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Nach einem beruflichen und privaten Desaster flüchtet Willow Brooks aus New York zu ihrer besten Freundin Jolene nach Boston. Romantik? Braucht sie nicht. Aber einen heißen One-Night-Stand mit dem charmanten Shane Silva würde sie ganz bestimmt nicht ablehnen. Blöd nur, dass er vergeben ist.
Für Shane Silva, Profi-Basketballer bei den Boston Tigers, läuft alles nach Plan - bis auf die Liebe. Seine Freundin und ihn trennen acht Bundesstaaten und die Fernbeziehung wird zunehmend zur Belastungsprobe. Als er Willow begegnet, trifft ihn ihre Art wie ein Blitz. Zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnlich ehrliche Freundschaft. Keine Spielchen, kein Drama - nur Nähe, Vertrauen ... und ein Knistern, das schwer zu ignorieren ist.
Ein heißer Basketballer und eine beziehungsscheue Patissière - die perfekte Mischung für eine spicy Friends-To-Lovers Liebesgeschichte! Band 5 der Basketball-Romance-Reihe von Sasha Reed.
Weitere Titel der Reihe:
Boston Tigers - Fast Break Kiss
Boston Tigers - Defense Desire
Boston Tigers - Rebound Heart
Boston Tigers - Play Off for Love
Boston Tigers - Christmas Touch
Bei diesem Roman handelt es sich um eine vollständig überarbeitete Ausgabe des Titels »Crossover«.
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Seitenzahl: 466
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Grußwort des Verlags
Über dieses Buch
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilog
Über die Autorin
Weitere Titel der Autorin
Impressum
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Nach einem beruflichen und privaten Desaster flüchtet Willow Brooks aus New York zu ihrer besten Freundin Jolene nach Boston. Romantik? Braucht sie nicht. Aber einen heißen One-Night-Stand mit dem charmanten Shane Silva würde sie ganz bestimmt nicht ablehnen.
Blöd nur, dass er vergeben ist.
Für Shane Silva, Profi-Basketballer bei den Boston Tigers, läuft alles nach Plan – bis auf die Liebe. Seine Freundin und ihn trennen acht Bundesstaaten und die Fernbeziehung wird zunehmend zur Belastungsprobe. Als er Willow begegnet, trifft ihn ihre Art wie ein Blitz. Zwischen den beiden entsteht eine ungewöhnlich ehrliche Freundschaft. Keine Spielchen, kein Drama – nur Nähe, Vertrauen … und ein Knistern, das schwer zu ignorieren ist.
Ein heißer Basketballer und eine beziehungsscheue Patissière – die perfekte Mischung für eine spicy Friends-To-Lovers Liebesgeschichte! Band 5 der Basketball-Romance-Reihe von Sasha Reed.
SASHA REED
Crossover Feelings
Willow
»Ich liebe New York«, murmelte ich, während ich die drei Treppenstufen vor der Haustür mit meinen Kopfhörern und meinem Handy bewaffnet nach unten trabte und in einen zügigen Laufschritt wechselte.
Die Stadt, die niemals schlief, war um halb fünf Uhr morgens in heller Vorbereitung auf den Tag. Autos und Taxis passierten mich, die Fahrer und Passagiere vermutlich auf dem Weg zur Arbeit oder zum ersten Kaffee, um für den Tag gerüstet zu sein. Die meisten Fenster der Wohnhäuser, an denen ich vorbeilief, waren noch dunkel, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis New York vor geschäftigem Treiben summte und sich die ersten Passanten über die brütende Hitze beschwerten. Um halb fünf war es noch angenehm und perfekt, um mit einem Lauf in den Tag zu starten.
»Bullshit«, krächzte es durch meine Kopfhörer und ich schüttelte schmunzelnd den Kopf, als meine beste Freundin Jolene mit ihrem Graupapagei Grayson wegen seines Umgangstons am Telefon schimpfte.
»Ich schwöre, dieser Papagei macht mich wahnsinnig«, sagte sie seufzend.
»Du liebst ihn«, erwiderte ich. »Und ich liebe seinen Wortschatz.« Auch wenn ich froh war, dass sie den Vogel noch nicht besessen hatte, als wir uns eine winzige Bruchbude in der Bronx geteilt hatten. Das war mittlerweile Jahre her und Jolene lebte jetzt in Boston, wo sie ihre eigene Konditorei betrieb. Die Entfernung und unsere stressigen Arbeitszeiten machten uns den Kontakt manchmal schwer. Gerade deswegen war ich froh, dass sie genauso früh wie ich auf den Beinen war und wir wenigstens zu dieser Stunde das ein oder andere Telefonat einschieben konnten.
»Diesen Wortschatz hat er zum Großteil dir zu verdanken.«
»Nein, ich glaube, mittlerweile geht der erste Platz an Branden.« Jolenes Freund war Basketballer bei den Boston Tigers und völlig verrückt nach Süßgebäck und meiner besten Freundin. Nach Jolenes Erzählungen liebten er und Grayson sich heiß und innig, obwohl sie einen holprigen Start miteinander gehabt hatten. Da ich Branden bisher noch nicht persönlich getroffen hatte, musste ich das ungesehen glauben.
Bei der Erkenntnis, dass Jolene und ich uns schon fast ein Jahr lang nicht mehr gesehen hatten, stolperte ich fast über meine eigenen Füße. Meine Arbeit als Patissière im La Boustifaille, einem der berühmtesten Sternerestaurants in New York, ließ regelmäßige Besuche in Boston einfach nicht zu, und Jolene hatte mit ihrem Battersweet Symphony mehr als genug zu tun. Außerdem brauchte sie jedes Mal, wenn sie die Stadt verlassen wollte, einen Babysitter für Grayson, und die waren wegen seiner wüsten Beschimpfungen und genereller Störrigkeit rar gesät.
Jolene und ich hatten uns damals auf der Kochschule in New York kennengelernt und fast zwei Jahre lang gemeinsam in der Bruchbude in der Bronx gewohnt. Nach dem Abschluss hatte es sie nach Boston verschlagen, während ich in New York geblieben war. Mittlerweile hatte ich die unschöne Wohnsituation hinter mir gelassen und ging einem Job nach, um den mich die meisten unserer ehemaligen Schulkameraden beneideten. Für Pierre Renard zu arbeiten, war für viele ein Traum. Auch ich hatte meinen ersten Tag im La Boustifaille mit Sternchen in den Augen angetreten, bis das Funkeln nicht mehr naiven Sternchen, sondern Tränen zu verschulden war. Heute lachte ich über diese furchtbaren ersten Tage. Ich hatte innerhalb kürzester Zeit meinen ohnehin schon dicken emotionalen Panzer diamantverstärkt – immerhin sollte noch irgendetwas glitzern – und hatte mich vom kläglichen Commis de Cuisine zum Chef de Partie hochgearbeitet. Ich liebte es, neue Herstellungsmethoden auszuprobieren und Desserts zu kreieren, die nicht nur durch ihre Ästhetik, sondern vor allem durch Geschmack überzeugten. Ich liebte die filigrane Arbeit, bis der Teller einfach perfekt aussah. Ich liebte den Duft in der Küche und das Gefühl, etwas so Köstliches mit meinen eigenen Händen zu formen. Ich liebte die Schwere in meinen Beinen, wenn ich abends nach einer Schicht ins Bett fiel. Was ich nicht liebte, war, dass ich seit fünf Jahren ohne Pause arbeitete, aber das war der Preis, den ich für meinen Traumjob zahlen musste.
