Boat People - Roland Künzel - E-Book

Boat People E-Book

Roland Künzel

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Beschreibung

ENGLAND IN NOT: Während in London eine EU-Konferenz zur Eindämmung der Migration stattfindet, gerät der Tower in eine gefährliche Schieflage. Der Legende nach bedeutet das den Untergang Englands. Die Queen ist in großer Sorge: Wer soll ihr in dieser ausweglosen Situation auf den Thron folgen? FLÜCHTLINGE IN NOT: An der Küste Westafrikas machen sich Bootsflüchtlinge auf den gefährlichen Weg zu den Kanarischen Inseln, dem südlichsten Vorposten der Europäischen Union. URLAUBER IN NOT: Sie kommen aus Europa, haben ein Luxushotel auf Gran Canaria gebucht und finden sich unversehens in einem schäbigen afrikanischen Flüchtlingsboot wieder. WER RETTET WEN? Das erfährt man erst am Ende einer unglaublichen, märchenhaften und bisweilen atemberaubenden Geschichte von Menschen unterschiedlichster Herkunft, deren Wege sich unerwartet gekreuzt haben. Danach ist nichts mehr, wie es einmal war.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Roland Künzel

Boat People

Roland Künzel, Jahrgang 1951, lebt in Berlin.

weitere Veröffentlichungen:

a) bei epubli:

Die Liebe in der Zeit des Mauerfalls,Roman, 2014,

ISBN 978-3-7375-1079-0

Blaue Reiter vor Verdun,Roman, 2015,

ISBN 978-3-7375-2773-6

b) sonstige:

Florian verschwindet im Computer,Bilderbuch für

Kinder und Jugendliche mit Illustrationen von Margit

Lessing, 2009, ISBN 978-3-86634-839-4

Gregors Erbsen– ein bebildertes Buch über die

Entdeckungen des Augustinermönchs Gregor Mendel

mit Illustrationen von Margit Lessing, 2010,

ISBN 978-3-86634-930-8

Copyright © 2015 Roland Künzel

Verlag: epubli GmbH, Berlin;www.epubli.de

ISBN: 978-3-7375-7704-5

1.

Über dem Buckingham-Palast wölbte sich ein blauer Himmel, wie ihn London schon lange nicht mehr gesehen hatte. Aber das war nur einer der Gründe, warum John Hopkins oft an diesen Tag zurückdenken musste. Die anderen erfuhr er erst später.

„Dagegen verblasst sogar das Blau deiner Uniform“, sagte Jane spöttisch und hakte sich bei ihrem Mann unter. „Ach John, endlich Frühling! Wie schön, dass ...“ 

Eine Kinderstimme unterbrach sie.

„Da ist Europa! Und das ist der Union Jack!“, rief Michael, ihr sechsjähriger Sohn, aufgeregt. Stolz zeigte er mit dem Finger auf die beiden Fahnen, die er in dem großen Flaggenmeer vor dem Buckingham-Palast entdeckt hatte. Verlegen fügte er hinzu: „Die anderen kenne ich gar nicht... Papa, von welchen Ländern sind die?“

John Hopkins straffte sich unwillkürlich, so dass seine Marine-Uniform über der Brust ein wenig spannte. Michael hatte ihm eine Frage gestellt, die mit den Symbolen fremder Nationen zu tun hatte und damit, ohne es zu ahnen, den Rahmen eines privaten Vater-Sohn-Gesprächs verlassen. Plötzlich standen dienstliche Belange im Raum. John ging in die Hocke und führte den rechten Arm des Jungen wie einen Zeigestock:

 „Also... vorne links Spanien... daneben die Tricolore – und schwarz-rot-gold... Deutschland... dann Italien... als nächstes Tunesien..“

Jane unterbrach : „Stimmt nicht, Libyen!“

„Peinlich“, sagte John. „Aber bei den vielen Streifen, Halbmonden und Sternen blicke ich noch nicht durch.“

Michael störte es nicht. „Weiter!“ rief er ungeduldig.

Und während seine Eltern bereitwillig, wie es sich für Eltern eines Einzelkindes gehört, exotische Namen wie Guinea-Bissau, Gambia, Marokko, Mali, Kapverden, Algerien und mehr aufsagten, fuhren dunkle Limousinen eben dieser Länder durch das schwer bewachte Tor des Buckingham-Palasts. Sie hielten vor einem palmengeschmückten Portal, und man konnte sehen, wie festlich gekleidete Menschen ausstiegen und das Gebäude über einen roten Teppich betraten.

„Was machen denn die vielen Leute hier?“ fragte Michael.

Jane tätschelte seinen Kopf.

„Das haben wir dir doch schon einmal erklärt“, sagte sie geduldig. „Heute wird ein wichtiger Vertrag geschlossen. Zwischen Europa und Afrika. Es wird sich dadurch vieles ändern. Für uns und vor allem für Papa!“

Michael sah zu seinem Vater hoch: „Gehst du deswegen nach Afrika?“

„Ja“, antwortete John. „Aber nur für zwei Jahre. Und zwischendurch habe ich immer wieder Urlaub. Dann komme ich nach Hause und bringe dir etwas Schönes mit. Versprochen ist versprochen!“

„Psst!“, sagte Jane und legte den Finger auf den Mund.

