Ouvertüre zum Abschied - Wolfgang Hovestädt - E-Book

Ouvertüre zum Abschied E-Book

Wolfgang Hovestädt

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Beschreibung

"Gestern Abend um zehn nach sieben ist meine Mutter gestorben. Ich habe sie gehasst", lautet die erste Zeile im Roman und führt damit abrupt und ohne Vorwarnung mitten hinein in das Geschehen, das sich auf zwei Ebenen abspielt. Der Ich-Erzähler Robert Stein, der sich selbst als kleiner Anwalt ohne große Ambitionen charakterisiert, "verarbeitet" den am Vorabend miterlebten Tod seiner Mutter, der einst berühmten Konzertpianistin Edelgard Horritz, in einem Gespräch mit einem (imaginären) Gegenüber, den er per Zufall in einem Café getroffen zu haben glaubt. Stein behauptet, seine Mutter gehasst zu haben. Er belegt seine für ihn unumstößliche These mit mannigfaltigen Beweisen. Er denkt, seine Mutter genau zu kennen, und glaubt, dass sie ihre Künstler-Karriere in den Vordergrund gestellt und ihn dabei vernachlässigt hat. Er meint weiterhin, dass sie ihm bewusst seinen leiblichen Vater vorenthalten hat. Letzteres findet er unverzeihlich. Schon alleine deshalb könnte er sie verachten. Aber welcher Grund letztlich der entscheidende war, sie abzulehnen, gar zu verschmähen, ist für ihn nicht mehr wichtig, zumal er der Überzeugung ist, dass sie ihn in eine Laufbahn als Musiker drängen wollte, in der Hoffnung, dass aus ihn etwas Besonderes wird, praktisch als eine Fortsetzung ihres Lebens. Stein sträubt sich mit der ganzen Energie seines jungen Lebens gegen dieses Anliegen seiner Mutter.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Wolfgang Hovestädt

Ouvertüre zum Abschied

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Impressum neobooks

Kapitel 1

Wolfgang Hovesädt

Ouvertüre zum Abschied

Wolfgang Hovestädt

Ouvertüre zum Abschied

Roman

Impressum

Texte: © 2022 Copyright by Wolfgang Hovestädt

Umschlag: © 2022 Copyright by Wolfgang Hovestädt

Verantwortlich

für den Inhalt: Wolfgang Hovestädt

23570 Travemünde

[email protected]

Druck: neobooks

ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Gestern Abend um zehn nach sieben ist meine Mutter gestorben. Ich habe sie gehasst.

Fast von ganz allein waren diese letzten vier Worte – jede Silbe scharf betont – über meine Lippen gekommen, hatten – seit langem trächtig – das Licht der Welt erblickt; sie drängten förmlich danach, dem Dunkel der selbstgewählten Gefangenschaft zu entkommen; jetzt hingen sie wie dichter, staubbehafteter Samt schwer im Raum.

Ich machte eine Pause, um Gesagtem Gelegenheit zu geben, den rechten Weg zu finden, denn zu gewaltig ist dieser kurze Satz für jemanden, auf dessen Ohren er unvermittelt trifft.

Ich sah ihn, dem ich meine Gedanken zu offenbaren gedachte, deshalb an, wartete auf eine Resonanz. Doch er, der mir gegenübersaß, schwieg. Er tat es nicht betreten oder erschrocken, nicht beunruhigt oder verwirrt, nein, er blieb einfach nur stumm. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass er mir zustimmte, mehr noch, mir interessiert zuhörte, sich mir mit einer Aufmerksamkeit zuwandte, die mich verwunderte, die mir jedoch wohltat, die ich in dieser Art bisher nicht kannte und deshalb auch nicht als selbstverständlich voraussetzen konnte. Er war mir schon deshalb nicht unsympathisch.

Und da ich diese – ja, man kann sagen freundliche, angenehme, beglückende – Aufmerksamkeit, die ich als gefälliges Entgegenkommen bezeichnen möchte, sehr lange vermisst habe, dem ungeachtet eine gewisse Anteilnahme zu wünschen erhoffte und vielleicht auch den einen oder anderen Verhaltenshinweis von ihm zu erwarten gedachte, erzählte ich weiter.

