Bluthunger - Mark E. Carter - E-Book

Bluthunger E-Book

Mark E. Carter

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Beschreibung

Vampire. Sie entwickelten sich zu einer eigenen Spezies und stellen die Spitze der Nahrungskette dar. Unbemerkt von den Menschen leben sie seit ewigen Zeiten unter uns. Exolate ist einer von ihnen, Soldat der Hogh-Khart, einer der beiden großen Clans, die kurz vor einem Krieg stehen. Einem Krieg, der das Machtgefüge neu ordnen könnte. Er wird beauftragt, etwas über eine angeblich neue Geheimwaffe ihrer Widersacher herauszufinden. Können er und seine Kameraden eine weltweite Auseinandersetzung unter den Vampiren verhindern? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

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Seitenzahl: 449

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Zum Buch

Vampire. Sie entwickelten sich zu einer eigenen Spezies und stellen die Spitze der Nahrungskette dar. Unbemerkt von den Menschen leben sie seit ewigen Zeiten unter uns.

Exolate ist einer von ihnen, Soldat der Hogh-Khart, einer der beiden großen Clans, die kurz vor einem Krieg stehen. Einem Krieg, der das Machtgefüge neu ordnen könnte.

Er wird beauftragt, etwas über eine angeblich neue Geheimwaffe ihrer Widersacher herauszufinden. Können er und seine Kameraden eine weltweite Auseinandersetzung unter den Vampiren verhindern?

Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Zu den Autoren

Mark E. Carter, Jahrgang 1971, studierte Betriebswirtschaft und arbeitete als Manager in verschiedenen internationalen Konzernen. In seiner Nebentätigkeit als Journalist beschäftigte er sich mit Vampirismus. Seine Erfahrungen mit dieser Subkultur führten zum vorliegenden Buch.

Andreas Viegas, Jahrgang 1986, studierte Wirtschaft und gilt als Nahkampf- und Waffenexperte.

Mark E. Carter

Andreas Viegas

BLUTHUNGER

Cortimus

Vampirroman

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

3. Auflage

© 2022 Mentoren-Media-Verlag,Königsberger Str. 16, 55218 Ingelheim am Rhein

Lektorat: Sarah Küper, Mainz

Umschlaggestaltung: Nadine Nagel, Mainz

Satz und Layout: Sarah Küper, Mainz

Druck und Bindung: MCP, Marki, Polen

eISBN: 978-3-98641-045-2

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

www.herodot-verlag.de

»Tue was du willst, soll sein das ganze Gesetz«

Aleister Crowley

Und ich hörte den Engel der Wasser sagen: Gerecht bist du, der du bist und der du warst, du Heiliger, dass du dieses Urteil gesprochen hast; denn sie haben das Blut der Heiligen und der Propheten vergossen, und Blut hast du ihnen zu trinken gegeben; sie sind’s wert.

Offenbarung 16,5-6

INHALT

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 1

Es war Nacht; eine dieser mondlosen, schweren Nächte, die sich wie ein dicker Mantel über die Stadt legen. Das Gewitter, das sich schon seit Tagen ankündigte, stand unmittelbar bevor und es war nicht die Frage, ob, sondern lediglich wann der Himmel seine Schleusen öffnen würde. Die Luft war elektrostatisch geladen und obwohl es bereits weit nach zehn Uhr abends war, war von einer für diese Zeit üblichen Abkühlung der Nachtluft nichts zu spüren.

Das junge Pärchen, das auf die Piazza della Ponte zusteuerte, schien die drückende Schwüle jedoch nicht zu bemerken. Langsam schlenderten die beiden eine dunkle Seitengasse entlang und unterhielten sich angeregt über den Film, den sie gerade im Kino gesehen hatten. Sie kannten einander noch nicht lange, seit sechs oder sieben Wochen erst, doch das Leben hatte sie zusammengeführt wie zwei gegenpolige Magneten: Ein Zusammenstoß war im wahrsten Sinne des Wortes unvermeidlich.

Laura war im Supermarkt ganz in ihre Einkaufsliste versunken gewesen, als sie, wieder einmal viel zu schnellen Schrittes, geradewegs in Adriano hineinlief. Dass sie ihn umgerannt hatte, war vielleicht die treffendere Beschreibung ihrer ersten Begegnung. In ihrem ersten Schrecken wollte sie, entsprechend ihrer temperamentvollen Art, gerade beginnen, ihn mit Flüchen einzudecken, als sie aufsah und ihm in die Augen blickte. Adriano sah sie an und lächelte, wobei er die Dose Ravioli in der Hand hielt, die sie bei ihrem Zusammenstoß fallen gelassen hatte. »Sehr sympathisch«, war ihr erster Gedanke. Und so ein schönes, ebenmäßiges Gesicht. Seine Augen, die von kleinen Lachfalten umrahmt wurden, hatten Laura die Sprache verschlagen und zauberten ihr ebenfalls ein Schmunzeln auf die Lippen.

»Verzeih, ich war gerade ganz in meine Liste versunken«, war das Einzige, was Laura hervorbrachte. Trotz ihrer 23 Jahre war sie eine ungemein selbstbewusste junge Frau, doch jetzt kam sie sich vor wie ein Schulmädchen. Wenn sie verlegen wurde, spielte sie oft unbewusst mit einer Strähne ihres kaffeebraunen Haars, das ihr glatt bis auf die Schultern fiel. Auch dieses Mal ertappte sie sich dabei und unterbrach die Bewegung sofort, als sie merkte, dass er sie dabei beobachtete.

»Ich bin daran wohl nicht ganz unschuldig. Schließlich hätte ich mit einem Sprung zur Seite noch ausweichen können. Andererseits hätte ich es dann wohl nie geschafft, einen Blick auf dein hübsches Gesicht zu werfen. So vertieft, wie du in deinen Zettel warst.«

Wieder warf ihr Adriano dieses umwerfende Lächeln zu. Mit seinen langen, lockigen Haaren, die so schwarz wie seine Lederjacke waren, sah er aus wie ein Rockmusiker, doch seine galante Art konnte er sich unmöglich auf den Musikbühnen dieser Welt angeeignet haben. Ihr erster Eindruck hatte sie nicht getrogen. Adriano war mit seinen 29 Jahren der jüngste Abteilungsleiter, den die Finance Corp., ein weltweit tätiger Konzern im Finanzdienstleistungsbereich, jemals gehabt hatte. Doch der Preis, den er für seine steile Karriere bezahlte, war nicht weniger gering. Lange Arbeitszeiten und wenig Freizeit entsprachen für ihn eine wenig geliebte Selbstverständlichkeit.

»Ich möchte mein berechnendes Verhalten wiedergutmachen. Darf ich dich, nachdem wir unsere Einkäufe hier beendet haben, auf einen Espresso einladen? Ich kenne ein sehr nettes Lokal gleich um die Ecke.«

»Warum nicht?«, entgegnete Laura und so entstand eine leidenschaftliche Beziehung. Beide hatten bereits nach kurzer Zeit das Gefühl, als ob sie sich schon seit Ewigkeiten kennen würden. Wenn sie sich mal nicht sehen konnten, dann schickten sie oft stundenlang SMS mit den schönsten Liebesschwüren hin und her.

Der Film, den sie an diesem Abend sahen, war spannend, ein Thriller – nicht unbedingt die Art von Unterhaltung, die Laura bevorzugte. Einige Male presste sie ihr Gesicht an Adrianos Schulter, um die schrecklichen Dinge, die der psychopathische Killer mit seinen Opfern anrichtete, nicht mitansehen zu müssen.

»Es ist vorbei, Süße. Du kannst wieder hinsehen«, hatte ihr Adriano jedes Mal ins Ohr gehaucht und sie anschließend auf die Schläfe geküsst. Laura liebte es, seine Lippen auf ihrer Haut zu spüren und auch jetzt noch durchfuhr sie ein wohliger Schauer, wenn sie an seine Berührungen dachte.

»Es wird bald Regen geben, wir sollten uns beeilen«, bemerkte Adriano, während sie sich durch die Seitengasse der Piazza näherten.

»Du hast recht. Außerdem ist mir diese Gasse etwas unheimlich.« Adriano runzelte die Stirn.

