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Beschreibung

Die 12 Gründungsmitglieder des "BördeAutoren e. V." durchforsten in ihrer ersten gemein-samen Anthologie die Region, nach der sie sich benannt haben: die Soester Börde und ihr näheres Umland. Ihre Geschichten und Gedichte sind angesiedelt in Soest und Lippstadt, Warstein und Welver, an Möhne und Blögge, unterwegs auf der A44 und der alten B1.

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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2019

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GLOBAL – REGIONAL - LOKAL

Should I stay or should I go? – so sang die englische Band The Clash 1982: eine Frage, die für Menschen auf dem platten Land lebendig ist, namentlich für die jungen. Bleiben? Oder in die weite Welt hinaus?

Der Trend geht in Richtung Mobilität, Leben in den Metropolen, am besten international. Die Welt hat sich verwandelt und wandelt sich weiter, in rasantem Tempo. Globalisierung, wohin man schaut: Avocados und Ananas weltweit und ganzjährig.

Dr. Norbert Wex (Foto: Sliwa)

Das World Wide Web verbindet uns noch mit der entlegensten Ecke der Erde. Jederzeit können wir wissen, was wo auf der Welt los ist. Der Austausch von Gütern, Angeboten und Gepflogenheiten ist allgegenwärtig, und die Lebensstile und Erwartungen werden sich immer ähnlicher. Überall dieselbe Popmusik, dieselbe Coca-Cola, die global genormten Hamburger… und wir selbst mittendrin: Wir reisen nach Afrika und China, wir trekken in Laos und Nepal, wir besuchen Elefanten und Pinguine da, wo sie (noch) leben. Die Welt ist ein Dorf, und wir sind überall dabei.

Aber: Es gibt den Gegentrend. Wer hätte vor zehn Jahren für möglich gehalten, dass überall Heimatministerien sprießen? „Buy local“ – regionale Trends – Bio; und das verbreitete Ringen um lokale Verankerung, um Wurzeln, um Daheim-Sein…

Auch die Literatur ist von diesem Trend zum Lokalen und Regionalen längst erfasst. Eine Fülle von Autorinnen und Autoren verorten ihre Texte in heimischen Gebieten, erfassen die Besonderheiten der Landschaft, lassen sie nicht nur zur Kulisse, sondern auch zum prägenden Element, ja zum Akteur werden. Und die Verlage, der Buchhandel – sie haben reagiert.

Und nun auch die Börde. Gleich ein ganzer Schreib- und Lesezirkel hat sich zusammengeschlossen, um diesen Raum in Geschichten aufzuspüren und ihn so zu beleben. Was in der Malerei längst gilt, wird nun auch für die Literatur erprobt. Man sucht und findet klare räumliche Verhältnisse und Wiedererkennbares, man setzt auf präzise Kenntnis der Gegebenheiten und Gewordenheiten, und zwar umso mehr, als die Globalisierung die Orientierung und das feste Fundament in Frage zu stellen droht.

Was passiert, wenn man die in der Textsammlung vereinten Geschichten liest? Versteht man – endlich –, was es auf sich hat mit den Bördebewohnern und ihrer Landschaft? Fühlt man sich zugehörig und vielleicht sogar erkannt? Das wird jeder Leser selbst ausprobieren, und ich wünsche ihm dazu die nötige Entdeckerfreude und viel Vergnügen.

„Bördeweit“ – ist das wirklich weit? Oder nah? Oder beides? Vielleicht verbindet man das bei aller Freude am heimatlichen Raum mit dem beruhigenden Gefühl, dass das Internet schnell, die nächsten Flughäfen nah und mehrere Autobahnen direkt vor der Tür sind. Global – regional – lokal: Wir wollen und müssen auf nichts davon verzichten, wir können überall hin – und die Börde nun in Buchform mitnehmen.

