Blutregen - Thomas Enger - E-Book

Blutregen E-Book

Thomas Enger

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Beschreibung

Der Täter: ein gnadenloser Mörder. Die Opfer: scheinbar wahllos gewählt. Die Ermittler: persönlich betroffen … Die packende SPIEGEL-Bestseller-Reihe aus Norwegen geht weiter

Ein Heckenschütze versetzt Oslo in Angst und Schrecken. Scheinbar wahllos schlägt er in der Sommerhitze zu. Eines seiner ersten Opfer ist Emma Ramms Schwester. Umso entschlossener sind Blix und Ramm, den Täter zu stoppen. Während die Temperaturen immer höher klettern, und der Schütze die Stadt weiter terrorisiert, versucht die Polizei ein Muster zwischen den Anschlägen zu finden. Doch der Täter ist ihnen immer einen Schritt voraus und verfolgt seinen eigenen gnadenlosen Plan …

Lesen Sie auch die anderen Fälle der norwegischen Platz-1-Bestseller-Reihe wie »Blutnacht« und »Blutstunde«.

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Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buch

Ein Heckenschütze versetzt Oslo in Angst und Schrecken. Scheinbar wahllos schlägt er in der Sommerhitze zu. Eines seiner ersten Opfer ist eine Frau, die Blix und Ramm gut kennen: Umso entschlossener sind sie, den Mörder zu stoppen. Während die Temperaturen immer höher klettern und der Schütze die Stadt weiter terrorisiert, versucht die Polizei, ein Muster zwischen den Anschlägen zu finden. Doch der Täter ist ihnen immer einen Schritt voraus und verfolgt seinen eigenen gnadenlosen Plan …

Autoren

Thomas Enger, Jahrgang 1973, studierte Publizistik, Sport und Geschichte und arbeitete in einer Onlineredaktion. Nebenbei war er an verschiedenen Musical-Produktionen beteiligt. Sein Thrillerdebüt »Sterblich« war im deutschsprachigen Raum wie auch international ein sensationeller Erfolg, gefolgt von vier weiteren Fällen des Ermittlers Henning Juul. Er lebt zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern in Oslo.

Jørn Lier Horst, geboren 1970, arbeitete lange in leitender Stellung bei der norwegischen Kriminalpolizei, bevor er Schriftsteller wurde. 2004 erschien sein Debüt; seither belegt er mit seiner Reihe um Kommissar William Wisting regelmäßig Platz 1 der norwegischen Bestsellerliste. Für seine Werke erhielt er zahlreiche renommierte Preise, zuletzt 2019 den Petrona Award für den besten skandinavischen Spannungsroman.

Die beiden Bestsellerautoren belegen mit ihrer Thrillerreihe über die Ermittler Alexander Blix und Emma Ramm regelmäßig die Spitze der norwegischen Bestsellerliste; »Blutzahl« und »Blutnebel« wurden in England für den renommierten Petrona Award nominiert.

Von den Autoren bereits erschienen

Blutzahl · Blutnebel · Bluttat · Blutnacht · Blutstunde · Blutregen

Thomas Enger,Jørn Lier Horst

Blutregen

Thriller

Deutsch von Maike Dörriesund Günther Frauenlob

Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel »UTSKUDD« bei Bonnier Norsk Forlag, Oslo.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright der Originalausgabe © 2025 Thomas Enger & Jørn Lier Horst

Copyright der Originalausgabe © 2025 Bonnier Norsk Forlag

Published by agreement with Salomonsson Agency

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026 bei Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Ricarda Essrich

Covergestaltung: www.buerosued.de

Covermotive: Gettyimages (Samuel Ridet / 500px, aluxum), www.buerosued.de

JaB · Herstellung: DiMo

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-33485-7V001

www.blanvalet.de

1

Er nahm den Schaft heraus, dann den Lauf und das Zielfernrohr – jedes Teil sorgsam in Stoff eingewickelt, um es vor Schlägen und Stößen zu schützen. Vorsichtig legte er die Teile beiseite und warf rasch einen Blick auf seine Smartwatch. Sein Herz schlug 71-mal in der Minute.

Mit ruhigen, präzisen Bewegungen platzierte er den Schaft stabil zwischen den Beinen, setzte den Lauf im richtigen Winkel an und schob die beiden Teile behutsam zusammen, bis sie einrasteten.

Im Prinzip hatte die Demontage keinen Einfluss auf die Einstellung des Zielfernrohrs, aber schon die geringste Verschiebung konnte den Unterschied zwischen einem perfekten Treffer und einer Abweichung von wenigen Zentimetern ausmachen. Der Vorteil war, dass die Waffe auseinandergeschraubt besser zu transportieren und nicht mehr unmittelbar als Gewehr zu identifizieren war. Außerdem hatte eine so minimale Abweichung bei einem Schuss in die Brust eigentlich kaum eine Bedeutung.

Ein saunawarmer Windstoß kam durch das Fenster herein.

Oslo im Juli.

Manchmal acht Grad und Regen, dann wieder tropisch heiß – wie eben jetzt. Ihm war das nur recht, bedeutete es doch, dass außer seinem Bürofenster auch noch andere Fenster geöffnet waren und er keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zog.

Sein Oberkörper ruhte auf der harten Schreibtischplatte, und die Ellenbogen drückten sich fest in die zusätzliche Auflage, die ihm maximale Stabilität geben sollte. Er optimierte seine Position noch etwas, drückte den Schaft fest an die Schulter und legte das Auge an das Zielfernrohr.

Eine vergrößerte Welt kam zum Vorschein.

Straßenbahnhaltestelle. Blumenladen. Springbrunnen. Das unebene Pflaster des Stortorvets und der Strom der sommerlich gekleideten Menschen, die darüberflanierten.

Er folgte einer jungen Frau, die mit schwingenden Hüften eine Boutique verließ. Die Welt war eine Bühne, der Bürgersteig ein Catwalk. Wippende Brüste unter luftigem Stoff. Sie schritt an den anderen Fußgängern vorbei, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Nur aus diesem Grund lockte es ihn, gerade sie auszuwählen.

Der junge Mann in Anzug und spitzen braunen Schuhen, der ihr entgegenkam, versuchte nicht einmal zu verbergen, dass er sie mit seinen Augen förmlich auffraß. Ein kleiner Schritt nach rechts statt nach links, ein kurzes Innehalten, um eine Nachricht zu lesen – ein leichter Druck mit dem Zeigefinger auf den Abzug, und ihre Leben wären für immer verändert.

Oder beendet.

Das Fadenkreuz folgte einem staubigen Taxi, das Richtung Kongens gate über die Straßenbahnschienen schlich. Er versuchte, den Hinterkopf des Passagiers aufs Korn zu nehmen, aber die Straße war zu uneben. Zu unsicher für einen Schuss.

Das Kreischen einer Straßenbahn. Eine Frau zog ein Mädchen hinter sich her, hob es hoch und hastete zur Haltestelle.

Der Anblick ließ ihn kurz innehalten und tief durchatmen.

Er dachte an seine Tochter.

An all das, was zerstört war.

Er verdrängte die Gedanken, nahm einen Schluck aus der Wasserflasche, zog die eng anliegenden Handschuhe mit extra Grip am Zeigefinger glatt und schob sich wieder in Position.

Eine Gruppe asiatischer Touristen war auf dem Weg in die Domkirche. Einige von ihnen schützten sich mit Schirmen vor der Sonne. Ein älteres Paar teilte sich ein Softeis. Eine Taube flatterte vom Bürgersteig auf, als ein Junge auf sie zulief.

Gleich würden sie alle aufschreien, dachte er.

Und wegrennen.

Sein Blick richtete sich auf einen Jungen, der glücklich einen Heliumballon an einer Schnur über sich schwenkte. Neben ihm ging ein Mann, der den Blick immer wieder auf sein Handy richtete.

Der Druck auf dem Zeigefinger wurde größer.

Er atmete tief ein, zählte bis sieben, acht, ehe er langsam ausatmete. Er wartete einen Augenblick, dann sah er noch einmal auf seine Smartwatch. Seinen blinkenden Puls.

