine Hände, die ganz sind, die den Schmerz des Stiels spüren. Ich stürze mich gegen die Beine meiner Mutter, flüchte mich unter ihre Röcke, die gut nach verbranntem Papier riechen, ich lasse mich verschlucken und bewege mich nicht mehr. Ich klammere mich an die Knie, an die flaumigen, weichen Schenkel. Ich drücke mein Gesicht an das Fleisch, hülle mich in den Duft von Pelz und Frau. Ich höre die Stimmen von Schwester Grêle und Laure Hekiel, die sich ohne Vorwurf antworten, und dann höre ich nichts mehr, ich erinnere mich an ein Lied, das vom Lauf des Shawondasee, dem Südwind, erzählt, um das Gold der Felder einzuholen, wenn der ganze Herbst voller roter Blätter ist. Ich vertiefe mich darin, beruhige mich.
Sobald Ookpiks irritierender Geruch verschwunden ist, komme ich aus meinem Refugium hervor.
Ich sammle zurückgelassene Zweige auf, versuche, sie mit Harz wieder an den Strauch anzukleben.
Nichts mehr zu machen.
Der Winter der Cité beugt die Bretter der Gebäude und die alternden Körper. Von Dezember bis April ist es für Holz und alte Knochen viel zu feucht. Im Gerberviertel stagniert die kalte, von Chrom, Alaun und Abfallfett gesättigte Luft. Halb verdeckt durch die Dämpfe, die aus den Bottichen aufsteigen, feilschen Lederarbeiter mit Schustern, die gegenüber an unablässig vibrierenden Maschinen Stiefel und Schnürschuhe nähen. Vor den Weißgerbereien lehnen ehemalige Arbeiter mit dem Rücken an den Werkstattwänden und betteln, die Hände von Sulfaten zerfressen. Frauen laufen zwischen ihnen umher, ihre Sprösslinge unter dem Schal festgebunden; sie verkaufen sich selbst oder ihre Töchter, bleiche, schöne, langgewachsene Mädchen mit malvenfarbenen Augen und puppengleichem Haar – denn an ihrem Haupt bedienen sich die Spielzeughersteller nach wie vor, um Porzellanpuppen zu frisieren. Die alten, kahlköpfigen Frauen tragen gefärbte Tücher über der Stirn, ihr mageres Auskommen dort zwischen zwei Stofflagen eingenäht. Wenn sie sich bewegen, klimpern sie wie Amulette an einer Halskette. Beim Hausieren murmeln sie Worte, die niemand versteht. Die Jungen haben sich dem Griff ihrer Mutter entwunden und sind in andere Viertel weitergerannt, wohl wissend, dass auch in der Unterstadt weder Uhren noch Uhrenketten zu holen sind. Ihre Schreie, ihre lautstarke Freude fehlen im allgemeinen Durcheinander: Das Treiben der Übrigen bleibt von morgens bis abends trübselig.
Die einzigen eleganten Menschen, die sich auf die Straßen des Grauen Viertels wagen, sind die Arbeitsvermittler der Zechen aus dem Norden. Sie tauchen auf, wenn die Nächte so kalt sind, dass die ohnehin schon spröden Fenster endgültig platzen. Sie wissen, dass Kohle in solchen Zeiten für eine Spezies, die sich in Armenvierteln und Baracken herumtreibt, ein sicherer Köder ist.
Sie tragen mit Kurzhaarfell gefütterte Mäntel und Filzhüte, ihre Schnurrbärte sind gewachst und ihre Strümpfe sehr sauber. Ihre Halstücher haben einen bläulichen Schimmer, der wohlweislich an Kohlestücke erinnert und ihrer blassen Stirn einen edlen Anschein verleiht. Wo sie Männer antreffen, holen sie dicke Zigaretten hervor und teilen sie mit ihnen. Meistens jedoch sind es die Frauen, an die sie sich halten, nachdem sie ihre Schnurrbärte nachgewachst und ihr Lächeln überprüft haben. Sie machen erst der Dame ein Kompliment, dann, falls angebracht, dem Fräulein, und ziehen aus ihren Taschen schließlich tiefschwarze Klümpchen, leuchtend wie Glas. Im weißen, vereisten Licht übertreffen sie sich selbst darin, das Koks wie Edelmetall funkeln zu lassen.
