Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
BonnTastik. Bilder zu Texten - Texte zu Bildern ist die Anthologie zum gemeinsamen Projekt des Künstlers Martin Welzel mit Autorinnen und Autoren der BVjA Regionalgruppe Bonn und Gästen. Die Autoren ließen sich von dem Maler für phantastische Kunst zu Geschichten inspirieren und umgekehrt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 70
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vorwort I
Vorwort II
Gedankenlabyrinth
Marcel Schmutzler
: Die Fremde
Dreckige Stadt der Tiefe
Tatjana Flade
: Das Herz der Ratte
Helms Bonner Münster Klamm
Karsten Beuchert
: Die Lanze des Mauricius
Das Atelier für Phantastische Kunst
Der Moment vor dem Aufwachen
Marita Bagdahn
: Die Ewige Quelle
Das Wasser
Tanatalos
Daniel Ableev
: Styxis
Wurm Fleisch Licht
Die Quelle
Tatjana Flade
: Das Flüstern der Quelle
Der dünne Vorhang illustriert
Marcel Schmutzler
: Der dünne Vorhang
Dragondreaming
Lucia Gentilcore
: Der intelligente Esel
Fluss aus Licht
Ivan Golovko
: Dimension 248
Baumarbeit 5
Jessica Bradley
: Der Zeitdieb
Ilithien
Marcel Schmutzler
: Die Deutscharbeit
Vom Ufer der gezählten Möglichkeiten
Künstler- und Autorenvitas
Im Oktober 2017 war die Regionalgruppe Bonn des Bundesverbandes junger Autoren und Autorinnen (BVjA) bei der 2. Bonner Buchmesse „BonnBuch“ mit einem Stand vertreten. Einige Zeit nach der Messe bekamen wir eine E-Mail des Künstlers Martin Welzel, der in Kooperation mit Elisabeth Brakel von der Ateliergemeinschaft dieKunststation in Bonn ein gemeinsames Projekt vorschlug. Warum sollten sich nicht Autoren von seinen Bildern zu Texten inspirieren lassen und umgekehrt? Wir Autorinnen und Autoren der BVjA-Gruppe waren sofort interessiert und am Ende beteiligten sich mit Marita Bagdahn, Jessica Bradley, Lucia Gentilcore, Ivan Golovko, Marcel Schmutzler und mir sechs Schreiber aus unseren Reihen. Martin lud außerdem die Autoren Daniel Ableev aus Bonn und Karsten Beuchert aus München zum Mitmachen ein.
Und so war die Erste BonnTastik geboren.
Das Ergebnis unseres Projekts kann sich sehen lassen, finden wir. Die phantastischen Bilder von Martin inspirierten uns Autoren zu ganz unterschiedlichen Geschichten, von der Tierfabel über Fantasy bis hin zur Reise in die ferne Zukunft. Ein experimenteller Text ist ebenso dabei. Ebenso schickten einige Autoren Geschichten an Martin, der die absolut passenden Illustrationen aus seinem Fundus suchte. So unterschiedlich die Texte sein mögen, sie alle haben einen Bezug zu Martins Bildern. In einer Geschichte kommt der Künstler sogar selbst vor.
Damit von der Ersten BonnTastik etwas bleibt, haben wir die Texte und Bilder in diesem Büchlein zusammengetragen. Vielleicht fühlen sich die Leserinnen und Leser zu ganz anderen Geschichten inspiriert, wenn sie die Gemälde und Illustrationen von Martin Welzel betrachten.
Für die Autorinnen und Autoren
Tatjana Flade
BVjA Geschäftsführung
Die Grundidee der Ersten BonnTastik klingt zunächst einmal erstaunlich nüchtern und sachlich: Es geht um das Zusammenspiel der zwei Elemente Bild und Wort, wobei die Gleichberechtigung beider Elemente vorausgesetzt wird.
Daraus entwickelte sich bei uns beteiligten „Phantasten“ folgender Plan: Lasst uns eine Bühne schaffen, einen Raum gestalten, wo die Energie, die aus dieser Mischung entsteht, für einen Tag gebündelt und konzentriert wird: Phantastische Bilder und Literatur miteinander in Wechselwirkung bringen und sehen, was dann passiert; am besten vor Publikum selbstverständlich.
Was zuerst passierte, war Folgendes: Das Zusammenspiel der Elemente begann schon im Vorfeld der BonnTastik, und das ist für mich das Spannende und in diesem Umfang Unerwartete. Bilder und Texte wurden zwischen den beteiligten Autoren und mir hin und her geschickt. Was bei mir ankam, löste immer wieder großes „Ahh!“ und „Ohh!“ aus, und ohne weiter ins Detail zu gehen, ist meine Grundaussage zu dieser Phase des Entstehungsprozesses: Alles passte wunderbar zusammen!
In einigen Fällen war es sogar so, dass Bild und Text weit vor der BonnTastik unabhängig voneinander entstanden waren und nun wie füreinander geschaffen schienen. Erstaunlich. Vielleicht aber auch gar nicht so erstaunlich, denn es ist völlig klar, dass Worte und Bilder aus der gleichen Quelle gespeist werden, die tief in uns allen sprudelt.