83.

Er drückte die Waffe etwas fester in die Schulter. Bald war es so weit.

Sehr bald.

2

Emma Ramm verlor bei Hitze immer den Appetit, an diesem Tag war es aber besonders schlimm. Seit sie am Morgen aufgewacht war, fühlte sich ihr Magen wie verknotet an. Und es wurde auch nicht besser, nachdem sie sich überwunden hatte, ihre Schwester zum Mittagessen einzuladen.

»Hast du denn Zeit dafür?«, hatte Irene gefragt.

»Im Augenblick gibt es nicht so viel zu tun«, antwortete Emma. »Es ist mitten im Sommer. Die Menschen sind in den Ferien.«

»Alle außer dir.«

»Stimmt«, sagte Emma. »Ich nicht.«

»Du musst auch mal freimachen, Schwesterherz.«

»Ja, ich weiß.«

Eine kurze Pause entstand.

»Martine und ich wollen ohnehin runter zum Stortorvet, um ein paar Blumen zu kaufen«, sagte Irene, »das passt also gut.«

Emma hatte es nicht übers Herz gebracht, ihrer Schwester zu sagen, dass sie nur mit ihr reden wollte. Allein. Das hätte nur dazu geführt, dass Irene sie so lange bedrängt hätte, bis sie ihr noch am Telefon gesagt hätte, was sie auf dem Herzen hatte. Und sie konnte ja schlecht sagen, dass sie Martine nicht dabeihaben wollte.

Am Christiania Torv flirrte die Hitze über den Pflastersteinen. Der Baldachin über ihnen spendete ein bisschen Schatten, aber die gelb gestrichenen Wände strahlten ungebremst die Wärme ab. Sie fühlte sich wie in einem Backofen. Selbst die Tauben, die sonst unablässig auf der Jagd nach am Boden liegenden Essensresten waren, suchten Schutz.

Irene aß ein Stück trockenen Ziegenkäse, der laut Speisekarte gratiniert sein sollte. Martine hatte nur ein Eis haben wollen und verrührte jetzt die drei Kugeln in einer Schale zu einer zähflüssigen bunten Masse.

»Gibt es Neuigkeiten?«, fragte Irene und wischte sich den Mund mit einer Serviette ab.

Emma rutschte etwas zur Seite. Die Sonne reflektierte auf einem Fenster auf der anderen Seite des Platzes. Das scharfe Licht fiel ihr direkt in die Augen.

»Nichts Besonderes«, sagte Emma.

Sie stach einen Croûton auf die Gabel und steckte ihn in den Mund. Kaute ihn langsam, während sie das Gesicht ihrer Schwester musterte. Sie entdeckte eine neue Falte an ihrem linken Augenwinkel. Irene wirkte wie immer erschöpft, aber irgendwie auch zufrieden und glücklich. Sie saß in ihrem leichten Sommerkleid da und schien das Essen und die Umgebung zu genießen.

Martine löffelte konzentriert ihr Eis. In ihren Augen der wache Ausdruck, den sie oft hatte, wenn sie zuhörte, ohne dass das jemand mitbekommen sollte.

Irene sah von ihrem Teller auf.

»Bist du zurzeit eigentlich auf irgendeiner Datingseite?«

Emma lachte.

»Nein, damit bin ich durch.«

»Auf Tinder alles durchgewischt?«

»Sehr witzig.«

Irene lächelte, wurde aber schnell wieder ernst.

»Was bedrückt dich dann?«

Martine hob den Blick.

»Was sollte mich bedrücken?«, sagte Emma.

Sie wollte gerade das Thema wechseln, als ein junger Mann im Anzug sich dem Lokal näherte. Er zog die Jacke aus, hängte sie über den Stuhl am Nachbartisch und offenbarte ein paar üppige Schweißflecken unter den Achseln. Eine Möwe flatterte über ihnen. Die Geräusche der Stadt wirkten in der drückenden Hitze irgendwie gedämpft.

Martine war mit dem Eis fertig und konzentrierte sich auf ein Spiel auf dem Handy. Irene redete ohne Punkt und Komma – über die Nachtschichten im Krankenhaus und wie gut es war, jetzt mal ein paar Tage freizuhaben. Sie schlug vor, im Laufe des Sommers mal zusammen nach Kragerø zu fahren. Ein Kollege von ihr hatte dort eine Hütte, die er ihnen zur Verfügung stellen würde.

»Martine, magst du in der Drogerie nach was Schönem für dich schauen?«, fragte Irene, nachdem sie den leeren Teller zur Seite geschoben hatte.

»Im Augenblick brauche ich nichts«, antwortete Martine, ohne den Blick vom Handy zu nehmen. Ihre Daumen zuckten blitzschnell über das Display.

»Kannst du nicht auch einfach so gehen?«

Martine hielt inne und sah ihre Mutter an. Irene warf ihr einen auffordernden Blick zu. Die Telepathie zwischen Mutter und Tochter schien zu funktionieren.

»Okay«, sagte Martine mit einem theatralischen Seufzen.

Emma folgte ihr mit dem Blick. Ihre Nichte wurde langsam groß. Groß genug auf jeden Fall, um allein durchs Zentrum von Oslo zu laufen. Ihre langen Haare fielen in Wellen über den Nacken bis auf die Schulterblätter.

»Sie sitzt gut«, sagte Emma, als Martine weit genug weg war, um sie nicht mehr zu hören.

»Hm?«

»Die neue Perücke«, sagte Emma.

»Ich glaube, die findet sie wirklich gut.«

Genau wie Emma würde Martine mit der Zeit ihre Körperbehaarung verlieren. Bisher konnten sie es noch in der Schule geheim halten, es war aber nur eine Frage der Zeit, bis es bekannt werden würde. Emma wusste nur allzu gut aus eigener Erfahrung, was in den nächsten Jahren auf ihre Nichte zukommen würde.

»Also, was ist los, Schwesterherz?«

Emma spürte einen Anflug von Reue.

Tat sie wirklich das Richtige?

Sie richtete ihren Blick auf Irene, die sich noch einmal den Mund abtupfte.

»Warst du in der letzten Zeit mal am Grab?«, fragte Emma.

»An welchem Grab?«

»Dem von Mama und Papa.«

Irene schnaubte.

»Nein, du etwa?«

Emma nickte. »Vor ein paar Tagen.«

»Und warum?«

»Warum? Warum nicht?«

Emma dachte nicht mehr oft an den brutalen Start ins Leben, der ihnen beiden zuteilgeworden war. Ihre Mutter hatte tot in einer Blutlache auf dem Küchenboden gelegen, während ihr Vater, als er mitbekam, dass die Polizei vor dem Haus stand, Emma ins Wohnzimmer geschleppt hatte. Als Alexander Blix den Raum betrat, hatte er ihr eine Waffe an den Kopf gehalten. Emma war damals fünf Jahre alt gewesen.

Neben dem Knall des Schusses, der kurz darauf fiel, erinnerte sie sich am deutlichsten an den heißen Lauf der Waffe an ihrer Schläfe. Und an den Schweißgestank ihres Vaters, der sich mit seiner Fahne mischte. Und an Blix’ festen Griff, als er sie auf den Arm genommen und nach draußen getragen hatte.

Irene war an jenem Tag glücklicherweise nicht zu Hause gewesen, aber als Fünf- und Siebenjährige so plötzlich zu Waisen zu werden, hatte bei beiden Spuren hinterlassen. Genau deshalb war ihre schwesterliche Beziehung zu einem aus Liebe und Verständnis gesponnenen, unzertrennbaren Band geworden, wie man es nur selten sah.

»Ich gehe nie dahin«, sagte Irene. »Das weißt du doch.«

»Ja, ich weiß.«

»Und warum fragst du dann?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du weißt es nicht? Du bist seltsam, Schwester. Was ist los mit dir?«

Emma ging in Gedanken noch einmal durch, was sie sagen wollte. Es gab keinen einfachen Weg.

