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Alle lieben Agneta Voller Lebenslust und Ironie: Emma Hamberg gelingt ein leichtes Buch über eine Heldin, die sich neu erfindet, und schrieb damit den erfolgreichsten Roman 2022 in Schweden. Agneta reicht es. Sie ist 49 und fühlt sich, als ob das Leben an ihr vorbeizieht. Ihre Kinder melden sich nur, wenn sie Geld brauchen, für die Kollegen ist sie unsichtbar und ihren Mann Magnus sieht sie neuerdings nur noch in Radlershorts oder Neoprenanzug. Weißbrot, Käse, Wein – strengstens VERBOTEN. Also alles, was Agneta liebt – und seit Neuestem hinter dem Kühlschrank versteckt. Als sie eines Tages eine seltsame Zeitungsanzeige entdeckt, fasst sie einen Entschluss. Kurz darauf findet Agneta sich in einem malerischen Städtchen in der Provence wieder. Es beginnt ein Abenteuer, in dem sie endlich die Liebe zu sich selbst entdeckt – und vielleicht auch die zu einem anderen Mann. »Emma Hamberg trifft voll ins Schwarze: Bissig, witzig, voller Lebenslust!« Femina
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Seitenzahl: 477
Veröffentlichungsjahr: 2024
Agneta reicht es. Sie ist 49 und fühlt sich, als ob das Leben an ihr vorbeizieht. Ihre Kinder melden sich nur, wenn sie Geld brauchen, für die Kollegen ist sie unsichtbar und ihren Mann Magnus sieht sie neuerdings nur noch in Radlershorts oder Neoprenanzug. Weißbrot, Käse, Wein – strengstens VERBOTEN. Also alles, was Agneta liebt – und seit Neuestem hinter dem Kühlschrank versteckt. Als sie eines Tages eine seltsame Zeitungsanzeige entdeckt, fasst sie einen Entschluss. Kurz darauf findet Agneta sich in einem malerischen Städtchen in der Provence wieder. Es beginnt ein Abenteuer, in dem sie endlich die Liebe zu sich selbst entdeckt – und vielleicht auch die zu einem anderen Mann.
Emma Hamberg
Roman
Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
»Selbstbetrug.«
»Was?«
»Zwölf Buchstaben, dritter Buchstabe ein L. Synonym für sich belügen. Selbstbetrug natürlich.«
»Hast du übrigens die Hähnchenhaut aufgegessen?«
»Was? Also nein, natürlich nicht. Wie kommst du darauf?«
»Weil sie gestern Abend nicht mehr auf der Arbeitsplatte lag, als ich abwaschen wollte. Und in der Mülltonne hab ich sie auch nicht gesehen.«
»Das waren doch garantiert die Katzen. Unter den Augen bei Müdigkeit, zehn Buchstaben? Augenringe natürlich. Heute ist das Kreuzworträtsel aber wirklich einfach.«
Selbstverständlich habe ich die Hähnchenhaut aufgegessen. Das ist doch das Beste am ganzen Brathähnchen. Knusprig, fett, würzig und mittlerweile in unserem Haus verboten. Ja, Magnus hat nach dem Sommer definitiv Ernst gemacht mit unserem neuen Ernährungsplan: Auf der schwarzen Liste stehen rotes Fleisch, Gluten, Kaffee, Alkohol, alle Formen von Zucker und am liebsten auch noch alles, was fettig ist. Und so sitze ich jetzt hier, an einem Frühstückstisch direkt aus der Hölle: eine schlichte Tasse Tee und kalter Haferbrei. Ich habe die Hähnchenhaut aus stillem Protest gegessen. Und weil sie lecker war. Ich hätte nicht gedacht, dass Magnus unseren Müll kontrollieren würde. Ein bisschen phantasielos von mir. Eigentlich ist Müllkontrolle typisch Magnus.
»Du solltest allmählich einen Zahn zulegen. Wir müssen in einer Dreiviertelstunde da sein.«
Auf gar keinen Fall werde ich in einer Dreiviertelstunde da sein. Ich habe meine eigene schwarze Liste, und die wird nicht angeführt von »meinen Körper in einen Neoprenanzug zwängen und im Oktober in einem Brackwassersee wie dem Edsviken rumschwimmen«. Wenn ich genau überlege, habe ich Magnus seit seinem Fünfzigsten fast nie mehr ohne Neoprenanzug gesehen oder diese eng anliegenden Radfahrerklamotten. Er fährt in Leggins und mit Helm zur Arbeit. Kommt von der Arbeit zurück in Leggins und mit Helm. An Wochenenden wird der Neoprenanzug oder die grüne Birdwatcher-Kluft rausgeholt. Ich fühle mich manchmal, als wäre ich mit einem Superhelden verheiratet, der seinen Anzug nie ablegt. Obwohl, Superheld ist wahrscheinlich der falsche Ausdruck. Ich weiß nicht, was für Superkräfte Magnus besitzt. Vielleicht, dass er von kaltem Haferbrei satt wird?
Ich hingegen habe tatsächlich eine Superkraft. Ich kann mich unsichtbar machen. Besser gesagt: Ich bin unsichtbar. Obwohl ich in einem Zimmer sitze, bemerkt mich kaum jemand. Nicht mal Magnus sieht mich, obwohl ich auf der anderen Seite des Frühstückstisches sitze und Kreuzworträtsel löse. Neulich haben wir im Büro diesen Test gemacht: Anscheinend kann man alle Menschen verschiedenen Farbgruppen zuteilen. Man kann rot sein, wenn man viel zu sagen haben will, herrlich gelb kreativ, harmonisch grün oder prinzipientreu blau. Auf mich passte überhaupt keine Farbe. Ich bin nämlich durchsichtig. Das ist ein Typ, der in diesen populärwissenschaftlichen Büchern nie beschrieben wird. Wenn man den Persönlichkeitstyp »durchsichtig« erklären wollte, könnte das vielleicht so klingen:
Durchsichtige Menschen lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: die unfreiwillig und die freiwillig Durchsichtigen. Diejenigen, die schon von Geburt an durchsichtig waren, und die, die sich in die Durchsichtigkeit zurückgezogen haben, damit sie nicht ins Stottern kommen oder in Panik geraten oder sehen müssen, wie der Witz, der in ihrem Inneren noch total komisch war, laut ausgesprochen total in die Hose ging. Aber wie bei allem, was sich »freiwillig« nennt, liegt auch der freiwilligen Durchsichtigkeit meistens doch ein Zwang zugrunde. Die freiwillig Durchsichtigen haben vielleicht mehrere Farben durchprobiert, haben ihre grünen, roten und blauen Seiten gezeigt. Aber wenn ihre Umgebung das nicht versteht oder die Durchsichtigen selbst zu sehr unter Druck geraten, sodass sie die Farben nicht mehr richtig hervorbringen können, kann die Durchsichtigkeit wie eine Befreiung für sie wirken. Am Ende (und das gilt sowohl für die freiwillig wie die unfreiwillig Durchsichtigen) wissen sie nicht mehr so recht, wer sie sind oder was sie wollen, und dann hängen sie sich gerne an andere dran, die ganz genau wissen, was sie mögen, und eine richtig deutliche, grelle Signalfarbe haben. Die Durchsichtigen stehen selten im Mittelpunkt auf einer Party, was irgendwie schade ist, denn durchsichtige Menschen können sehr lustig sein. Tatsächlich sogar lustiger als die meisten anderen. Aber eben nur innerlich.
Nein, was an ihnen lustig ist, fällt fast nie außerhalb ihrer Haut auf. Apropos Haut. Die Durchsichtigen (ich jedenfalls) haben zudem eine Doppelmoral, indem sie so tun, als würden sie sich an die deutlichen Regeln ihres Partners halten, zum Beispiel »keine Hähnchenhaut essen«, aber insgeheim machen sie doch ab und zu, was sie wollen. Deswegen sind durchsichtige Menschen gerne leicht übergewichtig (ich jedenfalls), besonders wenn sie über 45 sind und ihr Stoffwechsel vollkommen zum Stillstand gekommen ist. Durchsichtige Menschen können sowohl an Selbstüberschätzung leiden als auch an tiefem Außenseitertum, und das …
»Agneta, JETZTSOFORT!«
Huch, steht Magnus etwa schon mit seinem Neoprenanzug und der Badekappe auf dem Flur? Ja, und er hält seine Schwimmflossen in der einen Hand und meinen Anzug in der anderen. Ich habe ihn zu meinem Vierzigsten bekommen: Er ist von allerhöchster Qualität, versteht sich, und verspricht, dass ich mich »allen Herausforderungen in offenen Gewässern in vollkommener Sicherheit stellen kann«. Aber ich will mich gar keinen Herausforderungen in offenen Gewässern stellen! Vielleicht will ich mich mal einer windstillen Bucht im August stellen. Aber ganz sicher nie dem offenen Meer, zusammen mit einer Gruppe überehrgeiziger Sportjunkies. Im Oktober!