»Wovor fürchtest du dich? Da vorne ist ja bereits die Piazza und da wimmelt es nur so von Menschen, uns kann also nichts passieren.«

Laura wendete ihm ihr Gesicht zu, sah ihn von der Seite dankbar an und genoss das selbstsichere Funkeln seines Blicks. Als sie den Kopf abwandte, stand vor den beiden wie aus dem Nichts ein Mann. Es waren nicht einmal sein schwarzer Ledermantel und die Springerstiefel, die Laura solche Angst einflößten, sodass ihr der Atem stockte, sondern vielmehr waren es seine durchdringenden blauen Augen, die wegen seiner kurzen wasserstoffblonden Haare und seiner weißen Haut, die so unwirklich schimmerte, als wäre sie aus Elfenbein, noch intensiver zu leuchten schienen. Obwohl sie noch fünf oder sechs Meter trennten, konnte sie all das erkennen. Der Mann stand einfach da und sah sie an. Sein Blick war durchdringend und doch starrte er nicht, eher war es der Blick von jemandem, der eine Trophäe betrachtete. Seine Trophäe. Laura klammerte sich fester an Adriano, der unvermittelt stehen geblieben war.

»Seid gegrüßt. Ich habe euch bereits erwartet«, sagte Cortimus und lächelte leicht. Fast hatte sein Lächeln den Anschein von Freundlichkeit, aber es war das Lächeln eines Jägers, der sich seiner Beute sicher war. Adriano zögerte nicht lange.

»Lauf – jetzt!«, stieß er hervor, umklammerte Lauras Hand und setzte zu einem Sprint an. Doch sie sollten nicht weit kommen. Blitzschnell war Cortimus an ihrer Seite, fasste Adrianos Kopf mit beiden Händen und drehte ihn zuerst nach links und dann mit einem Ruck nach rechts. Es knackte, als Adrianos Genick brach. Die Bewegung dauerte gerade mal eine Sekunde.

Laura blieb wie vom Donner gerührt stehen. Sie war unfähig, sich zu bewegen und brachte vor Schock keinen Laut heraus. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie auf Adriano, der mit unnatürlich verdrehtem Kopf tot am Boden lag, und begriff, dass sie soeben den Menschen auf der Welt verloren hatte, den sie abgöttisch liebte. Den einzigen Menschen, den sie noch hatte… Von einer Sekunde zur anderen veränderte sich ihr Leben komplett.

Und plötzlich begriff sie noch etwas: Der Geschwindigkeit, mit der sich dieser Mann ihnen genähert hatte, der Kraft, mit der dieses Monster ihrem Adriano das Genick brach, würde sie nichts entgegensetzen können. Laura wollte schreien, doch Cortimus drückte ihr mit Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand den Kehlkopf zusammen.

»Dein Schreien wird meine Erregung nur steigern und dein Leiden noch vergrößern. Bist du sicher, dass du meinen Genuss auf diese Weise erhöhen möchtest? Bist du dir da ganz sicher? Und außerdem: Wer sollte dich denn hören oder dir helfen? Die armseligen Kreaturen da vorne auf der Piazza vielleicht?«

Cortimus lachte leise und sah kurz hinüber zu dem Trubel, der keine hundert Meter von ihnen entfernt herrschte. Er hatte die Worte mit der Ruhe eines Priesters gesprochen, der seine Sonntagspredigt hält. Laura war vor Angst wie gelähmt und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Es ist dein Blut, das mir die Sinne raubt, nicht seines«, fuhr Cortimus fort. »Du hast keine Ahnung, in welche Ekstase es einen der Unsrigen versetzen kann. Der erste Biss, der plötzlich austretende Schwall warmen Blutes – deines Blutes, das jetzt vor Angst laut in deinen Adern pocht.«

Wieder lachte er und zog sie in eine dunkle Ecke, wo er sie grob gegen eine Häuserwand presste. Seine rechte Hand griff nach ihrer weißen Bluse, die er ihr mit einem Ruck von den Schultern riss. Cortimus betrachtete sie. Ihre nackte Haut glänzte im Dunkeln, ihr weißer Spitzen-BH leuchtete fast unnatürlich. Dann riss er Laura mit einer blitzartigen Bewegung auch den BH herunter und legte ihre Brüste frei. Laura hatte einen muskulösen Körper und feste, große Brüste – das Ergebnis jahrelangen Schwimmtrainings.

»Machen Sie mit mir, was sie wollen, aber tun Sie mir bitte nicht weh«, flehte Laura keuchend. Cortimus griff nach ihren Rundungen. Plötzlich wurde Laura bewusst, wie kalt sich seine Hand anfühlte.

»Schmerzen? Das ist es nicht gerade, was du fühlen wirst.«, sagte Cortimus und lächelte, während er mit seiner Hand langsam ihren Oberkörper ertastete. Dann trat er mit einem schnellen Schritt hinter Laura und drückte ihren Kopf gegen seine Wange. »Ich liebe es, euch Sterbliche zittern zu sehen und gleichzeitig liebe ich es noch immer, einen eurer warmen, weichen Körper zu spüren. Das gestattest du mir doch, oder?«

Cortimus hielt ihre Brüste fest umschlossen, während er seine scharfen Eckzähne entblößte und sie tief in Lauras Hals senkte. Ein gurgelnder Laut war das Letzte, das die Welt von Laura Ragiotti hörte. Cortimus, der Vampir, saugte ihr Blut bis zum letzten Tropfen aus. Anschließend nahm er die Körper seiner Opfer an sich und schwang sich auf das dreistöckige Wohnhaus.

Mit großen Sätzen sprang er von einem Hausdach zum nächsten und landete jeweils sanft und völlig lautlos, um nicht auf sich aufmerksam zu machen. Das Gewicht der beiden Körper beeinträchtigte ihn dabei nicht, im Gegenteil. Er spürte sie kaum. Mit einem letzten, riesigen Satz schwang er sich in den Nachthimmel empor und verschwand in der Nacht. Er ließ sich ein Stück vom Wind tragen und landete schließlich etwas außerhalb der Stadt am Rande eines Flusses.

Hier an dieser Stelle war der Tiber besonders tief. Er legte beide Körper auf die sanft abfallende Uferböschung. Als Erstes nahm er sich Adrianos an. Cortimus drückte die Finger beider Hände auf Höhe seines Bauchnabels tief in die Haut und riss ihm die Bauchdecke auf. Er öffnete den Oberkörper und warf die Leiche anschließend in die Strömung des Flusses. Der Vampir verzichtete darauf, ihr beim Sinken zuzusehen, dafür war zu wenig Zeit. Zu groß war die Gefahr, entdeckt zu werden. Einen Augenblick lang betrachtete er Lauras Leichnam und strich ihr über die graue, kalte Wange.

»Eigentlich hätte ich dich zu einer der Unsrigen machen und dir das ewige Leben schenken sollen. Du wärst mir sicherlich eine gute Dienerin gewesen.«

Er wischte den Gedanken fort und begann, mit ihrem Körper dieselbe Prozedur durchzuführen wie kurz zuvor mit Adrianos Körper. Als er fertig war, warf er die Leiche ins Wasser und sah ihr nach. Cortimus wartete, bis Lauras Körper in den Fluten versank, wusch sich anschließend im kalten Wasser seine Hände und begab sich auf den Rückweg in die Stadt.

Oh, wie er sie hasste, diese Art der Entsorgung! Wie leicht war es doch früher. Noch vor hundertfünfzig oder auch nur vor hundert Jahren hatte man eine einfache Grube ausgehoben und den Körper bzw. den Rest des Mahls darin verscharrt. Fertig, das war es! Heutzutage dagegen musste man höllisch aufpassen, dass der Körper nicht entdeckt und man mittels DNA-Proben, Fingerabdrücken und wer weiß was noch allem, nicht selbst zu einem Gejagten der Menschen wurde. Eine verrückte Zeit, dachte Cortimus und ließ sich einen Augenblick lang dazu hinreißen, in Erinnerungen an das alte Europa zur Zeit der Renaissance zu schwelgen. Er schloss die Augen und ließ einige Bilder vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Er genoss die Gedanken an diese Zeit des wiederentdeckten Prunks, der neuen Höflichkeit und des galanten Umwerbens der Damen. Es war eine wunderbare Zeit gewesen – für ihn wie auch für die meisten anderen Vampire.

KAPITEL 2

Exolate schlug die Augen auf. Die Nacht brach herein und Dunkelheit legte sich wie ein Mantel über das Haus, in dessen Keller er sich zurückgezogen hatte. Das Anwesen war der Ort, an den sich Exolate Nacht für Nacht zurückzog, wenn er im Lande war. Ein Ort, an dem er sich sicher fühlen konnte.