INHALT

Julia Beylouny

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IAGNOSE

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UTORIN

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NHEILBAR

Adele Stein

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AARESELN

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AUTROCKENEN UND

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ULLENTAGEN

Michaela Kaiser

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Dagmar Schindler

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ONDERVÖGEL

Monika Loerchner

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Klaus Marschall

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Rudolf Köster

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Wolfgang Pippke

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TADTBÜCHEREI

Bodo Gerlach

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Dagmar Schindler

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Luzie Irene Pein

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TALIENER FÜR ALLE

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Milla Dümichen

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HRISTUS

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ISKUS

Andrea Hundsdorfer

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ONNEN ZUM

V

ERLIEBEN

Dagmar Schindler

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AS VERHINDERTE

P

ICKNICK

Julia Beylouny

DIAGNOSE: AUTORIN - PROGNOSE: UNHEILBAR

Meine Augen fixieren die Wolke vor mir am Horizont. Majestätisch türmt sie sich auf. Grauweiß wie in einem Ölgemälde. Dahinter verbirgt sich die untergehende Sonne, ähnlich einem Kind, das Verstecken spielt. Aber die Sonne will gefunden werden, denn sie lässt nur ihre Strahlen in geometrisch perfekten Linien durch den Dunst fallen. Golden, wunderschön.

Ich lausche dem monotonen Geräusch von Rädern auf Asphalt. Die Nadel meines Tachos zittert irgendwo zwischen der Hundertdreißig und Hundertvierzig auf und ab. Aus den Radioboxen trällert Rea Garvey einen seiner Songs, der zufällig von meiner Playlist ausgewählt und abgespielt wird.

Ich liebe es, Auto zu fahren! Am liebsten ganz allein. Einfach den Bäumen, Sträuchern und Häusern beim Davonrennen zuschauen, meinen Gedanken freien Lauf lassen, selbst entscheiden, ob oder welche Musik gehört wird. Schokoriegel essen und laut singen. Mich beim Fahren inspirieren lassen und mir neue Geschichten ausdenken.

Die Wolke gibt ein Viertel der Sonne preis, verändert sich vom Turm zum Schiff. Ein Blick in den Rückspiegel verrät, dass jemand hinter mir wohl Organspender sein möchte und es kaum erwarten kann, wohltätig zu werden. Aber ich bin selbst noch im Überholvorgang auf der A44 auf dem Weg nach Soest. Also muss der Drängler sich gedulden.

„Hallo?“ Ich fühle mich getrieben und schimpfe in den Spiegel. „Wir sind hier nicht bei Knight Rider! Du bist nicht K.I.T.T. und ich nicht die Foundation! Wenn du mir trotzdem hinten rein fahren willst, gib einfach noch mehr Gas!“

Ich trete ein bisschen auf die Bremse, weil ich es mir nicht verkneifen kann, ihn zu ärgern. Es wirkt. Er bleibt auf Abstand. Wenig später setze ich den Blinker und wechsele auf die rechte Spur. Er überholt mich und wechselt ebenfalls nach rechts. Und dann bremst er mich doch tatsächlich aus!

„Hey, sag mal, geht’s noch?“, motze ich ärgerlich.

Auf Höhe des Steinbruchs Lohner Klei setze ich zum Überholen an. Der anthrazitfarbene VW Golf verdirbt mir doch glatt die gute Laune! Und erst jetzt bemerke ich, dass er ein Münchener Kennzeichen hat. Ganz sicher ein Firmenwagen. Nur kurz will ich ein Kopf-an-Kopf-Rennen riskieren, um mir den Fahrer genauer anzusehen. Und dann begegnen sich unsere Blicke. Für den Bruchteil einer Sekunde. Aber der reicht aus, um zu bemerken, wie gut aussehend er ist. Jung, vielleicht Mitte oder Ende zwanzig. Braune Haare, hübsche Augen!

Aber seine Blicke ... Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Er sieht mich an, als wäre er verzweifelt. Ein Flehen liegt in seinen Zügen. Und schon ist der Moment verstrichen. Ich habe ihn überholt und schere wieder rechts ein.

Die Sonne verfärbt die Wolke orange- und pinkfarben. Die Abfahrt Soest-Ost kündigt sich an. Aber ich muss erst die nächste nehmen. Oder doch nicht? Dieser Mann ... Seine Blicke halten mich noch immer gefangen. Seine Augen gehen mir nicht aus dem Kopf. Ich schaue in den Rückspiegel; er folgt mir. Obwohl ich mein Tempo deutlich gedrosselt habe. Obwohl die Autobahn so gut wie leer ist. Wieso überholt er nicht? Die Uhr im Armaturenbrett zeigt siebzehn Uhr vierzig an. Ich bin gut in der Zeit. Das Treffen der BördeAutoren findet um sechs statt. Und mittlerweile verfahre ich mich nicht mehr so oft. Nur wenn ich in Gedanken bin. So wie jetzt gerade.

