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Atmosphärisch, düster, spannend - der neue Thriller von Lars Olsen. Ein schweres Unwetter schneidet Helgoland von der Außenwelt ab. Gleichzeitig flieht ein psychisch kranker Mörder aus einer forensischen Klinik in Hamburg und macht sich auf den Weg zur abgelegenen Hochseeinsel. Wenig später spült die Nordsee eine Leiche an den Strand. Eine Gruppe panischer Touristen verschanzt sich in der Jugendherberge im Norden der Insel – ohne Aussicht auf Hilfe vom Festland. Der Hamburger Kriminalkommissar Ole Voss wird zu ihrer einzigen Hoffnung. Eigentlich sucht Voss auf Helgoland nur Ruhe, doch als eine weitere Leiche auftaucht, ist es damit endgültig vorbei. Voss ahnt, dass mehr hinter den Todesfällen steckt als ein brutaler Serientäter. Er wagt sich hinaus in den Sturm. Und er stößt auf ein wohlgehütetes Geheimnis aus der Vergangenheit. Doch die Zeit drängt, denn jemand will mit aller Macht verhindern, dass er die Wahrheit aufdeckt. Welches düstere Geheimnis birgt Helgoland – und wie viele Opfer wird es noch fordern?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Der Wind peitschte über die karge Landschaft von Helgoland, trug den salzigen Geruch des Meeres in jede Ritze und Spalte der felsigen Insel. Der Sturm, der sich seit Tagen angekündigt hatte, war in voller Stärke ausgebrochen. Dunkle Wolken jagten über den Himmel, und der Regen fiel in dichten Schleiern, die die Sicht nahezu unmöglich machten.
Der Mann kämpfte sich durch das tobende Unwetter, sein Gesicht gegen den Wind abgeschirmt, seine Bewegungen entschlossen und zielgerichtet. Mit einer alten schweren Schaufel über der Schulter und einer Handkarre, die er hinter sich herzog, stapfte er durch den Schlamm, seine Stiefel und die Räder versanken bei jedem Schritt tief in dem aufgeweichten Boden. In dieser Sturmnacht konnte er sicher sein, dass niemand ihn beobachtete.
Er erreichte die Stelle, die er sich ausgesucht hatte – ein abgelegener Fleck, fernab der wenigen Häuser und Wege. Hier im Herzen der Insel war der Boden besonders fest. Er stieß die Schaufel in die Erde und begann zu graben. Jeder Stoß gegen den Widerstand des Bodens ließ ihn die Kälte und Nässe umso intensiver spüren, doch er ließ nicht nach.
Sein Atem ging schwer, als er sich Meter um Meter in die Tiefe arbeitete. Der Regen mischte sich mit seinem Schweiß und bildete kleine Bäche, die in das sich langsam formende Loch flossen. Die Muskeln in seinen Armen brannten vor Anstrengung, aber er wusste, dass er nicht aufgeben durfte. Zu viel stand auf dem Spiel.
Was auch immer er vergrub, es musste sicher vor den Augen der Welt verborgen bleiben. Nur er kannte das Geheimnis, das er in dieser Nacht dem Boden anvertrauen würde. Er warf einen letzten prüfenden Blick um sich, als er tief genug gegraben hatte. Kein Mensch war in Sicht, nur das Heulen des Windes und das Tosen der Wellen begleiteten seine Arbeit.
Behutsam hob er seine Fracht von der kleinen Ladefläche des Handkarrens und warf sie dann ungleich argloser in die Grube. Er nahm sich einen Moment, um tief durchzuatmen und sich zu vergewissern, dass alles sicher und gut versteckt war. Dann begann er, das Loch wieder zuzuschaufeln, Schaufel für Schaufel, bis die Insel das Geheimnis verschluckte. Er trat die Erde fest, damit kein zufälliger Wanderer auf die Idee kommen würde, hier nach etwas zu suchen.
Als er schließlich fertig war, lehnte er sich erschöpft auf die Schaufel und blickte aufs Meer hinaus. Der Sturm würde die Spuren seiner Arbeit verwischen, die Natur selbst würde ihm helfen, sein Geheimnis zu bewahren. Zufrieden drehte er sich um und machte sich auf den Rückweg.
Hamburg
Es gab Tage, an denen Ole das Geräusch seines Weckers kurz vor dem Aufstehen halb schlafend in seine Träume einbaute. Heute war so ein Tag. Vor einer Minute wurde er noch von seiner Ex-Freundin verfolgt, die versuchte, ihn mit einem Netz einzufangen. Jetzt torkelte er in Richtung Badezimmer, wobei ihn wieder dieser Schwindel überkam, der ihm seit einigen Wochen zu schaffen machte. Ole hielt sich für einen Moment am Rahmen der Badezimmertür fest, atmete tief durch und machte sich bereit, schnell auf dem Boden Platz zu nehmen, falls er ohnmächtig werden sollte. Es wäre ratsam, kürzerzutreten, dachte er. Die langen Schichten und die viele Arbeit bei der Kripo Hamburg nahmen in der letzten Zeit überhand. Plötzlich wurde ihm übel. Er warf den Toilettendeckel nach oben und erbrach in die Schüssel, bis nichts mehr aus seinem Magen herauskam. Vielleicht hatte er sich einen Virus eingefangen? Das erklärte möglicherweise auch seine in letzter Zeit eingeschränkte Sehkraft, die heute zusätzlich von einem grauen Schleier getrübt war. Nach einer kalten Dusche war der Schwindel wie weggespült und auch seine Augen schienen wieder normal zu sein. Zum Glück, denn für einen Arztbesuch hatte er heute keine Zeit, es wartete zu viel Papierkram auf ihn. Wenn er ehrlich zu sich war, hatte er in den ganzen letzten Jahren nie Zeit für einen Check-up gefunden.
Die Sommersonne brannte um 8 Uhr morgens bereits so stark, dass sich auf Oles Hemd schon auf dem kurzen Weg zur Hochbahn-Haltestelle die ersten Schweißflecken abzeichneten. Allerdings war es nicht nur die Hitze, die ihn zum Schwitzen brachte, auch Oles Kreislauf kam heute nicht richtig in Fahrt. In der U2 stand die Luft förmlich, und als er nach zwanzig Minuten das Präsidium erreichte, war er froh, wieder an der frischen Luft zu sein. Im Büro würde er als Erstes eines seiner beiden Reserve-Hemden anziehen, die immer dort in seinem Schrank hingen.
Mit einem Ping öffnete sich die Doppeltür des Lifts im vierten Stockwerk. Als er ausstieg, lief Ole einer Kollegin in die Arme.