Auf einer Video-Leinwand, die man für die Schaulustigen aufgebaut hatte, erschien das Gesicht eines Reporters. Er deutete kurz auf den großen Festsaal, vor dessen Eingang er stand, und begann mit seinem Bericht:

„Inzwischen sind alle Staatschefs Europas und Nordafrikas eingetroffen. Ein farbenprächtiges Bild, vor allem bei den afrikanischen Staatsoberhäuptern in ihren traditionellen Gewändern. So festlich und so international ist es im Buckingham-Palast noch nie zugegangen. Es wird hier als großzügige Geste der Queen gewürdigt, dass sie entgegen sonstiger Gepflogenheit den königlichen Palast für die heutige Vertrags-Unterzeichnung zur Verfügung gestellt hat. Die britische Krone möchte damit ihre Unterstützung der europäisch-afrikanischen Übereinkunft ausdrücken, die ja in letzter Konsequenz auch das Commonwealth betrifft. In etwa einer halben Stunde wird die Queen hier ein Grußwort zu den Delegierten sprechen. Momentan ist sie noch im Tower, um sich persönlich ein Bild von den Rissen im Mauerwerk des Weißen Turms zu machen, die möglicherweise durch eine Grundwasserabsenkung entstanden sind. Außerdem wird sie sich dort über den besorgniserregenden Gesundheitszustand des Raben Branwine informieren.“

Der Reporter grinste, räusperte sich und fuhr fort:

„Alle Zuschauer, die sich jetzt wundern, haben wahrscheinlich noch nie von der Legende gehört, dass die britische Monarchie untergeht, wenn der Weiße Turm einstürzt und die sechs Tower-Raben verschwinden. Um das zu verhindern, hat man ihnen die Flügel gestutzt. Doch was ist, wenn sie den Tower alle vorzeitigtotverlassen? Und der Weiße Turm schonvorherRisse zeigt?Davonist in der Legende nicht die Rede; aber geradeweilsoviel unklar ist, macht man sich in London und natürlich vor allem im Königshaus große Sorgen. Soviel, verehrte Zuschauer, zur Situation im Tower, die viele Briten mehr bewegt als die heutige Vertragsunterzeichnung.

Hier im Festsaal des Buckingham-Palasts tritt jetzt der Präsident der europäischen Kommission ans Rednerpult.“

An dieser Stelle brach die Reportage ab, weil nun die Rede des Präsidenten übertragen werden sollte. Kaum hatte dieser jedoch das Wort ergriffen, begann das Videobild zu flackern und der Ton setzte abwechselnd aus und ein. So waren nur Rede-Fetzen zu hören.

„Das fängt ja gut an!“ meinte John kopfschüttelnd.

Als der Ton nach einiger Zeit wiederkam, sagte der Präsident: „...treten ein in eine neue Phase der Kooperation, die dem beiderseitigen Vorteil dient. Unsere afrikanischen Freunde stoppen die Flüchtlingsströme, die in den letzten Jahren die Beziehungen belastet haben, und nehmen Flüchtlinge, die bereits hier sind, wieder zurück.... ropäer wissen, dass der massenhafte Exodus von Menschen nur durch Verbesserung der Lebensverhältnisse vor Ort.... fühlen uns in der Pflicht und reichen die Hand zu einer gemeinsamen Offensive.... Bildung, Landwirtschaft, Straßenbau, Krankenhäuser, Grenzsich.... Europa wird sich an seine Zusagen halten, aber nur, und ich muss das in aller Deutlichkeit betonen, wenn auch unsere Partner, mit unserer Unterstützung selbstverständlich, das Ihrige....“

DAS IHRIGE blieb im Raum stehen, denn nun setzten Bild und Ton gemeinsam aus und kamen nicht wieder.

„Wie schön, dass es noch die gute alte Zeitung gibt“, seufzte John, und zog dieTIMESaus seiner Jackentasche. „Hier steht es schwarz auf weiß: Die Afrikaner müssen ihre Flüchtlinge nicht nur zurücknehmen, sondern auch zurückhalten. Europäische Kommissare haben das Recht, Häfen und Küstenabschnitte zu kontrollieren. Und wenn trotzdem Flüchtlinge europäischen Boden erreichen und Asyl beantragen, dann müssen ihre Heimatländer erst mal erklären, warum die Leute überhaupt herausgekommen sind. Und wenn sie das nicht können, gibt’s Ärger!“ John lachte und fügte hinzu: „Dann gibt es zur Strafe keine neue Yacht für den Diktator!“

„Jetzt lies uns um Himmels Willen nicht die ganze Zeitung vor“, sagte Jane. „Der Junge versteht die Einzelheiten noch gar nicht!“

„Doch!“, protestierte Michael: „Jetzt dürfen keine Afrikaner mehr auf Opas Apfelplantage arbeiten. Stimmt’s?“

Jane lächelte: „Wahrscheinlich nicht. Und Papa passt als Hafen-Kommissar auf, dass sie sich erst gar nicht mehr auf den Weg machen.“

„Und wer soll dann ernten?“ fragte Michael mit dem Ernst eines Sechsjährigen.

„Du!“ sagte John und nahm seinen Sohn auf die Schultern. Er kreischte.

„Du spinnst, Papa. Guck mal, da hinten gibt’s Eis!“

„Du musst uns lotsen! Ich sehe nichts!“

„Ein Stück nach links... An dem Polizeiauto vorbei...“ Michael kommandierte präzise und klar. Schließlich wollte er das Gleiche werden wie sein Vater: Offizier der königlichen Marine. Und schon war  der Eisstand inmitten des Gedränges erreicht. John bestellte im Auftrag seines Sohnes je eine Kugel Schoko, Erdbeere und Pistazie. Der schwarze Eisverkäufer füllte eine Waffel mit den drei Kugeln und drückte sie Michael in die Hand.

„Hier, mein Junge. Lass es dir schmecken!“ 

Dann wandte er sich an Hopkins: „Ein Pfund zwanzig, Sir!“

Nachdem John bezahlt hatte, wurde ihm zu seiner Überraschung gleich zweimal gedankt: Sein Sohn sagteDanke, Papa  und der afrikanische EisverkäuferDanke, Sir.

2.

Auf dem breiten Futon-Bett eines geräumigen Lofts stapelten sich Krimis und Khaki-Shorts, Sandalen und Sonnencreme sowie etliche andere Utensilien, die man in südlichen Gefilden benötigt. Magnus Böhmer, ein blonder, atletisch gebauter Junggeselle Mitte dreißig, packte seinen Koffer für die schönste Zeit des Jahres. Zum Schluss vergaß er nicht, eine große Packung Kondome in der Innentasche zu verstauen. Er wollte auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Kaum war der Koffer zu, klingelte das Telefon. Magnus zögerte, ließ es ein paar Mal klingeln, und griff dann doch zum Hörer.

„Hier Magnus Böhmer. Ich habe aber nur ganz ganz wenig Zeit!“

„Das ist aber schade“, sagte Bert am anderen Ende der Leitung.

