Blutige Botschaften - Hinter dem Zifferblatt Band 5 - Eve Grass - E-Book

Blutige Botschaften - Hinter dem Zifferblatt Band 5 E-Book

Eve Grass

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Beschreibung

Die Frischvermählten Clara und Norman machen Urlaub im Bayerischen Wald und unternehmen einen Abendspaziergang. Da entdecken sie ein kleines Mädchen, ganz allein auf einem leeren Baugrundstück. Es verhält sich seltsam, außerdem blutet es aus der Nase. Bald vermuten die beiden, dass sie einem Geist gegenüberstehen. Außerdem taucht für Sekunden das holografische Bild eines Gastraumes mit einer Wanduhr auf. Panisch verlassen sie das Grundstück und melden den Vorfall der Tourist-Info. Dort schnappt die weißmagische Hexe Celeste die mysteriöse Erzählung auf. Schnell ahnt sie, dass das gespenstische Mädchen irgendetwas mit dem ehemaligen Hotel Botschafter zu tun haben könnte, das vor langer Zeit schon abgerissen wurde. Sonderbare Geheimnisse ranken sich noch heute um das einstige Prachtgebäude. Wird Familie Seidelbast mit ihren seltsamen Uhren in ein neues Abenteuer hineingenzogen?

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MOBI

Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Hinter dem Zifferblatt

5

Blutige Botschaften

Eve Grass

Impressum

Copyright: Novo-Books im vss-verlag

Jahr: 2025

Lektorat/ Korrektorat: Franz Groß

Covergestaltung: Hermann Schladt / Eve Grass

Verlagsportal: www.novobooks.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig

Prolog 1965 im Nobelhotel Botschafter

Hochsommer im Herzen des Bayerwaldes. Eisensteins Pensionen, Hotels und Privatunterkünfte waren ausgebucht. Im Dorf wimmelte es von Urlaubern, die mit ihren bunten Rucksäcken und Wanderstöcken den beschilderten Wegen kreuz und quer durch den Wald folgten. Sie erklommen die umliegenden Gipfel und schossen Bilder von der stacheldrahtgesicherten Grenze zur Tschechoslowakei, dem geteilten Bahnhof und den Warnschildern, die vor dem Gebrauch der Schusswaffe warnten. Des Abends, wenn die Sonne hinter dem Großen Arber verschwand, ergossen sie sich in die zahllosen Kneipen und Restaurants, die dem Ort jede Menge Einnahmen bescherten. Dichter Zigarettenqualm schwebte wie eine undurchdringliche, blaue Wolke über den Tischen, an denen gespeist und in allen Dialekten der Bundesrepublik Deutschland gequasselt wurde. Kinder quengelten und nuckelten an zuckersüßer Coca-Cola, während die Eltern das üppige, bayerische Abendessen verzehrten. Die Bedienung wischte sich verstohlen den Schweiß von der Stirn, um die Sekunden Pause am Tresen zu nutzen, bis der Schankwirt weitere Biergläser füllte.

Im hoteleigenen Wirtshaus vom »Botschafter«, dem teuersten Schuppen vor Ort, strebte der Geräuschpegel dem alltäglichen Höhepunkt entgegen.

»Herta, bring mir noch eine Halbe«, raunzte der übergewichtige Bäcker Prackwieser in die tabakgeschwängerte Luft, während er an seiner Zigarre zog.

Rechts von ihm saß Doktor Dietmar Schöffel, ein Allgemeinarzt aus Zwiesel, der auch den Urlaubsort und die Touristen hier betreute. Er beschäftigte drei Sprechstundenhilfen und galt als reicher Mann. »Da musst du wohl warten, Alfons. Die Herta bedient gerade die Auswärtigen. Die hat jetzt keine Zeit für dein Bier.«

Prackwieser hieb seine rechte Faust auf den massiven Tisch aus Eichenholz. Der Aschenbecher mit dem schmiedeeisernen Stammtischschild daran hüpfte mehrere Millimeter weit. »Aber wir haben immer noch Vorrang«, murrte er lautstark. Die Asche der Zigarre in seiner Linken fiel zu Boden. »Wo kämen wir denn da hin, wenn die Sommerfrischler und Preußen jetzt bevorzugt werden?«

Nun mischte sich Bürgermeister Höllwasser ein. Er zupfte nervös an der dunkelblauen Krawatte, als sei ihm plötzlich zu heiß geworden. »

