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Polizeihauptkommissar Ludwig Hiermeier wird durch einen bizarren Mord aus dem gerade entstehenden Familienidyll gerissen, obwohl das gar nicht in seine Zuständigkeit fällt. Doch er hat als Erster die richtige Idee, mit was für einem Täter sie es möglicherweise zu tun haben, und wird deshalb in die SOKO aufgenommen. Er ist bei der Aufklärung des Falles wesentlich beteiligt, was ihm einerseits familiäre Probleme bereitet und ihn andererseits in den Fokus des Täters rückt. Gemeinsam mit seinem Mentor Richard Hofreiter taucht Ludwig Hiermeier in die schockierende Welt der Kinderpornografie ein und ist gezwungen, einen Mörder zu jagen, der es auf Pädokriminelle abgesehen hat. Die Ermittler sehen sich mit der Frage konfrontiert, ob sie den Mörder wirklich von seinen Taten abhalten wollen, denn was sie über die Mordopfer erfahren, entsetzt sie zutiefst. Sie sind in der schwierigen Situation, dass der Täter Methoden anwenden kann, die ihnen selbst nicht zur Verfügung stehen, von Datenspionage über Diebstahl bis hin zu unter Folter erpressten Informationen. Dann jedoch verändert sich das Verhalten des Serientäters und er strebt einem Finale zu, das die Ermittler unbedingt verhindern müssen …
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Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2019
Manfred Hirschleb
Blutspur
durch die Oberpfalz
Ein Oberpfälzer Psychothriller
Copyright: © 2019 Manfred Hirschleb
Satz & Umschlag: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
978-3-7497-9350-1 (Paperback)
978-3-7497-9351-8 (Hardcover)
978-3-7497-9352-5 (e-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
1
Kirchbichl im Spätherbst
»Du wirst Papa …«, hatte Kathi ihm am Frühstückstisch ins Ohr geflüstert. Übermütig trommelte Ludwig im Takt zur Musik aufs Lenkrad und gab Gas. Im Radio lief sein Lieblingssong: Light my fire von den Doors. Das war der schönste Tag in seinem Leben. Daran hatte auch die Batterie seines Wagens nichts ändern können, die sich just diesen Tag ausgesucht hatte, um ihren Geist aufzugeben. Er hatte einfach Kathis Wagen genommen.
Die Straße verlief kurvig und steil ins Dorf hinunter. Rasant schnitt er die Kurven, berauscht von seinem Glück. »Ich werde Vaaaater!«, grölte er und hopste auf dem Sitz herum. Er wollte tanzen vor Freude.
Vor der T-Kreuzung musste er bremsen, doch nichts passierte. Obwohl es sinnlos war, trat er das Bremspedal bis zum Bodenblech durch – wieder und wieder – während er unerbittlich auf die Mauer zuraste. »Elende Mistkarre …« Verzweifelt rammte er den ersten Gang rein, zog die Handbremse und riss das Lenkrad herum, aber es half nichts. Der Wagen krachte mit dem Heck gegen die Mauer, wurde herumgeschleudert und prallte gegen die Uferböschung des Ganselbachs. Danach mähte er ein paar Schwarzerlen nieder und überschlug sich mehrmals. Schließlich pflügte er durch die Wiese und kam auf dem Dach liegend zum Stehen. Kathi … war sein letzter Gedanke.
Als er zu sich kam, lag er, vom Gurt gehalten, kopfüber auf der Schulter, der Airbag versperrte ihm die Sicht. Verwundert stellte er fest, dass er noch lebt. Verdammt, ich muss hier raus, wurde ihm schlagartig klar. Er versuchte, den Gurt zu lösen, und stöhnte auf, doch der plötzlich einsetzende Schmerz ließ ihn sofort innehalten. So also fühlt es sich an, wenn man durch den Fleischwolf gedreht wird …
»Gottverdammich!«, schrie er.
Sein Arm war eingeklemmt und das rechte Beine völlig gefühllos. Er wischte sich über die Augen, weil er nur noch verschwommen sehen konnte. Erschrocken starrte er auf seine blutige Hand, dann bohrte sich der Schmerz erneut in seinen Schädel. Mein Gott, ich darf nicht ohnmächtig werden …
Plötzlich fiel ihm ein, was eigentlich passiert war: Jemand hatte die Bremsen manipuliert. Und dann traf ihn die Erkenntnis mit voller Wucht: Der Anschlag hatte nicht ihm, sondern Kathi gegolten! Es war ihr Wagen!
Ludwig Hiermeier, Polizeihauptkommissar in der alten Kreisstadt Oberviechtach, konnte sich beim besten Willen nicht erklären, wer ein Interesse an Kathis Tod haben könnte. Die Russenmafia? Aus Rache, weil er ihren Drogenkurieren zugesetzt hatte? Nein, die hätten kurzen Prozess gemacht. Seit Erwin Draxlers Mordversuch an ihm gab es eigentlich niemanden, der für so einen Anschlag infrage kam.
Verzweifelt versuchte er abermals, sich zu befreien, während der Schmerz in seinem Schädel tobte. Schließlich wurde ihm schwarz vor Augen und Dunkelheit erlöste ihn.
Der schneidende Geruch nach Benzin riss ihn erneut aus der Ohnmacht. Die aufkommende Panik ließ ihn den Schmerz fast vergessen, während er verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Er schlug mit der blutenden Hand aufs Seitenfenster ein, was jedoch nichts brachte.
Dann drang Qualm ins Wageninnere. Oh Gott! Ich werde verbrennen!
Er schlug auf die Hupe ein, doch nichts geschah. Wie von Sinnen begann er zu schreien, bis er nur noch husten und würgen konnte.
Da wurde die Wagentür mit einem hässlichen Quietschen aufgezogen …
***
Xaver Mühlbauer saß auf der Bank unter der großen Linde und wartete. Der heraufziehende Morgen hatte die Dämmerung verdrängt und ihn fröstelte. Nebelschwaden waberten über die Wiesen und zogen ins Tal hinunter, sodass nur noch die bewaldeten Hügelkämme ringsum hervorlugten. Es war einer dieser hässlichen Spätherbsttage, die man am liebsten im sonnigen Süden verbrachte.
Xaver wusste, dass Katharina Hiermeier jeden Donnerstag zum Einkaufen fuhr. Er hatte sich schon vor einer ganzen Weile im Wirtshaus zum Goldenen Hirschen in Kirchbichl einquartiert und ihre Gewohnheiten ausspioniert. Gegen vier Uhr morgens hatte er sich heute schließlich auf den Hof geschlichen und gehofft, dass der Hund nicht anschlagen möge. Er brauchte nur wenige Minuten, um die Bremsschläuche ihres Wagens anzuschneiden. Sie würden bei einem starken Bremsversuch platzen, das hatte er sorgfältig recherchiert. Dann hatte er sich zu seinem Beobachtungsposten begeben, wo er geduldig gewartet hatte.
