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Die Freude an Horrorgeschichten speist sich meist aus dem Auftauchen übernatürlicher Gestalten, von Geistern, wiedergeborenen Toten und Monstern. Das wahre Grauen aber liegt oft ganz nah an der sichtbaren Oberfläche der Welt. Aus einer großen Fülle an Texten ausgewählt, präsentiert Corinna Griesbach ein Best-of für die Fans der Düsternis und des Grauens. Es sind die Furcht und die Finsternis, die den Leser erfüllen. Das Fleisch, die Asche, die blutige Gier, zum Leben erweckt. "Blutmond" ist der erste Band dieser Sammlung; Band 2 erscheint unter dem Titel "Schatten des Grauens".
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2016
Corinna Griesbach (Hrsg.)
Blutmond
HALLER-Horrorgeschichten 1
Horror 1
Corinna Griesbach (Hrsg.)
Blutmond
HALLER-Horrorgeschichten 1
Horror 1
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Oktober 2016 p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Martin Schnell
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda, Xlendi
Lektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda, Xlendi
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Ammergauer Str. 11, 82418 Murnau am Staffelsee
www.pmachinery.de
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 001 6
Am Morgen des Tages, an dem er sterben sollte, erwachte Dr. Nathanael van Stey früh und schweißgebadet. Er hatte einen Traum gehabt, von dem er eigentlich gehofft hatte, ihn nie wieder durchleben zu müssen. Mit einem Keuchen schreckte er aus dem Schlaf und saß kerzengerade im Bett. Er hatte seine Decke an den Rand der Matratze gewühlt und jetzt kroch die Kälte der frühen Morgenstunden über seine feuchten Glieder. Ohne einen Blick auf seine noch schlafende Frau zu werfen, stieg er aus dem Bett, durchquerte das Zimmer, während er sich einen Morgenmantel überwarf und ging in sein Arbeitszimmer hinüber, wo er sich an den Schreibtisch setzte, um im Licht eines Kerzenstummels die letzten Notizen zu seinem neuesten Buch fertigzustellen. Nach einer halben Stunde gab er es auf. Die Bilder seines Traumes schauten so lebendig und anklagend von den leblosen, halb beschriebenen Seiten zu ihm auf, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Seufzend warf er den Füllfederhalter auf den Tisch, stand auf, ging zum Fenster und betrachtete den schmalen Streifen grauen Lichts am Horizont, der den aufsteigenden Tag ankündigte. Er dachte an seinen Traum zurück, an eine Nacht, in der er genauso an einem Fenster gestanden hatte, nach draußen auf den Garten des elterlichen Hauses geschaut hatte, während über ihm die Sterne funkelten. Hinter sich hörte er das gleichmäßige Atmen seines Zwillingsbruders. Weit unter sich konnte er gerade noch die dunklen Umrisse des Springbrunnens erkennen, der fein säuberlich geschnittenen Hecken und den weiten Rasen mit seinen vielen Obstbäumen, als plötzlich die verschlafene Stimme seines Bruders hinter ihm ertönte, ihn fragte, was er da mache. Als er sich umwandte, schaute Gideon ihn aus großen, müden Augen an. Er lächelte. »Nichts. Schlaf weiter.«
»Ich kann nicht«, flüsterte er. Nathanael betrachtete ihn einen Moment, bevor er sich wieder dem dunklen Fenster zuwandte. Er hörte, wie Gideon hinter ihm aus dem Bett stieg, spürte, wie er sich neben ihn stellte, sah ihn nicht an. »Valentin«, flüsterte Gideon. Nathanaels Nackenhaare stellten sich auf, aber er sah weiter hinaus in den dunklen Garten. Dort war eine Gestalt erschienen, die wankend auf das Haus zuging. »Er trinkt nie.« Gideons Stimme war noch immer nicht mehr als ein Flüstern, doch jetzt klang ein Unterton darin mit; halb spöttisch, halb ungläubig. Die Gestalt unter ihnen war stehen geblieben, kehrte dem Haus halb den Rücken und ging einige Schritte in die entgegengesetzte Richtung. Dann machte sie abermals kehrt und taumelte wieder zurück, schien sich über den Rand des Springbrunnens zu beugen, zu würgen und rutschte schließlich am Beckenrand hinab, wo sie still liegenblieb. »Komm mit«, raunte Gideon in Nathanaels Ohr und gemeinsam rannten sie lautlos die Treppen hinab und hinaus auf den vom Frühjahr mit Reif überzogenen Rasen. Valentin lag reglos neben dem Springbrunnen, der sich dem Gebein eines riesigen Ungeheuers gleich hellweiß von den dunklen Büschen ringsum abhob und im milchigen Mondlicht zu leuchten schien. Sie packten ihn, versuchten, ihn mit Ohrfeigen zu wecken, und als er schließlich die Augen öffnete, schien er sie nicht zu erkennen. Der ältere Bruder wehrte sich und versuchte selbst wieder auf die Beine zu kommen. Die Jüngeren spritzten ihm kühles Wasser ins Gesicht, bis sein Blick klarer wurde.
