Bodan - Wolfgang Hovestädt - E-Book

Bodan E-Book

Wolfgang Hovestädt

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Beschreibung

Eine skurril ausgemalte, humoristisch freche Erzählung über die vielseitigen Bemühungen, die Schwiegermutter unter die Erde zu bekommen, und das möglichst kostengünstig. Eine Geschichte um Bodan, Bodan Siekorsky. Eigentlich ein liebenswürdiger Mensch, der aber zunächst etwas ratlos ist, wie er vorgehen soll, behauptet er doch glaubwürdig, er habe noch nie jemanden unter die Erde gebracht. Irgendwie schafft er es, sodass sogar seine Frau Irmgard, Tochter der Verstorbenen, nichts einzuwenden hat. Doch das Erbe, das er eigentlich anzutreten gedachte, geht völlig für die Beerdigung (Kranz, Sarg, Leichenschmaus) drauf. Und dann stirbt die Tante seiner Frau, Schwester der bereits verstorbenen Schwiegermutter. Doch Bodan hat gelernt. Er verfrachtet die tote Tante ins Auto und fährt mit ihr nach Holland.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 276

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Wolfgang Hovestädt

Bodan

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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Wolfgang Hovestädt

Bodan

„Wende weißt, watte willst,

musse gucken, datte hinkommst“,

ist nicht nur Bodans Leitspruch.

Wolfgang Hovestädt

Bodan

Roman

Impressum

Texte: © 2022 Copyright by Wolfgang Hovestädt

Umschlag: © 2022 Copyright by Wolfgang Hovestädt

Verantwortlich

für den Inhalt: Wolfgang Hovestädt

23570 Travemünde

[email protected]

̛Dem ersten Schock ‚Martha ist tot‘, folgte alsbald die ernüchternde Feststellung: ‚Sie muss unter die Erde‘.

Damit war klar, meine ‚Fähigkeiten‘ waren gefragt.

Ach so, ich muss ja erst einmal erklären, wer ist Martha. Nun, sie war die Mutter meiner Frau Irmgard, also von Irmchen, wie ich sie nenne, wenn sie gut drauf ist. Das kommt vor. Irmchen ist im besten Alter, zwar noch keine Vierzig, hat dennoch die Dreißig deutlich überschritten. Die genaue Altersangabe lasse ich weg, sie spielt bei meiner weiteren Betrachtung keine Rolle. Sollte später wider Erwarten doch der Fall eintreten, das Alter konkretisieren zu müssen, werde ich es nicht verschweigen, selbst wenn ich deshalb Ärger bekomme. Meine Frau ist in der Beziehung nicht auskunftsfreudig. Bei ihr gibt es nämlich zwei Dinge, die mit hoher Diskretion zu behandeln sind: Alter und Gewicht. Obschon das eine oder andere, manchmal auch beides, unmittelbar zu sehen sind. Ich jedoch respektiere diesen Wunsch meiner Frau nach Verschwiegenheit solange es geht. Wie lange, hängt in diesem speziellen Fall von der Geschichte ab, die ich erzählen will. Noch weiß ich nicht, wohin sie führt, und wie sie enden wird. Eines weiß ich genau, es geht um Martha und in gewisser Weise um Irmgard, also um Irmchen. Ich selbst spiele keine große Rolle dabei, bin lediglich der objektive, gradlinig informierende Berichterstatter, der ohne Umwege zum Kern kommt. Nur hin und wieder wird es notwendig sein, etwas auszuholen, auf Hintergründe einzugehen, damit Begebenheiten besser eingeordnet und Ereignisse richtig zugeordnet werden können.

Beginnen werde ich in meiner Berichterstattung bei Irmgard, also Irmchen. Nicht nur weil sie mit mir verheiratet ist, nein, weil sie als Tochter von Martha eine maßgebende Rolle spielt. Irmgard, um sie mal kurz darzustellen, ist beileibe keine unattraktive Frau, sonst hätte ich sie auch wohl nicht genommen, klar. Obwohl, ihr Äußeres zu beschreiben, ist nicht sehr einfach. Zum einen wechselt ihr Erscheinungsbild: Haarfarbe, Frisur, Kleidung. Zum anderen geht ihr Äußeres einem Außenstehenden überhaupt nichts an. Deshalb nur so viel, man stelle sich eine mittelgroße Frau von einem Meter fünfundsechzig mit zurzeit brünetten Haaren vor, diese zu kurzen Locken frisiert, die den ganzen Kopf umspielen. Der Nacken bleibt frei. Ihr kleines, rundes, niedliches Muttermal auf dem rechten hinteren Teil des Nackens ist genau dann zu sehen, wenn sie weder Rollkragenpullover noch eine Bluse mit hochgezogenem Kragen trägt. Also, meistens. Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, begrüßen wir uns, wie es alle Ehepaare tun: Wir küssen uns flüchtig. Meistens treffen wir die Wange des anderen. Nicht immer. Irmgard kann dabei sogar noch reden. Ich nicht. Doch jetzt kommt es: Es gibt Tage, da liebkose ich aus lauter Übermut ihr Muttermal, nehme es zwischen meine Lippen, sauge kurz daran, dabei klatsche ich Irmchen auf den Po. Das hat sie gern, obwohl sie es abstreitet. Manchmal kneife ich auch zart hinein, in den Po. Es gibt viel zu kneifen, noch mehr zu greifen, vor allem seitdem sie Stringtangas trägt, die nicht auftragen. Aber zu betasten und zu befühlen gibt es an anderen Stellen auch etwas, oben sowie unten, vorne als auch hinten. Irmchen ist gut gebaut. Mal ganz ehrlich, ihre Rundungen turnen mich an. Wenn ich nur dran denke, könnte ich alles andere stehen und liegen lassen, um mich nur der einen Sache zu widmen, die Erfüllung der tatsächlichen Bestimmung eines Mannes. Das ist geil, nicht wahr?