Er spürte die leichte Wärme, die von den Fackeln an den Wänden ausging, als er langsamen Schrittes die Kellertreppe erklomm und sich in den Flur begab. Er öffnete die schwere Tür, die in die Bibliothek führte und auf deren Rückseite sich zur Tarnung des Eingangs ein Bücherregal befand. Nur schwerfällig setzte sie sich in Bewegung, doch schließlich gab sie den Weg in die Bibliothek frei. Exolate wartete, bis die Tür mit einem satten Geräusch wieder ins Schloss fiel und betrachtete die Geheimtür einen Augenblick lang aufmerksam.

Wohl niemand vermutete, dass sich dort, wo sich jetzt ein Buch an das andere reihte, eben noch eine Tür befand. Bücherregalen umschlossen die Wände der Bibliothek. Unzähligen Werke standen in endlosen Reihen nebeneinander. In der Mitte der Bibliothek befanden sich zwei schwere Ohrensessel aus dunklem Leder. Die gesamte Einrichtung spiegelte den typisch englischen Stil der Londoner Upperclass wider, auf dessen Skyline Exolate blickte, wenn er auf seine Terrasse trat.

Exolate schritt geradewegs durch die Bibliothek und öffnete eine weitere Tür. Der Flur, der mehr einer großen Halle glich, wirkte in dem gedämpften Licht riesig. Dieser Teil seines Hauses beeindruckte vor allem durch seine Schlichtheit, in die er geschickt einzelne Akzente setzte.

Zwei schwere Kronleuchter hingen von der Decke und in einer Nische an der linken Seite der Halle befand sich eine Ritterrüstung. Der imaginäre Träger der Rüstung war bewaffnet mit einem Bihänder, der stolz und aufrecht mit der Spitze nach unten zwischen den Füßen des Ritters ruhte. Ein beeindruckendes Gemälde oberhalb der Rüstung, welches die Szenerie einer Schlacht zeigte, rundete dieses Bild ab. Die rechte Seite der Halle dagegen lud zu einem Ausflug in historische Zeiten ein. Dort waren die unterschiedlichsten Waffengattungen vergangener Tage ausgestellt, sodass Exolate nun an den verschiedensten Hieb- und Stichwaffen wie Säbeln, Degen und Dolchen, aber auch Morgensternen bis hin zu Steinschlossbüchsen entlang ging. Exolate mochte diese Instrumente der Gewalt, er liebte all jene Zeugnisse einer Zeit, in der die Menschen weniger Gott, sondern mehr dem Teufel nahestanden.

Am anderen Ende des Flurs betrat Exolate einen kleinen Raum und überprüfte die Sicherheitsanlage. Alles in Ordnung. Am gestrigen Tag blieb alles ruhig. Keine ungebetenen Besucher.

»Gut«, murmelte er. In all den Jahren gab es noch nie einen solchen »ungebetenen Besucher«, aber die tägliche Kontrolle hatte für ihn etwas Beruhigendes und war fast so etwas geworden wie ein Ritual. Anschließend begab er sich ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht. Er fühlte das Zittern, das seinen Körper in Besitz zu nehmen begann und ihm ankündigte, dass seine Kräfte im Begriff waren zu schwinden. Exolate spürte, wie seine Sinne bereits nachließen, wie die Stimmen der Sterblichen, die er sonst noch viele Meilen entfernt in der nächsten Stadt hören konnte, leiser wurden. Auch sein Geruchssinn ließ nach. Exolate brauchte Blut, sonst würde sein Körper schwach werden, zu schwach, um sich im Falle eines Angriffs verteidigen zu können.

Er zog sich an und trat nach draußen. Eine kühle Brise wehte ihm entgegen. Von der Anhöhe, auf der sein Anwesen emporragte, hatte man einen guten Blick auf die Stadt und ihre Lichter und wenn der Wind günstig stand, konnte man auch das stetige Rauschen des nie endenden Verkehrsstromes hören. Exolate ging in die Hocke und federte kraftvoll vom Boden ab, sein Sprung ließ ihn hoch in den Nachthimmel schnellen. Nun machte er sich leicht wie eine Feder und glitt mit dem Wind in die Stadt.

Ältere Vampire verfügen über einige Fähigkeiten, die uns Menschen fantastisch vorkommen und die sie erst nach Jahrhunderten entwickeln. So kommt es auch zu einer Hierarchie, einer Rangordnung unter den Vampiren: Die älteren Vampire sind stärker und mächtiger und stehen demnach ganz oben auf der Leiter. Die Jüngeren sind wohl beraten, sich ihnen mit Respekt zu nähern.

Jeder Vampir besitzt ein bestimmtes Energiefeld, das ihn umgibt wie eine Art Aura. Vampire können diese Felder, oder besser gesagt deren Schwingungen, lesen. Auf diese Weise spüren Vampire die Gegenwart anderer Unsterblicher. Da die Schwingungsfrequenz im Laufe der Jahrhunderte zunimmt, ist es Vampiren untereinander möglich, das Alter ihres Gegenübers abzuschätzen. So ist ein Vampir, der bereits über 2.000 Jahre auf der Erde weilt, von einem hochfrequenten Energiefeld umgeben, das an seinem leisen Summen zu erkennen ist.

Diese Hierarchie hat sich vor vielen Jahrhunderten entwickelt und besteht bis heute. Die jungen Vampire entwickeln im Laufe der Zeit einen Instinkt, mit dessen Hilfe sie ältere Vampire erkennen können. Dieser Instinkt ermöglicht es ihnen, sich ranghöheren Vampiren mit Respekt zu nähern oder ihnen besser aus dem Weg zu gehen. Dieses Verhalten hat sich aufgrund natürlicher Auslese durchgesetzt: Ein respektloses, ungebührliches, ja eventuell sogar aggressives Verhalten gegenüber einem älteren Vampir führt sehr wahrscheinlich dazu, dass der ältere den jüngeren Vampir auslöscht. Einfach so. Auf diese Weise haben nur die stärksten und anpassungsfähigsten Vampire überlebt, wodurch das Überleben dieser Rasse seit bereits weit über 3.000 Jahren sichergestellt werden konnte.

Exolate landete in der Grünanlage eines Parks und ging langsam die angrenzenden Straßen entlang. Seine Ohren empfingen aufgrund seiner geschärften Sinne ständig ein Stimmengewirr, das zu kontrollieren er erst hatte lernen müssen, um nicht verrückt zu werden. Aus den unzähligen Wortfetzen filterte er jetzt die verzweifelte Stimme eines Mannes heraus, der ein paar Häuserblocks entfernt gerade das Opfer eines Raubüberfalls wurde. Dann vernahm er auch eine zweite Stimme: Das überlegene Lachen eines Mannes, der die Macht auskostete, die ihm seine Handfeuerwaffe verlieh, welche er auf sein Opfer richtete.

Exolate spürte wieder, wie seine Hände zitterten. Gewiss, er brauchte Blut, aber es war auch ein Zittern der Erregung, das dem Wissen darüber geschuldet war, was ihn gleich erwartete. Das süße Aufwallen der Sinne, das den ersten Schluck begleitete, der wohlige Schauer, der beim ersten Kontakt mit dem Blut eines Opfers den Körper überlief. Dieses ekstatische Gefühl, das er jedes Mal spürte, wenn er – Exolate – immer kräftiger wurde, während er das Leben seines Opfers mit jeder Sekunde langsam auslöschte. War das wirklich so anders, war das so viel besser als das Verhalten des Typen mit der Waffe? Exolate schob diesen Gedanken sofort wieder weit von sich und begab sich in Richtung des Ausgangspunktes der beiden Stimmen.

Es dauerte nur einen Wimpernschlag, dann stand Exolate zwischen den beiden Männern und lächelte den Mann mit der 9mm Pistole in der Hand an. Über Exolates plötzliches Erscheinen war dieser so verblüfft, dass er ihn für einen kurzen Augenblick nur mit offenem Mund ansah. Doch als der Vampir blitzschnell sein Handgelenk packte, es mit einem geschickten Hebelgriff brach und ihm die Waffe entwendete, wurde seine verblüffte Miene von dem Schmerzensschrei verzerrt, den der überrumpelte Mann nun ausstieß. Ohne sein Opfer loszulassen, drehte Exolate sich kurz um und bedeutete dem anderen Mann, zu verschwinden. Das ließ sich dieser nicht zweimal sagen. Er bedankte sich mehrmals und lief – leicht geschockt wegen der Ereignisse der vergangenen Minuten – hastig davon.