»Sie will mich nicht«, jammerte er mit rauer Stimme. »Sie sagt, sie kann nicht.« Gideon brach in heiseres Gelächter aus. Ob er sich etwa wegen eines Mädchens betrunken habe? Um Himmels willen! Er packte Valentin grob an der Schulter und tauchte ihn unter Wasser. Zuckend und prustend wehrte er sich, um sich schlagend gelang es ihm schließlich, sich loszumachen. Er holte aus, verfehlte Gideon, kam ins Schwanken. »Du hast ja keine Ahnung! Ihr würdet nichts verstehen.« Sein Blick fiel auf Nathanael und im schwachen Licht des Mondes sah es so aus, als würde er die Stirn runzeln. Halb öffnete er den Mund, wie um noch etwas hinzuzufügen, dann wurde sein Blick scharf, dann wieder glasig und er murmelte, als hätte er vergessen, dass sie immer noch da waren: »Marlies … Oh, Marlies … Unsere Familie ist verflucht …« Nathanael van Stey tritt nervös von einem Fuß auf den anderen. Er will seinen Bruder jetzt hineinbringen. Will wieder hinauf, in die warme Einsamkeit und Abgeschiedenheit seiner Kammer. Das Gespräch nimmt einen Verlauf, vor dem er sich fürchtet. Er greift unter des Bruders Schulter, versucht ihn mit Gideons Hilfe hochzustemmen, aber der Ältere wehrt sich, ist entschlossen, die Nacht in Einsamkeit und Kälte hier draußen nur in Gesellschaft seiner düsteren Gedanken zu verbringen, der Boden zu seinen Füßen ist glitschig vom verspritzten Wasser, die beiden Jüngeren können seinen wilden Schlägen nicht standhalten, ein Schwinger trifft Nathanael am Ohr und er taumelt, lässt Valentin los, der zurückstolpert. Gideon kann es nicht verhindern, als der Ältere am Rand des Springbrunnens ausgleitet, das Gleichgewicht verliert und mit einem grauenerregenden Krachen im Becken aufschlägt. Eisiges Wasser spritzt zu beiden Seiten auf, durchnässt die zwei Brüder, die entsetzt auf den Brunnen zustürzen, dessen Wasser sich schnell und immer schneller rot färbt und hinter dem Valentins glasiger, erstaunter Blick vor ihnen verschwindet, als hätte ein Vorhang sich darüber gesenkt.
Der Rest der Nacht verschwamm in Dr. Nathanael van Steys Erinnerungen. Undeutlich erinnerte er sich an den Schock, an das stumme Einverständnis, das er mit seinem Bruder traf, ihr Rennen. Das Haus, das noch immer so still dalag wie zuvor, als sei überhaupt nichts geschehen. Die nassen, kalten Kleider, die sie sich am Hauseingang von den klammen, zitternden Gliedern gerissen hatten. Gideons Herzschlag kurz darauf an seiner Wange, seinen flachen, erregten Atem, der in Stößen ging und die Tränen, die auf Gideons Brust fielen, während er ihn zu beruhigen suchte.
Dr. Nathanael van Stey vergrub das Gesicht in den Händen, auf die jetzt die ersten Strahlen der Morgenröte fielen. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als dass endlich die Sonne aufgehen und ihn mit ihrem Tagewerk von seinen düsteren Vorstellungen ablenken möge, die ihn so viele Jahre immer wieder im Verborgenen heimgesucht hatten …
Eine glühende Sonne erhellte das Wohnzimmer der van Steys, die sich um den langen eckigen Esstisch versammelt hatten. Der Vater schwieg und nur die strenge Stimme der Mutter war zu hören, die das ältere Mädchen ermahnte, still zu sitzen. Es war Sonntagmorgen. »Christoph wollte nach der Messe vorbeikommen«, sagte sie schließlich an ihren Mann gerichtet, der langsam einen tiefen Schluck von seinem schwarzen Tee nahm, bevor er nickte. »In Ordnung«, murmelte er. »Ich werde hier bleiben, um weiterzuarbeiten, der Verleger drängt schon.« Seine Frau warf ihm einen missbilligenden Blick zu. »Kannst du nicht wenigstens ein Mal … es ist schließlich Sonntag …« Sie straffte die Schultern und zupfte die Serviette zurecht, die sie über ihren langen seidenen Rock gebreitet hatte. Aber sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit ihrem Mann zu streiten. »Wieso kommst du nicht mit in die Messe, Vater?«, fragte Elsa van Stey. Sie reckte neugierig das Kinn, eine Geste, die sie zweifellos von ihrer Mutter geerbt hatte, genauso wie die vollen blonden Locken, die ihr in kleinen Kringeln auf die Schultern fielen. »Das hat er eben gesagt, Elsa!«, herrschte die Mutter sie an. »Ich möchte auch lieber hier bleiben!«, murrte die Kleine. »Habe ich nicht eben gesagt, dass am Tisch nicht gesprochen wird?« Van Stey sah auf. »Henni, bitte …« Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. Er wusste genau, dass sie es hasste, so genannt zu werden. Für ihn, wie für alle anderen, war sie Helene. Und sie war so ungnädig und leicht reizbar, wie ihre Namensvetterin liebevoll gewesen war. Dr. Nathanael van Stey seufzte und überlegte zum hundertsten Mal, ob er sich seine Frau nur nach ihrem Namen ausgesucht hatte. Ein Kind in einem der hinteren Zimmer begann laut zu weinen und sofort strafften sich Helenes Schultern erneut. Eine Magd wurde gerufen – ihrer Migräne täte dieses ewige Geschrei ganz und gar nicht gut – und verschwand wieder, um sich um das jüngere Mädchen zu kümmern. Nach dem Frühstück machten Helene und Elsa sich in ihrem Sonntagsstaat auf den Weg zur Kirche. Dr. Nathanael van Stey blieb allein mit der kleinen Henriette zurück, mit der sich die Magd in ihr Kinderzimmer zurückzog, um den Hausherren nicht bei der Arbeit zu stören. Kaum, dass er sich jedoch an seinen Schreibtisch gesetzt und mit seiner Arbeit begonnen hatte, erschien ein Besucher und kurz darauf betrat der Notar Adolph Meßmer des Doktors Arbeitszimmer.