„Sorry, Ole“, entschuldigte sich Paula und huschte an ihm vorbei.
„Macht nichts“, rief er ihr hinterher, doch sie war schon hinter der nächsten Ecke verschwunden und konnte ihn nicht mehr hören.
Als erste Handlung für den heutigen Tag, der hoffentlich entspannter werden würde als die vorhergehenden, wechselte Ole sein Hemd. Er stand gerade mit nacktem Oberkörper vor seinem Schrank, als sein Partner Alex hereinkam.
„Hey, sexy! Ich glaube, ich habe dich noch nie früher an einem Tag dein Hemd wechseln sehen.“
Ole arbeitete noch nicht so lange mit Alex zusammen, doch er mochte ihn sehr, denn er war fähig und immer gut gelaunt. Er sorgte dafür, dass sein Alltag etwas erträglicher wurde, und schützte ihn an manchem Tag davor, angesichts der scheinbar immer krasser werdenden Gewaltverbrechen vollends in Zynismus und Verbitterung zu versinken. Doch jedes Mal, wenn Alex etwas tiefer in Oles Privatleben einzudringen versuchte, würgte er das Thema ab, denn so nah wollte er ihn dann doch nicht an sich heranlassen. Alex hatte das längst verstanden und akzeptiert.
„Wie auch immer, wir haben einen Tatort, drei Leichen. Der Chef hat uns gebeten, den Fall zu übernehmen. Wenn du mit deiner Strip-Show fertig bist, können wir los.“
Ole war nicht begeistert, der sprichwörtliche Aktenstapel auf seinem Schreibtisch wuchs langsam bedrohlich in Richtung Decke, und er wollte nicht noch mehr Überstunden anhäufen, um den Papierkram endlich abzuarbeiten. „Wo geht’s hin?“, fragte er widerwillig.
„Winterhude.“
Während Alex den dunkelblauen Passat mit aufgesetztem Blaulicht durch die Straßen Hamburgs in nördliche Richtung lenkte, überlegte Ole, wie oft er in den vergangenen drei Jahren zu einem Einsatz in Winterhude geschickt worden war. Tatsächlich war es nicht so oft, denn der Stadtteil war wohlhabend und Kriminalfälle eher selten.
Als Alex in die Dorotheenstraße bog, sahen Ole und er schon von Weitem den Tatort. Zwei Streifen- und ein Rettungswagen standen mit blinkendem Blaulicht mitten auf der Straße. Davor hatte sich ein Pulk Dutzende Schaulustige versammelt, die von rot-weißem Flatterband und ein paar uniformierten Polizisten zurückgehalten wurden. Einige der Neugierigen riefen unverständliche Sätze, die Ole dumpf aus dem Wagen hörte.
„Verdammte Elendstouristen“, nuschelte Alex und stellte den Wagen neben einem der Streifenfahrzeuge ab. Für die Winterhuder, die Verbrechen nicht gewohnt waren, bedeutete das seltene Ereignis also ein Art Volksfest.
Es war inzwischen unerträglich heiß geworden. Als Ole aus dem klimatisierten Dienstwagen stieg, traf ihn die stickige Hitze wie ein Hammer vor den Kopf, und er musste sich am Dach des Passat festhalten, um nicht umzufallen.
„Ist alles in Ordnung? Du bist so bleich“, erkundigte sich Alex.
Ole wurde für einen Moment schwarz vor Augen, dann sah er kleine Sterne und kniff die Augen zusammen. „Es geht schon“, sagte er, „das Wetter schlägt mir auf den Kreislauf.“
Als Ole sich gefangen hatte, bahnten er und Alex sich einen Weg durch den Menschenpulk, nicht ohne dabei von einzelnen Zuschauern angepöbelt zu werden. Einer der uniformierten Kollegen hob das Flatterband an und ließ sie passieren. „Der Vater ist durchgedreht, hat seine Familie und sich erschossen“, sagte er mit Gleichgültigkeit in der Stimme. Der Job als Polizist hatte ihn offensichtlich abgestumpft, doch Ole brachte dem sogar teilweise Verständnis entgegen. Seit er seine Karriere begonnen hatte, begleitete ihn die Angst davor, eines Tages genauso abgebrüht zu enden. Heute hatte er jedoch andere Sorgen, sein Kreislauf meldete sich schon wieder. Diesmal verschwamm alles, was er sah, hörte und fühlte, zu einem einzigen Wahrnehmungsbrei. Der Menschenpulk und die Rufe daraus schallten an ihm vorbei, das Blaulicht blendete, der Streifenpolizist verkam zu einer Fratze und die Hitze auf seiner Haut schien ihn zu verbrühen. Schweißgebadet taumelte Ole und kippte nur deswegen nicht um, weil der geistesgegenwärtige Alex ihm zur Seite sprang und ihn abstützte. „Hey, hiergeblieben! Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“
Diesmal benötigte Ole etwas mehr Zeit, bis er sich gefangen hatte; nach ein paar Minuten waren seine Beschwerden unerklärlicherweise wie weggeblasen. Er versicherte seinem skeptisch dreinblickenden Partner, dass er sich keine Sorgen machen müsse.
„Na gut, wagen wir uns mal hinein.“ Alex war zwar immer noch verunsichert, vertraute Ole aber.
Das Haus an der Dorotheenstraße war bestimmt 80 Jahre alt und von ein paar mächtigen Platanen umgeben. Eine dünne Moosschicht bewuchs die Steine an den Wänden, von denen an vielen Stellen die Farbe absplitterte. Die Gitter vor den Fenstern verliehen dem Gebäude das Aussehen einer Haftanstalt. Ole und Alex betraten den Flur. Nur zu gut kannten sie den Geruch, der unmittelbar in ihre Nasen drang. Es roch nach Blut, nach Eisen, und je weiter sie ins Haus gingen, desto intensiver wurde es.