»Damit könntest du allerdings recht haben. Ich will gar nicht wissen, was Grayson erst von sich gibt, wenn wir bei Branden eingezogen sind.«
Ich runzelte die Stirn. »Das klingt so, als ob ihr schon Pläne dafür hättet?«
Jolene und Branden waren erst seit einem Jahr zusammen. War es nicht noch etwas zu früh? Aber was wusste ich schon. Ich hatte noch nie eine Beziehung gehabt und auch kein Interesse daran. Solange meine beste Freundin sich mit ihren Entscheidungen wohlfühlte, sollte es mir recht sein.
»Nichts Konkretes, aber früher oder später werden wir hoffentlich die logistischen Fragen lösen können«, sagte Jolene. »Wir sind uns einig, dass wir zusammenwohnen wollen, aber die Wohnung über dem Battersweet Symphony ist einfach so praktisch, wenn ich früh aufstehen muss. Nicht, dass Branden mir nicht einen Chauffeur-Dienst zwischen seiner Wohnung und meiner Konditorei angeboten hätte.«
Ich schnaubte. »Es wundert mich, dass er dich nicht einfach über seine Schulter geworfen und zu deinem Glück gezwungen hat.«
Jolene lachte auf. »Nein, diese Zeiten haben wir hinter uns. Branden hat mich verändert.«
Jolene hatte vor Branden eine harte Zeit durchgemacht, was völlig auf die Kappe ihres miesen Ex-Freundes ging. Branden hatte sie mit Engelsgeduld und dem ein oder anderen Orgasmus aus ihrer Sicherheitsblase herausgelockt und sie hatte endlich wieder die Zügel ihres Lebens in die eigenen Hände genommen. Branden hatte das geschafft, was ich von New York aus nur durch verbale Schubser in die richtige Richtung andeuten konnte. Allein deswegen mochte ich ihn jetzt schon, auch wenn ich diese Gefühlsduselei nicht nachvollziehen konnte.
»Aber genug von mir«, sagte Jolene. »Ich kann förmlich durch die Leitung spüren, wie sich dir wegen der Romantik die Zehennägel aufrollen. Wie läuft denn dieser Wettbewerb?«
Der Wettbewerb wurde von mir liebevoll als der Schwanzvergleich der Süßspeisen bezeichnet, weil er im Grunde nichts anderes war. Sämtliche Patissiers und Chocolatiers der gesamten Nation hatten sich dafür beworben, darunter auch ein Team aus dem La Boustifaille, bestehend aus unserem Chef Pierre und meiner Wenigkeit. Der Gewinn dieses nationalen Wettbewerbes würde uns für die Teilnahme am World Pastry Cup qualifizieren, was unweigerlich mit noch mehr guter Presse verbunden wäre. Pierre war ziemlich ambitioniert, was das anging. Zwei Michelin-Sterne waren ihm nicht genug und ich war mir sicher, dass der Sieg des World Pastry Cups auch nach spätestens zwei Wochen verblassen und Pierre sich dem nächsten Prestigeobjekt zuwenden würde.
Es war zwar mit noch mehr Stress verbunden, aber es war auch eine große Ehre für mich, von Pierre für den nationalen Wettbewerb ausgewählt worden zu sein. Es bedeutete, dass er in mich und meine Fähigkeiten vertraute, und das war der größte Lohn für die letzten Jahre Aufopferung. Auch wenn sich mir beim Gedanken an die damit verbundene Publicity der Magen umdrehte.
»Wir sind gestern endlich mit dem letzten Rezept fertig geworden«, sagte ich. Und das in letzter Minute. Um Mitternacht war die Frist zur Meldung der geplanten Süßspeisen abgelaufen.
»Sag bloß, Pierre ist zufrieden.«
Ich schnaubte. »So zufrieden, wie Pierre eben sein kann.«
»Diese Mentalität ist wirklich ungesund.«
»Das kannst du laut sagen. Es würde mich nicht wundern, wenn ich ihn irgendwann morgens in der Küche liegend finde, verstorben an einem Herzinfarkt wegen Überarbeitung, aber mit seinem letzten grandiosen Rezept zwischen den eiskalten Fingern.«
Jolene machte einen angeekelten Laut. »Makaber, aber zutreffend.«
Ich hörte Blätter rascheln und stellte mir vor, wie sie gerade in ihrem Wohnzimmer über ihrem neuesten Entwurf für eine luxuriöse Hochzeitstorte brütete. Das Battersweet Symphony war auf das Catering von Hochzeiten spezialisiert und Jolene war unglaublich begabt darin, die individuellen Wünsche ihrer Kunden umzusetzen und den ein oder anderen Bräutigam damit zu Tränen zu rühren. Nur sie schaffte es, das quietschpinke Motto der Braut erwachsen wirken zu lassen oder geschmackvoll mit dem Zombie-Apokalypse-Szenario des Bräutigams zu verbinden. Was mich anging, war ich froh, wenn ich in meiner Sterneküche hinter den Kulissen arbeiten konnte. Ich wollte keinen direkten Kontakt mit den Gästen. Die meisten davon waren reiche Schnösel, die ein gutes Gericht selbst dann noch nicht zu würdigen wussten, wenn es sie in den Arsch biss. Meine Familie hätte genau in dieses Klientel hineingepasst.
»Wenn er sich schon selbst keine Pause gönnt, darf heute wenigstens ich die Früchte unserer Arbeit ernten. Halt dich fest, ich darf eine ganze Stunde später anfangen.«
Jolene stieß ein kurzes Jubeln aus, aber ich hörte die Ironie in ihrer Stimme. »Du hättest schon längst einen komplett freien Tag verdient. Eine freie Woche. Oder einen Monat.«
Bevor sie mir noch ein ganzes Jahr vorschlagen konnte, schritt ich ein. »Was soll ich denn mit so viel Zeit anfangen?«
»Workaholic«, murmelte sie so leise, dass ich mir sicher war, dass sie mit Grayson sprach und nicht mit mir. »Du könntest mich besuchen. Mit nur einer freien Stunde funktioniert das nicht einmal mit Dwights Privatjet.« Ich war mir nicht sicher, aber glaubte, dass Dwight einer der Spieler der Tigers war. »Pierre kann dich doch sicher für eine Woche entbehren.«
Beim Gedanken daran, ihn nach so viel freier Zeit am Stück zu fragen, brach ich fast in hysterisches Gelächter aus.
»Eine Stunde ist besser als nichts«, sagte ich.
Jolene seufzte und ich wappnete mich innerlich für eine Standpauke. »Süße, glaub mir, wenn ich dir sage, dass ich jetzt weiß, dass es keine Dauerlösung ist, sich immer nur in die Arbeit zu stürzen. Du brauchst mal eine Pause.«
»Hab ich doch heute. Ganze sechzig Minuten.«
»Ich will ja nicht, dass du deinen Traumberuf aufgibst. Aber vielleicht findest du einen Arbeitgeber, der realisiert, dass seine Angestellten menschliche Wesen und keine Roboter sind.«
»Ob es Pierre überhaupt auffallen würde, wenn ich morgen als C3PO erscheine?« Mein Versuch, die Situation mit Humor zu entspannen, scheiterte.