Warum sollte ich es nicht tun?

Es war doch eigentlich nichts dabei, von meiner Mutter zu berichten, selbst wenn es ihn streng genommen gar nichts anging, schließlich war er ein Fremder und ich war dabei, ihm mein Innerstes zu offenbaren. Denn Intimes preiszugeben ist nicht meine Art. Über diese persönlichen Dinge spreche ich sonst nicht. Diese Grenze überschreitet nur, der von der Ausdrücklichkeit der Vertrautheit weiß – oder aus Neugier; einige aus Dummheit.

Doch bei ihm war es zweifellos verschwiegene, nur mir zugewandte Vertrautheit. Diesen zweifelsfreien Eindruck hatte ich schon nach kurzer Zeit unseres Zusammenseins. Eigentlich von Anfang an. Der durch den Spalt eines nur ein wenig geöffneten Fensters hereindringende Lufthauch lässt nicht nur die Gardine sich leicht bewegen.

Wir beide haben uns heute Morgen in diesem Frühstückscafé – das ich aufsuchte, weil es geöffnet hatte – kennengelernt. Unser Zusammentreffen wahrscheinlich zufällig, bestimmt unbeabsichtigt.

Vorbestimmt?

Ein flüchtiges Schulterzucken begleitete meine ihm zuvorkommende Antwort: Warum sollte es eine Prädestination geben? An derartige Fügungen glaube ich nicht.

Fest steht, dass ich irgendwann vor diesem Lokal stand, ohne zu überlegen hineinging, und mir nach den Ereignissen dieser Nacht – bewusst – einen ruhigen Platz suchte. Kaum geschehen, kam er und setzte sich wie selbstverständlich zu mir und hörte mir zu. Ohne zu zögern, ohne Vorbehalte; auch ohne Forderungen zu stellen.

Gesagt hatte er eigentlich bisher nichts, ich kannte noch nicht einmal seinen Namen, hatte vergessen, ihn danach zu fragen, und nun war der richtige Zeitpunkt – da ich bereits zu reden begonnen hatte – dafür verstrichen; so etwas lässt sich nicht rückgängig machen, und wenn ich ehrlich bin, war der Name auch nicht wichtig für mich; wichtig nur, dass er, mein Gesprächspartner, anwesend war. Irgendjemandem musste ich doch meine Geschichte erzählen.

Wie selbstverständlich war er gekommen, hatte sich zu mir gesetzt und – fast schon höflich zu nennen – gewartet, was ich ihm zu sagen hatte.

Wahrhaftig – Erstaunen machte sich in mir breit – er kam, hörte mir schweigend zu und trank mit mir Wein. Wann genau er eintraf, vermag ich nicht zu sagen; wenn ich ehrlich bin, so war er einfach gegenwärtig. Aber dennoch, er kam genau in dem Moment, als ich dringend jemanden brauchte, dem ich alles, was mich bewegte, erzählen konnte. Und es war notwendig. Das auf die Seele drückende Gewicht des Ungesagten, das danach drängt, gesagt zu werden, zieht einen hinunter. Unerträglich wird die Last, die einem keiner abnehmen kann. Leichter wird es für den, der sich auszutauschen vermag. Jemanden vom Erlebten zu berichten, reicht schon, um die Pein zu mildern, diese sogar für einen kurzen Augenblick zu vergessen.

Aufmerksam saß er da, bereit dem zu lauschen, was ich ihm zu erzählen hatte. Gespannt, konzentriert und – wie ich schon sagte – eigentlich stumm.

Doch, doch – Kopfnicken unterstrich meine ebenfalls stumme Beteuerung – seine Art mir zuzuhören konnte ich fast schon als andächtig bezeichnen. Ob er seine Hände dabei gefaltet hatte, weiß ich nicht.

Unerheblich.

Wer achtet bei Großem auf Nebensächlichkeiten?

Wenn ich darüber nachdenke, viel habe ich ihm noch nicht gesagt über meine Mutter, nur, dass sie gegangen war, gestern Abend, kurz nach sieben. Ich glaube, er ahnte so etwas.