„Wir sind hier!“, ertönte eine Stimme aus dem Wohnzimmer. Ein Mann im weißen Schutzanzug, ein Kollege von der Spurensicherung, hatte Ole und Alex im Flur gehört und trat heraus, um den beiden den Weg zu weisen. Im Wohnzimmer erwartete sie ein fürchterlicher Anblick. Eine riesige Blutlache hatte sich fast über den gesamten Holzfußboden ausgebreitet und tränkte einen Teppich im hinteren Teil des Raums. Es war das Blut von drei Menschen, das Blut einer kleinen Familie, die in der Mitte des Raums lag: Vater, Mutter und die vielleicht fünfjährige Tochter. Ole bewegte sich vorsichtig durch den Raum und trat auf Zehenspitzen nur auf die Stellen des Bodens, an die das Blut nicht gelangt war. Sie waren wie kleine Inseln im Raum verteilt, über die sein Partner ihm folgte. Ole musste hart arbeiten, um die aufkommende Übelkeit zu unterdrücken, als er nah genug bei den reglosen Körpern stand. Gerade hatten sie noch so friedlich ausgesehen, jetzt vermittelten sie den Eindruck puren Entsetzens. Die beiden Mitarbeiter der Spurensicherung spekulierten gerade laut darüber, ob der Vater wohl hatte nachladen müssen, während Ole sich sein eigenes Urteil bildete.
Die Frau lag mit von sich gestreckten Beinen auf dem Boden, ihre kleine Tochter hielt sie fest an sich auf den Bauch gedrückt. Im Rücken des Mädchens klaffte ein Einschussloch, das etwa den Durchmesser von zwei Zentimetern maß – die Austrittswunde war vermutlich noch einmal ein ganzes Stück größer. Neben den beiden lag der Mann, augenscheinlich der Vater des Mädchens. Auf seinem Bauch lag eine doppelläufige Schrotflinte, das Loch in seinem Kopf war so groß, dass man hindurchschauen konnte.
Ole tat es in der Seele weh, sich vorzustellen, was hier passiert war. Der Mann hatte seine Frau und seine Tochter vermutlich gezwungen, sich auf den Boden zu legen. Das kleine Mädchen hatte Angst und sich fest an seine Mutter geklammert. Wahrscheinlich hat sie geweint und schluchzend ihre Mutter gefragt, was Papa da macht. Der Mann hat dann den Lauf der Schrotflinte fest auf den Rücken des Mädchens gepresst und abgedrückt. Hoffentlich war sie sofort tot gewesen und musste nicht leiden. Die Schrotladung muss durch den zarten Körper des Mädchens gegangen sein wie durch Watte und war dann noch in den Körper der Mutter eingedrungen. Eine Patrone hatte beide getötet, spekulierte Ole. Dann hatte sich der Vater zu seiner toten Familie gesellt. So, als würde er sich abends zu ihnen ins Bett legen. Wer weiß, was in seinem Kopf zu diesem Zeitpunkt vorging. Dann hatte er sich die Mündung in den Mund gesteckt und abgedrückt, woraufhin die Flinte durch den Rückstoß ein Stück nach hinten katapultiert wurde und auf dem Bauch des Mannes liegen blieb. Für Ole war klar: Der Vater hatte nicht nachladen müssen, sondern seine ganze Familie mit zwei Ladungen hingerichtet. Obwohl Ole schon einiges gesehen hatte, nahm ihn der Anblick sehr mit. Sobald Kinder zu Schaden kamen, diese unschuldigen, zerbrechlichen Wesen, hatte er Schwierigkeiten, die nötige Distanz zu seiner Arbeit zu wahren. Auch Alex kam nicht besonders gut mit der Situation klar, für seine Verhältnisse sagte er recht wenig.
„Wir werden das Mädchen jetzt vorsichtig umdrehen, bitte machen Sie Platz“, kündigte einer der Männer von der Spurensicherung an.
Alex und Ole traten ein paar Schritte zurück und suchten sich jeweils eine Insel, die das Blut umflossen hatte, auf der sie stehen konnten, ohne ihre Schuhe zu versauen. Obwohl ihm vor dem Anblick graute, der sich gleich eröffnen würde, schaffte Ole es nicht, seinen Blick von der toten Familie abzuwenden. Die Hand im Latexhandschuh auf der Schulter des Mädchens wirkte deplatziert. Behutsam drehte der Mann von der Spurensicherung den zarten Körper um. Ole sollte recht behalten, die Austrittswunde in ihrem Brustbereich war ungefähr viermal so groß wie das Einschussloch am Rücken. Jetzt konnte Ole auch die Verletzung der Mutter sehen. Die Schrotladung hatte auf dem Weg durch den Körper des Mädchens gestreut, sodass sich auf der Brust der Frau kein einzelnes Einschussloch befand, sondern die Haut an mehreren kleineren Stellen perforiert worden war, wenn man die Löcher in ihrer blutdurchtränkten Bluse richtig deutete. Am Rücken der Mutter befanden sich keine Austrittslöcher, die Schrotkugeln steckten noch immer in ihrem Körper.
Ole schaute sich den Tatort noch einmal in Ruhe an. Wut kam in ihm auf. Wut auf den Vater, der seine Familie ausgelöscht hatte, vor allem jedoch das Leben seiner kleinen Tochter. Er selbst hatte keine Familie, doch er wusste, wie es sich anfühlte, einen geliebten Menschen zu verlieren. Wieso bloß hatte niemand diese schreckliche Tat verhindert? Hatte es keine Warnzeichen im Vorfeld gegeben? Hatten die Nachbarn nichts bemerkt?
„Wer hat eigentlich die Polizei verständigt?“, fragte Ole.
Es waren wohl Passanten, die im Haus eine laute Auseinandersetzung gehört hatten, berichtete Alex. Die Antwort nahm Ole nicht mehr wahr. Er verlor in diesem Moment das Bewusstsein und war auf dem Weg zum Fußboden. Diesmal war sein Partner nicht schnell genug, ihn aufzufangen, sodass Ole hart aufkam und mitten in der großen Blutlache liegen blieb.
Zwei Wochen später
Ole saß zusammengesunken auf dem Stuhl in der Praxis von Doktor Rust und starrte an die Wand gegenüber. Es war schon einige Monate her, dass er das letzte Mal die Hilfe des Psychiaters in Anspruch genommen hatte, doch die Einrichtung in dem Raum hatte sich kaum verändert.
Doktor Rust schaute Ole erwartungsvoll an und wartete darauf, dass sein Patient sich öffnen möge, doch minutenlang gelang es Ole nicht, das, was er fühlte, in Worte zu fassen.
„Was führt Sie denn zu mir?“, durchbrach Rust schließlich das Schweigen und schien dankbar dafür zu sein, nicht den ersten Schritt machen zu müssen, denn es fiel ihm sichtlich schwer, sein Innerstes preiszugeben.
„Eigentlich hatte ich gehofft, Sie nicht so schnell wiederzusehen“, sagte der Psychiater und versuchte damit, einen Scherz anzubringen, um das Eis zu brechen.
„Das hatte ich auch gehofft“, antwortete Ole, „aber manchmal ist das nun mal so im Leben. Was soll ich tun?“
„Erzählen Sie mal“, sagte Doktor Rust.
