Blaue Reiter vor Verdun - Roland Künzel - E-Book

Blaue Reiter vor Verdun E-Book

Roland Künzel

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Beschreibung

Erster Weltkrieg. Vier Männer. Einer flieht vor der drohenden Internierung. Die drei anderen ziehen nach Frankreich in den Kampf. Nur einer kehrt von den Schlachtfeldern zurück. Die Männer heißen Wassily Kandinsky, Franz Marc, August Macke und Paul Klee. Der Blaue Reiter ist tot. Das ist das Ende einer Geschichte, die mit einem unbekümmerten Jungen beginnt, der Indianer nicht nur spielt, sondern auch malt: August Macke. Vor allem aus seinem Blickwinkel, später auch dem Franz Marcs und Paul Klees, erlebt der Leser die spannenden Aufbrüche am Beginn des 20. Jahrhunderts, zu denen auch der Blaue Reiter gehört. Ob Münter, Kandinsky, Marc, Werefkin, Klee oder Macke: Alle sind sie auf der Suche nach der Befreiung der Kunst aus den erstarrten Konventionen der Kaiserzeit. Während Macke mit Marc in seinem Atelier das Paradies malt und mit Paul Klee auf die Tunisreise geht, verfinstert sich der Himmel über Europa. Nach den Schüssen von Sarajevo werden auch diese drei Maler in den Strudel des Kriegs hineingerissen. Plötzlich stehen die paradiesischen Ideale des Blauen Reiters der grausamen Wirklichkeit von Verdun gegenüber.

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Roland Künzel

Roland Künzel, Jahrgang 1951, lebt in Berlin.

weitere Veröffentlichungen bei epubli:

Die Liebe in der Zeit des Mauerfalls, Roman, 2014,

  ISBN 978-3-7375-1079-0

Boat People, Roman, 2015

Titelgestaltung unter Verwendung des Umschlag-

  Bildes zum Almanach „Der Blaue Reiter“ (1912/14)

  von Wassily Kandinsky

  Copyright © 2015 Roland Künzel

Prolog

 

Da  ist  das  schleifende  Geräusch  des  Zimmermannsblei-

stifts, der seine kräftigen Linien auf einem ungehobelten Brett hinterlässt. Je mehr sich die Mine auf dem rauen Untergrund abnutzt, desto breiter und stumpfer werden die grau schimmernden Striche. Sie zerfasern und verblassen frühzeitig. Manchmal schlägt der Stift Haken, dreht Pirouetten und springt unvermittelt in die Luft, um seinen Weg an anderer Stelle fortzusetzen.

Das Geräusch, obwohl leise und unaufdringlich, hat August aus seiner tiefen Müdigkeit gerissen. Ein Stift, der über eine Unterlage gleitet... Das Schleifen und Schaben, das er schon so oft selbst erzeugt hat. Die Melodie, mit der auf dem Zeichenkarton eine Skizze entsteht; ein Baum, ein Mensch, ein Liebespaar.

„Nächster!“, bellt die Stimme von Unteroffizier Schrader, der eine Kladde mit grauem Feldpostpapier in der Hand hält. Der Gefreite König spitzt die stumpf gewordene Bleistiftmine mit wenigen kräftigen Bewegungen seines Messers wie einen Zaunpfahl an und geht dann befehlsgemäß vor dem nächsten Sarg in die Hocke.

„Nummer 12!“, diktiert Schrader und fügt hinzu: „Unteroffizier Friedrich Kurscheid!“ Er darf seinen Dienstgrad, grau schimmernd geschrieben, mit ins Grab nehmen. Das Geburtsdatum – er wurde immerhin 24 Jahre alt – wird auf einem der schlichten Holzkreuze stehen, die man hinter der zerstörten Dorfkirche für Kurscheid und seine siebzehn Kameraden aufgestellt hat. Mindestens drei von ihnen, so munkelt man in der Kompanie, sind durch die eigenen Leute ums Leben gekommen.Was ist passiert? Ein erbittertes Gefecht um das kleine belgische Dorf Porcheresse. Französische Infanterie hat den Ort besetzt, um den Vormarsch der Deutschen noch vor den eigenen Grenzen zu stoppen.Porcheresse ist um jeden Preis vom Feind zu säubern!lautet der Befehl an die 5. Kompanie des 9. Rheinischen Infanterieregiments. Verbissen kämpfen die Soldaten um jedes Haus und um jede Scheune. Als die Sonne untergeht, ist der Kampf noch immer nicht entschieden. In der Dämmerung verblassen die Farben. Das Ohr mutiert zum Zielfernrohr, weil das Auge nur noch Schemen sieht. Wer Freund und wer Feind ist, wird plötzlich ungewiss. Man schießt ins Dunkel... Erst im Morgengrauen klären sich die Fronten. Manchmal liegen Deutsche und Franzosen friedlich nebeneinander, im Tod vereint und nur durch die Farbe ihrer Uniformen zu unterscheiden.

 

August Macke richtet sich auf und lässt seine Blicke über das Ruinenfeld schweifen. Aus den verkohlten Überresten von Menschen, Tieren und Häusern dringt beißender Qualm.

„Und was machen wir mit den toten Franzosen?“

„Gar nichts, Herr Feldwebel!“

August lächelt müde. Seine braunen Haare hängen ihm schweißverklebt in die Stirn.

„Die Frage ging eigentlich an mich selbst, Schrader... Aber Sie haben Recht. Es sind zu viele, und wir müssen weiter. Sollen sich die Belgier um sie kümmern!“

Aus der westlichen Himmelsrichtung hört man Geschützdonner. Im Westen liegt Frankreich, nur noch einen, höchstens zwei Tagesmärsche entfernt.

 

                                          + + +

 

Hagéville, 30 Kilometer vor Verdun.

Man hat sich eingerichtet. Die Feldartillerie, 150 Batterien, ist außer Gefecht, weil sie nicht benötigt wird. Verdun schießt seit drei Tagen nicht mehr. Alles steht in einem ungewissen Warten, das doch seinen Grund haben muss... Das ist das Schlimmste am Krieg. Das Warten. Auch die Tagesroutine kann die latente Spannung nicht mindern. Trotzdem gaukelt sie ein geordnetes Leben vor: Aufstehen! Ofen anheizen! Waschen! Kaffee kochen! Essen fassen! Antreten! Die Augen lllinks! Rühren! Tagesbefehl verlesen! Am Mittag dann die Postausgabe, falls nicht wieder einmal hunderte von Postsäcken verbrannt sind. Diesmal nicht:

„Ein Paket für Unteroffizier Marc!“

Der Angesprochene, groß und hager, erhebt sich, um die Sendung in Empfang zu nehmen.