»Sieh mich an!«, befahl Exolate und unterstrich seine Aufforderung mit einer Intensivierung seines Griffes um das gebrochene Handgelenk seines Opfers. Der Mann stöhnte und blickte dem Vampir direkt ins Gesicht.

»Ich bin das letzte Bild, das deine Augen erfassen werden.«

Exolate grinste und entblößte seine Fangzähne. Bevor der Mann begriff, hatte sich Exolate auf ihn gestürzt und schlug ihm seine rasiermesserscharfen Zähne in den Hals. In einem Schwall strömte das pulsierende Blut des Opfers in Exolates Mund. Er fühlte, wie ihn der vertraute warme Schauer überlief. Begierig sog er das Blut des Mannes und genoss die Energie, die seinen Körper durchströmte, fühlte, wie sich seine Sinne blitzartig zu schärfen begannen und ein ekstatisches Kribbeln ihn erfasste. Die Haut seines Opfers wurde zusehends grauer. Schließlich sackte es komplett in Exolates Armen zusammen.

»Bis auf den letzten Tropfen.«

Seine Worte erheiterten ihn und er fing unvermittelt an zu lachen. Achtlos ließ er den toten Körper zu Boden fallen. Ein kurzer Blick: Gut, niemand hatte ihn beobachtet, er war ganz allein in dieser dunklen Sackgasse. Exolate kniete sich vor den Leblosen hin und legte dessen Oberkörper frei. Mit einer schnellen Bewegung stach er dem Toten die Finger seiner rechten Hand in den Bauch und riss ihm den Oberkörper bis zum Brustbein auf. Mit der anderen Hand holte er eine Ampulle aus seiner Manteltasche, leerte deren Inhalt in die offene Wunde und trat einige Schritte zurück. Langsam stieg Rauch auf, als der Körper sich zu zersetzen begann. Der Rauch wurde stärker, während der Zersetzungsprozess immer rascher vor sich ging, bis sich der Leichnam schließlich ganz aufgelöst hatte. Nach einigen Minuten war alles vorbei, zurück blieb nur etwas Staub. Exolate war zufrieden.

Der Inhalt der Ampulle war eine Entwicklung asiatischer Untoter, die vor einigen Jahrzehnten eine interessante Entdeckung machten: Sie fanden heraus, dass die plötzliche Zerstörung eines Vampirs durch Sonnenlicht, die letztlich den Zerfall des gesamten Körpers zu Staub zur Folge hat, sich auch bei anderen Lebewesen herbeiführen lässt. Verantwortlich für diesen Prozess ist ein Enzym im Zellstoff der Vampire, das unter bestimmten Umständen eine sofortige Dehydration der Zellen auslöst. Der Kontakt mit Sonnenlicht führt bei Vampiren also dazu, dass diese – bedingt durch das Enzym – Opfer einer kompletten und rapiden Austrocknung werden und zu Staub zerfallen. Dieser Zerfall ist zwar ursprünglich eine vampirtypische Eigenschaft, war aber durchaus auch auf andere Individuen übertragbar. Sie extrahierten das Enzym und reproduzierten es künstlich. Auf diese Weise konnte es, gentechnisch entsprechend verändert, nun auch wirkungsvoll eingesetzt werden, um beispielsweise die Opfer elegant verschwinden zu lassen, nachdem man sich an ihnen gelabt hatte.

Das war für Vampire eine wichtige Entdeckung, da diese früher viel Zeit und Energie darauf verwenden mussten, sich ihrer Beute zu entledigen. Die Körper am Tatort liegen zu lassen war zu gefährlich, denn das würde zu viel Aufmerksamkeit erregen und Fragen aufwerfen. Deshalb hatten Vampire ihren Opfern früher vorzugsweise in der Nähe von Flüssen, Seen oder in Parks und Friedhöfen aufgelauert. Dort konnte man ziemlich rasch die sterblichen Reste zum Verschwinden bringen.

Vor diesem Hintergrund war die Entwicklung des Serums natürlich ein Segen. Man musste lediglich eine geringe Menge des Enzyms in den Körper des Opfers bringen, das dann eine Kettenreaktion und den Auflösungsprozess auslöste. Natürlich war diese Entdeckung ein gut gehütetes Geheimnis ihrer Erfinder, des sogenannten Hogh-Khart-Clans, und wurde streng unter Verschluss gehalten. Schließlich wollte man den anderen Clans diesen Vorteil nicht an die Hand geben, dafür bestand letztlich eine zu große Rivalität zwischen den Parteien. In den vergangenen Jahren war zu viel passiert. Es wurde bereits gemunkelt, dass ein neuerlicher Krieg zwischen den Vampir-Clans kurz bevorstand. Man sprach davon, dass der Clan der Nazarener bereits Anstrengungen unternahm, alles für das »letzte Gefecht« vorzubereiten.

Exolate lächelte und ging belustigt die Straße hinunter. Das letzte Gefecht. Exolate überlegte einen Augenblick und beschloss, zunächst keinen weiteren Gedanken daran zu verlieren. Viel zu oft gab es in den letzten Jahrhunderten solche »letzten Gefechte«, auf die dann doch wieder weitere folgten. Wenn es so weit war, dann machte er sich darüber Gedanken. Erst dann. Er würde noch früh genug davon erfahren, dafür sorgten schon die anderen. Die anderen. Ja, die vergaßen einen nicht, wenn es brenzlig wurde und sie jemanden brauchten, der für sie die Kohlen aus dem Feuer holte.

Exolate lachte laut auf. Einige Personen auf der belebten Straße drehten sich nach ihm um und gingen rasch weiter ihres Weges. Diese Kriege waren stets mit unvergleichlicher Härte geführt worden und immer wurden sie ohne das Wissen der Menschen ausgetragen. Nichts bekamen sie mit, die Menschen, und wenn es mal Augenzeugen gab, dann berichteten die Medien später von »Bandenkriegen des Drogenkartells« oder etwas Ähnlichem. Schließlich sorgten die entsprechenden Stellen innerhalb der Clans für die systematische Desinformation der Medien. Außerdem fanden die Kriege immer im Untergrund statt. Es gab keine Vampirarmeen, die sich auf einem Feld trafen und einander niedermetzelten. Genauso wenig gab es spektakuläre Häuserkämpfe, bei denen Scharfschützen einander auflauerten. Dies alles waren Spielereien der Menschen. Was sollte die Kugel eines Scharfschützen bei einem Vampir auch schon ausrichten? Exolate schmunzelte bei diesem Gedanken. Ein Vampir-Krieger war mit Pflöcken ausgestattet, die entweder aus Holz oder aus Metall waren, wobei sich Titan eindeutig zum Lieblingsmaterial der militärischen Einheit entwickelte. Pflöcke wurden hauptsächlich im Nahkampf verwendet, Schwerter hingegen waren die ideale Waffe in der Halbdistanz und wurden auch hauptsächlich dort eingesetzt. In jüngerer Zeit hatten jedoch verstärkt Forschungen stattgefunden, die sich mit dem Einsatz von Schusswaffen und eigens dafür entwickelten Patronen beschäftigten.

Die Kriege selbst fanden für gewöhnlich in vielen kleinen Einzeloperationen statt, mit Teams von durchschnittlich acht Kämpfern. Diese Gruppen drangen in Gebäude ein, liquidierten ihre Gegner oder zerstörten Anlagen von verfeindeten Clans. Sie führten ihre Mission durch und verschwanden danach so schnell wieder, wie sie gekommen waren. Ein solches Vorgehen war typisch für militärische Auseinandersetzungen unter Untoten. Es war schnell, effizient und vernichtend für den Gegner. Dabei waren die Vampire immer darauf bedacht, dass bei den Aktionen möglichst keine Aufmerksamkeit erregt wurde. Wenn ein Krieg unter Vampiren einmal eskalierte und auch für die Menschen sichtbar wurde, dann fädelten es die Clanfürsten vorher so ein, dass just zu diesem Zeitpunkt ein Konflikt unter den Menschen ausbrach, den sie sicherheitshalber schon vor langer Zeit zum Brodeln brachten. Je mehr sich die Sterblichen mit sich selbst beschäftigten, umso weniger beachteten sie das, was um sie herum geschah. Die Welt der Dunkelheit zum Beispiel.