„Ja, ich weiß aber nicht wirklich, wo ich anfangen soll.“
„Einfach mittendrin. Der Rest kommt von selbst.“
Ole seufzte, „Als ich das letzte Mal hier war, sagten Sie mir, ich solle mein Leben ändern, vielleicht eine Beziehung anfangen, und genau das habe ich getan. Ich habe eine wunderbare Frau kennengelernt, sie heißt Frieda, und ich war sogar bereit, einen Tapetenwechsel durchzuführen und aufs Land zu ziehen.“
„Ja, ich erinnere mich“, kommentierte Rust. „Und jetzt sind Sie noch hier in Hamburg.“
„Es hat leider alles nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich wollte in der Beziehung mit Frieda bleiben. Wir sind zusammengezogen und haben es miteinander versucht, aber irgendwie bin ich nach kurzer Zeit wieder zurück in meine alten Muster verfallen. Ich hatte Frieda gesagt, dass ich unbedingt aus der Stadt raus möchte, in einen kleineren Ort, aber das hat sie nicht mitgemacht. Und als meine Gesundheit immer mehr unter dieser Situation zu leiden begann, habe ich die Reißleine gezogen und mich getrennt. Vor etwa zwei Wochen bin ich an einem Tatort zusammengebrochen. Ich konnte einfach nicht mehr. Im Krankenhaus haben die Ärzte alle physischen Ursachen für den Zusammenbruch ausschließen können. Und glauben Sie mir, man hat jede erdenkliche Untersuchung mit mir gemacht, schließlich bin ich Privatpatient. Und jetzt sitze ich wieder bei Ihnen“, sagte Ole erschöpft und er wirkte so, als hätte er aufgegeben.
Doktor Rust überflog die Notizen, die er sich während der länger zurückliegenden Behandlungen über Oles Zustand gemacht hatte, während sein Patient ihm tiefere Einblicke in sein Seelenleben gab. Je länger der Psychiater ihm zuhörte, desto mehr verfestigte sich bei Rust die Erkenntnis, dass Ole in seinem Innersten noch immer nicht das gefunden hatte, was er schon so lange suchte. Das war es, was all die körperlichen Symptome wie den Schwindel oder die Sehstörungen verursachte, sie waren psychosomatisch.
Auf der einen Seite fand Ole das beruhigend. Auf der anderen stellte es ihn vor neue Fragen. „Und was soll ich jetzt ihrer Meinung nach tun? Haben Sie ein Medikament, was Sie mir verschreiben können?“, fragte er.
„Natürlich. Und ich empfehle Ihnen wie beim letzten Mal, als wir uns gesehen haben, eine Kombination aus Medikation und Psychotherapie. Und wie beim letzten Mal sage ich Ihnen, dass etwas in Ihrem Leben zu fehlen scheint. Vielleicht ein Ziel, auf das Sie hinarbeiten können. Das teilen Ihr Körper und Ihre Psyche Ihnen gerade mit. Und das mit aller Macht, ansonsten wären Sie nicht zusammengebrochen. Gehen Sie doch mal in sich, ein bisschen Ruhe wird Ihnen dabei helfen. Weit ab der Großstadt. Fern von dem, was Sie ablenken kann. Ich vergleiche das immer mit dem Sternenhimmel in der Nacht. Wenn Sie in der Stadt sind, gibt es zu viel Lichtverschmutzung, zu viel, was Sie davon abhält, die Sterne richtig sehen zu können. Wenn Sie aber weit aufs Land hinausfahren oder im Gebirge sind, dann sehen Sie viel, viel mehr Sterne. Vermutlich sogar welche, von denen Sie noch nicht einmal wussten, dass es sie gibt.“ Doktor Rust schaute Ole eindringlich an. „Fahren Sie raus! Finden Sie den Stern, der Sie führt. Ich werde Sie derweil für vier weitere Wochen aus dem Verkehr ziehen.“
Malte Bornsen hockte auf dem Bett in seinem dunklen Zimmer in der Forensischen Klinik Langenhorn und versuchte, sich abzulenken. In den vergangenen Wochen hatte er wieder mit Gedankenrasen zu kämpfen gehabt. Und wenn in seinem Kopf gerade einmal nicht die unproduktive Gedankenspirale lief, gab es Gewitter, wie er es nannte. Ein unbeschreibliches Druckgefühl wanderte dann in seinem Schädel willkürlich hin und her. Wie ein springender Flummi in einem Raum, nur viel langsamer und herumwabernd wie das weiche Wachs in einer Lavalampe. Der enttäuschte Malte hatte eigentlich gedacht, dass er diese Probleme nach der Anwendung der Techniken, die ihm während seiner Therapien beigebracht worden waren, im Griff hatte. Doch er wurde eines Besseren belehrt.
Hier drin ging ein Tag in den anderen über, zeitliche und räumliche Grenzen verschwammen ineinander, was durch die Beruhigungsmittel, die er jeden Tag nahm, noch verschlimmert wurde. Es war fast ein bisschen so, als existiere er nicht. So, als hätte er sich in ein nicht greifbares Etwas verwandelt. Er verglich sich mit einer Qualmwolke, die man versuchte einzufangen. Nichts, was er tat, war folglich von Bedeutung. Wofür lebte er eigentlich noch? Er kam sich vor wie Dreck, und auch die meisten Pfleger behandelten ihn so. Manchmal wurde er sogar geschlagen. Dieser Thorben war der Schlimmste von allen. Oder bildete er sich all das nur ein?
Maltes Gedanken rasten schneller und schneller, er musste sich irgendwie ablenken und stieß seinen Hinterkopf immer wieder gegen die harte Betonwand hinter sich. So lange, bis er endlich nur noch den Schmerz spürte und etwas hatte, worauf er sich konzentrieren konnte.
Plötzlich hörte Malte das Schloss seiner Zimmertür klappern. War es schon Zeit zum Aufstehen? Hatte er wirklich die ganze Nacht in seinem Gedankenkarussell verbracht? Er war doch gerade erst von Thorben ins Zimmer gebracht worden, oder täuschte er sich? Die Tür öffnete sich und das Licht, das aus dem Flur hereinfiel, blendete ihn. Im Türrahmen stand eine Gestalt. Sie sah aus wie ein Engel, der Engel des Todes? War es an der Zeit für ihn, mit dem Wesen zu gehen und dieses Leben endlich hinter sich zu lassen?
Es war nur der Pfleger, der im Rahmen des abendlichen Kontrollgangs nach dem Abendessen noch einmal vorbeischaute, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung war und sich nicht jemand das Leben genommen hatte.