»Nun, mein Herr«, begann Meßmer, »es tut mir außerordentlich leid, Sie an einem so friedlichen Sonntag stören zu müssen und noch dazu mit einer so traurigen Nachricht.« Er zog eine Mappe aus seiner schwarzen Ledertasche und öffnete sie. Darin lagen nur zwei kaum beschriebene Blätter vergilbten Papiers und ein Umschlag, dessen Siegel noch nicht erbrochen war. Dann sah er Dr. Nathanael van Stey mit einem ernsten Ausdruck in seinen braunen Hundeaugen an und fuhr fort. »Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Bruder, Gideon van Stey, letzten Freitag um Viertel nach neun Uhr abends verstorben ist. Tuberkulose.« Er schwieg einen Augenblick, beobachtete jede Regung im Gesicht seines Gegenübers und fuhr dann, als dieser keinerlei Anstalten machte, etwas zu erwidern, mit einem geschäftsmäßigeren Ton in der Stimme fort. »Nun, Ihr Bruder war außer Ihnen selbst das letzte lebende Mitglied Ihrer Familie, mit Ausnahme der Schwester Ihres Vaters und ihren Kindern, und im Testament Ihres Vaters heißt es ausdrücklich, dass sein Haus und das dazugehörige Eigentum im Besitze der Familie van Stey bleiben sollen. Da Ihr Zwillingsbruder nun, wie gesagt, tot ist, geht der gesamte Besitz an Sie über.«
»Hat mein Bruder ein Testament hinterlassen?«, fragte Dr. Nathanael van Stey und spürte plötzlich, wie trocken seine Kehle war. Meßmer warf ihm einen flüchtigen Blick zu. Dann sah er hinab auf seinen Aktenordner und nahm die beiden gelblichen Seiten heraus. »Nun, das ist alles, was wir von ihm erhalten haben.« Er reichte sie van Stey und der erkannte die schräge, krakelige Handschrift seines Bruders, obwohl sie in den vielen Jahren, in denen sie sich nicht gesehen hatten, noch unleserlicher geworden war. »Er fasst im Grunde nur das Testament Ihres Vaters zusammen«, erklärte der Notar. »Da Ihr Bruder praktisch keinen eigenen Besitz hatte, konnte er Ihnen auch nichts vermachen. Das Einzige –«»Was ist mit seiner Violine?«, unterbrach ihn van Stey. Der Notar runzelte die Stirn. »Verzeihung?«
»Die Violine meines Bruders«, wiederholte der andere. »Wo ist sie? Er hatte nie viel, aber er hätte niemals seine Violine weggegeben. Was ist mit ihr passiert?« Meßmer wühlte in seinen Akten. »Es tut mir sehr leid, mein Herr, aber von einer Violine steht hier nichts. Er muss sie wohl verkauft oder verloren haben. Mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen.« Dr. Nathanael van Stey schwieg einen Moment und starrte mit merkwürdig brennenden Augen hinab auf die Seiten von Gideons Testament, die er immer noch in den Händen hielt. Dann nickte er. »Verzeihen Sie bitte. Fahren Sie fort.« Meßmer räusperte sich und nahm den geschäftsmäßigen Ton von vorher wieder auf. »Nun, das Einzige, was Ihr Bruder Ihnen zusätzlich zu dem Haus und Erbe Ihres Vaters hinterlassen hat, ist dieser Brief.« Er reichte Dr. Nathanael van Stey den Umschlag aus grobem Papier. »Ich vermute, dass Ihr Bruder vielleicht in dem Brief noch weitere Informationen zu Ihrem Erbe gibt, die er aber allein mit Ihnen teilen wollte«, fügte Meßmer hinzu. Dr. Nathanael van Stey wog den Umschlag in der Hand – er war sehr leicht – und betrachtete die krakelige Handschrift, in der sein Name darauf geschrieben war.
»Wo ist mein Bruder gestorben?«, fragte er, ohne den Brief zu öffnen. Der Notar zog leicht die Augenbrauen hoch. »Wussten Sie das nicht? Er starb in Ihrem Heimatdorf, Lärchenheim, wo er seit vierzehn Jahren lebte. Keine ganze Tagesreise südwestlich von hier, würde ich meinen.« Dr. Nathanael van Stey schluckte und zwang sich zu einem Lächeln. Dann wandte er sich wieder dem Umschlag in seiner Hand zu. Er nahm einen silbernen Brieföffner von seinem Schreibtisch und durchtrennte mit einem sauberen Schnitt die obere Kante des Umschlags. Darin lag nur ein einzelnes Blatt aus demselben Papier, wie das Testament. Van Stey zog es heraus und entfaltete es. Darauf standen nur zwei Worte, aber sie ließen sofort jegliche Farbe aus Dr. Nathanael van Steys Gesicht weichen. Meßmer sah ihn mit einer Mischung aus Neugier und Bestürzung an. »Dr. van Stey? Geht es Ihnen gut? Was …« Van Stey nickte und steckte den Brief hastig in den Umschlag zurück. Er stand auf. »Ich denke, es ist Zeit für Sie, zu gehen«, sagte er und in seiner Stimme klang eine Ungeduld mit, die zu zeigen er nicht beabsichtigt hatte. Meßmer erhob sich ebenfalls und stopfte rasch seine Unterlagen in seine Tasche. Er wirkte verdattert. »Nun. Sicher. Aber werden Sie das Erbe annehmen?«
»Ja. Das werde ich«, erwiderte van Stey und schob den Notaren zur Tür hinaus. »Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, aber ich muss Sie dringend bitten, zu gehen. Dieser Verlust hat mich anscheinend heftiger getroffen, als ich dachte. Auf Wiedersehen.« Damit schlug er die Tür hinter dem verdutzt blickenden Mann zu. Einen Augenblick blieb er ganz still an der Tür stehen. Horchte nur auf das Klopfen seines eigenen Herzens und auf das leise Singen der Magd in Henriettes Zimmer. Dann, ganz langsam, machte er sich auf den Weg zurück in sein Arbeitszimmer. Dort, auf seinem Schreibtisch lag der Brief von Gideon. Vorsichtig, so als fürchtete er, der Umschlag würde ihm die Finger abreißen, streckte er die Hand danach aus, zog noch einmal das vergilbte Blatt heraus und las die Worte, die dort standen. Unverkennbar in Gideons Handschrift. Unauslöschlich, als wären sie aus Flammen gemacht, brannten sie sich in sein Gedächtnis. Wieder und wieder las er sie, als hoffte er, sie würden dadurch vielleicht verschwinden, als hoffte er, er würde gleich, wie schon am Morgen, aus einem bösen Traum erwachen. Doch solche Wünsche gehen selten in Erfüllung und so glitten Dr. Nathanael van Steys Augen wieder und wieder wie im Wahnsinn über die letzten beiden Worte, die Gideon ihm zu sagen hatte: Deine Schuld.