Sie hatte eine Apoplexie erlitten, vorgestern, plötzlich und unerwartet. Dieser Schlaganfall hatte ihre eine Gehirnhälfte getroffen und lahmgelegt, deshalb hätte sie sich gar nicht mehr bewegen können, selbst wenn sie es gewollt hätte.

Ihr Bewegungszentrum gehorche ihr nicht mehr, hatte mir jemand aus dem Krankenhaus gesagt.

Ihre andere Gehirnhälfte muss jedoch demnach noch funktionsfähig gewesen sein, quasi ein Zeugnis dafür, dass sie mich sehen, zumindest meine Anwesenheit hätte spüren können: Man bemerkt die Augen, die auf einen gerichtet sind. Man empfindet den Blick auf der Haut, auch wenn er den Rücken trifft, als leichte Druckstelle. Von daher musste sie wissen, dass ich in ihrem Zimmer war. Ein Zeichen hätte sie mir also geben können. Zeichen kann man immer setzen. Ein Zeichen wäre dienlich gewesen, nicht für jeden sichtbar, nicht herabsetzend; kein Kennzeichen, nichts Auffälliges; die nicht vorhandene Verbundenheit auch nicht betonend. Nur eine Andeutung. Ein Signal vielleicht.

Leichtes Kopfschütteln begleiteten meine nächsten, an ihn gerichteten Worte.

Meine Hoffnung war vergebens, erfolglos, unwirksam, aber auch sinnlos und unnötig. Ich hätte es wissen können.

Ich hatte sie eigentlich schon aus meinem Gedächtnis gestrichen, hatte gehofft, ihr Bild würde – eigentlich selbstverständlich – mehr und mehr verblassen, da ihr Jetzt erlischt. Ich wäre dann, so hoffte ich, frei gewesen. Aber nein, sogar in diesem letzten Augenblick beherrschte sie mich noch. Auch das hätte ich wissen müssen. Dennoch war ich dabei, als es passierte, denn eines Tages wird man wissen wollen, wer sie war, den man da vergisst. Und dann muss ich vorbereitet sein.

Doch zurück, bevor ich mich in Betrachtungen verliere, die nichts bringen. Chronologie soll meine Gedanken lenken.

Irgendjemand vom Krankenhaus hatte mich benachrichtigt und gebeten, ich möge bitte, wenn es ginge, sofort kommen, da es mit ihr zu Ende gehen würde. Es gehe ihr gar nicht gut, hatte der Jemand von der Klinik, der mit mir am Telefon sprach, noch hinzugefügt.

Und auf meine, die Ursache näher ergründende Frage, antwortete er: „Das ist nach meiner Kenntnis…das kann sofort eintreten, unverzüglich.“

Eine etwas merkwürdig klingende Aufforderung zum Handeln.

Gleichgültig. Nun war es geschehen. Wenn der Damm einmal gebrochen ist, bahnt sich das Wasser selbständig seinen Weg. Es ergießt sich dann über alles, reißt einiges mit sich. Ein Zurück unmöglich. Eine eilig ausgehobene Mulde mag das Wasser für eine Weile auffangen. Ein neuer Damm könnte dem Wasser Einhalt gebieten. Ob dauerhafte Lösung wird die Zukunft entscheiden. Ingenieure sind gefragt, Bauleute, die mit Beton umzugehen vermögen; denn ein solides, ausreichend großes Becken und ein stabiler, hoher Damm wären notwendig.

Nein, ich hinterfragte nicht weiter.

Woher das Krankenhaus meine Nummer hatte, vermag ich nicht zu sagen. Darüber habe ich in dem Augenblick auch gar nicht nachgedacht, und wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass mir das erst jetzt auffällt, da ich darüber spreche.

Der Anruf machte mich weder betroffen noch verlegen, obwohl ich nicht damit gerechnet hatte, gerufen zu werden. Wir, meine Mutter und ich, wir standen in keiner vertraulichen Beziehung. Die einst verbindende Nabelschnur war längst durchtrennt. Das dafür notwendige Messer hatte sie geführt.