»Du und ich, wir hatten ja nie einen Vater. Jedenfalls nicht richtig.«

»Wir hatten Olav.«

»Ja, aber ein Großvater ist nicht dasselbe. Allein die Tatsache, dass du ihn Olav nennst, beweist das.«

»Mag sein. Sorry, aber ich kann dir nicht richtig folgen. Auf was willst du hinaus?«

Emma wartete einen Augenblick.

»Martine hat einen Vater, Irene. Der das auch für sie sein will. Aber das darf er nicht. Wegen dir.«

Emma hob den Blick und sah, wie ihre Schwester sie anstarrte.

»Was sagst du da?«

Emma antwortete nicht gleich.

»Ich weiß ja, dass Heine kein vorbildlicher Vater war, als Martine klein war. Aber das ist lange her. Vielleicht hat er sich verändert.«

Irene versuchte, beherrscht zu bleiben. »Trust me, Emma, Heine wird sich niemals ändern.«

»Woher willst du das wissen? Es ist Jahre her, dass du zuletzt mit ihm gesprochen hast.«

Irene sah sie an. »Hast du etwa mit ihm gesprochen? Stotterst du mir deshalb etwas von diesem Scheißkerl vor? Hast du mich deshalb zum Essen eingeladen?«

Emma senkte den Blick.

»Ich habe ihn getroffen«, sagte sie nach einer Pause. »Zufällig, letzte Woche, als ich aus dem Supermarkt kam. Er hat gesagt, dass er versucht hat, dich anzurufen, und dir Nachrichten geschrieben hat …«

»Ja, danke, ich weiß, dass er angerufen und mir geschrieben hat. Das tut er seit Jahren.«

»Aber …«

»Weißt du nicht mehr, wie er war?«

»Doch, aber ich weiß auch, dass er in Afghanistan war und dass er …«

Irene lachte. »Ja, und es war natürlich die Schuld der Taliban, dass er sich Heroin gespritzt hat, während ich bei der Arbeit war und er Martine vom Kindergarten abholen sollte. Glaubst du wirklich, dass ich meine Tochter auch nur noch ein Mal diesem Typen aussetze?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Er nimmt keine Drogen mehr, Irene.«

»Und das weißt du, weil du zwei Sekunden sein Gesicht gesehen hast?«

»Er sah besser aus.«

Sie lachte wieder, und ihre Stimme klang hart und höhnisch.

»Machst du das, weil wir ohne Vater aufgewachsen sind? Weil du glaubst, dass Martine einen braucht?« Mit einem Mal blitzten Funken aus Irenes Augen. »Was ist das hier eigentlich für eine Psychoscheiße?«

»Ich wollte nur …«

Emma wusste nicht, wie sie den Satz zu Ende bringen sollte.

»Vater zu sein … dazu kann man sich nicht entschließen, wenn man gerade mal Lust dazu hat, Emma. Wenn das Leben gerade mal gut läuft. Du solltest das besser wissen als alle anderen…«

»Ich weiß aber auch, dass man um Hilfe bitten kann, wenn man mit seinem Leben nicht klarkommt – und dass es diese Hilfe gibt. Vielleicht kommt dann auch die Kraft zurück. Wie bei Blix.«

»Ja, aber ebenso gut ist es möglich, dass man anschließend wieder einen Rückfall hat. Denk mal darüber nach, wie viele Beispiele ich dafür Tag für Tag im Krankenhaus sehe. Und wenn man seine Tochter traumatisiert und enttäuscht, wie Heine es getan hat – wieder und wieder –, hinterlässt das Wunden und Narben, die nie wieder aufgerissen werden dürfen. Ich will das nicht, Emma.«

Sie seufzte schwer.

»Er hat ihr Leben zerstört, Emma. Er – nicht ich. Und auch nicht die Taliban oder der Richter, der mir das alleinige Sorgerecht zugesprochen hat. Niemand von uns ist ihm etwas schuldig.«

Irene nahm die Tasche, die neben ihr auf dem Stuhl lag, und öffnete sie ärgerlich.

»Glaubst du, ich weiß nicht, dass Martine in ihrem Leben keine Vaterfigur hat?«

Sie nahm ihr Kartenetui und klappte es ruckartig auf.

»Ich denke jedes Mal daran, wenn ich einen Vater sehe, der sein Kind an der Hand hält, oder wenn ich auf dem Spielplatz beobachte, wie ein Großvater seinen Enkel auf der Schaukel anschubst.«

Sie fand nicht, wonach sie suchte, und begann wütend, ihre Tasche zu durchsuchen.

»Du kannst dir ja denken, wie das auf diesen Elternabenden ist«, fuhr sie fort. »Aber ich habe weder Zeit noch Lust oder Kraft, mich auf Tinder rumzutreiben, um jemanden zu finden, der das alles mit mir teilen möchte. Nicht jeder hat so viele Freiheiten wie du.«

»Irene …«

»Wie geht’s jetzt weiter? Sollst du Heine anschließend anrufen und ihm berichten, wie es gelaufen ist?«

»Er weiß nichts davon, dass ich dich darauf ansprechen wollte.«

»Sieh an. Dann hat er es jetzt also auch in deinen Kopf geschafft? Nice. Es war sicher ein Riesenzufall, dass er dich auf der Straße getroffen hat.«

Sie verdrehte die Augen.

»Ich will nur, dass du darüber nachdenkst, Irene. Dir zuliebe, und auch für Martine. Hör auf, so wütend auf ihn zu sein.«

»Wütend?«

Irene fand schließlich, was sie suchte. Sie faltete einen Fünfhunderter auseinander und knallte ihn auf den Tisch. Dann stand sie so abrupt auf, dass ihr Stuhl fast nach hinten kippte. Die Leute um sie herum hoben die Blicke und sahen sie an.

»Ich bin schon lange nicht mehr wütend auf ihn«, sagte Irene. »Ich gebe ihm einfach nicht mehr das Recht, mir Kraft oder Energie zu rauben. Grüß ihn von mir, wenn er dir das nächste Mal zufällig über den Weg läuft. Und sag ihm, dass es so bleiben wird, wie es ist.«

Sie stellte ein Wasserglas auf den Schein, schulterte ihre Tasche und verabschiedete sich mit einem:

»Danke fürs Essen. Das war sehr nett.«

3

»So ein Mensch bin ich nicht. Ich bin nicht der Typ, als den die mich darstellen.«

Alexander Blix lehnte sich nach vorn. Er hatte zugehört und sich Notizen gemacht. Der Mann auf der anderen Schreibtischseite schob die Brille auf dem Nasenrücken hoch.

Blix kannte Ole Frode Hamvik in der Regel mit einem strahlenden Lächeln und verschmitztem Blick. Nicht so heute.

Vor dreißig Jahren hatte Hamvik seinen Durchbruch als flapsiger TV-Moderator in einer kurzweiligen, kontrovers diskutierten Datingshow gehabt. Danach war er eine Weile im leichteren Unterhaltungssegment unterwegs gewesen und hatte in ein paar Komödien mitgespielt. Vor fünf Jahren war er in die Werbebranche gewechselt und hatte sich schnell einen großen Kundenkreis aufgebaut. Und hin und wieder hatte er einen seltenen Auftritt in den Promispalten der Boulevardpresse.

»Das muss unterbunden werden«, drängte er und schob erneut die Brille hoch. Das scheckige Gestell war aus einem Material, das lichtabhängig den Farbton wechselte – von schillernd grün bis sattviolett.

Ausgefallene, schräge Brillen waren Teil seines Images. Er liebte es, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aufzufallen und ein Promi zu sein. Und er redete gerne über sich. In der Regel völlig unbescheiden und bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Seit ein paar Tagen hatte er nun aber nicht mehr von sich hören lassen.

Genauer gesagt, seit ein sieben Sekunden dauernder Videoclip von einem Sommerfest in den sozialen Medien kursierte und immer mehr Leute veranlasste, sich zu Wort zu melden. Blix hatte danach gesucht, als Hamvik ihn um ein Treffen gebeten hatte.