Doch zurück zur Haartracht, meiner Ausgangsbetrachtung. Diese Frisur macht ihr kleines, etwas gerundetes Gesicht eigentlich noch niedlicher, die Wangen voller, dadurch treten ihre Lippen, die es letztlich aber nicht nötig haben, diesen Eindruck zu verstärken, sinnlich hervor. Im Übrigen schafft es der Friseur, Irmchens Locken so zu drapieren, dass an ihre kleinen Ohren ungehindert Luft herankann. Hin und wieder knutsche ich auch ihre Ohrmuscheln. Die sind so klein, dass ich sie in den Mund nehmen könnte. Das tue ich nicht, jedoch gelange ich mit der Zungenspitze in das Ohrinnere. Das mag Irmgard nicht so gern. Sagt sie. Nun gut. Es gibt sowieso Stellen an ihrem vor Leidenschaft strotzenden Körper, wo es ohnedies angebrachter ist. Darüber möchte ich jetzt aber wirklich nicht reden, es würde zu intim werden und Sie sicher langweilen.

Früher trug Irmchen schon mal die Haare lang, einen verlängerten Bubikopf sozusagen, ich bin jedoch kein Hairstylist. Dennoch, der ausgefranste Pony hing bis in die Augen, das erschwerte das Sehen, und die nach vorn gekämmten Haare verdeckten ihre schmalen, kaum geschwungenen Augenbrauen. Langer Bubikopf stand ihr ohnehin nicht, ihre Stirn ist zu klein. Ein unbedarfter Mensch hätte glauben können, sie habe keine Stirn, die sie bieten könnte. Jedoch, die so denkende Person hätte geirrt.

Irmgard hat relativ kurze Arme, dem ungeachtet lange, schlanke Finger. Letzteres wird ohne Zweifel optisch durch ihre aufgeklebten Fingernägel nicht nur hervorgerufen, sondern auch noch verstärkt. Diese aufsteckbaren Nägel lässt sie wöchentlich wechseln. Nagelstudio, sage ich nur. Klar, dass diese Fingernägel teuer sind und Irmchen damit nicht besonders gut Hausarbeit verrichten kann, doch darauf kommt es mir nicht an. Erstens esse ich mittags auswärts, und zweitens können ihre Finger ganz andere Dinge, die einem Unbeteiligten aber nichts angehen. Ich sage nur, einen Blinden machen sie fühlend, einen Lahmen gehend, und einen schlapp da Liegenden –.

Diese Ausführungen sollen genügen, zeigen sie hinreichend, worum es geht. Deshalb ganz zurück zum Anfang, denn wie gesagt, Martha ist seit gestern nicht mehr. So etwas bekommt man als naher Angehöriger unmittelbar und sofort mit, aber als Schwiegersohn mittleren Alters ist man nicht direkt betroffen. Später auch nicht. Außerdem war mit dem Unvermeidbaren zu rechnen. Martha Nottebom, geborene Maikowiak, das nur der Vollständigkeit halber, war bereits achtundsiebzig, ging aber zu Lebzeiten ohne weiteres für einundsiebzig durch, sogar vorgestern noch. Doch bevor Sie nun zu rechnen anfangen oder gar zu zweifeln beginnen, Martha war zwar die Mutter meiner Frau, aber die älteste von fünf Geschwistern, zwei Mädchen und drei Brüder. Das nur am Rande. Außerdem hat Martha spät geheiratet, weil sie als die Älteste andere Aufgaben hatte. In einer kinderreichen Familie ist das üblich, dann stehen andere Dinge schon mal hinten an. Dementsprechend hat sie selbst spät Kinder bekommen. Zwei, wenn Sie es genau wissen wollen, meine Frau Irmgard, die Sie ja nun bereits kennen, und ihren um zwei Jahre jüngeren Bruder Franz, den Sie noch kennen lernen werden. Versprochen.

Franz lebt und wohnt in Hamm, eine Stadt in Westfalen, kaum der Rede wert. Franz ist verheiratet, kinderlos und bei der Stadt als Oberamtssekretär im Ordnungsamt beschäftigt, aber sonst ganz in Ordnung. Wie Irmgard ist auch er nicht besonders groß gewachsen. Erklären kann ich mir das nicht, da Martha größer ist als ihre beiden Sprösslinge. Vielleicht haben die Kinder den geringen Wuchs vom Vater, der war auch nicht besonders groß. Heute ist er tot.

Doch seien wir ehrlich, und betrachten Franz genauer, so stellen wir fest: er hat einen Bauchansatz. Das kommt von seiner sitzenden Tätigkeit, sagt seine Frau entschuldigend. Die muss es eigentlich wissen. Seine Gürtel müsste er trotzdem irgendwann austauschen, sie werden einfach zu kurz.

Leder, hatte Franz gemeint, habe die Eigenschaft, sich im Laufe des Gebrauchs zusammenzuziehen, es schrumpft sozusagen, aber er könne sich nicht entschließen, irgendetwas wegzuwerfen. Meistes grinst er, wenn er das sagt. Manchmal fügt er hinzu, er pfeife auf das letzte Loch.

Damit ist nun alles gesagt, nichts verklärt, die Familienverhältnisse geklärt, Marthas spätes Mutterglück erklärt. Bleibt noch nachzutragen (angedeutet hatte ich den Tatbestand bereits), dass Martha Witwe war, schon seit mehr als zehn Jahren. Und nun ist auch sie verschieden, aber achtundsiebzig ist eigentlich kein Alter, nur eine Zahl. Dennoch, hin ist hin, und die Rente ist futsch.