»Mensch Alfons, wir alle leben vom Fremdenverkehr. Spätestens wenn die Schulferien vorbei sind, gehört das Wirtshaus wieder uns allein. So lange müssen wir halt die Füße stillhalten.« Er hob die rechte Hand in die Luft und winkte dem Wirt, der am Tresen stand und Bier zapfte. Joseph Botschafter reagierte sofort. Immerhin hatte ihm der Bürgermeister gewunken. Der schlanke, hoch aufgeschossene Gastronom wischte rasch die Hände an seiner weißen Schürze sauber, umrundete den Tresen und trat an den Stammtisch heran.

»Geh, sei so lieb und bring dem Alfons noch eine Halbe. Deine Bedienung hat ja alle Hände voll zu tun.«

Der Wirt öffnete kurz den Mund zu einer Erwiderung, schloss ihn aber gleich wieder, als er die ernste Miene des Bürgermeisters entdeckte.

In diesem Augenblick wurde die schwere Eingangstür zur Gaststube geöffnet. Ein mageres Mädchen trat ein. Sie trug ein Jeanskleid. Ihr Haar war zu Zöpfen geflochten. Sie war barfuß. Mit ihr drang ein Schwall von schwindender Sommerwärme herein. Staub und Dreck hafteten auf ihrem kindlichen, verschwitzten Gesicht. Das Mädchen lächelte.

Ein Schatten legte sich sofort auf Sepps Mimik. Fahrig nickte er dem Bürgermeister zu, dann trat er dem Kind in den Weg und verschränkte die Arme vor dem Bauch. »Gabi, du hast hier drinnen nichts verloren. Das habe ich dir schon hundert Mal gesagt. Schau, dass du dich schleichst.«

Das Lächeln auf dem Kindergesicht erstarb augenblicklich. Die kleine Gabriele ließ den Blick über die überfüllten Tische im Wirtshaus gleiten. »Ich suche meine Mama, weil ich den Schlüssel zur Kammer im Nebenhaus nicht finde. Und außerdem möchte ich gerne was trinken. Mir ist schon wieder so schwindlig.«

Sepp schüttelte den Kopf. »Wie kann man in deinem Alter nur ständig krank sein, Mädel? Jeden Tag fehlt dir was.« Er seufzte. »Deine Mutter muss heute bis elf in der Nacht in der Gaststube aushelfen. Wir haben etliche Urlauber hier. Da kann ich auf die Herta nicht verzichten.«

»Was ist jetzt mit meinem Bier?«, dröhnte es vom Stammtisch her.

In diesem Augenblick entdeckte Gabriele ihre Mutter, die gerade ein Tablett mit leeren Tellern und Gläsern zurücktrug. »Mama«, rief das Mädchen erfreut, lief auf die schwitzende Bedienung zu und klammerte sich an deren Schürze. »Die Dorfkinder haben mich wieder gehänselt, weil ich mich drunten am Fluss übergeben habe. Die meinten, ich krieg nur Küchenabfälle zu essen, weil ich ein Bastard sei. Dabei weiß ich gar nicht, was ein Bastard ist.«

Einige Gäste wurden auf die Szene aufmerksam. Ein draller Berliner, mit akkurat geschnittenem Haar in einem etwas zu eng sitzenden Trachtenhemd, beugte sich zu seiner Gattin hinüber und flüsterte: »Sieh mal, Wilhelmine. Das Gör von der Bedienung trägt nicht mal Schuhe. Scheinbar zahlt der Hotelier die Angestellten nicht ausreichend. Aber von uns verlangt er fünfzehn Deutsche Mark pro Nacht und das Abendessen kostet noch einmal fünf Mark pro Person.«

Die Gattin mit dem Namen Wilhelmine verdrehte die starkgeschminkten Augen und nippte an ihrem Wein, ohne zu antworten. Ihr Ehemann hatte die hübsche Bedienung mit dem vollen Haar mit Blicken ohnehin fast verschlungen.