Als er nun den Wagen den Berg hinunterrasen sah, stellte er mit Schrecken fest, dass nicht Katharina, sondern ihr Mann am Steuer saß. »Nein!«, entfuhr es ihm. Einem ersten Impuls folgend wollte er aufspringen und ihn warnen, aber dafür war es längst zu spät.
Der Wagen prallte gegen die Mauer und überschlug sich.
Unentschlossen starrte er auf das ramponierte Fahrzeug und überlegte, was er nun tun sollte. Sollte er dem Mann helfen? Katharina Hiermeier sollte sterben, damit er Alleinerbe würde. Xavers todkranke Mutter hatte ihm auf dem Sterbebett eröffnet, dass der verstorbene Toni Mühlbauer nicht sein leiblicher Vater war, sondern Ignatz Ganselhuber, ein Großbauer aus Kirchbichl. Der hatte Ende der Sechzigerjahre Xavers damals neunzehnjährige Mutter vergewaltigt. Bis kurz vor ihrem Tod hatte Mutter ihm das verheimlicht, weil sie Angst hatte, der paranoide Erwin Draxler würde auch Xaver töten. Er hatte schon Andreas Ganselhuber auf dem Kalvarienberg erschossen, um den Hof an sich zu bringen, denn Andreas war der letzte Erbe des Ganselhofes gewesen. Erst nach Erwin Draxlers Tod fand Xavers Mutter den Mut. Geerbt hatte den Hof dann John Gyllenhaal aus Amerika, noch ein unehelicher Sohn des alten Ganselhubers. Der hatte ihn aber Katharina geschenkt. Doch der Hof sollte ihm allein gehören! Er sollte auch nicht mehr Draxelhof heißen. Und dann war da noch der Hass auf seinen Erzeuger, aber der war schon vor Jahren auf mysteriöse Weise beim Holzmachen tödlich verunglückt. Es hieß, dass dabei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei, andere sprachen gar von einem Fluch, der auf dem Hof läge.
Wenn Katharina bei dem Unfall gestorben wäre, fiel Xaver plötzlich ein, hätte ihr Mann den Hof geerbt. Also musste der ja sowieso sterben.
Rauchfäden stiegen von der Unfallstelle auf. Als aktives Mitglied der freiwilligen Feuerwehr Waldmünchen wusste Xaver, dass jetzt jede Sekunde zählte, der Wagen würde gleich in Flammen aufgehen. Wenn der Fahrer nicht tot, sondern verletzt war und sich aus eigener Kraft nicht befreien konnte, würde er bei lebendigem Leibe verbrennen.
Er hörte dumpfe Schreie aus dem dichter werdenden Qualm um das Fahrzeug herum. Verdammt …
Xaver rannte los.
»Oh Gott!«, entfuhr es Xaver beim Anblick des Verletzten. »Bleiben sie ganz ruhig. Ich werde jetzt den Sicherheitsgurt lösen und Sie herausziehen.« Rauch versperrte ihm die Sicht, seine Augen fingen an zu tränen.
Polizeihauptkommissar Ludwig Hiermeier brachte kein Wort heraus, hustete nur.
»Sind Sie bereit?«
Ludwig nickte matt.
Während Xaver ihn aus dem Wagen zerrte und über die Wiese schleppte, schrie Ludwig wie am Spieß. Er versuchte, seine Beine zu benutzen, aber er konnte sie immer noch nicht spüren, doch die Schmerzen, die seine Hüfte emporschossen, als sein Retter ihn mehr über die Wiese zog als trug, brachten ihn fast um den Verstand.
In einigem Abstand sanken die beiden Männer zu Boden, während Flammen aufloderten und eine schwarze Rauchsäule in den Himmel schickten.
Ludwig hustete abwechselnd und sog gierig die Luft ein. In der Ferne war das Heulen von Sirenen zu hören. »Sie haben mir wohl das Leben gerettet«, röchelte er schließlich.
Es war Xaver peinlich, aber er empfand Sympathie für den Mann. Hätte er ihn wirklich sterben lassen sollen, nur um seinem Ziel ein Stück näher zu kommen? Oder Katharina? Nein, das konnte er nicht. So einer war er nicht.
»Mühlbauer«, sagte er schließlich. »Xaver Mühlbauer.« Und dann fügte er hastig an: »Und wie heißen Sie?«
»Ludwig Hiermeier, zumindest das bisschen was von mir noch übrig ist«, presste er hervor. »Ich bin froh, dass Sie gerade vorbeigekommen sind.«
Während Xaver hektisch überlegte, wie er seine Anwesenheit erklären sollte, wurde Ludwig endgültig ohnmächtig.
***
Es war früher Nachmittag, die Sonne hatte sich gegen den Nebel durchgesetzt. Erste Strahlen schlichen sich in das Zimmer, in dem Ludwig vor sich hindämmerte. Mehr als ein Blinzeln brachte er noch nicht zustande. Neben seinem Bett nahm er schemenhaft einen Schatten wahr. Kathi …? Obwohl in seinem Kopf Tausende Hornissen brummten, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie an sich zu ziehen und zu küssen. Er wollte etwas sagen, doch ihr besorgter Blick verschlug ihm die Sprache. Aber da war noch mehr: Zorn! Verlegen schaute er an sich herunter. Ein Arm war eingegipst, im anderen steckte ein Zugang und sein eingegipstes Bein war auf einem Drahtgestell gelagert. Sein Kopf fühlte sich an, als würde er eine Motorradmaske tragen. – Bandagen, wurde ihm klar. Außerdem hing ihm ein Schlauch aus der Nase. Er fühlte sich dennoch auf eine merkwürdige Art gut und führte das auf Schmerzmittel zurück, die ihn in einem wattigen Zustand hielten. Jetzt bin ich schon wieder dem Teufel von der Schippe gesprungen. Ein Grinsen verzog sein Gesicht. Jetzt sind nur noch vier Leben übrig.
»Mein Gott, bin ich froh, dass du lebst. Was machst du denn für Sachen, Schatz?« Kathis Worte klangen wie unter Wasser. »Warum bist du so gerast? Du hättest tot sein können!« Sie drückte seine Hand, während ihr Tränen die Wangen hinunterliefen. »Ludwig …«, presste sie noch hervor, dann schnürte ihr ein Schluchzen die Kehle zu.
»Bitte, Kleines, wein doch nicht«, sagte er schwach und richtete sich mühsam ein wenig auf, ließ sich aber sofort wieder zurücksinken, da Schmerzen, trotz Dämpfung der Medikamente, seine Wirbelsäule hinaufrasten. »Es ist ja noch mal gut gegangen«, seufzte er. »Halb so wild. Das wird schon wieder.«
Kathi wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und deutete auf sein Bein, klopfte auf den eingegipsten Arm: »Der ist zweimal gebrochen, dein Bein zertrümmert. Und dein Gesicht erst!«
So schnell ihr Zorn gekommen war, so schnell verrauchte er auch wieder und sie strich ihm zärtlich übers Gesicht. In ihren Augen sah er kurz das ganze Spektrum ihrer Angst aufblitzen: Angst ihn zu verlieren, das Kind alleine großziehen zu müssen, die Arbeit auf dem Hof nicht zu schaffen … Aber sie sagte nur: »Ich hoffe, dass du bald wieder gesund wirst, schließlich brauchen wir dich.« Sie zögerte, hauchte ihm dann aber einen Kuss auf den Mundwinkel, zwischen Schlauch und Bandage.
