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BonnTastik II. Bilder zu Texten - Texte zu Bildern ist die Anthologie zur Fortsetzung des gemeinsamen Projekts des Künstlers Martin Welzel mit Autorinnen und Autoren der BVjA Regionalgruppe Bonn und Gästen. Die Autoren ließen sich von dem Maler für phantastische Kunst zu Geschichten inspirieren und umgekehrt.
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Seitenzahl: 80
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort I
Atelier
Vorwort II
Eis, Wasser, Schwanenfeder
Tatjana Flade
: Der Glanz des Eisstaubs in ihrem Haar
Der Saal
Fiebrige Kneipe
Marcel Schmutzler
: Zaungast der Geschichte
Astrale Expeditionen
Vom Ufer der gezählten Möglichkeiten
Heike Klein
: Vom Ufer der gezählten Möglichkeiten
See im Wald
Inmitten ungezählter Möglichkeiten
Erika Altenburg
: La Source
Füttere mich!
Lesung in der Hölle
Lucia Gentilcore
: Tanz der Muse
Lichtverbunden
Tatjana Flade
: Der grüne Planet
Der Narr
Karsten Beuchert
: Der Narr
Die Kugel
Ivan Golovko
: Die Kugel – Der Prophet vom Mars
Styx
Eklipse 3
Rafaela Bureta
: Das Geheimnis des Kreises
Eklipse transparent 1
Lucie Bradley
: Donnerblitze
Luft
Herr der Ringe
Iris Schwellenbach
: Die Legende von Samira und Muharib
Joels Haus
Tatjana Flade
: Joels Haus
Eklipse 2
Künstler- und Autorenvitas
Im September 2018 feierte die BonnTastik Premiere in der Kunststation in Bonn. Bei einer Ausstellung mit Lesung präsentierten der Künstler Martin Welzel und die Regionalgruppe Bonn des Bundesverbandes junger Autoren und Autorinnen (BVjA) sowie Gäste das Ergebnis eines neuen, kreativen Projekts: Autoren lassen sich von den phantasievollen Bildern des Malers zu Texten inspirieren und umgekehrt. Was dabei herauskam, hielten wir über die Lesung hinaus in der ersten BonnTastik-Anthologie fest.
Das Projekt hat allen Beteiligten so viel Freude gemacht, dass wir uns sofort über eine Fortsetzung einig waren. Hier nun fassen wir die neuen Texte und Bilder zusammen. Einige der Bilder waren bereits bei der ersten BonnTastik dabei, haben aber die Autoren zu anderen Texten inspiriert.
Das Autorenkollektiv hat sich leicht verändert. Während Karsten Beuchert, Lucia Gentilcore, Ivan Golovko, Marcel Schmutzler und ich zum zweiten Mal mitgemacht haben, sind Erika Altenburg, Lucie Bradley, Rafaela Bureta und Iris Schwellenbach erstmals mit an Bord. Marita Bagdahn hat diesmal als Lektorin mitgewirkt, wofür wir ihr herzlich danken. Ebenso danken wir Elisabeth Brakel und der Kunststation für ihre Gastfreundschaft und Unterstützung.
Wir laden nun zur Entdeckungsreise in unsere „bonntastische“ Welt ein, eine Reise ins Innere, in andere Zeiten, in die Hölle und zu den Sternen.
Für die Autorinnen und Autoren
Tatjana Flade
BVjA Geschäftsführung
Ich freue mich sehr, dass die Erste BonnTastik in 2018 ein so großer Erfolg war, dass wir für 2019 ohne zu zögern die Zweite BonnTastik ausgerufen haben. Das Konzept - das Zusammenspiel der beiden Elemente Bild und Wort - hat nun schon die erste Bewährungsprobe bestanden und wurde deswegen von uns allen freudig für die zweite Runde aufgegriffen.
Dies geschah Anfang dieses Jahres und dann …. wurde es zunächst einmal sehr ruhig. Und bei mir wuchs natürlich die Spannung und Neugier, was denn da demnächst passieren würde, sprich, welche phantastischen Texte die Autorinnen und Autoren in ihren Schreibstuben ausbrüten werden.