Zwar hätten wir den Zeitpunkt ihres Scheidens aus gerade erwähntem Grund gern noch etwas hinausgezögert, doch dem Schicksal entgeht man nicht. Es schlägt ohne Vorwarnung zu, trifft dich und mich, hat es nicht nötig, vorher ein Zeichen zu geben. Trotzdem. Von der Rente hatten wir direkt nichts, deshalb musste es uns nicht treffen.

Irmgard fühlte sich dennoch getroffen, ließ ihren Tränen freien Lauf. Nichts konnte die Flut hemmen. Gar nichts. Die Dämme brachen ganz einfach. Die Wassermassen machten ihr Make-up zunichte, verschmierten ihren Lidschatten. Sie schniefte und schnaufte aus ihrer kurzen, nach unten sich ein ganz klein wenig verdickenden Nase.

Der Supermarktleiter unseres kleinen Einkaufszentrums hier in Altenbochum, gleich um die Ecke unserer Straße, zeigte erst Mitgefühl und dann Dankbarkeit über den Abverkauf der großen Haushaltspackung Tempotaschentücher. Dieser enorme Vorrat, gedacht für eine vielköpfige Familie mit nicht zu stoppender triefender Nase, war am Abend bereits aufgebraucht. Deshalb musste ich am nächsten Morgen in aller Frühe los, eine weitere Großpackung besorgen. „Ohne Menthol, bitte“, hatte Irmgard gesagt. „Ich bin nicht erkältet, nur traurig, und Menthol beißt in der Nase.“ Mir war es egal, Hauptsache, man konnte die laufende Nase in etwas hineinstecken.

Kaum zu Hause, flatterte in das uns beschäftigende, unvermeidbare, dennoch leidvolle Ereignis zu allem Überfluss ein behördlich aussehender Brief, der nun auf dem Küchentisch neben der Butter und dem letzten halbierten Brötchen lag. Wir frühstückten gerade, und unsere Post kommt meist sehr früh. Die Brötchen hatte ich zusammen mit den Papiertaschentüchern aus dem Supermarkt mitgebracht. Der Marktleiter hatte mich auf diesen zusätzlichen Bedarf aufmerksam gemacht. „Frühstücken Sie erst einmal vernünftig und in aller Ruhe, dann sieht die Welt ganz anders aus.“

Er hatte Recht, was einen gefüllten Magen betraf. Ein Verlust wird dadurch erträglicher. Wir dachten schon während des Frühstücks an erfreulichere Dinge und redeten darüber. Wir erörterten zum Beispiel die Hinterlassenschaft, die Martha ganz bestimmt hatte. Martha war nämlich sparsam. Erbschaft, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wir besprachen den Nachlass, der uns erwartete. Martha war nicht nachtragend. Man sagt sowieso von alten Leuten, dass ihr Gedächtnis immer mehr nachlasse. Vor allem, was den Augenblick betraf. Die in der Kindheit gelernten Gedichte konnte sie allerdings fehlerfrei aufsagen. Nun, das ist doch erstaunlich.

Doch darum ging es nicht, denn natürlich musste alles seinen korrekten Gang gehen, klar, und darum ging es höchstwahrscheinlich in diesem Brief in dem blaugrüngrauen Umschlag, den man als normaler Verbraucher in keinem Kaufhaus erstehen kann. Dieser Brief lag nun auf dem Tisch. Immer noch wie die Post ihn zugestellt hatte, verschlossen. Doch seltsam, es war ein ganz gewöhnlicher Brief, weder per Einschreiben geschickt, noch als persönlich gekennzeichnet, nur einfach mit der Maschine geschrieben, zugeklebt, Marke drauf und ab. Ich hatte immer gedacht, dass Behördenschreiben direkt zugestellt werden, den Empfang mit Datum und Unterschrift offiziell bestätigend.

Ich öffnete den Brief mit dem Brötchenmesser. Irmgard war dazu verständlicher Weise erst einmal nicht in der Lage. Wie gesagt, Brötchenmesser, kein großes Küchenmesser, eher ein kleines zum Kartoffelschälen geeignetes. Das Messer benutzen wir sowohl als auch, obwohl wir noch andere haben, aber dieses Messer ist einfach praktisch und wie schon erwähnt, vielseitig verwendbar. Die Klinge höchstens sieben Zentimeter lang, nicht gezackt oder gewellt, glatte Schneide, vorne spitz, zum Ausstechen der Augen, natürlich bei den Kartoffeln. Nun jedoch, die Spitze behutsam unter eine Ecke der zugeklebten Lasche des Briefumschlages gesteckt und dann mit ziehendem Schneiden öffnen, als Brieföffner genutzt. Ein wirklich universelles Gerät. Ich hasse es, einen Finger in irgendetwas zu zwängen, auch nicht in eine Ecke des Briefumschlags, um ihn zu öffnen. Es bleiben beim Reißen unschöne Ränder. Deshalb das Messer. Damit erhält man eine saubere Kante, die sich sehen lassen kann. Obwohl, der Umschlag wird nach dem Öffnen und dem Herausnehmen des eigentlichen Schriftstücks weggeworfen. Trotzdem, ein sauberer Schnitt ist ästhetischer. Irmgard nimmt grundsätzlich einen Finger, meistens den Zeigefinger, manchmal den kleinen, den jedoch nur selten. Den Grund des Fingerwechsels kenne ich nicht. Aber zum Öffnen immer einen Finger. Hin und wieder den Daumen. Einerlei, ob Finger oder Daumen, sie zwängt einen davon in eine obere Ecke des Umschlages. Finger rein, reißen, Finger nachschieben, wieder mit herausziehendem Finger reißen. Nachstecken, schieben, reißen. Klar, dass dann der Umschlag anschließend entsprechend aussieht. Einfach widerwärtig. Ausgefranst! Der Daumen hinterlässt noch hässlichere Spuren.