„Ach, du bist’s, Bert. Wo brennt’s denn?“

„Herr Schröder von der SüdBau hat noch einmal wegen der Hypothekenkonditionen angerufen. Und da ich dich deswegen auf Teneriffa nicht stören will, störe ich dich eben jetzt! Immerhin geht es um einige Millionen!“

„Das ist lieb von dir, Bert. Wie gut, dass ich noch nicht auf dem Golfplatz stehe. Weißt du was? Sag’ ihm, dass ich noch nullkommazwei Punkte runtergehen kann. Dann ist Ende der Fahnenstange. Und wenn ihm das immer noch nicht passt, dann kann er mich mal! Okay?“

Aus dem Hörer kam Berts Lachen: „Ich stell’ mir vor, wie du ihm das ins Gesicht sagst, diesem Schlitzohr.“

„Lust hätte ich dazu bei solchen Kunden! Aber jetzt kann ich mir den Ärger erst einmal wegmassieren lassen... von zarten Masseusen hoffentlich... und im Dampfbad allen Stress ausschwitzen.... Apropos Stress“ – Magnus schaute auf seine Uhr – „In genau sieben Stunden geht mein Flieger! Hoffentlich verschlafe ich nicht! Tschüss, und halte die Stellung!“

„Mach’ ich, Magnus. Erhol’ dich gut! Und denk’ dran: Frauen können sehr anstrengend sein! Bis bald!“

Magnus legte auf, goss sich einen Single Malt aus der gut sortierten Hausbar ein und stellte sich ans Fenster. Von weitem grüßte die Reichstagskuppel. Sogar aus der Ferne sah man ihre Besucher, die sich ameisengleich auf festgelegten Straßen nach oben und nach unten bewegten. In den Glasscheiben glitzerte die Abendsonne.

Magnus nahm einen bunten Reisekatalog zur Hand und blätterte, bis er die Seite mit dem Fünf-Sterne-Hotel auf Teneriffa gefunden hatte. Seinem Hotel. Dort schien die Sonne tausend Mal verlockender als über der Silhouette von Reichstag und Alexanderplatz.

Besorgt schaute er auf die Uhr.

Bis zum Abflug waren es jetzt nur noch sechs Stunden und sechsundfünfzig Minuten.

Bevor Magnus ins Bett ging, stellte er sich zwei Wecker. Sie sollten im Abstand von fünf  Minuten klingeln. Für die wichtigsten Wochen des Jahres wollte er auf Nummer Sicher gehen.

3.

Justine war zweiundzwanzig und schlief fest. Ihr Mund war dabei leicht geöffnet und bewegte sich bei jedem Atemzug fast unmerklich. Das Kupferrot ihrer Lippen stand in reizvollem Kontrast zur Farbe ihrer Haut, die an dunkle Bronze erinnerte. Die gerade Nase über dem schön geschwungenen Mund verlieh dem Gesicht etwas Geheimnisvolles, Majestätisches. Kleopatra, hätte vielleicht einer ihrer Mitfahrer gedacht, wenn er denn je von der sagenumwobenen ägyptischen Königin gehört hätte. Zum Schutz vor Staub, Sonne und neugierigen Blicken verbarg Justine ihre langen Rastalocken unter einem bunt gemusterten Tuch.  Sie befand sich auf der Ladefläche eines klapprigen alten Lastwagens und war dort nicht allein. Dicht gedrängt saßen dreiundzwanzig dunkelhäutige Menschen zwischen prall gefüllten Erdnuss-Säcken, dösten vor sich hin und ließen sich auch nicht stören, wenn ihr Gefährt ächzend  ein ausgetrocknetes Flussbett oder ein Geröllfeld durchquerte. Links von Justine hockte ihr Bruder Robert Bumako und rechts ihr Bruder Pierre, der von seiner Frau Pauline und ihrem Sohn Joseph begleitet wurde. Joseph war für seine acht Jahre recht klein und wie ein Baby in den Armen seiner Mutter eingeschlafen.

Im Traum zog das Leben an Justine vorbei, das sie nun zu verlassen hoffte: Die niedrigen Hütten ihres Dorfes, die schlecht bezahlte Arbeit auf Alberts Erdnuss- und Baumwollfeldern, das Hirsestampfen und Matten-Flechten; aber auch schöne Erinnerungen an die Missionsschule, in der sie nicht nur Englisch und Französisch gelernt, sondern auch viele Geschichten von einem verlockenden Kontinent namens Europa gehört hatte. Dort sollte es wunderschöne Schlösser an einem Fluss namens Loire geben und in Paris einen Turm, der fast bis zum Himmel reichte, und elegante Autos, in denen man nicht durchgeschüttelt wurde wie in Youssefs schrottreifem Vehikel.

Sie erwachte unsanft.

Youssef hatte gebremst und den Lastwagen inmitten einer großen Staubwolke zum Halten gebracht. Justine rieb sich den Schlaf und den Staub aus den Augen. Die Sonne stand schon tief. Youssef erschien an der Ladefläche und rief laut:

 „Heh, aufwachen, wir sind da!“

Ungläubig musterten die Passagiere ihre Umgebung. Sie standen mitten in der Halbwüste. Am Horizont aber sah man die Silhouette einer Stadt und dahinter als schmalen blauen Streifen das Meer.

Robert erhob sich und deutete auf die Stadt, die wie eine Fata Morgana anmutete. Wütend schaute er Youssef ins Gesicht.

 „Dasnennst du ‚da’ ? Das sind noch mindestens zwei Stunden Fußweg! Du wolltest uns am Stadtrand absetzen. So war es ausgemacht! Und nicht hier in der Einöde!“

Youssef schüttelte den Kopf, um den er ein gemustertes Tuch geschlungen hatte.

„Die Kontrollen vor der Stadt werden immer schärfer. Ich will wegen euch keinen Ärger bekommen, verstanden? Seid froh, dass ich euch überhaupt mitgenommen habe! Sonst wärt ihr bis zur Küste nicht nur zwei Tage, sondern zwei Monate unterwegs gewesen!“ Er zeigte auf eine Gruppe zerlumpter Menschen, die abseits des Weges rasteten. „Wie diese hier vielleicht!“

Robert ließ sich nicht einschüchtern:

 „Wir haben dich immerhin dafür bezahlt! Und das nicht schlecht!“

Youssef machte eine abwehrende Handbewegung.