Ein Paket... Wer dieses Wort fern der Heimat laut ausspricht, dem wenden sich in diesen Tagen sofort neugierige Blicke zu. Ein Paket, das heißt Tabak, Schnaps, Ellbogenwärmer, Hartwurst oder von der Liebsten selbst gehäkelte Socken für die ersten kalten Oktobernächte des Jahres 1914. Für Franz Marc heißt es diesmal: Schokolade. Ein Raunen geht durch die Reihen der Kameraden. Es gilt nicht nur dem Inhalt des Pakets, sondern auch seinem Herkunftsland: der Schweiz. Und seinem Absender: Fräulein Gabriele Münter.

„Glückwunsch, Marc! Ein treues Eheweib in Ried... und eine spendable Freundin in der Schweiz... das hätte ich auch gern!“

„Weiß denn die Maria von der Gabriele? Wir werden schweigen wie ein Grab – gegen ein paar Stücke Schokolade, versteht sich.“

Franz Marc nimmt den Spott der Kameraden gelassen hin. Natürlich wird er sie mit Kostproben der kostbaren Schweizer Schokolade versorgen... Da ist er großzügig. Ihn beschäftigt etwas ganz anderes, seit er auch von Kandinsky Post erhalten erhalten hat. Ebenfalls aus der Schweiz.

„Ein Land, das sich nicht im Krieg befindet“, murmelt er kopfschüttelnd. „Eigenartig.“

„Eigenartig?“ wiederholt sein Freund und Vorgesetzter Stephan. „Ich finde das eher beneidenswert! Nach allem, was wirbis jetzt durchgemacht haben! Oder hast du die Vogesenkämpfe schon vergessen?“

Marc zieht die Stirn über der vorspringenden Nase in tiefe Falten. Er muss an die Kameraden denken, denen die erbitterten Gefechte an den Bergflanken zum Verhängnis geworden sind.

„Natürlich nicht“, antwortet er nach einem Moment des Erinnerns.. „Aber trotzdem beneide ich die Schweizer nicht. Wenn ich mir vorstelle, ich säße jetzt untätig in Ried oder München oder in der Schweiz herum, während hier im Feld der große Kampf ausgefochten wird – ich käme mir unnütz und leer vor. Bevor der Krieg vorbei ist, möchte ich gar nicht heim.“

„Zur Zeit haben wir hier nicht einmal einen kleinen Kampf“, bemerkt Stephan nüchtern.

„Ich wünschte, es wäre anders. Das Warten wird uns doch allen unerträglich. Aber wenn die Einschließung Verduns gelingt, sind die französischen Frontlinien nicht mehr zu halten. Dann fällt endlich die Entscheidung. Und dann ist der Krieg noch vor Weihnachten vorbei.“

Feldwebel Stephan sagt dazu nichts. Er stopft sich bedächtig seine Pfeife, zündet den Tabak an und bläst große, weiße Ringe in die Luft.

 

Zwei Tage später bekommt Franz Marc schon wieder Post. Eine graue Feldpostkarte. Und wieder grinsen die Kameraden. Der Gruß ist nicht von Maria und auch nicht von Gabriele. Diesmal heißt die Absenderin Elisabeth. Elisabeth Macke aus Bonn, Bornheimer Straße. Lisbeth!Vor kurzem erst hat er sie zu Augusts Eisernem Kreuz beglückwünscht: Du musst stolz darauf sein, liebe Lisbeth! Hat sie den Glückwunsch an August weitergeleitet? Hat er ihr bereits darauf geantwortet?

Franz hört nicht auf die spöttischen Kommentare der Kameraden: Aller guten Frauen sind drei... Er dreht die Karte um. Er hält inne. Dann verlässt er wortlos die Stube, fast fluchtartig.

„Was ist denn in den Marc gefahren?“ wundert sich nicht nur Feldwebel Stephan.

 

                                          + + +

 

Da ist das amtliche Schreiben, ganz in Rot, lang erwartet, gefürchtet, unmissverständlich.

„Jetzt bist du also auch an der Reihe“, sagt Lily und wischt sich eine Träne aus dem Auge.

Paul Klee scheint sich mehr für die Farbe des Papiers als für seinen Inhalt zu interessieren.

„Was sie wohl mit dem Rot bezwecken? Ein Warnsignal? Du wirstjetzt einberufen. Dein Blut gehört von nun an nicht mehr dir selbst, sondern dem Vaterland und dem Schlachtfeld.Du darfst es dort freudig vergießen!“

Lily Klee mustert ihren Mann kopfschüttelnd. Ihr Paul. Wie er vor ihr steht, schmächtig, der Kinnbart schütter und zerzaust wirkend, die dunklen Augen auf den unsäglichen roten Zettel gerichtet.

„Paul, rede nicht einen solchen Unsinn. Immerhin bist du schon 35. Da wird man dir einen ruhigen Posten auf der Schreibstube verschaffen.“

Paul Klee lächelt sarkastisch.

„Und neben dem Schreibtisch steht eine schöne Staffelei nebst den zugehörigen Malutensilien.“ Er ergreift Lilys Hand und drückt sie ganz fest. „Ach Lily, wenn es denn so wäre... Doch ich fürchte, wenn sie jetzt schon meinen Jahrgang einziehen, dann brauchen sie in Frankreich wirklich jeden Mann. Die Verluste sind einfach zu groß!Erinnerst du dich, wie sich Franz Marc bei seinem letzten Fronturlaub gewundert hat, mich noch in Zivil zu sehen? Aber diese Zeiten sind nun vorbei. Das nächste Mal wird er sich nicht mehr wundern!“

Lily wendet sich ab. In diesem Moment hat sie die gleichen Bilder vor Augen wie ihr Mann: Gebeugte einbeinige Gestalten, die unbeholfen auf Krücken über das Münchner Straßenpflaster humpeln. Männer mit turbanartigen Kopfverbänden und schwarzen Augenklappen. Mit jedem Zug, der von der Front zurück kommt, scheinen sie sich zu vermehren. Sie bevölkern Parks und auch Cafés, sofern das Geld reicht. Sie sind nicht mehr zu übersehen. Manche verstecken sich schamhaft bei ihren fassungslosen Familien.

Das rote Blatt Papier, das alles verändert. Sie lassen es auf der Kommode neben dem Garderobenständer liegen.

 

An diesem Abend findet Paul Klee lange nicht ins Bett. Zu viele Bilder gehen ihm durch den Kopf, eigene und fremde, furchteinflößende. Scheinbar planlos räumt er die Schubladen mit seinen Utensilien aus und stapelt sie zu hohen Türmen aufeinander. Sieht so Ordnung machen aus? Und wenn ja – warum eigentlich? Sieht so Abschied nehmen aus? Oder geht es nur um Ablenkung?