Irmgard ignoriert Einwände meinerseits. „Das ist doch wohl egal“, sagt sie auf Vorhaltungen. Sie will einfach nur den Dingen auf den Grund gehen, meint sie und nimmt den Finger. Ich bin freilich ein Ästhet, obschon ich nicht so aussehe. Sagt jedenfalls Irmgard. Kann auch sein, dass sie was anderes meint, Athlet, oder so, ich bin mir da nicht so sicher. Irmgard verwechselt schon mal das eine oder andere. Mit den Fremdworten hat sie es nicht unbedingt. Insofern, vielleicht meint sie gar Adonis? Gut gebaut bin ich ohne Zweifel, alles dran, auch am richtigen Platz. Haare leicht gelockt wie der Kaiser aus Bayern, nur dunkler und dichter. Sogar sein Lächeln ist meinem nicht unähnlich, jedoch mein Ausdruck deutlich ausgeprägter. Ich habe das gewisse Etwas, was den meisten fehlt, deshalb bin ich im Beruf auch so erfolgreich. Neben meinem Gehalt bekomme ich eine Erfolgsprovision, die sich im Allgemeinen sehen lassen kann. Davon leisten wir uns was, müssen nicht knausern, fahren einen vernünftigen Wagen, einen schicken Japaner, in silbermetallic, keinen Kombi. Ich bin kein Lehrer, ich arbeite richtig. Auch Irmgard steht im Leben, Bürokraft bei einer großen, international tätigen Firma, eine AG, mit mehreren tausend Mitarbeitern, die ihre Verwaltung am Standrand von Bochum hat. Genau gegenüber dem Gebäude ist Herne, die Grenze verläuft also straßenmittig. Parken in Herne, arbeiten in Bochum, sozusagen. Nicht alle von den Tausenden arbeiten in Bochum, sagte ich ja schon, die sind international tätig, sind Globalplayer, Maschinenbau, aber auch Anlagen, wenn ich Irmgard richtig verstanden habe. Welche, kann ich nicht sagen, da kümmere ich mich nicht drum.

Im Augenblick ist dieser Umstand jedoch absolut nebensächlich, geht es doch um den Brief, der, soviel ist mittlerweile klar, vom Altenheim kommt, in dem Martha bis zum Schluss gelebt hat. Wirklich bis zum letzten Atemzug war sie dort, hat den Atem dort gestern ausgehaucht. Wir erfuhren telefonisch von ihrem Ableben. Da war es zu spät. Ich war auf Arbeit und Irmgard schaute Fernsehen, ‚Verbotene Liebe‘ guckt sie jeden Tag, dazu meistens noch die Sendung ‚Marienhof‘, dabei lässt sie sich in der Regel nicht stören, sonst auch nicht. Der Anruf kam, wie gesagt, am späten Nachmittag.

Irmgard war zwar am Abend noch kurz hin, konnte freilich nichts mehr ausrichten. Martha lag tot in ihrem Bett. Gleichwohl war Irmgards knappe Anwesenheit wichtig. Sie war doch die Tochter, dann wird Präsenz einfach erwartet. Weiß man, wer Anteilnahme registriert? Irmgards Bruder Franz aus Hamm war nebst Familie gekommen. Die besteht zwar nur aus ihm und seiner Frau Anne, ist aber gewichtig, vor allem Anne.

Viel Kontakt haben wir nicht zu Franz, und im Grunde auch nicht zu Martha. Die Kontaktlosigkeit war nicht unsere Schuld. Zuerst wohnte Martha ja noch in Wattenscheid, also von Bochum, unserem Domizil, ein ganzes Stück entfernt. Diese Strecke von gut zehn Kilometern fährt man nicht jeden Tag. Wissen Sie wie die Verkehrsverhältnisse im Ruhrgebiet sind? Na, also. ‚Nun die Staus über zehn Kilometer Länge‘, sagen die Sprecher im Radio und führen bei ihrer stündlichen Durchsage die Strecke von Bochum nach Wattenscheid stets mit auf. Wir Bochumer sind immer voll dabei, stets mittendrin, denn bei uns läuft alles zusammen.

Drei Autobahnen quer gibt es, von West nach Ost und ebenso viele verlaufen längs, also von Norden nach Süden. Man muss nur mal in den Straßenatlas schauen, dann weiß man Bescheid. Diese Highways treffen sich zwar nicht alle in Bochum, trotzdem. Bei uns herrscht meist stehender Verkehr. Am Tag auf den Autobahnen, und am späten Abend auf einigen weiteren Straßenzügen, die nicht unbedingt im Dunkeln bleiben, obwohl, wie bekannt, es dort schummrig ist. Dortmunder kommen nach Bochum, Bochumer fahren nach Essen, und so weiter und so weiter. Unsere Bordsteinschwalben sind keine Zugvögel, obwohl Nachteulen, manche könnte man gar als Naschkatzen bezeichnen, einige sind sicher Autodidakten und besonders nachts sind alle sehr rege, picken auf, was es aufzupicken gibt. Und das ist eine Menge. Erst weit nach Mitternacht ebbt der Verkehr ab. Ganz zum Erliegen kommt er nie. Bei uns beginnt die Frühschicht noch bevor die Nachtschwärmer das Terrain verlassen haben.