Als Helene und Elsa in Begleitung von Helenes Bruder Christoph Hettner aus der Messe kamen, hatte Dr. Nathanael van Stey bereits seine Sachen gepackt und war dabei, sich den langen Mantel überzuziehen. Was denn hier plötzlich los sei, fragte ihn seine Frau erstaunt. Und Hettner, des Doktors bester Freund aus Studienzeiten, klopfte ihm stirnrunzelnd auf die Schulter, während er seiner Schwester mit hochgezogenen Brauen abschätzende Blicke zuwarf. »Ich habe dringende Geschäfte zu erledigen«, erwiderte van Stey und griff nach seinem Hut. »Nun, die laufen dir ja nicht davon, oder? Warte«, griff Hettner ein, »doch wenigstens bis nach dem Essen. Du kannst uns alles erklären und die Kinder können sich in Ruhe von dir verabschieden. Vielleicht kann ich dich sogar begleiten.« Helene und ihr Bruder sahen Dr. Nathanael van Stey abwartend an. Doch der schüttelte den Kopf. »Es tut mir sehr leid, mein Lieber, und ich weiß dein Angebot zu schätzen, aber ich würde mich freuen, wenn du hier ab und an nach dem Rechten siehst, solange ich fort bin.« Er drückte seine Frau mit einem Arm an sich. »Auf bald.«
»Sag uns doch wenigstens, worum es geht!«, rief sie ihm nach, als er schon halb die Treppe heruntergeeilt und in die draußen wartende Droschke gestiegen war. Er zögerte einen Moment, drehte sich rasch zu ihr um und rief über die Schulter: »Mein Bruder ist gestorben.« Er sah noch Helenes und Hettners überraschte Gesichter, dann machte er auf dem Absatz kehrt, warf den Koffer in den Wagen, stieg dann selbst ein und schlug die Tür hinter sich zu.
Die Fahrt nach Lärchenheim zum Haus seiner Eltern sollte den halben Tag in Anspruch nehmen. Dr. Nathanael van Stey wusste das, obwohl er seit sechsunddreißig Jahren nicht mehr dort gewesen war. Die Droschke holperte über die unebenen Straßen, dass ihm übel wurde. Um sich abzulenken, zog er die dünnen, grauen Vorhänge ein wenig zurück und beobachtete das sonntägliche Treiben draußen auf den Straßen. Sie kamen an der riesigen Baustelle in der Mitte der Stadt vorbei, die, seit die Preußen wieder über die Stadt herrschten, immer schneller in die Höhe gestiegen war. Der schon jetzt alles überragende Bau wurde weiter zu einem übergroßen Dom ausgebaut und jetzt, nachdem die Besetzung durch die Franzosen der Vergangenheit angehörte, fanden wieder regelmäßiger Messen darin statt. So gehörte es sich schließlich auch, wie Helene oft sagte, der die Vorstellung, in einem Gotteshaus würden Pferde gehalten – wie es diese grässlichen Franzosen getan hatten – furchtbar abstoßend vorkam, während sich ihr Mann recht wenig darum scherte und im Geheimen tatsächlich mit den Idealen der Besatzer sympathisiert hatte. Menschenmengen strömten auf Plätze und Straßen, schwatzend oder ernst dreinblickend verließen sie die Kirchen und genossen den klaren sonnigen Frühlingstag. Der Himmel war von einem strahlenden Blau und die Sonne wärmte die kleinen Gesellschaften, die sich jetzt immer drängender in die Straßen Kölns ergossen. Dr. Nathanael van Stey betrachtete die Massen, die vor dem Kutschenfenster vorbeizogen, und fühlte sich mehr denn je wie ein Ausgestoßener. Seit seiner Ankunft in Köln hatte er sich schon oft von allen abgesondert gefühlt, doch war es lange her, seit er das letzte Mal so empfunden hatte. Ein eisiges Gefühl schrecklicher Traurigkeit stieg in ihm auf und er zog den Vorhang rasch wieder vor die kleine Scheibe. Er schluckte, schloss die Augen und lehnte den Kopf an die harte Rückwand der Droschke. In Gedanken befand er sich im Salon seines Elternhauses. Gideon stand in einer Ecke, sah aus dem Fenster, die Violine unters Kinn geklemmt und spielte eine schwermütige Melodie. Auf einem Stuhl zur linken Seite saß ein hübsches junges Mädchen. Sie hatte tiefschwarzes Haar, das in der matten Herbstsonne glänzte, deren Strahlen durch das große Balkonfenster vor ihr hereinfielen. Sie saß sehr gerade auf ihrem Stuhl, als wage sie nicht, sich anzulehnen. In der Hand hielt sie eine Puppe aus weißem Porzellan, die wie ein kleines Abbild ihrer selbst aussah. Plötzlich drang ein Schluchzen aus ihrer Kehle und Gideons Spiel brach abrupt ab. Er sah zu ihr hinüber und auch Nathanael erblickte jetzt Tränen auf dem blassen, puppenhaften Gesicht seiner Schwester.
»Marlies«, sagte Gideon bestürzt und ging zu ihr hinüber, ein Taschentuch in der Hand, mit dem sie sich die Tränen abtupfte. »Liebes. Was hast du denn?« Sie schüttelte den Kopf und putzte sich vorsichtig die Nase. Nathanael war näher heran getreten und kniete sich jetzt zu Marlies’ anderer Seite hin. »Sag schon«, bat er. Sie sah betreten zu Boden, so als schäme sie sich, sich vor ihren Brüdern einem solchen Gefühlsausbruch hinzugeben. Schließlich erhob sie dennoch matt die Stimme. »Es ist wegen Valentin«, sagte sie heiser. »Es ist alles so schrecklich.« Wieder schluchzte sie in ihr Taschentuch. Nathanael spürte, wie Gideon ihm über Marlies hinweg einen Blick zuwarf, aber er sah ihn nicht an. Keiner der beiden hatte etwas davon verraten, was in jener Mainacht geschehen war, in der Valentin starb. Die Familie hatte angenommen, es sei ein Unfall gewesen und weder die Mutter, noch der Vater hatten daran zweifeln wollen, hätte doch jeder andere Umstand ihrem hohen gesellschaftlichen Rang Abbruch getan.