Am Abend, wenn die Unglücklichen ihre Familien wiedersehen, glänzen ihre Augen trübe und sie reden von nichts anderem mehr als vom großen Kohlebergbau der Kohle Co. Sie wiederholen die Versprechungen von Wärme, Komfort und einem eigenen Nest irgendwo im Norden, wo der Himmel tanzt. Sie denken an den schönen Fremden, der unter all den Frauen auf der Straße sie ausgewählt hat, messen ihren Wert an dieser Auszeichnung und wollen sich ihm würdig erweisen. Sie kreischen laut und schnell, drohen, liebkosen oder fluchen, je nachdem, und sie kennen die Schwächen ihres Gatten so genau, dass der gute Mann sie am nächsten Tag den Bürgersteig entlanggeleitet, die Kappe auf der Stirn und die Hände in den Taschen, angetrieben durch Träume von schwarzen Klümpchen und Friede im Haus.
Sobald er den Ehemann neben der Frau sieht, weiß der Vermittler, dass seine Angelegenheit erledigt ist. Bis sie auch Guthaben und Kinder mitgebracht haben, bleibt er in ihrer Nähe und redet auf sie ein, bis sie ganz benommen sind, in jedem Haus drei Zimmer, Privatsphäre für Mädchen, Jungen und Eltern, Arbeit für alle, und nie geht dem Kanonenofen der Brennstoff aus. Er sagt nichts über die Polartage, an denen es kein Licht gibt und keine Nacht. Er spricht weder über das ranzige und teure Essen noch über das Bor, das sich in den Baracken absetzt oder von den Toten, die aus den Schächten geholt werden, fast ebenso viele wie Kohletonnen.
Er begleitet das Paar bis vor die Türen des Sort Tog, der sich von anderen Zügen durch seine violette Lokomotive und die mit Pech verschmierten Anhänger unterscheidet. Monsieur unterzeichnet seinen Vertrag mit einem großen blauen X, Madame schiebt die Kleinen die Stufen des Waggons hinauf, der Vermittler erhält seine Prämie, er sieht zu, wie die Wagen sich entfernen, dann holt er den schwarzen Kiesel aus seiner Tasche, poliert ihn ein wenig und findet noch auf dem Bahnsteig eine neue junge Mutter, einen auf der Bank schlafenden Betrunkenen, einen Mann, der dem Bahnhofsvorsteher seinen Fall auseinandersetzt.
Drei Tage später spuckt der Sort Tog seine Passagiere und ihr Gepäck in einer Dampfwolke wieder aus, bevor er von den Eisenbahnern gestürmt wird, die die Fracht auf Lieferwagen verteilen. Die Familien versammeln sich frierend und taumelnd auf den staubigen Brettern, betäubt von der langen Reise, fassungslos angesichts der Mittagsdunkelheit und der Hektik der Arbeiter.
Ihre Augen müssen sich an das winterliche Halblicht erst gewöhnen, bevor sie die Umrisse eines vom Wind geplagten Orts erfassen, in dem der Schnee zu einem blassen Dunst aufgewirbelt ist. Es gibt weder Bahnhof noch Bahnsteig. Der Zug hat, so scheint es, mitten im Nirgendwo angehalten. Einige glauben, es handele sich um einen Irrtum, und erkundigen sich beim Schaffner, der, da er schon Hunderte wie sie gesehen hat, ihre Verwirrung mit einem Handstreich beiseite fegt. »Die Kohle Co.? Aber sicher ist das hier.«
Also machen die Männer, Frauen und Kinder ein paar Schritte, geblendet von der Kälte, die ihnen die Wimpern einfriert, und von der Dezemberfinsternis. Sie gehen um die Lagerschuppen herum und entdecken zu ihren Füßen ausgebreitet Hunderte und Aberhunderte von Blechverschlägen, die auf Holzklötze gerollt und durcheinander in das Ödland neben der Zeche geworfen worden sind. Sie haben Fensterlöcher, durch die ein mattes Licht fällt, kaum erkennbar unter der dicken Schmutzschicht. Überall in den Hüttenfeldern überziehen verstreute Farbkleckse den Schnee mit einem ochsenblutfarbenen Teppich. Die Hütten wurden anfangs mit einer Grundierung versehen, die sie vor Rost schützen sollte, aber sechs Monate später häuteten sie sich schon wie die Nattern und ihre rote Hülle schälte sich in einem Stück ab.