 „Bezahlt, bezahlt! Mein Risiko könnt ihr gar nicht bezahlen! Wenn die Polizei mitkriegt, dass ich nicht nur Erdnüsse, sondern auch Flüchtlinge zur Küste transportiere, bin ich meine Karre los! Die lauern doch nur darauf, den Europäern einen Dienst zu erweisen! Und das bestimmt nicht für umsonst! Also runter, sonst gibt’s Ärger!“

Als hätte er auf dieses Stichwort gewartet, stieg Youssefs Beifahrer Ibrahim aus der Kabine. Er hatte den Zeigefinger durch den Bügel seiner Pistole gesteckt und ließ sie wie einen Hula-Hoop-Reifen um den Finger kreisen. Diese Botschaft kam bei den Passagieren an.

„Auf geht’s“, sagte Justine seufzend zu ihrer Schwägerin.

„Besser hier aussteigen als mitten in der Wüste! Oder bei der nächsten Polizeistation!“

Es dauerte nicht lange, bis die dreiundzwanzig Menschen die Ladefläche verlassen hatten. Keiner führte ein größeres Gepäckstück mit sich. Joseph drückte die Hand seiner Mutter ganz fest.

„Und jetzt?“ fragte Robert.

Youssef zündete sich eine Zigarette an und deutete auf die staubige Piste, die sich irgendwo vor der Stadt Nouakar im Dunst verlor.

„Immer schön abseits der Straße laufen! Von wegen der Kontrollen. Die Stadt lasst ihr links liegen. Dann kommt ihr bald zu dem alten Phosphat-Hafen, der schon seit Jahren nicht mehr genutzt wird. Dort sitzen ein paar Männer an einem Feuer. Und die sagen euch, wie es weiter geht. Viel Glück!“

Youssef drehte sich um und stieg wieder ein. Ibrahim sicherte pistolenwedelnd den Rückzug, bis der Motor stotternd und stinkend ansprang. Auf der Ladefläche lagen jetzt nur noch pralle Säcke mit den Erdnüssen von Alberts Feldern. Jetzt konnten die Kontrollen kommen! Während Youssef der untergehenden Sonne hinterherfuhr, verschwanden seine ehemaligen Mitfahrer in einer riesigen Staubwolke.

4.

Im Flugzeug eröffneten sich für Magnus die Perspektiven, von denen er nachts zuvor geträumt hatte: Wenn er den Kopf nach links drehte und aus dem Fenster schaute, sah er nicht mehr die Reichstagskuppel, sondern den wolkenlosen Himmel über dem spanischen Festland, das wie ein Spielzeugteppich in der Tiefe lag. Auf dem Klapptisch  vor ihm stand eine Dose kaltes Bier. Und zu seiner Rechten saß eine junge attraktive Frau in einem aufregenden Sommerkleid, die endlich ihre Ohrhörer ausgestöpselt hatte und damit, so hoffte Magnus, zum kommunikativen Teil des Fluges übergehen würde. Noch sagte sie nichts, sondern blätterte in einem bunten Reiseprospekt, der ihrem Sitznachbarn sehr bekannt vorkam. Magnus schaute eine Weile zu, bevor er nachdenklich sagte:

„Wenn man den bunten Bildern nur trauen könnte... Leider zeigen sie nie die Baustelle nebenan und auch nicht die Quallen am Strand!“

Die Frau blickte ihn aufmerksam an. Ende zwanzig, schätzte Magnus, und der blonde Pferdeschwanz stand ihr sehr gut.

„Sie haben wohl schon schlechte Erfahrungen gemacht?“

Magnus nickte gequält.

„In der Tat. Einmal, in der Karibik, da gab es das Hotel noch gar nicht. Offenbar glaubte nur der Reiseveranstalter an seine Existenz. Und letztes Jahr auf Mallorca war dort, wo angeblich der Strand sein sollte, ein riesiger Haufen Tang und Seegras. Der Hotelier erklärte sich für nicht zuständig. Niemand erklärte sich für zuständig! Mal sehen, was uns auf Teneriffa erwartet!“

Magnus machte eine kurze Pause und fuhr sich mit der Hand verlegen durchs Haar. „Pardon... Ich schaue einfach in Ihre Lektüre... und quatsche Sie von der Seite an, ohne mich vorzustellen... wie dreist... also: Ich heiße Magnus Böhmer.“

„Und ich bin Monika Petzold.“

„Schön, Sie kennen zu lernen. Bitte verzeihen Sie meine Neugier – aber Sie haben gerade die Seite mit meinem Hotel aufgeschlagen!“

Ein Lächeln. „Ich verzeihe. Welches ist es denn?“

Magnus deutete auf die rechte Seite: „Hier. Hotel Princess Garden.“

“Donnerwetter!“, sagte Monika amüsiert. „Fünf Sterne! Sie gehen wohl gleich in die Vollen?”

Bescheiden winkte Magnus ab. „Ach, darum geht es mir gar nicht. Aber das Wellness-Angebot ist erstklassig: Dampfbäder, Massagen, Eistempel, Fitnessräume... Und wo logieren Sie?“

Monika lächelte. „In Vilaflor. Ein kleines Hotel in den Bergen. Nicht so fürnehm wie Ihres. Mein Wellness-Programm heißt Wandern. Zumindest in der ersten Woche. Danach geht’s mit einer Yacht nach Gran Canaria. Dort treffe ich mich mit einer Kollegin zum Golfen.“

„Golfen? Ich will ja nicht aufdringlich sein... Aber es ist möglich, dass wir uns dort wieder über den Weg laufen... Ich mache nämlich dasselbe wie Sie... bis auf das Treffen mit der Kollegin.“

„Hotel Royal Palace?“

„Hotel Royal Palace.“

„Und jetzt sagen Sie bloß noch, dass Sie auch das Piraten-Dinner gebucht haben?“

„Habe ich. Ganz schön teuer, nicht wahr?  Aber so wird die zweite Urlaubshälfte wenigstens stilvoll eingeleitet... Ein Tag auf hoher See... Ankern in einer einsamen Bucht... Und dann ein romantisches Dinner am Strand, bevor wir ins Hotel verfrachtet werden. Schon toll, was sich die Tourismus-Industrie für uns einfallen lässt...!“

 „... sofern wir das nötige Kleingeld haben!“

„Bei Ihnen ist es unübersehbar“, sagte Magnus grinsend und taxierte den Schmuck seiner Nachbarin: Goldene Armreifen, Ringe, eine wunderschöne Perlenkette und last not least eine Brosche mit einem großen Diamanten. Falls er echt war, handelte es sich um mehr als Kleingeld.