Gideon legte eine Hand sachte auf Marlies’ Knie und streichelte sie. »Keiner von uns konnte etwas für Valentins Tod«, sagte er und sein Blick huschte kurz zu Nathanael hinüber, aber es war Marlies, die antwortete. »Doch. Ich bin schuld.« Gideons Hand auf ihrem Knie hielt in der Bewegung inne. »Was meinst du damit?« Marlies schnäuzte sich noch einmal geziert in ihr Taschentuch, dann sah sie auf und ihre Augen waren rot und verquollen. Sie sah nur Gideon an, als sie mit brüchiger Stimme zu sprechen begann, so als sei es einfacher, nur einem der beiden ein Geständnis abzulegen.
»Zwei Tage bevor … Er kam hinüber in Hennis und mein Zimmer. Henni schlief schon, aber ich konnte nicht. Valentin kam hinüber … er kniete sich neben mein Bett und …« Sie schluchzte laut auf. »Was hat er getan?«, fragte Nathanael jetzt sanft. »Er … er streichelte meine Wange. Er meinte, wir seien doch Geschwister … wir müssten zusammenhalten. Dann legte er sich zu mir ins Bett …« Sie schniefte so heftig, dass ihr die kleine Puppe, die ihr so ähnlich sah, aus der Hand glitt und auf den Boden fiel, sie verfehlte Gideons Violine, die er dort zuvor abgelegt hatte, nur knapp, doch als sie aufschlug, zog sich ein langer Riss über das Gesicht der Figur, entstellte ihre Züge für einen Moment und teilte den Kopf schließlich in zwei Hälften. Marlies schniefte noch einmal laut auf und bückte sich erschrocken nach ihrer Puppe. Gideon gab sie ihr. Er stand auf, das Gesicht blasser als gewöhnlich, die Violine in der Hand. Er würde sie rasch hinauf in ihre Kammer bringen, murmelte er und verließ den Salon. Nathanael ging hinüber auf Marlies’ andere Seite und bückte sich nach der zweiten Hälfte des Puppenkopfes. Er streichelte seiner Schwester über die Wange. Mit verweinten Augen sah sie zu ihm auf. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er leise. »Es ist nicht deine Schuld, was passiert ist. Valentin war krank. So etwas für die eigene Schwester zu empfinden, ist nicht normal. Du hast ihm doch schließlich gesagt, dass es nicht geht, oder?« Marlies nickte. »Siehst du«, sagte er freundlich zu ihr. »Er hätte es wissen müssen.« Sie nickte, hatte den Blick aber wieder dem großen Fenster und dem Garten unter ihnen zugewandt.
Schließlich, und dieses Mal ist ihre Stimme kaum mehr, als ein Flüstern, spricht sie ihn mit seinem Namen aus Kinderzeiten an: »Tan-tan …«, sagt sie leise. »Tan-tan … aber es hat mir gefallen …« Ein eisiger Schauer läuft Nathanael den Rücken hinunter. Ihr Blick ist nach draußen gerichtet. Er schluckt, spürt plötzlich einen scharfen Schmerz in seiner Hand, sieht hinab. Die Porzellanscherbe hat sich tief in sein Fleisch gegraben. Er wischt sie an seiner Hose ab und streckt sie ihr hin. Als sie sie nicht nimmt, legt er sie sanft auf ihrem Schoß ab. »Es wird alles wieder gut«, murmelt er, tätschelt ihre Schulter. »Mach dir keine Gedanken. Wir finden einen Weg.« Sie schweigt und auch ihm fallen keine tröstenden Worte mehr ein. »Ich gehe und wasche mir die Hände«, murmelt er, erleichtert, dass sie sich anscheinend langsam wieder beruhigt. Er geht hinaus und läuft hinunter in die Küche, wo er sich das Blut von der Hand wäscht und sie mit einem Tuch umwickelt. Als er den Salon erneut betritt, erstarrt er auf der Schwelle. Gideon ist vor ihm zurückgekehrt. Er beugt sich über Marlies. Als die Tür aufgeht und Nathanael eintritt, sieht er auf. Das Gesicht zu einer schlitzäugigen Maske verzerrt. Nathanael weicht ein paar Schritte zurück. Dabei fällt sein Blick auf den großen dunklen Fleck auf dem Holzfußboden unter Marlies’ Stuhl, der rasend schnell immer größer wird. »Gideon«, keucht er, starr vor Entsetzen. »Was hast du getan?«
Dr. Nathanael van Stey öffnete die Augen wieder. Mit der linken Hand strich er gedankenverloren über die gezackte Narbe in seiner rechten Handfläche. Er schluckte, dachte an seine Eltern, die Mutter, die zu der Zeit gerade mit der jüngeren Henni auf dem Markt gewesen war, ihre Reaktion, abgrundtiefes Entsetzen, als sie ihre zweitjüngste Tochter reglos und still auf einem Stuhl im Salon vorgefunden hatte, die Kehle mit einer stumpfen Porzellanscherbe durchtrennt, die erstarrten Augen für immer in weite Ferne gerichtet. Dr. Nathanael van Stey wusste noch genau, wie er sich gefühlt hatte. Scharfe Wogen eiskalter Traurigkeit waren über ihm zusammengeschlagen, als er den Blick auf seinen Bruder gerichtet hatte. »Er«, hatte er gesagt und gezittert dabei »hat es getan. Ich habe es gesehen.« Zwei Tage später war Marlies im Grab neben Valentin in aller Heimlichkeit bestattet und Gideon in einem winzigen Verschlag im Keller neben den Vorratskammern mit Gemüse und Pilzen eingesperrt, obwohl er geschrien und sich gewunden hatte, beteuerte, dass er es nicht getan habe, bettelte und weinte, dass sie ihm doch glauben mögen, es hatte alles nichts genutzt. Der Vater ließ die stabile Holztür der einstigen Vorratskammer durch eine Gittertür mit massiven Stäben ersetzen, die Mutter entließ alle Dienstboten, stellte neue ein, verbreitete unten im Dorf das Gerücht, das Mädchen und der ältere Zwillingsbruder seien beide im Fieber gestorben und das Mitleid der Gemeinde war groß, wenn auch trotzdem das Getuschel noch größer, hatten die van Steys, eine der angesehensten Familien am Ort, jetzt innerhalb eines halben Jahres doch drei ihrer Kinder verloren. Gideon wurde in Zukunft mit keinem Wort mehr erwähnt, und wenn man doch über ihn sprechen musste, dann nur als das »Kind des Teufels«, denn die Mutter glaubte, kein christlicher Mensch sei zu solchen Gräueltaten fähig und Gideon könne nicht wirklich ihr eigen Fleisch und Blut sein.
