Bobbie Faye - Halb so wild - Toni McGee Causey - E-Book

Bobbie Faye - Halb so wild E-Book

Toni McGee Causey

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Beschreibung

Frech, witzig und romantisch! Bobbie Fayes Cousine Francesca taucht überraschend bei ihr auf und bittet sie um ihre Unterstützung. Francescas Mutter ist verschwunden und hat ihrem Vater zuvor einige äußerst wertvolle Diamanten gestohlen. Auch wenn Bobbie anfangs nicht in die Sache verwickelt werden möchte, willigt sie schließlich ein, ihrer Cousine bei der Suche zu helfen. Damit gerät sie jedoch ins Visier einiger gefährlicher Verbrecher und der amerikanischen Regierung, die ebenfalls an den Diamanten interessiert sind. Zum Glück kann sie auf den attraktiven FBI-Agenten Trevor zählen, der ihr schon einmal das Leben gerettet hat. "Haben Sie eine Schwäche für absurde Situationen? Dann lesen Sie Bobbie Faye!" (The New Orleans Times-Picayune)

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EPUB
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Seitenzahl: 560

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Inhalt

Titel

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Zitat

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Danksagung

Impressum

TONI MCGEE CAUSEY

Bobbie Faye

Halb So Wild

Roman

Ins Deutsche übertragen von Isabell Bauer

Für Mom und Dad

Jedes Genie hat seine Grenzen. Der Wahnsinn … nicht so sehr.

Gesehen auf einem Autoaufkleber in Lake Charles, Louisiana

1

Bobbie Faye Sumrall war stinksauer, denn die Bank hatte ihren Kreditantrag für ein neues (gebrauchtes) Auto mit dem kleinkarierten Hinweis darauf abgelehnt, dass sie Leuten, auf die regelmäßig geschossen wird, kein Geld leihen würde. Immerhin war sie ja auch niemals von einem dieser Schüsse getroffen worden, Himmelherrgott noch mal! Dazu kam noch, dass sie keine einzige Versicherungsgesellschaft dazu bewegen konnte, ihr ein Angebot zu machen, das sie bei ihrem Antrag für den Existenzgründungszuschuss unbedingt mit einreichen musste. (Die Vertreter von drei großen Konzernen hatten sofort mit einstweiligen Verfügungen gewunken, sobald klar wurde, wer am Apparat war. Weicheier!) Und zu schlechter Letzt war auch noch der FBI-Typ, auf den sie wirklich richtig heiß war, seit zwei Wochen wie vom Erdboden verschluckt.

Verflucht, wie viel Ablehnung konnte eine Frau ertragen? Sie brauchte einfach mal eine ganze Nacht, eine einzige lumpige Nacht, um sich endlich vernünftig auszuschlafen. Und das war doch wohl nicht zu viel verlangt, oder?

Das Universum war offenbar anderer Meinung.

Bobbie Faye und das Universum waren wie ein zerstrittenes Ehepaar, gefangen in einer ewigen Schlacht und ständig damit beschäftigt, sich gegenseitig in die Luft zu jagen, anstatt sich einzugestehen, dass der andere der Klügere war. (Das Universum war, nebenbei gesagt, ein hinterlistiger Betrüger.)

Trotzdem gab Bobbie Faye mal wieder ihr Bestes. Sie spulte ihre abendlichen Rituale ab: Sie quetschte sich in das winzige Badezimmer ihres kleinen, ziemlich schäbigen Trailers, und während sie sich lauwarm abduschte, dachte sie voller Sehnsucht daran, wie es wäre, wenn sie heißes Wasser hätte, das diese Bezeichnung auch verdiente. Um ein bisschen ruhiger zu werden, goss sie sich einen Saft ein und knabberte ein paar Cracker. (Natürlich blieb ihr das Pech treu: Der Saft war nämlich schon schlecht geworden und schmeckte so richtig schön vergoren.) Zum Glück war ihre fünfjährige Nichte Stacey über Nacht zu Freunden eingeladen worden. Sosehr sie den kleinen Hosenscheißer auch liebte, war sie doch ausgesprochen erleichtert, dass sie an diesem Abend nicht vierzehn Milliarden Mal den Versuch starten musste, die Kleine ans Bett zu fesseln, damit sie selbst wenigstens für fünf Minuten die Augen zumachen konnte, bevor Stacey wieder angehüpft kam, um ihr auch den allerletzten Rest ihrer noch verbliebenen Nerven zu rauben.

Als Bobbie Faye sich auf ihrer durchgelegenen Doppelmatratze ausstreckte, versank sie sofort in verstörenden Träumen mit völlig aus dem Zusammenhang gerissenen kaleidoskopartigen Bildern in verwirrenden Farben. Einmal sah sie sich selbst von außen. Verdammt, sie kam ziemlich seltsam rüber! Sie hätte schwören können, dass ihr Busen nicht an der richtigen Stelle saß, als würde eine Brust höher hängen als die andere. Aber vielleicht lag das auch nur an dem gestreiften, unterirdisch hässlichen Shirt, das sie trug. Sie hatte es auf der Highschool bei diesem dämlichen Wettbewerb während der »Motivationswoche« gewonnen. Inzwischen war sie verfluchte achtundzwanzig Jahre alt. Warum konnte ihr Unterbewusstsein sich nicht mal als echter Kumpel erweisen und ihr irgendwas anziehen, das unglaublich cool und sexy wirkte? Und warum sah ihr langes braunes Haar, das sie normalerweise offen trug, so … komisch aus. Es war steif, als hätte sie mindestens eine komplette Dose Haarspray benutzt, um daraus eine Art glänzenden Helm zu formen.

Na toll! Ein mieser Traum, und nicht mal ihr Haar saß. Einfach wunderbar. Aber zumindest war sie nicht kahl wie der zerzauste kleine Kerl, mit dem sie redete.

Oh! Moment mal! Besser gesagt, der zerzauste kleine Kerl mit dem Kugelbauch, den sie gerade erschoss.

Warum zum Teufel schoss sie denn auf ihn? Fünfmal! Verdammt, aber es ergab wenigstens ein hübsches Muster! Zumindest das hatte ihr Traum hingekriegt. Sie beugte sich über den Mann, während er auf ihre verrutschten Brüste starrte und behauptete, dass die ja wohl nicht echt seien. Der Idiot.

Er erinnerte sie an niemanden, den sie kannte. Dämliches Unterbewusstsein. Warum ließ es nicht zu, dass sie wenigstens so tat, als würde sie einen der Affen umnieten, die sie ständig in den Wahnsinn trieben? Der Typ vom Finanzamt, der ihr auch nur die kleinste Stundung ihrer ausstehenden Steuern verweigert hatte, würde da ganz oben auf ihrer Liste stehen. Oder vielleicht Nick Lejeune, der örtliche Buchmacher, der auf jedes Detail ihres täglichen Lebens Wetten annahm. (Wird sie heute am Vormittag oder erst nachmittags einen Nervenzusammenbruch erleiden? Wird sie aus Versehen irgendetwas in die Luft jagen oder mit Absicht? Wird sie an ihrem Geburtstag im Gefängnis sitzen?) Er verdiente damit ein Vermögen und gab ihr noch nicht einmal was davon ab.

Aber nein … der Tote in diesem Traum kam ihr nicht im Geringsten bekannt vor. Bobbie Faye beobachtete sich selbst, wie sie alle verschossenen Patronen aufhob, bei der Leiche nach einem Puls suchte und sich danach die Finger an ihrem scheußlichen Shirt abwischte. Dann verwirbelte das Bild, ein Windstoß fegte auf sie zu und zerzauste ihr Haar. Dann breitete sie die Arme aus, und plötzlich flog sie unter den Straßenlaternen dahin durch das Geschäftsviertel der eher nüchtern wirkenden kleinen Industriestadt Lake Charles in Louisiana, wo sie zu Hause war.

Als sie aufwachte, hatte sie rasende Kopfschmerzen, und ihr Mund war staubtrocken. Mühsam öffnete sie die Augen und … verdammte Scheiße!

Da war irgendwas in ihrem Haar, das tatsächlich nach … Blut aussah. Als Kind war sie ein paarmal schlafgewandelt, meistens ziellos durchs Haus. Und irgendwie hatte sie das vage Gefühl, es letzte Nacht wieder getan zu haben. Fast meinte sie, sich daran zu erinnern, dass sie im Schlaf etwas gehört hatte. War sie aufgestanden, um nachzusehen? Und dann irgendwo gegen gelaufen? Ihre Schranktür stand offen, also war es möglich. Sie sah an sich hinab und fürchtete sich schon vor dem, was sie vielleicht zu sehen bekommen würde, aber nein, sie trug immer noch dasselbe T-Shirt, das sie am Abend angezogen hatte, aber an ihrem linken Arm entdeckte sie ein paar blaue Flecken und einen Schnitt an ihrem rechten, den sie am Vortag noch nicht gehabt hatte.

Also war es tatsächlich ein Traum gewesen. Ein entscheidend zu realistischer Albtraum. Wahrscheinlich war es am besten, nach dem Abendessen ein bisschen öfter die Finger von dem mörderisch leckeren Schokoladenkuchen zu lassen.

Erschrocken fuhr sie hoch, als sie das kalte, schwere Metall in ihrer rechten Hand spürte, ein Gewicht, das sie leider sofort erkannte. Es war ihre Glock. Sie erstarrte und fröstelte am ganzen Körper. Eigentlich hätte die Waffe weggeschlossen sein müssen. Sie war immer sicher verstaut, allein schon, weil Stacey jetzt bei ihr lebte. Behutsam überprüfte Bobbie Faye das Magazin. Fünf Patronen fehlten.