Die Aufnahme war von einer Tanzfläche. Hamvik trat hinter eine junge Frau, legte seine Hände auf ihre Hüften und vollzog ein paar eindeutige Stoßbewegungen hinter ihr, ehe er sie wieder losließ und ihr einen Klaps auf den Hintern gab.

»Sie arbeitet seit fünf Jahren für mich«, sagte Hamvik. »Ich habe sie eingestellt, als sie noch einen Scheißdreck konnte und niemand sonst sie an der Backe haben wollte. Das Gleiche gilt auch für Guro. Und jetzt verbreiten sie solche Gerüchte über mich.«

Er zeigte auf die Blätter vor sich auf dem Schreibtisch, auf denen er ihre persönlichen Daten zusammengetragen hatte.

»Sie waren doch mal bei der Polizei«, redete Hamvik weiter. »Vielleicht lässt sich in den Akten ja irgendwas finden, das ihre Unglaubwürdigkeit beweist. Guro soll vor zwei Jahren in so eine Kokaingeschichte verwickelt gewesen sein. Aber ich brauche Fakten. Handfeste Beweise.«

Auf Hamviks hellblauem Hemd zeichneten sich deutliche Schweißflecke ab, aber auch Blix machte die Hitze zu schaffen, die schwer und zäh im Raum hing. Emma hatte auf einem Tisch in der Ecke einen Ventilator aufgestellt, der leise, aber wirkungslos schnurrte.

»Das, was auf dem Clip zu sehen ist, ist ein völlig aus dem Zusammenhang gerissener Scherz«, sagte Hamvik. »Und genau das müssen wir den Leuten klarmachen.«

Die Glocke der Domkirche begann zu schlagen. Blix streckte sich nach den Blättern vor Hamvik aus. Bei seinen Voruntersuchungen war er auf diverse Chats im Netz gestoßen, in denen behauptet wurde, dass der Mann in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen junge Frauen sexuell belästigt habe. Einen aufkommenden Shitstorm dieser Art zu stoppen, war extrem aussichtslos, wenn nicht unmöglich. Besonders, wenn sich am Ende herausstellte, dass er berechtigt war.

»In einem Fall wie diesem«, sagte Blix, »finden wir erst einmal raus, was da wirklich vorgefallen ist und wer was getan hat. Nicht, ob etwas vorgefallen ist.«

»Aber das hier ist doch im Grunde nichts anderes«, wandte Hamvik ein. »Alles, was ausgraben werden kann, ist interessant. Mahnungen, Steuerbetrug, Examensschummelei, Schwarzarbeit. Die Leute sollen wissen, wie unglaubwürdig und unzuverlässig diese Mädels sind.«

Er rückte schon wieder die Brille zurecht und fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn. Blix warf seinem Hund Terry einen Blick zu, als wollte er seine Meinung hören, ob sie den Fall übernehmen sollten oder nicht.

Die Schränke zweier junger Frauen nach Schmutzwäsche zu durchsuchen, entsprach so gar nicht dem, was er sich an Aufträgen vorgestellt hatte, als Emma vor gut einem Jahr mit der Idee kam, gemeinsam ins Privatermittlerbusiness einzusteigen.

»Lassen Sie mich das erst noch mit meiner Partnerin besprechen«, sagte Blix und erhob sich, um zu signalisieren, dass das Treffen beendet war. »Wir melden uns dann bei Ihnen.«

Sie gingen zur Tür und blieben in der Zugluft aus dem Treppenhaus stehen.

»Ich brauche die Antwort aber zeitnah«, sagte Hamvik. »Vor Tagesende.«

Blix schaute auf die Uhr. Es war kurz nach zwölf Uhr.

»Wir tun unser Bestes«, antwortete er.

4

Eine Frau mit drei Einkaufstüten vor den Füßen stand auf, als sich die Straßenbahntüren hinter Harald Pollestad schlossen. Sie sah ihn an und machte eine einladende Handbewegung.

»Ach nein, nein, nicht doch«, sagte er. »Bleiben Sie sitzen. Sehr freundlich, wirklich, aber alles gut.«

Die Frau, vermutlich eine Mittvierzigerin, setzte sich wieder und versuchte, ihre Erleichterung nicht zu deutlich zu zeigen. Pollestad schickte ihr ein dankbares Lächeln, aber innerlich kochte er. So alt war er auch wieder nicht, noch nicht, jedenfalls. Rentner, ja gut, aber … Zum Teufel.

Pollestad griff nach einem der Gummihandgriffe über sich und bereute es augenblicklich. Das Ding hing ein klein wenig zu hoch für seine schmerzende Schulter, besonders wenn er die Hand anspannte, um sich ordentlich festzuhalten. Er stieß die Person neben sich an, einen jungen Mann mit weißen Ohrstöpseln, der über den unerwünschten Körperkontakt alles andere als beglückt war. Pollestad nuschelte eine Entschuldigung.

Die Straßenbahn setzte sich in Bewegung und kam in einen bequemen Rhythmus. Vor den dreckigen Fenstern brannte der Sommer, in der Tram war es aber angenehm kühl. An der Tür stand ein ungepflegter Mann mit viel zu vielen Kleiderschichten, der unzusammenhängendes Zeug vor sich hin brabbelte. Keiner der Ein- oder Aussteigenden suchte seinen Augenkontakt.

Es roch nach Sonnencreme.

Um sich herum sah er mehrere Badetaschen. Ein paar Mädchen, die nicht älter als fünfzehn sein konnten, sprachen laut und alle durcheinander. Die Gesichter genauso erwartungsvoll, wie es sich für lange Ferien und Sommer gehörte.

Pollestad zog es nicht mehr häufig ins Zentrum.

Aber sein alter Freund und früherer Kollege Gunnar wurde am Samstag 65, und die Kaffeemaschine, die er zu Hause auf Høvik hatte, gehörte längst ins Heimatmuseum. Er wollte eine neue für ihn besorgen. Eine ordentliche, bloß nicht so ein gottserbärmliches Kapselmonster.

Harald Pollestad folgte leicht schwankend dem Ruckeln und Schaukeln der Tram und dachte an Atle.

Vor drei Wochen hatte sein Sohn ihm einen Besuch abgestattet und gefragt, ob er eine halbe Million Kronen von ihm leihen könne, um sich mit einem Freund zusammenzutun und eine Beraterfirma zu gründen. Mit Feuereifer in der Stimme und Glut in den Augen hatte er ihm seine Pläne erläutert.

Pollestad hatte aufmerksam zugehört, aber gezögert, als die Summe zum ersten Mal auf den Tisch kam. Damit wären seine gesamten Ersparnisse auf einen Schlag futsch, was ihn schließlich zu einem Nein bewogen hatte. Stattdessen hatte er Atle vorgeschlagen, es wie alle anderen zu machen und bei der Bank nach einem Kredit zu fragen. Atle hatte nicht widersprochen, aber seinen Gesichtsausdruck würde er so schnell nicht wieder vergessen. Er hatte seine Enttäuschung nicht verbergen können, und irgendwie hatte Pollestad das Gefühl, dass die Distanz zwischen ihnen dadurch größer geworden war.

Die Tram ruckelte durch Adamstuen weiter nach Bislett. Pollestad erinnerte sich nicht, in wie vielen Stopps er aussteigen musste, aber glücklicherweise gab es Karten an den Wänden. Er stellte schnell fest, dass die Routen sich geändert hatten und die Linie jetzt auch eine andere Nummer hatte. Früher war es die 17 gewesen, jetzt die 18. Da glaubte wohl mal wieder irgendein obercleverer Grünschnabel, dass Veränderung oder Erneuerung grundsätzlich gut ist.

Seine Gedanken wanderten wieder zu Atle.