Inzwischen waren Herta samt dem Tablett und dem Töchterchen am Tresen angekommen. Sie stellte das Geschirr ab, fuhr ihrer Tochter flüchtig über das Haar und flüsterte ihr zu: »Das ist ganz schön gemein von den Dorfkindern. Du bist kein Bastard, sondern ein attraktives Mädchen.« Kurz huschte ihr Blick zum Stammtisch und verharrte auf dem Gesicht des Arztes, wendete sich aber schnell wieder dem Kind zu. »Ich hoffe, du nimmst dir das nicht zu Herzen. Ist dir immer noch schwindelig? Willst du was essen?« Sie küsste Gabi flüchtig auf den Scheitel.

Das Mädchen lächelte. »Ein bisschen ist mir noch komisch im Kopf. Aber ich hole mir aus der Küche ein Stück Brot und einen Apfelsaft. Dann wird das gleich viel besser. Das ist immer so. Mach dir keine Sorgen, Mama.«

Keine Sorgen? Über das Gesicht der Bedienung huschte ein dunkler Schatten. Gabriele, wenn du wüsstest … Doch schnell hatte sie ihre Emotionen wieder unter Kontrolle.

Herta setzte eine unterwürfige Miene auf und sprach den Wirt an. »Ich brauche heute kein Abendessen, Herr Botschafter. Die Gabi kann meines haben. Sie braucht anständiges Abendbrot, damit ihr nicht immer so übel ist. Geht das in Ordnung?«

Der Wirt verzog die Lippen. »Ihr könnt beide zu Abend essen. Ich bin doch kein Unmensch«, flüsterte er, während er ein Bier für den Stammtisch zapfte. »Aber du tust dir und dem Kind keinen Gefallen, wenn du ihm erlaubst, bei Betrieb in die Gaststätte zu kommen. Du bist nicht verheiratet, Herta. Niemand weiß, wer der Vater deines Mädchens ist. Damit machst du es nicht besser.«

Eigentlich sollte sie jetzt nur nicken und ihren Arbeitgeber nicht weiter verärgern. Immerhin bot er ihr und dem unehelichen Kind Unterkunft und Einkommen. Aber ihr Gerechtigkeitssinn quälte sie bestialisch. »Das Kind kann nichts dafür, dass über seinen Vater nicht gesprochen werden darf, Herr Wirt. Sie wissen selbst, wie schnell so mancher feiner Herr im Rausch über die große Liebe spricht und danach, wenn sich der Bauch der Geliebten rundet, nichts mehr davon hören will, vor allen Dingen, wenn die Gattin etwas ahnt«, zischte sie.

Sepps Mimik verfinsterte sich. Derartige Themen gingen über sein Verständnis von Diskussionen mit einer Angestellten hinaus. »Jetzt ists aber genug, Herta. Ich habe dir die Chance gegeben, dir hier im Hause gelegentlich ein paar Mark hinzuzuverdienen. Dann hättest du halt aufgepasst. Es gibt doch Methoden, eine Schwangerschaft zu verhüten. Aber sei es drum. Bring dem Balg bei, dass es um diese Uhrzeit nichts in der Gaststube verloren hat. Die Gäste müssen nicht wissen, dass ich hier eine ledige Mutter beschäftige, deren kränkelndes Kind keinen Vater und keinen Anstand besitzt.«

Der Bedienung lagen noch viele Erwiderungen auf den Lippen. Denn auf das unmoralische Angebot auf einen Nebenjob hatte sie, nur zu Beginn ihrer Tätigkeit, aus reiner Naivität reagiert. Sie wusste heute, welch fatalen Fehler sie da begangen hatte. Sie war selbst Waisenkind gewesen, stammte aus der Tschechoslowakei und war vor zehn Jahren über den unwegsamen Gipfel des Zwerchecks ins Deutsche geflohen. Ihre Schwester war nicht mitgekommen. Nichts hatte sie sich damals je sehnlicher gewünscht, als einen treuen, liebevollen Partner, der sie nicht belog. Ihren strahlenden Augen und den vollen, dunkelblonden Haaren war es zu verdanken, dass sie wenigstens die Stelle hier im Hotel Botschafter bekommen hatte. Die Geburt eines Babys kurz darauf, war nie geplant gewesen, und Herta verdrängte die zutiefst enttäuschende Nacht der Zeugung, um nicht daran zu zerbrechen. Sie war verliebt gewesen, hätte aber ahnen können, dass niemals etwas Festes daraus entstehen würde. Wer war sie denn schon? Ein Flüchtling ohne Status, ohne Geld, ohne Ansehen. Deswegen senkte sie den Kopf und nickte gottergeben. Sie war fleißig, arbeitete hart, meist härter als die Zigarren rauchenden Honoratioren, die Abend für Abend am Stammtisch saßen. Dennoch zählte das Wort eines Mannes dreifach. Frauen durften zwar inzwischen ohne die Einwilligung des Ehemannes einen Beruf ausüben oder sogar den Führerschein machen. Trotzdem galten unverheiratete Frauen oft genug als »Freiwild«, insbesondere in ländlichen Gebieten. Kinder, die aus nicht legalisierten Beziehungen stammten, mussten mit einem lebenslangen Mangel leben, dem Mangel der zweiten Klasse. Herta empfand diese Normen als zutiefst ungerecht. Denn Ehefrauen tendierten mitunter auch zu solch diskriminierenden Ansichten, sofern sie einen reichen Ehemann an ihrer Seite hatten. Die Frau ihres Chefs beispielsweise, ignorierte das Kind, soweit es möglich war. Welche Zukunft würde Gabriele haben? Noch dazu mit ihrer Krankheit? Ein weiteres Mal ruckte ihr Kopf zu dem Zwiesler Allgemeinarzt herum. Der mied aber jeden Augenkontakt mit ihr. Er saß ja nicht allein am Stammtisch.