„Ist alles gut?“, fragte ein Mann.
Malte erkannte die Stimme von Jens, dem zweiten Pfleger auf der Station.
„Ja“, antwortete Malte.
„Gute Nacht.“ Jens zog die Tür zu und schloss ab. In seinem Zimmer war es wieder dunkel und Malte mit seinen Gedanken allein. Bis auf einmal ein Lichtstrahl auf dem Fußboden zu erkennen war, der langsam breiter wurde. Malte lugte um die Ecke und sah, dass Jens die Tür nicht richtig geschlossen hatte. Er hatte sie versehentlich nicht vollständig zugezogen, als er abschloss. Das war schon einmal passiert. Vor einigen Monaten. Da wurde der Fehler jedoch schnell bemerkt. Jetzt schien es niemandem aufgefallen zu sein. Und das Pflegepersonal war mit Sicherheit so unterbesetzt, dass Jens schon längst anderes im Sinn hatte.
Ein innerer Zwiespalt entfaltete sich in Malte. Soll ich es wagen und abhauen? Na klar. Nein, bleib hier, wer weiß, was dich draußen erwartet. Quatsch, was hast du schon zu verlieren!? Außerdem hast du noch eine Rechnung offen!
Die Stimme, die Malte dazu drängte, vom Bett aufzustehen, gewann.
Heute Abend ging es also los. Er versuchte, sich zusammenzureißen, und zog rasch ein paar Sachen über, die er aus dem Kleiderschrank rupfte. Als er den Flur betrat, brauchte er wieder einen Moment, sich an das helle Licht zu gewöhnen. Durch die zusammengekniffenen Augen sah er die Stationstür, die nicht weit entfernt war. Die Freiheit war buchstäblich zum Greifen nach.
Er schaute sich um, auf dem Flur war niemand zu sehen. Von der anderen Seite hörte er den Fernseher und schlich über den Flur in Richtung Gemeinschaftsraum. Um die Ecke lugend sah er Jens und Thorben von hinten, wie sie auf den Bildschirm starrten. Ihr habt ja wirklich einen stressigen Dienst, dachte er.
Seine Hand begann zu zittern. Eine Vorstellung überkam ihn. Wie befriedigend es doch wäre, wenn er Thorben, diesem Arschloch, von hinten eine Schlinge um den Hals legen könnte. Langsam und kräftig würde er sie immer fester zuziehen und dabei beobachten, wie Thorbens Füße zuckten und seine Hände vergeblich versuchen würden, die Schlinge zu lösen. Dann würde er nur fester ziehen, Thorbens Kopf würde langsam blau werden und nach ein paar letzten, verzweifelten Tritten mit dem Fuß auf dem rutschigen Boden würde sein Körper schließlich schlaff in den Sessel zurückfallen und regungslos liegen bleiben. Verdient hätte er es allemal, und jetzt hatte er endlich die Gelegenheit dazu, es ihm heimzuzahlen.
In Maltes Geist trug sich ein Kampf zu, sollte er seine Vorstellung in die Wirklichkeit umsetzen? Etwas Unerklärliches trieb ihn dazu, ein Drang, den er in der Therapie gelernt hatte zu unterdrücken. Doch er war wieder kurz davor, die Oberhand zu gewinnen.
Plötzlich erhob Jens sich von seinem Sessel und holte Malte schlagartig zurück in die Wirklichkeit. Er wich zurück und hielt sich hinter der Wand versteckt. Zum Glück setzte sich Jens wieder hin. Gerade war Malte dabei, sich umzudrehen und zur Stationstür zu gehen, als ihn das Gefühl überkam, ein Blitz würde durch seinen Kopf zucken. Malte steuerte schnurstracks eine Pinnwand im Flur an und riss den Plastikkugelschreiber ab, der neben ihr an einer dünnen Kordel hing.
Zielgerichtet marschierte er festen Schrittes auf den Sessel zu, in dem der nichts ahnende Thorben gerade in seine Serie vertieft saß. Malte hielt den Kugelschreiber fest in der Faust umschlossen, sodass das spitze Ende unten herausragte. Als er direkt hinter Thorben stand, holte Malte aus und rammte ihm den Kugelschreiber, so fest er konnte, in den Hals. Er musste die Schlagader getroffen haben, denn als er seine Waffe umgehend wieder herauszog, pulsierte das Blut im Schwall aus dem Loch. Der völlig überraschte Thorben stieß einen gurgelnden Schrei aus und fasste sich mit weit aufgerissenen Augen reflexartig an den Hals, um die Wunde zuzudrücken. Vergeblich. Malte stach noch einmal zu. Und noch einmal und noch einmal. Laut schreiend fiel Thorben aus dem Sessel und wand sich mit schmerzverzerrtem Gesicht vor Maltes Zufriedenheit ausstrahlendem Angesicht auf dem Boden. Jens war mit seinem Sessel ein paar Meter zurückgewichen und in Schockstarre verfallen. War er als Nächstes an der Reihe? Erleichtert sah er, wie Malte den Kugelschreiber fallen ließ. Der riss das Schlüsselbund von der Hose und verschwand um die Ecke. Nach einigen Augenblicken kniete Jens sich neben seinen Kollegen.
„Thorben, Thorben!“, rief er immer wieder, bis ihm schließlich viel zu spät der Gedanke kam, einen Krankenwagen zu rufen.
Ohne Zeit zu verlieren, rannte Malte zur Stationstür, stieß sie auf, rannte die Treppe hinunter und eilte durch das unbesetzte Foyer nach draußen. Die erste Etappe war geschafft. Malte blieb einen Augenblick stehen und sog die herrliche sommerliche Nachtluft tief in seine Lungen. Der Duft löste Erinnerungen an bessere Zeiten in ihm aus, die die dunklen Gewitterwolken in seinem Kopf vertrieben. Leider konnte er das Gefühl der Freiheit nicht lange genießen, denn er musste weg von hier, bevor die Suche nach ihm begann. Er rannte immer weiter Richtung Norden. Ein großer Park lag nur ein paar Kilometer weit entfernt, dort würde er erst mal Schutz finden, um ein wenig zu verschnaufen. Wie es dann weiterging, würde er sich schon noch überlegen. Aufgrund der Spontaneität seiner Flucht hatte er noch keine Zeit gehabt, weiter in die Zukunft zu planen. Jedoch erachtete er es erst mal als vernünftig, die nicht so weit entfernt liegende Stadtgrenze zu überqueren und Hamburg schnellstmöglich zu verlassen. Und das hatte er schon mal geschafft, denn in diesem Moment befand der sich auf schleswig-holsteinischem Boden, was ihm am Ende jedoch auch nur wenig nutzen würde.