»Oder du eröffnest einfach deinen eigenen Laden. Gott weiß, dass du die nötige Arbeitsmoral, das Talent und das Geld dazu hast.«
Das Lächeln auf meinen Lippen erstarb und ich lief noch etwas schneller. »Das steht nicht zur Debatte.« Mit dem Geld, das auf meinem Konto verstaubte, hätte ich sogar nach meinen regelmäßigen Spenden für diverse Stipendien ein eigenes Penthouse direkt am Central Park kaufen können, um dann immer noch genug für meinen eigenen Laden übrig zu haben. Aber dieses Geld würde ich nicht anrühren. Das hatte ich noch nie. Das Konto war von meinen Großeltern für mich angelegt worden, als ich sechs Jahre alt war. Die Brooks-Version von Schmerzensgeld, wie ich vermutete. Ich verabscheute alles und jeden, der mit diesem Geld in Verbindung stand.
Jolene schwieg für einige Sekunden. »Okay.«
Adieu, gute Stimmung.
Ich brauchte einen Themenwechsel, und zwar schnell. Was eignete sich besser dafür als heiße Typen? »Hast du die neue Serie mit Henry Cavill schon gesehen?«
»Branden mag zwar ein Heimkino haben, aber zu einem Serienjunkie wie dich hat er mich damit definitiv nicht gemacht.«
»Ich dachte, Henry Cavill ist deine Ausnahme.«
»Das war vor Branden.«
Ihre Stimme klang so verträumt, dass ich mich in den Arm kniff, um zu überprüfen, ob ich gerade in einem Albtraum steckte. Jolene und Branden waren allein übers Telefon so süß, man wollte Karies davon bekommen.
»Sexy Schnittchen«, krächzte Grayson, und die Stimmung war gerettet, als Jolene und ich beide lachten, bis mir die Seiten wehtaten und ich stehenbleiben musste.
»Meint er damit Branden oder Henry Cavill?«, fragte ich.
»Wenn man bedenkt, dass er ansonsten auch völlig verknallt in Branden ist, tippe ich auf ihn.«
Ich seufzte. »Wieder keine Unterstützung, aber gut, dann bleibt mehr Henry Cavill für mich.«
»Du hast Henry Cavill bei deiner Schar an Verehrern doch gar nicht nötig.«
Ich rollte wegen Jolenes maßloser Übertreibung mit den Augen. Es stimmte zwar, dass ich nie allzu lange brauchte, um ein williges Opfer für einen One-Night-Stand zu finden, das mich für eine Weile vom Stress in der Küche therapierte, aber es war nicht gerade so, dass die Männer vor meiner Tür Schlange standen oder mir ewig hinterhertrauerten. Dazu gab ich ihnen ohnehin keine Gelegenheit. Keine getauschten Nummern, ich verwendete nie meinen richtigen Namen, und zu mir nach Hause kamen sie auch nicht.
»Nimm das sofort zurück. Für Henry würde ich jeden von ihnen in den Wind schießen.« Sogar James, unseren Sous Chef, der die einzige Ausnahme in meinem strengen Regelwerk für One-Night-Stands war. Obwohl das, was James und ich hatten, nicht wirklich in die Kategorie One-Night-Stand eingeordnet werden konnte. Das zwischen uns ging jetzt schon fast einen Monat, aber Jolene wusste nichts davon. Ich fand, dass es auch nicht sonderlich erwähnenswert war, da es immer noch etwas Unverbindliches war. James und ich waren beide dauergestresst, besonders, seit Pierre sich in den Kopf gesetzt hatte, beim World Pastry Cup teilnehmen zu wollen und James noch öfter als sonst die Leitung in der Küche übernehmen musste. Wir fanden uns gegenseitig ausreichend attraktiv, um etwas Dampf abzulassen, und da wir uns auf der Arbeit fast jeden Tag sahen, war es einfach, etwas miteinander anzufangen. In letzter Zeit war er nach der Arbeit ab und zu mit zu mir gekommen und ich musste zugeben, dass ich es sehr genoss, ihn stets in greifbarer Nähe zu wissen. Somit musste ich nicht Zeit verschwenden, um mich aufzuhübschen und in einen Club oder eine Bar zu gehen.
»Vermag Henry dein Gemüt in Aufruhr zu versetzen?«, näselte Jolene mit einem gespielten britischen Akzent.
Ich lachte. »Ich versetze bei dir gleich was in Aufruhr.«
»Das ist mein Zeichen aufzulegen. Ich muss jetzt sowieso nach unten und loslegen.«
Jolene wohnte in einer kleinen Wohnung über ihrer Konditorei, worum ich sie manchmal beneidete. Ich hätte viel gegeben, um nicht auch noch jeden Tag eine halbe Stunde zur Arbeit pendeln zu müssen. Aber nicht so viel, dass ich das Geld auf meinem Konto angerührt und mir eine Wohnung direkt neben dem La Boustifaille gekauft hätte.
Wir wünschten uns gegenseitig einen erfolgreichen Tag und verabschiedeten uns, bevor ich den Heimweg antrat. Minütlich erwachte New York mehr zum Leben und wurde langsam zur brummenden Stadt, die ich kannte und liebte, bis ich sie für kurze Zeit aussperrte, um mich für die Arbeit fertig zu machen.
Als ich in der Küche des La Boustifaille ankam, nahm ich mir einen Moment Zeit, in dem ich meine Kochjacke zuknöpfte und meine unzähmbaren dunklen Locken hochband, und atmete tief den Duft von köstlichen Zutaten ein. Die Vorbereitungen für den Mittagstisch waren schon in vollem Gange und ich unterdrückte das schlechte Gewissen, weil ich meine Abteilung sich allein überlassen hatte. Ich hatte mir diese freie Stunde verdient. Pierre hatte mich freigestellt, und es würde noch Stunden dauern, bis das erste Dessert die Küche verließ. Selbst wenn irgendetwas schiefgelaufen wäre, war noch genug Zeit, es wieder auszubügeln. Aber mit James, der Befehle durch das geschäftige Treiben rief, war die Wahrscheinlichkeit von Missgeschicken sehr gering.
Er fing meinen Blick auf und zwinkerte mir zu. Seine blauen Augen funkelten mit unserem gemeinsamen Geheimnis und ich erwiderte sein Lächeln, bevor ich zu meinem Team ging und bei meiner jüngsten Patissière Helen nach dem Rechten sah. Sie temperierte gerade Schokolade und ich lugte auf das Thermometer in der Schüssel über dem Wasserbad.
»Morgen, Willow«, sagte Helen.
»Guten Morgen. Wie läuft es?«
Sie öffnete gerade den Mund, um mir hoffentlich zu bestätigen, dass alles nach Plan lief, als sie wegen des gellenden Schreis aus dem Büro, das direkt an die Küche angrenzte, zusammenzuckte. Emotionale Ausbrüche waren bei Pierre keine Seltenheit, aber solche Extremformen nahmen sie nur in außergewöhnlichen Fällen an, und derjenige, der dafür verantwortlich war, sollte besser anfangen zu beten.
Bis auf das Blubbern der Töpfe wurde es in der Küche gespenstisch still, während alle mit bangen Mienen darauf warteten, dass Pierre aus seinem Büro gestürmt kam. Das nervöse Scharren von Füßen wurde immer lauter. Von Pierre zusammengestaucht zu werden, war auch für alle Umstehenden immer unangenehm, weshalb ich tief durchatmete, um mich zu wappnen, auch wenn ich mir sicher war, dass ich kaum die Schuld an Pierres mieser Laune haben konnte. Schließlich hatte ich die Küche gerade erst betreten.