Wieso habe ich das Gefühl, dass da etwas zwischen mir und diesem Fremden ist? Irgendwas Vertrautes. Was für ein Blödsinn, denke ich und schüttele den Kopf.

Meine Playlist spielt Adele und ich drücke das Lied weg. Ist gerade irgendwie zu schwermütig. An der nächsten Ausfahrt muss ich runter von der Autobahn, und spätestens dann wird der Golf weiterfahren, und ich werde mich wieder meinen Träumereien widmen. Oder dem Finden eines Parkplatzes nahe dem Pilgrimhaus. Noch fünfhundert Meter. Ich setze den Blinker. Bei der Zweihundertmeter-Marke setzt auch mein hübscher Verfolger den Blinker. Ich schaue überrascht in den Spiegel. Egal, Zufall. Dann lenke ich meinen Wagen auf die B229, Richtung Soester Innenstadt. Und auch der VW biegt links ab.

„Okay, dann nehme ich dich eben mit zum Stammtisch“, sage ich zu ihm. „Musst aber ‘nen Jahresbeitrag zahlen. Und hin und wieder was veröffentlichen. Wenn’s ‘ne Gesichtskontrolle gäbe, oh Gott, da würdest du glatt mit Kusshand durchgewinkt!“

Ich kratze mich am Kinn. Vielleicht kann er doch nicht mitmachen. Wegen des Münchener Kennzeichens. So weit reicht die Börde dann doch nicht. Meine Fantasie geht mal wieder mit mir durch. Ich stelle mir vor, wie ich ihm mit bayrischem Dialekt klarmache, dass er koa Chance hat. Fahr schee hoam!, denke ich und muss feststellen, dass er mir brav auf den Dasselwall folgt.

Was will der blöde Kerl da hinter mir nur?, ratatatat es durch meinen Kopf. Und dann suche ich mir einen Parkplatz in der Hoffnung, dass der Golf weiterfährt. Aber das tut er nicht. Er biegt in die freie Parklücke neben mir und sein Fahrer zieht, wie es aussieht, den Schlüssel aus der Zündung. Okay. Jetzt habe ich doch ein bisschen Schiss. Ich greife nach meinem Handy. Nur zur Sicherheit.

Ich warte einfach, bis er aussteigt und hoffentlich in der Innenstadt verschwindet. Vielleicht tritt heute eine Fußplattler-Gruppe in der Stadthalle auf, und er ist der Vortänzer. Kann doch sein?

Als es an mein Fenster klopft, schrecke ich auf. Dabei fällt mein Handy in den Fußraum. Ich drehe den Kopf nach links, und da steht er vor mir. Der hübscheste Kerl mit den traurigsten Augen der Welt, der mir je begegnet ist. Ich versuche zu lächeln. Er nickt mir zu, was soviel bedeutet wie: Dreh mal die Scheibe runter.

Fünf vor sechs!, schießt es mir durch den Kopf. Ich komme zu spät! Was will der denn? Und während ich das Glas, das uns trennt, etwas herunterlasse, überkommt mich wieder dieses seltsame Gefühl der Vertrautheit.

„Hi“, sage ich und bleibe sicherheitshalber im Wagen sitzen. „Ähm ... Kennen wir uns?“ Er ringt mit sich. Sein Kiefer zuckt, bevor er zu reden beginnt.

„Hey! Tut mir leid, wegen dieser Verfolgungsnummer“, stammelt er. „Aber ... Ich brauche deine Hilfe! Und ich wusste nicht, wo ich dich sonst hätte finden können.“ Ich schlucke. Da hat wohl jemand ein schwerwiegendes Problem. Ob ich unauffällig nach meinem Handy tasten und die 110 wählen sollte?

„Darf ich mich zu dir setzen? Oder steigst du aus und wir gehen ein Stück?“, erdreistet er sich zu fragen.