Offensichtlich war das Universum der Meinung, seine Zeit der Rache sei gekommen.

2

Auch vier Tage später war die Erinnerung an den bescheuerten Traum noch nicht verblasst, aber zumindest gelang es Bobbie Faye inzwischen, nicht mehr jede Minute daran zu denken. Ihr zeitweiliger Gedächtnisverlust wäre ihr außerordentlich gelegen gekommen, während sie sich mit den Firmen Crazy und Co. auseinandersetzen musste, die alle glaubten, sie müssten bereits morgens um zehn Uhr die Waffen durchladen.

Bobbie Faye war sich nicht sicher, ob es an den fünfunddreißig Grad im Schatten lag, die an diesem Junimorgen herrschten, oder daran, dass Ce Ces Klimaanlage für heute entnervt den Dienst eingestellt hatte. Jedenfalls schien es ihr, als würde die drückende Hitze deutlich mehr Spinner hervorlocken. Bobbie Faye war noch nicht einmal fünfzehn Minuten bei der Arbeit, und sie hatte bereits verdammte Lust, ihren Kopf durch die nächste Wand zu rammen. Oder sich auszuziehen und nackt in Bundick’s Lake zu hüpfen. Bei ihrem Glück würde sie damit allerdings so wie letztes Jahr in den Fünf-Uhr-Nachrichten landen, als der kleine Aubrey Ardoin aus der Abschlussklasse der Highschool sie dabei erwischt hatte, wie sie vollkommen nackt im See baden war, und er gleich mal seine brandneue Videokamera ausprobiert hatte, diese halbstarke Ratte. (Seine Technikleidenschaft hatte er finanziert, indem er »Original Bobbie-Faye-Trümmer« auf eBay verkauft hatte.) Dass sie – mal wieder – in den landesweiten Nachrichten aufgetaucht war, lag natürlich nur daran, dass er sich während des Footballspiels der Purple and Gold der Louisiana State University in das Computersystem des Stadions gehackt und ihre nackten Kurven über die Großbildleinwand hatte laufen lassen.

Bobbie Faye würde Ce Ce niemals im Stich lassen, egal, wie gern sie der drückenden Schwüle und den hartnäckigen Kunden entkommen wäre. Sie mochte ihre Chefin viel zu sehr, also hielt sie durch, obwohl ihr wirklich der Schweiß ausbrach, während sie versuchte, der uralten Maimee Parsons, einer Baptistin und echten Stütze der Gemeinde, keine handliche Glock zu verkaufen. Und das erwies sich als gar nicht so einfach. Als Verantwortliche für den Tresen, an dem es in Ce Ce’s Cajun-Ausstatter & Feng-Shui-Warenhaus Pistolen, Gewehre und Messer gab, musste sie jedem, der den vom Staat geforderten Sicherheitscheck bestand, auch eine Waffe verkaufen. Maimee hatte den Check trotz ihrer fünfundachtzig Jahre gerade mit Bravour bestanden. Nicht gerade ein Freudentag für die allgemeine zivile Sicherheit.

Schon als Maimee in ausgebeulten Hosen, einem nicht dazu passenden gestreiften Hemd und einer Baseballmütze auf ihren kecken weißen Locken aufgetaucht war – anstatt wie sonst immer in ihrem Kirchenkleid und mit sorgfältig frisierten Haaren –, hätte Bobbie Faye ahnen müssen, dass irgendetwas nicht stimmte. Die alte Frau runzelte die Stirn über dem Rand ihrer silbernen Brille, und das Funkeln in ihren Augen passte so gar nicht zu ihrem sonst sehr niedlichen runden Gesicht.

Das Leuchten in Maimees Augen kam normalerweise daher, dass sie lange für das Abendmahl in der Baptistenkirche der Stadt verantwortlich gewesen war und deswegen glaubte, sie wüsste genau, wer beizeiten in die Hölle kommen würde. Und sie genoss dieses Wissen. Aber heute schien in dem Glitzern ein Hauch von Wahnsinn mitzufunkeln, und Bobbie Faye fragte sich, ob Maimee den Entschluss gefasst haben könnte, dass ihr Ehemann, mit dem sie seit fünfzig Jahren verheiratet war und der ihre gemeinsame Altersversorgung am Spieltisch gelassen hatte, es nicht länger verdiente, auf dieser Erde zu wandeln. Es war durchaus bekannt, dass Ce Ce sich nebenbei auch ein wenig Geld als Voodoohexe verdient, daher machte allein Maimees Anwesenheit als Baptistin in Ce Ces Laden mehr als deutlich, dass bei ihr irgendeine Sicherung durchgebrannt sein musste. Sie hielt nichts von zweiten Chancen, es sei denn, der Herr persönlich gestand sie jemandem zu. Somit schien Edgar Parsons’ letztes Stündchen geschlagen zu haben, da er in letzter Zeit ausschließlich als Verlierer den Spieltisch verlassen hatte.

Maimees Fähigkeit, auch die kleinste Sünde sofort zu durchschauen, schüchterte selbst den ruchlosesten Menschen ein (inklusive ihres Neffen, des Gouverneurs). Trotzdem mochte Bobbie Faye die kleine Frau. Maimee war einer der wenigen Menschen, der Bobbie Fayes Mutter immer geholfen hatte, etwas zu essen auf den Tisch zu bekommen – damals, als die meisten Leute glaubten, ihre Mom sei unzurechnungsfähig, bevor sie erfuhren, dass sie Schmerzmittel wegen ihres Krebses nahm.

Während Maimee in den Lauf einer ungeladenen Glock spähte, stellte sie sich so breitbeinig auf ihre spindeldürren Beine, dass Dirty Harry stolz auf sie gewesen wäre. Bobbie Faye ließ ihren Blick durch den alten, verwinkelten Laden schweifen, der ziemlich verstaubt war und vollgestopft mit allem nur erdenklichen Krempel. Vielleicht konnte Maimee ja auch einfach für jemanden beten, statt eine Waffe zu kaufen, doch als Bobbie Faye sich nach einem möglichen Opfer umsah, schienen alle Kunden auf geradezu unheimliche Weise verschwunden zu sein. Scheinbar hatten sich sämtliche Sünder schnell aus dem Teil des Ladens verdrückt, in dem die Waffen verkauft wurden, denn Maimee eilte der Ruf voraus, dass sie jemandem wirklich … begeistert die Hand auflegte, während sie für ihn betete.

»Mrs Maimee, Sie wollen doch gar keine Glock kaufen. Eigentlich möchten Sie nach Hause gehen und mit Mr Edgar reden und ein paar Dinge wieder geradebiegen.«

»Red keinen Quatsch, Mädchen! Es geht nicht um Edgar. Ich möchte mich gern schützen.« Sie knallte die Glock auf die Glasfläche des Tresens. »Ich habe das Recht, mir eine Waffe zu besorgen, und du musst sie mir verkaufen.«

Bobbie Faye wurmte es, als Mädchen bezeichnet zu werden, aber sie ging darüber hinweg. Es war wahrscheinlich das Beste, Kunden, die bald bewaffnet sein würden, nicht unnötig zu verärgern. »Sie können doch gar nicht schießen.«

»Ich habe gehört, dass du eine erstklassige Schützin bist und hier Unterricht gibst. Also bring es mir bei!«

»Die Waffen sind ziemlich teuer.«

»Kein Problem. Wie viele Stunden muss ich nehmen, bis ich so weit bin, dass ich nachts einen Einbrecher umnieten kann?«

»Kommt Mr Edgar nicht manchmal abends spät nach Hause?«

»Hier ist meine Kreditkarte. Zieh sie einfach durch! Und gib mir auch ein paar Schachteln Munition! Ich weiß nicht genau, wie viel man davon braucht, um sich seiner Haut zu wehren. Eine ganze Menge, denke ich. Das Zeug kannst du auch gleich mit auf die Rechnung setzen.«

Langsam wurde die Sache echt unangenehm. Bobbie Faye wusste genau, dass man ihr die ganze Sache anhängen würde, wenn Mr Edgar plötzlich doch ein vorzeitiges Ende finden würde. Sie wusste es so genau, wie sie vor ein paar Monaten gewusst hatte, dass sie einen Pick-up entführen musste, um ihren Bruder zu retten, der sie wegen des winzig kleinen Problems angerufen hatte, dass er entführt worden war. Es tat ihr wirklich leid, dass sie bei dem Versuch, ihren Bruder zu retten, das halbe Land in Schutt und Asche gelegt hatte. Ehrlich!

Trotzdem hatte sie irgendwie das Gefühl, dass nicht alle ihr glaubten, und da musste sie kurz an ihren Ex denken. Detective Cameron Moreau. Klar, er war sexy, und er konnte, wenn er wollte, charmant sein wie der Teufel selbst (als Quarterback für die LSU hatte er auch ein bisschen was über gute PR gelernt), aber jedes Gramm seiner männlichen Herrlichkeit machte er dadurch zunichte, dass er das dominanteste menschliche Wesen auf diesem Planeten war. (Okay, das war vielleicht etwas übertrieben. Es gab sicher noch ein paar Leute, denen sie nur noch nicht über den Weg gelaufen war, und rein statistisch bestand natürlich die Möglichkeit, dass von denen jemand – aber höchstens einer – noch dominanter war.)