Zwar war mal geplant, ein neues ‚Haus der Freuden‘ zu bauen, nur wenige eilige Schritte vom Rathaus entfernt, getreu dem Motto ‚wir geben dem Bedürfnis ein Zuhause, komm, gönn dir doch mal eine Pause‘. Übrigens, das Copyright dieses Spruches liegt bei mir, der Preis ist verhandelbar.

Doch irgendwann ließ man dieses Vorhaben, den Verkehr in andere Bahnen zu lenken, wieder fallen, die Herren der Damen hatten plötzlich keine Lust mehr zu bauen. Folglich ging die Sache voll in die Hose. Im Normalfall hätten die Horizontaldamen sich darüber gefreut, ohne Anstrengung Geld einzustreichen.

Dabei war die Idee der kurzen Wege gar nicht so übel. An alle war gedacht. Der Bochumer Stadtrat wollte nämlich diesen Neubau direkt in die Innenstadt setzen, und um das Lustschloss der Liebe herum war ein Einkaufzentrum und ein Altenheim geplant. City-West sollte der Komplex heißen. Pikant, dass der Stadtrat selbst zum Betreiber dieses Etablissements hätte werden müssen. Neben der Pflege öffentlicher Grünflächen wäre nun noch die Aufgabe, ein Lustschloss der Liebe zu pflegen und zu unterhalten, hinzugekommen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe für einen Oberamtsrat. So schafft man Arbeitsplätze und Beförderungsmöglichkeiten. Nur mit den Fördermitteln, die in beachtlicher Höhe beantragt worden waren, klappte es dann doch nicht. Brüssel, so hörte man, wollte in dieser Sache nicht spendabel sein. Schade eigentlich! So war es vorbei mit dem Haus der Sinnesfreuden.

‚Na ja, dann eben nicht’, sagten sich wohl die Stadtväter. Dabei hatten sich schon alle auf die Eröffnungsparty gefreut. Einige hofften im Stillen auf einen Tag der offenen Tür. Andere auf die Happy Hour: volle Lust zum halben Preis. Vorbei. Dafür kam eine andere Idee auf, genauso einmalig in Deutschland. Prostituierte, daran hatten die Stadtväter sich verbissen, sollten zu Kellnerinnen, gar zu Restaurantfachfrauen umgeschult werden. Eine Selbsthilfeinitiative, die sich Madonna nannte und als eingetragener Verein tätig war, kümmerte sich um diese Angelegenheit – übrigens soll eine Frau die Vorsitzende des Vereins sein, setzte sich wohl auch mit Nachdruck für die Belange der Prostituierten ein. Die Stadt, so wurde hinter vorgehaltener Hand erzählt, würde diese Angelegenheit wohlwollend unterstützten. Offiziell aber wurde diese Selbsthilfegruppe von einer Ehemaligen, dessen Namen mit Maja, die Biene, angegeben wurde, geleitet, wie ich gerade schon sagte, aber dennoch der Vollständigkeit halber hinzufügen möchte. Dieses Bienchen soll sich heute in Dortmund niedergelassen haben, ist aber Bochumerin, sogar aus gutem Hause, wie man hört. Ob auch noch aktiv, entzieht sich meiner Kenntnis, allerdings soll die Dame schon etwas älter sein.

Tatkräftig unterstützt wurde diese Maßnahme ferner durch einen Bochumer Bierbrauer. Ganz uneigennützig schien die Tatkraft des privaten Bierabfüllers allerdings nicht zu sein. Der Ausbildungsbetrieb sollte nämlich in einem als unvermeidbar geltenden Animierschuppen nahe der alten Rotlichtmeile und direkt neben dem neuen Versorgungsviertel installiert werden. Dieses tolle Lokal gehörte, wie konnte es anders sein, der stadtbekannten Brauerei. Allerdings sollte das Haus, Gehässige sprachen von einem Bumslokal, vorher komplett umgebaut und völlig saniert werden. Ohne Zweifel hätte dieses Restaurant dank des neuartigen Konzeptes ein Renner werden können. Doch den zukünftigen Auszubildenden hätte das wenig genützt. Denn neben dem Clou, zukünftig in Bochum von einer Ex-Hure, adrett gekleidet im schwarz-weißen Dress einer Kellnerin, schönes Röckchen, weißes Schürzchen, ebensolches Blüschen, kulinarisch verwöhnt zu werden, stellte sich die berechtigte Frage, ob eine Prostituierte mit dem mageren Lohn des anderen Servicebereiches nach der Ausbildung überhaupt hätte zurechtkommen können. Grundsätzlich bekommt eine gut ausgebildete Restaurantfrau einen Zehner die Stunde, zuzüglich Trinkgeld. Das macht am Tag, lassen Sie mich rechnen, knapp hundert Mäuse. Abzüglich Sozialversicherung und Steuern kommen da gerade höchstens anderthalb tausend netto in die monatliche Haushaltskasse. Ein Betrag, den eine Prostituierte normaler Weise im wahrsten Sinne des Wortes in ein bis zwei Tagen spielend hereinholt. Das zieht die ohne mit der Wimper zu zucken durch.