Jedes Mal, wenn er an all diese Vorfälle zurückdachte, fragte sich Dr. Nathanael van Stey früher oder später, wie sich sein so zynischer und doch zurückhaltender Bruder, den er immer zu kennen geglaubt hatte, solcher Gewalt hatte hingeben können. Und jetzt war er tot. All seine Gräueltaten hatten nicht verhindern können, dass ihn schließlich dasselbe Schicksal ereilte, wie seine Familie. Doch etwas beschäftigte van Stey. Immer wieder tauchte das Bild des Violine spielenden Gideon vor seinem inneren Auge auf. Er hatte die Violine überall hin mitgenommen. Sogar in der Zeit, in der er unten im Keller eingesperrt gewesen war, hatten die Eltern ihm gestattet, sie zu behalten. Nachts waren unheimliche Klänge durchs Haus geweht, langsame, melancholische Melodien, die bis in Nathanaels Dachkammer heraufdrangen, die er nun alleine bewohnte, und die ihn in den schlaflosen Stunden der Nacht ruhelos im Zimmer umhergehen ließen, während das Mondlicht still über die Tränenspuren auf seinen feuchten Wangen glitzerte. Dienstboten nahmen ihre Arbeit auf und kündigten sofort darauf wieder, niemandem war es erlaubt in den Keller zu gehen, diese Arbeiten musste Nathanael von nun an besorgen, und langsam verbreitete sich die Nachricht, im Haus der van Steys treibe ein böser Geist sein Unwesen. Nur seiner Violine vertraute Gideon in den dunkelsten Stunden seine Schmerzen und seine Trauer an. Dr. Nathanael van Stey runzelte die Stirn. Was war mit ihr geschehen?
Er warf einen erneuten Blick aus dem Fenster und stellte überrascht fest, dass sie sich bereits auf einer Landstraße befanden und Köln hinter sich ließen. Weite Felder breiteten sich vor ihm aus und es schien ihm, als ob ihre langsam ergrünenden Flächen eine faulende Erde bedeckten, deren Innerstes verseucht war von der Lieblosigkeit und der Engstirnigkeit derjenigen, die sie bevölkerten. Rasch zog er den Vorhang wieder zu und versank erneut in Erinnerungen, die jetzt immer zügelloser in ihm aufstiegen, da er einmal damit begonnen hatte, sich zu erinnern. Die toten Gesichter seiner Eltern erschienen vor seinem inneren Auge, die Blässe auf ihren Wangen, ihr glasiger Blick, als er fast über ihre leblosen Körper gestolpert war. Das Entsetzen. Das Einzige, das letzte, was ihn noch mit seinem Bruder verband. Und dann Rennen. Flucht. Hals über Kopf stürmte er aus dem Haus, die Leichen seiner Eltern und die blutverschmierte Gestalt seines Bruder hinter sich zurücklassend, in der Hoffnung, so viel Raum zwischen ihn und sich zu bringen, wie nur möglich war, ihn zu vergessen, ihn nie wieder sehen zu müssen, zu vergessen, all das zu vergessen, was mit der Heftigkeit einer unsichtbaren Gewehrsalve in das Herz seiner Familie eingeschlagen war, und er rannte, floh, während er spürte, wie eine eisige Faust sein Herz zu zerquetschen drohte, ihm die Luft aus den Lungen presste und jedes andere Gefühl, das möglicherweise in ihm lauerte, in den Hintergrund drängte, dass er sich jetzt, da er sich nach all der Zeit auf dem Weg dorthin befand, wo alles begonnen hatte, kaum noch an das Jahr erinnern konnte, das auf jenes folgte. Mit seinem letzten Geld fuhr er in die große Stadt. Nahm die riesige Baustelle in ihrer Mitte kaum wahr, alles verschwamm vor seinen Augen, Schmerz erfüllte ihn bis in den letzten Winkel seines geschundenen Selbst. Bettelnd schlug er sich durch. Verkommen auf den Straßen Kölns. Tat sich ab und an mit anderen Waisen zusammen, die er immer wieder kurze Zeit später erfroren oder von den Gassenhunden in Stücke zerfetzt wiederfand. Ihre Gesichter verfolgten ihn in seinen Träumen noch eher als die seiner Familie, die er immer weiter in den hintersten Winkel seines Gedächtnisses zu verbannen suchte. Französische Soldaten patrouillierten des Nachts auf den Straßen, nach Einbruch der Dunkelheit war es besonders gefährlich. Waisenkinder waren der Abschaum, der Schmutz der Straße; ohne Bildung, ohne Familie nichts als gefräßige Aasgeier, die sich durchs Leben schnorrten. Er gewöhnte sich an, den halben Tag zu schlafen, sodass er nachts auf der Hut sein konnte. In der Dämmerung, wenn die Aufmerksamkeit der Händler nachließ, schlenderte er über den Markt und streckte hiernach und danach die Hand aus, lernte rennen, lernte eins werden mit den grauen Mauern und kannte bald die Verstecke in Nischen, Mauerritzen und eingefallenen Häusern. Wie ein stiller Schatten wanderte er des Nachts im Licht der Laternen durch die Straßen, darauf bedacht, sich nur an solchen Orten aufzuhalten, die immer noch voller Menschen waren und die ihm einen gewissen Schutz boten. So machte er Bekanntschaft mit Huren und Händlern von zweifelhafter Ware und all jenen Gestalten, die während der dunklen Stunden besser als am Tage ihren Geschäften nachgehen können. Eines Nachts, ungefähr ein Jahr nach