Cam meinte es gut. Er besaß ein weiches Herz. Sie wusste, dass er als ihr Freund aus Jugendzeiten nur das Beste für sie wollte, auch wenn sie sich über ihre Entscheidungen immer wieder in die Haare gerieten. Und am Ende der letzten großen Jagd hatte es einen Moment gegeben, da war er hin- und hergerissen gewesen, ob er sie erschießen oder ihr helfen sollte. Ungefähr zwei Sekunden lang hatte sie geglaubt, dass es vielleicht doch eine Chance für sie gäbe, wieder Freunde zu werden, als er sich nämlich dazu entschlossen hatte, ihr zu helfen. Doch kaum war die Situation ausgestanden gewesen, war er sofort wieder in sein typisches Verhalten zurückgefallen und hatte sich aufgeregt, dass sie ihn nicht angerufen und um Rat gefragt hatte, damit er jeden einzelnen ihrer Schritte hätte überwachen können.

Ja, sie begann langsam ein gewisses Verständnis für Maimee zu entwickeln.

Bobbie Faye griff nach der Pistole, die Maimee auf den Tresen gelegt hatte, und wog sie in der Hand. Wenn nur nicht dieses dumme Gefühl in ihrem Magen wäre, als ihr erneut der verrückte Traum in den Sinn kam, in dem sie auf den zerzausten Typen geschossen hatte. Sie spürte buchstäblich noch, wie der Boden gebebt hatte, als der Mann der Länge nach hingeschlagen war.

»Bobbie Faye«, schnaubte Maimee und riss sie aus ihren Gedanken. Mit der Kreditkarte klopfte die alte Frau auf das Glas des Tresens. Es war nur ein Traum. Nichts als ein Traum. »Jetzt mach schon, rechne endlich ab! Ich muss zu einem Gebetstreffen.«

Das Wort Treffen hing noch in der Luft, als die Eingangstür des alten Gebäudes im akadianischen Stil aufgerissen wurde und die klingenden Glocken den Auftritt Ihrer königlichen Hoheit, der Nervensäge Francesca Despré, ankündigten. Sie war stattliche eins siebenundsechzig groß und damit zwei Zentimeter kleiner als Bobbie Faye und etwas flachbrüstiger (was Francesca nicht akzeptieren konnte und deswegen auch niemals ohne Push-up das Haus verließ). Francescas kurzes braunes Haar umrahmte ihr perfekt gebräuntes Gesicht, und ihre modische Kleidung kreischte geradezu: Ich wäre so gern eine Diva! Sie stakste auf Zehn-Zentimeter-Stilettos heran. In der einen Hand hielt sie eine flauschige, mit Federn besetzte Handtasche in einem entsetzlich grellen Pink und in der anderen einen mit Krokoleder bezogenen Make-up-Probenkoffer. Der etwas zerfetzt wirkende und praktisch nicht existente schwarze Mikro-Minirock war die eigentliche Krönung des Ganzen – ein Rock, der aus so dünnen Fäden bestand, dass Bobbie Faye davon ausging, irgendeine völlig verdutzte Spinne musste am Morgen aufgewacht sein und sich gefragt haben, wo zum Teufel ihr Netz abgeblieben war.

Francesca steuerte direkt auf den Waffentresen zu, und es bestand keinerlei Hoffnung, dass ihr bedrohlicher Auftritt in irgendeiner Weise unbeabsichtigt war. Sie schlängelte sich durch den Laden, vorbei an den Tarnanzügen, der Angelabteilung, den Zelten und den groben Laternen, und machte im letzten Moment einen großen Bogen um die durchsichtigen Boxen mit den lebenden Grillen und die überladenen Regale mit den Feng-Shui-Kristallen, die Ce Ce noch nicht alle ausgepackt hatte.

»Scheiße«, murmelte Bobbie Faye, während sie beobachtete, wie die geradezu schwindelerregend selbstbewusste Francesca den Laden durchquerte.

»Bobbie Faye!«, meldete sich Maimee vorwurfsvoll zu Wort. »Achte auf deine Ausdrucksweise!«

»Mrs Maimee, Sie kaufen sich eine Waffe. Ich wette darauf, dass Sie gerade Mr Edgars Lebensversicherung erhöht haben, und damit befinden Sie sich heute auch nicht gerade auf dem rechten Weg.«

»Hi, Bobbie Faye«, plapperte Francesca einfach drauflos, sobald sie den Tresen erreichte. »Wir haben ein Problem.«

Verschlüsselungscode in: ***********

Von: Simone

An: JT

Bestätigung: BF ist im Objekt. F ist hineingegangen.

Verschlüsselungscode in: ***********

Von: JT

An: Simone

Alles wie geplant.

Bobbie Faye bemerkte mit einem Blick an Francesca vorbei, dass sämtliche männlichen Kunden, die älter als zwei Jahre waren, noch unbedingt etwas aus dem Gang holen mussten, der zum Waffentresen führte. Francesca dagegen schien absolut nichts von all der Aufmerksamkeit mitzubekommen, die sie auf sich zog. (In der Phase, als sie verrückt nach Jungs gewesen war – oh, Moment mal, sie befand sich ja immer noch in der Phase –, hatte sie sich von einem vorpubertären Wildfang, mit dem man Pferde stehlen und in Clubhäuser nur für Männer einbrechen konnte, in ein aufmerksamkeitsgeiles Geschoss verwandelt, das an Schönheitswettbewerben teilnahm und ihr Make-up mit der gleichen Sorgfalt auftrug, mit der andere Leute lebensrettende Maßnahmen ausführen würden.) Francesca legte ihre Handtasche und ihren Musterkoffer auf den Tresen und sah Bobbie Faye mit todernstem Blick an.

»Ooooooohhh nein!«, sagte Bobbie Faye, denn sie hatte diesen aufgesetzt unsicheren und hilflosen Ausdruck in ihren großen Augen, der immer Bitte, oh bitte hilf mir bei meinen Hausaufgaben! hieß, einfach schon zu oft gesehen. »Wir …« – Bobbie Faye beugte sich über den Tresen und deutete mit dem Zeigefinger zwischen Francesca und sich hin und her – »… haben kein Problem.«

»Bobbie Faye, du musst einfach helfen. Ich habe ihnen gesagt, dass du es tun würdest.« Mit Bambi-Augen und Schmollmund sah Francesca sie flehend an.

»Netter Versuch. Daraus wird aber nichts.«

»Warten Sie mal«, wandte sich Maimee an Francesca und blickte sie aus schmalen Augen unter dem Schirm ihrer Baseballmütze ziemlich durchtrieben an. »Sie sind doch die Vertreterin von Lady Marmalade, oder?«

»Ja, genau«, strahlte Francesca und drehte den Make-up-Musterkoffer so herum, dass das Logo von Lady Marmalade auf der Vorderseite gut zu sehen war.

Maimee wühlte in ihrer riesigen Handtasche herum. »Sie verkaufen Ihre Produkte an Huren und Stripperinnen und großbrüstige Frauen, die sich regelmäßig in Spielsalons herumtreiben, ist es nicht so?«

Noch bevor Francesca irgendetwas darauf antworten konnte, hatte Bobbie Faye bereits eine Hand auf Maimees Arm gelegt, die gerade eine Bibel in der Größe einer kleinen Panzerhaubitze aus ihrer Tasche ziehen wollte. »Ich glaube, wir haben im Moment keine Zeit, um für sie zu beten. Das würde nämlich Stunden dauern.«

Die alte Frau wedelte mit der Bibel. »Ich hatte eigentlich mehr daran gedacht, ihr damit eine zu scheuern.«

Bobbie Faye wäre so gern … oh, wirklich fürchterlich gern … einen Schritt zurückgetreten und hätte Maimee freie Bahn gelassen, aber stattdessen drückte sie die Bibel sanft auf den Glastresen und sagte: »Mrs Maimee, haben Sie mal darüber nachgedacht, an einem Anti-Aggressionstraining teilzunehmen?«

»Sie weiß, wovon sie redet«, sagte Francesca zu Maimee. »Sie musste schon dreimal bei so was mitmachen. Inzwischen kriegt sie Rabatt.«

»Du tust dir gerade keinen besonders großen Gefallen, Frannie. Ich denke, du solltest jetzt gehen.«

»Das kann ich nicht, Bobbie Faye. Sie kommen!« Francesca machte eine Kopfbewegung in Richtung Tür, als wäre damit alles gesagt. »Und wenn du dich nicht beeilst, dann steckst du echt in der Klemme.«

»Und warum genau sollte ich in der Klemme stecken?«

»Weil ich ihnen gesagt habe, dass du wüsstest, wo sie sind. Oder wie man sie findet. Und jetzt glauben sie, dass du das auch tust oder dass du es zumindest kannst, und deswegen musst du es auch tun, oder sie werden Menschen töten.«

3

Aiden Stewart warf den Rest der durchgeweichten Pommes – die in diesem dämlichen Amerika Fries genannt wurden – zurück in die Tüte und verfluchte den verdammten Fast-Food-Laden. Von einem Land mit der Größe der USA hätte er eigentlich erwartet, dass es dort jemanden gab, der die Kunst beherrschte, ein paar Kartoffelstäbchen vernünftig zu frittieren.

Eigentlich hätte er gern einen Whiskey getrunken, aber Sean MacGreggor, der als Chef ein ziemlich mieser Bastard sein konnte, hielt nichts davon, wenn bei der Arbeit getrunken wurde, und hatte bereits ein oder zwei Leute für immer in Pension geschickt, nachdem er sie dabei erwischt hatte. Insgeheim sagte sich Aiden, dass es der schottische Teil von MacGreggors schottisch-irischer DNA seiner presbyterianischen Mutter war, der ihn so verdorben hatte, denn kein normaler Ire würde sich über den einen oder anderen kleinen Drink aufregen.