Als Klee einen der Türme mit dem Ellbogen zum Einsturz bringt, wacht Lily auf.

„Komm ins Bett, Paul“, murmelt sie schlaftrunken.

Er wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn, als hätte er soeben Schwerstarbeit  geleistet.

„Ich komme“, sagt er. Nur noch schnell den Schweiß von Stirn und Händen waschen und leise, leise zurück ins Schlafzimmer gehen. Lily ist schon wieder eingeschlafen.

Paul legt sich neben sie und verkriecht sich bis zum Kopf unter seiner Bettdecke. Schutz suchen. Ruhe finden.

Er schreckt auf. Die Türklingel läutet, aber nicht kurz und rücksichtsvoll, sondern lang und durchdringend. Paul Klee schaut auf die Uhr. Es ist kurz vor Mitternacht.

1. Kampf um Köln

 

Ein Pfeil zischt durch die Luft, sucht sein Ziel und bohrt seine Spitze in das Gesicht eines elfjährigen Jungen. Wie eine Antenne ragt das metallene Geschoss aus seinem rechten Auge. Schreiend und blutend rennt der  Junge davon. Sein Freund ist ihm auf den Fersen.

"August! Warte!"

August, wie von Sinnen, rennt weiter und hinterlässt eine blutige Spur. Der Pfeil in seinem Auge schwankt hin und her, als wäre er eine Kompassnadel, die den Weg weisen will. Aber das Schlachtfeld ist unwegsam: Halbfertige Baugruben; Schutthügel, die von Brennnesseln überwuchert sind, eingestürzte Grundmauern, Steinhaufen, Weidenbüsche.

"August! Bleib stehen!"

Er blutet. Er schreit. Er rennt.

Hans, der Freund, verfolgt ihn weiter. Er macht wertvolle Meter gut. Er gibt nicht auf. Sein Keuchen geht im Schreien unter. Noch ein Schritt, ein Satz, und er hat August eingeholt.

Ein Ruck. Hans greift zu. Der Pfeil fliegt in hohem Bogen davon. August ist stehen geblieben. Sein Gesicht ist blutüberströmt. Die kurzen, braunen Haare sind schweißnass. Aus einem kleinen Loch neben dem rechten Auge sickert frisches, hellrotes Blut. Hans zieht ein Taschentuch aus seiner Jacke und reicht es August. Der presst es auf die Wunde. Wie lange sie so, umgeben vom Schlachtenlärm, verharrt haben, wissen sie später nicht. Waren es nur Sekunden? Irgendwann nimmt August das blutige Taschentuch seines Freundes aus dem Gesicht. Er grinst.

"Glück gehabt. Oder bin ich jetzt einäugig?"

Hans atmet tief durch.

"Das hätte ins Auge gehen können! Im wahrsten Sinne des Wortes! Wasch' Dich erst mal zuhause!"

"Kommt nicht in Frage. Revanche!"

Sie kehren um.

Und während sie sich wieder der Frontlinie nähern, von der sie gekommen sind, wirft Hans seinem großen, kräftigen Kameraden einen Blick zu, der zwischen Verwunderung und Bewunderung schwankt.

Der Kampf geht weiter. Für Wehleidigkeit ist kein Platz. Wem gehört Köln? Altstadt gegen Neustadt; Eingesessen gegen Zugezogen, Katholiken gegen Protestanten. Heute gewinnt die Neustadt. Hans, August und ihren Freunden gelingt es, die Gegner zu umzingeln und zwei ihrer Anführer mit einem Lasso einzufangen. Sie wissen, was ihnen blüht. Die Marterpfähle sind bereit. Sie bestehen aus Holzbalken, welche die Jungen eigenhändig in den sandigen Boden gerammt haben. Nach dem Fesseln heißt es Hosen runter, und dann wird mit Brennnesselruten ausgepeitscht. Indianer kennen keinen Schmerz. Oder doch?

Wenn mit dem Abend der Hunger kommt, ziehen Freund und Feind nach Hause und überlassen das Schlachtfeld den herrenlosen Hunden. Der Lärm ebbt ab.

Was wird der nächste Tag bringen? Wie wird der Heeresbericht lauten? In der Neustadt nichts Neues?

 

Nach dem Abendessen liegt ein elfjähriger Junge in seinem Bett und befühlt ein dickes Pflaster am rechten Auge. Durch das offene Fenster im Parterre hört er das Klappern und Rattern der Pferdefuhrwerke auf der Brüsseler Straße. Die Hufe wiegen ihn in den Schlaf. Er merkt nicht, wie seine Mutter ganz leise hereinkommt und besorgt nach ihrem einzigen Sohn schaut, der zusammengerollt unter seiner Bettdecke liegt. Nur der braune Haarschopf quillt hervor. Die Decke hebt und senkt sich unter seinen ruhigen, regelmäßigen Atemzügen.

Er träumt von Schwebebahnen, Dampfschiffen, Torpedos und großen Kanonen; von Schlachten, die geschlagen wurden und Schlachten, die noch zu schlagen sind.

 

                                          + + +

 

Hans. Habsburgerring. Ein Unfall.

Ein Junge springt von einem fahrenden Straßenbahnwagen, stolpert, stürzt und wird vom Gegenzug überrollt. Er hat keinen Fahrschein. Als er im Krankenhaus aufwacht, hat er keine Beine mehr. Der Kampf um Köln ist vorbei, an diesem Frühlingstag des Jahres 1899. Statt tückischer Pfeile und Lassoschlingen huschen schwarzgekleidete Schwestern durch die Flure und Krankensäle des Bürgerhospitals. Gegrüßet seiest Du, Maria, Du bist voller Gnaden... Wochenlang schwebt Hans zwischen Leben und Tod.

Die Familie kommt zu Besuch; Mutter, Vater, Onkel, Tanten. Sie sind verlegen. Was sollen sie sagen?

August kommt, zum ersten Mal. Er ist nicht verlegen. Er weint, als er seinen Freund sieht. Dann siegt die Neugier.

"Zeig' mal", sagt er, und Hans muss die Bettdecke so weit herunterziehen, dass man die beiden bandagierten Beinstümpfe sehen kann.

"Jetzt stell' dir mal vor", sinniert August, "du wärst noch tiefer unter die Räder gekommen. Vielleicht an dieser Stelle. Oder an dieser..."