»Du, dieser steife Nacken, den ich gestern schon gespürt habe, der ist jetzt schlimmer geworden. Sobald ich den Kopf drehe …«
Mit schmerzverzerrtem Gesicht versuche ich mich zum Küchenfenster zu wenden.
»Ich kann nicht mitkommen. Leider.«
Magnus steht stumm und mit leerem Blick in der Diele. Dann lässt er meinen Herausforderungeninoffenengewässernstell-Anzug los und fängt an, sich seine Radfahrerhose über den Neoprenanzug zu ziehen.
»Okay. Dann nehm ich das Fahrrad.«
Zieht der jetzt allen Ernstes den Helm über die Badekappe? Ja, allen Ernstes. Klar, man kann Sicherheitsvorkehrungen nicht ernst genug nehmen.
Sobald er mit dem Fahrrad auf der Straße verschwunden ist, gehe ich in den Keller. Mache die große Tiefkühltruhe auf, und da liegt mein verborgener Schatz: das Hefeteigbrot. Nicht mal Sauerteig, einfach nur weißes, unnützes Glutenmehl. Hinter der Tiefkühltruhe steht das Glas Aprikosenmarmelade. Magnus war unglaublich gründlich darin, wirklich ALLES wegzuwerfen, was uns in Versuchung führen könnte, also wurde jedes einzelne Marmeladenglas entsorgt und mit ihm Butter, Nutella, Zucker und … na ja, eben alles, was lecker ist. Es ist mir lediglich gelungen, eine Flasche Burgunder mit Schraubverschluss aus den Fängen des Todes zu retten. Die liegt jetzt unter meinem Bett. Langsam, aber sicher fühlt es sich hier an wie in den USA während der Prohibition: Etwas, das die Moral stärken sollte, artet komplett aus. Das Ganze explodiert in Bestechungsgeldern, Alkoholschmuggel und Mord. Das ist meine Zukunft hier im Hasselvägen 84.
Gestern Abend habe ich mir ein Glas gegönnt, als ich auf Instagram gesehen habe, dass fast mein gesamter Buchclub (außer mir und der Frau mit der schiefen Brille) unterwegs war und Wein trank und sich in einer total netten Weinbar in der Stadt total gut amüsierte. Ich likte das Foto nicht, sondern ging sofort in mein Schlafzimmer, nein, mein persönliches Speakeasy, und schenkte mir ein Glas Wein ein. In meinen Zahnputzbecher. Schnupperte am Wein, wie es sich gehört, schlürfte, als ich ihn in den Mund sog, gurgelte und machte genüsslich mmmh. Ja, ja, Magnus hat mir beigebracht, wie man das macht. Also – vor dem Alkoholverbot.
»Und dann hab ich ein Selbstgespräch geführt. Wie jetzt. Laut und einfach so in die Luft. Ich habe einfach unendlich viel Redestoff in mir. Wenn die bloß alle wüssten, dass ein so stiller Mensch eigentlich ununterbrochen plappert. Sobald Magnus aus dem Haus ist, rede ich laut mit mir selbst, wenn er zu Hause ist, bin ich ein bisschen leiser. Nicht aus Unsicherheit, sondern vielmehr, weil Magnus nicht versteht, wovon ich rede. Das hat er noch nie. Zu Anfang sprach ich seine Sprache, wie man es eben macht, wenn man geliebt werden will. Das funktionierte sehr gut. Das Problem war nur, dass ich mir irgendwann vorkam wie in nicht enden wollenden Sprachferien. Drei Wochen in Bournemouth oder vierundzwanzig Jahre in Magnusland – dasselbe in Grün. Pass dich an die örtlichen Gebräuche an, sobald du ankommst, müh dich mit Englisch ab, sei offen für die neue Kultur, tu so, als wäre Nierenpastete dein Leibgericht, und sprich bloß nicht Agnetisch, denn dann versteht deine Gastfamilie kein Wort. Und du willst doch, dass dich deine Gastfamilie mag. Magnus war meine Gastfamilie. Er mochte mich. Ich kann richtig gut Magnusisch sprechen, wenn ich mir Mühe gebe, man hätte fast glauben können, ich wäre ein Magnus. Magnus staunte Bauklötze, als sich herausstellte, dass ich eine Agneta bin, mit einer ganz anderen Kultur und einer Sprache, die seiner Meinung nach eine fragwürdige Grammatik hat. Inzwischen spreche ich nur noch zu Hause Agnetisch. Magnus hat es immer noch nicht gelernt. Also reden wir die meiste Zeit aneinander vorbei. Wenn ich so zurückdenke, bin ich eigentlich mein ganzes Leben in Sprachferien gewesen. Ich bin in so viele Länder gereist, aber nirgendwo hat man meine Sprache gesprochen. Nicht mal in meiner Ursprungsfamilie, ich hätte genauso gut adoptiert sein können. Meine Kinder sind dreisprachig aufgewachsen, sie sprechen Magnusisch, Agnetisch und ihre eigene Sprache. Aber ich kann ihnen ansehen, dass sie die Grammatik meiner Sprache auch ein bisschen mühsam finden. Sie verstehen zwar, wovon ich spreche, aber es amüsiert sie nicht. Gott sei Dank kann ich ihre Sprache, also lässt sich das Ganze normalerweise lösen.«
So, jetzt ist das Brot im Toaster fertig!
Ich streiche mir dick Marmelade aufs Brot und betrachte die Scheiben. Ein bisschen können sie schon noch vertragen. Also trage ich eine weitere Schicht auf, beiße einmal ab, schlurfe zum Sofa und knipse unterwegs ein paar trockene Blätter vom Ficus ab.
»Nun ja. Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede stören ja gar nicht so sehr. Die Kinder sind mittlerweile ausgezogen, und Magnus sitzt oft bei geschlossener Tür in seinem Zimmer und beschäftigt sich mit seinen Vogelfotos. Er muss sich schließlich um seinen Instagram-Account kümmern. Nie stellt er Fotos von mir, den Kindern oder auch nur den Katzen ein. Nein, nein, immer nur Vögel. Alles Gute zum Kiebitz-Tag! Und daneben ein Bild von einem Kiebitz im Gegenlicht. Nie ein Glückwunsch zum Hochzeitstag und ein Bild von mir in schmeichelndem Licht. Er ist wohl nicht das, was man einen Romantiker nennt. Ich ja auch nicht. Es ist auch nicht so, dass ich Bilder von ihm im Gegenlicht einstelle und etwas über die Kraft der Liebe dazuschreibe. Meistens führe ich nur Selbstgespräche, während Magnus im Edsviken rumschwimmt. Magnus ist einfach ein Mensch, der sich ständig mit anderen messen muss: Alles, worin man einen Wettkampf bestreiten kann, ist gut. Wer schwimmt im Oktober am schnellsten durch den Edsviken? Wer schafft dreihundert Kreuze in irgendeiner Vogeltabelle? Wer kann alle Vögel auf Latein katalogisieren? Magnus natürlich. Sein Hirn ist so gestrickt. Alles, was er liest, behält er. Ich behalte grundsätzlich nichts. Ich fände es zum Beispiel interessant, ein für alle Mal zu verstehen, was es mit Israel und dem Palästina-Konflikt auf sich hat, also lese ich ein bisschen darüber, aber nach zwei Stunden ist alles wieder wie ausradiert. Dafür weiß ich noch, wie Paris Hiltons alter Chihuahua hieß: Tinkerbell. Sie ist vierzehn Jahre alt geworden. Als Tinkerbell starb, trauerte nicht nur Paris, sondern alle ihre Fans. Das hab ich 2015 in einer Klatschzeitschrift bei meinem Friseur gelesen. Warum kann ich mich daran erinnern, aber nicht, was mit Israel und Palästina los ist? Ich kann mir Sachen merken, das steht außer Zweifel. Aber was, ist sehr willkürlich. O Mann, ist das lecker! Toastbrot mit süßer Marmelade. Ein bisschen Butter wäre natürlich auch schön gewesen, aber das hier ist auf jeden Fall unendlich viel besser als kalter Haferbrei. Als die Kinder noch zu Hause wohnten, hatten wir immer Butter im Haus. Butter und Leben. Jetzt gibt es nur noch kalten Haferbrei und totale Stille.«
Ich lege mich aufs Sofa, ziehe mir die Decke über die Beine, knabbere weiter an meinem Toastbrot und schaue durch das große Fenster. Auf der anderen Seite schleicht eine von unseren Katzen im Nieselregen vorbei. Mit einer Maus im Maul glotzt sie mich mit totem Blick an.