Dass man mich rief, versetzte mich deshalb in gewisser Weise in Erstaunen. Sie hätte es, da bin ich mir absolut sicher, nicht getan. Sich um zerstörte Leitungen zu kümmern, gar zu reparieren, war nicht ihre Sache. Wenn eine Lampe nicht mehr brannte – ihr machte es nichts aus. Sie war ohnehin selten zu Hause.

Als das Telefon klingelte, war ich bereits ausgehfertig, trug zu einem nicht gerade dunklen Anzug – Legeres verabscheue ich – ein frisches, weißes Hemd, hatte eine prächtige Krawatte umgebunden, da ich an diesem Abend vorgehabt habe, Zerstreuung suchend, bummeln zu gehen. Ich warf, bevor ich aus dem Haus ging, noch einen Mantel über, legte lässig einen langen weißen Schal um den Hals, schließlich haben wir Dezember, setzte einen Hut auf – ich trage gern Hut –, zog helle, weiche Lederhandschuhe an. Meinen Mantel habe ich jedoch nicht zugeknöpft. Ich liebe es, mit wehenden Mantelschößen zu laufen, auch wenn meine Mutter so etwas früher nicht duldete. »Robert«, keifte sie, wenn sie es mitbekam, »Robert, du willst doch nicht etwa...!« Sie verachtete derartig Nachlässiges. Bei ihr zählte nur das Korrekte, das Akkurate, das sorgfältig Dargebotene, Misstöne durften das Harmonische nicht stören. So war ihr Leben, dafür opferte sie sich quasi auf. Sie hasste alles, was dem nicht entsprach.

Heute hasse ich sie. Doch meine Gründe gehen tiefer, sind nicht so profan. Meine Verbitterung – zunächst handelte es sich um eine solche – wuchs in all den Jahren. Daraus wurde mehr, wurde Unversöhnliches. Dann keimte und spross auf diesem so bereiteten Boden Hass. Ja, und man kann sagen, dieser Hass war im Laufe der Zeit erwachsen geworden.

Erwachsene hassen anders als kleine, unfertige Kinder es tun. Kinder handeln mehr aus der Situation heraus, sind dabei starrsinnig, unbekehrbar, eigentlich nur bockig. Erwachsene wissen, was sie tun, wissen um die Konsequenzen, wissen, dass es die Notwendigkeit des Zurück geben könnte, aber sie akzeptieren das aus ihrer Sicht eigentlich Unabwendbare. All‘ dieses, eine den Kindern nicht zugängliche Haltung. Für Erwachsene ist Hass wohlüberlegt, endgültig.

Doch zurück zum Geschehen.

Ohne eine besondere Erwartung, ohne eine bestimmte Absicht, ohne einen konkreten Vorsatz brach ich auf, nicht besonders hastig, übereilt schon gar nicht.

Kurz bevor ich die Tür öffnete, um ihr Zimmer zu betreten, ihr Krankenzimmer, war ein merkwürdiges, nicht zu beschreibendes Gefühl in mir gewesen, da ich nicht wusste, wie sie mich empfangen würde. Lächelnd oder belächelnd? Mich gar kalt lächelnd stehen ließ?

Wir saßen, wie ich bereits andeutete, schon lange nicht mehr am gleichen Tisch; das Tischtuch seit langem zerschnitten; wir tranken nicht den gleichen Wein, der klägliche Rest längst verschüttet; ihr Lachen, falls es das für mich je gegeben haben mag, nicht meines; ihre Traurigkeit, wenn überhaupt vorhanden, blieb von mir bewusst unbeachtet.

Schon deshalb wusste ich nicht, wie ich mich, so oder so, verhalten musste. Mir war schleierhaft, was ich eigentlich bei ihr wollte, worüber ich mit ihr reden sollte. Darüber hatte ich mir im Vorfeld keine Gedanken gemacht.

Ein Gespräch hätte schon ich beginnen müssen, in der Hoffnung, dass sie, irgendwann darauf eingehend, das Ihrige beisteuern würde.

Ein mühsames Unterfangen.