Exolate öffnete die Tür des Clubs und trat ein. Das »Vampire’s Heaven« war schmutzig, dunkel, laut und voller Leute. Die Menschen, vorwiegend junge Frauen und Männer, die sich in dunklen Gewändern auf der Tanzfläche zum Rhythmus der Musik bewegten – die Mädchen meist sehr sexy in schwarzen, bauchfreien Tops und mit allerlei Silberschmuck behangen –, beachtete er kaum. Er hatte weder Durst noch verspürte er im Augenblick das Verlangen, eines der hübschen Mädchen zu verführen. Den Vampiren, die sich im »Vampire’s Heaven« aufhielten, zollte er mehr Aufmerksamkeit. Es waren nicht viele, höchstens fünfzehn, doch die meisten kannte er nicht, daher war höchste Vorsicht geboten. Nachdem er sich am anderen Ende des Clubs an der Bar niederließ, nahm er die anwesenden Untoten genauer unter die Lupe. Es handelte sich vor allem um junge Vampire, die hier etwas Spaß haben und mit den anwesenden Menschen spielen wollten.

Die jüngeren Vampire bemerkten oftmals noch nicht, wenn andere ihrer Art in der Nähe waren, spürten noch nicht die Aura, die jeden Vampir umgab. Diese Fähigkeit entwickelten sie erst im Laufe der Jahrzehnte. Zu Beginn des Daseins als Untoter bedurfte die Wahrnehmung der Schwingungen noch einige Konzentration. Diese »erste Periode«, wie sie auch genannt wurde, war für einen jungen Vampir die Gefährlichste. Nur die Wenigsten überstanden diese ersten Jahre, denn es gab genügend Untote, die in ihren Artgenossen Widersacher und Konkurrenten sahen. In erster Linie waren viele der clanfreien Vampire der Meinung, dass ihnen andere ihrer Art die Nahrung wegschnappten oder die Existenz ihre Spezies durch ungeschicktes Verhalten den Menschen verraten könnten. Manche von ihnen hatten aber auch einfach Spaß daran, einen Untoten zu vernichten. Die Clanfreien gaben nichts auf Ehre, sie hatten keine Moral und folgten keinem Kodex, da ihnen keiner auferlegt worden war. Sie wurden von den Clanzugehörigen als Gesetzlose betrachtet.

Gewiss, diese Bezeichnung traf nicht automatisch auf jeden Vampir zu, der nicht in eines der Bündnisse aufgenommen worden war, doch begegnete man einem Unbekannten, dessen fein schwingende Aura ihn als Vampir verriet, besser mit ausgesuchter Vorsicht. Vor allem jungen Vampiren blieb nichts anderes übrig, als besonders misstrauisch und umsichtig zu sein, wenn sie überleben wollten. Nicht viele hatten das Glück, dass ihre Erschaffer sie die ersten Jahre begleiteten und sich um ihre Entwicklung sorgten.

Etwas wehmütig beobachtete Exolate das Treiben. Die Menschen, die doch so unvollkommen waren, schienen gleichzeitig so glücklich in der kleinen Welt, in der sie lebten. Sie nahmen sich so wichtig, dabei konnte man einen jeden von ihnen jederzeit mit einem Handstreich auslöschen. Es war so einfach, den Schalter ihres Lebens auszuknipsen. Und dann die Vampire: Die Jungen waren noch verwirrt, nicht wirklich wissend, was es bedeutete, nun als Das in dieser Welt zu leben. Sie spielten mit ihren neu gewonnenen Fähigkeiten, kosteten von ihrer Macht, probierten sich aus. Hinzu kam, dass sie von einem Durst geplagt wurden, der gerade zu Beginn unerträglich zu sein schien. Sie waren unbeholfen und einfach noch zu sehr Mensch. Exolate lächelte.

»Was soll’s sein?«, fragte der Barmann unvermittelt.

»Einen Colmanic, einen jungen«, antwortete Exolate, ohne sich umzudrehen.

Der Barmann nickte und zog ab. Colmanic war die Bezeichnung für einen Drink, dessen größter Bestandteil aus Blut besteht. Ein »junger Colmanic« war das bevorzugte Getränk der Vampire: Er enthielt das Blut eines jungen Sterblichen, der maximal fünfundzwanzig Jahre alt geworden war.

Clubs wie das »Vampire’s Heaven« gab es viele in den großen Städten dieser Welt. Diese Lokale wurden fast ausschließlich von der Bruderschaft der Accessare betrieben, einem Vampirclan, der großes Ansehen unter den Untoten genoss, insbesondere wegen seiner Unabhängigkeit gegenüber den anderen Clans. Außerdem sorgten die Accessare dafür, die Vampire weltweit mit Einrichtungen wie diesem Club oder anderen Unternehmungen unauffällig in die Welt der Menschen zu integrieren. Dieser Bruderschaft war es letztlich zu verdanken, dass es niemals eine weltumspannende Verfolgung von Vampiren gegeben hatte, einige regionale Phänomene ausgenommen. Durch ihre gezielt betriebene Politik und Medienarbeit gelang es ihr, den Vampir als fiktive Figur im Bewusstsein der Menschheit zu verankern. Vampire kamen zwar in Schauermärchen vor, ihre Gräueltaten galten jedoch einfach als spannende Geschichten, nicht mehr. Die Bruderschaft trug in großem Maße zu dieser Auffassung bei. Sie verfügte über exzellente Netzwerke und eine Vielzahl von Firmen und Unternehmen, um diesen Zustand über die nächsten Jahrhunderte weiter aufrechterhalten zu können.

In einer Ecke schräg gegenüber erkannte Exolate nun einen Vampir, den er vorher noch nie hier gesehen hatte, einen der Älteren, mindestens 500 Jahre alt, wenn nicht noch älter. Sie musterten sich gegenseitig und nickten einander freundlich zu. Exolate behielt jetzt jedoch seine Anspannung und war bereit zu reagieren, wenn es nötig sein sollte. Er nahm einen Schluck von seinem Colmanic und ließ das warme Getränk langsam die Kehle hinabrinnen. Er spürte ein angenehmes Prickeln und empfing kurz einen Fetzen der Erinnerung, die dem Sterblichen gehörte, dessen Blut er trank. »Ein Mädchen, sie war verliebt«, murmelte Exolate und lächelte still in sich hinein. Er liebte dieses Gefühl, liebte dieses Getränk. Für einen Augenblick fühlte auch er sich glücklich.

Endlich sah er ihn. Er hatte sich in den hintersten Winkel des Clubs zurückgezogen. Nur er war der Grund, weshalb Exolate überhaupt hergekommen war. Die Blicke der beiden Männer begegneten sich, sie nickten einander zu. Der Mann stand auf und bewegte sich langsam auf Exolate zu, wobei er sich geschickt durch die Menge der Tanzenden schob.

»Du hast lange gebraucht, bis du mich gefunden hast«, entfuhr es Gregorius, als er sich neben ihn an die Bar setzte. Exolate schwieg und nahm einen Schluck von seinemGetränk.

»Kennst du den dort drüben, den Älteren?«, fragte er Gregorius schließlich. Dabei deutete er unauffällig auf die gegenüberliegende Seite des Clubs. Gregorius blickte sich wie zufällig um und musterte den Vampir unauffällig.

»Ich habe ihn ein-, zweimal hier gesehen, er wirkte immer ruhig und besonnen. Nein, ich kenne ihn nicht, Exolate, und ich kann ihn auch nicht zuordnen. Wir sollten wachsam bleiben, aber nicht übertrieben vorsichtig. Das würde nur seine Aufmerksamkeit erregen«, flüsterte Gregorius ihm zu. »Aber jetzt mal etwas anderes, Exolate. Es ist unruhig da draußen. Es zieht ein Unwetter unter den Vampiren herauf, das sich sehr bald zu einem Sturm oder einer Naturkatastrophe entwickeln könnte. Die Oberen beobachten die Entwicklung derzeit sehr genau.«

Exolate musterte sein Gegenüber eine Zeit lang stumm. Gregorius wirkte ehrlich beunruhigt, er hatte ihn selten in einer ähnlichen Stimmung erlebt. Er spürte, dass sich mehr hinter seinen Worten verbarg als lediglich die Unruhe, von der er gesprochen hatte. Etwas bahnte sich an, nur was?

»Ja, Gregorius, ich höre die Stimmen bereits seit einer ganzen Weile, höre sowohl die Rufe als auch die Gespräche, die von überall auf der Welt an mein Ohr dringen – nur kann ich mir nicht erklären, worum es geht und was wir zu erwarten haben.«

Sie schwiegen. Der Gedanke an eine mögliche Eskalation der angespannten Lage drückte auf ihre Stimmung. Beide hatten sie schon Kriege erlebt, hatten Schulter an Schulter gekämpft und viele von ihresgleichen vernichtet. Angeblich für eine gute Sache und um die Interessen des Clans zu wahren. Wie oft hörten sie diese Phrasen schon, wurden ihnen entgegengeschleudert wie der Knochen dem hungrigen Hund.