»Nicht mal mehr die Katzen brauchen mich. Die können sich auch selbst gut versorgen. Wenn sie sich nicht gerade schreiend in den Büschen paaren. Ein bisschen so wie meine Kinder. Nur mit dem Unterschied, dass unsere Katzen mich nicht anrufen und darum bitten, ihnen Geld per Swish zu überweisen.«
»Du hast was verpasst! Wir sind bei der Tankstelle runter, du weißt schon, wo die Brücke ist. Das Wasser hatte zwar nur zehn Grad, aber das war richtig erfrischend. Diesmal haben wir aufs Begleitboot gepfiffen, damit wir uns noch freier fühlen. Wir haben fast zehn Kilometer geschafft.«
»Zehn Kilometer?«
»Ja, aber nächste Woche wollen wir noch was drauflegen. Wir haben nämlich über den Ärmelkanal gesprochen.«
»Den Ärmelkanal? Warum das denn?«
»Wir wollen ihn durchschwimmen. Ich muss mich natürlich erst mal in das Thema einarbeiten, konzentrierter trainieren, und natürlich liegt das noch ein paar Jahre in der Zukunft. Das werden dann vierunddreißig Kilometer, und zwar ohne Neoprenanzug.«
»Warum ohne?«
»Die Überquerung wird nur dann anerkannt, wenn man ohne Neoprenanzug schwimmt.«
»Ach, die Überquerung zählt nicht, wenn man einen Neoprenanzug anhat? Aber überquert ist doch überquert, auch wenn ihr in Skihosen schwimmen würdet.«
»Warum sollten wir denn in Skihosen schwimmen?«
»Das war doch nur ein Beispiel.«
»Natürlich kannst du auch im Neoprenanzug den Kanal durchschwimmen, aber das zählt nicht! Dann wirst du nicht bei der Channel Swimming Association registriert.«
»Eine entsetzliche Vorstellung.«
»Aber man kann sich ja mit Wollfett einschmieren und das Unternehmen im Frühling angehen, dann ist das Meer nämlich noch warm. Na, na – nicht so viel Öl!«
Ich halte inne beim Zugießen des Olivenöls, während Magnus unseren Buchweizensalat kritisch inspiziert.
»Du weißt doch, man braucht nur ganz wenig Öl.«
»Aber Wollfett ist erlaubt? Am ganzen Körper?«
»Was?«
»Ach, nichts.«
Magnus hält mir einen Granatapfel unter die Nase und strahlt übers ganze Gesicht.
»Antioxidantien, Antioxidantien, Antioxidantien! Gut gegen alles!«
»Gegen alles?«
»Für alles! Fürs Gedächtnis, für mehr Leistungsfähigkeit und mehr Ausdauer.«
»Der Ärmelkanal wird euch um Gnade anflehen.«
»Weißt du eigentlich, wie man einen Granatapfel entkernt?«
»Na ja, man schneidet ihn wohl auf und kratzt die Kerne raus, oder?«
Magnus schnaubt verächtlich. »Ach was, das gibt eine Riesensauerei und du zerstörst die Kerne. Pass auf, ich zeig dir jetzt mal was!«
Er legt die Frucht auf das Schneidebrett und holt mit einem Küchenmesser weit aus. Jetzt bekomme ich also eine Lektion (um die ich nie gebeten habe), wie man auf die absolut beste Art und Weise einen Granatapfel entkernt. Ich kann mich vor Begeisterung kaum halten.
»Meine Sinne sind aufs Höchste gespannt, du kannst loslegen!«
Jetzt wird systematisch geschnitten, gegen den Uhrzeigersinn gedreht, mit einem Kochlöffel draufgeschlagen. Ich weiß nicht, wann genau Magnus so geworden ist. Oder besser gesagt, wann es mir zum ersten Mal aufgefallen ist. Denn wenn ich so darüber nachdenke, ist er wohl immer schon so gewesen. Sein Optimierungswahn. Alles kann man auf die beste Art machen, alles muss absolut top bei den Warentestern abgeschnitten haben (dabei verlässt er sich nicht mal auf die Warentester, sondern kontrolliert alles noch mal auf geheimen amerikanischen Webseiten nach), warum sollte man sich mit halben Sachen begnügen? Magnus findet, dass ich mich viel zu leicht zufriedengebe, und damit hat er recht. Aber ohne jetzt gemein sein zu wollen: Wenn mir nicht von Kindesbeinen an eingebläut worden wäre, mich schnell zufriedenzugeben, hätte ich Magnus niemals geheiratet. Ich weiß, das klingt gehässig. Aber ich bin kein gehässiger Mensch. Ich bin einfach nur kein Mensch, der permanent nur das Meiste und Beste vom Leben verlangt. Zu behaupten, dass ich mich zu schnell zufriedengebe, ist trotzdem nicht ganz richtig. Denn ich bin ja gar nicht zufrieden. Natürlich auch nicht unzufrieden. Ich … lebe einfach so vor mich hin. Ein Studium hat sich bei mir einfach nicht ergeben. Magnus hat einen Platz an der TU in Dresden bekommen, und ich bin mitgegangen, weil meine Mutter meinte: »Das ist eine Riesenchance. Dresden zusammen mit Magnus – mein Gott!« Nun war das wohl eher eine Chance für Magnus als für mich, aber so was kann man leicht mal übersehen, wenn man mittendrin steckt. Das gilt ganz besonders für meine Mutter, die findet, dass man jeden, der sich mit mir abgeben will, gut behandeln muss. In ihren Augen war es eine Riesenchance, dass mich überhaupt ein Mann haben wollte. Während Magnus dann also Ingenieur wurde, brachte ich unsere Kinder auf die Welt und spielte die Hausfrau. Diese Riesenchance sah am Ende dann so aus, dass ich zuerst einen Kinderwagen durch grüne Parks in Dresden schob und später durch grüne Parks in Sollentuna, und als irgendwann Schluss war mit Kinderwagenschieben, fühlte sich die Idee mit dem Studium unendlich fern an. Mein Vater bekam eines Tages Wind davon, dass die Stadtverwaltung Stockholm eine Archivarin suchte, und das wurde schließlich mein Beruf. »Eine Riesenchance!«, spulte meine Mutter wieder ihr Programm ab. Dass sich so eine Möglichkeit genau dann ergab, als ich sie brauchte. »Stell dir vor, Agneta, jetzt hast du einen Mann, Kinder, ein Haus und eine Festanstellung beim Verkehrsplanungsamt.« Eine Riesenchance, ja, ich weiß. Es war ganz praktisch, als die Kinder noch klein waren, nur jetzt sind sie gar nicht mehr klein, aber ich habe keine Energie mehr, meine Karriere anzugehen. Jetzt plagen mich diese ganzen Umstrukturierungen und Systementwicklungen, und bald habe ich nicht mal mehr ein eigenes Büro, sondern sitze in einem Großraumbüro – hurra!
»Sehr gut. Ich merke, dass du dich voll konzentrierst. Nächstes Mal kannst du es selbst machen.«
Magnus drischt noch einmal mit dem Kochlöffel auf den armen Granatapfel. Vierundzwanzig Jahre sind wir jetzt zusammen. Ich könnte nicht behaupten, dass er unsere Beziehung mit der gleichen Hingabe behandelt, mit der er gerade den Granatapfel traktiert. Aber ich will nicht ungerecht sein. Es ist nicht so, dass ich nachts wach liege, um informative Youtube-Clips darüber anzuschauen, wie man seine Ehe optimieren kann. Allerdings kann ich einfach nicht genug von dieser französischen Serie bekommen, in der alte Landhäuser restauriert werden. Magnus würde seine Zeit nie mit so etwas vergeuden, wenn man doch stattdessen alles über die Vorteile von Wollfett lernen kann.
»Nicht ein einziger beschädigter Kern!«
Auf dem fast fettfreien Buchweizensalat prangt ein Turm aus rosarot glänzenden Kernen. Wie immer ist alles perfekt.
Magnus schiebt seinen Teller beiseite und tupft sich mit der Serviette den Mund ab.
»Das ist ja schön mit Lisas Prüfung.«
»Hat sie dich angerufen?«
»Nein, sie hat mir eine Nachricht geschrieben. Zum Telefonieren hat sie keine Zeit, und das kann ich auch vollkommen verstehen. Wie damals bei mir, als ich in Dresden studiert habe. Na ja, du weißt es ja selbst. Da war immer Höchstgeschwindigkeit angesagt. Vollgas!«
»Vollgas? Also mir fehlt es manchmal, mit Lisa zu reden. Und mit Ludvig. Als die beiden noch zu Hause gewohnt haben, hatte ich irgendwie immer alles im Blick, auch wenn wir nicht über alles gesprochen haben. Es reichte schon, dass sie zu Hause waren. Jetzt bekommen wir vom Leben der beiden nur noch Bruchstücke mit. Wenn sie eine Prüfung haben oder nach Kopenhagen fahren. Aber nichts von den Kleinigkeiten. Zum Beispiel, ob sie sich die Zehennägel geschnitten haben.«
»Ob sie sich die Zehennägel geschnitten haben?«
»Das war eine Metapher für Einzelheiten aus ihrem Alltag. Ich will eben alles wissen, mit dem sie sich so beschäftigen. Aber schon klar, dass sie mich nicht anrufen, um mir so was zu erzählen.«
Magnus stochert sich zwischen den Zähnen herum. Offenbar hat sich dort einer von den professionell geernteten Kernen verklemmt.
»So hat das schon seine Richtigkeit.«
So hat das schon seine Richtigkeit. Was ist das denn für ein Spruch … In diesem Moment klingelt das Handy. Es liegt auf dem Tisch und vibriert. Magnus wirft einen Blick darauf.