»Willow!«, brüllte Pierre durch die geschlossene Tür. Mein Herz setzte einen Schlag aus, bevor sich mein Puls beschleunigte, während ich die mitleidigen Mienen der Umstehenden zu ignorieren versuchte. Ich sah zu James, der die Arme vor der breiten Brust verschränkt hatte und offensichtlich versuchte, nur durch die Wut in seinen Augen Pierres Tür zum Schmelzen zu bringen. Ich hörte das kollektive Aufatmen meiner Kollegen, die sich wieder ihrer Arbeit zuwandten, während ich meine Nervosität hinunterschluckte und mit bestimmten Schritten auf Pierres Tür zuging. Ich hatte mir noch nie etwas zuschulden kommen lassen. Was auch immer ich Pierres Meinung nach verbrochen hatte, sollte keine größeren Konsequenzen nach sich ziehen.
Ich klopfte ein Mal gegen die Tür, bevor ich eintrat und sie hinter mir schloss. Das Büro war praktisch eine aufgemotzte Besenkammer, aber viel mehr Raum war nach der erneuten Erweiterung des Speisesaals nicht mehr übrig geblieben. Es war gerade noch Platz für einen Schreibtisch und einen Safe, in dem Pierre seine neuen Rezepte aufbewahrte und für den nur er den Schlüssel hatte. Nur für die Dauer unserer Zusammenarbeit an den Rezepten für die Qualifikation am World Pastry Cup hatte ich ebenfalls einen Schlüssel erhalten, den ich wie meinen Augapfel hütete.
Pierre stand wutschnaubend hinter seinem Schreibtisch, die Hände in die Hüften gestützt. Sein Körperbau mochte durch das schlaksige Gesamtbild wenig einschüchternd wirken, aber das machte er durch seine Persönlichkeit wieder wett. Gordon Ramsay war eine Lachnummer gegen Pierre. Trotz meines galoppierenden Herzens reckte ich das Kinn und sah ihm fest in die Augen. Ich war mir sicher, dass er Stresshormone riechen konnte, aber das war noch lange kein Grund, ihm auch visuelle Hinweise über meine Gefühlswelt zu geben.
»Du wolltest mich sehen?«
Pierre umklammerte die Rückenlehne seines Bürostuhls, bis seine Fingerknöchel weiß wurden. Verdammt, hatte ich gestern irgendetwas stehen lassen? Vergessen, etwas vorzubereiten, damit Helen die erste Stunde auch ohne mich klarkam?
»Welche Gerichte hatten wir noch mal für die Qualifikation vorbereitet?« Sein französischer Akzent schlug mehr durch als sonst, was nie ein gutes Zeichen war.
Ich runzelte die Stirn. Pierre war eine Maschine, was seine Rezepte anging. Kaum hatte er sie notiert und gekocht, wusste er sie auswendig. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht und mir wurde unerträglich heiß unter seinem bohrenden Blick.
»Die Mousse-Pralinen mit Himbeercreme, die Haselnuss-Daquoise mit Schokoladenglasur und die Champagnertörtchen mit Erdbeerspiegel.«
»Und wer hat diese Rezepte erstellt?«
Ich schüttelte langsam den Kopf, weil ich absolut keine Ahnung hatte, worauf er hinauswollte. Sollte ich vielleicht James informieren und darüber nachdenken, Pierre einen Krankenwagen zu rufen? War plötzlicher Gedächtnisverlust vielleicht ein Hinweis auf eine gefährliche Krankheit?
»Du und ich.«
»Niemand sonst?«
»Nein.«
»Und die Rezepte unterlagen strenger Geheimhaltung, non? Niemand außer uns beiden hatte Zugang dazu?«
»Richtig.«
Pierre kramte auf seinem Schreibtisch herum, zog einen Zettel aus dem Wust und betrachtete ihn für einige Sekunden, bevor er ihn mir hinhielt. »Dann frage ich mich, warum unser größter Konkurrent in New York genau dieselben Gerichte gemeldet hat.«
Bevor ich diese Information auch nur verarbeiten oder wenigstens nach dem Zettel greifen konnte, hatte Pierre ihn mir schon entgegengeschleudert und er flatterte zu Boden. Ich musste ihn nicht einmal aufheben, um die rot markierten Stellen zu entziffern. Das Team aus dem Squisito auf der anderen Seite des Central Parks war direkt neben unserem aufgelistet und die Gerichte stimmten exakt überein.
Für einige Sekunden starrte ich das Papier nur an. Was zum Teufel?
Diese schmierigen Arschlöcher.
Ich konnte mir absolut keinen Reim darauf machen. Ich kannte niemanden aus dem Squisito und hatte außerhalb unserer Vorbereitungen für den Wettbewerb nicht über die Rezepte gesprochen. Pierre jetzt Vorwürfe zu machen, würde auch zu nichts führen. Einer von uns beiden musste einen kühlen Kopf bewahren. Also verdrängte ich meine Fragen und dachte lieber über Lösungen nach.
»Wir sollten beim Veranstalter des Wettbewerbs anrufen und einen Betrugsversuch melden. Das können wir dem Squisito nicht durchgehen lassen.«
Pierre lachte freudlos auf. »Als hätte ich das nicht schon versucht. Das Squisito behauptet natürlich dasselbe.«
»Dann brauchen wir Beweise, dass wir die Rezepte früher hatten.«
»Das dürfte bei handgeschriebenen Rezepten einigermaßen schwierig werden.«
Ich verkniff mir einen Kommentar darüber, dass daran nur Pierre und seine Paranoia wegen eines potenziellen Hackerangriffs auf seine preisgekrönten Rezepte schuld waren.
»Das ganze Team hat mitbekommen, dass wir uns für diese Rezepte abgerackert haben. Sie könnten für uns bürgen.«
»So wie das Team aus dem Squisito für seinen Chefkoch bürgen würde.« Da war ich mir gar nicht so sicher. Ein frisch gewetztes Küchenmesser und Pierre in diesem Ausnahmezustand würden bei einem der jüngeren Köche sicherlich Wunder wirken. Aber bevor ich diese Möglichkeit vorschlagen konnte, sprach Pierre weiter. »Das ist eine absolute Katastrophe. Ich dachte, ich könnte dir vertrauen.«
Mir klappte die Kinnlade nach unten und ich hoffte, mich verhört zu haben. Das konnte doch nicht sein Ernst sein. »Natürlich kannst du mir vertrauen. Ich war es nicht!«
»Ach ja? Ich kann mir zu hundert Prozent sicher sein, dass ich es nicht war. Also bleibst nur du die einzige Schwachstelle.«
Die Panik und das Entsetzen über den Diebstahl der Rezepte wich langsam aber sicher der Wut. Pierre hatte sich anscheinend schon seine Meinung gebildet, ohne überhaupt vernünftig mit mir gesprochen zu haben.