Doch wie gesagt, die Aussicht auf diesen braven Job ließ viele ehrwürdige Bürger furchtbar erschaudern. So war nicht überraschend, dass ein halbes Jahr nach der Ankündigung dem spektakulären Umschulungskonzept die Luft ausging. Die Initiative Huren zu Restaurantfachfrauen zu machen, wurde klamm heimlich beerdigt. Ohne Blumen, Kränze und betrauernden Worten. Nichtsdestoweniger, ein derartiges Restaurant mit angeschlossenem Ausbildungsbetrieb wäre zwar sehr gewagt, aber immerhin konsequent gewesen. Ein Renner wäre es in einer Gesellschaft, die immer neue Kicks sucht, schon geworden, denke ich mal. Gefallene Mädchen auf dem Weg in die Anständigkeit hätten den Gast im eigenen Restaurant verwöhnt, das inmitten eines neuen Komplexes gelegen wäre, umgeben von alten Leuten im Rollstuhl, und Muttis, die einkaufen und dabei den Sprössling, an der Hand haltend, hinter sich herziehen. Toll, nicht wahr? Das wäre sogar eine gute Story für eine Seifenoper gewesen. Genial gedacht: Reality Life statt Reality TV.

Dieser neue Komplex wäre auch was für Martha gewesen. Das Altenheim meine ich, nicht dass ein falscher Eindruck entsteht. Martha war achtundsiebzig, sollte Ihnen noch in Erinnerung sein. Aber diesen Ort der besonderen Altenversorgung kann man nun vergessen. Gescheitert ist gescheitert. Schade, denn wir Bochumer wären als Akteure dabei gewesen, als Vorreiter sozusagen, denn Bochum liegt, wie gesagt, mittendrin. Verkehrstechnisch meine ich. Die Autobahnen heißen bei uns zwar Emscherschnellweg und Ruhrschnellweg, aber das täuscht. Man ist nicht flott da und schnell weg auch nicht. Man sieht, Bochum wird vom Verkehrsstrom umflossen. Somit kommt man auch an Wattenscheid, heute ein unwesentlicher Stadtteil von Bochum, nicht ohne weiteres ran. Und läuft es einmal wider Erwarten, dann sollte man den Verkehrsfluss nutzen und weiterfahren. Nach Düsseldorf sind es nicht mehr als sechzig Kilometer, nach Essen vierzig. Dortmund ist fast um die Ecke. Was soll man dann in Wattenscheid? Wissen Sie auch nicht, woll?

Nun, Martha ist nicht mehr in Wattenscheid. Vor drei Jahren ging sie ins Heim. Verkehrstechnisch war das auch nicht besser. Statt nach Wattenscheid mussten wir nun nach Castrop-Rauxel. Das ist fast noch schlimmer als Wattenscheid. Nichts gegen die Stadt, soll ja sogar römischen Ursprungs sein. Villa Castorp soll sie mal geheißen haben, bevor sie von einem Johann von Cleve einen Freibrief bekam und fortan machen konnte, was sie wollte. Doch, wie gesagt, das hab ich mal gehört, kann mich aber nicht dafür verbürgen. Denn andere behaupten, der Name hätte etwas mit einer Krähenwiese zu tun. Nun ja, sehen Sie sich die Stadt selbst an, sollten Sie zufällig mal vorbeikommen; auf Ihren Weg in den Süden berühren sie Wattenscheid, wenn Sie einen kleinen, fast unbedeutenden Umweg einkalkulieren.

Also, Martha ging ins Heim. Nicht, weil sie krank oder gebrechlich war, sie tat es einfach aus einer Laune heraus. „Da hab ich es gut“, sagte sie, „Abwechslung, Unterhaltung und Betreuung“ und packte ihre sieben Sachen.

Aber, ich bitte Sie, was bietet denn schon ein Seniorenheim, auch wenn es ‚Abendsonne‘ heißt, außer dass man bei jedem Schritt auf schlurfende, alte Menschen trifft? Doch lassen wir das. Die Stadt ist durch ihren Namen schon geschädigt genug. Noch ärger ist ja Wanne-Eickel dran. Den Namen hätte man glatt vergessen können, denn die Stadt sollte mal ‚Herne Zwei‘ heißen. So hatten es die Stadtoberen beschlossen gehabt. Dabei gab es mal einen weltbekannten Schlager über diese Stadt und dem Kanal, an dem sie liegt. ‚Nichts ist so schön, wie der Mond von Wanne-Eickel‘, hieß dieses Lied und alle sangen mit. Wahrhaftig, ohne Jux und Geflunker.

Damit nicht genug, denn selbst die weltbekannte Cranger-Kirmes wollten die Herren umbenennen, die aus dem Rathaus in Herne, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Das Volksvergnügen sollte dann wohl Herne-Zwei-Kirmes heißen? Lächerlich, das macht einem doch wohl das Blut am klumpen, kann ich Ihnen sagen, so ein Schwachsinn. Überhaupt, Cranger-Kirmes ist ein Begriff, kennt bei uns jeder. Doch was soll es, denn Martha ist im Heim in Castrop-Rauxel. Von Bochum recht weit entfernt, fünfundzwanzig Kilometer oder drei Staus. Es kommt immer auf die Sichtweise an.

Natürlich kenne ich das Heim als solches, schließlich habe ich Martha hingebracht, aber eigentlichen Kontakt zum Personal hatte ich noch nicht. Hätte Irmgard auch sicher nicht gut gefunden. Deswegen habe ich lediglich die Koffer aus dem Auto geholt. Ein kleiner Möbelwagen brachte ihre anderen Klamotten. Das Heim ist ein Haus für betreutes Wohnen. Da kann man seine eigenen sieben Sachen mitbringen. Bett, Tisch, Stuhl, Stehlampe. Sind erst vier, mehr passt aber auch nicht rein. Ein Teppich noch, nun sind es fünf, dann reicht es. Platz zum fröhlichen Feiern ist keiner. Ein Heim für alte Singles. Martha ist dort seitdem trotzdem gut aufgehoben. Heimweh nach Wattenscheid hat sie wohl nicht mehr. War ja auch nur allein mit sich und dem Haus. Kaum Kontakt. Höchstens zur Nachbarin, die war in ihrem Alter. Aber das ist kein Ersatz für Geselligkeit.