Er ist aufgestanden und demonstriert an seinen Oberschenkeln, was er meint. Die Handkante ersetzt das verderbenbringende stählerne Rad des Straßenbahnwagens. Sie rutscht nach oben; wandert bis zu der Stelle, wo sich zwischen den Schenkeln etwas befindet, über das sie schon oft Witze gemacht haben....

"Stell' dir vor, die Räder wären h i e r über dich -", und der Rest geht in prustendem Gelächter unter.

Besorgt schaut die barmherzige Schwester Eusebia durch den Türspalt.Gegrüßet seiest Du, Maria...Sie sieht zwei zwölfjährige Jungen, die sich gegenüber sitzen und den Bauch halten vor Lachen. Danach ist Hans so erschöpft, dass er  wieder in seine Kissen zurücksinkt. Aus halb geschlossenen Lidern mustert er den Freund, der im Zimmer auf und ab geht. Bewunderung? Verwunderung? Eben noch einen Pfeil im Gesicht, und schon denkt er ans Weitermachen.... Die blitzenden, braunen Augen, die Witz und Freude verströmen, aber auch rätselhafte Melancholie... So etwas kann ein Zwölfjähriger noch nicht beschreiben. Aber er spürt es.

"Morgen komme ich wieder", sagt August zum Abschied. "Und dann bringe ich dir etwas mit."

 

Er hält Wort.

"Rate mal, was ich dabei habe!"

August hat das Krankenzimmer betreten und hält die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

"Keine Ahnung."

Hans setzt sich im Bett auf und vergisst für einen Moment die Schmerzen in seinen frisch verbundenen Beinstümpfen.

"Etwas, womit du immer gern gespielt hast. Ich habe es gestern für dich geschnitzt."

"Mach's nicht so spannend, August."

"Attacke!!!"

Mit drohend gezücktem Schwert springt August vor das Bett des Amputierten, als wolle er ihn zum Duell herausfordern. Attacke!

Hans schaut zur Seite.

"Ein Schwert", sagt er leise.

"Was ist? Freust du dich denn gar nicht?"

"Ach schon", antwortet Hans, ohne August anzusehen. Er schämt sich seiner Tränen, während er sich seiner Kämpfe erinnert: draußen, zwischen Brennnesseln, Ziegelsteinen und Marterpfählen. Pfeile, Lassos, Schwerter, Geschrei; Angriff und Rückzug, wenn die Übermacht der Feinde zu groß war. Sprünge wie ein Känguru; Hangeln, Klettern mit Armen und Beinen... mit Armen und Beinen...

 

An diesem Tag verlässt August das Krankenhaus gesenkten Kopfes. Am Gürtel seiner Hose baumelt lustlos ein hölzernes Schwert, das später auf seinem Kleiderschrank verstauben wird.

 

                                          + + +

 

Wieder steht Schwester Eusebia als schwarzer Schatten in der Tür, und wieder traut sie ihren Augen nicht. Diesmal hat kein unpassendes Lachen ihren Verdacht erregt, sondern die Tatsache, dass aus dem Krankenzimmer, in dem die beiden Buben sind, kein einziger Laut dringt.

Was ist los?

Wieder sitzen sich Hans und August gegenüber; der eine mühsam aufgerichtet in seinem Bett, der andere auf dem Schemel, der daneben steht. Nein, diesmal halten sie sich nicht die Bäuche vor Lachen. Die Atmosphäre am Krankenlager hat sich verändert. Zwischen Schemel und Bett steht ein kleiner Tisch, und auf dem Tisch liegt ein Bogen Papier, der von bunten Kamelen, Dattelpalmen, Minaretten und Beduinen bevölkert ist.

Ein Pinsel gleitet lautlos durch die Szenerie, verharrt kurz, beschreibt einen Kreis und verschwindet schließlich im Teeglas des Patienten, das statt Kamillentee nun trübes, schmutziges Wasser enthält. Schwester Eusebias Mund öffnet sich erstaunt, aber sie sagt kein einziges Wort.

Knallgelb und gnadenlos prallt die Wüstensonne vom wolkenlosen Himmel - "... wie bitte? Das ist dir zu heiß? Zu trocken?" - bis sich das Firmament durch wenige Pinselstriche verfinstert, grau wird, schwarz wird, und ein Wolkenbruch auf die armen Kamele und ihre Beduinen hinunterprasselt. Die letzten Tropfen pustet August über das Papier, bis sie getrocknet sind.

"Jetzt geht's erst richtig los! Amerika!"

Die Wüste wird zur Seite gelegt, das nächste Blatt hervorgezogen und das schmutzige Wasser im Teeglas erneuert. Amerika...: Indianer mit abenteuerlich rot und weiß geschminkten Gesichtern. Mustangs mit wehenden Mähnen. Tomahawks! Lassos! Marterpfähle... er kann nicht aufhören. Aber Hans sagt kein Wort. Er schaut. Mit den Blicken ist er ganz nah bei den Bildern, die sein Freund für ihn malt. Mit den Gedanken ist er ganz weit weg: Auf großen, starken Beinen durchquert er die Wüste Sahara, durchwatet den Atlantik und erreicht mit Siebenmeilenstiefeln das Land der Prärien und unendlichen Träume.

Schwester Eusebia schließt leise die Tür und zieht aus ihrer schwarzen Nonnenkluft ein kleines weißes Taschentuch. Ganz unauffällig wischt sie sich damit über die Augen. Sie entfernt sich auf Zehenspitzen.

2. Carmen

 

Ein Sommerabend im Tannenbusch, dem großen Exerzierplatz im Norden der Stadt, auf dem sich keine einzige Tanne befindet. Dafür wird er von hochgewachsenen Pappeln eingerahmt, die noch auf Napoleon zurückgehen. Die Neuzeit hat dem Gelände eine weitere Begrenzung gebracht: den Bahndamm. Immer wieder poltern auf seinen Gleisen funkenspeiende Lokomotiven vorüber und ziehen dabei lange, weiße Dampfwolken hinter sich her.

August liegt im Gras unter den Bäumen, schaut den Zügen nach und sieht zu, wie sich hinter ihnen die Wolken in der Glut des Abendhimmels langsam auflösen. Erst hatte der weiße Nebel, der aus dem Schornstein gequollen ist, den Horizont verhüllt und seine leuchtenden Farben ausgelöscht. Doch je dünner die Dampfschwaden werden, desto stärker gewinnt das Licht wieder die Oberhand: Es kündigt sich an als ein zartes Blau, zu dem sich allmählich violette Töne gesellen, die schließlich dem flammenden Rot des Firmaments Platz machen.