Ich war, wenn man so will, mit leeren Händen gekommen, keine Blumen, keine anderen Aufmerksamkeiten, die ich noch – eigentlich als Selbstverständlichkeit, wie man meinen könnte – hätte besorgen können – aber das fiel mir erst viel später auf. Ich fragte auch keine Krankenschwester, ob ich etwas für meine Mutter tun könnte. Die Antwort wäre ohnehin wie erwartet ausgefallen, also unterließ ich dergleichen.

Ich stellte mich rechts von ihr an ihr Bett, einen angemessenen Distanzbereich wahrend, wie zwischen zwei nur mäßig bekannten Menschen. Meinen Hut hatte ich auf einen Stuhl gelegt, der im Zimmer stand; die Handschuhe daneben. Aber ich hatte noch meinen Mantel an, den Schal um, ich war doch gerade erst eingetroffen. Nicht hastig, nicht übereilt und ohne Erwartung war ich gekommen. Da stört ein Mantel ebenso wenig wie ein weißer Schal, zumindest nicht zu Anfang.

Verstohlen, nicht wissend, wie ich ihr begegnen und mit ihr umgehen sollte, stand ich im Zimmer, das kahl, nüchtern und klein war. Man fühlte sich darin, als habe man die Zeit verlassen. Ich war froh, nichts sagen zu müssen. Sie war mir fremd geworden. Nicht, dass ich sie nicht mehr kannte, nein, das war es nicht. So weit war es nicht gekommen, obwohl mich ihr Äußeres schon erschreckte.

Sie hatte sich mir entfernt in all den Jahren, bewusst entfremdet, obwohl sie wissen musste, dass sie mir damit weh tun würde. Sie hatte sich abgewandt, mich alleine gelassen, sich nicht weiter um mich gekümmert.

Sie war eigentlich keine rechte Mutter.

Gleichwohl war ich nun bei ihr, sah sie an, wie jemanden, den man ansieht, ohne noch eine besondere Bindung zu haben. Empfindungen ohnehin nicht.

Ich stand wartend, war unschlüssig, was ich tun sollte, denn eigentlich wollte ich gar nichts tun, zumal es nichts gab, was ich hätte tun können; also wartete ich, meine Hände tief in den Manteltaschen vergraben, auf das unvermeidbar Bevorstehende.

Warten wollte ich jedoch ursprünglich gar nicht. Ich wollte nur sehen, nachsehen, feststellen. Mehr nicht, auch nicht erleben, schon gar nicht miterleben. Eigentlich wollte ich, kaum dass ich im Zimmer, im kargen Krankenzimmer, war, wieder gehen.

Der Gedanke, vielleicht einen Arzt zu befragen oder eine Pflegeschwester anzusprechen, wie lange es dauern könnte, kam mir. Auf jeden Fall wollte ich fort, fasste allerdings den Entschluss, irgendwann zurückzukommen, wenn es soweit sein würde. Die verbleibende Zeit wollte ich nicht bei oder mit ihr verbringen.

Wieso nicht?

Da ich das Erstaunen meines Gesprächspartners spürte, sah ich ihn an, schüttelte missbilligend meinen Kopf: Na, hören Sie, entfuhr es mir. Eine nicht zu überhörende Zurechtweisung, auf die er nicht reagierte. Deshalb weiter.

Immerhin, ich wollte zurückkommen. Aber warten? Nein!

Ich schüttelte noch einmal, nun energischer, meinen Kopf. Nein, auf Warten war ich nicht eingestellt! Warum auch?

Scharf hochgezogene Augenbrauen unterstrichen meine bevorstehende Antwort: Sie hatte auf mich noch nie gewartet. Warum sollte ich es jetzt tun?

Ein kurzes Nicken mit dem Kopf, dann ein leichtes Wiegen. Ich wusste, dass er auf eine erklärende Antwort bestand.