Als er ihre Lippen auf den seinen spürte, hätte er sie am liebsten umarmt und nie mehr losgelassen, aber die Erinnerung an den letzten Bewegungsversuch ließ ihn starr verharren. Jäh überkam ihn die Erinnerung an den Unfall – die Bremse … Er musste ihr sagen, dass die Bremsen manipuliert wurden, um sie … Oh Gott! Alles fiel ihm wieder ein und die Angst um Kathie legte sich wie ein stählernes Band um seine Brust. Wenn sie den Wagen gefahren hätte … Er brauchte eine plausible Erklärung, um es ihr schonend beizubringen. Er wusste, dass die Kollegen von der Spurensicherung die Unfallursache herausfinden würden und Kathi früher oder später von dem Mordanschlag auf sie erfuhr. Sollte er ihr von dem russischen Drogenkurier erzählen, dem er die acht Zentimeter lange Narbe an der Schläfe verdankte? Es war nicht auszuschließen, dass die Russenmafia Kathie aus Rache an Ludwig nach dem Leben trachteten.
Er entschloss sich, ihr erst mal nur die halbe Wahrheit zu sagen, alles andere würde Kathi in ein seelisches Chaos stürzen. »Ich muss dir etwas sagen, Schatz«, begann er leise und betont langsam. »Die Bremsen an deinem Auto wurden manipuliert – deswegen bin ich verunglückt.«
Er sah das Unverständnis in Kathis Augen aufblitzen. »Manipuliert?« Sie schüttelte den Kopf. »Wer sollte denn so was tun? Und warum?«
»Niemand konnte wissen, dass wir die Autos tauschen würden«, sagte er vorsichtig.
Sie schaute Ludwig verständnislos an und nur langsam drang die Bedeutung seiner Worte in ihr Bewusstsein. »Jemand wollte mich töten? Aber warum denn? Und … wenn derjenige das noch mal versucht?« Sie wurde bleich und begann zu zittern. »Aber …«, stammelte sie, »das muss ein Irrtum sein …«
Es tat ihm in der Seele weh, sie so hilflos und verzweifelt zu sehen. – Und er war ans Bett gefesselt und konnte nicht für sie da sein! »Es tut mir so leid, Schatz, aber ich fürchte, es ist so, das ist der logische Schluss. Glaub mir, wir werden herausfinden, wer das war. Bis dahin musst du auf dich aufpassen. Solange ich hier bin, kümmern sich die Kollegen um dich.«
»Und wie stellst du dir das vor? Soll ich mich den ganzen Tag einschließen und nicht mehr vor die Tür gehen? Das geht nicht. Ich muss einkaufen, den Hof versorgen, zu Vorsorgeuntersuchungen …«
»Ich rede mit meinem Chef, dass du Personenschutz bekommst, bis ich wieder zu Hause bin. Das ist das Einzige, was wir im Moment tun können.«
Sein ernster und besorgter Blick aus dem lädierten Gesicht machte ihr so sehr Angst, dass sie zitternd nickte. »Du musst schnell wieder gesund werden, Schatz.« Sie hauchte ihm noch einen Kuss auf die Wange und ging zur Tür. »Dann schicke ich mal die Jungs rein.«
Als sie ging, kamen Ludwigs Kollegen ins Zimmer, allen voran sein Chef. Er war froh, sie zu sehen, verabscheute aber die mitleidigen Blicke. Sah er wirklich so schlimm aus? Vor Monaten, als er aus dem künstlichen Koma erwachte, war ihm das schon einmal passiert. Er sollte das nicht zur Gewohnheit werden lassen.
»Mein Gott … wie du aussiehst«, jammerte Ewald. »Was machst du denn für Sachen? Gott sei Dank, dass du lebst.« Verlegen wischte er sich über die Augen und reichte Ludwig die mitgebrachten Pralinen.
Ludwig lächelte ihn dankbar an, worauf Ewald die Schachtel erst etwas hilflos in der Luft herumschwenkte und sie dann auf den Nachttisch legte.
»Wie du siehst, lebe ich noch.« Ludwig lächelte gequält. Sein Blick wanderte zu Ernst, seinem Chef: »Habt ihr das Auto untersucht?«
Ernst räusperte sich. »Ja. Die Bremsschläuche waren angeschnitten. Das war gut gemacht, doch das schließt Profis, Mechaniker und Hobbybastler ein. Aber das war nicht dein Wagen …«
»Meiner sprang an dem Morgen nicht an, deshalb habe ich Kathies genommen.«
»Wir haben deinen Wagen auch untersucht. Der war nicht manipuliert. Der Anschlag galt also deiner Frau …«
Ludwig schluckte. Es war noch viel schlimmer, es von Ernst zu hören.
2
In Waldmünchen
»Hast du geglaubt, dass du so einfach davonkommst?« Er presste das glühende Messer auf die sprudelnde Wunde.
Xaver bäumte sich auf, riss an seinen Fesseln und schrie wie von Sinnen, doch kein Laut kam über seine Lippen. Er wurde ohnmächtig. Augenblicklich kauterisierten die Blutgefäße und ätzender Gestank, wie auf einer schwelenden Müllkippe, breitete sich aus. Wo Xavers Penis sein sollte, war jetzt ein schwarzverbrannter rauchender Fleck. Zwischen den Beinen hatte sich eine Blutlache ausgebreitet, Bettlaken und Decke waren mit Blut bespritzt.
