Den Finger am Abzug - Mark E. Carter - E-Book

Den Finger am Abzug E-Book

Mark E. Carter

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Beschreibung

Jugoslawien 1993. Der Österreicher Max heuert als Söldner bei der kroatischen Armee an. Er zieht in einen der grausamsten Kriege der Neuzeit. Drei Geschichten erzählen von seinen Erlebnissen und seinen Weg, damit fertig zu werden. Es sind Erzählungen aus der Sicht eines Soldaten, der Grauenhaftes erlebte. Drei spannende Kurzgeschichten. Das kalte Gesicht des Krieges. Leseprobe: Es wird ernst. Ich gehöre der rechten Flanke an und ein Gefühl, als ob ein Messer meinen Magen zerschneiden würde, lässt Adrenalin in mein Gehirn schießen. Der Moment der Verwandlung, die Metamorphose vom Menschen zum Krieger, zum Killer. Dieser Moment ist nun gekommen. Ich rolle mich nach rechts um meine Position zu verändern und dem Heckenschützen auf der anderen Seite keinen weiteren Abschuss zu gönnen und bewege mich halb kriechend, die AK 47 mit einer Hand fest an meinen Körper gedrückt zum Ausläufer des Hügels. Noch ist Deckung vorhanden, doch gleich müssen wir uns in offeneres Gelände wagen. Der Kommandant weist uns an, bestmöglich verteilt zu agieren, um dem Feind weniger Ziele zu bieten. Er beginnt zu zählen, das Zeichen loszulegen. Ein kurzes „Go!“ ertönt zischend im Sprechfunkgerät und mit der Präzision eines Symphonie-Orchesters bricht die Hölle los. Das MG-Feuer zielt vorwiegend auf höher gelegene Positionen im Dorf, Hausdächer beispielsweise, um die Scharfschützen zu beschäftigen. Ab und an kann man den Mörser hören. Dieser wird nur sparsam eingesetzt, denn der Vorrat an Granaten ist knapp.

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Seitenzahl: 46

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Den Finger am AbzugVorwortGlamocZeichnung eines serbischen SoldatenBihacKupresÜber den Autor

Den Finger am Abzug

Drei Kurzgeschichten über die Schrecken des Krieges im ehemaligen Jugoslawien, hautnah erzählt. 65.000 Zeichen, über 10.000 Wörter. Dies entspricht in etwa 50 Taschenbuchseiten. 

Achtung: Die Geschichten enthalten teilweise explizite Darstellungen von Gewalt, daher kann dieses Buch dem zart besaiteten Leser nicht empfohlen werden.

Vorwort

In den Jahren von 1991 bis 1995 tobte inmitten von Europa einer der brutalsten und blutigsten Kriege der Neuzeit.

Im Grunde handelte es sich um eine Serie von bewaffneten Konflikten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, die einander immer wieder aufflammten und teilweise zur gleichen Zeit stattfanden.

Besonders die kroatische Armee bediente sich der Unterstützung von Söldnern aus allen Teilen Europas. Junge Männer, meist mit militärischer Ausbildung, sahen in diesem Konflikt das schnelle Geld und versuchten, sich ihr Stück des Kuchens zu holen. Viele von ihnen starben, andere wiederum erlangten zweifelhafte Berühmtheit in bestimmten Kreisen. Einige der damals unerfahrenen Soldaten blieben nach diesem Krieg dem Geschäft mit dem Tod treu und fanden neue Betätigungsfelder, überall auf dem Planeten verteilt.

Einer von ihnen ist Max, ein junger Österreicher. Das militärische Handwerk erlernte er bei einem Spezialkommando. Den Wert seiner Ausbildung erkannte er sehr schnell, als er Teil des Wahnsinns „Krieg“ wurde. Bald verschmolz er mit den täglichen Grausamkeiten und zog als Überbringer des Todes von Gefecht zu Gefecht. Nach einiger Zeit realisierte er immer deutlicher die Sinnlosigkeit dieses Konfliktes. Er begann, mit sich zu hadern.

Dies ist seine Geschichte. 

Glamoc

Wonach Erde schmeckt? 

Etwas bitter, ein wenig seifig. Jedenfalls hat man das Gefühl, sie würde nie mehr aus dem Mund verschwinden wollen. Sie schmeckt aber auch nach Sicherheit und Hoffnung. Hoffnung darauf, einen solchen Moment zu überleben.

Während ich hier zusammengekauert hinter einer kleinen Erhebung inmitten einer großzügigen Wiese liege und mein Gesicht in den kühlen Boden presse, fühle ich mich einen Augenblick lang beinahe geborgen. Projektile, die immer wieder in unmittelbarer Umgebung in den Boden klatschen, Salven von Schnellfeuergewehren aus den eigenen Reihen, die hektischen Rufe des Kommandanten. Auf nahezu schmerzhafte Weise werde ich wieder aus meinen Gedanken gerissen. 