„Kompliment!“ fügte Magnus noch hinzu. „Der Schmuck steht ihnen sehr gut!“

Eine leichte Röte flog über Monikas Gesicht.

„Dankeschön!“ sagte sie artig.

Der Flugkapitän unterbrach ihren Flirt. Er meldete sich  aus den Bordlautsprechern:

„Wir haben jetzt gleich den Atlantik erreicht. Unter uns liegt Cadiz. Wenn sie nach links schauen, sehen sie schon die Küste Afrikas. Auf Teneriffa ist es übrigens leicht bewölkt bei 24 Grad.“

„Da hinten!“ sagte Magnus und zeigte mit dem Finger auf einen schmalen Strich am Horizont. „Da ist Afrika!“

Er lehnte sich in seinen Sitz zurück, damit auch Monika sich zum Fenster beugen konnte. Statt Afrika hatte Magnus nun den großzügigen Rücken-Ausschnitt ihres Sommerkleids im Blick.

„Können Sie es sehen?“

„Ja“, sagte Monika noch kurzem Zögern. „Jetzt sehe ich Afrika. Das dunkle verlockende Afrika!“

Sie lehnte sich wieder zurück. Dabei streifte ihr Pferdeschwanz wie zufällig Magnus’ Gesicht. Ganz unauffällig sog er den Duft ihres teuren Parfums ein. Es roch verführerisch.

5.

Der Sonnenuntergang hätte jedem Tourismus-Magazin zur Ehre gereicht: Ein rotglühender, ins elliptische verzerrter Ball, der hinter Palmen, Minaretten und Telefondrähten im Atlantik versank. Justine und ihre Begleiter hatten keinen Blick dafür. Sie hielten kurz inne, aber nicht romantischer Gefühle wegen, sondern nur, um durchzuatmen; um Kraft zu schöpfen für die letzte Etappe zum Hafen. Die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, verringerte sich durch die Dämmerung im gleichen Maße wie das Risiko stieg, in dem unwegsamen Gelände abseits der Straße zu stolpern. Robert ging an der Spitze, weil er zu Hause schon manche nächtliche Pirsch mitgemacht hatte. So verstrich Minute um Minute. Plötzlich blieb er so abrupt stehen, dass Justine, die hinter ihm lief, auf seinen Rücken prallte und ihn beinahe umgerissen hätte. Es störte ihn nicht.

„Seid leise und horcht!“ flüsterte Robert.

„Es rauscht“, sagte Joseph. „Was bedeutet das, Mama?“

„Bald sind wir am Meer“, antwortete Pauline.

Die meisten Flüchtlinge konnten sich darunter nur wenig vorstellen. Sie hatten zwar am Nachmittag den blauen Streifen am Horizont und zu Hause das eine oder andere bunte Bild mit Schiffen und Wellen gesehen – aber kaum einer war im Leben schon einmal in Nouakar gewesen, um das Wunder mit eigenen Augen zu bestaunen. Umso stärker beschäftigte es ihre Phantasie. Immerhin lag hinter dem Meer ein Land mit sagenhaftem Reichtum; das Land ihrer Träume; ein Land namens Europa. Irgendwo hinter dem Horizont wartete das bessere Leben. Und irgendwo in einem verlassenen Hafengelände wartete das Boot, das sie dorthin bringen würde.

Joseph sah das Feuer zuerst.

„Da hinten!“ raunte er.  Pauline war stolz auf ihren Sohn.

„Hoffentlich warten sie dort wirklich auf uns!“ sagte sie besorgt.

„Hoffentlich!“, wiederholte Pierre skeptisch.

„Die Polizei würde uns bestimmt nicht am Lagerfeuer erwarten“, versuchte Robert zu beruhigen. Trotzdem verlangsamte er den Schritt.

Die Flammen erhellten gespenstisch die Überreste verrotteter Hafenanlagen: eingestürzte Schuppen, ein stählernes Boots-Skelett und  das Gerippe eines Verladekrans. Am Feuer mitten in der Einöde saßen drei Männer. Als sie die Gruppe bemerkten, standen sie sofort auf und nahmen eine drohende Haltung ein. Sie ließen die Flüchtlinge bis auf etwa zwanzig Schritte herankommen.

„Stehen bleiben! Was wollt ihr? Woher kommt ihr?“, fragte einer der Männer, der eine verschlissene Baseballkappe trug und offenbar der Anführer war.

Robert trat einen Schritt vor. „Youssef hat uns bis vor die Stadt gebracht.“ Er fügte hinzu: „Aber leider nicht bis hierher!“

Die drei Männer - Ali, Filip und Said – tuschelten kurz miteinander und ließen ihre Besucher dabei nicht aus den Augen.

„Youssef... Mit welchem Auto?“ fragte Ali.