Angeekelt rümpfte er die Nase. Zufrieden mit seinem Werk legte er das Messer beiseite und drehte den Campingkocher herunter. Ach ja, der Penis …
Geduldig wartete er, dass Mühlbauer wieder zu sich kommen würde, und ließ noch mal alles Revue passieren: Wie Mühlbauer nackt, an Armen und Beinen gefesselt, am Kopfende des Bettes saß und sich vor Angst gewunden hatte, bis er in Ohnmacht fiel, als das Messer durch sein Fleisch schnitt. Es war so einfach gewesen …
Xaver Mühlbauer erwachte aus seiner Ohnmacht und starrte in die eiskalten Augen seines Peinigers. Er wollte schreien, aber etwas steckte in seinem Hals … sein Mund war mit Klebeband verschlossen – er konnte kaum atmen! Zwischen Schmerzen und der Angst, wieder ohnmächtig zu werden, drängten sich die Erinnerungen mit Gewalt in sein Bewusstsein. Alles hatte so harmlos angefangen. Der junge Mann aus der Schwulenkneipe, nach dem sich alle umdrehten, der von einigen mit gierigen Blicken verschlungen wurde und den er schließlich für sich einnehmen konnte … Wie er voller Vorfreude auf das bevorstehende Vergnügen den Schönling mit nach Hause genommen hatte. An diesem Abend hatten sie viel getrunken, zu viel, sodass er plötzlich eingeschlafen war und erst am nächsten Morgen aufwachte, als sein steifes Glied bearbeitet wurde. Und wie er sich berauscht den Liebkosungen hingegeben hatte, um sehnsüchtig seinem Höhepunkt entgegenzustreben. Dass er ans Bett gefesselt war, stellte für ihn lediglich eine neue Variante dar, die seine Erregung noch mehr steigerte. Genauso wie die Raffinesse mit dem Kabelbinder, um seine Erektion möglichst lange aufrechtzuerhalten. Und dann, kurz vor seinem Orgasmus, dieser schreckliche Augenblick, als er das rot glühende Messer sah und plötzlich erkannte, dass etwas nicht stimmte, dass das nicht zum Liebesspiel gehörte. Und wie die Todesangst seinen Geist zu lähmen drohte, weil er nicht sterben wollte – nicht so … entmannt und fast ausgeblutet. Auch daran, wie er, panisch geworden, an seinen Fesseln riss – doch vergebens. Er musste zusehen, wie das Messer durch sein Fleisch schnitt und seinen Penis abtrennte. Selbst an den Schmerz erinnerte er sich noch, der durch seinen Unterleib hinauf in seinen Schädel fuhr, sodass er meinte, dieser würde zerspringen. Sein Penis … Er würgte und wurde wieder ohnmächtig.
Ohrfeigen holten ihn in die Wirklichkeit zurück – eine Wirklichkeit, die ihm wie ein böser Traum vorkam. Die Tatsache, kein Mann mehr zu sein, erschreckte ihn mehr als die Erkenntnis, sterben zu müssen. Aber was viel schlimmer war: Nie wieder würde er die sexuellen Freuden mit Jungen teilen können, gerade jetzt, wo er im Darknet Gleichgesinnte kennengelernt hatte, mit denen er sich austauschen konnte, was ihm eine neue Welt eröffnet hatte, eine Welt voller sexueller Möglichkeiten, ohne Angst haben zu müssen, jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden …
Schweißtropfen liefen ihm in die Augen und verschleierten seinen Blick. Er fror und plötzlich dämmerte ihm, dass sein Martyrium erst begonnen hatte. Wer bist du?, wollte er wissen und obwohl die Frage nur in seinem Kopf entstand, wusste er längst die Antwort: Der Junge aus dem Sportverein! Aber das war so viele Jahren her … Er erinnerte sich noch genau, wie alles angefangen hatte. Mit Aufmerksamkeiten und Zuwendungen, die der Junge in seiner kindlichen Einfalt sorglos konsumiert hatte. Die Fußballschuhe und die Süßigkeiten, auch das Kleingeld, das er ihm zusteckte. Und später im Kino, wie er ihn behutsam zu den Spielereien ermuntert hatte, um seine kindliche Neugierde zu wecken. Dass es noch andere sexuelle Varianten gab, davon hatte der Junge noch keine Ahnung gehabt. Die Spielereien dienten nur einem Zweck: ihn auf das Unvermeidliche vorzubereiten. Auch an den Tag im Sportheim erinnerte er sich noch gut, als alle Jungen gegangen und nur sie beide in der Dusche zurückgeblieben waren; wie er beim Anblick des nackten Knaben die Beherrschung verlor und ihn mit Gewalt niedergerungen hatte, um sich an ihm zu vergehen; wie das Rauschen des Wassers sein Lustgestöhne und die Schreie des Jungen übertönte. Danach, als alles vorbei war, hatte er dem auf den nackten Fließen liegenden und wimmernden Buben versprochen, ihm nie wieder wehtun zu wollen. Doch sein Versprechen galt nur für diesen einen Moment, denn er konnte und wollte nicht mehr von ihm ablassen. Der Junge hatte tatsächlich niemandem etwas gesagt. Und Xaver hatte sein Versprechen gehalten, jedenfalls meistens. Nach zwei Jahren war der Kleine dann verschwunden …
Er starrte ihn an. Wie hieß er noch gleich …?
»Wie ich sehe, erinnerst du dich wieder, Xaver Mühlbauer. Glaubtest du, ich hätte vergessen, was du mir angetan hast? Die fürchterlichen Schmerzen, die sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt haben? Die Träume, aus denen ich nachts schweißgebadet aufwache, weil dein Schwanz mich aufspießt und mit jedem Stoß aufreißt, als würde es gerade wieder passieren? Dass ich fast jeden Morgen feststellen muss, dass mich die Vergangenheit erneut eingeholt hat? Jeden! Verdammten! Morgen!«
Xaver schluckte, soweit das mit seiner verstopften Kehle möglich war.
»Und nun möchte ich dir etwas davon zurückgeben …«
Xaver wurde von den gletscherblauen Augen förmlich durchbohrt.
»Schmerzen, endlose Schmerzen. Nur schade, dass du verbal gehandicapt bist. Gerne würde ich von dir wissen, wie es sich anfühlt, den eigenen Schwanz im Mund zu spüren, den du so gerne in kleine Jungen steckst. Natürlich tut das nicht so weh wie bei mir damals, aber da unten …«, er zeigte zwischen Xavers Beine, »… habe ich dafür gesorgt, dass du nachempfinden kannst, wie es ist, wenn einem der Schmerz durch den Körper jagt. Und da wäre noch die Angst, die dich beinahe um den Verstand bringt, wenn du dich fragst: Werde ich sterben? Ich habe lange nachgedacht, welche Strafe für dich angemessen ist. Ein schneller Tod wäre viel zu banal.« Angewidert wandte er sich ab und ging ins Bad.
Als er zurückkehrte, loderte bereits der Wahnsinn in Xavers Augen.
Er beugte sich zu ihm runter: »Nie wieder wirst du kleinen Jungen wehtun. Und nun sollst du fühlen, was richtige Angst ist. Angst, die du in so viele Kinderherzen gesät hast, denen du unsägliche Pein bereitet hast. Unschuldigen Kindern, die das Pech hatten, in die Hände einer Bestie zu geraten. Du hast ihre Seelen für immer zerstört. Nicht alle sind so stark wie ich und bekommen die Gelegenheit, es ihrem Peiniger zurückzuzahlen.« Er beugte sich nach vorne, beinahe von Angesicht zu Angesicht, wie eine Schlange kurz vor dem Zustoßen, und durchbohrte ihn mit seinem Blick. »Und weißt du, was ich als Unrecht empfinde? Dass dein Leiden trotz allem viel zu kurz sein wird. Wirklich schade.«
Er stand auf und ging zum Fenster, in dem sich sein Konterfei spiegelte. Draußen war es mittlerweile dunkel geworden und dichte Nebelschwaden waberten ums Haus, sodass die Straßenbeleuchtung nur noch diffuses Licht verbreitete. Nachdenklich schüttelte er den Kopf. Ist das alles, was von meiner Rache übrig bleibt? Natürlich werde ich ihm versprechen, ihn am Leben zu lassen, wenn er mir von seinen Kontakten erzählt, aber das wird gelogen sein …
Schließlich sang Xaver wie ein Vögelchen. Ohne seinen Schwanz weiterleben zu müssen war ihm wichtiger als der Tod. Wie erbärmlich!