Rechts neben mir drückt sich Sergej in seine Deckung. Als Antwort auf mein aufmunterndes Kopfnicken presst er seine Lippen zusammen und rollt mit den Augen. Ich werfe einen Blick nach links und zwinkere Joe zu, ein verkappter Clown aus Hermagor in Kärnten. Er ist der Spaßvogel der Truppe, und wenn auch nicht jeder seine Worte versteht, seine Grimassen haben noch jeden zum Lachen gebracht. Sogar Sergej, den ständig missmutig wirkenden Ukrainer. Jeder findet auf seine Weise einen Weg, um die täglichen Erlebnisse zu verarbeiten. Wenn es soweit ist, hilft das Adrenalin jegliches Denken auszuschalten und das Töten erträglich zu machen. 

Adrenalin ist wie eine Droge. Es führt einen in ein Gefühl der Überlegenheit. Für eine kurze Zeitspanne denkt man tatsächlich, man hat sich mit dem Schicksal arrangiert, und es geleitet einen durch eine Dornenhecke des Grauens. 

Man agiert, man hasst und man vernichtet. Der Körper, der Geist nimmt wahr, reagiert, und er will überleben. Schonungslos und ohne Kompromisse. Sobald die Droge Adrenalin aber nachlässt, sobald man wieder Herr wird über seine ureigenen Gedanken und Emotionen, sobald die Moral wieder aus ihrem Exil zurückkehrt, öffnet sich ein tiefes Loch eines brodelnden Nichts.

Was ist Moral? Was ist sie wert? Wie oft habe ich in den letzten Wochen über diese Frage nachgedacht? Erst wenn man mit ansieht, wozu Menschen fähig sind, welche Qualen sie verbreiten und zu erleiden imstande sind, beginnt sich der Begriff „Moral“ Schritt für Schritt zu pervertieren. Lächerlich erscheinen dann die moralischen Grundwerte einer funktionierenden Gesellschaft. Es drängt sich die Frage auf, ob es nicht ein grundlegender Fehler der menschlichen Rasse war, als Gemeinschaft diesen Planeten zu bevölkern. Der Mensch ist eine Bestie und nur seine Intelligenz hilft ihm, sich halbwegs unter Kontrolle zu halten. Die Moral selbst, als eine Art ethischer Verhaltenskodex einer Kultur oder einer Gruppe, ist lediglich ein weiteres Gitter um jenen Käfig zu verstärken, der die Bestie im Menschen im Zaum hält.

Wir befinden uns vor einem Dorf in der Nähe von Glamoc, irgendwo zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Das Dorf, oder vielmehr was von ihm nach etlichen Bombardements übrig blieb, wird von einer serbischen Einheit gehalten. Sie hat sich in den Ruinen verschanzt, und vor allem die Heckenschützen machen einem das Leben schwer.

Wir, das ist ein kleiner Trupp bestehend aus ungefähr sechzig Mann, zum Teil kroatische Armee und der andere Teil besteht aus Söldnern. Abenteurer, Soldaten, die endlich Krieg spielen wollen, Neonazis und Soziopathen die darauf brennen zu erfahren, wie es ist, einen Menschen zu töten. Die Söldner meldeten sich seit Kriegsbeginn aus allen möglichen Ländern Europas bei der kroatischen Armee und diese nahm sie dankbar auf. Auch ich gehöre zu ihnen und ich zähle mich zu den kriegsspielenden Soldaten. Nach einer Ausbildung bei einer militärischen Spezialeinheit des österreichischen Heeres war ich verrückt genug, mich der Idee eines Kameraden anzuschließen. Warum auch nicht? Ein Soldat ist per Definition unbesiegbar, nicht wahr? Empirische Defizite gepaart mit der intellektuellen Unzulänglichkeit eines jungen Menschen treiben manchmal sonderbare Blüten.

Ich hebe kurz meinen Kopf, versuche zwischen dem hohen Gras etwas zu erkennen, eine Ahnung zu bekommen, welcher Weg in das Dorf führen könnte und wo die Stellungen des Feindes liegen. Schnell vergrabe ich mein Gesicht wieder im Boden, denn sofort hört man das Pfeifen von Projektilen. Ein kurzer Blick, nicht mehr. Sobald ein Scharfschütze die Position eines Feindes ausmachen kann, wird er darauf lauern, bis dieser sich ein weiteres Mal zeigt. Dummerweise bin in diesem Falle ICH der Feind.

„Wir gehen jetzt rein! Die linke Flanke gibt Feuerschutz und die Rechte macht sich zum Vorstoß bereit!“ Die Worte des Kommandanten, in gebrochenem Englisch formuliert, lassen sich am besten als „unterdrücktes Brüllen“ beschreiben.