Nach zwanzig Minuten im Laufschritt erreichte Malte den Park und setzte sich für eine Verschnaufpause in das Gras. Er hatte bereits eine gute Strecke zurückgelegt. Was ihn beunruhigte, waren viele Martinshörner, die er in der Ferne hörte. und die Blaulichter, die selbst von hier aus erkennbar in den Himmel strahlten. Plötzlich überkam ihn der Gedanke, dass die Polizei auch mit einem Hubschrauber nach ihm suchen könnte. Malte robbte zu einem Gebüsch ein paar Meter neben sich und kroch darunter. Er stellte sicher, dass das Geäst ihn gut bedeckte. Selbst wenn er jetzt hier einschlafen sollte, würden sie ihn nicht finden. Auch wenn er das eigentlich vermeiden wollte. Wenn er klug war, würde er versuchen, im Schutze der Dunkelheit noch so weit zu kommen wie möglich. Doch ein paar Minuten Ruhe wollte er sich noch gönnen, bevor es weiterging.
Der Notarzt erreichte die Forensische Klinik Langenhorn ungefähr zehn Minuten nach Jens’ Anruf und konnte Thorben nicht mehr helfen. Außer der Ambulanz waren inzwischen auch zwei Kriminalbeamte und Klinikleiter Professor Bonhoff eingetroffen.
„Wie ist das passiert?“, fragte der Professor sichtlich ungehalten, aber auch betroffen.
„Ich … ich weiß es nicht, auf einmal preschte Bornsen um die Ecke und stach zu, danach haute er ab“, stotterte Jens und errötete.
„Ein Patient entkommt nicht einfach so aus seinem Zimmer, bringt jemanden um und verschwindet dann auch noch von einer geschlossenen Station“, sagte Bonhoff. „Außer Sie haben vergessen, die Türen abzuschließen.“
„Auf keinen Fall“, sagte Jens.
„Wie lange ist der Patient, dieser Herr Bornsen, denn schon weg?“, fragte einer der beiden Beamten.
„Zwanzig Minuten“, antwortete Jens.
Der Polizist notierte sich den Zeitraum. „Wie gefährlich ist dieser Herr Bornsen?“ Er richtete die Frage an Professor Bonhoff.
„Nun ja, er ist ein verurteilter Mörder. Bisher war er gut eingestellt und wir hatten ihn dank seiner Medikamente unter Kontrolle. Sobald er sie nicht mehr einnimmt, wird sich das innerhalb von Tagen ändern. Aber Sie haben ja gesehen, wozu er in der Lage ist, selbst wenn er seine Medikamente nimmt.“
„Dann dürfen wir keine Zeit verlieren, wir leiten sofort die Fahndung ein.“
Seit langer Zeit hatte Ole mal wieder richtig gut geschlafen. Er vermutete, dass es daran lag, dass er die Entscheidung getroffen hatte, sich eine kleine Auszeit zu nehmen. Und zwar, wie es Doktor Rust ihm empfohlen hatte, an einem einsamen Ort, der es ihm erlaubte, zur Ruhe zu kommen: Helgoland, eine Insel mitten im Meer. Das war genau das Richtige für ihn. Und selbst wenn das Eiland jetzt in der Sommerzeit wohl stärker besucht sein würde als sonst, befand es sich immer noch weit genug weg, um seinen Kopf frei von jeglicher Ablenkung zu bekommen.
Wie würde sein Chef Henning Weiler wohl darauf reagieren? Es war der offiziell erste Tag nach Oles Krankheit, und jetzt würde er Weiler schon wieder über eine Auszeit informieren. Ole machte sich nicht wirklich Sorgen darum, was als Nächstes passieren würde. Immerhin pflegten die beiden Männer ein fast freundschaftliches Verhältnis. Außerdem konnte es ihm auch egal sein, denn die Gesundheit ging vor.
Ole klopfte an Weilers Tür und wurde mit einem gestresst klingenden „Ja“ hineingebeten.
„Moin“, sagte Ole.
Weiler empfing Ole fast überschwänglich. Er betonte immer wieder, dass er sich freute, einen seiner besten Männer zurück an Bord zu haben. Sie unterhielten sich einige Minuten, bis Weiler zum dienstlichen Teil kam.
„Gestern ist ein Patient aus der Forensischen Klinik Langenhorn geflohen, nachdem er einen Pfleger niedergestochen hat. Ich möchte, dass du mit Alex nach Langenhorn rausfährst“, sagte er.
„Tut mir leid“, antwortete Ole, „ich bin noch nicht wieder fit genug. Ich muss raus. Ich bin heute auch nur hier, um dich persönlich darüber in Kenntnis zu setzen, dass ich meine Krankschreibung verlängere.“
Weiler seufzte. Damit hatte er nicht gerechnet. „Spielst du wieder mit dem Gedanken, die Dienststelle zu wechseln?“, fragte Weiler, der sich gut daran erinnerte, wie Ole das letzte Mal eine Auszeit brauchte.
Ole schüttelte den Kopf. „Nein, ich brauche nur Urlaub.“
Weiler war beruhigt. Alles war besser, als Ole für immer zu verlieren. Er hätte zwar argumentieren können, dass ständiges Auszeitnehmen nicht endlos hinnehmbar war, erinnerte sich aber auch an das letzte Mal und an die Tatsache, dass Ole auch dabei einen Fall gelöst hatte, wenn auch eher unbeabsichtigt. Aber das spielte keine Rolle. Ole war ein großartiger Ermittler, und das war entscheidend.
„Na gut“, antwortete Weiler nach einer kurzen Pause. „Wie lange wirst du weg sein?“
„Ich habe an zwei oder drei Wochen gedacht.“
„Das ist in Ordnung. Wohin geht's?“
„Helgoland“, antwortete Ole.
„Ernsthaft? Ich dachte, du würdest seekrank werden. Das dauert immerhin über eine Stunde mit dem Schiff.“
„Das habe ich auch bedacht. Ich werde das Flugzeug nehmen.“
Helgoland
Über den Weiten der Nordsee schwebte die rote Insel und sah aus der Ferne fast aus wie ein stumpf glänzender Rubin, umringt von einem Schleier aus schäumendem Weiß. Über dem Felsen breitete sich das flache Oberland in sanften Grüntönen aus. Dieser Leben spendende Überzug wurde vor allem im Süden der Insel von bunten Häusern unterbrochen.