Für ein wenig Zerstreuung sorgten wir. Haben sie zu Weihnachten für ein, zwei Stunden am Nachmittag mit dem Auto zu uns nach Hause geholt, um mit ihr die jährlich wiederkehrende Geburt unseres Herrn Jesus Christus zu feiern. Wir sind getaufte Katholiken. Klar, dass wir auch die Fastenzeit einhalten, das haben wir dann auch zu Martha gesagt und sie in dieser Zeit nicht eingeladen. Aber zu Weihnachten wird geschlemmt. Mittags Gans, gefüllt mit Apfel, dazu eine herrliche Soße, als Beilage Rotkohl und Klöße, die macht Irmgard selbst. Die Gans auch. Nur den Rotkohl kauft sie fertig im Glas. Ist einfacher, sagt Irmgard. Rotkohl selber machen, wäre zu aufwändig, außerdem bekommt man vom Schneiden rote Finger. Die Färbung bekommt man kaum wieder ab. Zitronensaft soll ja helfen. Aber Weihnachten und rote Finger? Obwohl –, aber lassen wir den Gedanken wieder fallen, er bringt uns nicht weiter. Folglich kaufen wir den Rotkohl im Glas, so bleibt nur, Glas aufschrauben (mache ich, der Deckel sitzt immer so fest, doch wenn ich das Glas mit dem festsitzenden Deckel einmal heftig auf die Tischplatte knalle, dann geht das Glas leicht auf – der Schock, verstehen Sie?), anschließend den Inhalt in einen Topf geben, Kochplatte an, Topf drauf, Inhalt heiß werden lassen und fertig. Ein Apfel, in kleine Stücke geschnitten, verfeinert das Aroma. Heißt deshalb auch Apfelrotkohl. Äpfel gibt es zu Weihnachten genügend. Deshalb kein Mangel. Sie reichen für die Gans und den Kohl.

Nachmittags, wenn Martha kam, gab es Kuchen, den hat Irmgard immer selbst gebacken. Marmorkuchen, und einmal einen Napfkuchen mit gehackten Nüssen drin. Davon hat Martha probiert, dann geprustet. Wir dachten erst, sie hätte sich verschluckt, einen Krümel in die Tröte bekommen. Falsch. Martha hatte ein Gebiss und die klein gehackten Nüsse schoben sich zwischen die Oberplatte des Gebisses und dem Gaumen von Martha. Wie das möglich ist, kann ich nicht sagen, ich bin kein Zahnklempner. Auf jeden Fall muss das für Martha ein unangenehmes Gefühl gewesen sein. Vor allem, diese fiesen feinen Nussstückchen bekam sie nicht mehr weg, ohne ihr Gebiss herauszunehmen. Mit Gebiss hatte sie Pein, ohne Gebiss auffallend eingefallene Wangen, das bemerkte ich an diesem Weihnachtsfest zum ersten Mal. Also backte Irmgard keinen Nusskuchen mehr.

Neben Kuchen essen und Kaffee trinken wurden Geschenke ausgetauscht. Nicht daneben, auch nicht nebenbei, sondern vorher, um korrekt zu sein. Eine richtige Bescherung war das. Im wahrsten Sinne des Wortes. Martha bekam von uns wärmende Unterwäsche, jedes Jahr. Alte Leute brauchen so etwas. Sie frieren schnell. Und bevor sie sich die Blase verkühlen –.

Deshalb kaufte Irmgard Angora von Trigema. Das ist die Firma, bei der auch ein Affe arbeitet und sich dabei genüsslich über die Arme streicht, die in weiches, wolliges Angora gehüllt sind, dabei die Vorzüge der Unterwäsche herausstellt. Das alles sogar vor laufender Kamera. Der Chef des Affen schreitet derweil kerzengeraden und hocherhobenen Hauptes, angetan mit giftgrüner Krawatte (oder ist sie grellrosa?) durch eine Werkhalle. Mit ausgestrecktem rechtem Arm zeigt er dabei auf seine vielen, vielen Mitarbeiterinnen, die an genauso vielen Nähmaschinen sitzen. Während er schreitet redet er und beteuert, nur in der Nähe von Stuttgart zu produzieren. Sagt er. Ehrlich. Von dieser Firma, die in Deutschland die Arbeitsplätze sichert, sagt er, kommt die warme Unterwäsche, die wir Martha zu Weihnachten schenkten. Eine ganze Garnitur, Hemdchen und Höschen. Bei Martha eher eine Hose und ein Hemd, Einzelheiten verschweige ich an dieser Stelle. Martha war größer als Irmgard. Sie überragte ihre Tochter um einen ganzen Kopf. Das, obwohl man sagt, alte Leute schrumpfen im Laufe der Zeit. Nicht so bei Martha. Ihre Kleidergröße hatte sich in der Zeit, in der ich sie kannte, fast verdoppelt. Martha ernährte sich gut, bewegte sich wenig, sah viel fern, fühlte sich vorteilhaft.

Wir bekamen von Martha zu Weihnachten meistens Geld für eine Urlaubsreise. Nein, ich muss mich korrigieren, nicht meistens, immer. Gewiss, das Geld reichte für vier Personen, die sich davon drei Wochen unbeschwert nebst Flug und Vollpension auf Mallorca erholen konnten. Aber, sagen Sie selbst, ist das von Martha nicht einfallslos? Jedes Jahr am Nachmittag des Weihnachtsfestes immer dasselbe, ein Umschlag mit dem Geld. Kein anderes Geschenk. „Macht euch ein paar schöne Tage“, sagte sie. Auch jedes Mal. Wo bleibt da die Überraschung? Die glänzenden Augen? Das Fiebern auf die Bescherung? Selbst der Betrag war stets gleich. Wir mussten noch nicht einmal nachzählen. Auf Heller und Pfennig jeweils identisch zum Betrag, den wir im Jahr davor erhalten hatten. Sogar das Umrechnen von der alten Mark auf den neuen Euro klappte. Kein Cent zu wenig, keiner zu viel.