Ja, Exolate vernahm die Stimmen, den Inhalt konnte er jedoch nicht entschlüsseln. Lediglich die Stimmungen fing er auf. Die Gespräche selbst zu verstehen, die Inhalte herauszufiltern – das kostete hohe Konzentration und viel Kraft. Außerdem war es schon mühsam genug, die vielen Stimmen, die er auf telepathische Weise empfing, zu ignorieren. Weshalb sollte er sich auch noch damit beschäftigen, das, was täglich an sein Ohr drang, zu verstehen?

Es lag Aggression in den Stimmen. Er spürte dieses sonderbare Verlangen nach Veränderung, nach einer Verschiebung der bisherigen Ordnung. Eine Verschiebung der Kräfte. Exolate beschlich bereits seit Längerem das Gefühl, dass die Nazarener wieder einmal daran arbeiteten, die Herrschaft über die Vampire zu übernehmen. Er war sich fast sicher, sie planten etwas Großes, nur was? Er spürte die Bedrohung, doch es gelang ihm nicht, sie zu benennen. Und jetzt kam Gregorius und sprach genau die Befürchtung aus, die er schon seit Längerem hegte.

In einer Ecke des Clubs schwoll die Lautstärke plötzlich an. Wortgefechte entbrannten. Offensichtlich entfachte sich ein Streit um ein Mädchen. Einem Vampir gelang es, sich einer der jungen Sterblichen zu nähern. Einem jungen Ding, höchstens 21 Jahre alt, schwarze lange Haare, weiß gepudert, mit schwarz angemalten Lippen. Sie hatte ein hübsches Gesicht, scharfe Züge und einen kleinen Schmollmund. Sie war nicht groß, wirkte aber schlank und bewegte sich mit Anmut. Leider hatten ihrem Freund, der ebenfalls ein Sterblicher war, die Avancen des anderen missfallen. Gregorius und Exolate beobachteten die Szene sichtlich interessiert. Der Streit stellte eine willkommene Abwechslung zu der Stille dar, die sie beide nicht zu durchbrechen wussten. Sie lächelten einander kurz zu, dann richteten sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Auseinandersetzung, die zu eskalieren drohte.

Für den Vampir wäre es ein Leichtes, den Sterblichen mit einem Schlag zu töten, sich das junge Ding einfach zu nehmen, mit ihr zu spielen, sie vielleicht noch seinen Freunden zu überlassen und das Mädchen auszusaugen, wenn sich auch diese mit ihr vergnügt hatten. Nur war es den Vampiren strengstens untersagt, ihre Tarnung aufzugeben, denn damit hätten sie nicht nur ihre eigene Sicherheit, sondern auch die des Lokals gefährdet. Jeder Vampir wusste das. Wer sich nicht daran hielt, musste mit seiner sofortigen Vernichtung rechnen.

Der Blick des jungen Vampirs verfinsterte sich. Drohend zog er die Mundwinkel etwas zurück, als würde er jeden Moment seine Fangzähne entblößen wollen. Exolate spürte eine leichte Wut in sich aufsteigen und wandte ärgerlich den Blick ab. Wenn, dann ging Gefahr immer nur von diesen jungen Hitzköpfen aus, den jüngeren unter den Vampiren. War er in jungen Jahren denn auch so töricht, so unbeherrscht? Gut, die Zeiten waren anders, damals. »Disziplin« bedeutete für einen jungen Vampir, sein Überleben zu sichern. Heute war vieles anders. Die jungen Vampire wurden immer respektloser, wenn nicht gar größenwahnsinnig. Er schluckte seinen Zorn hinunter und wandte sich wieder der Szene zu.

Plötzlich stand ein großgewachsener, grimmig dreinblickender Untoter hinter dem jungen Vampir und versetzte ihm einen derben Schlag in den Rücken. Seine Erscheinung war furchterregend. Lange schwarze Haare fielen ihm auf die breiten Schultern, seine kleinen, glühenden Augen stachen gegen die helle Haut bedrohlich ab. Er wirkte wie ein Raubtier, das jede Sekunde bereit war, zum entscheidenden Schlag auszuholen. Das Pärchen erstarrte wie gelähmt vor Angst, als es so unvermittelt dem Aufpasser des Lokals gegenüberstand. Der junge Vampir trollte sich beleidigt in eine dunkle Ecke, während das verängstigte Paar eilig das »Heaven« verließ. Von einem Augenblick zum nächsten kehrte wieder Ruhe ein. So schnell, wie alles begonnen hatte, war es auch wieder vorbei. Doch die Situation hätte gefährlich werden können. Allein das Blecken der Fangzähne könnte eine Panik auslösen und verheerende Folgen für die Vampire haben. Der Clan war ständig bemüht, die Vampire aus der Tagespresse herauszuhalten und es gelang ihm erstaunlich gut. Glücklicherweise ging auch heute alles glimpflich aus.

Gregorius ergriff wieder das Wort: »Übermorgen findet ein Treffen statt. Der Rat hat es eingefordert. Überall auf der Welt werden momentan unsere Krieger zusammengerufen. Der Rat will uns darüber informieren, wir werden also schon bald mehr erfahren und unsere Befehle erhalten. Sie zählen auf dich, Exolate. Hier sind alle nötigen Informationen dazu vermerkt.«

Er reichte ihm unauffällig einen Umschlag. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte, erhob sich langsam von seinem Barhocker und ging. Exolate blickte ihm nach und beobachtete eine Zeit lang die Gäste. Niemand folgte ihm, gut! Er verwahrte die Minidisk in der Innentasche seiner schwarzen Lederjacke. Diese Minidisk – ausgestattet mit einer Identifikationssoftware, die unerwünschten Besitzern den Zugang verwehrte – enthielt alle Informationen, die Exolate benötigte, um zu dem Treffen zu gelangen: Ort, Datum, Zugangscodes und eine Teilnehmerliste, alles befand sich darauf.

Er bedeutete dem Barkeeper, ihm noch einen Colmanic zu bringen und dachte nach. Warum sollte nach so vielen Jahrzehnten des Friedens ausgerechnet jetzt wieder ein Krieg unter den Vampiren ausbrechen? Hatten sie sich nicht längst geeinigt? Er dachte an die vielen Schlachten, die er gegen Vampir-Armeen führte. Unweigerlich stieg auch die Erinnerung an seinen ersten Krieg in ihm hoch, an jenen Krieg, an dem er noch als Mensch teilnahm. Zu dieser Zeit besaß er noch eine Familie. Und Kinder. Exolate stürzte den zweiten Colmanic hastig hinunter und bestellte einen dritten.

Bei einem Colmanic handelte es sich um keinen Drink, der lediglich aus Blut bestand. Wohl war Blut sein Hauptbestandteil, aber es gab noch einen anderen Inhaltsstoff. Dieser war der Hauptgrund, weshalb das Getränk bei Vampiren so hohe Beliebtheit genoss. Denn um zu Blut zu gelangen, benötigte ein Vampir keine Bar und auch keinen Barkeeper, der ihm das Blut servierte. Blut fand sich an jeder Straßenecke und es war nur eine Frage des Geschicks – oder der Ruchlosigkeit, je nachdem –, einem Opfer die Fangzähne in den Hals zu schlagen und dieses auszusaugen. Im Colmanic befand sich zusätzlich eine künstliche Droge, die sich an das Hämoglobin – den Blutfarbstoff – heftete und auf Vampire wie ein Rauschmittel wirkte. Dieser Effekt war mit der Wirkung von Alkohol auf Menschen vergleichbar, nur dass er bei Vampiren außerdem den unsäglichen Durst nach Blut etwas dämpfte. Man sollte nur aufpassen, dass man nicht zu viel von diesem Zeug in sich hineinschüttete, denn sonst konnte es passieren, dass man völlig betrunken am Straßenrand lag und nicht merkte, wie einem in der Morgendämmerung die Kräfte schwanden.