Die Nordsee, das mal sanft wiegende und dann wieder tobende Gewässer umspült die steilen Klippen, die die Küstenlinie wie Wächter schützten. Das rote Felsgestein wurde von weißen Kalklinien durchzogen, die den Weg zu einem uralten Geheimnis tief im Fels verborgen zu weisen schienen, das schon lange darauf wartete, entdeckt zu werden.
Die schroffen Klippen, das tosende Meer und die flache Ebene formten eine harmonische Einheit, in der das Leben einen ganz eigenen Rhythmus zu haben schien. Seemöwen kreisten fast spielerisch über den Wellen, während Boote sich im Hafen wiegen. Die kleinen Häuser und Geschäfte des Ortes, gezeichnet von Wind und Salz, bilden einen malerischen Kontrast zur wilden Natur ringsum.
In dieser erhabenen Einsamkeit schien die Zeit stillzustehen. Das Herz der Insel schlug im Takt der Gezeiten, die mit unablässiger Beständigkeit das Antlitz Helgolands prägen, an den Felsen der Insel nagen und wohl noch eine Ewigkeit brauchen würden, bis sie die Insel eines Tages abgetragen hatten.
Die Idylle wurde schroff durch das Fluchen von Ben Kopmann unterbrochen, der einen voll bepackten Handwagen hinter sich herzog und selbst bei den geringen Steigungen auf der Insel schon arge Probleme hatte.
„Verdammt noch mal!“, rief Ben. Er ging ans andere Ende des Wagens und versuchte, das Gefährt zu schieben, was auch nicht viel besser half. Der Wagen war vollgepackt mit Lebensmitteln, nützlichen Dingen und Wasserkanistern und er hatte seine Kraft wohl etwas überschätzt.
Ben warf sich gegen den Wagen und drückte, so fest er konnte, als ihn plötzlich eine Stimme fast zu Tode erschreckte. Er riss seinen Kopf zur Seite und stellte erleichtert fest, dass es John Aykens war, der neben dem Wagen stand und Ben neugierig anschaute.
„Jesus Christus, musst du dich immer so anschleichen? Das ist eine regelrechte Seuche. Du bist doch nicht auf der Jagd“, rief Ben. Er beugte sich über den Beifahrersitz und langte nach dem Türgriff.
John zog die Tür auf. „Woher willst du wissen, dass ich nicht auf der Jagd bin?“, fragte er. „Vielleicht bin ich auf der Jagd nach Menschen, die die Ruhe der Natur stören.“
Ben wusste nicht, wie die Bemerkung gemeint war, als John ihn grimmig anschaute.
„Ist schon wieder ein Jahr vorbei? Gibt’s doch nicht“, bemerkte John.
„Es ist Juli und wie jedes Jahr sind wir hier. Sehr scharfsinnig bemerkt“, spottete Ben.
„… und wie jedes Jahr hast du für euer Lager viel zu viel Zeug eingekauft.“ John wies mit dem Kopf auf die Ladefläche.
„Das ist nur das Nötigste. Trotzdem könnte ich ein Auto jetzt gut gebrauchen. Leider sind die hier nicht erlaubt“, antwortete Ben.
„Es zwingt euch niemand, euer Sommerlager hier zu veranstalten“, antwortete John, der sich über jeden Menschen freute, der nicht auf die Insel kam. Die Ruhe und der Naturschutz lagen ihm sehr am Herzen.
Ben wollte einer Diskussion, wie sie in den Vorjahren stattgefunden hatte, aus dem Weg gehen und lenkte ein. „Ich möchte mich ja gar nicht beschweren. Das ist ein schönes Fleckchen Erde hier“, sagte er.
„Und das soll auch so bleiben. Seht zu, dass ihr euren Müll nachher wieder mitnehmt. Sonst gibt es Ärger“, drohte John.
Ben verdrehte die Augen.
„Wo ist eigentlich Heike?“, fragte John.
Ben hatte schon mit der Frage nach seiner Frau gerechnet. „Noch auf dem Festland, ein paar Notfall-Medikamente besorgen. Die Vorschriften für Lager dieser Art sind in den letzten Jahren strenger geworden. Auch dann, wenn nur eine Handvoll Jungs dabei ist. Und jetzt frag nicht und mach lieber mit, du könntest mithelfen zu schieben“, schlug Ben vor.
„Mmh, soll ich das wirklich tun?“, fragte John provokativ. „Na ja, jeden Tag eine gute Tat.“ Er zog den Wagen die kleine Anhöhe hinauf, während Ben von hinten schob. Oben stoppte er und überließ Ben wieder sich selbst. „Das bedeutet nicht, dass ich gutheiße, was ihr hier veranstaltet. Ich bin nur ein guter Mensch“, sagte John und ging seines Weges.
Ben schaute ihm hinterher. „Von wegen guter Mensch. Ein verdammter Idiot bist du“, fluchte er und zog den Handwagen weiter. Diesmal musste er sich dagegenstemmen, um den Wagen abzubremsen und nicht überfahren zu werden. Doch dank der Anstrengung konnte er wenigstens seinen Ärger über John ein wenig auslassen. Seit Jahren ging er ihm und Heike schon auf die Nerven. Zum Glück waren die beiden nicht die Einzigen, die ihn eigenartig fanden. John lebte schon lange auf Helgoland, vermutlich bereits seit seiner Geburt, und war den Einheimischen wohlbekannt. Er fristete eine Art Eremitendasein und wohnte in einem Verschlag, den man kaum als Hütte hätte bezeichnen können. Er befand sich im nördlichen Teil der Insel inmitten eines Bereichs, in dem ein paar kleine Bäume standen. Das war eher untypisch für Helgoland, das von der Vegetation her eher von Grasflächen und niedriger Vegetation geprägt war.
Im Vergleich zu Johns Behausung war die Hütte, die Ben und Heike als Teil ihres jährlichen Lagers auf der Insel betrieben, ein regelrechtes Luxusresort.
Nach einigen Hundert Metern musste Ben den asphaltierten Weg verlassen und den Bollerwagen das letzte Stück zur Hütte über eine Wiese ziehen. Zum Glück war das Gras recht kurz und trocken und so hatte er keine Probleme mit dem Wagen. In einigen Tagen würde das vielleicht anders aussehen, denn der Wetterbericht sagte Sturm voraus. Allerdings bestand eine Restchance, dass das Unwetter vorbeiziehen würde. Jedenfalls hatten Ben und Heike keine Veranlassung gesehen, das Lager deswegen abzusagen. Die Hütte war stabil gebaut und bot genügend Schutz.