Warten hasse ich, dafür fehlt mir die Geduld, begann ich deshalb. Warten bedingt hoffen, ist erwarten, heißt entgegensehen, ist ausharren, aber auch befürchten. Warten bedeutet nicht automatisch verweilen. Warten gebietet Beherrschung zu haben, aber ebenso Gelassenheit. Beides hätte ich bei ihr haben müssen: Beharrlichkeit, dass sie sich mir zuwandte, dass sie mir ihre Aufmerksamkeit zumindest andeutete. Aber ihre Art, ohne weiteres als kalt und abweisend zu bezeichnen, verlangte von mir Gleichmut. Eine unerschütterliche Gefasstheit in einem Alter, in dem nur der Augenblick zählt. Meine kindlich geduldige Gelassenheit wurde immer wieder auf die Probe gestellt. Lange habe ich nicht gewusst, wie ich mit ihrer Art der strikten Verweigerung umzugehen habe. Ich musste Verzicht lernen, musste wissen, was es heißt, sich unerfüllt zu verzehren. Dies‘ in einem Alter, wo die Liebe wachsen soll. Ein Kind möchte lachen. Doch ich hatte zu erfassen, zu erkennen, wissend, ihre Zuneigung nicht zu erhalten. Ein schwieriges Unterfangen für ein Kind, noch unfertig im Leben; somit auch ein gewaltiger Lernprozess, den ich damals nicht leisten konnte, deshalb habe ich weiter gewartet, mich nicht in Geduld gefasst und diese Eigenart des vergeblichen Wartens nicht verstanden.

Doch wer gibt schon gern seine Hoffnung auf?

Unbekümmertheit ist eine fragwürdige Tugend.

Heute brauche ich diesen Gleichmut nicht mehr. Ich habe beschlossen, mich von ihr loszusagen, und ich werde aus diesem dunklen Raum, in die sie mich stieß, befreien. Dessen bin ich mir sicher.

Früher, natürlich, da habe ich stets gehofft, dass sie wiederkam; habe inbrünstig den Augenblick herbeigesehnt, sie möge kommen, um mich zu trösten. Ich habe es mir gewünscht, so sehr gewünscht, dass ich manchmal vor lauter Wünschen nicht schlafen konnte. Und in mancher Nacht nahm mir das Wünschen den Atem, drohte mich zu ersticken. Vor allem wenn ich Probleme hatte, auch wenn es kindliche waren, habe ich ihre Anwesenheit wider besseres Wissen erhofft, habe den Moment herbeigewünscht, dass sie bei mir war; habe mich danach gesehnt, dass sie sich mit mir freute; habe mich an den Gedanken verzehrt, sie möge sich auf mich freuen, hatte meine Probleme darüber schon fast vergessen. Bis eines Tages etwas passierte.

Es war schon dunkel. Ich lag im Bett, noch nicht lange, war aber wohl schon eingeschlafen, da überfiel mich Angst und Schrecken, ohne dass ich sagen konnte, warum. Ich fühlte mich verfolgt, verlassen und deshalb verloren. Ein hässliches Etwas drohte mich in eine dunkle, kalte Höhle hineinzuziehen. Dagegen war ich machtlos. Ich zitterte am ganzen Körper, nicht vor Kälte, denn ich hatte mir die Decke bis über die Ohren gezogen, mein Gesicht in den Kissen vergraben. Die Angst blieb, das garstige Etwas griff mit seinen knochigen Fingern nach mir, und die Angst drohte mir die Kehle zuzuschnüren. Das nicht zu beschreibende Fürchterliche drohte mich zu vernichten. Ich fühlte bereits den kalten Atem, der mich streifte, Finger, die sich meiner bemächtigen wollten, Finger, die bereits an meinem Nachthemd rissen. Ohne Licht zu machen stand ich hastig auf und tapste, hoffend den mich verfolgenden Dämon mit seinen ekelhaften Klauen, die noch immer nach mir griffen, abschütteln zu können, schlaftrunken ins Wohnzimmer. Unsere alte, sicher wertvolle Standuhr schlug ein paar Mal als ich das Zimmer betrat – ich habe nicht mitgezählt, ich sah auch nicht die kostbaren Ölbilder an der Wand, die meine Mutter sammelte und von überallher heranschleppte, mein Blick fiel ebenso wenig auf die Regale mit den Büchern, nicht auf dem Tisch, auf dem benutztes Geschirr stand und ebensolches Besteck lag, ich achtete nicht auf die zugezogenen Vorhänge vor den Fenstern, die sonst den Blick in den Garten – der auch zu später Stunde sicher erleuchtet war – ermöglichten. Ich sah nur meine Mutter. Sie saß zusammen mit einem Mann, den ich nicht kannte auf dem Sofa. Sie lachten, tranken Wein, im Hintergrund lief leise Musik, Klaviermusik. Auf dem Tisch standen außer dem schon Erwähnten noch Kerzen, sonst brannte kein Licht. Als meine Mutter mich sah, wurde sie böse. Sie schickte mich, ohne sich zu erheben, lediglich ihren Zeigefinger benutzend, sofort zurück in mein Zimmer. Ein kurzer, eindeutiger Fingerzeig als Befehl, der keinen Widerspruch duldete. Ich trotte – hatte nichts sagen können – mit gesenktem Kopf von dannen, kroch wieder ins Bett. Und um meiner Angst keine Nahrung zu geben habe ich die Decke bis weit über meinen Kopf gezogen. Und dann – im Dunkeln – geschah es: ich habe meine Mutter beschimpft. Ich wollte stark sein, wollte Widerstand leisten. Ich habe sie inbrünstig verachtet – Kinderhass. Ich wusste nicht, dass ich dazu in der Lage war, dass ich diese Fähigkeit in mir trug, dass es möglich war, die eigene Mutter zu verabscheuen. Ich habe gelernt.