Er wusste nicht, warum ihm gerade jetzt der Gedanke kam: War es nur Rache, ihn auf diese Art zu töten, oder war da mehr? Je länger er darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab das alles. Diese pädophilen Monster mussten aufgehalten werden. Wenn nicht ich, wer dann? Es war wir ein Virus, der sich gerade in seinen Kopf festgesetzt hatte. »Ich bin dazu berufen … ich werde sie jagen, ihrem schändlichen Treiben ein Ende setzen«, murmelt er.
Plötzlich kamen ihm Zweifel. Mit Xaver Mühlbauer könnte die Sache erledigt sein und ich könnte mein Leben ganz normal weiterführen, jetzt, da ich zum Mörder geworden bin. Nein, gab er sich sogleich selbst die Antwort. Mit jedem weiteren Namen, den er aus Xaver herausgepresst hatte, fühle er sich dazu auserkoren, dem schändlichen Treiben dieser Kinderschänder ein Ende setzen zu müssen, weil es sich gut und richtig anfühlte.
Kurz dachte er darüber nach, warum er schwul war. In Xavers Fall war das natürlich hilfreich gewesen. Dass er sich aus dem weiblichen Geschlecht nichts machte, hatte er schon als Kind festgestellt und die Pubertät hatte auch nichts daran geändert. Vielleicht lag es an den Frauen, die er stets als etwas Bedrohliches empfand. War das der Grund, warum er sich zu Männern hingezogen fühlte, obwohl er in ihnen lediglich Objekte zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse sah? Sie konnte er nach Belieben benutzen und danach wie schmutzige Wäsche ablegen und alles auf den reinen Geschlechtsakt reduzieren – ohne jegliche Emotionen. Früher hatte er sich gelegentlich hinreißen lassen, mit einem Mädchen zu schlafen, aber jedes Mal hatte er die Bilder seiner Mutter vor Augen, sodass es ihn anekelte. Dass er es trotzdem probiert hatte, war seiner jugendlichen Neugierde und den Hormonen geschuldet. Oder lag es daran, als Kind niemals Mutterliebe, Zuneigung oder Zärtlichkeiten erfahren zu haben? Empfand er deswegen keinerlei Mitleid oder Mitgefühl? Was ihm völlig fehlte, waren Schuldgefühle. Die Demütigungen und Misshandlungen, die er als Kind erdulden musste, hatten ihn emotional abgestumpft und heute tat er es als unabänderliches Schicksal ab.
Heute war sein Tag. Endlich konnte er sich von seinen nächtlichen Dämonen befreien. Doch das hatte Zeit. Xaver sollte leiden und sich an jede einzelne Schandtat erinnern – je länger, desto besser. Mit einem verächtlichen Blick auf die Jammergestalt ging er ins Wohnzimmer und machte es sich auf der Couch bequem. Er war müde, konnte aber nicht schlafen. Stattdessen zogen die Erinnerungen wie Bilder an seinem inneren Auge vorüber. Wie er nach dem Abitur in die WG zog, an der Uni Medizin studierte und erst nach drei Jahren in sein Haus, das er von Oma geerbt hatte, zurückgekehrt war. Es befand sich einige Kilometer von Waldmünchen entfernt, zwischen Höll und Arnstein, am Fuße des Durr Berges, nur wenige Hundert Meter von der Staatsstraße 2146 entfernt. Man konnte das Haus nur über einen schmalen Forstweg erreichen. Besonders gut erinnerte er sich an jenen Tag, als er in Waldmünchen seinem ehemaligen Trainer begegnete, der ihn aber nicht erkannt hatte. Von da an hatte ihn nur noch ein Gedanke beherrscht: Rache! Ein Gefühl, das so lange in ihm geschlummert und sich wie ein Vulkanausbruch mit Gewalt Bahn gebrochen hatte. Er erinnerte sich noch gut an die Kneipe, in der sich die Atmosphäre sexuell dermaßen aufgeladen hatte, dass das Testosteron wie eine Dunstglocke im Raum schwebte. Er hatte zugesehen, wie tanzende Paare sich begrapschten, sich abwechselnd die Zungen in den Hals schoben oder Hände ungeniert im Schritt des anderen rumfummelten. Und die vom Alkohol und billigen Parfum geschwängerte Luft, die ihm beinahe den Atem raubte. Auch daran, wie er geschickt Xavers Interesse geweckt hatte und bis er sicher sein konnte, dass der in seiner Geilheit nur noch Augen für ihn hatte. Am schlimmsten empfand er dessen Hände in seinem Schritt und die widerlichen Liebkosungen, die ihn anekelten. Es hatte ihn unendliche Überwindung gekostet, die Scharade aufrechtzuerhalten. Xaver zu Hause mit K.-o.-Tropfen außer Gefecht zu setzen und zu fesseln, war dagegen ein regelrechtes Vergnügen gewesen.