Nun, als dann die ersten Texte bei mir eintrudelten, bekam ich ganz große Augen und kam aus dem Staunen nicht wieder heraus: Wie kann es sein, dass meine Bilder so tief verstanden werden und dass mir so viele Bedeutungsebenen bisher entgangen waren? Und ich glaube nun, darum geht es bei diesem ganzen kreativen Ding, sei es das Schreiben, das Malen oder auch das phantasierende Lesen: Das Bewusstwerden und das Staunen darüber, welch einzigartige menschliche Gabe die Kraft der Phantasie doch ist.
Und ich hoffe natürlich, dass ihr, liebe Leser, das Gleiche beim Lesen und Blättern in dieser Anthologie empfinden werdet.
Martin Welzel, Juli 2019
Wenn sie ihr Königreich betritt, umfängt sie ein eiskalter Hauch und ihre Wangen röten sich. Sie atmet tief ein und nimmt das einzigartige Aroma des Eises, diese frische, kühle Luft in sich auf. Manchmal liegt ein leichter Nebel über der glatten, weißen Fläche, der die Konturen verschwimmen lässt und sie beginnt zu träumen. Sie träumt davon, zu fliegen wie ein Vogel, die Schwingen auszubreiten und sich schwerelos zu drehen, zu schweben und dann wieder sanft auf dem Eis zu landen und davonzugleiten.
Die Eiskristalle glitzern im Licht wie kleine Sterne. Sie gleitet über die weiße Fläche, hinterlässt ihre Spuren. Bis auf ein leises Kratzen ist es still. Sie nimmt Tempo auf, der kühle Wind weht ihr die Haare aus dem Gesicht. Er schmeckt nach Freiheit, Unbeschwertheit, Losgelöstheit.
Sie hebt ab und dreht sich in der Luft, einmal, zweimal, dreimal, sie landet auf einem Bein, geht leicht ins Knie, das Spielbein bis in die Zehenspitzen gestreckt, die Arme in einer fließenden Bewegung ausgebreitet. Die messerscharfe Kufe schneidet zärtlich ins Eis und trägt sie weiter. Ein Schritt, ein Kantenwechsel, sie beherrscht die Kufe und die Kufe beherrscht das Eis.
Sie liebt es, wenn sie auf der glatten Fläche tanzen kann, zu einer Melodie in ihrem Inneren, die nur sie alleine hört, in ihrer eigenen Welt. Sie dreht sich auf der Stelle in einer schwindelerregenden Pirouette, sie gleitet im Fliegerschritt, sie springt, hoch und weit.
Und dann stürzt sie. Hart, kalt und nass ist jetzt das Eis. Doch als wäre nichts geschehen, steht sie mit einem Lächeln auf.
Jeder Tag, jedes Training, jede Übung vor dem Spiegel, jeder Auftritt, jeder Fehler, jeder Erfolg, jeder Schritt ist ein Teil ihres großen Traums. Der große Traum, den sie alle träumen, die ihr Leben dem Eis widmen. Einmal ganz oben stehen, einmal bei den Olympischen Spielen dabei zu sein oder gar diese eine Medaille mit nach Hause nehmen zu können. Wird sie es schaffen? Manchmal sind die Schmerzen stärker als der Wille und das Durchhaltevermögen, manchmal ist das Talent zu wenig oder die Opferbereitschaft zu gering, manchmal reichen die Mittel nicht aus, manchmal endet die Liebe zum Eis.
Doch jeder Traum ist es wert, geträumt zu werden.
Seit ich in das neue Haus gezogen war, hatte die benachbarte Kneipe eine eigentümliche Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Vielleicht war es neben dem Alter des kleinen, gedrungenen Hauses dessen morbide Erscheinung, die so gar nicht in die Reihe heller, gepflegter Mehrfamilienhäuser passte, die den Stadtteil prägten. Die Fassade war rußgeschwärzt, als hätte es einmal in dem Gebäude gebrannt, besonders um die Fenster herum, die so dunkel waren, dass man nicht hineinblicken konnte, und die altertümliche, aus schweren Eichenbohlen gefertigte Tür wirkte eher wie der Zugang zu einem Kerker.