Am Morgen hatte sein Sohn angerufen und gefragt, ob er eine Woche im August in die Hütte könnte. Es war das erste Mal, dass sie nach der Sache mit dem Geld wieder miteinander gesprochen hatten. Das mit der Hütte war in Ordnung, natürlich, aber auch dieses Gespräch war in einem unschönen Ton geendet. Atle hatte noch nie einen Finger krumm gemacht, um ihm bei irgendetwas dort draußen zu helfen. Dabei fiel bei der alten Hütte immer wieder Arbeit an, die Wind und Wetter beinahe schutzlos ausgesetzt war. Als er Atle darauf hingewiesen hatte, war er direkt eingeschnappt gewesen und hatte sich mit geschäftigen Zeiten herausgeredet und dass er in den Ferien auch freihaben wollte. Sie hatten danach noch über ein paar andere Dinge gesprochen – die Hitze und das Wetter, Gunnars Geburtstag und die Kaffeemaschine, die er ihm schenken wollte –, aber in Atles Stimme hatte die Wärme und Nähe gefehlt, die sonst immer mitschwang. Als hätte er resigniert. Ganz anders als die Begeisterung an dem Tag, als er ihm von seinen Plänen erzählt hatte. Er war nicht einmal auf die Einladung auf ein Bierchen irgendwo in der Abendsonne eingegangen, sondern hatte das Gespräch abrupt auf ein anderes Thema gelenkt.

Pollestad schluckte, als sein Brustkorb ganz eng wurde. Er konnte das Gefühl nicht abschütteln, einen Fehler begangen zu haben. Dass er mit seinem Nein eine Tür zu etwas zugeschlagen hatte, das für Atle etwas Großes hätte werden können. Vielleicht der Start von etwas Eigenem, das ihm den Auftrieb gegeben hätte, den er so dringend brauchte – die Sicherheit, mit seiner Tochter ein neues Leben beginnen zu können.

»Nächster Halt, Stortorvet.«

Pollestad machte einen Schritt auf die Schiebetür der Straßenbahn zu und schaute durch die Scheibe. Sah einen Mann, der ihm bekannt vorkam, der zügig auf dem Gehweg neben der Straßenbahn herlief. Irgendwas klingelte bei dem Anblick der merkwürdig bunten Brille auf seiner Nase.

Die Bahn kam mit einem Ruck zum Stehen. Pollestad stieg aus und trat auf die unebenen Pflastersteine auf dem Stortorvet. Die Sonne brannte auf ihn herunter, und sein Hemd klebte sich an die Haut.

In diesem Moment fasste er einen Entschluss.

Das Sparkonto.

Wem war damit gedient, wenn er das Geld für sich behielt? Was er hatte, reichte gut zum Leben. Und streng genommen hatte er auch keine Pläne für das Ersparte. Warum sollte er das Geld dann zurückhalten, wenn sein Sohn es ohnehin bekam, wenn er mal nicht mehr war?

Eine Frau in seinem Alter nickte ihm freundlich zu, und er realisierte, dass er lächelnd dastand, ganz erfüllt von der Zufriedenheit und der Spannung, wie Atle wohl reagieren würde, wenn er die guten Neuigkeiten hörte.

5

Blix trat ans Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Die Straßenbahn zuckelte langsam vorbei. Die Leute bewegten sich in einem ruhigeren Tempo als gewöhnlich, als würde die Hitze sie bremsen.

Er lehnte sich an den Fensterrahmen.

Alles an Ole Frode Hamviks Anfrage weckte seinen inneren Widerstand. Nicht nur, weil ihm der Auftrag unsinnig vorkam, sondern weil er ihn in eine Position brachte, in die er sich geschworen hatte, niemals zu kommen. Einem Mann wie Hamvik zuzuarbeiten, indem er seine Handlungen bagatellisierte, schönredete oder rechtfertigte, war schlicht und ergreifend falsch.

Dabei wäre der Auftrag eine sichere Einnahmequelle. Gutes Geld für eine schnell erledigte Arbeit. Die Ermittlungen würden keinen übermäßigen Einsatz erfordern, und die Wahrscheinlichkeit, etwas tatsächlich Diskreditierendes über die beiden Frauen zu finden, war minimal. Die Möglichkeiten, was die beiden in ihrem kurzen Leben angestellt haben könnten, das ernsthaft ihrer Glaubwürdigkeit schadete, waren begrenzt.

Aber das war nicht das eigentliche Problem. Ihm war Hamviks gesamte Geisteshaltung zuwider. Die Idee, nach Schwachstellen im Leben anderer zu suchen, um von den eigenen Taten abzulenken, war erbärmlich und manipulativ.

Und zu sagen, dass sie darüber nachdenken würden, war feige.

Er hätte Hamvik direkt am Schreibtisch den Laufpass geben sollen. Es gab nichts, worüber er noch nachdenken musste.

Blix drehte sich vom Fenster weg und ging zum Kühlschrank. Kalte Luft strömte ihm entgegen, als er die Tür öffnete.

Er nahm die Wasserkaraffe, die Emma mit Limettenscheiben und Minzblättern gefüllt hatte, ehe sie gegangen war. Die Reste der Eiswürfel klirrten gegen den Rand, als er sich ein Glas einschenkte.

Terry kam zu ihm getrottet. Blix füllte seinen Wassernapf am Spülbecken und sah, wie der Hund ruhig den Kopf senkte und zu schlabbern begann. Sie hatten ihn vor zwei Jahren von der Straße geholt, halb verhungert und verlaust, und ein neues Zuhause für ihn gesucht, nachdem sich kein Besitzer gemeldet hatte. Seitdem war er ihr verschwiegener Partner, immer da, immer aufmerksam. Er forderte wenig und gab viel mehr zurück, als Blix es bei einem Hund je für möglich gehalten hätte.

Die Kühlschranktür schloss nicht richtig. Blix drückte sie zu und ging mit seinem Glas zurück ans Fenster. Aus dieser Höhe konnte er über die Dächer der benachbarten Gebäude bis zur Silhouette des Domkirchenturms sehen. Ein paar entfernte Gesprächsfetzen und vereinzeltes Lachen stiegen zu ihm hoch.

Vor ihm landete eine Taube auf dem Fenstersims. Sie nickte rhythmisch mit dem Kopf, während sie sich umsah. Blix kippte den Rest Wasser herunter, stellte das Glas auf die Fensterbank und zog das Telefon aus der Tasche.

»Wie war das Treffen?«, fragte Emma. Den Hintergrundgeräuschen nach zu urteilen, war sie draußen unterwegs. Blix gab ihr ein kurzes Update. Als er fertig war, sagte sie nichts.

Die Taube flog vom Sims auf. Blix legte sich die Hand in den verschwitzten Nacken.

»Stimmt was nicht?«, fragte er und zuckte zusammen.

Ein Stück die Straße hinunter war ein Knall zu hören. Er nahm das Handy vom Ohr und lehnte sich nach draußen. Ein paar Fußgänger blieben stehen und schauten abwartend in die Richtung. Dann waren Schreie zu hören, und die Menschen begannen zu rennen.

Ein zweiter Knall.

Der trockene, scharfe Laut wurde zwischen den Gebäuden hin und her geworfen und zog eine vibrierende Heckwelle durch die Luft hinter sich her.

Blix drückte das Telefon wieder ans Ohr.

»Schüsse«, sagte er. »Da schießt jemand.«

6

Emma blieb stehen, zog sich einen Ohrhörer aus dem Ohr und hörte nicht allzu weit weg tatsächlich Schüsse. Es klang wie ein Feuerwerk.

»Das kommt vom Stortorvet«, sagte Blix in ihr Ohr. »Wo bist du?«

Stortorvet.

Eine kalte Faust ballte sich in ihrem Magen. Schweiß perlte auf ihrer Oberlippe.

»Emma, wo bist du?«, wiederholte Blix.

»Nicht weit entfernt.«

Sie setzte sich in Bewegung.

»Was? Emma, du kannst nicht …«

»Irene und Martine wollten zum Stortorvet«, sagte sie und sah rasch nach links und rechts, ehe sie hinter einer Straßenbahn die Fahrbahn überquerte.

»Emma …«

Blix’ Stimme wurde von einem weiteren Schuss überlagert, lauter jetzt und näher. Die Schreie steigerten sich in einem panischen Crescendo. Den Menschen, die ihr entgegengerannt kamen, stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Einige schluchzten, andere waren stumm vor Panik.