»Deine Eltern.«
»Über FaceTime?«
»Ja.«
Magnus steht auf, spült seinen Teller ab, stellt ihn in die Spülmaschine und verschwindet nach oben zu seinem Vogel-Instagram-Account. Er stellt am Sonntagabend immer einen »Sonntagsgesang« ein. Einen Vogel, den er aufgenommen hat und der für die vergangene Woche singt. Offenbar gehen in Vogelbeobachterkreisen die Likes für so was tierisch ab.
Ich greife nach dem Handy und setze mich aufs Sofa. Meine Kinder rufen nicht an, um mir von ihren geschnittenen Zehennägeln zu erzählen, meine Eltern dagegen tun das sehr wohl. Um meinen Mann zu zitieren: »So hat das schon seine Richtigkeit.« Die sonnenverbrannten Gesichter meiner Eltern tauchen auf dem Display auf. Die beiden sitzen an einer Bar mit Palmen im Hintergrund und brüllen ins Handy, wahrscheinlich so laut, dass ganz Teneriffa erzittert.
»AGNETA! HALLIHALLO! WIRWOLLTENUNSNURMALMELDEN, DAMITDUWEISST, DASSWIRNOCHAMLEBENSIND!«
Ihr Geschrei wird vom Handy verzerrt. Hilfe!
»Na, ihr seid ja offenbar quicklebendig. Geht’s euch gut?«
Meine Mutter schiebt sich näher ans Display heran, mit Lippenstift auf den Zähnen und einem Glas Cava in der Hand.
»Also, du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie wir das hier geniiießen. Dein Vater hat heute eine phänomenale Runde hingelegt. Nach diesen Wochen wird sich sein Handicap enorm verbessern, das kannst du mir glauben.«
Jetzt kommt mein Vater ganz nahe ans Display, ich sehe nur noch seinen Mund, der sich öffnet und schließt.
»Ja, die Golfplätze hier sind phantastisch, du solltest herkommen und auch ein bisschen spielen, mein Schatz.«
»Aber ich spiel doch gar kein Golf. Habe ich noch nie und werde ich auch nie.«
»Du solltest damit anfangen. Deine Schwester spielt auch, und was für ein Handicap hat sie jetzt noch mal? Wie auch immer – es tut gut in jeder Hinsicht, man ist an der Luft, hat Bewegung, kommt unter Leute und hat ein … Hobby!«
Jetzt sieht man den Mund meiner Mutter in Nahaufnahme. Ich weiche unwillkürlich zurück, ich kann ihr quasi bis in die Kehle schauen. Sie nimmt einen Schluck von ihrem Cava und schmatzt dann einmal, wie sie es immer tut, wenn sie etwas »Ernstes« sagen will.
»Agneta, mein Schatz. Dein Vater und ich haben uns über dich unterhalten. Du solltest dir Hobbys zulegen, damit du rauskommst, ein paar Leute kennenlernst, schöne Sachen unternimmst, das Leben geniiießt. Du bist immer für Magnus und die Kinder da gewesen, jetzt musst du auch mal etwas für dich tun. Seit wir mit dem Golfspielen angefangen haben, hat sich uns eine ganz neue Welt eröffnet.«
Dann kommt wieder der Mund meines Vaters in Nahaufnahme.
»Golf ist überhaupt kein versnobter Sport mehr, weißt du, mittlerweile machen alle mit. Wir haben hier so eine lustige Truppe, das ahnst du nicht. Im Dezember fliegen alle zusammen nach Benidorm zu einem Seniorenwettbewerb.«
»Ein Wettbewerb, wer als Erster die Erde durch Flüge kaputt kriegt?«
Jetzt sieht man beide Münder in Nahaufnahme.
»Was? Wir hören dich so schlecht. Hier wird nämlich gerade Musik gespielt, mit Kastagnetten und so, das ist richtig toll. Warte, wir zeigen’s dir mal. Oje, wie ging das jetzt noch mal, dass man die Aufnahme umdreht?«
»Du musst auf dieses Viereck drücken.«
Ihre Finger drücken auf dem ganzen Bildschirm herum. Na endlich! Jetzt darf ich verwackelte Bilder von einer Strandbar mit weißen Plastiktischen bewundern, und dann sehe ich die ganze Szenerie. Man macht Musik und stößt in grellen Röcken herumtanzend wilde Schreie aus. Die Stimme meiner Mutter schreit aus dem Handy.
»Hast du was von Ludvig und Lisa gehört? Ich schicke ihnen die ganze Zeit Bilder, aber krieg nie eine Antwort.«
»Denen geht’s gut. Lisa bekommt unten in Lund Supernoten, und Ludvig hat seine Skilehrerausbildung oben in Lofsdalen auch so gut wie fertig, es geht ihnen also prima, sie …«
Meine Mutter unterbricht mich mit einem gellenden Schrei.
»Mann, hier kommt ja unsere ganze Golftruppe. HIERSINDWIR! HUHUU!!«
Die sonnenverbrannte Nase meines Vaters nimmt jetzt das ganze Display ein. Er sollte sich mal die Haare in der Nase rasieren.
»Wir müssen jetzt auflegen, aber kümmer dich mal bisschen um dich. Du siehst etwas müde aus. Hej, hier ist noch Platz! Ja, klar, einfach hinsetzen. Bussi Bussi, meine Liebe! Dos botellas de cava, por favor!«
Ich starre auf den Inhalt meiner Lunchbox: der Buchweizensalat von gestern, garniert mit makellosen Granatapfelkernen. Meine Kollegen Lotta S., Lotta B., Stålis, Kåken und Bahar machen sich ihre Mahlzeiten in der Mikrowelle heiß und plaudern über das vergangene Wochenende. Jetzt kommt auch noch Blomman aus der Abteilung für Verkehrsabfragen. Unsere Abteilung ist angeblich eine der lustigsten im ganzen Verkehrsamt. Nach der Systemumstellung wurde sie umbenannt in Registratur für Anmeldung und Transfer, Spitzname RAT, und das wurde gefeiert mit einem riesigen Gumminagetier, von dem sich alle bedienen durften. Und dann gab es noch ein Wettrennen mit Aufziehmäusen. Lotta S. und Stålis gelang es sogar, im Konferenzraum der IT-Abteilung miteinander Sex zu haben. Ich habe ausnahmsweise ein bisschen zu viel Wein erwischt, was in Kombination mit dem Gumminager nicht so günstig war. Magnus musste mich bereits um halb zehn abholen, ich wiederum musste mich bereits übergeben, noch bevor wir an Solna vorbei waren. Die Kinder verstanden gar nichts mehr, als sie am nächsten Morgen in die Küche kamen und kein Frühstück auf dem Tisch stand. Sie wären einfach verhungert, wenn ich es nicht geschafft hätte, mich aus dem Bett zu quälen, Tee zu kochen und ein paar Brotscheiben abzuschneiden. Völlig ratlos standen sie neben dem Kühlschrank. Nein, Lisa und Ludvig sind nicht besonders selbstständig. Das wurde nie von ihnen verlangt, als sie heranwuchsen.
»Wir gehen doch in Therapie, wie ihr wisst, und da haben wir als Hausaufgabe aufbekommen, KEINE herabsetzenden Sachen zueinander zu sagen. Wir sollen entweder gar nichts sagen oder etwas, das dem anderen ein gutes Gefühl gibt. Da war’s abends ganz schön lange still am Esstisch, muss ich sagen.«
Lotta B. plappert weiter darüber, wie sie sich zwei Wohnungen leisten können, wenn sie ihr Haus verkaufen, während Bahar von ihrem neuen Friseur erzählt, der ihr eine absolute Wunderkurpackung verpasst hat, und Kåken gleichzeitig berichtet, dass seine Söhne irgendeinen Fußballpokal gewinnen könnten. Ich esse schweigend meine Antioxidantien. Lotta B. gehört zu den Leuten, die völlig problemlos über ihre schlechte Ehe reden können und dass sie sich in ihrer Einsamkeit einen Drink gönnt oder sogar total entnervt ist von ihren Kindern, und nichts davon hört sich wirklich schlimm an. Es kann sogar total gemütlich klingen! Sobald sie den Mund aufmacht, wollen alle anderen auch was sagen, und schwups geht das Geplapper los. Wenn ich hingegen den Mund aufmache, wird es ein Stimmungskiller, egal was ich sage. So war das schon, als ich noch klein war. Oder vielleicht ist »Stimmungskiller« ein bisschen zu dramatisch formuliert, aber es ist nie besonders lustig, wenn ich von meinem nicht existierenden Sexleben erzähle, von der unter dem Bett versteckten Rotweinflasche und den Kindern, die immer nur wollen, dass ich ihnen Geld per Swish schicke. Es kommt dann immer so was wie … Oje, vielleicht solltest du dir mal Hilfe suchen? Eine Flasche unterm Bett, hast du gesagt? Du trinkst also alleine?