Robert lachte: „Keine Ahnung. Eine Schrottmühle.“ Er drehte sich um. „Weiß es jemand von euch?“

„Ich glaube ja“, meldete sich Joseph. „Vorne war es ein Toyota und  hinten ein Renault!“

Die drei Männer steckten wieder die Köpfe zusammen. Dann durfte Filip etwas sagen: „Und warum seid ihr hier? Ist euch kalt?“

„Schluss mit dem Versteckspiel!“, sagte Robert ärgerlich. „Wo ist das Boot?“

„Welches Boot?“ fragte Ali ungläubig. Seinem Gesichtsausdruck nach hatte er noch nie etwas vom Meer, geschweige denn einem Wasserfahrzeug, gehört. Er zuckte zusammen, als Justine ihre Fassung verlor:

„Jetzt reicht es aber!“, schrie sie. „Meinst du, wir sind zum Spaß seit gestern früh mit einem Schrottauto unterwegs und außerdem9 durch die halbe Nacht gelaufen?“

„Schon gut, schon gut!“ Ali machte eine beschwichtigende Handbewegung. „Wenn du noch lauter schreist, haben wir die Polizei gleich am Hals und nicht erst auf den Kanarischen Inseln. Vielleicht dürfen wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, oder etwa nicht? Immerhin sitzt ein paar Kilometer weiter der europäische Hafenkommissar und wartet darauf, dass ihm ein paar Illegale gemeldet werden! Doch kommen wir nun zum Geschäftlichen.“

„Geschäftlich?“ fragte Justine erschrocken. „Was meinst du damit? Wir haben doch schon bezahlt!“

Ali schüttelte bedauernd den Kopf: „Das mag sein. Aber nicht genug. Leider noch nicht genug!“

Robert ging drohend auf Ali zu. „Was soll das heißen?“

„Dass sich die Preise geändert haben. Und auch das Risiko seit dem Vertrag von London. Es kommt kaum noch jemand durch. Der Sprit wird jeden Tag teurer. Ihr scheint tatsächlich hinter dem Mond zu leben!“

Robert zuckte mit den Schultern. „Wir haben den Schleusern unser letztes Hemd gegeben!“

„Du kannst gern nach Europa rudern, wenn du willst.“ sagte Ali ungerührt. Das war zuviel Zynismus für Robert. Mit einem Satz war er bei Ali - und schaute in Filips Pistolenmündung.

Keuchend blieb Robert stehen. „Pistolen habt ihr alle! Ich weiß auch, warum. Ihr Schweine!“

Auch jetzt blieb Ali ganz ruhig. „Du kannst zu uns sagen, was du willst. Es interessiert uns nicht. Aber bevor wir uns trennen, will ich noch einmal Klartext reden!“

Pathetisch deutete Ali in die Richtung, aus der das Meeresrauschen kam. „Die Zeiten, in denen man schnell mal von Marokko zu den Kanarischen Inseln fahren konnte, sind unwiderruflich vorbei! Diese Meerenge wird besser bewacht als der Palast unseres Präsidenten! Habt ihr eigentlich eine Ahnung davon, wie weit wir fahren müssen? Fast fünfhundert Seemeilen, falls euch das was sagt! Nur noch von Süden hat man die Chance, an die Kanaren heran zu kommen – wenn überhaupt! Und wer keinen anständigen Motor am Heck hat, der ist  tagelang unterwegs und geht dann der spanischen Küstenwache ins Netz wie ein toter Fisch! Unter zwanzig Knoten könnt ihr einpacken! So, und jetzt zähle ich bis zehn, und dann geht ihr wieder dorthin, wo ihr hergekommen seid!“

Alis Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Wer weiß, dachte Justine bitter, wie oft er an dieser Stelle schon die gleiche Rede gehalten hatte?

Doch das war in diesem Moment völlig bedeutungslos. Es gab keine Alternative. Die Flüchtlinge tuschelten und diskutierten untereinander, während Ali, Filip und Said mit verschränkten Armen am Feuer standen und die Gruppe nicht aus den Augen ließen.

Nach kurzer Beratung ging Robert auf Ali zu und blieb einen Schritt vor ihm stehen.

„Wieviel willst du?“

Ali grinste und ging prüfend von einem Flüchtling zum anderen. Er zeigte auf den Schmuck von Justine, Pauline und den anderen Frauen.

„Nun... das hier... und dieses.... und auch noch den goldenen Ring.“  Pauline wusste, dass sie damit gemeint war. Sie drehte sich schluchzend um.

Justine umarmte sie und sagte: „Tu, was er verlangt, Pauline.“

Schweigend und stolz legten die Frauen die geforderten Schmuckstücke ab und überreichten sie Ali. Der kleine Joseph verfolgte das Geschehen mit großen Augen.

„Warum machst du das, Mama? Die Ringe hat dir doch Papageschenkt!“

Pauline nahm ihren Sohn in die Arme.

„Ach, das erzähle ich dir später, mein Junge.“

Ali, Filip und Said prüften die Schmuckstücke fachmännisch. Man merkte ihnen an, dass sie Erfahrung in einer solchen Tätigkeit besaßen. Und offenbar fiel die Prüfung zu ihrer Zufriedenheit aus, denn Filip wandte sich an die Flüchtlinge und sagte laut Mitkommen!

Langsam setzte sich die Gruppe in Bewegung und folgte Filip in die Dunkelheit. Said war der Schlussmann, und Ali blieb am Lagerfeuer zurück. Man hörte Flüche und vereinzelte Schreie, wenn jemand stolperte oder sich an den Betonhindernissen stieß. Doch plötzlich verstummte alles Schimpfen und Klagen. Das Rauschen des Meeres empfing sie wie ein riesiges Orchester.  Sogar Filip und Said blieben für einen Augenblick  stehen. Die Gischt leuchtete in die Dunkelheit hinein. Ein verfallener Pier war zu erkennen und die Umrisse eines kleinen Bootes.

6.

Im Hafen von Los Cristianos gaben sich Yachten aus aller Herren Länder ein Stelldichein. Schnittige Motorboote, Einmaster, Katamarane, Zweimaster, Mahagoni und Messing wechselten sich ab und zogen die Blicke vieler Bewunderer auf sich. Dazu schien die Sonne von einem blauen Reiseprospekt-Himmel, und die Menschen, die auf der Promenade flanierten, waren entspannt, gut gekleidet und gut gelaunt. Mit einem Wort: Teneriffa.

Zwei Kleinbusse kurvten durch die Hafenanlagen, hielten an der Kaimauer und entließen zwei Gruppen braun gebrannter, fröhlicher Urlauber, die allesamt Seeräuberkluft trugen. Sie unterhielten sich lebhaft auf Deutsch, Englisch, Holländisch und Russisch. Zur einen Gruppe gehörte Magnus und zur anderen Monika. Als sie sich erkannten, gingen sie aufeinander zu  und umarmten sich wie gute Freunde.