seiner überstürzten Flucht aus dem Hause seiner toten Eltern, wanderte er entkräftet durch die Straßen der Stadt. Seit zwei Tagen hatte er nicht geschlafen. Wirre Bilder toter Gesichter verfolgten ihn nun auch tagsüber. Einige Soldaten waren auf seinen Rückzugsort gestoßen. Er hatte all seine Beute, die aus einer madigen Decke und einigen fauligen Äpfeln bestand, zurücklassen müssen und so taumelte er jetzt in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen durch die Gassen und Straßen, halb taub vor Hunger und nur in Gesellschaft seiner toten Kameraden und Geschwister. An einer Hausecke brach er zusammen, rutschte an der Wand herunter, mit geschlossenen Augen, die knöcherne Brust hob und senkte sich so wenig, dass ein Vorübergehender ihn für tot gehalten hätte. Eine kleine weibliche Hand, die auf das Geräusch eines aufschlagenden Körpers reagierte, zog einen seidenen Vorhang von einem Fenster des Hauses, an welches gelehnt er lag. Eine Minute später öffnete sich die schwere, mit Ornamenten verzierte Tür und der halbohnmächtige Junge wurde hereingetragen. Er erwachte in einem Bett, das überladen war mit bunten seidenen Kissen in einem dämmrigen Zimmer, dessen schwere samtene Vorhänge zugezogen waren und dessen Luft genauso schwer und muffig zu sein schien, wie sie selbst.
Die Leiterin des Bordells nannte sich Dame Divinia und hieß eigentlich Ana Maria Márquez. Sie war eine stämmige, selbstbewusste Spanierin mit ordentlich frisiertem glänzend schwarzem Haar und einem durchdringenden Blick. Ihr Geschäft gehörte zu den besten und edelsten der Stadt und wurde nur von denen besucht, die genug Kleingeld besaßen, um eine außergewöhnliche Nacht im »Roten Pfau« verbringen zu können. Dame Divinia ließ Nathanael bei den Literatursalons, die sie nach außen hin als Anlass nutzte, die Vornehmen der Stadt einzuladen, bedienen und bei sich wohnen. Als sie erkannte, dass er eine gewisse Bildung besaß, machte sie ihn mit denen bekannt, von denen sie glaubte, sie könnten ihm für seine Zukunft nützlich sein. Als Nathanael sie einmal in einer der Nachtstunden, nach dem Ende eines dieser Salontreffen fragte, weshalb sie sich so um ihn kümmere, zuckte sie nur mit den Achseln. Sie habe ein Talent dafür, Beziehungen zu flechten und Leute miteinander bekannt zu machen. Außerdem sei sie der Meinung, von ihm haben sie alle noch Großes zu erwarten. Ab und zu ließ sie ihn ihre Mädchen besuchen. Es sei schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen und das Beherrschen solcher Fähigkeiten sei in dieser Gesellschaft nicht zu unterschätzen. Doch als sie bemerkte, dass er daran nicht recht Gefallen fand, schickte sie schließlich einen Knaben von ungewöhnlicher Schönheit in seine Kammer. Als sie ihn später darauf ansprach, ob ihm das besser gefalle, senkte er rasch den Blick, schüttelte nur den Kopf, schwieg. Ihre Versuche, ihm zu erklären, Knaben zu lieben sei für einen hübschen jungen Mann wie ihn doch kein Verbrechen, es bedürfe nur einer gewissen Diskretion, waren gänzlich erfolglos und schließlich gab sie es auf, bemerkte aber, dass derselbe Knabe häufig in der Nähe der Kammer ihres Schützlings zu sehen war. Geben wir ihm Zeit, dachte Ana Maria Márquez. Wenn er soweit ist, wird er schon darüber sprechen. Doch Nathanael verlor nie auch nur ein Wort über jene nächtlichen Treffen, die er in den Armen des Knaben verbrachte, während Gideons Gesicht überdeutlich vor ihm aufstieg. In den Literatursalons machte Nathanael Bekanntschaft mit den verschiedensten »Gestalten«, wie Dame Divinia und ihre Mädchen es ausdrückten. Einer von ihnen war Professor Albert Carlsen von der Universität der Stadt. Er war ein regelmäßig erscheinender und verlässlicher Gast, den Dame Divinia aufgrund seines ruhigen und höflichen Naturells und der guten Behandlung ihrer Mädchen zu schätzen wusste. Sie stellte ihm Nathanael vor und nach einigen Treffen versprach Carlsen, ihn mit in die Universität zu nehmen. Obwohl er eigentlich bereits als zu alt für einen Studienanfänger galt, schrieb er sich ein und studierte in den folgenden Jahren hart und unermüdlich die Geschichte. Die Gesichter seiner verstorbenen Familie tauchten nun immer seltener vor seinem inneren Auge auf, und obwohl er als ein seltsam schweigsamer Einzelgänger galt, fühlte er sich in dieser Zeit seines Lebens so wohl wie nie zuvor und niemals wieder. Er hatte keine Freunde, außer Dame Divinia und ihren Mädchen, wo er noch immer arbeitete, damit er sein Studium bezahlen konnte. Nur ein Kommilitone schien sich für ihn zu interessieren. Christoph Hettner studierte wie er die Geschichte und sorgte nebenbei für seine alte Mutter und die jüngere Schwester, die noch immer zu Hause wohnte. Der Vater war kränklich und früh gestorben und hatte seinem Sohn eine Familie hinterlassen, die