Gäste hatten die Szene verfolgt. Blicke wurden gewechselt, die auf Worte verzichten konnten. Man war sich einig, dass so ein Schandfleck nicht ins Herz eines florierenden Urlaubsortes passte.

Über dem Stammtisch sprang die prächtige Uhr in ihrem Kasten aus poliertem Mahagoniholz auf halb acht. Das Klack des Minutenzeigers verlor sich in der Lautstärke der Gäste.

Im Sommer 2025

Vermutlich ahnen Sie es schon. Unserer kleinen Familie im Uhrenhaus mitten im Wald war keine lange Atempause vergönnt. Nachdem wir gemeinsam das Rätsel um den Lokführer gelöst haben, der nach seinem Tod im Localbahnmuseum des Ortes Bayerisch Eisenstein eine Heimat gefunden hatte, bahnte sich jetzt, mitten im Sommer, ein neues, mysteriöses Problem an.

Vermutlich kennen Sie mich bereits. Mein Name ist Franz Seidelbast, und ich repariere Uhren. Ursprünglich habe ich mal einen anderen Beruf ausgeübt. Aber nachdem mir mein verstorbener Onkel Philip das einsame Gebäude im Zwiesler Waldhaus vermacht hatte, schwebte ich sofort im Bann seiner vielen Minutensprunguhren. Philip hatte sie gesammelt, weil er wusste, dass sie mehr konnten, als nur die Zeit anzeigen. Die alten Zeitmesser, die jahrzehntelang in Amtsstuben, Krankenhäusern, Schulen oder Hotels an den Wänden gehangen hatten, speicherten unerbittlich die Schicksale der Menschen. Ich selbst musste düstere Erkenntnisse aus der eigenen Kindheit daraus ziehen. Doch inzwischen gehören die klackenden Zifferblätter zu meiner Familie, genauso wie Mutter Maria, Halbschwester Kerstin und die Geistertiere. Ja, Sie haben schon richtig gehört. Hund, Katze und Maus, die seit ewigen Zeiten tot sind, leben hier im Haus zusammen mit uns. Nicht jeder kann sie sehen, aber das ist auch gar nicht nötig. Die großen und kleinen Pfötchenträger bereichern unseren Alltag. Außerdem sind sie in der Lage, sich im Jenseits zu bewegen, und waren uns in manch heikler Situation stets eine große Hilfe. Falls Sie jetzt mutmaßen, dass Hunde, Katzen und Mäuse sich im realen Leben gar nicht vertragen, so muss ich Ihnen recht geben. Aber in den Sphären, in denen wir uns immer wieder aufhalten, ist das eben anders. Da bilden sie wertvolle Symbiosen, die ich vor meinem ersten Kontakt mit den düsteren Welten belächelt hätte. Inzwischen gehören Geister, Dämonen, Hexen und viele weitere seltsame Erscheinungen zum Leben dazu wie Essen und Trinken.