Auch der Begleitband zur Ersten BonnTastik, für den ich hier gerade einige passende Worte formuliere, basiert auf der oben erläuterten Grundidee. Und ich wünsche allen Freunden der Phantastik eine schöne Zeit beim Lesen und Schauen.
Martin Welzel, Juli 2018
Sie betrat die Bar und setzte sich an einen leeren Tisch am anderen Ende des Raumes. Obwohl zwischen uns einige Gäste saßen, hatte ich einen guten Blick auf sie. Sie machte einen traurigen Eindruck. Nicht in dem Sinne, dass sie in diesem Augenblick bedrückt oder niedergeschlagen, sondern dass sie allgemein ein trauriger Mensch war. Sie schien auf niemanden zu warten, jedenfalls sah sie nicht zur Tür oder sich überhaupt im Raum um. Stattdessen blickte sie auf ihr Glas Rotwein, das einer der Kellner nach einer knappen Bestellung ihrerseits vor ihr hingestellt hatte und das seitdem unberührt geblieben war. Vielleicht wartete sie doch auf jemanden?
Erst jetzt bemerkte ich, wie sehr mich ihre Erscheinung fesselte. Bei ihrem Eintreten hatte mich vor allem ihre Ausstrahlung fasziniert, die – ich kann es nicht besser beschreiben – so gar nicht an diesen Ort passte, der ansonsten mit Gesprächen, Gelächter und Geselligkeit angefüllt war. Aber jetzt konnte ich den Blick gar nicht mehr von ihr abwenden. Ich überlegte, ob ich zu ihr hinübergehen sollte. Aber was hätte ich ihr sagen sollen? Ich bezweifelte, dass ich in der Lage gewesen wäre, sie aufzumuntern. Andererseits: Was hatte ich zu verlieren?
Mit einem Mal war der Raum in Dunkelheit getaucht. Schreie ertönten, vor allem weibliche. Zuerst dachte ich natürlich an einen Stromausfall oder eine durchgebrannte Sicherung. Aber es drang auch kein Licht von draußen herein, keine Straßenbeleuchtung, kein Mondschein. Es herrschte vollkommene Finsternis. Aufgeregtes Gemurmel begann sich auszubreiten, Stühle wurden verrückt, umgestoßene Gläser zerschellten auf dem Boden. Dann war das Licht wieder da, so abrupt, wie es verschwunden war. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen wieder an die Helligkeit gewöhnt hatten. Die übrigen Gäste sahen sich verwirrt um. Doch es genügten kurze Blicke, die ihnen versicherten, dass alles und jeder an seinem Platz und nichts Schlimmeres geschehen war, um sie ihre vorherigen Gespräche wieder aufnehmen zu lassen. Kurz darauf erfüllte das frühere Gemurmel den Raum. Ich allerdings merkte sofort, dass sehr wohl etwas geschehen war: Ihr Platz war leer.
War sie aufgestanden und hatte die Bar verlassen? Oder hatte sie sich in Vorahnung irgendeines Unheils auf die Toilette geflüchtet? Ich wartete eine Weile, ob sie zurückkehren würde. Gezahlt haben konnte sie unmöglich. Vielleicht hatte sie Angst gehabt, eine Panikattacke in der Dunkelheit. Als sie immer noch nicht auftauchte, stand ich auf, um die Gäste anzusprechen, die in ihrer Nähe gesessen hatten. Doch sie blickten mich nur kopfschüttelnd an, selbst, nachdem ich ihnen die Frau beschrieb. Es erschien mir unmöglich, dass selbst an den Nebentischen niemand sie wahrgenommen haben sollte, und ich fragte noch einmal. Die Angesprochenen wandten sich von mir ab und taten so, als wäre ich nicht mehr da. Ganz in der Nähe war die Tür zu den Toiletten. Ich betrat einen schmalen Gang, von dem die gewohnten beiden Türen abgingen, und horchte. Schließlich öffnete ich sogar die Tür zu der Damentoilette einen Spalt, aber es drang kein Geräusch heraus.
Ratlos machte ich kehrt. Es war nicht nur, dass ich mir Sorgen um sie machte. Was, wenn sie fort war und ich sie nie wiedersehen würde? Als ich gedankenverloren die Tür zurück in die Bar aufdrückte, fiel mir die Stille auf der anderen Seite auf. Hatte sich nach der Dunkelheit doch noch irgendein Unglück offenbart, das allen die Sprache verschlagen hatte? Ich stieß die Tür auf und trat in den Raum. Er war menschenleer. Die Musik war ausgeschaltet, die mit Gläsern und Tellern beladenen Tische verlassen. Bis auf eine Ausnahme. Inmitten der Stille saß sie in ihrer Ecke als wäre nichts geschehen und blickte mich an. Ihr Glas Rotwein stand immer noch unberührt vor ihr.
„Wo sind denn alle hin?“, fragte ich und ärgerte mich, dass mir nichts Schlaueres eingefallen war.
„Wahrscheinlich wollten sie jetzt gerade lieber woanders sein“, sagte sie.
„Kann ich ihnen nicht verdenken“, antwortete ich. „Diese plötzliche Dunkelheit war schon unheimlich.“
Sie lächelte. „Mir hat es gefallen“, sagte sie. Dann stand sie auf und griff meine Hand. „Komm mit.“