„Sie sehen blendend aus!“, sagte Magnus. „Das Wandern hat Ihnen gut getan... ach Quatsch, können wir nichtdusagen? Ich heiße immer noch Magnus.“

„Und ich Monika. Ja, das Wandern war super. Bis auf dreitausend Meter Höhe! Den Ausblick hätten Sie... hättest du sehen müssen! Aber dir scheint es auch nicht schlecht ergangen zu sein.“

Magnus grinste. „Es war entsetzlich. Jeden Morgen die Qual der Wahl. Gehst du zum Wrapping? Oder zum Peeling? Oder zur Duftöl-Massage? Aber jetzt ich habe es überstanden!“

„Du Ärmster.“

Magnus legte den Kopf zur Seite und musterte Monikas Piraten-Kleid mit dem gleichen Blick, mit dem er im Flugzeug ihren Schmuck taxiert hatte. „Sohabe ich mir immer die Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschenoper vorgestellt!“

Monika stieß ihn leicht in die Rippen, was bei ihm ein angenehmes Kribbeln auslöste. „Und du siehst aus wie Störtebecker!“

Erschrocken fasste sich Magnus mit beiden Händen an den Kopf. „Denmöchte ich aber noch einige Jahre behalten... Apropos Störtebecker: Wo ist denn überhaupt das Boot, das wir entern sollen?“

„Keine Ahnung“, sagte Monika. „Aber schau’ mal... Dort hinten winkt jemand!“

Vom Pier kam ihnen ein untersetzter, dunkelhaariger Mann in Kapitäns-Uniform entgegen. Dreiundzwanzig phantasievoll gekleidete Urlauber scharten sich um ihn.

„Mein Name ist Serge Lopez“, stellte er sich auf Deutsch und Englisch vor. „Ich freue mich, dass Sie nachher an Bord meine Gäste sein werden. Ich fahre mit Ihnen nach Gran Canaria und setze Sie in einer romantischen Bucht ab. Dort wartet  schon das sagenhafte Piraten-Dinner auf Sie. Lassen Sie sich überraschen! Und vor allem verwöhnen! Abends holt Sie ein anderes Boot wieder ab und bringt Sie nach Puerto de Mogan. Von dort werden Sie in Ihre Hotels gebracht.“

„Findet uns Ihr Kapitäns-Kollege denn mitten in der Dunkelheit?“ fragte Magnus misstrauisch.

Serge Lopez lachte.

„Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen! Die Piraten-Dinner finden seit Jahren immer in zwei benachbarten Buchten statt. Manchmal streiten sich die Hotels um die Plätze. Ist die eine Bucht besetzt, geht man eben in die andere. Keine hundert Meter entfernt! Die Koordinaten hat mein Kollege im Kopf! Und ich auch! Also: Sie können unbeschwert feiern! Wir haben noch nie jemanden sitzen lassen!“

„Dann kann ich heute länger aufbleiben, Oma!“ freute sich ein achtjähriges Mädchen, das eine Totenkopf-Fahne in der Hand hielt.

„Das werden wir sehen, Svenja!“, antwortete die Angesprochene ausweichend. Eigentlich sah sie, Hanna Krüger aus Heidelberg, gar nicht wie eine Oma aus und ihr Mann Werner auch nicht wie ein Opa. Sie waren zwar beide Mitte fünfzig, wirkten aber trotz ihrer grauen Haare durch ihre sportliche Ausstrahlung jünger – und natürlich auch durch die abenteuerliche Seeräuberkluft, mit der sie sich auf das Piraten-Dinner vorbereitet hatten.

Der Kapitän strich Svenja über das blonde Haar. „So eine hübsche Piratenbraut habe ich ja mein Leben noch nicht gesehen!“ Daraufhin senkte die Braut kokett den Blick und suchte Hannas Händedruck.

Lopez fuhr fort: „Bevor ich es vergesse, möchte ich Sie an den Gepäck-Service erinnern. Sie können Ihr Gepäck einfach in den Bussen lassen. Es wird direkt in Ihr Hotel gebracht. Aber nehmen Sie bitte Ihre Ausweise mit. Sie wissen, dass unsere Küstenwache sehr tüchtig ist und vor allem Boote mit verdächtigen Piraten kontrolliert!“

Der Kapitän lachte und zeigte einladend zu einer schnittigen, weißen Motoryacht. „Um halb drei fahren wir los!“

Einige Seeräuber nutzten die verbleibende Zeit damit, ihre Koffer-Anhänger zu kontrollieren und noch einige Strand-Utensilien auszupacken. Bald darauf fuhr ein kleiner Gepäckwagen mit Anhänger vor. Der Fahrer stieg aus und begann mit dem Verladen der Koffer, wobei er mehrfach herzhaft gähnte.

„Was ist los mit dir, José?“ fragte einer der Busfahrer teilnahmsvoll. José gähnte schon wieder und ordnete dabei das Gepäck auf der Ladefläche.

 „Müde bin ich, Juan, todmüde! Ich habe mir letzte Nacht den Boxkampf im Fernsehen angeschaut. Das spüre ich jetzt noch. Heute geht’s früh ins Bett!“ 

Juan lachte und schlug ihm auf die Schulter. „K.O. durch Zuschauen! Schlaf’ dich aus und grüße Elvira von mir!“

„Mache ich!“, antwortete José. „Adios!“

Nachdem er das letzte Gepäckstück auf der offenen Ladefläche verstaut hatte, setzte sich José ans Steuer und fuhr zu einem abgelegenen Teil des Hafens, wo ein kleines Areal für das Ladegut der Schnellfähren reserviert war. Kaum hatte er den Motor abgestellt und die Handbremse angezogen, sank er schon mit dem Oberkörper auf das Lenkrad und schlief sofort ein. Ein Mann beobachtete ihn aufmerksam und verschwand, um kurze Zeit später mit einem Kombi samt Beifahrer wiederzukommen. Er fuhr rückwärts an den Gepäckwagen heran. Der Beifahrer öffnete die Hecktür. Dann ging alles sehr schnell. Innerhalb weniger Sekunden hatten vier kräftige Männerfäuste das gesamte Gepäck umgeladen. Als der Kombi losfuhr, wachte José auf. Verwirrt drehte er sich um und starrte fassungslos auf die leere Ladefläche. Von dem Auto der Diebe sah er nur noch das Heck, das hinter einem Hafengebäude verschwand.