August kaut an einem Grashalm. Er schmeckt nach Sommer. Es riecht nach Sommer. Sommerlicht. Sommerwärme. Die Arme im Nacken verschränken. Hochschauen, dorthin, wo die Welt zuende ist. Die Farben eines Sommerhimmels, der nicht dunkel werden will, rieseln auf ihn herab wie Sternschnuppen. Ist er glücklich?

Er lächelt, weil ihm das Mädchen eingefallen ist, das ihm täglich auf dem Schulweg begegnet. Ihre schwarzen Haare hat sie im Nacken locker zusammengesteckt. Sie kann nicht viel jünger sein als er; vielleicht ist sie fünfzehn. Sie scheint die Töchterschule zu besuchen. Jedenfalls geht sie morgens in ihre Richtung und kommt mittags von dort zurück.

Das Mädchen irritiert ihn. Es weicht seinem Blick nicht aus, wenn es an ihm vorbeigeht. Im Gegenteil: freundlich, mit einer Spur von Neugier, schaut es ihm ins Gesicht und hält seinem Blick stand. Das ist ungewöhnlich. Und wenn es manchmal sogar lächelt bei der Begegnung, dann deswegen, weil es ihrerseits in zwei aufmerksame braune Augen schaut, die unter der Krempe eines schwarzen Schlapphuts hervorleuchten. Einen Packen Bücher unter dem Arm, den Kopf leicht zur Seite geneigt - so, wie er auch seine Bilder betrachtet - geht er an dem Mädchen vorbei. Bald weiß jeder vom andern, in welchem Haus er wohnt, obwohl noch kein einziges Wort zwischen ihnen gefallen ist.

Lisbeth verschwindet im Haus der Fabrikantenfamilie Gerhardt, während August noch ein paar Schritte weiter geht, vorbei am alten Friedhof, bevor er sein Domizil in der Meckenheimer Straße erreicht. Zwar ist das Haus geräumig, aber die meisten Zimmer sind vermietet. Augusts Vater ist in Bonn nicht mehr Glück beschieden als in Köln. Seit die Baufirma, an der er beteiligt war, bankrott ist, hält seine Frau die Familie durch Pensionsgäste über Wasser: eine bunte Mischung aus Studenten, Dozenten, Künstlern und Gymnasiasten, die das Mackesche Haus bevölkert; jung an Jahren, klamm an Geld, strotzend vor Kraft, Ideen und Zeit; Tischgespräche und Diskussionen bis in die Nacht. Trotz aller äußeren Knappheit, spürt August, ein reiches Leben. Ist er glücklich?

Er seufzt, reibt sich die Augen und sieht dem entschwindenden Tag hinterher. Lisbeth und leuchtender Himmel. Die Farben des Glücks, die sich wie ein Regenbogen in der Dunkelheit verlieren; in einem Abgrund voller Melancholie.

August steht auf und schüttelt den Staub von seinen Kleidern. Langsam schlendert er heimwärts. Der Weg führt immer am Bahndamm entlang. Auf der anderen Seite dehnen sich Kornfelder, die langsam in die Vorstadt übergehen. Von weitem grüßt der Turm der Marienkirche.

Ein Zug rast ihm entgegen, hell erleuchtet und bedrohlich zugleich, wie ein riesiges Ungeheuer.

 

                                           + + +

 

Unterprima. Primzahlen. Perikles. Eichendorff. MörikeMoltke. Sedan-Tag. Heil Dir im Siegerkranz. Die Rohstoffe Belgisch Kongos und Kameruns. August gähnt. Es gibt nur wenige Unterrichtsfächer, die ihn nicht langweilen. Dafür mag er Trigonometrie und Gleichungen mit mindestens einer Unbekannten. Oder Schultheater. Er malt die Kulissen, sorgt dafür, dass es klassisch zugeht und lässt sich deshalb von den Hausaufgaben freistellen. Kein Mittelhochdeutsch, keine Konjugationen, Kaiser und Könige. Immerhin Antike, wenn er mit seinen Kameraden nachmittags in den Rheinauen griechische Kampfspiele probt: Speerwerfen, Bogenschießen, Baden. Nackt. Natur. Und während sich die Jungen im Gras austoben, sitzt August an einen Baumstamm gelehnt, mit seinem Zeichenblock auf den angezogenen Knien und einem Bleistift in der Hand. Nur wenige Striche, und schon laufen kraftvolle, nackte Jünglinge durch die saftigen Auen an Rhein und Sieg, schlagen olympische Schlachten; unschuldig, voller Hoffnung, voller Zukunft in diesem Sommer des Jahres 1903.

 

                                          + + +

 

Lieber Hans,

ich habe ein Glück, das ist unglaublich. Ich kann Dir das alles nicht beschreiben, muss also lakonisch reden. Ich habe ein Weib gesehen, schwarzhaarig, wie eine rassige Zigeunerin. Oder wie dieCarmen aus der Oper. Sie geht auf die Töchterschule. Ihrem Bruder (Oberprima) habe ich gesagt, er hätte ein fabelhaft interessantes Gesicht. Und, Du wirst es kaum glauben: er ließ sich von mir zuhause zeichnen. So habe ich mich in ihre Familie geschlichen, übrigens eine der ersten in Bonn. Und jetzt halt' Dich fest: ich soll besagtes Weib in den Ferien malen...!

 

August legt den Pinsel zur Seite, mit dem er geschrieben hat, weil sein Füllhalter unauffindbar ist. Dann lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und lässt die letzten Tage und Wochen Revue passieren.

 

"Heute um drei kommt ein Unterprimaner zu Besuch“, sagt Walter Gerhard beiläufig beim Mittagessen. "Ich habe ihn über meinen Freund Vincenz kennengelernt. Er will mich malen. Ich sähe so interessant aus."

"Wie bitte?" Lisbeth schaut ihren Bruder entgeistert an. Fast wäre ihr der Suppenlöffel aus der Hand gerutscht. Sie weiß sofort, wer gemeint ist. Sie verschluckt sich.

"Fehlt Dir was, Schwesterlein?"

"Nein, schon gut."

Und während seiner Schwester das Herz bis zum Halse klopft, erzählt Walter weitere Belanglosigkeiten von seinem Schultag.

 

Bis zur dritten Nachmittagsstunde kann Lisbeth keinen klaren Gedanken fassen, läuft in ihrem Zimmer umher, setzt sich, will etwas lesen, steht wieder auf, bis es endlich klingelt. Schritte poltern durchs Treppenhaus, an ihrer Tür vorbei, nach oben, dorthin, wo Walters Zimmer ist. Sie horcht. Sie hört Stimmen. Sie hört Lachen und erinnert sich nicht, je soviel unbefangenes Gelächter gehört zu haben wie an diesem Tag.