So aufgewühlt war an Schlaf nicht zu denken; die Bilder der Vergangenheit geisterten wieder und wieder durch seinen Kopf und spülten alles wieder hoch, was er zu vergessen versuchte. Wie ihn seit Jahren die Dämonen seiner Kindheit in den Träumen heimsuchten; Träume seiner schrecklichen Kindheit ohne Vater, dafür mit einer Mutter, die rauchte und trank und sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt; die ihn von klein auf behandelte wie einen Gegenstand, als hätte er keine Bedürfnisse, Wünsche oder Hoffnungen; die ihre Zigaretten auf seinem Körper ausdrückte, wenn er weinte, und ihn schlug, weil er ihr nichts recht machen konnte. Der kleinste Anlass hatte genügt. Und die Männer, die zu Hause ein- und ausgingen. Mutter sperrte ihn dann in sein Zimmer, wo er den Geräuschen lauschte, die er in seiner kindlichen Einfalt nicht verstehen konnte. Dieses Gestöhne und Mutters spitze Schreie, als er jedes Mal glaubte, ihr würde etwas Schreckliches passieren. Zitternd und weinend betete er zu Gott, dass es endlich vorbei wäre. Nie würde er die Augenblicke vergessen, als die Männer gegangen waren und Mutter im Bademantel, mit halb heraushängenden Brüsten und glasigen Augen, am Küchentisch saß, rauchte und billigen Fusel trank. Dieser ekelhafte Geruch hatte sich für immer in sein Gedächtnis eingebrannt. Immer öfter hatte er sich in seine Fantasiewelt geflüchtet, in eine Welt mit Eltern, die ihn liebten, voller Zuneigung und Hingabe, obwohl er keine genau Vorstellungen hatte, wie das tatsächlich wäre. Freunde hatte er keine und daher auch nie erlebt, wie es in anderen Familien zuging. Als Mutter verschwand – sie war einfach nicht mehr da, als er aus der Schule kam – brachte das Jugendamt ihn zu seiner Großmutter. Oma war eine verwitwete und verbitterte alte Frau, die ihn als Belastung empfand und ihn dies zu jeder Gelegenheit spüren ließ: »Du bist ein müßiger Fresser und zu nichts nutze, nichts weiter als die Rache deiner versoffenen und verhurten Mutter an mir!«, musste er sich tagtäglich anhören. Heute noch spürte er die Schläge, wenn er etwas nicht verstanden oder vergessen hatte. So manchen Abend musste er hungrig zu Bett gehen oder stundenlang im dunklen Keller ausharren. Dabei war er eigentlich sehr intelligent und lernte schnell, sodass er bald wusste, wie er sich zu verhalten hatte, um Oma keinen Anlass zu geben, aber das scherte die natürlich nicht. Seine Lernfähigkeit zahlte sich dafür in der Schule aus. Er wurde zum Einser-Schüler, zum Streber und damit zum Opfer der anderen, aber das störte ihn nicht. Ihre harmlosen Quälereien perlten an ihm ab wie lauer Sommerregen. Und in all der Zeit gab es nur eine Person, die ihm Hoffnung gab, die ihn an das Gute im Menschen glauben ließ und nett zu ihm war. Und ausgerechnet diese Person, auf die er all seine Hoffnungen gesetzt hatte, hatte sich dann als noch viel schlimmeres Ungeheuer herausgestellt: sein Fußballtrainer Xaver Mühlbauer. Er hatte seither keinen Ball mehr angerührt.
In dem Bewusstsein, dass das schlimmste Monster seiner Kindheit festgebunden auf den Tod wartete, schlief er schließlich ein. In dieser Nacht träumte er nicht.
***
Ausgeschlafen machte er sich ans Werk. Finale!
Während Xaver in die abgründigen, wie blaues Gletschereis schimmernden Augen blickte, körperlich geschwächt und nicht mehr in der Lage, sich zu rühren oder einen klaren Gedanken zu fassen, hörte er ihn sagen: »Zeit zu gehen, Xaver Mühlbauer. Ich hoffe, du hattest ausreichend Gelegenheit, über deine Schändlichkeiten nachzudenken.« Mit einem Ruck riss er Xaver das Klebeband vom Mund. »Vielleicht vergibt dir Gott – ich kann es nicht …«
Er zwang Xavers Kiefer auseinander und schob ihm den Penis mit einer Grillzange tiefer in den Hals. Zuzusehen wie sein Peiniger erst rot, dann bläulich anlief, sich vergebens würgend in Todesqualen aufbäumte und an seinen Fesseln zerrte, erfüllte ihn mit unendlicher Genugtuung. Fasziniert schaute er zu, wie seinem Opfer die Augen aus dem Kopf quollen. Schließlich erschlaffte Xavers Körper; ein paar letzte Zuckungen, dann verloren seine Augen ihren Glanz.
Genau in diesem Moment passierte das Unglaubliche: Wellen der Lust durchströmten jede Faser seines Körpers, überfluteten sein Hirn mit Testosteron und ließen seinen Penis anschwellen, sodass es beinahe schmerzte. Sein Herz klopfte bis zum Hals hinauf und sein Puls pochte schmerzhaft in den Ohren. Alles ihn ihm schrie nach Erleichterung, blendete sein Denken aus, weil da nur noch dieses unbändige Bedürfnis war, sich auf der Stelle befriedigen zu müssen. Wie in Trance öffnete er seine Hose und in einem Akt völliger Besessenheit warf er den Kopf in den Nacken und ejakulierte stöhnend auf den Toten. Schauer der Lust jagten durch seinen Körper und entfachten an den Synapsen ein Feuerwerk, das ihn in Sphären emporkatapultierte, wo es kein Hier und Jetzt gab. Er bestand nur noch aus Geilheit!
Obwohl das Testosteron noch immer durch seine Adern pulsierte und sein Körper bebte, fand er allmählich in die Wirklichkeit zurück. Verwundert schaute er an sich runter, weil sein Verstand nur langsam realisierte, dass etwas Außerordentliches, ja geradezu Grandioses passiert war, etwas, das er nicht in Worte zu kleiden vermochte. Nicht mal im Traum hätte er es für möglich gehalten, zu solchen Empfindungen fähig zu sein. Es fühlte sich an wie damals auf der Studentenparty, als er Kokain geschnupft hatte – nur tausendmal intensiver … mit nichts vergleichbar. Damals fühlte er sich unbesiegbar, geradezu gottgleich. Doch diesmal war es anders: Geist und Körper verschmolzen miteinander und schufen etwas Neues, sodass sich der Wunsch nach mehr unauslöschlich in sein Hirn brannte. Hin- und hergerissen zwischen rationalen Erwägungen und neuem Empfinden versuchte er zu begreifen …
Benommen knöpfte er sich die Hose zu und starrte angewidert auf Xaver. Dessen Tod erschien ihm irgendwie trivial, zu schnell und ultimativ, auf jeden Fall nicht das, was er sich ursprünglich erhofft hatte. Er dachte, der Reiz läge in der Vorbereitung, einer exakten Planung und der Freude, so wie bei Oma, als er sich endlich von seinem Joch befreite und sie mit einem Kissen im Schlaf erstickt hatte. Da war er gerade 19 Jahre alt gewesen. Und nun hatte er die Erfahrung gemacht, dass es etwas viel Größeres, Mächtigeres gab: sexuelle Erfüllung im Augenblick des Todes eines anderen. Testosteron und Endorphine hatten sich vermischt und in seinem Hirn etwas Neues kreiert und eine neue Dimension aufgestoßen.
Mit plötzlicher Klarheit erkannte er, dass dieses Erlebnis sein Leben völlig umkrempeln und ihm einen neuen Sinn geben würde. Xavers Tod war zur reinen Alibifunktion verkümmert. Die Namen … warum nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden? Eine Mission, für die es sich zu leben lohnte. Leben und sterben lassen … Der Gedanke war berauschend.