Der Kombi fädelte sich ohne besondere Eile in den Stadtverkehr ein. Nach wenigen Minuten erreichte er ein Industriegelände, zu dem Autowerkstätten, Lagerhallen und zahlreiche Nebengebäude gehörten. Das Auto hielt und der Beifahrer öffnete ein hölzernes Tor, das aus zwei schweren Flügeln bestand. Der Kombi fuhr hindurch, und das Tor schloss sich hinter ihm. Genauso schnell, wie die beiden Männer das Diebesgut eingeladen hatten, packten sie es auch wieder aus und verteilten es auf dem Betonfußboden. Eifrig öffneten sie die Koffer und Taschen, durchwühlten sie genüsslich und präsentierten sich grinsend gegenseitig Schmuck, Geld und andere Beutestücke. In einer Dokumentenmappe des Reiseveranstalters fand sich sogar die Gästeliste für die Suiten im 5-Sterne-Hotel Royal Palace auf Gran Canaria. Als einer der Diebe in Magnus’ Koffer eine  Packung mit zwanzig Präservativen entdeckte, grinste er und stieß seinen Kumpel mit dem Ellbogen an.

„Guck’ mal hier. Zwanzig Stück! Offenbar hatte er viel vor!“

Der Kumpel kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Da wird er sich wohl neue besorgen müssen!“

Zur gleichen Zeit standen Magnus und Monika am Vordeck ihrer Yacht wie einst Jack und Rose auf derTITANIC. Sprachlos sahen sie zu, wie der blendend weiße Bug das blaue Wasser zerteilte. Irgendwann brach Monika das Schweigen.

„Von mir aus könnten wir tagelang so weiterfahren. Bis ans Ende der Welt!“

„Von mir aus auch“, sagte Magnus, und er meinte es ehrlich.

Er küsste Monika aufs Ohr.

7.

Ein kleines Fischerboot aus Eukalyptusholz fuhr über den Atlantik. Der Kurs war leicht zu halten: nach Norden, immerzu nach Norden, wo die Kanarischen Inseln wie die Säulen des Herkules aus dem Meer ragten und den Eingang nach Europa markierten.

Der Bauch des Fischerboots war gut gefüllt – aber nicht mit Thunfisch und Seeteufel – sondern mit dreiundzwanzig afrikanischen Passagieren.

Dicht aneinander gedrängt kauerten, saßen und lagen sie auf dem Boden des kleinen Laderaums. Etliche waren seekrank und übergaben sich immer wieder in einen bereit stehenden Kübel. Manchmal spritzte Gischt durch die offene Luke und brachte einen Hauch von frischer Meeresluft mit, die aber nicht gegen den Gestank im Laderaum ankam. Der kleine Joseph weinte. Justine kümmerte sich um ihn, weil seine Eltern auch seekrank waren und sich stöhnend den Bauch hielten. Sie streichelte ihren Neffen und summte ihm etwas ins Ohr. Als er immer noch weinte, stand sie kurz entschlossen auf und steckte den Kopf aus der Lukenöffnung.

„Was willst Du?“ fragte Filip barsch. Er hatte es sich neben Said, dem Steuermann, bequem gemacht.

„Kann ich denn nicht wenigstens mal ganz kurz mit dem Kleinen ins Freie? Es geht ihm dreckig!“

Justines Frage ging im Dröhnen des Motors unter. Er lief mit voller Kraft.

„Verdammt, was ist los?“ brüllte Filip verärgert.

„Ins Freie will ich mit dem Kleinen!“ schrie Justine, so laut sie konnte. „Er kotzt noch seine Gedärme aus, wenn das so weiter geht!“

Filip blieb unbeeindruckt. „Wie oft soll ich euch noch sagen, dass ihr unten bleiben müsst!“ schrie er zurück. „Wenn die Küstenwache Frauen und Kinder sieht, weiß sie sofort, was los ist! Seid froh, dass wir bisher keinen Zwischenfall hatten! Wenn alles klappt, sind wir um Mitternacht da! Und jetzt nervt mich nicht weiter, sonst drehe ich um!“

Enttäuscht zog Justine ihren Kopf wieder zurück.

„Bald sind wir da, Monsieur Joseph“, flüsterte sie dem Jungen ins Ohr. „Am besten schläfst du noch ein wenig. Wenn wir in Europa sind, wecke ich dich. Versprochen!“

Joseph versuchte ein tapferes Lächeln und schloss dann tatsächlich die Augen.

Obwohl es Pierre genauso schlecht ging, legte er den Arm um seine Schwester: „Nur noch dieser Tag. Dann haben wir’s hinter uns.“

Justine drehte den Kopf zu ihm. „Denkst Du auch manchmal daran, wie es weitergehen wird?“

Pierre lächelte. „Ständig. Woran sollte ich sonst denken?“

„Ich frage mich manchmal, ob es in Europa wirklich so aussieht wie auf den Bildern, die uns Monsieur Berger in der Missionsschule gezeigt hat. Die Menschen auf den Fotos sahen so zufrieden aus. Und jeder schien ein Auto zu haben.“

„Ach, ich weiß nicht... Nach dem, was man so hört, scheinen sie nicht unbedingt auf uns zu warten. Aber das sollen sie auch gar nicht. Eine Arbeit und eine Unterkunft – mehr muss es doch gar nicht sein!“

„Denkst du auch an zu Hause? An Papa und Mama?“

„Ich bete, dass ich ihnen bald das erste Geld schicken kann“, sagte Pierre ernst. „Sie haben doch so große Hoffnungen auf uns gesetzt... Sie haben Schulden gemacht, um die Schleuser zu bezahlen. Wenn wir nichts schicken, gehören ihnen die Felder nicht mehr... Ich mag gar nicht daran denken!“