Die Stunden vergehen. Lisbeth kommt nicht zur Ruhe. Sie singt. Hört sie denn niemand? Hört er sie nicht? Im nächsten Moment schon kommt sie sich albern vor und bricht mitten im Lied ab.

Endlich, es wird schon Abend, hört sie wieder Schritte und Stimmen im Treppenhaus. Schnell schlüpft sie aus der Tür in den Flur und prüft, ob die Bilder an der Wand noch gerade hängen... der Läufer auf dem Fußboden keine Wellen wirft... und schon kommen die beiden Primaner die Treppe hinunter. August ohne Schlapphut (der hängt an der Garderobe).... sie erkennt ihn kaum wieder... aber die Augen.... sein Blick.... ihr Blick. Sie merkt, wie sie errötet und hofft, dass es in der trüben Flurbeleuchtung unbemerkt bleibt.

August nickt ihr zu und sieht sie dabei offen und ungeniert an. Sie nickt ihm zu und ist froh, als er mit ihrem Bruder im Wohnzimmer verschwunden ist. Sie ist fünfzehn. Sie atmet tief durch.

"Möchten Sie mich Ihrer Schwester nicht vorstellen?" hört Lisbeth den Besucher fragen.

"Aber selbstverständlich", antwortet Walter nichtsahnend und macht August mit Lisbeth offiziell bekannt. Ein kurzer Händedruck, eine leichte Verbeugung, und das vorgeschriebene "Sie".

Seit diesem Tag grüßen sie sich auf ihrem Schulweg, wobei August jedes Mal formvollendet seinen Hut zieht.

 

                                          + + +

 

Eine der unergiebigsten Sitzungen der modernen Portraitmalerei, bezogen auf  das Verhältnis zwischen Zeitaufwand und künstlerischem Resultat, hat am Anfang des Jahres 1904 im Hause des Glas- und Laborwarenfabrikanten Carl Gerhardt in Bonn stattgefunden. Eine magere, wenn auch Talent verheißende Kohleskizze eines jungen Mädchens ist das sichtbare Ergebnis gewesen. Das Unsichtbare geht tiefer...

 

Sie haben pausenlos miteinander geredet: der Maler und sein Modell.

Das, was sich seit einem Jahr hinter leuchtenden Augen, Lächeln, Kopfnicken und anderen kleinen Gesten angestaut hat, versucht sich nun in Worte zu fassen und bricht wie ein Wasserfall über Lisbeth und August herein. Ihre anfängliche Verlegenheit umschiffen sie mit unverfänglichen Plaudereien über die Kunst im Allgemeinen und die Kunst im Besonderen. So landen sie bei dem Maler Böcklin: Die Toteninsel... Die Pest... Kentaurenkampf... Heiliger Hain...

"Woher kennen Sie den 'Kentaurenkampf`'?"

"Woher kennen Sie den 'Heiligen Hain'?"

Sie lächeln sich an. August legt den Kohlestift weg.

"Dann waren wir beide im Basler Kunstmuseum, ohne voneinander zu wissen?"

"Ohne voneinander zu wissen", wiederholt Lisbeth. Und fügt stolz hinzu:

"Ich war übrigens vor Ihnen da. Wir haben nämlich Freunde in der Schweiz, die wir hin und wieder besuchen."

"Und welches Bild von Böcklin hat Sie, wenn ich fragen darf, am meisten beeindruckt?"

Lisbeth zögert. Zuerst einmal ist sie geschmeichelt, von ihrem Besucher so höflich um ihre Meinung gefragt zu werden. Immerhin ist er ein Jahr älter und wird vielleicht eines Tages ein berühmter Maler sein...

"Sie dürfen", antwortet sie, um Zeit zu gewinnen. Ein gelehrter Disput über Böcklin ist das Letzte, was sie sich in diesem Augenblick wünscht. Sie findet den Ausweg:

"Eigentlich haben mich alle seine Bilder beeindruckt. Aber auch ein klein wenig traurig gestimmt."

Ein melancholischer Schatten huscht über Augusts offenes, rundes Gesicht.

"Ja, das ging mir wie Ihnen. Aber faszinierend finde ich immer noch die klaren Formen und kräftigen Farben, die er verwendet hat. Als wollte er so die Geister der Natur auf die Leinwand bannen... Und wie haben Ihnen in Basel die Holbeine... äh.... Holbein-Gemälde gefal...?"

Sie lachen. Im Gespräch, einander gegenüber sitzend, im Hin und Her plätschern sie von Holbein zu Thoma, von Thoma zu Holbein, den sie überholt finden, und weiter nach Süden zu Michelangelo und wieder zurück zu Böcklin. In Wirklichkeit geht die Reise von ihr zu ihm und von ihm zu ihr. Manchmal macht August einige schwarze Kohlestriche auf seinen Malkarton und versucht dann ganz ernst und konzentriert auszusehen. Wie soll er auch ein Mädchen porträtieren, das ihn aus großen, braunen, lachenden Augen anschaut?

Aber der Tag ist lang. Böcklin hat den Bann gebrochen. Dahinter drängt die Natur, aus ihnen heraus und in sie hinein, drängt die Sehnsucht, noch unbestimmt; drängen ihre klopfenden Herzen. Zwei Herzen öffnen sich einander und lassen ihre Ungeduld in aller Unschuld zusammen fließen. Sie sind ein Paar. Es kümmert sie nicht, dass sie auch ein Gesprächsthema werden, weil sie von nun an ein Stück ihres Schulweges gemeinsam gehen.

 

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Das Paradies beginnt dort, wo die Himmel sich öffnen.

Sie öffnen sich über den sanften Linien des Kreuzberges, den mohngesprenkelten Feldern am Tannenbusch und den flachen, weiten Ufern, die hinter Grau-Rheindorf den großen Strom auf seinem Weg zum Meer begleiten.

Dort, wo der Blick schweifen kann, sind August und Lisbeth zuhause. Man sieht sie im Hofgarten, wenn Lisbeth die erste und zweite Schulstunde schwänzt, und im verschwiegenen Meßdorf oder anderswo, wenn die dritte und vierte Stunde geopfert wird. Trotzdem lernt sie dazu:

"Meine kleine Carmen", sagt August. Er bleibt mitten auf einem Feldweg stehen, "ich sehe was, was Sie nicht sehen."

"Und das wäre?"

"Carabis violaceus."

"Wie bitte?"

"Carabis violaceus."