Dabei hätte ich jetzt beinahe vergessen, eine äußerst wichtige Person zu erwähnen, die aus unserer kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft fast nicht mehr wegzudenken ist. Es handelt sich um Corinna Jablonski, eine Hexe, die sich der weißen Magie verschrieben hat. Den Namen brauchen Sie sich gar nicht zu merken. Denn man nennt sie nur Celeste und sie ist im Arberland bekannt wie ein buntes Hündchen. Seit geraumer Zeit trainiert sie das Fliegen auf einem Besen, zusammen mit Kerstin, meiner Halbschwester, die man oft mit meiner Ehefrau verwechselt. Ich selbst bin nicht verheiratet und habe auch nicht vor, das jemals zu ändern. Aber zurück zum Flugtraining der Hexen: Da existiert ein Startplatz, nur ein paar Kilometer entfernt von unserem Häuschen. Es ist die Hexenbrücke – ein zutiefst magischer Ort –, aber das habe ich Ihnen ja in einem anderen Büchlein schon erzählt.

Auf jeden Fall klopfte Corinna alias Celeste an einem sonnigen Sonntagmorgen im Juli stürmisch an die Haustür. Ich öffnete. Um ein Haar hätte sie mich umgerannt. Ihre Wangen glühten vor Aufregung. Sogar den Schatten des Geisterhundes Bazi fegte sie mit jedem Schritt im Hausflur in zwei Teile. Gottlob war der Hund in der Lage, sich immer wieder zusammenzufügen. Sie betrat die Küche, in der auch Maria und Kerstin saßen, und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

»Ihr glaubt nicht, was für eine unfassbare Geschichte ich heute schon gehört habe«, haspelte sie aufgeregt.

Maria schenkte ihr wortlos einen Becher Kaffee ein, fügte etwas Milch hinzu und schob ihn über den Tisch auf die weißmagische Hexe zu. Wir wussten, dass Celestes Erzählkunst immer an einen frisch gedruckten Roman erinnerte, und so lauschten wir einfach.

»Heute war ich in aller Frühe schon im Touristenbüro in Bayerisch Eisenstein. Ich möchte für die Urlauber eine Kräuterwanderung im Wald anbieten. Da wollte ich zusammen mit Tamara, der Mitarbeiterin des Büros, die Entwürfe für einen Flyer begutachten. Aber dann stürmte plötzlich ein junges Pärchen herein. Die beiden waren so erregt, dass sie sich gegenseitig ins Wort fielen. Es dauerte eine Weile, bis ich dem Gebrabbel eine vernünftige Nachricht entziehen konnte.« Celeste trank einen Schluck Kaffee. »Um euch nicht länger auf die Folter zu spannen: Die beiden haben einen Geist gesehen, und zwar genau an der Stelle, an der das ehemalige Hotel Botschafter einst stand. Während die zwei Touristen die gruselige Szene beschrieben, musste Tamara mit kalkweißem Gesicht plötzlich zur Toilette. Naja, und so haben sie mir die Geschichte in allen Einzelheiten erzählt. Seid ihr bereit?«

Wir nickten synchron.

Clara und Norman Krause hatten eigentlich eine Reise nach Fuerteventura geplant. Aber nach den letzten Unwettern, die die Kanareninsel heimgesucht hatten, waren sie zum Entschluss gekommen, in Deutschland Urlaub zu machen. Atemberaubende Landschaften, erträgliche Sommerhitze und leckeres Essen hatten ihre Auswahl beeinflusst, und so waren sie in einem Dorf nahe des Nationalparks Bayerischer Wald gestrandet. Die Frischvermählten hatten sich eine Ferienwohnung in der Nähe des Bahnhofs gemietet und spontan beschlossen, ein zünftiges Abendessen in der Schmuggler-Hütte einzunehmen. Das Wirtshaus, ein uriger Holzbau, war weit über das Ortsschild von Bayerisch Eisenstein hinaus bekannt. Die Krauses verspeisten mit großem Appetit fangfrische Forellen, die der Koch meisterhaft zubereitet hatte. Mit vollem Magen hakten sie sich schließlich zu später Stunde unter und entschieden sich für einen Verdauungsspaziergang.

Der Duft des Waldes, der in der Sommernacht waberte, begleitete sie den abschüssigen Fußweg hinab in Richtung des Dorfplatzes. Clara strich sich über ihr weißblondes, ultrakurzes Haar und sog die reine Luft in ihre Lungen. Weit entfernt schrie ein Kauz. Dann blickte sie ihren Ehemann an. »Beinahe magisch hier, findest du nicht?«