Es kommt nie so rüber, wie ich es eigentlich gemeint habe, weil ich immer so nervös werde. Besser gesagt wurde, denn inzwischen würde ich gar keinen Versuch mehr unternehmen. Früher war ich ein nervliches Wrack, wenn ich einer neuen Situation gegenüberstand, weil ich Angst hatte, ein nervliches Wrack zu sein, und dann konnte ich nachts vor lauter Nervosität nicht schlafen und wurde deswegen ein nervliches Wrack. Voilà, die Selffulfilling Prophecy in Reinform. Am ersten Tag an einer neuen Schule oder am neuen Arbeitsplatz bin ich grundsätzlich todmüde und steif wie eine Leiche. Freundliche Menschen stellen mir Fragen, ich gebe wortkarge Antworten, die oft grob fehlinterpretiert werden, und auf einmal bin ich nicht nur steif und nervös – ich bin auch noch ein Arsch! Tag zwei. Meine Nervosität ist auf dem nächsten Level. Jetzt gilt es, das Ruder herumzureißen – alles muss besser gehen als am Vortag. Ich werde am Kaffeeautomaten über die richtigen Kommentare lachen und Anekdoten erzählen, die genauso lustig sind und mich weder dastehen lassen wie eine komplette Alkoholikerin noch eine zynische Mutter. Mit diesem Druck im Bauch sinke ich tiefer hinab denn je, bis ich unausweichlich feststecke im Steifigkeitsmorast. Nach einem Monat bin ich wirklich langweilig. Aber nicht nur das, sondern in meinem tiefsten Inneren fühle ich mich überlegen. Klassischerweise finde ich die anderen trist und banal, und so ist es direkt ein Gewinn, dass ich kein Teil dieser jämmerlichen Truppe sein muss. Ich weiß natürlich, dass das ein reiner Überlebensmechanismus ist. Ja! Ich weiß – meine Selbsterkenntnis ist umfassend und tief. Aber nicht so stark wie meine alten Gewohnheiten, die ich seit meiner Kindheit habe und …
»Zeit fürs Tageshoroskop! Dann schauen wir mal. Stålis, du bist doch Krebs, mit dir fangen wir an.« Lotta S. liest von ihrem Smartphone ab: »Auf Sie wartet ein wundervoller Tag, wenn Sie mit einem Partner zusammenleben. Je mehr Zeit Sie miteinander verbringen, desto näher kommen Sie sich. Wenn heute ein Termin ansteht, sollten Sie sich von einem Anwalt beraten lassen.«
Man hört vereinzelten Beifall und Gelächter.
Lotta S. fährt fort: »Bahar, du bist Löwe: Wegen einer Herzensangelegenheit leiden Sie womöglich unter Schlafproblemen. Suchen Sie deshalb Rat und Unterstützung bei Kollegen und älteren Verwandten. Wenn eine Reise bevorsteht, rechnen Sie mit einem langwierigen, öden Erlebnis, das aber letztlich auch ein Gewinn für Sie sein wird.«
»NEIN! Ich fahr doch nächste Woche nach Åland! Langwierig und öde also?«
»Langwierig und öde. Lotta B., du bist doch auch Löwe, also gilt das auch für dich. Agneta, du bist …«
Jetzt bin ich aber gespannt, ob sie sich erinnern. Nein, natürlich nicht. In jeder Mittagspause verliest Lotta S. das Tageshoroskop. Sie weiß von jedem das Sternzeichen, nur an meines kann sie sich nie erinnern.
»Du bist Waage!«
Na, was hab ich gesagt?
»Nein, Zwilling.«
»Ja, stimmt ja, Zwilling: Angesichts der Ereignisse in der letzten Zeit sind Sie ziemlich gereizt, wenn Sie nach Hause kommen. Ansonsten sind Sie heute der perfekte Anführer im Büro oder in anderen arbeitsähnlichen Situationen. Mit einer Reise sollten Sie jedoch bis nächste Woche warten. Okay, Agneta, mit anderen Worten: Du musst heute zu Fuß heimgehen. Kåken! Unser aller Jungfrau, jetzt wollen wir mal schauen, was bei dir …«
Ich bin gar kein Zwilling. Ich bin Steinbock. Außerdem total krank im Kopf. Warum lüge ich bei meinem Sternzeichen? Hab ich so panische Angst, dass das Horoskop die Wahrheit über mich sagen könnte? Dass alle im Pausenraum mich, mein Leben, meine Gedanken, meine ungedachten Gedanken sehen könnten, wenn sie mein Sternzeichen wüssten und irgendeinen Unfug darüber hören würden, was der Tag für mich auf Lager hat? Ich hole mein eigenes Handy aus der Tasche und suche das Tageshoroskop für Steinbock: Sie langweilen sich im Moment besonders leicht. Ihre Ruhelosigkeit könnte auf einem Ungleichgewicht in Ihrem Leben beruhen. Versuchen Sie, ungeklärte Dinge zu Hause oder an Ihrem Arbeitsplatz in Angriff zu nehmen, und schieben Sie nicht alles auf die lange Bank. Dabei müssen Sie sich anderen Menschen gegenüber nicht erklären, denn man könnte Sie leicht missverstehen.
Ich werde niemals zugeben, dass ich Steinbock bin. Diese Astrologin ist ja richtig hellsichtig.
»Ja, das war ein bisschen unglücklich, als die Drucker im Städtischen Bauamt ausgefallen sind. Aber wie immer gibt es natürlich eine Erklärung. Lotta und Kåken, nächstes Mal, wenn ihr auf eine Computerschulung geht, zieht bitte nicht den Stecker raus, an dem alle Drucker hängen.«
Vereinzeltes Gelächter im Konferenzraum.
»Dann geht’s weiter mit unserem gewohnten Mantra – wir müssen unser Budget weiter zusammenstreichen. Wir müssen alle Bußgelder noch mal unter die Lupe nehmen, vielleicht können wir an irgendeiner Schraube noch ein bisschen drehen …«
Die Majorin – so nennen wir unsere neue Abteilungsleiterin. Sie ist früher Majorin gewesen. Diese Information trifft zweifelsohne zu. Die Montagssitzung unserer Abteilung nimmt ihren üblichen Verlauf. Wir trinken dünnen Kaffee, knabbern trockene Kekse, hören uns Vorschläge an, wie wir unsere Ausgaben senken können, und über allem mein ewiges Gefühl »Wie bin ich hier nur gelandet …«. Und damit meine ich nicht nur diesen konkreten Konferenzraum in dieser Abteilung im Verkehrsamt. Sondern mein ganzes Leben. Ich bin neunundvierzig Jahre alt. Ich bin nicht dumm. Von Kindesbeinen an kannte ich den Ausdruck »Midlife-Crisis«. Als unsere Nachbarn in der Reihenhaussiedlung sich scheiden ließen, flüsterte Mama etwas von dieser Krise. Als der beste Freund von Papa sich ein Motorrad kaufte: Midlife-Crisis. Als Mamas Freundin Lisbeth sich die Haare blond färbte und auf Finnlandkreuzfahrten mitfuhr, statt zu Hause bei ihrem langweiligen Mann zu sitzen, echote das Wort Midlife-Crisis zwischen den Reihenhausmauern. Heutzutage bewältigt keiner mehr um die fünfzig Krisen mit Motorrädern und Scheidungen. Vorwärts lautet die neue Devise! Weiterentwicklung! Wieder jung sein! Fünfzig ist das neue Vierzig, Vierzig das neue Dreißig, und eigentlich sind wir doch alle achtzehn! Aber wie ist es möglich, mit achtzehn schon so viele Falten zu haben? Das geht natürlich überhaupt nicht! Also botoxen wir alle Altersspuren weg. Ich war kaum achtzehn, als ich achtzehn war, also heißt es bei mir eher »Achtzehn ist das neue Neunundvierzig«.
Als ich um die zwölf war, hatte ich hingegen noch Träume, saß in meinem Kinderzimmer im Reihenhaus mit einer Baskenmütze und sehnte mich nach Frankreich. Bis dahin hatte ich nämlich eine beste Freundin gehabt. Maja. Sie kam in der vierten Klasse zu uns, direkt aus Göteborg via London via Paris, und hatte eine elegante Mutter, die sich Poison von Dior hinter die Ohren tupfte, und einen Vater, der Geschäftsführer eines großen Unternehmens war. Jetzt sollte er in der schwedischen Hauptniederlassung ein paar Jahre den Chef spielen, und sie zogen in ein großes Einfamilienhaus neben unserer Reihenhaussiedlung. Maja verstand mich. Sie war nett, hatte teure Klamotten, und die coolen Mädchen in unserer Klasse versuchten, ihre Gunst zu erlangen, bis ihnen klar wurde, dass sie eine andere Sorte Mädchen war. Sie war nämlich von meiner Sorte. Maja sah mich. Wir waren Banknachbarinnen, und Maja fragte mich nach allem, musste laut lachen, wenn ich ihr stotternd antwortete, schnupperte an meinem Duftradiergummi, und ich durfte nach der Schule auf einen Imbiss mit zu ihr gehen. Ihre Mutter hatte tolle Käsesorten im Kühlschrank und tolle Gedanken im Kopf, und wenn ich so an ihrem großen Tisch saß, Käse verkostete und auf Fragen antwortete, die mir noch nie zuvor jemand gestellt hatte, war es … einfach himmlisch. Ich begann, mit ihnen zu reden. Sie waren nämlich neugierig.