Doch hatte ich mich trotz meiner Neugierde nie getraut, der Kneipe, die den seltsamen Namen „Bal Macabre“ trug, einen Besuch abzustatten, denn sie hatte einen, um es höflich auszudrücken, zweifelhaften Ruf. Die Nachbarn – die meisten wohnten selbst erst seit kurzem hier – sprachen von ihr als einem verwahrlosten Ort, der hauptsächlich von Personen frequentiert würde, mit denen man nicht seine Freizeit verbringen wollte.
Interessanterweise musste jeder, mit dem ich über das Thema sprach, eingestehen, nie selbst einen Fuß in das Etablissement gesetzt zu haben. Tatsächlich hatte ich überhaupt nie jemanden durch die alte Holztür hineingehen oder herauskommen gesehen, so dass ich die vorherrschende Meinung über die Klientel weder bestätigen noch verwerfen konnte.
Wären nicht gelegentlich Geräusche durch die dunklen, stets geschlossenen Fenster in meine direkt anliegende Wohnung gedrungen, hätte ich wahrscheinlich geglaubt, dass die Kneipe überhaupt nicht mehr in Benutzung wäre. So aber hörte ich, besonders zu späterer Stunde, ab und an das Klirren von Gläsern, das Rücken von Stühlen oder gedämpftes Gemurmel. Nichts Wildes, eigentlich sogar harmlos, gemessen an den Gerüchten, die ich über das Lokal gehört hatte.
Nachdem ich mich mehrere Wochen davon überzeugen konnte, dass es zumindest keinen Beweis für den üblen Leumund des Bal Macabre gab, beschloss ich eines Abends, meinem lang gehegten Vorhaben endlich Taten folgen zu lassen. Ich trat in die kühle, herbstliche Abendluft hinaus und näherte mich der schweren Eichentür des Nachbarhauses. An der Tür hing ein Zettel. „Heute geschlossen“, las ich im Licht der Straßenlaterne.
Enttäuscht wollte ich bereits den Rückweg antreten, aber etwas ließ mich verharren und die gusseiserne Klinke hinunterdrücken. Zu meiner Überraschung öffnete sich die Tür mit lautem Knarren und ich steckte meinen Kopf durch den Spalt, um hineinzusehen.
Ich blickte in einen sowohl was die Lichtverhältnisse als auch die Einrichtung anging, dunklen Raum. Die Wände waren holzvertäfelt, schwere, in die Jahre gekommene Holztische, Stühle und Bänke boten den nicht vorhandenen Gästen Platz. Die sonst üblichen Wandverzierungen, Bilder oder Poster fehlten vollständig – eine willkommene Abwechslung in Zeiten, in denen alles chic und trendy sein oder ein „Konzept“ haben musste. Alles in allem wirkte der Raum wie aus der Zeit gefallen, ein Fels in der Brandung stetigen Wandels.
Das galt auch für den Wirt, ein Mann mittleren Alters, schütteres Haar, eine lange Schürze über das weiße Hemd gezogen, der einsam hinter dem Tresen stand und mich aufmerksam anblickte. Er wirkte nicht allzu erstaunt über mein Erscheinen, vielmehr abwartend, was ich als Nächstes tun würde. Ich schob die Tür ein Stückchen weiter auf und trat in den Raum.
„Draußen steht, es wäre geschlossen“, sagte ich überflüssigerweise.
„Das soll nur unliebsame Gäste abhalten“, erwiderte er und musterte mich noch etwas weiter. „Sie scheinen nicht unbedingt dazuzugehören.“
Mit einer Handbewegung bot er mir an, mich auf einem der Hocker an der Theke niederzulassen. Ich setzte mich.
„Es scheinen aber auch nicht allzu viele liebsame Gäste da zu sein“, sagte ich und wies in den leeren Raum.
„Die kommen noch“, war die kurz angebundene Antwort. Ohne zu fragen, was ich wollte, schenkte er mir ein Bier ein, und fügte hinzu: „Die kommen immer.“