Sie parkten jetzt schon seit fast einer Stunde auf einem verlassenen Bauplatz schräg gegenüber von dem Laden mit dem seltsamen Namen, wo diese Bobbie Faye arbeitete. Aiden ließ seinen Blick durch den Kastenwagen streifen, den sie für diesen Job angemietet hatten. Sean saß mit ausgestreckten Beinen da und wirkte ungefähr so entspannt und freundlich wie eine Rolle NATO-Draht. Die Stacheldrahtnarben, die sich über die linke Seite seines Gesichts zogen, hätten ihn eigentlich abstoßend machen müssen, aber Aiden wollte verdammt sein, wenn sie nicht genau das Gegenteil bewirkten, besonders bei Frauen. Aiden kannte Sean seit ihrer gemeinsamen Kindheit in Tallaght westlich von Dublin, wo sie beide ums Überleben gekämpft hatten. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann Sean den ersten Menschen getötet hatte, aber er vergaß nie, wie er ihnen immer geholfen hatte, etwas in den Magen zu bekommen, und seitdem waren sie ihm gefolgt.

Mollie, Seans elfengleiche Cousine, hing über dem Steuer und trommelte mit den Fingern aufs Armaturenbrett, womit sie (völlig absichtlich) Robbie, den kleinen, rattengesichtigen Computerfreak, in den Wahnsinn trieb, der sich bereits als unverzichtbar erwiesen hatte. Am Morgen hatte Robbie eine Wanze an der Seite des Tresens platziert, hinter dem Bobbie Faye Dienst tat, und während die Frauen jetzt redeten, grinste er. (Scheiße, sie mussten ihn unbedingt mal zu einem Zahnarzt bringen, damit der ihm endlich ein vernünftiges Esszimmer ins Gesicht baute.)

»Glaubst du wirklich, die Frau spielt mit?«, fragte Aiden. Er hatte einiges über diese Bobbie Faye gelesen und sie dazu zu bewegen, das zu tun, was man wollte, erschien ihm wie der Versuch, einen Sack Flöhe zu hüten.

»Sie hat keine verdammte Wahl«, erwiderte Sean, und er wirkte dabei ganz ruhig und zuversichtlich, wobei Aiden genau wusste, dass er gerade dann meistens kurz davor war auszurasten. Aiden fragte sich – und das nicht zum ersten Mal bei diesem Job –, ob das Zusammentreffen von Sean und Bobbie Faye auf demselben Kontinent nicht das Gleiche war, als würde man Nitroglyzerin gegen eine Wagenladung C4 schleudern.

»Was soll ich finden?«, wollte Bobbie Faye von Francesca wissen, dann ließ sie den Kopf hängen und seufzte. Genauso gut hätte sie in diesem Moment die Tür zur Hölle öffnen und rufen können: »Hallo, Schatz, ich bin zu Hause!«

Francesca strahlte, als hätte Bobbie Faye stillschweigend ihr Einverständnis erklärt. Dann sah sie sich um, wandte sich von Maimee ab und wisperte: »Die Diamanten, Dummchen. Und du hast nicht viel Zeit.«

»Bobbie Faye«, fuhr Maimee dazwischen, »wird das heute noch was? Ich muss zu einem Gebetstreffen, und ich brauche diese Waffe.«

Irgendwie klang dieser Satz heute vollkommen normal.

Am liebsten hätte sich Bobbie Faye über den Tresen gelegt, ihre Schläfe gegen das kühle Glas gepresst, die Augen geschlossen und tief durchgeatmet, damit sie nicht dieser fast übermächtigen Versuchung nachgab, allen Anwesenden das Hirn aus dem Schädel zu prügeln. Später dann, vielleicht in zehn Jahren oder so, wenn sie ihre Augen wieder öffnete, würden alle verschwunden sein, und es konnte doch noch ein guter Tag werden. Nur leider würde es so nicht laufen, und an Francescas entschlossenem Schmollmund sah Bobbie Faye deutlich, dass sie sich genauso gut der Wahrheit stellen konnte. Je eher sie es tat, desto schneller würde sie diesen Albtraum hinter sich haben.

»Frannie, wovon zum Teufel redest du?«

»Mom und Dad hatten eine … unbedeutende … Meinungsverschiedenheit«, fuhr Francesca flüsternd fort.

An der Art, wie Francesca angespannt die Schultern hochzog und sich immer wieder umschaute, erkannte Bobbie Faye, dass es sich nicht nur um eine unbedeutende Meinungsverschiedenheit gehandelt haben konnte. Nichts war jemals unbedeutend, wenn es um ihre Mom und ihren Dad ging – selbst den Beginn ihrer Beziehung konnte man nur als episch bezeichnen: ein Paar im Stil von Romeo und Julia, deren cajunische (Maries) und kreolische (Emiles) Familien sich bekriegten. Die beiden hatten sich auf den ersten Blick ineinander verliebt und erklärt, wenn man ihnen nicht erlaube zu heiraten, würden sie etwas tun, was ihre Familien weitaus mehr fürchteten als den klassischen Doppelselbstmord. Sie würden die LSU verlassen und sich an der Universität von Alabama einschreiben. (Noch wochenlang nach dieser Drohung wankte Emiles Dad mit ständigen Angina-Pectoris-Anfällen durchs Leben.) Ihre Heirat hatte dann einen unsicheren Waffenstillstand zwischen den beiden nun zwangsweise verbundenen Familien herbeigeführt. Maries Cajun-Clan, der Reis anbaute und eine Getreidemühle besaß, war jetzt in der Lage, sich ein wenig Luxus zu leisten, wie zum Beispiel Marie zum Kunststudium aufs College zu schicken. Emiles Familie, die angeblich im Perlengeschäft für Mardi Gras tätig war, verdiente ihr Geld auf altmodische Weise: mit organisiertem Verbrechen. Bobbie Faye wusste, dass es eine Blutfehde zwischen den beiden Familien gab, die Generationen zurückreichte, aber bei allen, die alt genug waren, um noch zu wissen, wie es damals überhaupt dazu gekommen war, taten sich unglaubliche Erinnerungslücken auf, wenn sie danach gefragt wurden.

»Sie wollen sich scheiden lassen.«

»Soll das ein Witz sein?«

»Nein, das ist kein Witz«, erwiderte Francesca, und ihre Stimme wurde leicht schrill. »Und es ist so gemein von ihnen, denn ich habe schon Albträume deswegen, und man sollte doch meinen, dass sie das interessiert. Aber nein, sie haben sich einfach getrennt und sind ihrer Wege gegangen. Daddy mit seiner kleinen Schlampe und Mama mit den Diamanten. Da hat er ihr einen Killer auf den Hals gehetzt, damit sie sie wieder zurückbringt. Aber das wird Mama nicht tun, und man wird sie töten, und du weißt, dass dann Mamas Familie Daddy jagen wird. Diese dämlichen Diamanten löschen noch meine ganze Familie aus, Bobbie Faye, und …«

Maimee unterbrach sie. »Können wir die Sache mal zu Ende bringen? Wenn ich es nicht rechtzeitig zu meinem Gebetstreffen schaffe, werden noch heute Menschen zur Hölle fahren. Ich brauche diese Waffe, und zwar jetzt!«

»Sie brauchen sie nicht jetzt. Ich glaube jedenfalls kaum, dass es eine neue Methode der Erlösung gibt, bei der man nervtötende Sünder schleunigst ihrem Schöpfer überstellt, während sie um Vergebung bitten.«

»Das könnte durchaus sein.«

»Klar, es gibt ja das wenig bekannte Gebot: Du sollst deine Waffe verdeckt tragen. Haben Sie nicht irgendwelche Familienangehörigen, die ich für Sie anrufen könnte? Freunde? Die Aufsicht der geschlossenen Abteilung?« Francesca tippte Bobbie Faye auf den Arm, und sie wandte sich ihr zu. »Was ist?«, fragte sie, während sie im gleichen Moment zwei Männer auf sich zuschlendern sah. Beide hielten eine Pistole in der Hand.

Leider hatte sie nichts griffbereit, womit man schießen konnte und was zudem auch geladen war. Absolut gar nichts. Ach verdammt!, quiekte die kleine Stimme in ihrem Hinterkopf alarmiert. Sie blickte zu einem großen, untersetzten Mann auf, dessen gesamter Körperbau wirkte, als hätte ihn ein Ingenieur mit einer Vorliebe für rechte Winkel zusammengesetzt. Alles an ihm war quadratisch, bis hin zu seinen schaufelartigen Händen, mit denen er auch als Gabelstapler hätte arbeiten können. In der Nähe seiner einen Achsel zeichnete sich unter dem Mantel eine Beule ab. Dort störte offenbar ein Pistolenholster die ansonsten so perfekten geraden Linien seiner Erscheinung.

»Ich glaube, ich soll heute jemanden erschießen«, verkündete er und sah Bobbie Faye direkt in die Augen. »Sind Sie das?«

Bobbie Faye blinzelte. »Hat er gerade gefragt, was ich glaube, dass er gefragt hat?«

»Das ist Mitch Guillory«, erklärte Francesca, als Bobbie Faye sie fragend ansah.

»Der kleine Mitchell?« Bobbie Faye konnte es nicht fassen, denn sie sah keinerlei Ähnlichkeit zwischen diesem Schrank auf zwei Beinen und dem Kind, das ihre Mutter immer einen Zahnstocher mit Augen genannt hatte. Doch dann fiel ihr ein, dass sie sein Polizeifoto in den Nachrichten gesehen hatte. Er war bei einem Raubzug in New Orleans, der auf das Konto des organisierten Verbrechens ging, verwundet worden.

»Du sollst sie noch nicht sofort erschießen«, warnte der andere Mann Mitch, und Mitch schien sich etwas zu entspannen, doch Bobbie Faye ließ seine Waffe nicht aus den Augen.

»Aber erschieße ich nicht immer Leute?«, erkundigte sich Mitch.