Ist jetzt auch einerlei. Kann man nichts dran machen. Außerdem, über Verblichene soll man nicht schlecht reden. War vermutlich gut gemeint von Martha. Fantasie hatte sie eben nicht. Die verliert man außerdem, wenn man älter wird und im Heim lebt. Anregungen fehlen. Woher sollen die kommen? Die einzige Abwechslung, die sie hatte, bestand darin, nachmittags in der Grünanlage zu sitzen, kurz vor dem Abendessen mit anderen, nicht mehr auf der Höhe ihres Zenits stehenden Menschen ‚Mensch-ärgere-dich-nicht’ zu spielen und es gleichwohl doch zu tun, abends Fernsehen zu gucken. Wo bleibt da das Anregende? Kurz gesagt, es bleibt auf der Strecke.

Also, zurück zum Brief.

Ach ja, bevor ich es vergesse, natürlich haben wir Martha an ihren Geburtstagen besucht. Die feierten wir bis vor drei Jahren noch mit ihr in Wattenscheid in ihrer Reihendoppelhaushälfte (oder heißt es Reihenhausdoppelhälfte? Gar Doppelhausreihenhälfte? Auf jeden Fall sind es immer zwei Einheiten, die mit anderen in Reihe und je zwei aneinander stehen. Man kann auch sagen, es sind doppelte Reihenhäuser, oder Doppelhäuser in Reihe). Später besuchten wir Martha dann im Heim. Das Altenheim hat sowohl einen schönen Aufenthaltsraum, altersgerecht mit Stühlen eingerichtet, weil alte Menschen sich aus Sesseln schlecht erheben können, als auch einen gepflegten Garten. Viel Rasen und reichlich Bänke. Bänke unter Bäumen, Bänke an Sträuchern, Bänke neben den Wegen. Schattig, sonnig, ruhig, genau wie der alte Mensch es mag. Den Rasen benutzte nur der Gärtner. Schilder, die eine andere Nutzung der Grünfläche ausschlossen, gab es nicht. Alte Menschen laufen ohnehin nicht den Bällen oder anderen Dingen hinterher. Sie bleiben auf den Wegen.

Martha hat im Mai Geburtstag. Meistens schien dann die Sonne. Wir konnten damals in Wattenscheid oft draußen im Garten sitzen und Martha bekam von uns ein hübsch verpacktes Fläschchen Klosterfrau Melissengeist. Als sie im Heim war, blieben wir unserer Tradition treu. Wir schenkten mit Überlegung. Melissengeist ist nämlich für alles gut. Auf diese leicht alkoholhaltige Arznei freute Martha sich besonders.

„Ist doch nicht nötig“, sagte sie stets gerührt. War es eigentlich auch nicht. Aber was soll man einer Frau von über siebzig, die aussieht wie eine von unter siebzig, sonst Nützliches schenken?

Zu meinem letzten Geburtstag schenkte mir Martha goldene Manschettenknöpfe. So weit so gut. Aber ich kleide mich eigentlich leger. Nach Feierabend Polohemd, vor allem im Sommer, wenn es warm ist, Rolli, wenn es abends kühler wird. Zur Arbeit trage ich selbstverständlich Anzug und dazu ein Hemd, sogar ein weißes, manchmal ein gestreiftes, selten ein blaues, gleichwohl immer dezent, aber ohne steife Manschetten, wiewohl stets mit Krawatte. Das habe ich Martha dann auch gesagt, ich wollte nicht, dass sie auf die Idee kam, mir die Krawattennadel zu schenken, womöglich mit Diamanten besetzt, die ich mal bei einem Juwelier in der City gesehen und ihr davon erzählt hatte. Hat sie dann auch nicht.

Aber mal ehrlich, wir tragen es ihr nicht nach, denn was soll Martha uns schenken? Sie kommt doch nirgendwo hin. Diese Manschettenknöpfe mit meinem Monogramm drauf waren das einzig Praktische, was sie schenken konnte. Ich war schon froh, keinen Klara Korn oder einen katholischen Weinbrand zu bekommen. Bei Irmgard war es einfacher. Frauen können immer etwas gebrauchen. Für den Haushalt zum Beispiel.-2-

Die Manschettenknöpfe muss ihr jemand vom Pflegeheim besorgt haben, denn Martha war nicht mehr gut zu Fuß. In den beiden letzten Jahren schon gar nicht. Die Manschettenknöpfe konnte sie also unmöglich selbst besorgt haben. Sagen Sie, ist das dann ein persönliches Geschenk, jemanden damit zu beauftragen, Manschettenknöpfe zu besorgen? Da schickte sie irgendeinen Menschen los, etwas zu kaufen. Beim vorletzten Geburtstag sicher jemanden vom Heim, wahrscheinlich sogar noch eine Hilfskraft, einen Kriegsdienstverweigerer, schmalbrüstig, blass, dünne Haare, die mehr oder weniger krampfhaft zum Zopf gebunden. Furchtbar. Die kurzen, meist widerspenstigen Haare mit einem Gummibändchen zusammengehalten. Ein Zöpfchen. Diese Haartracht sieht doch echt blöd aus. Ein richtiger Mann trägt keinen Zopf am Kopf, auch kein Metall am Ohr.