Sie legt die Stirn in Falten. Sie grübelt. Sie kennt ihren Freund und seine Einfälle. Carabis... Latein? Griechische Sagenwelt? Ein Gott, den August gerade eben erfunden hat und von dem sie nichts weiß? Er lässt sich nichts anmerken. Er starrt auf den staubigen Boden; dorthin, wo sich ein kleines, dunkles Tier bewegt. Es schleppt eine Raupe mit sich.

"Carabis violaceus. Der violette Laufkäfer", sagt August schließlich und lacht seine Carmen an. Sie ist tausendmal schöner als die schwarzhaarige Carmen in der Oper...

Er deutet nach oben:

"Hören Sie den Jubel in der Luft? Der Gesang der Feldlerche... nicht zu verwechseln."

"Jetzt haben Sie mich neugierig gemacht. Erzählen Sie mir noch mehr!"

August lässt sich nicht lange bitten. Während sie durch die Felder streifen, entdeckt er eine Blattschneiderbiene, die sich an einer Heckenrose zu schaffen macht, eine winzige Tapezierspinne und einen grünschillernden Moschusbock. Er nimmt den Käfer auf die Hand, sagt "Aromia moschata", und beide blicken sie fasziniert auf die überlangen Fühler des geheimnisvollen Tieres, die wie ein Geweih von seinem Kopf abstehen.

"Früher hat man Moschusböcke benutzt, um Pfeifentabak zu parfümieren."

Lisbeth verzieht das Gesicht. Ihre Blicke wandern zwischen dem reglos dasitzenden, unirdisch bizarr aussehenden Käfer und Augusts Gesicht hin und her. Wie er sich in Begeisterung geredet hat über das kleine grüne Fabelwesen in seiner Hand... Wie seine Augen dabei glänzen und der Atem schneller geht, als ginge es um die wichtigste Sache der Welt... Mit welcher Zärtlichkeit, Freude und Melancholie er sich mit diesem Stückchen Natur beschäftigt...

Und als sie weitergehen und der Wind in den Feldrainen des Tannenbuschs singt und raschelt, erzählt er von geheimnisvollen Kobolden und sie von anmutigen Elfen, die in den Tiefen der Natur wohnen und sie beflügeln und beleben - Wesen aus Licht, Leichtigkeit... und Freude.

Sie fassen sich an den Händen und tanzen und träumen Sommernachtsträume.

"Ach, wenn man das alles einmal malen könnte", seufzt August und dreht sich im Kreis. Dabei hat er bereits damit angefangen. Ein Bild zeigt den Bahndamm am Tannenbusch: Ein Zug fährt vorbei; an seiner Spitze ein schwarzes, stählernes Ungetüm unter weißem Rauch. Darüber wölbt sich ein unvergleichlicher Abendhimmel; voller Wärme, voller Farbe, voller Sehnsucht, voller Zukunft.

Er ist jetzt siebzehn Jahre alt.

 

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Das Zittern, Brodeln und Leuchten der Natur wird im Gymnasium zu: Ordnung, Familie, Gattung, Spezies, Bauplan. Das Sonnenlicht löst sich auf in Spektrallinien. Aus Kobolden werden Vokabeln. Das, was August braucht, fehlt. Er spürt es von Tag zu Tag deutlicher.

Immer lustloser sitzt er seine Stunden ab, schaut aus dem Fenster oder kritzelt etwas auf seinen allgegenwärtigen Skizzenblock. Das einzige, was ihn an der Schule noch reizt, sind die Kameraden, mit denen er sich nachmittags zur Hausaufgabenbörse trifft; Lothar Erdmann etwa oder Lisbeths Bruder, dem er viel verdankt und der schon in Abiturvorbereitungen steckt.

Staubige Bücher, staubige Professoren, stickige Luft. Tafeln, die beschrieben und gesäubert, Wandkarten, die aus- und eingerollt werden. August leidet. Seine Unruhe wächst, wenn er an die Zeit denkt, die er verliert. Wenn die Frühlingssonne ins Klassenzimmer scheint, stellt er sich vor, die Bauern bei der Aussaat zu malen und im Herbst bei der Ernte (auch wenn gerade der Wiener Kongress besprochen wird). Sogar im Winter zieht es ihn aus grauer Städte Mauern hinaus in die Natur, weg von Kathedern und Koeffizienten - dorthin, wo das Licht, wo das Leben wartet.

 

An einem Märztag trifft er sich mit Lisbeth und geht mit ihr durch Felder, die über Nacht vom Schnee zugedeckt worden sind, bis nach Meßdorf. Klaglos schleppt er seine Staffelei, den großen Malkasten samt Zubehör sowie einen Klappstuhl mit sich. Voll freudiger Erwartung schreitet er aus, so dass Lisbeth Mühe hat, mitzukommen.

"Bitteschön, gnädiges Fräulein", sagt er galant, als sie die Stadt hinter sich gelassen haben. Er stellt den Stuhl in den Schnee und bietet Lisbeth mit einladender Handbewegung den einzigen Sitzplatz an. So kann sie ihn in Ruhe beobachten, wie er im dicken Wintermantel an der Staffelei steht und in seinen behandschuhten Fingern einen zerbrechlichen Pinsel hält, der ganz feine Linien und ganz zarte Pastelltöne auf die Leinwand zaubert.

Die Sonne kommt durch und hüllt die Landschaft in einen silbrigen Lichtschein, der schon den Frühling ahnen lässt. Ein Bauer arbeitet mit Pferd und Pflug auf dem Feld, das vor ihnen liegt. Das scharfe, glänzende Metall reißt dunkle Furchen in die weiße Schneedecke.

"Wie ein Zebra", sagt Lisbeth, während August unverdrossen mit klammen Fingern malt. Es scheint eine seltsame Verständigung zu geben zwischen dem Mann auf dem Feld und dem Mann an der Staffelei. Die Linien, die der eine zieht, zieht auch der andere. Die schweren Schritte des Pferdes verwandeln sich in die Bewegung dünner, flüchtiger Bleistiftstriche, die später dem farbgetränkten Pinsel Halt und Orientierung verleihen werden.

Lisbeth hält es auf ihrem Stuhl nicht lange aus. Als das Bild in seinen Grundzügen fertig ist - "den Rest mache ich zuhause!" - stehen zwei junge Menschen, Freund und Freundin, ganz eng nebeneinander und haben vor Eifer und Kälte rote Wangen bekommen. Der Bauer ist weg. Das Feld ist leer bis auf die Furchen, die der Pflug hinterlassen hat. Die Sonne ist wieder im Dunst verschwunden und die Landschaft in eintöniges Grau getaucht. Aber von der Leinwand leuchtet ihnen das silbrige Licht, das gar nicht mehr da ist, entgegen wie aus einem Spiegel.