»Er hat ein kleines Problem mit seinem Kurzzeitgedächtnis«, erklärte Francesca. »Seit er angeschossen worden ist.«

»Ich bin angeschossen worden?«, fragte Mitch und runzelte unsicher die Stirn.

»Ja«, seufzte der andere Mann. Offenbar hatte er ihm das schon einige Male erklärt – und Bobbie Faye erkannte diesen Seufzer. Sofort zog sich in ihr alles zusammen, denn sie erinnerte sich gut an Donny, der mit dreißig immer noch so jungenhaft langweilig aussah, dass man ihn fast für fünfzehn halten konnte. Sie hatte Donny nicht mehr gesehen, seit er nach L. A. gegangen war, um Schauspieler zu werden. Der Höhepunkt seiner Karriere war bisher allerdings ein Werbespot für eine Hämorrhoidensalbe gewesen. Donny und Mitch waren Francescas Cousins, und sie verbrachten früher jeden Sommer gemeinsam, wenn Francescas Mom sie zu ihrer Großmutter nach Lake Charles schickte.

»Du hast eine Kugel in den Kopf bekommen«, fuhr Don an Mitch gewandt fort. »Deswegen vergisst du immer alles Mögliche.« Aus Erzählungen wusste Bobbie Faye, dass er sich auch an sein eigenes Alibi oder die Anweisungen seines Verteidigers nicht erinnern konnte, sodass er nicht in der Lage war, einen Prozess durchzustehen. Und wo Francesca, Mitch und Donny waren, konnte Kit …

»Sieh in deinen Anweisungen nach«, sagte eine Frau mit einer rauen, erotischen Raucherstimme.

… nicht weit sein.

Kit, klein und mit stachelig gegeltem Haar, hatte sich hinter Mitchs breitem Kreuz versteckt. Sie sah umwerfend gut aus, und Bobbie Faye erkannte in ihr sofort die freche kleine Cousine, die grundsätzlich überall dabei war. Sie war schon immer etwas gestört gewesen, ein Kind, das lieber Käse über sein Eis streute als Schokoflocken. »Ich habe alles für ihn aufgeschrieben«, sagte sie zu Bobbie Faye. »Ich glaube, er hat eine echt große Zukunft als Auftragskiller vor sich. Er ist total willensstark, wir müssen nur noch dieses Problem mit Ups, das war jetzt der Falsche! in den Griff kriegen.«

»Bist du nicht … Berufsberaterin? Für den Justizvollzug?«, erkundigte sich Bobbie Faye, während sie Maimee die Glock wegnahm und erst dann bemerkte, dass die alte Frau eine Schachtel Munition aus dem Regal genommen hatte und mit gerunzelter Stirn herauszufinden versuchte, wie man die Waffe lädt.

»Ich habe ein Händchen dafür, Leute in Berufen unterzubringen, für die sie besonders geeignet sind.«

»Klar, und warum solltest du dabei irgendeinen Gedanken daran verschwenden, ob der Job auch legal ist?«

»Dich würde ich zum Beispiel bei einer Abrissfirma unterbringen. Du hast ein ungewöhnliches Talent, Dinge in ihre Einzelteile zu zerlegen.«

»Hey, toll, das muss ich gleich in meinen Lebenslauf schreiben.«

»Ich werde mal sehen, was ich für dich finden kann«, versprach Kit, ohne auch nur einen Hauch von Bobbie Fayes Sarkasmus mitzubekommen. »Falls du überlebst.«

»Sch!«, sagte Francesca zu Kit, dann drehte sie sich wieder zu Bobbie Faye um. »Siehst du? Du bist perfekt für den Job.«

»Ja, sicher, nachdem ich mir»dämlich« auf die Stirn habe tätowieren lassen.«

»Die Leute meinen, dass du schon wüsstest, wie man die Diamanten findet«, erklärte Kit. »Wir helfen Francesca dabei, dass ihre Eltern am Leben bleiben. Und das bedeutet, du wirst uns helfen müssen.«

»Ihr könnt doch nicht ernsthaft glauben, dass Emile einen Killer auf Marie ansetzen würde«, sagte Bobbie Faye. Alle nickten, nur Mitch warf den anderen erst einen fragenden Blick zu, bevor er einstimmte. »Auf keinen Fall. Außerdem habe ich zu tun. Ich muss meinen Antrag für ein Existenzgründerdarlehen fertig machen und einreichen. Ich werde mich nicht auf die Jagd nach irgendwas begeben, nur weil ihr hier mit einer irren Geschichte auftaucht.«

Bobbie Faye musste die Vitrine zuklappen und abschließen, damit Maimee nicht nach einer SIG Sauer griff.

»Aber du bist unsere letzte Hoffnung! Du hast deinem Bruder das Leben gerettet! Obwohl die Chancen wirklich schlecht standen! Ich habe das alles genau in den Nachrichten verfolgt. Und ich habe gehört, dass Daddy einen seiner … nun ja, Mitarbeiter losgeschickt hat … und Mamas Leute auch. Es wird alles nur noch schlimmer werden, und es werden Menschen sterben. Alle sind davon überzeugt, dass nur du sie retten kannst, weil du die Piratenkönigin bist.«

Bobbie Faye riss ihren Blick von Donny los, der sich gerade für die Überwachungskamera in Positur stellte. Francesca war nie besonders glücklich darüber gewesen, dass Bobbie Faye die inoffizielle Königin des örtlichen Piratenfestivals war, obwohl es sich dabei um einen Titel handelte, der nur vererbt werden konnte. »Was um alles in der Welt hat das damit zu tun?«

»Du bist eine Cajun. Du kannst etwas über Mama herausfinden, weil alle ihre Freunde Cajuns sind, deswegen werden sie dir Dinge erzählen, die sie mir niemals sagen würden, obwohl wir verwandt sind.«

Und nun war es ausgesprochen. Sie hatte es sich verkniffen, auch nur darüber nachzudenken: Hier ging es um die Familie. Insbesondere um die Familie väterlicherseits. Das Leben von Marie, der Schwester ihres Vaters, war in Gefahr. Als Tante war sie immer nett zu ihr gewesen trotz der Tatsache, dass ihr Bruder, Bobbie Fayes Vater, sie niemals als seine Tochter anerkannt hatte oder sie ihn als ihren Dad. Als sie noch sehr klein gewesen war, hatte es mal eine Zeit gegeben, in der sie sich gewünscht hatte, es wäre anders. Aber heute? Auf keinen Fall. Der einzige Mensch, mit dem sie über ihre Familie gesprochen hatte, war Nina, ihre beste Freundin, die eine Modelagentur besaß, bei der es eigentlich … nun ja, quasi ausschließlich um SM ging. Aber Nina tolerierte auch Bobbie Fayes weniger freundliche Seiten – selbst dann, wenn sie gemeingefährlich wurde.

Francescas Cousins – also technisch gesehen waren zwei von ihnen auch ihre Cousins – sahen sie voller Hoffnung an.

»Vielleicht hast du ja einfach eine Idee, wo Mama sie versteckt haben könnte«, meinte Francesca. »Du bist ja nun mal ziemlich durchgeknallt, und Mama ist das auch, deswegen seid ihr euch ganz schön ähnlich. Du kannst dich wahrscheinlich gut in sie hineinversetzen.«

»Es macht mir echt Angst, wenn ich darüber nachdenke, dass du im Verkauf tätig bist.«

In dem Moment zersplitterte laut klirrend das Schaufenster, und eine Kugel sirrte direkt über Bobbie Fayes Kopf hinweg.

»Runter!«, brüllte sie und packte die Glock samt Munition, bevor sie sich auf den Boden warf.

Allison und Alicia, die Zwillinge, die am vorderen Tresen arbeiteten, brachten den Rest der Kunden in einen hinteren Raum, wo ihnen keine Glassplitter oder Gefährlicheres um die Ohren fliegen konnten. Die Cousins sprangen sofort auseinander, und Mitch schoss zurück, obwohl er ganz offensichtlich nicht genau wusste, auf wen er zielen sollte, denn es gelang ihm mit Bravour, sämtliche Schaufensterpuppen, die vorn in der Abteilung für Tarnkleidung aufgereiht standen, umzulegen.

»Mitch!«, schrie Bobbie Faye, aber er konnte sie nicht hören, weil er gerade einen der Plastikköpfe wegknallte. Eine weitere Kugel von draußen zischte vorbei und zerstörte die Dosen mit Schießpulver über Bobbie Fayes Kopf, und der schwarze Inhalt ergoss sich über sie und den Fußboden.

Na toll! Ihre Frisur war im Eimer, und außerdem konnte sie auch noch jeden Moment in die Luft fliegen. Großartig! Sie lud die Glock und rief Francesca zu, dass sie die Polizei rufen solle. Als sie um den Tresen herumspähte, sah sie, dass Maimee nicht wie alle anderen auf dem Boden lag. Während Mitch unaufhörlich zurückschoss, schlugen weitere Kugeln von draußen in die Grubenlaternen in der Auslage ein, und Glassplitter flogen durch die Gegend.

»Mrs Maimee, gehen Sie in Deckung!«

»Ich rufe nur eben die anderen aus dem Gebetskreis an«, erklärte Maimee, während sie schon auf ihrem Handy herumtippte. »Wir treffen uns einfach hier. Ich denke, Gott will mir sagen, dass wir Waffen brauchen, die zusammenpassen.«

Bobbie Faye fragte sich, ob Mr Edgar wohl lange genug leben würde, um Maimee noch in der hübschen gepolsterten Zelle zu besuchen, auf die sie geradewegs zusteuerte.