Ben sah das Dach der Hütte hinter der nächsten Anhöhe. Jedes Mal, wenn er sie sah, freute er sich, dass das Gebäude noch stand.
Ben nahm die Mütze ab, wischte mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und kreiste mit den Schultern nach hinten, um die Verspannung zu lösen, die das Wagenziehen ausgelöst hatte. Während er verschnaufte, inspizierte er die Fassade der Hütte, die ein paar Risse im Holz aufwies. Ihr Zustand hatte sich aber im Vergleich zum letzten Jahr nicht verschlechtert. Zufrieden stellte er außerdem fest, dass die Eingangstür noch immer geschlossen war und das Vorhängeschloss davor hing.
Unterjährig erlaubte er einigen Insulanern, die Hütte für Grillfeste oder dergleichen zu nutzen, und offenbar schlossen sie das Gebäude immer wieder ordnungsgemäß ab.
Ben umrundete die Hütte und sah plötzlich, dass er sich zu früh gefreut hatte. Denn das Fenster, das zur Nordseite zeigte, war zerbrochen.
„Verdammt noch mal“, fluchte er und inspizierte das Fenster. Die dünne Glasscheibe war bis auf ein paar spitze Scherben, die noch im Rahmen steckten, vollständig eingeschlagen. Sofort musste er an einen Einbrecher denken. Oder an ein paar Jugendliche, die sich einen Spaß machen wollten, da es auf der Insel als junger Mensch ja sonst nicht viel zu erleben gab. Ben ärgerte sich maßlos. Er entschied, den Schaden erst einmal von innen zu begutachten. Außerdem musste er die Scherben beseitigen.
Noch eine unnötige Aufgabe zu erledigen, bevor das Lager startet, dachte er.
Ben öffnete das Vorhängeschloss. Wer zum Teufel, ist so idiotisch und bricht in eine leere Hütte ein?, dachte er.
Zu stehlen gab es im Haus nicht viel. Jedes Jahr, wenn er mit Heike und den Camp-Teilnehmern die Hütte für ein paar Tage bezog, brachten sie alles Nötige mit. Dann kam ihm eine andere Idee. Vielleicht war ein Obdachloser, der die Hütte zum Übernachten nutzte, hier eingestiegen. In dem Fall war es möglich, dass er noch hier war. Ganz langsam zog Ben die quietschende Tür auf. Augenblicklich kam ihm ein Schwall infernalischer Verwesungsgeruch entgegen. Seinen Brechreiz unterdrückend und mit tränenden Augen setzte Ben seinen Fuß über die Schwelle, womit er sich im Hauptraum der Hütte befand. Hier standen an der linken und rechten Wand jeweils ein Doppelbett, außerdem eine kleine Küchenzeile. Hinter dem Hauptraum war noch ein weiteres Zimmer, in dem Ben und Heike in der Regel übernachteten. Im Hauptraum war schon mal niemand, weshalb Ben sich als Nächstes den kleinen Dachboden vornahm. Ben schritt vorsichtig über den knarzenden Holzboden bis zu einer Leiter, die wenige Meter vor der Küchenzeile hinaufführte. Je weiter er sich ins Innere vorwagte, desto schlimmer wurde der Gestank. Behutsam und eine Sprosse nach der anderen erklomm Ben die Leiter, bis er gerade eben über die Decke lugen konnte. Tageslicht aus einem kleinen Dachfenster drang in den Bodenraum, er drehte seinen Kopf einmal in alle Richtungen und stellte erleichtert fest, dass niemand hier oben war. Da die Luft um einiges besser roch als unten, atmete er einmal tief ein und stieg die Leiter wieder hinab. Blieb nur noch Heikes und sein Zimmer hinter dem großen Hauptraum.
Bens Herz schlug lauter, umso näher er kam. Auch wenn er die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hier war, als gering einschätzte, breitete sich ein Angstgefühl in seiner Brust aus. Die Tür zum hinteren Zimmer stand halb offen. Ben lauschte angestrengt, hören konnte er einen potenziellen Eindringling jedoch schon mal nicht, einzig der Verwesungsgeruch nahm mit jedem Schritt weiter zu. Durch den Türspalt erspähte er einen Schwarm Fliegen, jetzt vernahm er auch das leise Summen der Insekten. Behutsam drückte er gegen die Tür, die sich langsam öffnete und schließlich den uneingeschränkten Blick in das Zimmer ermöglichte. Augenblicklich überkam ihn ein Brechreiz. Er drehte sich in den Hauptraum und übergab sich. Angesichts des Anblicks, der sich ihm offenbarte, hatte er diesmal den Drang, seinen Mageninhalt herauszuwürgen, beim besten Willen nicht weiter unterdrücken können. Auf dem Boden im Zimmer verteilt lagen Gedärme und Organe, die Ben wegen des fortgeschrittenen Verfalls des Gewebes auf den ersten Blick nicht zu benennen wusste. Er wischte sich mit seinem Taschentuch den Mund ab, drehte sich wieder ins Zimmer und wagte einen zweiten Blick auf das Massaker. Überall auf den Holzplanken klebte Blut, es sah aus wie im Schlachthaus. Ben riss als Erstes alle Fenster im Gebäude auf, bevor er nach draußen an die frische Luft eilte. Vor dem Haus ergab er sich ein weiteres Mal seinem Brechreiz.
Nördlich von Hamburg
Eine frische Brise drang in Maltes Nase. Sein Gehirn hatte sich daran gewöhnt, morgens in der forensischen Klinik vom klackenden Schloss seines Zimmers und einem desinfektionsmittelgeschwängerten Luftzug geweckt zu werden. Die ungewohnte, wohltuende Morgenluft durchbrach diese Routine und riss ihn umgehend aus dem Schlaf. Malte erschrak, er lag noch immer unter dem Busch, der ihm seit gestern Abend als Versteck diente, und er war von dichtem Geäst umgeben, das ihm durch einige Lücken zwischen den Blättern den Blick auf einen blauen Himmel offenbarte. Ein dumpfes Gefühl breitete sich in Maltes Kopf aus. Normalerweise, und das durchbrach bereits zum zweiten Mal heute Morgen seine Routine, waren ihm um diese Zeit bereits mehrere Medikamente verabreicht worden. Auch wenn die jeweiligen Wirkstoffe zu diesem Zeitpunkt noch in ausreichender Konzentration in seinem Körper vorhanden waren, fehlte ihm das allmorgendliche Ritual, die Tabletten zu schlucken, er war psychisch abhängig.