 

Später sitzen sie in einem kleinen Wirtshaus und genießen die Rotglut des Kanonenofens, der neben ihrem Tisch steht. Sie haben ihre dicken Mäntel ausgezogen, die Handschuhe auch, reiben ihre rotgefrorenen Finger, essen Eierkuchen mit Schinken und trinken dazu Kaffee und Glühwein. Immer, wenn August den Arm um Lisbeths Schulter legen will, kommt der Dackel des Wirts angelaufen, fletscht drohend die Zähne und bellt laut.

"Ein Anstandswauwau", sagt August und nimmt den Arm gehorsam wieder herunter. "Aber ich werde ihn in Versuchung führen."

Der Arm findet wieder die richtige Schulter und der Hund kläfft drohend. Aber nun wirft August ihm nach und nach alle Zuckerstückchen zu, die eigentlich für die Kaffeegäste der nächsten Tage bestimmt sind. Das Kläffen  wird zum Knurren, das Zähnefletschen zum Zuckerlecken...

August lächelt zufrieden und rückt noch näher an Lisbeth heran..

"Ostern ist Schluss", sagt er.

Lisbeth weiß sofort, was er damit meint:

"Sie haben es also geschafft? Ihr Vater hat wirklich eingewilligt?"

August holt tief Luft.

"Ja. Ich habe selbst nicht mehr daran geglaubt. Ein Freund meines Vaters hat den Ausschlag gegeben. Er war kürzlich zu Besuch und hat meine Arbeiten gesehen. Und sie gleich einem Professor gezeigt. Der war so angetan, dass er meinem Vater gesagt hat: 'Schicken Sie den Jungen auf die Kunstakademie! Und zwar bald! Dort ist er richtig aufgehoben!'  

Da konnte er nicht länger 'nein' sagen. Aber am liebsten wäre es ihm immer noch, wenn ich auf dem Gymnasium bliebe, Abitur machen und was Anständiges studieren würde. Aber doch nicht Malerei..."

August hat Lisbeths Hand genommen. Sie schaut ihn an. Sie weiß, worum es geht. Er genehmigt sich ein großes Stück Eierkuchen.

"Wo?"

"Düsseldorf", sagt August mit vollem Mund. In diesem Moment vermeidet er, Lisbeth anzusehen. Er guckt lieber auf die Eierkuchen, auf denen kleine Schinkenstückchen wie Eisschollen liegen. Sie wissen beide, dass Düsseldorf Abschied bedeutet. Er kann es sich nicht leisten, ständig nach Bonn zu fahren. Er zieht sie ganz nah an sich heran und spürt den Widerstand, den er dabei überwinden muss. Lisbeth sagt nichts. Der Hund knurrt wieder. Neben der Eingangstür zur Gaststube lehnt ein Bild, dessen silbrige Farben langsam eintrocknen.

 

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   Es ist Frühling. Es ist Sommer.

Am 1. Oktober geht es nach Düsseldorf. Ein halbes Jahr, zwischen Ostern und Herbst, in dem August die Freiheit des Flanierens und Skizzierens in vollen Zügen genießt. Ein halbes Jahr Zeit zum Abschiednehmen.

Er besucht Lisbeth fast täglich, mit der gleichen Begründung wie beim ersten Mal: Malen. Und diesmal nicht mit Kohle, sondern, ganz erwachsen, in Öl. Das dauert länger, viele Nachmittage, und jeder Mensch, auch Mutter Gerhardt, muss dafür Verständnis haben. Oft ist es draußen schon dunkel, wenn die Sitzung zuende ist. Unten, vor der Haustür, geht sie noch weiter. Man hört Raunen, Kichern, helles Lachen, dunkles Lachen - und dann wieder zwei Stimmen, die ganz leise und vertraut zueinander sprechen und die Zukunft dabei ängstlich ausklammern. Wenn er geht, schaut sie ihm nach, bis ihn die Dunkelheit verschluckt hat.

Eines Abends verstummen ihre Stimmen plötzlich. August hat Lisbeths Kopf ganz zärtlich in seine großen Hände genommen und küsst sie auf den Mund. Ein Zug rattert durch das Stahlgewölbe der Viktoriabrücke. Er gewinnt an Geschwindigkeit. Deutlich hört man das Zischen und Fauchen der Lokomotive. Gleich wird er den Bahndamm am Tannenbusch erreichen und später Köln und noch später vielleicht Düsseldorf...

"Ich hätte Sie auch schon so gerne einmal geküsst", flüstert Lisbeth, als sie aus der Umarmung aufwacht. Sie ist froh über die Dunkelheit, weil sie merkt, wie ihr die Röte ins Gesicht geschossen ist.

Nachdem sie sich geküsst haben, sagen sie 'Du' zueinander. Sie achten die Reihenfolge. Sie wissen, was sich gehört. August hat das Gefühl, auf einer Wolke nach Hause zu schweben. Lisbeth steht noch lange an ihrem Fenster und schaut hinaus in die Sommernacht.

 

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Ich wandle unter Bäumen, ich wandle in der Stadt

Und durch das stille Träumen wurde das Auge matt.

Der einzig süße Schrecken, der meine holde Muse

Kann aus den Träumen wecken, ist Deine rote Bluse.                                                                                                     

                                                                  A.M.

 

Am Fuß der Godesburg hat sich eine Schulklasse ins Gras gelagert; schwatzend, kichernd, malend. Den Drachenfels haben sie schon gezeichnet und seine Legende gehört. Nun ist die Godesburg dran; und, wer weiß, welche romantischen Gemäuer noch auf die mäßig interessierten Elftklässlerinnen warten... Eine von ihnen ist Lisbeth. Sie trägt eine knallrote Bluse. Sie weiß nicht, dass sie beobachtet wird.

Hoch oben auf dem Turm steht ein stattlicher Ritter mit braunen Haaren und verträumten Augen und hält Ausschau nach dem Burgfräulein. Der rote Punkt im grünen Gras verrät sie...

Als sie sich später treffen, überreicht er ihr das Gedicht.

"Weil ich das Rot so sehr mag an Dir, meine kleine -"

"Carmen?"

Manchmal schwänzt sie sogar den Zeichenunterricht, weil sie diese letzten Wochen mit August bis zur Neige genießen will. Die Kunstlehrerin hat kein Verständnis dafür. Sie möchte Zeichnungen sehen. Irgendwann wundert sie sich darüber, dass ausgerechnet die Schülerin, die am häufigsten fehlt, nicht nur die meisten, sondern auch die besten Arbeiten abliefert. In dem Fräulein Gerhardt scheinen Talente zu schlummern...