»Der Zug wird die Polizei aufhalten«, rief Kit, die neben der Tür in Deckung gegangen war und hinausspähte. Ein langer Güterzug näherte sich langsam dem Bahnübergang, der einen Block von Ce Ces Laden entfernt lag. Die Cops würden einen Umweg von zwanzig Minuten in Kauf nehmen müssen, wenn das verdammte Ding nicht schneller fuhr.

»Frannie!« Bobbie Faye packte die Frau am Arm, um sie aufzurütteln und zur Vernunft zu bringen. »Schaff deine Cousins hier weg und geh zur Polizei!«

»Auf keinen Fall. Daddy schmiert viel zu viele von denen. Die sperren uns ein, bevor wir Mama helfen können. Zuerst müssen wir die Diamanten finden.«

»Das FBI …« Aber Bobbie Faye hielt inne, als Francesca die Augen verdrehte. Ihr Dad hatte während seiner Laufbahn auch schon Senatoren und Gott weiß wen noch bestochen.

»Sie haben Mama befragt, aber sie hatte die Diamanten nicht bei sich, also muss sie sie irgendwo versteckt haben. Angeblich versucht sie, sie zu verkaufen, aber wenn sie das tut, wird Daddy wirklich sehr wütend werden, deswegen haben wir nur ein paar Tage Zeit, und ausgerechnet jetzt können wir sie nicht finden.«

Weitere Kugeln pfiffen herein, zerschlugen Vitrinen, blieben in Wänden stecken oder fegten alles Mögliche aus den Regalen, und Bobbie Faye konnte nicht sagen, ob gerade der Scharfschütze von draußen schoss oder Mitch. Oder Donny, der inzwischen ebenfalls ins Geschehen eingegriffen hatte. Wenn Ce Ce von ihren Besorgungen zurückkam, würde Bobbie Faye sich noch wünschen, dass eine der Kugeln ihr Ziel getroffen hätte. »Wer zum Teufel schießt eigentlich von da draußen auf uns?«

»Vielleicht jemand, der nicht will, dass wir die Diamanten finden«, vermutete Francesca.

»Ihr alle zusammen verursacht mehr Schaden, als diese dämlichen Diamanten überhaupt wert sind.«

»Es sind mehr als dreißig, und sie sind mindestens eine Million wert.«

Heilige Scheiße, das war eine ganze Menge, selbst für Diamanten! Bobbie Faye begriff, dass jemand für eine solche Summe durchaus bereit sein könnte, sie zu erschießen. Es gab nämlich sogar ein paar Leute, die sie umsonst umlegen würden. Wenn dann noch so viel Geld dazukam, würden diese Leute reihenweise mit gezückten Waffen bereitstehen.

»Es tut mir wirklich leid, dass ich dich in diese Sache reinziehen muss.« Francesca schaffte es, ihrem Bambi-Blick einen Ausdruck tiefer Zerknirschung hinzuzufügen.

Die Scheiben des Aquariums mit den kleinen Köderfischen zerbarsten unter einem Volltreffer, und Wasser und Fische ergossen sich in einem Schwall in sämtliche Richtungen. Vom anderen Ende des Ladens hörte Bobbie Faye ein unterdrücktes »Ups!«.

Dann sagte Kit: »Schon okay, Mitch, Schätzchen. Das war ein wirklich guter Treffer. Nicht ein einziger der Fische hat zurückgeschossen.«

Verflixt noch mal, das war doch der pure Wahnsinn hier. Sie zerschossen Ce Ces Laden, was schon schlimm genug war, aber leider begriff Bobbie Faye auch, dass sie ihnen helfen musste. Auch wenn es ihr schwerfiel dies einzugestehen, aber diese Leute waren ihre Familie. Und da konnte sie doch nicht einfach zusehen, wie einer von ihnen getötet wurde, während sie nur danebenstand und nichts tat.

Sie hasste ihr verdammtes Mitgefühl.

BEHÖRDE FÜR HEIMATSCHUTZ

Von Jessica Tyler (JT) Ellis

Assistentin vom Untersekretär des Untersekretärs des

Verwaltungsassistenten des Verteidigungsministeriums

Heimatschutzbehörde

New Orleans, LA

Betreff: Arbeitsbericht

(abzulegen unter Einsatzkommentare, nur persönlich)

Textilien, die von Marie Despré stammen und sich zum Schmuggeln von Diamanten eignen, müssen konfisziert werden. Derartige Textilien schließen ein, sind aber nicht beschränkt auf: Handtaschen, Gürtel, Schuhe und Accessoires. Unbedingt daran denken, dass zu den Hobbys der Zielperson auch bildende Kunst gehört – alle bekannten Werke müssen durchsucht werden, in Galerien und privaten Sammlungen. Alle Behörden im Land, einschließlich FBI, müssen zur Amtshilfe herangezogen werden.

Fall # 198 733BFS / Diamantensuche

Einsatzbemerkungen: persönlich

16 Gegenstände durchsucht

2 Filmstars drohten mit Anzeige

5 Politiker wurden gestört (mit einer anderen als Ehefrau)

3 Paparazzi verhaftet, Kameras konfisziert (mit Rechtsabteilung sprechen)

1 Agent im Einsatz in Lake Charles

1 verrückte Frau cajunischer Abstammung in den Fall verwickelt

(siehe letzter Fall – völlig durchgeknallt)

4

Von: Simone

An: JT

Bestätigt: Schießerei im Laden. Über Telefon die Überwachungskamera angezapft. BF lebt. Wie steht es bei dir?

Von: JT

An: Simone

Durchsuchung der Kleidungsstücke läuft weiter. Drei Politiker, zwei nicht mit Ehefrau, befragt. Häuser von mehreren Filmstars durchsucht. Ein Agent von Hund gebissen.

Überrede BF, für uns zu arbeiten.

Mit allen notwendigen Mitteln.

In dem kleinen, verklinkerten Polizeigebäude lehnte sich Detective Cameron Moreau in seinem engen Büro im Schreibtischstuhl zurück. Er streckte seinen schlaksigen, einen Meter fünfundneunzig langen Körper aus, legte die Füße in den Cowboystiefeln auf den Schreibtisch, verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete die Akte, die vor ihm lag. Darin ging es um den Mord an einem Juwelier aus Lake Charles, der dafür bekannt war, äußerst wertvollen Schmuck an sehr reiche Kunden zu verkaufen. Das Schussbild und das völlige Fehlen kriminaltechnisch verwertbarer Spuren machten deutlich, dass dies nicht die Tat eines Laien war. Die Polizei besaß praktisch nicht den kleinsten Hinweis, lediglich ein paar Informationen, die sie bisher vor der Öffentlichkeit hatten geheim halten können. Irgendetwas an dem Schussbild störte Cam, aber er starrte jetzt schon seit mehreren Tagen immer wieder darauf, sooft er neben seinem normalen Job, der schon chaotisch genug war, etwas Zeit dafür aufbringen konnte, aber er kam einfach nicht darauf, was ihn irritierte.

Dass sich das FBI wie ein Schwarm Fliegen auf den Fall gestürzt, sofort alle Spuren verfolgt und jede einzelne seiner Maßnahmen infrage gestellt hatte, ohne im Gegenzug irgendwelche gewonnenen Erkenntnisse mit ihm zu teilen, war auch keine besonders große Hilfe gewesen. Zum Teufel mit diesen Idioten, ihm hing der Fall schon jetzt zum Hals raus! Das FBI wollte ihm einfach nicht verraten, warum dieser Juwelier so wichtig für sie war, und normalerweise hätte er den Fall einfach zu den Akten gelegt und lediglich bei Rückfragen der Feds kooperiert … Nur dieses Mal kam er einfach nicht an dem seltsamen Schussbild vorbei.

Schon den ganzen Morgen war er extrem wachsam gewesen. Einige Menschen konnten voraussagen, wann es regnen würde, weil ihnen die Knochen wehtaten. Cam dagegen spürte, wenn eine Katastrophe im Anzug war. Vielleicht kam es daher, dass er zu lange mit Bobbie Faye ausgegangen war. Oder vielleicht lag es auch an all den Jahren davor, in denen sie nur befreundet gewesen waren. Er hatte mit ihr ausreichend Desaster durchgestanden, und diese Erfahrung hatte ihn für jedes auch noch so kleine Zeichen sensibilisiert, das die nächste am Horizont aufziehende Katastrophe ankündigte. Er versuchte, einen Schützen zu finden, ohne die geringsten Indizien in Händen zu haben, das verdammte FBI rückte ihm so dicht auf die Pelle, dass er die Jungs ständig zu riechen meinte, und seine Kopfschmerzen wurden auch immer schlimmer.

Plötzlich kam Leben in das Revier. Er hörte aufgeregte Stimmen. Jason, einer der Leute am Funk, lief den Gang entlang, steckte seinen Kopf in Cams Büro und sagte: »Hast du schon gehört, dass drüben in Ce Ces Laden geschossen wird?«

Schlagartig wurde er von einer Welle Adrenalin überschwemmt. Herr im Himmel!

Ist Bobbie Faye okay?, schoss es ihm durch den Kopf, doch er verkniff sich die Frage schnell. Das ging ihn nichts mehr an. Sie hatten sich getrennt. Schon vor einem Jahr. Und sie hatte ihm verdammt deutlich gemacht, dass ihr Interesse an ihm mittlerweile gleich null war. Sie brauchte ihn nicht, wollte seine Hilfe nicht, wurde jedes Mal sofort wütend, wenn er versuchte, ihr zu erklären, wie sie mit einer Situation umgehen sollte, auch wenn er es einfach nur gut meinte. Er traf sich jetzt mit Winna, einer sehr süßen und hübschen Lehrerin. Sie war einfach ein netter Mensch, der nicht das halbe Land in die Luft jagte. Eine Frau, die ihn auch mal anrief und um Rat bat, egal, ob es um Autos oder um eine berufliche Entscheidung ging. Sie hatte eine ruhige Art, war eben einfach ganz normal. Dem Herrn sei Dank!