3
Im Goldenen Hirschen
Kirchbichl, inmitten des Oberpfälzer Waldes auf über sechshundert Metern Höhe gelegen, wurde durch die Hauptstraße, die mitten durchs Dorf verlief, geteilt und führte steil bergab ins Tal hinunter. Oben waren es die Bergler und weiter unten die Unterdörfler, wie sie scherzhaft genannt wurden. Das imposanteste Gebäude im Ort war die Kirche. Dann gab es da noch den Tante-Emma-Laden und den Bäcker, die um ihre Existenz kämpften, denn der Druck der Discounter, die in den Kleinstädten ringsum wie Pilze aus dem Boden schossen, setzte ihnen schwer zu. Sie waren ein aussterbendes Gewerbe und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie verschwanden. Neben den wenigen Großbauern gab es noch kleinere Nebenerwerbslandwirte, die alle von den EU-Subventionen über Wasser gehalten wurden. Früher lebten die Menschen vorwiegend von der Landwirtschaft und von dem, was sie dem kargen Boden abzuringen vermochten. Nicht umsonst nannte man die Oberpfalz auch die Steinpfalz.
Neben der Kirche war das Wirtshaus von Wastl Rohleder die zweitwichtigste Institution im Dorf. Wastl, richtig hieß er Sebastian, war 69 Jahre alt und eins fünfundsiebzig groß. Mit seinen schütteren dunkelblonden Haaren und den spitzbübisch dreinblickenden Augen war er die Freundlichkeit in Person. Trotzdem hatte er es faustdick hinter den Ohren – ein richtiges Schlitzohr, das alles wusste, was im Dorf vor sich ging. Gab es nichts zu tun, saß er, mit auf dem Bauch zusammengefalteten Händen und den Kopf auf die Brust gesunken, am Stammtisch und pflegte seinen Schönheitsschlaf, wie er zu sagen pflegte. Wurde er gerufen, war er augenblicklich wach und kam der Bestellung nach. Wastl hatte eine besondere Gabe: Wenn er aus dem Sekundenschlaf hochschreckte, konnte er nahtlos ins aktuelle Gesprächsthema einsteigen.
Wie immer war der Wirtshausbetrieb beschaulich abgelaufen. Am Stammtisch saßen die Kartler und spielten Watten, während sich im kleinen Saal eine illustre Gruppe Berlinerinnen feuchtfröhlich vergnügten. Sie logierten hier einmal im Jahr und ihre Ausgelassenheit übertönte das lautstarke Spiel der Watterer, die mit fast schon sportlichem Ehrgeiz dagegenzuhalten versuchten, ihre Karten auf den Tisch knallten oder ihrem Ärger lautstark Luft machten.
Es war spät. Kartler und Frauengruppe waren schon gegangen, lediglich am Ecktisch saß noch ein junger Mann, so um die fünfundzwanzig, eins neunzig groß, in schwarzer Jeans und schwarzem Hemd. Genauso schwarz waren seine Haare. Aber am auffälligsten an ihm waren die wasserhellen blauen Augen und der stechende Blick in dem ansonsten sympathischen aber blassen Gesicht. Ins iPad vertieft nippte er an seinem Bier.
Wastl entging nicht das heimliche Interesse des jungen Mannes, das der Franzi, seiner Aushilfe galt. Ebenso wenig Franzis Anmache, obwohl beide das zu verheimlichen versuchten. Franzi ließ ja nie etwas anbrennen und war ständig notgeil, aber der junge Mann? Darauf konnte er sich keinen Reim machen. Franziska war Mitte vierzig, hatte kastanienrote kurz geschnittene Haare, eine schlanke Figur und war mit Holz vor der Hütte ausgestattet. Trotz ihres Alters war sie eine attraktive Erscheinung, wenn man von ihrem verlebten Gesicht absah. Sie trank mit den Gästen und war immer gut gelaunt. Eines Tages hatte sie vor Wastls Tür gestanden und um einen Job gebeten. Bei freier Kost und Logis mauserte sie sich schnell zu einer unentbehrlichen Kraft. Das war vor fünf Jahren. Woher sie kam und wer sie war interessierte Wastl wenig. Ihre bloße Anwesenheit steigerte den Umsatz, also blieb sie. Natürlich rief das bei Clothilde, Wastls besserer Hälfte, keine Begeisterungsstürme hervor, als sie aber merkte, dass da nichts lief, verlor sie ihre Bedenken.
Ohne Franzi wäre er längst aufgeschmissen. Seine Thilda war Ende fünfzig, knapp eins sechzig klein, etwas füllig und der gute Geist des Hauses. Selbst bei vollem Stammtisch oder wenn nachmittags unangemeldet eine Drückjagdgesellschaft reinschneite, um ihr Schüsseltreiben mit anschließendem Jagdgericht zu veranstalten, beherrschte sie alles perfekt. Schließlich waren die Waidmänner nicht ganz ohne. Für jeden hielt sie ein nettes Wort parat und ihre freundliche und aufgeschlossene Art machte sie bei den Gästen beliebt. Aber da gab es auch die andere Seite von ihr. Lief ihr etwas zuwider, konnte schnell das Temperament mit ihr durchgehen und dabei scherte sie sich einem Dreck darum, ob die Stube voller Gäste war. Dann schimpfte sie lauthals drauflos oder die Tür flog krachend hinter ihr ins Schloss. Dann musste der Wastl ran. Aber nun kümmerte sich Thilda nur noch morgens um die Hausgäste, nachmittags bis in die Nacht die Franzi, die auch die Letzte war und die Schotten dichtmachte. Manchmal ärgerte sie sich, wenn sie zu später Stunde noch Essen machen musste, weil Thilda schon Feierabend gemacht macht hatte. So wie heute: Schnitzel mit Pommes für die Frauentruppe. Aber Wastl hatte darauf bestanden. Geld klopft nicht zweimal an die Tür, pflegte er zu sagen.
Nachdem endlich alle weg waren, stellte Franzi die Stühle im Saal hoch. Verstohlen blinzelte sie zu dem jungen Mann hinüber, der noch keine Anstalten machte, zu bezahlen. Sie hoffte, bei ihm landen zu können. Ich wäre schon mit einem Quicky im Schlachthaus zufrieden, dachte sie. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie nicht vergessen durfte, die große Fritteuse auszuschalten. Aber dann …
Ohne Zweifel, sie war es! Sein Herz schlug ihm bis zum Hals hinauf, sodass ihm die Röte ins Gesicht schoss. Nach all den Jahren … Unwillkürlich schob er sich den Hemdsärmel hoch und starrte auf die vielen Brandmale, die bereits verblasst waren, nicht jedoch die Schmerzen, die sich für alle Ewigkeit in seine Seele gebrannt hatten. In diesem Moment meinte er, wieder zu spüren, wie die Zigarettenglut zischend sein Fleisch verbrannte. Seine Hände zittern, sodass er sein Bierglas abstellen musste. Was geschieht mit mir? Sind das meine kindlichen Ängste, die mein Unterbewusstsein an die Oberfläche spült, oder die Freude, sie endlich gefunden zu haben? Lange brauchte er nicht zu überlegen: Es war der blanke Hass, der so lange in ihm geschlummert hatte und der sich nun mit Gewalt bahnbrechen wollte.