Es musste irgendeine Erklärung geben, die ich gerade nicht sah. Ich hätte jeden Eid geschworen – wenn Pierre mir dann nur glauben würde –, dass ich niemandem etwas verraten hatte. Verdammt, ich hatte jeden Tag mindestens zweimal überprüft, ob der Schlüssel für den Safe noch dort war, wo er sein sollte. Auch jetzt steckte er sicher in der Tasche meiner Kochjacke. Es hatten überhaupt nur eine Handvoll Leute gewusst, dass ich den Ersatzschlüssel besaß.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich kann mir nicht erklären, wie die Rezepte in fremde Hände gelangt sind, aber ich trage daran keine Schuld.«
Pierre schnalzte mit der Zunge. »Wenn ich dir das nur glauben könnte. Du bist gefeuert.«
Jeder Gedanke in meinem Kopf kam zu einem plötzlichen bremsenquietschenden Halt, während sein letztes Wort wie ein grausames Echo in meinem Kopf hallte.
Gefeuert. Gefeuert. Gefeuert?
»Pierre, das kann nicht dein Ernst sein. Ich arbeite seit Jahren hier und habe dir nie einen Grund gegeben, an mir zu zweifeln.«
Mehr noch, ich hatte mich die letzten Jahre abgerackert, um seinen hohen Ansprüchen gerecht zu werden, während andere schon längst das Handtuch geworfen hatten. Ich hatte meine gesamte Freizeit geopfert, um zu sein, wo ich jetzt war. Ich hatte den nötigen Biss gehabt, hatte mich bis zum Chef de Partie gearbeitet, und die Nachspeisen des Restaurants wurden in den höchsten Tönen gelobt. Das war meiner Arbeit zu verdanken. Meiner Leidenschaft, meinem eisernen Willen. Ich hatte alles gegeben für dieses Restaurant. Und jetzt warf Pierre mich einfach so raus?
»Du kannst deine Jacke und deinen Schlüssel bei James abgeben. Stacy wird deine Position übernehmen.«
Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Ich bitte dich, Stacy ist wahnsinnig gut, aber sie hat weder meine Ausbildung noch meine Erfahrung.«
»Sie hat auch nicht deine hinterlistige Art.«
Ich schnappte nach Luft, während das empörte Feuer in meiner Brust immer heißer brannte. Nach all den Jahren verdiente ich nicht einmal ein vernünftiges Gespräch? Einen Vertrauensvorschuss, bis die Sache bewiesen war? Vor meinem geistigen Auge zogen die Zeiten seit meiner abgeschlossenen Ausbildung vorbei. Jede beinahe schlaflose Nacht, weil ein Rezept noch nicht perfekt war. Jede harte Kritik. Jede emotionale Achterbahnfahrt, wenn Pierre wieder das fast Unmögliche von uns forderte. Jedes verpasste Treffen mit Jolene. Ich war siebenundzwanzig und stand kurz vor dem Burnout. Wie bescheuert war ich eigentlich, mich die ganzen Jahre so ausbeuten zu lassen? Warum hatte ich für diesen Idioten vor mir mein gesamtes Leben geopfert?
Weil es dein absoluter Traumjob ist.
War.
Ohne ein weiteres Wort an ihn zu verschwenden, machte ich auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Büro. Die Emotionen in mir drohten überzukochen, aber wütende Tränen würde ich dieser Küche nicht gönnen. Sie hatte schon zu viele davon gesehen. Wenn ein Gericht nicht so geworden war, wie ich es wollte. Wenn Pierre nach Perfektion verlangte und ich nicht abgeliefert hatte.
Das würde sofort aufhören. Ich reckte das Kinn und stapfte zu James, der fragend den Kopf schieflegte.
»Du kannst eine Stelle für eine neue Patissière ausschreiben«, sagte ich, während ich meine Jacke aufknöpfte. Meine Finger zitterten vor unterdrückter Wut. Das Logo des Restaurants schien mich zu verhöhnen. Jahrelang hatte ich es geliebt, hatte mit den Fingerspitzen sanft darübergestrichen, wann immer ich kurz vor dem Aufgeben gewesen war. Jetzt wollte ich es am liebsten mit meinem schärfsten Küchenmesser in Fetzen schlitzen.
James runzelte die Stirn, packte mich am Ellenbogen und zog mich in den Gang zwischen dem Restaurant und der Küche, wo es ruhiger war, da die Gäste für das Mittagsmenü erst in etwa zwei Stunden ankommen würden.
»Was ist passiert?«, fragte er und legte seine Hand an meine Wange. Und zum ersten Mal ließ ich es zu. Ich war aufgewühlt und James’ Berührung holte mich auf den Boden der Tatsachen. Sie gab mir eine Verbindung zur Realität. Die Erinnerung daran, dass es keine Option war, das verdammte Restaurant in Brand zu stecken, auch wenn ich es gerade noch so sehr wollte.
Ich raufte mir die Haare und stieß die Luft aus. »Ich habe keine Ahnung. Irgendwie sind die Rezepte für den Qualifikationswettbewerb bei der Konkurrenz gelandet und Pierre beschuldigt mich.«
»Zieht er seine Teilnahme zurück?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Was weiß ich. Er hat mich hochkant rausgeworfen und ich bin sicher nicht geblieben, um mich nach seinen Plänen zu erkundigen.«
»Wie hat er reagiert, als er es herausgefunden hat?«
Ich warf aufgebracht die Arme hoch. Wenn ich nicht bald hier wegkam, konnte ich für nichts mehr garantieren.
»Du hast doch mitbekommen, wie er durch die Küche nach mir gebrüllt hat. In seinem Büro war es nicht besser. Nur Vorwürfe, aber keine Bereitschaft für ein normales Gespräch.«
»Das war zu erwarten. Wenn ich erst das Sagen habe, wird es solche emotionalen Ausbrüche nicht mehr geben.«
Wenn James das Sagen hatte? Seine überzeugte Aussage riss mich für einen Moment aus meiner Wut. Pierre würde seinen heißgeliebten Familienbetrieb niemals freiwillig aufgeben, das musste James doch klar sein.
»Pierre hätte niemals Chef des Restaurants werden dürfen«, fuhr er fort. »Das, was er jeden Tag tut, kann man sowieso kaum eine Chefposition nennen. Tagelang sperrt er sich in seinem Büro ein, um ein Rezept zu perfektionieren, das unsere Gäste schon längst perfekt finden. Jeder Zeitungsartikel lobt ihn und seine Verdienste für das La Boustifaille in den Himmel, während wir doch alle wissen, dass ich es bin, der diesen Laden am Laufen hält. Ohne mich wäre schon längst alles vor die Hunde gegangen. Ich verdiene endlich meinen Anteil an der Anerkennung.«
Ich runzelte die Stirn, weil ich von diesen völlig neuen Tönen aus James’ Mund so verwirrt war. Sicher hatten wir uns ab und an während des Small Talks kurz vor oder nach unserem Fick über die Arbeit und Pierre unterhalten. Unser Chef hatte nun mal einen schwierigen Charakter, und manchmal war es gut, sich mit jemandem darüber zu unterhalten, der das auch am eigenen Leib zu spüren bekam. Aber das, was James da gerade von sich gab, klang mehr nach einem Aufstand.