KAPITEL 3

Exolates Leben begann in der Nähe von Jerusalem und endete auch dort. Mit neunzehn Jahren heiratete er seine geliebte Dana und zeugte mit ihr zwei Kinder. Sie war seinen Kindern eine liebevolle Mutter, ihm eine gute Ehefrau und darüber hinaus eine fordernde Geliebte. Trotz der harten Fronarbeit auf den Feldern, die er unter der arabischen Herrschaft zu leisten hatte, genoss er sein Leben. Sie lebten in einer Zeit des Friedens. Der Wesir der Seldschuken, der zu dieser Zeit herrschte, sorgte dafür, dass die vielen verschiedenen Volksgruppen, die sich unter seiner Herrschaft befanden, ein friedliches Leben führen konnten.

Im Jahre 1095 n. Chr., Exolate war damals 26 Jahre alt, wurden jedoch Stimmen laut, dass Fremde aus einer weit entfernten Welt in das Land eindringen wollten. Es waren Gerüchte, Geschichten, die sich die Männer abends nach getaner Arbeit erzählten und die von den Gräueltaten berichteten, die die Heerscharen aus der Fremde anrichten würden. Man raunte sich zu, dass die Eindringlinge vorhatten, die arabische Welt zu erobern. Exolate schenkte diesen Stimmen wenig Beachtung, schließlich fanden diese Kriege weit von seiner Heimat entfernt statt, und wer wusste schon, ob die Gerüchte überhaupt stimmten. Im Dorf wurde viel erzählt und nur allzu gerne wurde dabei maßlos übertrieben.

Einige Monate später hörte er, dass eine Gruppe Soldaten die Dorfältesten aufgesucht hatte und sich gerade am Platz vor ihrer Moschee aufhielt. Das halbe Dorf fand sich ein und auch Exolate ging hin. Inmitten der Menschenschar sah er eine kleine Gruppe von verwahrlosten Kämpfern: Einige waren schwer verwundet mit tiefen Schnittwunden, die ihnen wahrscheinlich von Schwertern zugefügt worden waren, und alle waren sie vor Hunger und Durst dem Tode näher als dem Leben. Es waren Seldschuken-Krieger, die auf dem Weg nach Jerusalem waren, um dem Kalifen zu berichten, was ihnen widerfahren war. Man versorgte notdürftig ihre Wunden und nachdem man ihnen zu Essen und zu Trinken gab, begann einer der erschöpften Männer aufgeregt zu erzählen:

»Ein riesiges Heer aus dem Abendland bewegt sich auf Jerusalem zu. Seine Krieger sehen aus wie Todesengel, ihre Rüstungen leuchten hell in der Sonne. Sie sind ausgestattet mit langen Schwertern und sie werden alles vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt. Die Verluste in den eigenen Reihen sind enorm – die Kämpfer in ihren Rüstungen waren gnadenloser als der Teufel selbst.«

Exolate schauderte. »Dann sind diese Geschichten also wahr«, entfuhr es ihm.

Kurz nach dem Ereignis auf dem Dorfplatz kam ein Gesandter aus Jerusalem und forderte den Ältesten auf, alle jungen Männer auf dem Dorfplatz zu versammeln. Schon aus einiger Entfernung konnte Exolate das Gewirr der vielen Stimmen hören, die aufgeregt durcheinander sprachen. Der Gesandte berichtete von einer drohenden Gefahr, von einem Krieg, der allen bevorstünde, und von einem baldigen Angriff auf Jerusalem.

»Alle Männer, ausgenommen die Alten und die Kinder, werden aufgefordert, sich unverzüglich nach Jerusalem zu begeben, um dort den Dienst an der Waffe anzutreten. Wir müssen Jerusalem verteidigen, es vor den Ungläubigen beschützen, die wie eine Heuschreckenplage über unser Land hergefallen sind. Bei Allah, es ist unsere Pflicht, sein Reich zu schützen und seinen Namen zu ehren!«

Die Stimme des Mannes überschlug sich fast vor Erregung. Exolate ging nach Hause und ermahnte seine Frau, sich selbst und die Kinder gut zu verstecken, sobald sie hörte, dass Fremde das Dorf aufsuchen würden. Dann packte er seine Sachen und machte sich auf den Weg nach Jerusalem.

Dort wurde er im Umgang mit dem Schwert ausgebildet und er erlernte die Techniken des Kampfes. Es war eine harte Zeit und mangelnde Disziplin wurde streng bestraft. Nachdem er seine Ausbildung beendete, wurde Exolate in den Westen versetzt, um die Vorhut der Feinde zurückzuschlagen, die sich von dort aus Jerusalem näherte. Mittlerweile erlangte er den Ruf eines gefürchteten Kämpfers und konnte sich trotz zahlreicher Verletzungen in vielen Gefechten gegen die Angreifer beweisen. Sein Heer bekämpfte das Vordringen der Krieger aus dem Abendland mit aller Kraft. Doch eines Abends hörte er von einem der Soldaten, die als Verstärkung zu ihnen gestoßen waren, dass es den Feinden gelungen war, im Süden eine Bresche zu schlagen. Sie hielten jetzt auf Jerusalem zu.

»Sie haben die Dörfer niedergebrannt und alle Bewohner erschlagen: Die Frauen, die Kinder, die Alten, einfach alle. Noch nie habe ich eine solche Grausamkeit erlebt«, erzählte der junge Araber. Er weinte. »Es gibt keine Überlebenden.«

Exolate traf es wie ein Blitz. Auch sein Dorf lag von Süden aus auf direktem Weg nach Jerusalem.

Noch in derselben Nacht stahl er sich davon, schlich sowohl an den feindlichen Linien als auch an den eigenen Leuten vorbei. Schließlich musste er im Falle seiner Entdeckung mit dem Tode rechnen, weil er seinen Posten verlassen hatte. Nach drei Tagen erreichte er sein Dorf bzw. das, was davon noch übrig war. Der Anblick war grauenerregend. Kein Stein lag mehr auf dem anderen. Scharfer Rauch bedeckte an vielen Stellen die Ruinen. Der Geruch der Leichen, der über dem Dorf hing, war fürchterlich. Ihm drehte sich plötzlich der Magen um und er erbrach sich.

Am Platz vor der Moschee war scheinbar eine Gruppe zusammengetrieben worden. Die Leichen. ausschließlich Männer, die Alten des Dorfes. Vermutlich versammelten sie sich gerade zum Gebet. Ihre Körper waren zerfetzt, von Schwerthieben zerstückelt, von scharfen Klingen aufgerissen. Vögel saßen auf den Leichen und pickten nach dem faulenden Fleisch. Vor den Trümmern vieler Häuser lagen Kinder, teilweise enthauptet, manche von ihnen in unnatürlicher Haltung. Viele von ihnen waren verbrannt worden.

Von einer bösen Vorahnung getrieben lief er weiter durch die Ruinen bis zu dem Platz, an dem sein Haus stand. Die Angst davor, was er dort vorfinden würde, brannte in seinem Herzen wie Feuer.

Das Haus stand noch. Die Flammen hatten zwar das Dach gefressen, die Mauern aber hatten sie verschont. Langsamen Schrittes trat er ein. Im hinteren Teil des Raumes entdeckte er sie: Seine Kinder, enthauptet, ihre Bäuche von Schwerthieben aufgerissen. Und seine Frau, ebenfalls tot.

Ihre blicklosen Augen starrten ihn an. Die Reste ihres Kleides hingen in Fetzen an ihr. Ihr Körper war von unzähligen Schlägen entstellt. Sie wurde so lange vergewaltigt, bis der Tod ihre Qualen beendete. Der Schmerz, das Leid, die unsägliche Angst um das Schicksal ihrer Kinder und das ihrige brannten sich in ihre ehemals so hübschen Gesichtszüge ein.

Exolate sank auf die Knie und schrie. Er brüllte seinen Schmerz heraus, bis er schließlich zusammenbrach. Dann schloss er weinend ihre Augen, küsste Dana und die Kinder noch ein letztes Mal auf die Stirn und begrub alle drei hinter dem Haus. Sein Hass war nun grenzenlos. Er würde sie vernichten – sie alle. Er würde jeden Einzelnen dieser Ungläubigen aufsuchen und ihnen mit bloßen Händen das Herz herausreißen. Er würde sie so lange verfolgen, bis er sie alle vernichtet hatte, die Ritter aus dem fernen Land mit ihren glänzenden Rüstungen und ihren Schwertern.

Noch am gleichen Abend machte sich Exolate nach Jerusalem auf. Über Schleichwege – Wege, die für ein großes Heer nicht geeignet waren – gelangte er schließlich in die Stadt. Er meldete sich in der Kaserne bei einem Offizier und bat darum, an vorderster Linie kämpfen zu dürfen. Es fiel in den Wirren der bevorstehenden Schlacht um Jerusalem nicht weiter auf, dass er Fahnenflucht betrieben hatte. Seinem Wunsch wurde stattgegeben.