»Bitte, Emma, bleib, wo du bist«, sagte Blix. »Bleib da weg!«

Der Gedanke an Irene und Martine trieb sie weiter. Der Stoff ihres T-Shirts klebte sich an die schweißnasse Haut.

»Ich versuche, sie anzurufen.«

»Emma …«

Sie legte auf und blieb stehen, aber ihre Finger trafen nicht die richtigen Punkte auf dem Display. Irgendwann gelang es ihr, die Nummer ihrer Schwester aufzurufen.

Emma hastete weiter.

Es klingelte.

Und klingelte.

Jedes Signal zog sich quälend in die Länge. Na los!, flehte sie innerlich und lief schneller. »Jetzt geh endlich dran!«

Sie rannte über die unebenen Pflastersteine der Fußgängerzone, vorbei an Steen & Strøm.

An der Karl Johans gate bog sie rechts ab. Ein neuer Schwarm Menschen mit angstverzerrten Gesichtern strömte ihr entgegen. Eine Mutter zog ihre weinende Tochter in einen Laden, in dem eine Angestellte bereits das Gitter herunterkurbelte, aber sie ließ die beiden noch hinein.

Ein neuer Schuss zerriss die Luft. Schritte trommelten über den Asphalt. Emma bog in die Møllergata, und musste zur Seite springen, als ein Taxi auf den Bürgersteig fuhr, um einen anderen Wagen zu überholen. Der Fahrer hupte und raste weiter.

Die Menschen flohen in alle Richtungen. Emma hob den Blick, sah eine Reihe geöffneter Fenster mit flatternden Gardinen, aber nirgendwo den Lauf einer Waffe.

Sie wurde langsamer. Ihre Lunge brannte. Noch immer keine Antwort von Irene. Der Anruf wurde an die Voicebox weitergeleitet. »Hallo, dies ist der Anschluss von …«

Emma legte auf.

Schritt für Schritt näherte sie sich dem Stortorvet. Sie fühlte sich einigermaßen sicher durch die Bäume auf dieser Seite des Platzes. Ein Mann kauerte mit aufgerissenen Augen hinter einem Stamm.

Ein panisch verlassener E-Roller lag hinter ihm auf den Straßenbahnschienen.

Emma ließ den Blick schweifen. In den Fenstern über sich sah sie entsetzte Gesichter, erschütterte Zeugen des unten stattfindenden Dramas.

Aber keinen Schützen.

Vorsichtig schob sie sich zwischen den Verkaufsbuden hindurch. Einer der Angestellten lag hinter einem Tisch auf dem Boden und presste sich die Hände auf die Ohren. Er zitterte am ganzen Leib.

Emma trat gegen einen verlassenen Einkaufskorb und lief an Eimern mit Tulpen, Rosen und Lilien vorbei. Ein paar Meter entfernt spritzte aus einem undichten Schlauch eine Wasserfontäne nach oben und glitzerte in der Sonne.

Sie schlüpfte hinter einen Lieferwagen, lehnte sich mit dem Rücken an die warme Karosserie und atmete tief durch. Der Schweiß brannte in ihren Augen.

Quälende Stille senkte sich über den Platz. Seit dem letzten Schuss war jetzt eine ganze Weile vergangen, aber vielleicht war das nur die Ruhe vor dem Sturm. Und woher genau die Schüsse kamen, wusste sie noch immer nicht. Sie zitterte.

Vorsichtig lugte sie hinter dem Wagen hervor.

Auf dem Stortorvet lagen mehrere Körper in der brennenden Sonne. Einige bewegten sich, andere nicht. Ein älterer Mann zog sich mit den Armen weiter und hinterließ einen blutigen Streifen hinter sich. Er war ins Bein getroffen worden.

Überall auf dem Platz waren Zeichen der ausgebrochenen Panik zu sehen. Verstreut herumliegende Blumen, dazwischen Taschen, Sonnenbrillen und Handys, die die Menschen auf ihrer Flucht zurückgelassen hatten.

Dann gefror ihr Blick.

Alle Geräusche um sie herum verstummten.

Mitten auf dem Stortorvet kniete Martine.

Der kleine Körper zitterte wie von Spasmen geschüttelt. Neben ihr lag Irene, regungslos, die Haare wie ein Fächer um den Kopf verteilt. Die Blutlache unter ihr wuchs schnell und färbte die hellgrauen Pflastersteine dunkel.

7

»Bleib!«

Blix warf die Tür zu und schloss sie ab. Terrys Jaulen begleitete ihn auf dem Weg nach unten durchs Treppenhaus.

Im Eingangsbereich stand ein Mann in einem Anzug und sah durch das Fenster nach draußen. Blix drückte den Handicap-Knopf an der Wand, und die Türen öffneten sich automatisch nach außen. Der Mann zuckte zusammen und drehte sich um.

»Mein Gott, Sie wollen da doch jetzt nicht raus!«, sagte er. »Da schießt jemand.«

Blix nickte nur kurz, ohne zu antworten, und schob sich in die brütende Hitze, die ihm wie aus einer geöffneten Ofentür entgegenschlug.

Es war das zweite Mal innerhalb einer Woche, dass mitten in der Stadt Schüsse fielen. Beim ersten Mal waren ein Mensch getötet und mehrere verletzt worden. Eine Festnahme hatte es aber nicht gegeben.

Blix ging nach links und lief zügig an der Fassade entlang. Normalerweise wimmelte es in der Grensen von Leben. Autos, Straßenbahnen, Menschen auf dem Weg in den nächsten Laden. Jetzt waren die Straßen verwaist und gespenstisch still.

An der Ecke zur Møllergata blieb er stehen und drückte sich mit dem Rücken an die raue Wand. Er wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Der letzte Schuss war vor etwa anderthalb Minuten gefallen. Je mehr Zeit verstrich, desto wahrscheinlicher war es, dass der Täter sich zurückgezogen hatte. Ein Heckenschützenangriff dauerte nie lang. Meistens war er vorbei, bevor jemand ausmachen konnte, woher die Schüsse kamen.

Er rannte los und überquerte geduckt einen Zebrastreifen, um sich zu einem kleineren Ziel zu machen. Auf der anderen Seite der Straße blieb er wieder an eine Hauswand gedrückt stehen. Sein Puls pochte in den Ohren.

Der Schütze kann sich überall verstecken, dachte er. Ebenerdig – zum Beispiel in einem Auto – oder in einem der Gebäude. Vermutlich hatte der Täter aus einem Fenster geschossen, von ziemlich weit oben, für den optimalen Überblick. Um unentdeckt zu entkommen, musste er an seinen Fluchtweg denken, außer er hatte ein Versteck irgendwo in der Nähe, wo niemand ihn fand. Aber das war im Zentrum von Oslo ziemlich unwahrscheinlich.

Blix sah sich um und schnappte nach Luft.

Der Stortorvet sah wie ein Schlachtfeld aus. Überall lagen Körper, auf den Bürgersteigen, hinter panisch umgeworfenen Bänken und Stühlen, zwischen zerrissenen Einkaufstaschen, deren Inhalt auf dem Boden verteilt war.

Mitten in dem Chaos erblickte er Emma.

Sie kniete schützend hinter Martines schmächtigem Körper.

»Oh mein Gott«, sagte Blix leise.

Die beiden waren auf dem offenen Platz ein leichtes Ziel.

Blix trat auf die Fahrbahn und überquerte die Straßenbahnschienen. Er lief vornübergebeugt im Zickzack und rechnete jeden Moment wieder mit Schüssen, einem stechenden Schmerz irgendwo im Körper, Lähmung.

Vor dem Bordstein lag zusammengekrümmt eine Frau und hielt sich die Schulter. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Durch ihre Finger pulste das Blut. Blix kniete sich neben sie.

»Hilfe ist unterwegs«, sagte er. »Drücken Sie fest auf die Wunde.«

Sie nickte tapfer.

Ein paar Meter entfernt lag ein älterer Mann auf dem Rücken, die Augen blickten starr und leer an den Himmel. Sein Hemd war aufgerissen und zeigte mitten in der Brust ein Einschussloch. Etwas hinter ihm saß ein Junge und hielt sich das Bein, sein Blick war abwesend.