»Willst du Pierre etwa sabotieren?«
James lachte humorlos auf und der Klang jagte mir einen Schauer über den Rücken. Den von der unguten Sorte. Es klang kalt und leer, ganz anders als sonst. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er im nächsten Moment seinen Zauberstab gezückt und mir eröffnet hätte, er sei Lord Voldemort und habe seine Seele gespalten. »Süße, das habe ich doch schon längst.«
Ein arrogantes Lächeln blitzte in James’ Gesicht auf und ich wich unwillkürlich einen Schritt vor ihm zurück, auch wenn ich mich danach selbst dafür in den Hintern treten wollte, weil ich ihm diese kleine Schwäche zeigte. James war bisher ein wundervoller Chef und ein guter Liebhaber gewesen. In einem anderen Leben hätte ich vielleicht in Betracht gezogen, es mit ihm ernst werden zu lassen. Diesen James vor mir erkannte ich nicht wieder. Ich war kurz davor, in Pierres Büro zurückzugehen und ihn zu warnen, dass er offenbar einen Mann mit gespaltener Persönlichkeit als Sous Chef eingestellt hatte. Zwar war es mir nach dieser unschönen Situation gerade ziemlich schnuppe, was mit meinem Chef – oder vielmehr Ex-Chef – passierte, aber ich musste auch an das Personal denken. Wenn James davon sprach, Pierre sabotieren zu wollen, würde er sicher auch nicht vor dem Rest der Köche zurückschrecken.
Was meinte er überhaupt damit, er hätte Pierre schon längst sabotiert?
Mich überkam eine schreckliche Vorahnung, bei der mir fast übel wurde. Warum sonst hätte mich James gerade nur nach Pierres Reaktion gefragt und keinen Gedanken daran verschwendet, wie es mir mit der Entlassung ging und was mein Plan war? Warum sonst hätte James gesagt, dass Pierres Reaktion zu erwarten gewesen war? Man konnte nur etwas erwarten, wenn man das auslösende Ereignis kannte. Und das auslösende Ereignis waren der Diebstahl und die Weitergabe der Rezepte gewesen.
Ich sog scharf die Luft ein. »Du hast die Rezepte ans Squisito verscherbelt?«
James zuckte gelassen mit den Schultern und lehnte sich gegen die Wand. Er wirkte völlig unbekümmert, während ich gerade vor einem Scherbenhaufen aus falschen Entscheidungen stand und kein Glaskleber der Welt mir dabei helfen könnte, das wieder zu reparieren.
»Du hast es mir ziemlich leicht gemacht. Jeder im Restaurant weiß, dass du einen hohen Männerverschleiß hast. Ich musste dich nur ein bisschen anbaggern, dein Vertrauen gewinnen, und schon hast du dich darauf eingelassen. Den Schlüssel für den Safe unbemerkt während deines mittelmäßigen Blowjobs im Kühlraum zu entwenden, war beinahe schon ein Kinderspiel. Ich musste dich nur noch lange genug ablenken, damit meine Frau in der Zwischenzeit eine Kopie davon anfertigen lassen konnte.«
»Deine bitte was?«
James zog eine Braue nach oben und zog einen golden funkelnden Ring aus der Tasche seiner Kochjacke. Jetzt war mir wirklich schlecht. Ich fühlte mich widerlich. Benutzt.
Weggeworfen.
»Schau nicht so entsetzt, du warst ein nötiges Bauernopfer in meinem Schachzug. Es ist sowieso besser, wenn du jetzt nicht mehr hier arbeitest. Pierre endgültig zu verdrängen, wird noch mehr Zeit brauchen, und du warst die Einzige, die überhaupt noch hinter ihm stand. Für jemanden, der Romantik so verachtet, hängst du wirklich sehr an diesem Restaurant.«
Nicht mehr. Ich war hier fertig. Ich ertrug keine weitere Sekunde mehr. Der Morgen hatte so gut begonnen und war innerhalb von einer halben Stunde zum absoluten Desaster geworden. Die Titanic war nichts gegen diesen Morgen.
Die Wut, die unglaubliche Enttäuschung, meine Frustration und Verzweiflung stauten sich in mir an und wurden zu groß für meinen Körper. All die Emotionen entluden sich in einer saftigen Ohrfeige in James’ hübsches Gesicht. Das Klatschen hallte im Gang wider und ich nahm zufrieden James’ überraschten Laut wahr.
Das hatte sich besser angefühlt, als ich zugeben wollte. Bevor ich noch etwas Unüberlegtes tun konnte und jedes frisch gewetzte Messer in meinem Messerblock nach James und seinem betrügerischen Lächeln warf, machte ich auf dem Absatz kehrt. Mit zitternden Händen streifte ich mir die Kochjacke ab und legte sie mitsamt meinen Schlüsseln auf der Anrichte ab.
»Willow?« Helen klang ernsthaft besorgt. Nur für sie setzte ich ein Lächeln auf, was mich unglaubliche Anstrengung kostete, und drückte ihre Hand.
»Süße, du hast unglaubliches Talent. Stacy wird jetzt für mich übernehmen und es wird sich einiges ändern. Lass dich nicht unterkriegen. Kopf hoch, Ärmel sauber.«
Ich ließ ihr keine Zeit mehr, etwas zu erwidern. Ich wollte einfach nur hier raus und dieses furchtbare Restaurant und alle Erinnerungen daran ein für alle Mal hinter mir lassen. Besser, ich buchte mir gleich den nächsten Termin für eine Lobotomie.
Im Hinterhof angekommen, atmete ich tief durch, um dem Drang, in hysterisches Lachen auszubrechen, nicht doch noch nachzukommen. Was für ein Morgen. Arbeitslos, vom Liebhaber hintergangen, ohne Freunde.
New York, du bist ein Arschloch.
Ich hörte die Küchentür hinter mir und verschwand schnell aus dem Hinterhof und auf den dicht bevölkerten Bürgersteig. Unter keinen Umständen wollte ich jemandem erklären, was da drinnen gerade passiert war. Ich war noch keine fünf Schritte von diesem vermaledeiten Restaurant weggegangen, da zog ich mein Handy aus meiner Hosentasche. Es gab nur einen Menschen auf der Welt, mit dem ich jetzt sprechen wollte.
Den ich sehen wollte.
Ich schätzte, dass das alte Geld meiner Familie nun doch entstaubt werden würde.
»Jolene? Ich komme nach Boston.«
Willow
»Oh mein Gott, ich muss dringend flachgelegt werden«, sagte ich mit einem melodramatischen Seufzen und wandte den Blick von den Löffelbiskuits ab, deren untere Hälfte ich gerade in flüssige Schokolade tunkte.
Wenn sogar diese banale Tätigkeit meine Libido auf Touren brachte, war ich entweder in einem Albtraum gefangen oder stark untervögelt. Und wenn man davon ausging, dass ich seit zwei Wochen mein Dasein in Jolenes Konditorei fristete und unter der Woche aushalf, obwohl ich Hochzeitstorten ungefähr so spannend fand wie ein Schneckenrennen in Zeitlupe, traf vielleicht auch beides zu.
»Da könnte ich Abhilfe schaffen«, sagte Sam von der anderen Seite der Küche und zwinkerte mir zu. Er war ein typischer Aufreißer und sah mit seinen blonden Haaren, den blauen Augen und der gebräunten Haut aus wie ein Surfer. Ich war mir sicher, dass er dieses Zwinkern regelmäßig in Clubs und Bars erfolgreich zum Einsatz brachte. Aber nicht bei mir. Ich hatte meine Lektion gelernt, was Affären am Arbeitsplatz anging. Auch wenn ich hoffte, dass ich nicht auf Dauer im Battersweet Symphony Bräute glücklich machen musste. Ich hatte mich bisher geweigert, eine Hochzeitstorte zur Location zu liefern. Jolene hatte gewusst, dass ich beim Anblick von Blumenarrangements, Platzkärtchen und Herzchen wahrscheinlich auf die perfekt dekorierte Torte gekotzt hätte. Die Lieferungen hatten also immer Jolene und Sam übernommen, während ich die Küche aufgeräumt hatte. Ab und zu schaute ich draußen bei Mila vorbei, die das angrenzende Café bediente, oder lenkte Jolenes Buchhalterin Julia von der Arbeit ab. Aushilfe in Jolenes Konditorei zu sein, brachte mich auf andere Gedanken, auch wenn meine beste Freundin darauf bestand, dass ich nur bis Mittag in der Konditorei arbeitete.