Später habe ich, wie ich noch berichten werde, weiter gemacht. Und jetzt? Jetzt weiß ich, dass man jeden Menschen, auch den, den man einst liebte, hassen kann. Irgendwann, für Augenblicke, für immer.

Kinder sind in gewisser Weise naiv, sie glauben, nur die Augen schließen zu müssen, um selbst nicht mehr gesehen zu werden. Aus diesem Bewusstsein heraus muss der umgekehrte Fall für sie ebenfalls gelten: sich lange genug etwas mit offenen Augen wünschen.

Also erträumte ich, träumte mich in eine andere Welt mit flinken Kobolden, graziösen Feen und geschickten Zauberern. Es blieb beim Traum.

Gleichwohl, meistens habe ich erwünscht, erhofft, endlos lange und enttäuscht, ungeduldig und vergebens, sowohl mit offenen, als mit geschlossenen Augen. Und wenn sie, meine Mutter, endlich nach langem, nicht mehr auszuhaltendem Ersehnen von irgendwoher ankam und ihr Haus betrat, hatte sie keine Zeit, schon gar nicht für mich. Obwohl sie jetzt da war, war ich immer noch allein. Grausam diabolisch, barbarisch heimtückisch, prägend für das weitere Leben. Eine Brille kann man absetzen. Blaue Augen kann niemand für immer ändern. Die Seele eines Kindes – sie wiegt ohnehin nicht viel, keine hundert Gramm – besteht zum größten Teil aus leicht formbarer Knetmasse, die aber, je älter die Seele wird, die sodann angenommene Form beibehalten wird.

Wissen Sie, sagte ich meinem Tischpartner mit belegter Stimme, alles das eben Gesagte ging mir zu der Zeit durch den Kopf, als ich das kleine, karge, weiß gestrichene Zimmer betrat, in dem sie bewegungslos lag, mit der Absicht, sie nur kurz sehen zu wollen. Es gab tatsächlich nichts, was von Wichtigkeit gewesen wäre, denn ich war lediglich gerufen worden. Nicht von ihr, wie Sie wissen, also musste ich dem Ruf folgen. Und nun frage ich mich, war das nicht meine menschliche Pflicht? Meine Schuldigkeit als ihr einzig verbleibender Angehöriger? Musste ich nicht anwesend sein in dieser Stunde des sich endgültigen Abwendens? Gebietet das nicht die Höflichkeit?

Zur eigenen Bestätigung nickte ich.

Ob er es auch tat?

Ich habe nicht darauf geachtet. Das Zeichen des zustimmenden Verständnisses, sollte er sich dessen bedient haben, nahm ich nicht wahr. Ich war zu sehr mit mir und meinen Gedanken beschäftigt.