Als Cam nicht antwortete, lief Jason weiter den Gang hinunter, und Cam atmete langsam aus. Bobbie Faye gehörte für ihn der Vergangenheit an – sollte sich doch jemand anders um ihre Katastrophen kümmern.

Sein Telefon klingelte, und er griff danach. Eine seiner Quellen hatte ihm einen Hinweis im Fall des ermordeten Juweliers versprochen.

Aber anstatt seiner Quelle hörte Cam Schüsse im Hintergrund und Glas splittern. Und dann sagte Bobbie Faye so ruhig, als würde sie eine Pizza bestellen: »Äh … Cam? Könntest du vielleicht Stacey abholen und sie zu deiner Mutter bringen? Ich hab da ein kleines Problem, um das ich mich kümmern muss. Ich glaube nicht, dass ich es rechtzeitig schaffe.«

»Was zum Teufel ist bei dir los?«

»Oh, nur eine kleine Meinungsverschiedenheit. Ich habe im Moment keine Zeit, dir das näher zu erklären. Hör zu, letztes Mal hast du gesagt, ich hätte dich um Hilfe bitten sollen. Das tue ich jetzt, und es ist wirklich wichtig, weil es um Stacey geht, und … Hey!«, rief sie plötzlich irgendjemandem im Laden zu, während der Lärm der Schießerei und die Schreie im Hintergrund immer lauter aus seinem Hörer drangen.

»Bobbie Faye!«, brüllte er.

»Es ist wirklich nicht meine Schuld«, fuhr sie ihn an, bevor er seinen Gedanken zu Ende führen konnte. »Pass auf, du kannst mir deswegen ja später eine Standpauke halten, okay?«

»Ich komme zu dir.«

»Nein, verdammt noch mal! Hol nur einfach Stacey ab!«

Sie legte auf, aber er hörte trotzdem noch mehrere schnelle Schüsse, die verdammt nah klangen, und er war sicher, dass sie von Bobbie Faye stammten, die gerade zurückfeuerte. Und im Bruchteil dieser Sekunde war er auch schon in die ganze Sache verwickelt.

Warum zum Teufel konnte sie nicht einfach eine SMS schicken wie jeder andere vernünftige Mensch?

Von: Simone

An:JT

Scheiße! Scharfschütze! NICHTVONUNS. Scheint es auf BF abgesehen zu haben,

Von:JT

An: Simone

Verstanden. Fordere Verstärkung an.

Brauche Koordinaten.

»Hört mit der verdammten Schießerei auf!«, schrie Bobbie Faye gegen den Kugelhagel an. Sie wollte Cam erklären, was los war, aber er würde ihr sowieso nicht glauben, dass es nicht alles ihre Schuld war. Und offen gesagt wollte sie auch nicht, dass ihre halbe Familie im Gefängnis landete, während sie versuchte, das Problem irgendwie zu lösen, und wie sie Cam kannte, würde genau das geschehen. Leider hatte er die unangenehme Angewohnheit, sich immer in erster Linie als Polizist zu fühlen. Sie brauchte Zeit, um die Diamanten zu finden. Sie hatte keine Ahnung, wo zum Teufel Marie die verdammten Dinger hingeschafft hatte. Sie wusste jedoch, dass Marie es gern bequem hatte und dass es ein paar Verwandte gab, die ihr ein Dach über dem Kopf bieten würden. Maries Geschäftsräume mussten durchsucht werden, und sie würde auch mit ihren Freunden sprechen, und selbst wenn Bobbie Faye das ganze verfluchte Land auf den Kopf stellen musste, sie würde diese verdammten Diamanten finden und sie dann ihrer gesamten Familie um die Ohren hauen.

Aus der Ferne näherten sich Sirenen, und Bobbie Faye kroch hinüber zu einem Seitenfenster in der Nähe der Campingabteilung. Der Güterzug stand immer noch da wie festgewachsen und versperrte der Polizei den Weg.

Eine weitere Kugel zischte herein.

Bobbie Faye würde sich über die Veranda an der Seite hinausschleichen müssen, um ungesehen zu ihrem Wagen zu kommen. Sie griff nach ihrer Handtasche und schob die geladene Glock hinein. Dann steckte sie auch noch die Schlüssel zu der Vitrine mit den Waffen ein, falls Maimee auf die Idee käme, dass Gott ihr einfach alles verzeihen würde und sie das Recht hätte, sich eine der anderen Waffen zu nehmen.

»Kommt mit«, sagte Bobbie Faye zu den Cousins und führte sie zum Seitenausgang, während Francesca Mitch noch einmal erklärte, dass er niemanden zu erschießen bräuchte. Im Moment.

Von: Simone

An:JT

Sie kommen raus. SEITENTÜR. Ergreife alle notwendigen Maßnahmen.

Cam rief Befehle, während er durch das Revier rannte. Selbst wenn er nicht der Detective Sergeant vom Dienst gewesen wäre, hätte sein Vorgesetzter ihn ausrücken lassen. Er machte sich etwas vor, wenn er glaubte, dass er Bobbie Fayes Schneise der Verwüstung entkommen könnte, die sie diesmal wieder schlagen würde. Wenn sie nicht schon tot war, würde er sie vielleicht einfach selbst töten.

Auf dem Weg zu seinem Wagen zog Cam die Visitenkarte von Trevor Cormier aus seiner Brieftasche – dem FBI-Agenten, der in Bobbie Fayes letztes Katastrophenszenario verwickelt gewesen war. Dieser Bastard hatte sich zwar ziemlich besitzergreifend verhalten, was Bobbie Faye anging, als Cam die beiden endlich gestellt hatte, aber was interessierte es ihn, ob Trevor sich zu Bobbie Faye hingezogen fühlte. Der Mann war, wie Cam inzwischen erfahren hatte, bei einer Spezialeinheit gewesen, bevor er zum FBI gekommen war, und seine Akte unterlag zum größten Teil der Geheimhaltung. Sicher, er hatte sich als ausgesprochen fähig erwiesen, als Bobbie Fayes Bruder gekidnappt worden war, aber trotzdem … Spezialeinsätze in Afghanistan und Syrien und Gott weiß wo noch bedeuteten mit großer Wahrscheinlichkeit, dass Trevor einige Leute auf dem Gewissen hatte. Mehrere gezielte strategische Tötungen – auch wenn sie der Verteidigung dienten – mussten einen Menschen einfach verändern. Ihn hart machen. Gerüchte besagten, dass Trevor keinerlei Skrupel hatte, jeden zu manipulieren, der ihm für seine Zwecke nützlich sein konnte, wenn er verdeckt ermittelte. Es gehörte zu seinem Job. Und laut dem öffentlichen Teil seiner Akte machte er diesen Job außergewöhnlich gut.

Trevor hatte Cam gebeten, ihn zu informieren, falls Bobbie Faye wieder in irgendwelche Schwierigkeiten geriet, bevor er aus Quantico zurück sein würde, wo er sich mit den Folgen von Roys Entführung beschäftigte. Cam zögerte einen Moment, bevor er Trevor anrief, wusste jedoch nicht, warum. Dann steckte er dessen Karte wieder in seine Brieftasche und sprang ins Auto.

Bobbie Faye trat hinaus in die strahlende Sommersonne und spürte im selben Moment, wie sich der erste Schweiß in ihrem Nacken unter der dichten Mähne sammelte. Sie war kaum einen Meter weit gekommen, als sie auch schon mit einem Kerl zusammenprallte, der allem Anschein nach um die Ecke vom Coffeeshop kam, der direkt neben Ce Ces Laden lag. Bobbie Fayes erster Gedanke war, dass sie feststellen musste, ob er vielleicht der Idiot war, der in den Laden geschossen hatte, aber er schien nicht bewaffnet zu sein, und außerdem hörte sie hinter sich immer noch Schüsse. Der Mann schien auf seine blank polierte schwarze Harley zuzusteuern, die in einiger Entfernung auf dem Parkplatz stand. Ihr zweiter Eindruck war jedoch, dass er irgendwie … einen Umweg gemacht hatte, um mit ihr zusammenzustoßen.

Gott im Himmel, wie gut, dass du nicht paranoid bist!

In seinen abgewetzten Motorradstiefeln war er ein wenig größer als eins achtzig. Er trug sein etwas längeres Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und eine Baseballkappe. Ihr fielen sein Schnurrbart und ein Ziegenbärtchen am Kinn auf, aber auf ihrer Augenhöhe bemerkte sie als Erstes, dass seine unglaublich braunen und muskulösen Oberarme mit Tattoos und Narben bedeckt waren. Ihr entging auch nicht, dass er ziemlich sexy war und einen flachen Bauch und einen knackigen Hintern besaß, als sie einen Schritt zur Seite machte und sich abwenden wollte. Irgendetwas nicht Greifbares, ein Duft, erweckte ihre Hormone zum Leben und ließ sie auf der Stelle erstarren, während Hitze sie durchflutete. Das war alles schon ziemlich seltsam, denn das letzte Mal war es ihr so ergangen, als Trevor … heilige Scheiße!

Trevor war da. Undercover.

Sie stolperte, als sie seinem Blick begegnete, mit dem er sie warnte, sich nicht anmerken zu lassen, wer er war. Im selben Moment hatte er seine Hände um ihre Taille gelegt, damit sie nicht der Länge nach auf dem Beton des Parkplatzes hinschlug.