Vor den Toren der Stadt tobte der Krieg unerbittlich. Sie kämpften um jeden Meter und die Verluste waren auf beiden Seiten enorm. Exolate tötete jeden, der sich ihm in den Weg stellte, ganz gleich, ob sein Feind auf dem Pferd saß oder zu Fuß auf ihn zustürmte. Er war wie besessen von dem Gedanken, sich für das zu rächen, was man ihm angetan hatte. Wenige Tage später – Exolate befand sich gerade mitten im Kampfgetümmel - spürte er plötzlich eine Wucht, die ihn zu Boden riss und dann war da dieser unsägliche Schmerz in seinem Rücken. Weder ahnte er sein Kommen, noch konnte er sehen, aus welcher Richtung der Hieb kam. Nur eins wusste er: Dieser Schlag war furchtbar.

»Sie haben mich erwischt«, durchfuhr es ihn, als er am Boden lag, unfähig, sich zu bewegen. Dann verlor er das Bewusstsein.

Es war bereits dunkel, als Exolate wieder zu sich kam. Sein Körper war wie gelähmt und er spürte, dass er dem Tode näher war als dem Leben. Ein Schwerthieb von hinten hatte ihn niedergestreckt, ausgeführt von einem Ritter der Reitergarde. Der Hieb war so stark, dass sein Rückgrat glatt durchtrennt worden war.

Exolate starb, soviel stand fest, die Frage war nur, wann. Der Kampfeslärm klang nur noch von fern zu ihm, die Linie der Kämpfenden bewegte sich zwischenzeitlich weiter.

Plötzlich vernahm er eine Stimme.

»Nun, mein Freund, es hat dich ganz schön schlimm erwischt«, hörte er die Stimme sagen.

»Wer ist da, wer spricht mit mir?«, keuchte Exolate. Er war bereits zu schwach, um seinen Kopf zu heben.

»Ich bin ein Freund, vielleicht der beste, den du jemals hattest. Ich habe dich kämpfen sehen – dein Kampfgeist hat mich sehr beeindruckt. Du scheinst wie von Sinnen zu sein bei dem Gedanken, die Feinde zu vertreiben. Deine Besessenheit hat mein Interesse an dir geweckt.«

»Was willst du von mir?«, stieß Exolate unter großen Mühen hervor. Er fühlte, wie das Leben langsam aus seinem Körper schwand.

»Ich biete dir an, unsterblich zu werden, unverwundbar zu sein, den Schmerz, der in dir rast, zu betäuben und diese Ungläubigen, diese Kreaturen bis an das Ende aller Zeiten zu bekämpfen. Du wirst zu neuem Leben erwachen und du wirst ein anderer sein: ein Krieger, der schneller, stärker und widerstandsfähiger als alle anderen ist. Willst du das alles sein, Exolate? Entscheide dich schnell, bevor es zu spät ist!« Exolate dachte nach. Das schien alles keinen Sinn zu ergeben, was er da hörte. Vielleicht handelte es sich bei dem Fremden um einen Verrückten, der ihn in der Stunde seines Todes mit seinem irren Gewäsch nervte. Doch das war ihm inzwischen gleichgültig geworden. Denn er, Exolate, würde gleich sterben. Hier und heute, davon war er überzeugt.

»Ich möchte ein Krieger sein – mach mit mir, was du willst. Doch wenn stimmt, was du sagst, dann beeile dich, sonst liegt vor dir nur noch ein lebloser Körper, der einst Exolate war.«

Er flüsterte diese Worte mehr, als dass er sie sprach, denn zu mehr reichte seine Kraft nicht. Exolate spürte, wie der Mann näherkam und sich über ihn beugte. Einen Augenblick später spürte er einen scharfen Schmerz an seiner Handwurzel und stöhnte auf. Etwas passierte mit ihm. Sein Körper wurde schwächer, aber dennoch… da war etwas Erregendes, das ihn durchströmte, ja, eine fast ekstatische Wärme durchfuhr seinen Körper.

»Nun trink, Exolate!«, befahl die Stimme. Seine Lippen wurden von etwas Warmen befeuchtet, ein metallischer Geschmack lag ihm auf der Zunge, salzig und auch süß.

»Blut!« Exolate durchfuhr es wie ein Blitz. »Ich trinke Blut, was…?« Doch er kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, was mit ihm passierte. Das Gefühl, das sich in der nächsten Sekunde seines Körpers bemächtigte, war unbeschreiblich. Er litt Höllenqualen und hatte Schmerzen, als hätte man ihm etwas aus dem Körper gerissen.

»Ich sterbe, dieser Teufel hat mich betrogen«, dachte er, doch plötzlich ebbten die Schmerzen ab und er empfand etwas anderes. Ihm war, also ob eine neue Seele von seinem Körper Besitz ergriff. Nach einiger Zeit konnte er auch seine Beine wieder spüren und seine Schmerzen verschwanden völlig. Es war, als hätte er innerhalb weniger Minuten Tod und Wiedergeburt erlebt. Er hob den Kopf und sah den geheimnisvollen Fremden nun zum ersten Mal an.

»Was ist mit mir passiert? Was bin ich jetzt? Und wo bin ich jetzt?«, stieß er hervor. Fragen über Fragen schossen Exolate durch den Kopf.

»Du bist, wo du die ganze Zeit über warst. Und du wurdest neu geboren. Du bist nun ein Vampir, ein Unsterblicher, die Krönung der Schöpfung, mein Freund.«

Der Fremde lächelte ihn an. Ohne Exolates Fragen abzuwarten, begann Akrion, ihn aufzuklären. Er erzählte ihm von der Unsterblichkeit und den Kräften der Vampire, von ihrem Durst nach Blut sowie von den Gefahren, die ihnen drohten.

»Ich habe dich erschaffen, da ich dich brauche, um mit mir gegen die Kreuzritter zu kämpfen. Wir müssen sie vernichten. Nutze die Nacht, mein Freund, sie ist dein wichtigster Verbündeter. Bei Tage verstecke dich gut vor dem Sonnenlicht, doch sobald die Dunkelheit über dieses Land hereinbricht, halte dich bereit für deine Aufgabe und vernichte sie alle.«

Tagsüber verbarg sich Exolate in einem eilig gegrabenen Loch in der Nähe eines Baches, gut verborgen vor unerwünschten Blicken und dem gleißenden Licht der Sonne. Des Nachts begann er seinen ganz persönlichen Krieg gegen die Kreuzritter. Anfangs wurden in den Lagern während der Nacht nur wenige Wachen aufgestellt, sodass es für Exolate ein Leichtes war, sich auf seine Opfer zu stürzen, ihnen die Kehle aufzureißen und ihr Blut zu trinken. Die Angst in den Augen seiner Opfer und der gurgelnde Laut, wenn sie an ihrem eigenen Blut erstickten, bereiteten Exolate tiefe Genugtuung auf seinem Rachefeldzug.

Nach einiger Zeit bemerkte er auch die Aktivitäten anderer seiner Art. Zwar sah er nur selten einen anderen Vampir, jedoch konnte er ihre Anwesenheit spüren – eine Fähigkeit, die bei ihm bereits sehr früh ausgebildet war.

Etwa zu dieser Zeit begannen die Kreuzritter, sich auf die neue Situation einzustellen. Die nächtlichen Verluste wurden zu groß, außerdem waren mittlerweile Stimmen laut geworden: Gerüchte von Monstern, die wachhabende Soldaten in den Nächten auf entsetzliche Weise verstümmelten, hatten die Moral der Truppe bedrohlich sinken lassen. Der Krieg verlagerte sich nun immer mehr auf die Nächte. Immer häufiger hörte man auch nach Sonnenuntergang noch die gellenden Schreie der Ritter, erbitterte Kampfgeräusche und ein merkwürdig schrilles, beinahe überirdisches Kreischen. Es waren die Todesschreie der Vampire, denen der Kopf abgeschlagen oder deren Herz durchstoßen wurde. Auf diese Arten konnte ein Vampir am schnellsten vernichtet werden.

Direkt nach seiner Wiedergeburt ähnelt ein Vampir in seinen Fähigkeiten noch sehr einem Menschen. Die einzige Fähigkeit, die alle Vampire direkt von Beginn ihres Seins besitzen, ist die enorme Körperkraft.