„Ähm, nein und ... nein. Sorry, ich habe jetzt einen Termin.“

„Ich weiß, und es tut mir so leid, dass ich dich davon abhalte. Es ... es ist wichtig!“

Hilfe! Bodo! Luzie! Rudolf! Kann mal jemand kommen und mich retten?

„Die hören dich nicht“, sagt er, und für eine Sekunde lichtet sich der triste Schleier in seinen Augen und gibt ein strahlendes Blau preis.

„Was?“, krächze ich. „Hast du ... Hast du gerade meine Gedanken gelesen?!“

„Hab ich das? Oh ... gut möglich. Passiert schon mal. Hey, ich würde dich gern auf ‘nen Kaffee einladen.“

Ich drücke auf den Knopf, der mein Fenster wieder hochfahren lässt. Mein Herz pocht wild und unregelmäßig. Ich beuge mich vor und suche den Fußraum nach meinem Handy ab. Vielleicht kann ich einen meiner Stammtischgeschwister erreichen und um Verstärkung rufen.

„Bitte, tu das nicht“, sagt eine Stimme neben mir und ich schreie auf. „Sie würden denken, du spinnst.“ Er sitzt neben mir! Auf dem Beifahrersitz!

„Wie bist du hier reingekommen?“, fahre ich ihn an. Die Zentralverrieglung ist noch immer aktiviert. „Raus! Sofort raus aus meinem Wagen, oder ich ...“

„Oder was?“ Er lacht kurz auf und dieses Geräusch lässt meinen Bauch kribbeln.

„... oder ich rufe die Polizei!“, wehre ich mich. „Und wenn hier einer spinnt, dann ja wohl du!“

Ich stoße ihn an der Schulter an, um ihn rauszuwerfen. Aber meine Hand prallt an seinen steinharten Muskeln ab. „Schöne Scheiße! Du spinnst nicht nur, du bist auch nicht echt! Dazu bist du viel zu perfekt!“

Er lacht schon wieder! Und dann nickt er. „Du hast recht, ich bin nicht echt. Pass auf“, sagt er, öffnet das Fenster und ruft einer alten Dame, die gerade mit ihrem Hund an uns vorbei Gassi geht, zu: „Guten Abend! Darf ich Ihnen meinen VW Golf schenken? Sie können ihn haben! Inklusive Hundebox!“

Nichts. Die Frau reagiert nicht mal auf ihn.

„Pah!“, mache ich. „Die ist bestimmt taub! Der Trick zählt nicht!“

„Okay, dann sprich du sie doch mal an. Dann wissen wir, ob sie taub ist.“

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen! Ich öffne die Tür, die Zentralverrieglung klickt, der Hund spitzt die Ohren. „Huhu, nette, alte Dame!“, rufe ich. „Wollen Sie den Wagen dieses Herrn hier neben mir nicht haben? Er hat ihn Ihnen gerade geschenkt.“

Die Frau bleibt stehen, sieht mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, dreht sich wieder um und geht weiter. Mein Blick streift den Parkplatz neben meinem Wagen, wo eben noch der VW Golf stand. Er ist weg!

„Dein Auto ...“, stottere ich. „Wo ... Wo ist dein Auto?“

„Wer braucht schon ein Auto?“, fragt er, und lehnt sich entspannt in meinem Beifahrersitz zurück.

Ich muss hier weg! Ich brauche Sauerstoff! Ich will zum Stammtisch, zu meinen Freunden! Zu den anderen Autoren, die in genau diesem Moment mit der Sitzung beginnen.

„Also gut“, sage ich und atme tief durch. „Wer bist du? David Copperfield für Arme? Mach es kurz, ja? Ich habe heute noch was vor.“

Er holt ein paar Mal tief Luft. Selbst, wenn er verzweifelt sein sollte, gut sieht er aus! Ich könnte mich glatt Hals über Kopf in ihn verlieben.

„Das ist ja der Sinn der Sache“, antwortet er auf meine Gedanken.

„Wie bitte?“

„Dass alle sich in mich verlieben. Aber wie ich mich dabei fühle, das interessiert niemanden. Für mich gibt es nämlich nur eine einzige Frau. Und das ist auch der Grund, wieso ich deine Hilfe brauche.“

„Du hast nicht zufällig ein Fläschchen Schnaps bei dir, oder?“, frage ich und sinke seufzend in meinen Sitz.