»Du musst hier weg! Geh in Deckung!«, rief Blix, aber der Junge rührte sich nicht.

»Help!«

Ein Asiate links von Blix starrte ihn flehend an. »Help me, please!«

Blix versuchte, die Wunde zu lokalisieren, als ein neuer Schuss die Luft zerriss.

Er warf sich zu Boden. Sah nicht, was oder wer von dem Projektil getroffen worden war, hörte aber einen Schrei und die nachfolgende Stille. Eine Frau, dachte Blix und sah sich rasch um. Beim nächsten Schuss kniff er die Augen zu und hielt die Luft an.

»Verdammt!«

Ohne nachzudenken, rannte er zu dem Jungen, der noch immer wie versteinert auf dem Boden saß. Er packte seinen Arm und zog ihn hinter eine Blumenbude. Der Duft der Rosen mischte sich mit dem metallischen Geruch des Blutes, das aus dem Bein des Jungen sickerte.

»Bleib hier!«, kommandierte Blix, die Stimme heiser vor Anstrengung. »Warte, bis Hilfe kommt.«

Sein Blick ging wieder zur Mitte des Platzes.

»Emma!«, schrie er und wedelte mit den Armen. »Ihr müsst da weg!«

Sie drehte den Kopf und sah ihn mit großen Augen an, bewegte sich aber nicht.

Blix rannte über die glatten Pflastersteine. Nach wenigen Sekunden war er bei ihr. Vor Martine lag Irene regungslos in einer großen Blutlache.

»Weg hier!«, sagte er zu Emma. »Wir müssen hier weg!«

»Und was passiert mit Irene?«

Emma sah zu ihm hoch. Tränen rannen über ihre Wangen.

»Wir können jetzt nichts für sie tun«, sagte Blix entschieden. »Es ist zu gefährlich hierzubleiben. Kommt!«

Er zog sie am Arm.

Martine wehrte sich.

Blix spürte beim nächsten Schuss den Luftzug des Projektils dicht über seinem Kopf.

»Dahinten! Los!«, rief er und zeigte auf einen Lieferwagen ganz in der Nähe. »Hinter den weißen Wagen. Rennt!«

Er selbst lief auf einen Baum daneben zu. Drei Menschen dicht beieinander waren ein zu leichtes Ziel für einen Schützen, der vielleicht gerade das Zielfernrohr justierte. Wenige Meter vor dem dicken Stamm knallte es erneut.

8

Blix hechtete hinter den Baum und kauerte sich zusammen. Von seiner Position aus konnte er Emma und Martine nicht sehen und wusste nicht, ob sie getroffen worden waren.

Erneut senkte sich Stille über den Stortorvet.

Es war, als hielte die ganze Stadt in banger Erwartung des nächsten Schusses die Luft an.

Oder war der Schütze jetzt fertig?

Die Pause konnte aber auch nur ein Ablenkungsmanöver sein. Zwischen der ersten und zweiten Schussserie waren bestimmt zwei oder drei Minuten vergangen.

Er nahm sein Handy heraus und wählte die 112, kam aber nicht durch. Nach ein paar Minuten sah er hinter dem Baum hervor. Irene lag noch immer reglos am Boden.

Blix hatte im Laufe seines Lebens als Polizist viel erlebt, nie aber eine Szenerie wie diese, nie einen solchen Tatort.

Entferntes Sirenenheulen schob sich in die gespannte Stille. Blix spürte unmittelbare Erleichterung, fragte sich dann aber, ob die Sanitäter es wagen würden, zu den Opfern zu gehen.

Weitere Schüsse blieben aus.

Blix stand auf und trat hinter dem Baum hervor.

Das Geräusch der Sirenen kam näher.

Es muss vorbei sein, dachte Blix und machte einen weiteren Schritt auf den Platz. Die Sonne brannte auf seinen Nacken. Er war schweißgebadet und merkte erst jetzt, dass er blutete. Er hatte ein Loch im Ärmel, konnte sich aber nicht erinnern, irgendwo angeschlagen oder hängen geblieben zu sein.

Im nächsten Augenblick trat Emma aus dem Schutz des weißen Lieferwagens. Sie war blass, ihr Gesicht verzerrt.

»Wo ist Martine?«, fragte Blix.

»Ich habe sie gebeten, hinter dem Wagen zu bleiben«, sagte Emma. »Für den Fall.«

Sie sahen sich wachsam um und gingen dann gemeinsam zu Irene. Sie war am Oberschenkel getroffen worden, blutete aber auch aus einer Wunde am Kopf.

Die Wunde im Oberschenkel, aus der das Blut rhythmisch pumpte, schien die schwerwiegendere Verletzung zu sein. War die Hauptschlagader getroffen, könnte sie in kurzer Zeit verbluten.

»Hier!«, sagte Blix und zog seinen Gürtel aus den Bundlaschen. »Zieh ihn über der Wunde so fest wie möglich zu.«

Emma kniete sich hin und schob den Gürtel unter Irenes Bein durch. Ihre Hände waren sofort blutverschmiert.

»So fest du kannst!«, wiederholte Blix. »Ich versuche, Hilfe zu holen.«

Emma tat, was er sagte, und kniff die Augen zusammen, um die nachdrängenden Tränen zu stoppen.

Als Blix aufstand, sah er, dass sich inzwischen noch mehr Menschen um die Verletzten kümmerten. Sie knieten bei den Opfern, drückten Kleider auf die Wunden und riefen nach Hilfe – ein chaotischer Versuch, in dem heillosen Durcheinander Leben zu retten.

Der erste Rettungswagen hielt mit heulenden Sirenen. Gleich danach folgte der zweite, begleitet von mehreren Einsatzfahrzeugen der Polizei. Blaulichter tanzten durch die Schatten vor der Domkirche.

Blix rannte hin und schnappte sich einen der rot und neongrün gekleideten Sanitäter.

»Die da drüben hat Priorität«, sagte Blix mit Nachdruck und zeigte zu Irene. »Sie hat viel Blut verloren.«

Gemeinsam mit einem Kollegen rannte der junge Mann mit einer Trage und mehreren Taschen zu ihr. Emma stemmte sich hoch und machte ihnen Platz. Ihre Hose und die Hände waren blutverschmiert.

Blix sah sich um.

Ein Polizist begann, den Platz abzusperren. Aus der Torggata tauchten Menschen auf. Andere wagten sich wieder aus der Domkirche heraus, und über ihnen trauten sich die Menschen wieder an die Fenster. Er sah viele gezückte Handys.

Die Geräusche der Stadt kehrten zurück. Das Kreischen der Möwen und das Gurren der Tauben. Menschliche Stimmen. Alle Zivilisten, die sich noch innerhalb der Absperrung befanden, waren vom Schreck wie gelähmt.

Am Abzweig der Møllergata setzte sich der erste Rettungswagen mit heulenden Sirenen in Bewegung. Die Menschen gingen zur Seite.

Ein Mann mit dunkler Schirmmütze und blauem Rucksack, der auf dem Gehweg vor dem Glasmagasinet vorbeispazierte, weckte Blix’ Aufmerksamkeit. Ein tief verinnerlichter siebter Sinn meldete sich, bevor er selbst verstand, warum. Der Mann bewegte sich asynchron zu seiner Umgebung. Die Schritte waren entschlossen, der Blick gerade nach vorn gerichtet, als ginge ihn das Chaos jenseits der Absperrungen nichts an, als würde er mit aller Macht versuchen, nicht aufzufallen.

Blix setzte sich in Bewegung.

»Wo willst du hin?«, fragte Emma.

»Ich muss nur was überprüfen«, sagte Blix und richtete den Blick auf den Mann. »Ich bin gleich wieder da.«

9

»Können Sie sie retten?«

Emmas Stimme war kraftlos.

»Wir tun, was in unserer Macht steht«, sagte der eine Sanitäter. »Eins, zwei …«

Bei drei hoben sie Irene behutsam auf die Trage. Ihr Kopf kippte schlaff zur Seite. Die blonden Haare waren vom Blut verklebt. Emma musste schlucken. Irene sah aus wie eine Schlenkerpuppe mit geschlossenen Augen und schlaffen Gliedmaßen – ohne jede Spur von Leben.