Und diese Hände fühlten sich so guuuuuut an. Danke, lieber Gott, dass du mich noch ein bisschen gernhast! Trevor ließ seine rechte Hand ein kleines Stück unter den Saum ihres Shirts gleiten, und Bobbie Faye war schon drauf und dran, ihr den Weg weiter nach oben zu zeigen, als sie spürte, dass er ihr eine Art Pflaster knapp über dem Bund ihrer Jeans auf die Haut klebte. Für eine Sekunde schossen ihr all die heißen Gespräche durch den Kopf, die man eigentlich schon als Telefonsex bezeichnen konnte und die sie mit ihm geführt hatte, als er nach Roys Entführung in Quantico gewesen war. Sie musste den Reflex unterdrücken, ihn einfach anzuspringen und ihm die Beine um die Hüften zu schlingen. Das allerdings wäre wohl ziemlich verräterisch gewesen. Sie war wirklich ein echter Profi.

»Verdammte Scheiße noch mal, du Affenarsch, fass mich gefälligst nicht an!«, stieß sie für Francescas Ohren hervor, da sie und die Cousins inzwischen kurz hinter ihr waren. Bobbie Faye drückte sich von Trevor weg, indem sie eine Hand auf seinen Bizeps legte. (Und sie wollte verflucht noch mal einen Oscar dafür haben, dass sie ihrem übermächtigen Verlangen widerstand hineinzubeißen. Herzlichen Dank!)

»Hey, du Zicke! Du hast mich angerempelt. Pass auf, wo du hinläufst!« Er drängte sich an ihr vorbei, stieg auf sein Motorrad und ließ donnernd den Motor an … Doch dann schien er sich Zeit zu lassen und seine Armaturen zu überprüfen.

Ihr dämmerte, dass er mit den Worten »Pass auf, wo du hinläufst!« gemeint hatte, dass sie die Augen offen halten sollte. Schnell sah sie sich um, ob Trevor sie auf irgendeine unmittelbar drohende Gefahr hinweisen wollte. Das dröhnende Horn des Zuges durchschnitt den normalen morgendlichen Verkehrslärm, während sie auf ihren Honda Civic zuging – eine armselige und verbeulte kleine Rostlaube, die es kürzlich geschafft hatte, die Zweihunderttausend-Kilometer-Marke zu durchbrechen.

Bobbie Faye warf einen Blick über die Schulter und sah, wie Trevor eine Flasche hervorzog und sich betont lässig in eine Karte vertiefte. Doch sie hätte schwören können, dass er eigentlich sie beobachtete. Außer dem bedrohlich wirkenden Biker, den er spielte, schien in der kleinen Seitenstraße mit den Bäumen am Rand aber alles ruhig zu sein.

Na ja, abgesehen von dem weißen Van, der direkt auf sie zukam.

Er bremste direkt neben ihr, die Seitentür wurde aufgeschoben, Hände packten sie und rissen sie ins Innere des Wagens, während ihr irgendjemand einen Sack über den Kopf stülpte.

5

Von: Simone

An:JT

Oh Scheiße. BF mitten auf Straße entführt.

Noch ein Beteiligter. Kein Ton. Van im Blick.

Sende Zulassung … jetzt.

Von:JT

An: Simone

Wo ist Trevor?

Von: Simone

An:JT

Er folgt.

Von:JT

An: Simone

Weiß er, dass du da bist?

Von: Simone

An:JT

Nicht bekannt.

Heiliges Kanonenrohr! Irgendjemand hatte sie tatsächlich gekidnappt. Konnte man von Schokolade Halluzinationen bekommen? Jetzt mal im Ernst, was zum Teufel sollte das? Einer der Entführer drehte ihr die Arme auf den Rücken und drückte sie zu Boden, während die Schiebetür des Vans zuglitt und einrastete. Dann beschleunigte der Wagen … langsam.

»Deine famiglia, Bobbie Faye, sie wird dich töten lassen, sì?«, fragte eine schroffe männliche Stimme mit italienischem Akzent.

»Hört mal, wenn Roy euch Geld schuldet, bin ich nicht …«

»Hier geht es nicht um deinen Bruder«, erwiderte eine unheimliche, krächzende Stimme überraschend auf ihrer linken Seite.

Nach Roys Entführung und der darauf folgenden Presseberichterstattung darüber, wie sie ihn gerettet hatte, waren einige Typen aufgetaucht, die sie zwingen wollten, seine Schulden zu bezahlen. (Ganz zu schweigen von den Ehemännern und Freunden der Frauen, mit denen er etwas gehabt hatte, die gern mal seine Visage polieren wollten.) An solche Überraschungsbesuche hatte sich Bobbie Faye mittlerweile gewöhnt, und ihre diesbezügliche Furcht hatte sich inzwischen zu einem Nickerchen in das stille Kämmerlein irgendwo in ihrem Hinterkopf zurückgezogen.

Der Krächzer stieß ihr eine Revolvermündung in die Seite. Schlagartig war ihre Furcht wieder erwacht und versetzte den beiden Kollegen namens Lauf und Schrei einen Tritt, damit sie reagierten, doch die beiden versagten kläglich.

Der Van fuhr rechts um die Ecke. Wie jetzt? Aus ihrer Erinnerung wusste Bobbie Faye, dass die Straße, in die sie gerade eingebogen waren, sie nicht aus der Stadt herausbringen würde. Die Typen schienen … einfach nur um den Block zu fahren.

»Non, nicht um … äh … deine Bruder, non. Es geht um die diamante«, erklärte der Italiener.

»Die Diamanten?«, fragte sie und kämpfte mit dem Trottel, der ihre Arme festhielt, während der Van erneut rechts abbog. »Ihr wollt mich wohl verarschen.« Sie hatte Francesca nicht mal fünfzehn Minuten geholfen und nur kurz über die Konsequenzen nachgedacht, wenn sie ihrer Familie half, und schon sollte sie umgebracht werden?

»Wir wissen«, erklärte der Krächzer, »dass deine dämliche Cousine dich darum gebeten hat, die Diamanten zu finden. Und wir sagen dir, du willst sie gar nicht finden.«

»Na prima, wenn ihr mich so gut kennt, dann wisst ihr doch auch, wie sehr ich es liebe, wenn mich irgendein kräftiger Kerl herumschubst.« Sie versuchte, um sich zu treten, doch irgendjemand setzte sich auf ihre Beine, während der Kerl auf ihrem Rücken ihr die Arme noch heftiger verdrehte. Verdammt, davon würde sie länger etwas haben!

»Magnifico«, sagte der Italiener, dem langsam die Worte auszugehen schienen. »Sag ihr, dass du bist … fertig … sì! Dass du ihr nicht wollen helfen!«

Er war offensichtlich hocherfreut. Idiot. »Das erzähle ich ihr schon seit der siebten Klasse. In unserer Familie gibt es nun mal Sturköpfe, so wie in anderen Familien Leistungssportler.«

»Wir arbeiten für die Käufer«, erklärte der Krächzer. »Die Diamanten gehören uns und Schluss. Wenn du dich einmischst, bist du tot. Krieg die Grippe oder was weiß ich. Mach ihr jedenfalls klar, dass du nicht mehr mit von der Partie bist.«

»Himmel, ich merke schon, dass mir ganz übel wird.«

»Braves Mädchen«, lobte der Krächzer. Für das »Mädchen« hätte sie ihm am liebsten eine gescheuert. Was war bloß los mit den Leuten? Sie war doch keine zwölf mehr.

»Und da es sich hier wohl kaum um ein kleines Brainstorming handelt, warum kidnappt ihr mich dann überhaupt, um mir zu sagen, dass ich die Diamanten nicht finden soll, wenn ihr längst einen Scharfschützen auf mich angesetzt habt, der mich umnieten soll?«

Der Italiener zögerte kurz, aber vielsagend, dann meinte er: »Ah, sì, der … Scharfschütze. Er ist gut, non?«

»Nein«, erwiderte sie und begriff in dem Moment, was sie die ganze Zeit im Unterbewusstsein an den Schüssen gestört hatte, die auf Ce Ces Laden abgefeuert worden waren. Mal abgesehen davon, dass auf sie geschossen wurde. »Er ist ein Stümper.«

Sie bogen schon wieder rechts ab, was nach ihren Berechnungen bedeuten musste … offensichtlich rutschte ihr bereits das Hirn aus den Ohren, denn … heilige Scheiße! Waren sie wirklich einmal um den Block gefahren?

»Die Käufer«, fuhr der Italiener fort, »sie dich nicht wollen gleich töten.«

»Nur warnen«, erklärte der Krächzer. »Eine Warnung bekommst du. So kaltblütig sind sie nicht.«

»Ja, klar, es wäre nur fair, sie für den Friedensnobelpreis zu nominieren.«

»Die sind vielleicht nicht kaltblütig«, lachte der Krächzer, »aber ich bin es schon. Wenn du nicht spurst, töten wir deine Familie, einen nach dem anderen.«

Der Van hielt abrupt, und sie wurde hinausgestoßen, ohne dass ihr jemand den Sack vom Kopf zog. Einen Moment lang kämpfte sie damit, bis sie ihn loswurde, und als sie wieder etwas sehen konnte, fand sie sich genau an derselben Stelle wieder, wo sie gekidnappt worden war. In dem Moment kamen ihre hochintelligenten Cousins in einem Hummer angefahren, dessen strahlendes Gelb sie für einen Moment geradezu blendete. Keine besonders gute Wahl, um sich unauffällig auf die Suche nach irgendwelchen Diamanten zu machen oder Entführer zu verfolgen.

Wahrscheinlich konnte sie noch von Glück sagen, dass Francesca den Wagen nicht zusätzlich mit kleinen Diamanten dekoriert hatte.