„Du musst noch fahren“, erinnert er mich. Und dann dreht er sich in meine Richtung. „Hi, ich bin Ben. Ben Miller. Aus Halifax, Nova Scotia.“

„Ist nicht wahr! Dafür sprichst du ja ein ausgezeichnetes Deutsch. Und weiter?“

„Mein Deutsch ist so gut wie deines. Und das hat einen Grund.“

Ich nicke einfach mal, damit er weitermacht und ich heute Abend noch ins Pilgrimhaus komme. Der Typ ist verwirrt. Eigentlich habe ich Hunger. Gleich haben bestimmt schon alle bestellt.

„Also, ich muss sagen, du enttäuschst mich.“

„Tu ich das?“, will ich wissen. „Und wieso enttäusche ich dich?“

„Naja, ein gemeinsamer Freund von uns beiden sagte mir, du habest ihm eine Tasse Tee angeboten und ihn in dein Haus gelassen. Wenn er nicht so von dir geschwärmt hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dich aufzusuchen.“

Ich starre ihn an.

„Wir haben einen gemeinsamen Freund?“

„Haben wir.“

„Wen?“

„Bayless McClary.“

Mir bleibt die Spucke weg! Und dann, nach einer Schockstarre, beginne ich zu lachen. Ich klopfe mir auf den Oberschenkel.

Bayless McClary!

„Jetzt ist es offiziell“, gackere ich. „Du ... Du hast sie nicht mehr alle!“

„Ach nein?“

„Nein, weil Bayless gar nicht existiert! Er ist eine Figur aus meinem Roman, verstehst du? Er ist fiktiv! Schon mal gehört das Wort?“

„Jetzt hast du’s!“, sagt er und grinst selbstgefällig.

Es braucht einen Augenblick, bis ich begreife, was er mir damit sagen will.

„Ganz genau.“ Er nickt. „Und jetzt noch mal von vorne. Mein Name ist Ben Miller. Und ich brauche deine Hilfe. Ich muss die Frau wiederfinden, die ich liebe. Ihr Name ist Candy, und ich habe sie aus den Augen verloren.“

Ich stoße ein eigenartiges Lachen aus. Ich höre mich an wie jemand, der gerade den Verstand verliert. Als ich mich in den Arm kneife, schreie ich auf vor Schmerz. Ich träume nicht. Was hier passiert, ist real. Auf surreale Weise.

„Du willst mir also weismachen, dass du Bayless kennst?“

„Ja, ihn und Katie und Nan. Viele Grüße von allen!“

Ich raufe mir die Haare. Dabei zerfällt mein Pferdeschwanz. Dieser Typ kennt die Protagonisten meines Liebesromans. Die Charaktere, die meine ausgeprägte Fantasie zutage gebracht hat.

„Dann bist du ... Dann bist du meine neue Hauptfigur?“, frage ich und höre das Blut in meinen Ohren rauschen. „Bist du hier, um mir deine Geschichte zu erzählen?“

Seine Züge werden weich. Sein Lächeln wirkt erlöst.

„So ist es. Darum kannst nur du mich sehen und hören. Darum spreche ich deine Sprache. Darum brauche ich deine Hilfe! Du schreibst Liebesromane, also muss ich all diese guten Eigenschaften mitbringen. Mein Aussehen, meine Muskeln, mein bezauberndes Lächeln. Aber alles, was ich will, ist meine Candy! Hilfst du mir, sie zu finden?“

Scheiße, ist das schnulzig!, denke ich und im gleichen Moment frage ich mich, ob die Herren Fitzek und King einen imaginären Freund vom Personenschutz mit sich rumschleppen. Immerhin schreiben sie Thriller und Kriminalromane mit den übelsten Gestalten. Da bin ich ja froh, mir ein harmloses Genre auserkoren zu haben.

„Also gut, ich werde mir deine Geschichte anhören, Ben. Versprochen. Aber jetzt muss ich zum Autorenstammtisch. Ich lade dich gern in den nächsten Tagen zu mir nach Hause auf einen Tee ein. Du darfst Bayless mitbringen, aber er muss still in der Ecke sitzen und zuhören. Kriegen wir das hin?“

„Kriegen wir!“, verspricht er. „Bayless ist daran gewöhnt, in einer Ecke zu sitzen und zuzuhören, wie du weißt. Danke, dass du mir hilfst!“

„Gern, ist immerhin meine Passion.“

Im nächsten Augenblick ist Ben verschwunden. Ich greife nach meinem Handy und schreibe eine Nachricht an die Kollegen: Bin in einer Minute da. Mein neuer Held hat mich aufgehalten ...