In der Klasse gaben wir ein ungleiches Paar ab. Maja mit den teuren Klamotten, dem Geschäftsführerpapa, die eine schlechte Wahl getroffen hatte und mich allen anderen vorzog, wurde für unsere Mitschüler schnell »die, die sich für was Besseres hält«. Und ich, die sich für überhaupt nichts hielt, bekam auch was davon ab: »Die, die sich für was Besseres hält, weil sie mit der rumzieht, die sich für was Besseres hält, was sie gar nicht ist, aber vielleicht glaubt sie es doch, und das ist das Schlimmste überhaupt.« Das war wirklich hart.
Maja und ich hatten zwei Jahre. Dann musste ihr Vater wieder zurück nach Paris in die französische Hauptniederlassung, und schwups, war sie wieder weg. Wir schrieben uns, und ich bekam mit der Post eine Baskenmütze, aber auf die Dauer hielt es nicht. Vor allem nicht aufseiten des Mädchens, das nach Paris gezogen war und dort neue, spannende Schulen besuchte und deswegen keine Zeit mehr zum Briefeschreiben hatte und das sein Selbstbewusstsein überall mit hinnahm, egal wo es war. Schlimmer war es für das Mädchen, das zu Hause geblieben war. Also für mich. Ohne Maja und ihr Selbstvertrauen war es trostloser denn je. Ich träumte von Frankreich, dass ich als Au-pair nach Paris gehen und wieder die beste Freundin von Maja sein würde, und dann würden wir uns von eleganten Franzosen umwerben lassen, die mein mausbraunes Haar als blond bezeichneten. (Ja, das war in den Achtzigern, als es noch nicht als dumm galt, wenn man als Objekt gesehen werden wollte. Objekt zu sein, war etwas richtig Pfiffiges, etwas Herrliches, worauf ich mich freute.) Meine Mutter schnaubte nur verächtlich. Sie hatte Majas Familie nie leiden können, weil sie aufgeblasen waren und sich für was Besseres hielten, und gleichzeitig hielt sie sie ja selbst für was Besseres, denn sobald sie auftauchten, wurde meine Mutter nervös, plapperte zu viel und verhielt sich seltsam. Wenn ich nach Hause kam und von den spannenden Käsesorten erzählte, unsere Gespräche wiedergab oder berichtete, das Majas nach Poison duftende Mutter uns in ihrem kleinen Sportwagen in das französische Restaurant Cassi mitgenommen hatte, riss meine Mutter die Augen auf und schaute mich an, als wäre ich eine von ihnen. Und dann erklärte sie mir, dass ich mit den anderen Mädchen spielen sollte, statt mich mit Maja zu isolieren und zu glauben, mir gehöre die Welt, denn dem war nicht so. Außerdem war es gar nicht die richtige Welt, daran ließ meine Mutter keinen Zweifel. Das Leben von Majas Familie war ein Traum, den wir nicht träumen durften, das würde lediglich Unglück bringen. Rechtschaffene, normale Träume von normalen, rechtschaffenen Dingen, die durfte man haben.
Aber ich träumte ja gar nicht davon, Majas Leben zu leben, ich war nur glücklich, eine Freundin zu haben, die mich verstand. Meine Mutter fand, dass ich ein bisschen mehr wie meine kleine Schwester sein sollte. So ein einfaches, fröhliches Mädchen, das mit allen Gummitwist springen konnte, im Sportunterricht immer als Erste in die Mannschaft gewählt wurde, davon träumte, in den Sommerferien nach Gröna Lund zu fahren, und nicht alleine dasaß und grübelte. Mein Vater wiederum regte sich richtig auf, als ich erwähnte, dass ich in der Oberstufe Französisch lernen wollte. DEUTSCH ist viel wichtiger! Deutsch ISTEINEWELTSPRACHE, in Deutschland ist es GEMÜTLICH, in Deutschland herrschen ORDNUNGUNDSTRUKTUR, und außerdem braucht man mit dem Auto nicht so lang dorthin. In Frankreich geht es zu, da hupen alle auf der Straße und halten sich nicht an die Regeln. Mein Gott, wie herrlich, dachte ich mir, schrieb mich dann aber doch für Deutsch ein.
Das mit dem Umworbenwerden von Franzosen trieb mir die Oberstufe auch schnell aus. Während ich in der Unter- und Mittelstufe noch ein bisschen schüchtern gewesen war, könnte man sagen, dass die Oberstufe ohne Maja endgültig die Nägel in meinen Schüchternheitssarg schlug. Jetzt wurde ich richtig schüchtern. Willkommen im Leben. Aber das sind wohl die ausgetretenen Pfade, schätze ich. Es gibt doch diese Redensart, »auf ausgetretenen Pfaden wandeln«. Und ich sehe es auch ganz deutlich vor mir: Ich sitze in einem Wagen und wandle auf diesem ausgetretenen Pfad, kann unmöglich abweichen. Neben dem Pfad sehe ich Mohnblumenfelder, Rehe, malerische kleine Landgasthöfe und Abenteuer, die auf mich warten, aber solange ich im Wagen sitze, kann ich nie abbiegen. Dazu müsste ich aus dem fahrenden Wagen springen. Und diese Art von Action liegt mir nicht sonderlich.
»… und das war’s auch schon. Danke euch allen, und denkt bitte daran, dass wir den Kollegen bei dem großen Bau auf Kungsholmen unter die Arme greifen müssen. Vor allem dürfen wir nicht vergessen, dass wir den Gürtel enger schnallen müssen …«
»Ich muss mir eine neue Radhose kaufen. Die alte ist schon ganz zerschlissen im Schritt, und im Moment haben sie beim Radfahrermagazin ganz viele Sonderangebote. Da sollte man zuschlagen.«
Magnus schaltet sein Tablet an und beginnt nach »silikonbeschichtetem Beinreißverschluss« zu suchen.
»Diese hier hat 4-Way-Stretch, das ist gut, und sie umspannt den Muskel sehr schön. Perfekt. Lass mich noch mal schnell schauen, was die für Bewertungen hat …«
Den Blick auf diese ganze Muskelumspannung gerichtet, löffelt er seinen kalten Haferbrei in sich hinein. Schon wieder Sonntag. Die Wochen fühlen sich an wie halbe Stunden, so schnell vergehen sie. Ich habe mal einen Artikel darüber gelesen, warum wir das so empfinden: Unsere Gehirne wissen nämlich genau, was als Nächstes passieren wird. Wenn man erwachsen ist, arbeitet, mit seinem Mann zu Mittag isst, wie man es schon seit gefühlt tausend Jahren macht, abends dann ein Glas Wein aus der Flasche unterm Bett trinkt und alles immer so weitertuckert, braucht das Gehirn sich nicht anzustrengen. Es weiß, was passieren wird, und muss sich nicht mit neuen Informationen auseinandersetzen. Voilà – deswegen vergeht die Zeit so schnell. Oder zumindest fühlt es sich so an, als würde die Zeit schnell vergehen. Je älter wir werden und je routinierter wir sind, desto schneller vergeht für uns die Zeit. Für Kinder hingegen ist alles neu, und deswegen fühlt sich für sie der Sommer an wie eine Ewigkeit und ein Abendessen mit alten Verwandten wie ein ganzes Leben.
Die einzige Art, wie wir Erwachsenen die Zeit wieder verlangsamen können, ist, indem wir etwas Neues erleben, wie zum Beispiel einen schrecklichen Unfall. Dann fühlen sich sieben Sekunden an wie eine Unendlichkeit. Das Gehirn muss all diese neuen Inhalte verarbeiten, und dann fühlt es sich so an, als würde die Zeit stillstehen, denn wir sind dann ganz in diesem Augenblick.
So ist es auch bei Annika aus dem Lesezirkel gewesen, als sie ihrem Mann eröffnet hat, dass sie sich scheiden lassen will. Ich zitiere Annika: »Er hat mich eine Stunde lang angestarrt.« Das hat er natürlich nicht, vielleicht waren es nur zehn Sekunden, bevor er hinausgerannt und ausgerechnet nach Västerås gefahren ist, um sich volllaufen zu lassen. Auszusprechen, dass man sich scheiden lassen will, ist nichts Alltägliches, also war Annikas Gehirn schwer beschäftigt. Das Gehirn ihres zukünftigen Ex-Mannes wahrscheinlich ebenso. Die Dauer der Autofahrt muss sich für ihn angefühlt haben wie eine Weltumseglung. Das heißt mit anderen Worten, dass ich die Zeit dazu bringen kann, langsamer zu vergehen, wenn ich das will. Ich muss mich bloß neuen Erlebnissen stellen. Und schwups, schon ist mein Gehirn schwer beschäftigt, und ich habe das Gefühl, länger zu leben. Wenn ich das wirklich will. Es ist ein bisschen so wie in Catch-22. Momentan vergeht mein Leben schnell, ist aber nicht besonders lustig, also ist die Kombination im Grunde okay. Wenn mein Leben langsamer vergehen soll, muss ich aus diesem ausgetretenen Pfad raus.