Obgleich, was heißt Pflicht, fragte ich deshalb in mein Nicken hinein, ohne eine Antwort zu erwarten, die er, soweit kannte ich ihn inzwischen, ohnehin nicht gegeben hätte.

Nein, meine Pflicht war es sicher nicht, und nicht meine Aufgabe zu handeln wie ich gehandelt habe, eher war es ein zuvorkommender, selbstloser Gefallen, den ich dem Krankenhaus tat; ihr vielleicht eine nicht persönlich zu wertende Zuwendung, die ich ihr – sagen wir es ruhig – großherzig, und überdies freiwillig gab. Ich war zwar mit einer gewissen Gleichgültigkeit gekommen, dennoch hatte ich meine Wahl aus freien Stücken getroffen, hatte ohne von außen auferlegtem Druck gehandelt. Eine Bitte ist keine Verpflichtung. Keine maternde, zu bereuende Schuldigkeit wies den Weg. Das Gewissen mag sich bei anderen rühren.

Zwang?

Ich zog meine Augenbrauen hoch, schüttelte bedächtig meinen Kopf, erhob meine Hände wie zur Abwehr.

Nein, zwingen konnte mich keiner und von Verpflichtung konnte niemand in diesem Zusammenhang reden. Rechtschaffende Redlichkeit konnte niemand von mir erwarten. Hatte eine Mutter nicht elementare Verpflichtungen ihrem Sohn gegenüber? War es nicht ihre Aufgabe, Verantwortungen zu übernehmen? Hatte sie nicht eine allgemeine Verpflichtung? Spielten moralische Rechenschaften bei ihr keine Rolle?

Alles Fragen, die sie nie beantwortete; eindeutige Prinzipien, die sie ignorierte; elementare Dinge, die sie ständig eklatant verletzte! Sie sah ausschließlich sich! Das half mir in keiner Weise, machte die Sache für sie einfach, erschwerte jedoch unser Zusammenleben.

Ich holte tief Luft: Nun gut!

Dann richtete ich meine Augen auf ihn, berichtete, nachdem meine Lungen gut gefüllt und mein Kopf wieder frei war; weiter.

Dessen ungeachtet war ich in diesem für sie wichtigen Augenblick bei ihr, stand an ihrer Seite, gleichwohl nicht zur Seite, und wartete dennoch mit ihr zusammen auf etwas Unabwendbares. Wartete jedoch, wie jemand wartet, der eine entfernte, nicht gerade besonders verbundene Verwandte zum Bahnhof bringt, und, keine weiteren passenden Worte mehr findend, auf die Einfahrt des Zuges harrt, den Blick dabei auf einen unbestimmten Punkt am fernen Horizont gerichtet.

Züge durchfahren stets eine langgestreckte Kurve, bevor sie aus dem Nichts auftauchend ins Jetzt vorrücken. Das ist bei jedem Bahnhof so, den ich kenne.

Dieser lange Augenblick, von der Hoffnung bis zum Eintreffen des Ereignisses, wird durch ein flaues Gefühl im Magen begleitet. Eine bedrohliche Leere im Kopf macht sich beim Herbeisehnen breit. Einige Wartende haben sogar trockene Münder. Ebenfalls ein Grund, schweigsam auf die Ankunft zu warten. Außerdem, man hat sich nichts mehr zu sagen, zu erzählen auch nicht. Der Wunsch auf einen guten Platz ist mehr als genügend geäußert worden, die Pünktlichkeit der Abfahrt oft genug angesprochen, die gute Heimreise bereits mehrmals erwähnt. Letzte Banalitäten sind ausgetauscht, Tiefgreifendes nicht verfügbar, Verbindendes nicht vorhanden.

Was bleibt?

Sprachlose Betretenheit!

Doch diese Peinlichkeit des Schweigens ist kaum noch auszuhalten. Verstohlen schaut der Bleibende deshalb wieder und wieder auf die große Bahnhofsuhr, um zu sehen, ob der schlank erscheinende, sich dennoch schwerfällig gebende Sekundenzeiger sich überhaupt bewegt.