Adele Stein

VON HAARESELN, TAUTROCKENEN UND DULLENTAGEN

(Börde-Westfälisch für Anfänger)

Vor 22 Jahren, ich war 35 Jahre alt, kam ich aufs Land. Oder – vielleicht trifft es das besser: Das Land kam auf mich – ziemlich zufällig nämlich und in Gestalt eines 700-Seelen-Dorfs, das in der Soester Börde liegt, ganz in der Nähe der heimlichen Hauptstadt Westfalens. Hinter mir und meinem Mann Johan lag eine beeindruckend grandios gescheiterte berufliche Selbständigkeit. Nur um Haaresbreite waren wir dem kompletten finanziellen Ruin entronnen und wollten nur noch wegziehen aus einem Ort, der uns immer wieder an unsere Bauchlandung erinnerte. Dass wir ausgerechnet am Gestade der Blögge strandeten, hing damit zusammen, dass es dort ein Zweifamilienhaus gab, für dessen Preis die letzten Ersparnisse meiner Mutter ausgereicht hatten.

Es war kein schönes Haus, und in ländlicher Idylle befand es sich schon gar nicht, sondern direkt an einer stark befahrenen Durchgangsstraße. Bis heute kann es das Verkehrsaufkommen vor unserer Haustür mit dem auf der nahegelegenen A44 aufnehmen – tagsüber jedenfalls und wenn man landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge mit einrechnet. Aber es gab genügend Platz für uns alle und ein – bei unserer Ankunft allerdings noch komplett mit alten Holzschuppen zugebautes – großes Gartengrundstück.

Meine Mutter erklärte sich bereit, auf unsere beiden Kinder aufzupassen, damit wir Geld verdienen konnten. Während es Johan schnell gelang, in seinem erlernten Beruf Fuß zu fassen, war das bei mir schwieriger. Ich fand schließlich einen schlecht bezahlten Job als Sekretärin bei einem cholerischen Immobilienmakler, der auch schon mal mit einem Aschenbecher nach mir warf, wenn er schlechte Laune hatte. Weil er sich das Rauchen nach seinem zweiten Herzinfarkt abgewöhnt hatte, war es zum Glück ein leerer.

Ich hatte die Börde zuvor nur bei einem einzigen kurzen Besuch kennengelernt, der 1996 auch schon wieder viele Jahre zurücklag: Als ich Studentin in Göttingen war, lud mich ein Freund zu sich ein, der sein Referendariat am Soester Aldegrever-Gymnasium absolvierte und eine Bleibe auf einem Bauernhof in Soest-Ruploh gefunden hatte. Niemals hatte ich seinerzeit auch nur den Anflug einer Ahnung, dass Jahrzehnte später an eben dieser Schule meine zu dieser Zeit noch ungeborenen Kinder ihr Abitur machen würden. Als Johan und ich uns nach der geschäftlichen Pleite entschlossen, in der Nähe von Soest einen Neuanfang zu versuchen, hatte ich an jene Stippvisite nur noch vage Erinnerungen. Eine davon war, dass mein Freund, der Referendar, und ich mit dem Auto direkt vor dem Eiscafe Venezia in Soest vorgefahren waren, um einen Cappuccino zu trinken – der Marktplatz war damals offenbar noch nicht verkehrsberuhigt. Und natürlich hatte ich behalten, dass man zu Soest Soost sagt und – um Himmelswillen!!! – nicht Sööst.

Meine ersten Lebensjahre habe ich übrigens im Sauerland verbracht, wo ich auch geboren bin. Ursprünglich stammten meine Eltern aus Sachsen, waren aber über Berlin in den Westen geflüchtet. Sie hatten sich zunächst in Meinerzhagen als Gastronomen selbständig gemacht. In meinem zweiten Schuljahr übernahmen sie ein Hotel im Harz, und wir zogen dahin