Ich beiße ein Stück von meinem Brot ab, das fast schwarz ist vor lauter Ballaststoffen. Auf den kalten Haferbrei soll ich mich zum Nachtisch stürzen. Sonntagskreuzworträtsel, während ich auf meinem Stift herumkaue. »Das Wesentliche erfassen.« Fünfundzwanzig Buchstaben senkrecht. Endet auf »treffen«. Einfach. Den Nagel auf den Kopf treffen. »Lebenslust.« Waagrecht sechs Buchstaben. Endet auf o.
»Hier ist so ein Paar Rennradschuhe, die könnte ich auch brauchen. Sehr gut verarbeitet, mit Kohlenstofffasersohle und einstellbarer Powerzonen-Drahtführung. Die sind auch im Angebot: Neupreis 3190 Kronen, jetzt für 2750.«
»Lebenslust mit sechs Buchstaben?«
Magnus starrt in die Luft, die Finger noch auf dem Bestellbutton für seine Rennradschuhe mit der einstellbaren Drahtführung. Plötzlich hellt sich seine Miene auf.
»Libido!«
»Libido?«
Ich schreibe Libido hin, es stimmt natürlich. Wenn Magnus etwas sagt, stimmt es immer.
»Ich dachte immer, Libido hätte bloß mit … Sex zu tun. Dass man …«
»Damit bist du nicht die Einzige, alle denken dabei immer an Freuds Triebtheorie. Aber im Grunde steht Libido einfach für Lebenshunger, dafür, dass man großen Appetit aufs Leben hat. So, und ich klicke jetzt auf Kaufen!«
Magnus kauft sich seine Rennradschuhe, während ich das Wort »Libido« in meinem Kreuzworträtsel betrachte. »Großen Appetit aufs Leben«. Klingt ganz schön anstrengend, wenn man die ganze Zeit hungrig rumlaufen muss. Wenn man die Hähnchenhaut des Lebens direkt aus dem Abfalleimer essen muss, um mal ein bisschen poetisch zu werden. Ich bin nicht hungrig, aber weiß Gott auch nicht satt.
»Hast du eine große … Libido?«
Magnus blickt von seinem kalten Haferbrei auf.
»Ja, würde ich schon sagen.«
»Aber …«
… wir schlafen doch nie miteinander, wollte ich schon fast sagen. Aber das geht natürlich nicht. Denn wir reden nicht über Sex. Das ist ein No-Go, wie man so schön sagt. Denn wir schlafen nicht mehr miteinander. Aber offenbar kann Libido ja auch Lebenslust bedeuten. Also spule ich zurück und ändere meine Frage ein bisschen ab.
»Aber wie äußert sich die?«
»Was meinst du? Na ja, ich liebe Fahrradfahren zum Beispiel. Hab mir gerade ein Paar phantastische Rennradschuhe gekauft, mit denen ich noch viel besser fahren kann. Fürs Schwimmen brenne ich auch. Und vor allem für die Vogelbeobachtung. Aber ich geh auch in meinem Job All In. Ich habe viele Leidenschaften in meinem Leben. Ich glaube, diese Frage solltest du dir lieber selbst stellen.«
»Wie meinst du das?«
»Na ja, wofür brennst du? Kreuzworträtsel?«
»Meinst du das ironisch?«
»Nein.«
»Ich … Aber ist das wirklich eine starke Libido, wenn man furchtbar viel Fahrrad fahren will? Ich glaube nicht, dass Freud das gemeint hat mit seiner Triebtheorie.«
Ups, da bin ich vielleicht ein bisschen zu weit gegangen. Jetzt hebt Magnus tatsächlich die Stimme.
»Agneta. Du hast so viel Zeit. Die Kinder sind aus dem Haus, du hast einen Job, der dich nicht wirklich anstrengt, und was tust du? Du machst Kreuzworträtsel und schaust dir schlechte Fernsehserien über alte Landhäuser in Frankreich an. Du kommst nicht mit zum Schwimmen, du magst nicht mit mir Rad fahren, und du interessierst dich auch nicht für meine Vogelexkursionen.«
»Aber das sind doch alles deine Interessen.«
»Es würde dir sicher auch gefallen, wenn du nur mal mitkommen würdest. Außerdem solltest du dich öfter mal bewegen.«
»Wie bitte?«
»Du solltest dich öfter mal bewegen!«
»Warum?«
Ich weiß schon, warum er das denkt. Weil ich es wirklich sollte. Weil ich langsam, aber sicher dick werde. Weil ich langsam, aber sicher aussehe wie das, was ich bin: eine Frau von knapp fünfzig Jahren mit einem breiten Hintern, einem faltigen Bauch, Dehnungsstreifen und schweren Brüsten. Wenn ich mir eine Idealfigur antrainieren wollte (die einer superfitten Dreiundzwanzigjährigen, die nie ein Kind ausgetragen hat), müsste ich rund um die Uhr Fahrrad fahren.
»Weil wir Menschen das brauchen. Wir sind dazu gemacht, ständig in Bewegung zu sein.«
»Ständig?«
»Du musst aber auch jedes Wort auf die Goldwaage legen! Kannst du dich nicht einfach mal nur normal unterhalten?«
»Wenn du ein bisschen Landhäuser in Frankreich mit mir anschaust, dann fahre ich auch ein bisschen Fahrrad mit dir.«
»Ich weigere mich, meine Zeit mit dieser Sendung zu verschwenden. Die spekulieren doch nur auf Zuschauerinnen wie dich. Solche Formate werden extra produziert für Hausfrauen, die sich mit Süßigkeiten vollstopfen. Damit sie was zum Träumen haben, etwas, womit sie sich ihr erbärmliches Leben schöner machen können, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Erhebt euch, Frauen, und kauft euch eure eigenen Landhäuser in Frankreich!«
»Was für eine interessante und gleichzeitig herabsetzende Art, diese Sendung zu beschreiben. Von welchem Geld sollen wir uns die Landhäuser denn bitte kaufen?«
»Tja, dann müsst ihr euch eben scheiden lassen, das Haus verkaufen und mit dem Geld ein Bed and Breakfast in Frankreich aufmachen. Dort könnt ihr dann weiter putzen und kochen. Und dann könnt ihr eure Lebensgeschichte in irgendeiner Zeitschrift erzählen. Ich hab diesen Traum nie verstanden.«
»Meinst du, wir sollten uns scheiden lassen?«
»Nein! Ich meine bloß, dass ihr Frauen immer vor irgendwelchen Fernsehsendungen sitzt und träumt und …«
»Magnus, jetzt reicht’s mir aber. Ihr Frauen sitzt da und träumt? Sind wir jetzt im falschen Jahrhundert? Und was ist mit dir? Du fährst immer nur Fahrrad und schwimmst und kannst nicht eine Minute still sitzen – wovor fliehst du eigentlich?«
»Ich fliehe nicht. Ich treibe Sport. Weil es mir Spaß macht! ICHAMÜSIEREMICHDABEI! Und Sport ist gut für den Körper, gut für die Seele und gut für die Umwelt. Aber vor der siebten Staffel von Landhäuser in Frankreich auf dem Sofa rumzuliegen, ist völlig nutzlos.«
»Was weißt du schon davon?«
»Jetzt spiel nicht die Dumme.«
»Ich spiele überhaupt nichts. Ich frage nur.«
»Ich glaube, dass so was falsche Hoffnungen darüber weckt, was das Leben zu bieten hat. Das Leben serviert dir keine französischen Landhäuser auf dem Silbertablett. Was du im Leben haben willst, musst du dir selbst erarbeiten. Mein Gott, Agneta, seit die Kinder aus dem Haus sind, hast du dich vollkommen verändert.«
»Ich habe unter anderem angefangen, Landhäuser in Frankreich anzuschauen. Wie schrecklich. Ruf am besten gleich mal bei der Krisenberatung für Ehemänner an.«
»Ich glaube einfach, dass du ein Hobby brauchst, irgendwas anderes als die Kinder. Damit du nicht zu so einer Tante wirst, die nur noch auf dem Sofa liegt und Soaps schaut.«
»Soaps? In welche Zeit sind wir denn jetzt gefahren mit unserer Zeitmaschine? 1987?«
»Du weißt genau, was ich meine.«
Magnus schlürft den letzten Rest seines Tees in sich hinein, der mittlerweile kalt geworden ist. Kalter Haferbrei, kalter Tee – das nenn ich Libido!
»So, und ich fahr jetzt zum Schwimmen im Edsviken. Kommst du mit?«
»Danke, aber ich geh mit Karin spazieren.«
Die Miene von Magnus hellt sich auf.