es ihm kaum ermöglichen konnte, dass er die Universität besuchte, doch die Mutter arbeitete Tag und Nacht dafür, das nötige Geld aufzubringen, nähte Kleider für ihre Herrschaften und wusch fremde Wäsche. Nathanael van Stey fühlte sich stillschweigend zu Hettner hingezogen, der zwar nicht annähernd so hart arbeitete wie er, doch schien sein eigenes Leid dem des Freundes zu ähneln. Als er zum ersten Mal den Namen von dessen Schwester hörte, befiel ihn der dringende Wunsch, sie kennenzulernen und als sie sich gegenüberstanden, glaubte er den Verstand zu verlieren, so sehr glich ihre engelhafte, reine Gestalt der eigenen, gleichwohl toten Schwester. Kopflos stammelnd entschuldigte er sich und verließ fluchtartig das Haus. Von da an besuchte er die Hettners regelmäßig, nur um Helene zu sehen, er konnte ihre Anwesenheit nicht ertragen und gleichzeitig nicht vor ihr fliehen, war doch jetzt sie es, die ihn in seinen Träumen heimsuchte. Er vergrub sich in Büchern und Archiven, Bibliotheken, arbeitete härter denn je und promovierte im Laufe kürzester Zeit, nur um seine Gedanken von jenem Schrecken fernzuhalten, der ihn jedes Mal verfolgte, wenn er in Helenes hellblaue Augen sah, in deren Blick dieselbe Unschuld lag, wie in dem seiner Schwester, die aber, wenn sie den Mund aufmachte, eher mit der hartherzigen Stimme seiner toten Mutter zu sprechen schien.
In den folgenden Jahren schrieb er Buch um Buch und erlangte einen angesehenen Rang unter Akademikern und Ana Maria Márquez erinnerte ihn bei jedem seiner immer seltener werdenden Besuche an ihre Vorhersage, er wäre zu Größerem bestimmt und sie habe es schon erkannt, als sie ihn damals aus der Gosse geholt hatte. So vergingen die Jahre mit Schreiben und Besuchen bei Helene und Christoph Hettner, und während die Träume an seine schon so weit zurückliegende Kindheit verblassten, kam sein Geist langsam zur Ruhe und er erinnerte sich jener Vorfälle nur noch durch einen vagen Nebel, den die Zeit mit sich brachte wie an etwas, das ihm vor Jahren ein entfernter Freund berichtet hatte, den er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Kurz nach seinem fünfundvierzigsten Geburtstag brachte er es endlich über sich, Helene gegenüberzutreten und um ihre Hand anzuhalten. Ihre Mutter verwechselte seine häufigen, stürmischen und verwirrenden Besuche, die im Laufe ihrer Bekanntschaft immer regelmäßiger geworden waren, mit Zuneigung und weil Helene unter ihren Freundinnen schon beinahe als alte Jungfer galt, zögerte sie kaum einen Augenblick, seinen Antrag anzunehmen. Die Hochzeit wurde in kleinem Rahmen begangen und das junge Paar zog in eine kleine Villa am Stadtrand, in der Helene ein Jahr später die erste Tochter zur Welt brachte und fünf Jahre darauf die zweite.
Dr. Nathanael van Stey konnte sich noch genau an das Hochgefühl erinnern, als er seine Kinder zum ersten Mal im Arm gehalten hatte, die Erschöpfung auf Helenes Gesicht war ihm beinahe gleichgültig gewesen, als er die winzigen puppengroßen Mädchen an sich drückte. Er spürte, wie ein Lächeln leicht über seine Lippen glitt. Seit dem Besuch des Notars an diesem Morgen, nein, eigentlich seit dem verstörenden Traum, der ihn geweckt hatte, hatte er nicht mal einen Gedanken an ein Lächeln verschwendet. Seine Töchter. Wenigstens etwas im Leben hatte er richtig gemacht. Die Kutsche rumpelte und wurde dann langsamer. Dr. Nathanael van Stey zog noch einmal die Vorhänge zurück und das Lächeln auf seinem Gesicht verblasste. Sie waren angekommen. Er spürte seinen Mund trocken werden. Seit seiner Kindheit war er nicht mehr hier gewesen. Er erkannte die unordentlich gepflasterten Gassen wieder, den niedrigen Kirchturm, der nicht weit vom Dorftor entfernt in den Himmel ragte, erkannte die kleinen, nebeneinandergezwängten Häuschen, die sich allem Anschein nach nur gegenseitig davor bewahrten, nicht in sich zusammenzustürzen und hinter denen jetzt getrübt durch die hohen Gestalten der Lärchen, die dem Dorf seinen Namen gegeben hatten, die Sonne langsam unterging. Dr. Nathanael van Stey blickte aus dem Fenster seiner Kutsche auf Gassen, Häuser und Menschen und spürte nichts als brennenden Hass. Die Droschke hielt vor einem schäbigen kleinen Wirtshaus. Dr. Nathanael van Stey stieg aus, seinen Koffer in der Hand, und nachdem er zugesehen hatte, wie die kleine Kutsche langsam wieder die Straße entlang und aus dem Dorf hinausfuhr, drehte er sich um und betrat den dämmrigen Schankraum. Der mürrische Wirt ging ihm voran eine schiefe Treppe hinauf, zeigte ihm sein Zimmer und ließ ihn sofort wieder allein. Dr. Nathanael van Stey folgte ihm wenige Augenblicke später die Treppe hinab und trat hinaus in die Abenddämmerung, ging die Straße entlang und zu dem Haus, in dem er die schlimmste Zeit seines Lebens verbracht hatte.