Mein überarbeitetes Hirn hatte schon innerhalb der ersten beiden Tage ohne eine Aufgabe in Boston das Handtuch geschmissen. Jolene hatte nach diesem Arbeitstag völlig entsetzt festgestellt, dass sich Graysons Wortschatz innerhalb weniger Stunden um zehn Schimpfwörter erweitert hatte. Nur mit Wichser hatte er noch einige Schwierigkeiten. Nach diesem Tag hatte sie wenigstens zugestimmt, mich ein paar Stunden in ihrem Laden arbeiten zu lassen.
»Süßer, ich bin eine Nummer zu groß für dich«, erwiderte ich, und Jolenes Lachen klang durch die Küche. Der Laut löste eine wohlige Wärme in meinem Bauch aus. Sie wirkte entspannt und völlig in ihrem Element. Sie war glücklich hier.
Und sie war ein weitaus besserer Chef als Pierre. Diese Neckereien über die Tresen und die arbeitenden Maschinen hinweg hatte es im La Boustifaille nie gegeben. Aber an dieses verfluchte Restaurant wollte ich nicht mehr denken.
»Das wissen wir nicht, bis wir es ausprobiert haben«, sagte Sam.
»Hast du nicht sowieso gesagt, dass du die Schnauze voll von Männern hast, als du in Boston angekommen bist?«, fragte Jolene.
Ich nickte und legte die Biskuits auf einem Backblech ab, damit die Schokolade trocknen konnte. »Habe ich ja auch. Die Nachricht scheint aber bei meinem Uterus noch nicht angekommen zu sein.«
»Ich könnte dir bestimmt das Megafon besorgen, das mir die Techniker aus dem Stadion für diese Aktion letztes Jahr gegeben haben. Dann könntest du die Nachricht direkt in deine Eierstöcke brüllen.«
Mit dieser Aktion meinte Jolene ihre Entschuldigung an Branden vor zwanzigtausend Menschen im Wing Stadium, welche nur Minuten später bei YouTube gelandet und millionenfach geklickt worden war. Dieses Schicksal wollte ich mir und meinem Uterus eindeutig ersparen.
»Bist du sicher, dass mein einsamer Hintern, ein Megafon und Grayson zusammen in deiner winzigen Wohnung eine gute Kombination ist?«
Jolene erschauderte sichtlich. »Okay, ich habe es mir gerade anders überlegt. Aber irgendetwas musst du tun, bevor du dich noch an meiner Küchenmaschine reibst.«
Die Option war da und Jolenes Küchenmaschine war das neueste Modell in glänzendem Rot, aber das ging mir dann doch zu weit. »So schlimm ist es auch wieder nicht.«
»Das mag sein, aber Fakt ist, dass du aufhören musst, dich in meiner Konditorei und in deinem Hotelzimmer zu verstecken und zu schmollen.«
»Ich schmolle nicht, ich hasse die Welt.« Vielleicht ein wenig melodramatisch, aber ich fand, dass man in meiner Situation ruhig zwei Wochen die Welt verachten durfte. Doch Jolene hatte recht. Mich bei ihr zu verkriechen, würde weder meiner Libido noch meiner Selbstachtung auf die Sprünge helfen. Ich war seit zwei Wochen hier und hatte jeden Nachmittag und Abend frei, aber anstatt die Stadt zu erkunden, Restaurants zu testen und Clubs zu besuchen, lag ich in meinem Hotelzimmer im Bett und las oder schaute Filme.
Ich konnte nicht gerade behaupten, dass ich stolz darauf war, in Boston genau zwei Freunde zu haben, und einer davon war auch noch geflügelt. Ich wollte keine Wiederholung von New York. Boston sollte ein Neuanfang sein.
Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen.
»Schön, was schlägst du vor?«
Jolene lächelte geheimnisvoll und zwinkerte mir zu. »Eine Überraschung. Ich hole dich um sieben an deinem Hotel ab. Zieh etwas Heißes an.«
Glücklicherweise hatte ich vor zwei Wochen beim Packen eine Eingebung gehabt und ein einziges Kleid in meinen Koffer geworfen, das in die Kategorie heiß fiel. Es war die vergangenen Jahre in New York immer mehr in meinem Kleiderschrank verstaubt, weil ich einfach nie eine Gelegenheit gehabt hatte, es zu tragen. Ich hatte mich in das schwarze, enge Cocktailkleid mit Cut-Outs an den Seiten verliebt, als ich es im Schaufenster einer kleinen Boutique gesehen hatte. Es musste einfach mir gehören, es hatte kein Weg daran vorbeigeführt.
Dazu hatte ich meine Augen mit Eyeliner und Lidschatten in Szene gesetzt. Ich mochte meine Augen. Die Farbe lag irgendwo zwischen Honig und Bernstein und war ganz anders als die meiner Eltern.
Jolene pfiff leise durch die Zähne, als sie mich in ihrem grünen Cocktailkleid, das ihre Augen betonte, vor dem Four Seasons abholte. Es war Juli und warm genug, dass wir keine Jacken tragen mussten. Um genau zu sein, fing ich allein schon beim Gedanken an eine Jacke zu schwitzen an. Jolene warf sich die roten Haare über die Schulter und öffnete mir mit einem Lächeln die Tür zum wartenden Uber.
»Verrätst du mir jetzt endlich, wohin es geht?«, fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf. »Das siehst du, wenn wir da sind.«
Es dauerte nur eine Viertelstunde, bis wir an einem riesigen Gebäude ankamen und mit dem Aufzug nach ganz oben fuhren. Der Wolkenkratzer hatte schon von außen luxuriös gewirkt, und als Jolene eine Schlüsselkarte aus ihrer Clutch zog und den Knopf für das Penthouse drückte, bestätigte sich mein Eindruck. Der Aufzug wurde langsamer und ich hörte jetzt schon dröhnende Musik.
»Willkommen bei den Boston Tigers«, sagte Jolene, eine Sekunde bevor sich die Türen öffneten.
Ich hatte einen Club oder eine Bar vermutet, aber was ich sah, war eine große luxuriöse Wohnung, in der sich große muskulöse Männer und schöne Frauen tummelten. Mein Heiße-Kerle-Radar schlug so schnell aus, dass ich in meinen High Heels beinahe umkippte. Die Alarmglocken in meinem Uterus schrillten los und ich biss mir auf die Zungenspitze, damit sie mir nicht einfach aus dem Mund rollte.
Sicher hatte ich gewusst, dass die Basketballer in Boston gut aussehend waren. Auch in New York waren die Erfolge der Mannschaft nicht unbemerkt geblieben, sehr zum Leidwesen der Basketballfans dort. Die Gesichter der Spieler zierten ab und an die Sportmagazine oder tauchten in dem einen oder anderen Werbevideo auf. Wenn mich nicht alles täuschte, war der Kapitän der Mannschaft, Zack Conner, sogar vor einigen Jahren auf der Liste der Sexiest Men Alive gelandet. Natürlich hatte auch Jolene schon oft am Telefon über den geballten Sexappeal der Spieler gesprochen, aber außerhalb meiner verrückten Schichten im Restaurant hatte ich weder Zeit noch den Nerv dazu gehabt, mich mit Männern zu befassen, die ich sowieso niemals live erleben würde.