Emma folgte mit weichen Knien zum Rettungswagen.

Sie hoben Irene in den Wagen, und einer der Sanitäter stieg mit ihr ein. Emma wollte fragen, ob sie mitfahren könne, als ihr bewusst wurde, dass Martine noch immer hinter dem Lieferwagen wartete.

Die Türen schlossen sich mit einem dumpfen Knall.

Emma fasste sich schluchzend an den Kopf und schmierte sich dabei Blut von den Fingern in die Haare. Das Letzte, was sie getan hatte, war, mit ihrer Schwester zu streiten. Und jetzt wusste sie nicht einmal, ob sie jemals wieder mit ihr reden konnte. Ihr wurde übel.

Der Rettungswagen fuhr los, und Emma sah ihm nach, bis er neben der Domkirche verschwunden war.

Sie drehte sich zum Platz um, unfähig, sich in dem Chaos aus Lauten, Menschen und Bewegungen einen Überblick zu verschaffen. Überall sah sie nur Schock und Verzweiflung. Ein Windstoß wirbelte einen Stapel Papiere auf, die auf dem Boden lagen. Sie erkannte das Logo von Amnesty.

Emma sah an sich selbst herunter. Die Hosenbeine waren voller Blut. Ebenso ihre Hände. Auch auf ihrer weißen Bluse waren rote Flecken, was Martine noch mehr Angst machen würde.

Du musst jetzt stark sein, ermahnte Emma sich, als sie sich in Bewegung setzte. Martine zuliebe.

Aber was sollte sie ihr sagen?

Die Wahrheit – dass sie keine Ahnung hatte, ob Irene überleben würde – war für die Zwölfjährige zu brutal.

Emma zwang sich, tief durchzuatmen, um etwas ruhiger zu werden. Dann lief sie los, ging um den weißen Lieferwagen herum – und blieb wie angewurzelt stehen.

Martine war weg.

Emma sah sich schnell um.

»Martine!«, rief sie. »Mart…«

Die Stimme ertrank im Lärm, der sie umgab. Emma schwang herum und suchte die Umgebung ab.

Das Mädchen war nirgends zu sehen.

Ein stechender Schmerz schoss durch ihren Bauch.

Emma versuchte, sich zu erinnern, was Martine getragen hatte. Ein weißes Sommerkleid. Rote Stoffschuhe? Ja, rote Sneakers. Emma ließ den Blick hin und her schweifen.

Überall waren Menschen.

»Martine!«, rief sie noch einmal lauter. Jemand drehte sich zu ihr um, aber Martine war nicht zu sehen.

Emma sah hinter und unter den Fahrzeugen nach, die auf dem Platz standen. Ging in jede Verkaufsbude und suchte unter den Tischen und hinter den Regalen. Vergeblich.

Mein Gott, dachte Emma verzweifelt, wo steckt Martine denn bloß? War sie …

Nein.

Sie war mit niemandem mitgegangen. Nicht in dieser Situation. Bestimmt hat sie sich ein anderes Versteck gesucht, schloss Emma, nur das machte Sinn.

Sie ging von den Verkaufsbuden weg und rief noch ein paarmal nach ihrer Nichte, konnte die Angst in ihrer Stimme aber nicht mehr unterdrücken.

Dann lief sie in Richtung Karl Johans gate.

Wenn Martine weggelaufen war, dann dorthin, so schnell weg vom Tatort wie nur möglich.

Emma sah in alle Toreinfahrten und schaute hinter eine offen stehende Lagertür, aber da war niemand. Sie sah unter einem Wagen mit zerbrochener Heckscheibe nach. Am Boden glitzerten Splitter.

Aber auch dort versteckte Martine sich nicht.

Emma rannte immer kurzatmiger von Gebäude zu Gebäude und rief wieder und wieder Martines Namen.

An der Karl Johans gate blieb sie stehen und sah langsam von links nach rechts. Sie hatte die Straße nie so leer gesehen wie jetzt.

Sie wollte gerade weitergehen, als ihr Blick an einem Mädchen mit roten Schuhen hängen blieb, das vor einem Geschäft an der Wand hockte. Sie hatte die Arme um die Knie geschlungen, starrte zu Boden und bewegte den Oberkörper langsam vor und zurück.

»Oh mein Gott«, platzte es aus Emma heraus, ehe eine Welle der Erleichterung durch sie hindurchspülte. Sie rannte zu ihrer Nichte und ging vor ihr in die Hocke.

»Martine«, flüsterte sie, als wollte sie sie nicht erschrecken. Die Augen des Mädchens richteten sich flackernd auf Emma, ohne sie wiederzuerkennen.

Emma streckte die Hand aus.

»Ich bin’s, Tante Emma. Die Gefahr ist vorbei.«

Mit einem Mal warf Martine sich in Emmas Arme und vergrub ihr Gesicht an ihrer Schulter.

Emma drückte sie an sich.

Der kleine Körper zitterte lautlos.

10

Die Hitze flirrte über dem Asphalt. Ein Geruch nach Teer und Straßenstaub legte sich auf die Nasenschleimhäute.

Blix überquerte vor dem Glasmagasinet die Straße, ging weiter in die Torggata und nahm das Handy heraus. Der Mann mit der Schirmmütze und dem Rucksack war etwa fünfzig Meter vor ihm.

Ein Schweißtropfen landete auf dem Display. Blix wischte ihn an der Brust ab und blieb kurz stehen, um mit Daumen und Zeigefinger näher heranzuzoomen.

Nichts deutete darauf hin, dass der Mann es eilig hatte, obwohl er zügig unterwegs war. Sein Blick schien unablässig auf den Boden gerichtet zu sein, während er weiter Richtung Youngstorget ging. Blix machte ein paar Bilder und ging weiter.

Er fand es erstaunlich, wie nur ein paar Straßen vom Stortorvet entfernt alles ganz normal wirken konnte. Die entspannten Gesichter der Menschen verrieten, dass sie offensichtlich nichts von der Tragödie mitbekommen hatten, die sich ganz in der Nähe abgespielt hatte. Die Geschäfte waren geöffnet. Die Leute kamen mit Einkaufstüten heraus. Blix stieß mit einer Frau zusammen, die entschuldigend von ihrem Handy aufschaute und ihn anlächelte. Die kurze Ablenkung reichte, um den Mann mit der Schirmmütze aus den Augen zu verlieren.

Blix lief am alten Eldorado-Kino vorbei und drängte sich durch den Passantenstrom auf der Straße. Am Eingang vom Strøget, der Passage zwischen der Torggata und Storgata, blieb er stehen, falls der Mann diesen Weg genommen hatte, er sah aber nur eine Frau mit Niqab, die einen Kinderwagen schob.

Blix ging zurück in die Torggata, dankbar für ein bisschen Schatten. Dann lief er weiter zum Youngstorget.

Neben dem Springbrunnen sah er ihn plötzlich wieder, der Mann nahm Kurs auf die Schranke am anderen Ende des Platzes.

Die Sonne brannte auf seiner Kopfhaut, und der Stoff seiner Hose fühlte sich wie ein feuchtes Handtuch an. Eine beginnende Übelkeit machte sich bemerkbar.

Am Eingang zum Youngstorget kam er an einem Stand vorbei, der Erdbeeren verkaufte. Vor ihm kreuzte der Mann die Youngs gate und verschwand geradeaus zwischen zwei hohen Gebäuden. Die rechte Gehwegseite war für Straßenarbeiten abgesperrt, weshalb der Mann dicht an der Hauswand auf der linken Straßenseite lief. Der Abstand zwischen ihnen war geschrumpft.

Wenn das der Schütze ist, überlegte Blix, hat er vermutlich in der Nähe ein Auto geparkt. Oder er wohnt in der Gegend.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und griff wieder zum Handy. Emma hatte angerufen. Und Tomine hatte ebenfalls ein paar Nachrichten geschickt.