Er erinnerte sich noch gut daran, wie ihm der Zufall in die Hände gespielt hatte. Nachdem er Xaver Mühlbauer umgebracht hatte, gab es Dringendes zu erledigen. Auf der Rückfahrt von den Fidschis hatte er beschlossen, in Furth im Wald kurz einzukehren. Dort traf er auf den besoffenen Futtermittelverkäufer, der von einer Wirtshausbedienung in Kirchbichl erzählte, die mit jedem ins Bett steigen würde, der halbwegs etwas hermachte – ein richtig dankbarer Jahrgang. Und wie er hellhörig wurde und sich schließlich zu ihm gesetzt hatte. Nach ein paar Runden Schnaps und weiteren obszönen Ergüssen war seine Neugierde endgültig geweckt gewesen. Er wusste nicht warum, beschloss aber instinktiv, der Sache auf den Grund zu gehen.
Und nun saß er hier und beobachtete verstohlen seine Mutter, an die er sich mit jeder Faser seines Herzens erinnerte. Nein, nicht in kindlicher Liebe zu ihr, sondern mit Abscheu und Verachtung. Endlich ist es soweit! Heute werde ich mich von meinen Hassgefühlen befreien.
»Bezahlen bitte!«, rief er ihr zu, worauf sich Franzi zu ihm gesellte und mit einem lasziven Lächeln zu ihm runter beugte, sodass er in ihr Dekolleté schauen konnte.
»Geht aufs Haus. Darf ich fragen, was du mit dem angebrochenen Abend vorhast?« Sie glättete ihren Rock, strich sich wie zufällig über den Busen. »Du siehst nicht so aus, als wärst du müde.«
Sein gerötetes Gesicht interpretierte sie als Schamhaftigkeit, schließlich war er noch jung, womöglich unschuldig? Der Gedanke war überaus reizvoll, sodass ihre die Hormone ins Blut schossen, als er lächelnd zu ihr aufschaute, was Franzi als Zugeständnis deutete.
»Da können Sie recht haben. Was kann man so spät denn noch unternehmen?«
»Ich glaube, da wird uns zwei Hübschen schon was einfallen. Ich brauche eine Viertelstunde, dann bin ich hier fertig. Vielleicht auf meinem Zimmer?« Ihr stand die Geilheit ins Gesicht geschrieben. Irgendwie hatte sie das Gefühl, diesen jungen Mann zu kennen, war aber zu aufgeregt, um darüber nachzudenken. Gedanklich hatte sie ihn längst … »Und zu trinken habe ich auch etwas.« Mit einem Lächeln auf den Lippen wandte sie sich ab, um die restlichen Stühle hochzustellen.
Als sie fertig war, löschte sie das Licht und ging ins Schlachthaus, um die Fritteuse auszuschalten. Es war schon still im Haus. Sie nahm den Einsatz aus der Fritteuse, als ein Schlag auf den Hinterkopf sie bewusstlos zu Boden gehen ließ.
Als sie wieder zu sich kam, saß sie gefesselt und geknebelt auf einem Stuhl. Benommen schaute Franziska in Augen, aus denen jegliche Freundlichkeit gewichen war. Diese Augen … ich kenne sie …
Die Erkenntnis traf sie so unvermittelt, dass sie zu zittern begann. Plötzlich wusste sie, wer da vor ihr stand. Mein Sohn! Wie groß du geworden bist. Wenn ich damals nicht so herzlos gewesen wäre … Aber nun ist es zu spät. Niemals wirst du mir verzeihen können.
Instinktiv ahnte sie, weshalb sie gefesselt vor ihm saß. Es schnürte ihr die Kehle zu. Sie wollte ihn fragen, ob er es wirklich war und ob er wirklich vorhatte, was sie befürchtete.
»Ja, Mutter, ich bin es – dein Sohn! Ich sehe es in deinen Augen, dass du mich erkannt hast.« Er beugte sich zu ihr runter. »Denkst du, ich habe dich vergessen? Seit du mich alleingelassen hast, hatte ich nur einen Wunsch: dich eines Tages zu finden.«
Verzweifelt zerrte Franziska an ihren Fesseln, wollte, dass er ihr das Klebeband abnahm, um ihm sagen zu können, wie leid es ihr tat. Sie wusste, dass sie kein Mitleid erwarten durfte, aber vielleicht konnte sie mit ihm reden. Was ich dir auch angetan habe, ich bin immer noch deine Mutter … Doch der unbarmherzige Ausdruck in seinen Augen ließ sie die schreckliche Wahrheit erahnen: Er will mich töten.
Er kniete sich hin und legte die Hände auf ihre Knie. Auf Augenhöhe, beinahe Nase an Nase, zischte er: »Warum, Mutter … Warum hast du mich damals verlassen? Ich war doch noch ein Kind! Hattest du gar kein Mitleid? Vielleicht hätte ich dir eines Tages vergeben können, doch als sie mich zu Oma brachten, erlebte ich erneut die Hölle. Und weißt du was? Im Laufe der Jahre habe ich versucht, mich von dir zu befreien und dich aus meinem Herzen und Gedanken zu verbannen – doch vergebens. Bei Oma war das einfacher, sie war physisch präsent. Ich habe sie umgebracht, Mutter. Doch du … du bliebst all die Jahre wie ein Geschwür in meinem Kopf, das im Verborgenen wucherte. Du wirst sterben, Mutter.
Du und Oma habt mein Leben zerstört und erst, wenn ihr beide unter der Erde liegt, werdet ihr endgültig aus meinen Gedanken und Erinnerungen verschwunden sein, erst dann werde ich meinen Seelenfrieden finden.«
Er stand auf, weil ihm die Knie wehtaten. Jede Silbe betonend blickte er auf sie hinunter. »Eines solltest du noch wissen: Hättest du mich nicht verlassen, wäre mir all das Leid erspart geblieben. Ich wurde vergewaltigt und musste Monat für Monat dieses Martyrium ertragen, weil niemand da war, an den ich mich hätte wenden können oder der mir geholfen hätte. Ich habe das pädophile Schwein mit seinem eigenen Schwanz erstickt! Ja, auch das ist deine Schuld.« Er hob ihren Kopf hoch. »Schau mich an, Mutter! Du hast aus mir ein Monster gemacht. Das Schlimme daran ist, dass das Töten das Einzige ist, was mir wirkliche Befriedigung verschafft. Es ist wie eine Droge, die mein Blut zum Kochen bringt! Ich kann nicht mehr aufhören. Oh ja, das Töten hat meinem Leben einen neuen Sinn gegeben und nun werde ich von der Polizei gejagt. Das ist es, was du mir als Vermächtnis hinterlassen wirst.« Voller Verachtung blickte er auf sie hinunter und horchte tief in sich hinein, ob da noch etwas war – Fragmente einer Kinderliebe zu seiner Mutter? Aber da war nichts, weder Schuldgefühle noch Mitleid, lediglich grenzenlose Verachtung.