»Das ist ja wunderbar! In der unteren Kommodenschublade im Flur liegen Gewichte, die du dir um die Knöchel schnallen kannst.«
»Ich habe bereits Gewichte am Bauch, aber danke für deine Fürsorge.«
Seufzend geht Magnus aus dem Zimmer und kommt mit diesen albernen Gewichten zurück, die man sich mit Klettband an den Fuß- oder Handgelenken befestigen kann. Als ob ich mit Fußfesseln rumlaufen würde, wie ein Verbrecher unter Hausarrest. Magnus lehnt sich ein bisschen zu nachdrücklich vor mir über den Tisch.
»Grüß Karin schön von mir.«
»Natürlich.«
Ich habe Butter, Kaffee und sogar H-Milch hinter dem Gefrierschrank versteckt. Es ist ziemlich kühl im Keller, deswegen klappt das prima. Kurz darauf liege ich zugedeckt auf dem Sofa, mit meinem Milchschaum-Kaffee und einem Toastbrot, auf dem die Butter leicht angeschmolzen ist und sich mit der Aprikosenmarmelade vermischt hat. Draußen geht ein starker Wind, und die roten Blätter wirbeln von den Bäumen. Mit Karin habe ich schon seit Monaten nicht mehr geredet, und ein Spaziergang mit ihr steht natürlich nicht zur Debatte. Dafür denke ich laut über dieses eine Wort nach: Libido.
»Also, Magnus hat eine starke Libido. Er liebt es, kalte Grütze zu essen und im Oktober im Freien zu schwimmen. Vielleicht will er auch Sex haben. Aber davon merke ich nichts mehr. Er sah ziemlich gut aus, als wir uns auf der Party an der Technischen Hochschule kennengelernt haben. Kicki hatte sich in einen Typen verguckt und wollte ihn auf dieser Party beobachten. Also musste ich mit. Nein, schau mal an, da kommt ja unser Kater! Fridolf? Na komm, Fridolf!«
Fridolf ignoriert mich komplett. Als wäre ich nur ein Zierkissen, das da auf dem Sofa liegt. Na vielen Dank! Fridolf streicht weiter in die Küche und wedelt träge mit dem Schwanz, als würde ich überhaupt nicht existieren.
»FRIDOLF! Wenn du dich fragst, wer dir dein Futter in die Schüssel getan hat – das war ich. ICH!«
Auf jeden Fall saß ich damals auf besagter Party an der improvisierten Bar, die Jacken von Kicki und mir auf dem Schoß. Da kam Magnus daher, groß, elegant und aus irgendeinem unerfindlichen Grund interessiert an mir. Wenn ich mir alte Fotos anschaue, muss ich allerdings zugeben, dass ich eigentlich gar nicht so übel aussah. Und im Nachhinein hat Magnus dann ja auch recht behalten. Er fand eine Frau, die ihm niemals die Show stehlen würde. Und am Anfang können sich solche Gegensätze ja anziehen. Der eine hält Vorträge, der andere hört zu. Der eine macht Karriere, der andere kümmert sich um die Kinder. Der eine treibt Sport, der andere isst. Einer hat den Kopf voller Fakten, der andere null Interesse am Quellenstudium. Auf jeden Fall gelang es Magnus trotz aller Jacken auf meinem Schoß, sich mir anzunähern. Er war der zweite Mann in meinem Leben. Mit meinem ersten Freund, Roger, muss ich zugeben, war es nicht so toll. Ich glaube nicht, dass einer von uns beiden begriff, was wir da taten. Mit Magnus war es etwas schöner. Sein Eifer machte mir gute Laune, und genauso intensiv, wie er sich heutzutage ins Thema Radhosen vertieft, wollte er damals alles über das weibliche Geschlechtsorgan wissen. Das hat unserem Sexleben einen gewissen Schub gegeben. Keine Frage, er war motivierter im Bett als ich. Das muss man ihm lassen. Meine Kombination aus Schüchternheit und fehlendem Selbstbewusstsein hat mit der Zeit offenbar auf alles abgefärbt – nicht mal im Dunkeln unter der Decke kann ich laut schreien. Obwohl Magnus alles über die Klitoris gelernt hat, wo sie anfängt und aufhört und dass sie noch ein Stück bis in den Oberschenkel hineinreicht, und wenn man da richtig hartnäckig streichelt, kann die Frau anscheinend einen Orgasmus bekommen. Wenn ich Sexologin gewesen wäre und unser Sexleben mit Stift, Papier und Lesebrille studiert hätte, dann hätte ich ihn wahrscheinlich nach einer Weile unterbrochen mit: »Hey, warte mal kurz! Sex ist nicht nur Technik. Das ist kein Kurs, den du an der Technischen Hochschule belegen kannst. Dafür braucht man auch Sinnlichkeit.« Doch Magnus ist nett und klug, das musste ich ihm schon damals lassen. Er hat tatsächlich einen messerscharfen Verstand. Auf jeden Fall, wenn es darum geht, zu lernen und IQ-Tests zu absolvieren. Wie unflexibel er ist, sieht man ihm ja von außen nicht an. Im Gegensatz zu mir: Ich habe eine dicke, unflexible Schale, aber ganz tief drinnen steckt eine ziemlich lustige Person. Sollte ich mir vielleicht noch einen Toast gönnen?
Magnus kann jeden Moment nach Hause kommen. Rasch beseitige ich alle Spuren. Spüle meine Kaffeetasse ab, stelle sie zurück in den Schrank, wedle den Geruch von gebratenem Speck weg, den ich mir zufällig zum Mittagessen gekauft hatte, entsorge die Abfalltüte mit der Speckverpackung, ziehe meinen Morgenmantel aus, quetsche mich in mein Sportzeug und sammle alle in der Wohnung verteilten Bestandteile der Zeitung für die Altpapiersammlung ein. Ich halte inne, um das Bild von einer breit lächelnden Frau neben einem Whiteboard zu betrachten. »So sind Sie erfolgreich im Job«, lautet die Überschrift. Ich sollte diesen Artikel lesen, aber dazu habe ich nicht die geringste Lust. Allerdings … weiter unten sehe ich die lustigen privaten Kleinanzeigen, in denen Leute versuchen, ihre Schallplatten zu verkaufen, alte Autos zu kaufen oder vielleicht jemanden kennenzulernen. Wer liest heutzutage eigentlich noch solche Anzeigen, und wer antwortet darauf? Was sehe ich denn hier, war da ein zu Späßen aufgelegtes Kind am Werk?
Älterer Junge braucht Hilfe. Sofort. Essen kochen. Kleider waschen. Riesiges Haus putzen. Sehr wichtig: jeden Freitag um 17.00 an der Bar sitzen. Muss Schwedisch sprechen! Der Junge wohnt in Saint Carelle. Provence. Frankreich. Antworten an [email protected].
Ich schaue Magnus an, der auf dem Rücken neben mir liegt. Dann auf die Uhr. 2 Uhr 35. In vier Stunden muss ich aufstehen. Das Schnarchen meines Mannes dröhnt durch die Dunkelheit. Obwohl wir so nah beieinander liegen, noch dazu nackt, fühle ich mich einsamer denn je. Als Magnus heute nach Hause gekommen ist, hatte er eine Plastiktüte mit seinem Neoprenanzug in der einen und einen frischen Biolachs in der anderen Hand. Wegen seines schlechten Gewissens, das hat er zugegeben. Für seine harten Worte.
Der Lachs wurde gedämpft, genauso wie der Brokkoli, und dazu gab es ein Dressing aus einer verquirlten Mischung von ein paar Tropfen Sesamöl, heller Sojasauce und Limettensaft. Dann haben wir gegessen. Zuerst schweigend, dann begann Magnus von einer Linda zu erzählen, die in derselben Schwimmgruppe ist wie er. »Linda ist so lustig, und sie erzählt ja so urkomische Geschichten … Linda schwimmt so schnell … Linda ist so furchtlos … Linda sieht viel jünger aus, als sie ist.« Er unterbrach seine Linda-Huldigung und prostete mir mit seinem Wasserglas zu. Und begann darüber nachzusinnen, was wir versäumt hatten. Dass er etwas gegen sein Schnarchen unternehmen würde, damit wir wieder im selben Zimmer schlafen können. Dass er in einer wissenschaftlichen Studie gelesen habe, »wie wichtig Sex fürs Wohlbefinden auch bei älteren Menschen ist«. Dass wir das wirklich mal in Angriff nehmen müssten.
Die meisten Frauen hätten sich wahrscheinlich über solche Neuigkeiten gefreut. Lachs, gedämpfter Brokkoli und ein Mann, der endlich wieder Sex von ihnen will. Ich habe versucht, begeistert zu sein. Ich habe Magnus ebenfalls zugeprostet und zu ihm gesagt, absolut, aber ob er nicht mit dieser Linda schlafen wolle, denn es scheine ja so, als habe sie seine Libido geweckt.
Nein, das habe ich natürlich nicht gesagt. Aber Gott kann bezeugen, dass ich es gedacht habe. Danach spülten wir unsere Teller ab, stellten sie in den Geschirrspüler, schauten die Nachrichten an, wobei jeder an einem anderen Ende des großen Familiensofas saß, schliefen vor einer neuen Krimiserie ein, wachten gegen halb elf wieder auf und putzten uns die Zähne mit unseren elektrischen Zahnbürsten.