Bis heute.
Meine Libido führte einen kleinen Freudentanz auf, als ich zahlreiche selbstbewusste Gesichter und athletische Körper wahrnahm. Das tiefe männliche Lachen, das in regelmäßigen Abständen die Musik übertönte, ließ ein Kribbeln in mir aufsteigen.
»Okay, welcher von denen ist Single?«, fragte ich halb im Spaß. Der Entschluss, mich eine Weile lang auf keinen Mann mehr einzulassen, geriet hier gehörig ins Wanken. Aber zwei Wochen waren nicht genug Zeit, um das Drama des letzten Mannes zu vergessen, den ich an mich herangelassen hatte. Diese Männer waren vielleicht für eine kleine, unschuldige Fantasie gut, aber zu mehr würde es nicht kommen.
Jolene lachte auf, nahm meine Hand und zog mich in die Wohnung. »Komm, ich stelle dich erst mal der Clique vor.«
Die berühmtberüchtigte Clique, von der Jolene mir schon so viel erzählt hatte. Sie bestand aus ein paar Spielern und ihren Freundinnen und schien sich in regelmäßigen Abständen zu erweitern. Begonnen hatte es mit Zack, seiner Freundin Zoey, Jolene und Branden, der mich nun in seinem bescheidenen Heim begrüßte. Mittlerweile war die Clique um Nick Parker, der erst vor einigen Monaten nach Boston gewechselt war, und seine Freundin Sara erweitert worden. Sara war die neue Physiotherapeutin der Tigers. Eigentlich gehörten ihr großer Bruder Corbin und seine Freundin Rachel auch dazu, aber seit Corbin nach der gewonnenen Meisterschaft vor drei Wochen seine Profikarriere an den Nagel gehängt hatte, reisten die beiden kreuz und quer durch die Welt und waren heute irgendwo zwischen Portugal und Griechenland, wo Rachel für eine Galerie die schönsten Fotos knipste. Das alles hatte ich schon vor meiner Ankunft in Boston über die Clique gewusst, und als ich jetzt in ihrer Mitte stand und sie mich freudig begrüßten, fühlte ich mich, als würde ich sie schon kennen. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl bei ihnen, und als ich Jolenes glückliches Lächeln erwiderte, drückte sie meine Hand. Ich verstand sie auch ohne Worte. Sie war froh, dass ich hier war.
»Schön, dich endlich mal persönlich zu treffen«, sagte Zoey, die ihren Arm um Zack geschlungen hatte. Die Fotos in Magazinen wurden dem Captain der Boston Tigers nicht gerecht. Nicht einmal die Übertragungen von Spielen der Mannschaft im Fernsehen wurden ihm gerecht, weil sie diese selbstbewusste Aura nicht wiedergeben konnten. Fast beneidete ich Zoey darum, sich ein solches Prachtexemplar an Mann geangelt zu haben, aber das konnte ich über alle Damen in diesem Kreis behaupten. Sie alle hielten irgendeine Form von dauerhaftem Körperkontakt zu ihren Freunden, warfen sich verliebte Blicke zu oder flüsterten sich gegenseitig ins Ohr. Sie waren niedlich.
Würg.
»Gleichfalls. Jolene hat mir schon viel über euch erzählt.«
»Nur die guten Sachen, hoffe ich«, sagte Branden.
Ich zog eine Braue in die Höhe und schmunzelte. »Von deinem Backunfall mit dem demolierten Muffinblech fange ich dann lieber gar nicht erst an.«
Branden stöhnte auf und sah Jolene tadelnd an. »Davon hast du ihr erzählt?« Er wandte sich wieder mir zu. »Seitdem backe ich nur noch unter Aufsicht.«
»Das ist auch besser so«, sagte Jolene und tätschelte Brandens Brust.
»Ja, für ihn und für den Brandschutz in seinem Gebäude«, warf Zack ein.
Branden warf die Arme hoch. »Die Evakuierung war eine reine Vorsichtsmaßnahme.«
»Haltet ihn heute trotzdem zur Vorsicht von einem Backofen fern«, sagte Nick. »Wir wollen doch nicht, dass er die Party versaut.«
»Was ist überhaupt der Anlass?«, fragte ich und hoffte inständig, dass ich nicht unfreiwillig eine Geburtstagsfeier oder Verlobung gecrasht hatte.
»Das Ende der Tyrannei«, antwortete Branden und stieß mit den anderen Jungs an.
»Auf unser Überleben«, erwiderte Zack, bevor er einen Schluck seines Drinks nahm.
Zoey rollte mit den Augen. »Ihr seid so melodramatisch.« Ich musste genauso planlos ausgesehen haben, wie ich mich fühlte, denn sie wandte sich an mich. »Sie feiern das Ende der Saison. Zum dritten Mal.«
Schön, dreimal ein und denselben Anlass zu feiern, erschien mir zwar ein wenig übertrieben, aber ich konnte mir vorstellen, dass die letzten Monate für die Mannschaft verdammt anstrengend gewesen waren. Ich konnte selbst ein Lied davon singen, wie furchtbar es war, ohne Pause durchzuarbeiten und abliefern zu müssen. Und selbst dann hatte ich noch den Vorteil, dass meine Fehler nicht auf internationaler Ebene im Fernsehen übertragen wurden. Den Abfall dieses Stresses würde ich an ihrer Stelle auch so oft feiern, wie es ging, bis die neue Saison startete.
»Nach so einer grandiosen Saison sollten wir ihnen das gönnen«, sagte ich und prostete ihnen zu.
»Hört auf die Lady«, erwiderte Nick und schenkte mir ein Lächeln, bei dem ich verstand, warum Sara sich so besitzergreifend an seine Seite schmiegte. Ein Lächeln wie seines hätte ich auch nicht unbeaufsichtigt aus meinem Bett gelassen.
»Nein, wir hören nicht auf die Lady, weil die Lady nicht alle Informationen hat«, widersprach Zoey.
»Kratzbürste«, sagte Zack leise und drückte Zoey einen Kuss auf die Schläfe.
»Welche Informationen fehlen mir denn?«, fragte ich.
»Eigentlich feiern die Jungs nicht die spielfreie Zeit, sondern vielmehr die Zeit ohne Training unter dem strengsten Coach des Landes«, erklärte Jolene mit einem Zwinkern.
»Die Zeit, in der wir Alkohol trinken dürfen«, ergänzte Zack und hob sein Glas.
»Die Zeit, in der ich Cupcakes essen darf«, sagte Branden.
»Die Zeit ohne Yoga«, stieß Nick aus und die Jungs erschauderten sichtlich.
Sara verdrehte die Augen. »Reißt euch zusammen, ihr seid doch schon viel besser geworden, seit ich euch regelmäßig trainiere.«
»Däumelinchen, das heißt aber nicht, dass es uns Spaß macht«, grummelte Branden.
»Mir macht es auch keinen Spaß, mir jeden Tag das Gejammer von sechzehn übergroßen Prima Ballerinas anzuhören, aber es hat eben jeder sein Päckchen zu tragen«, erwiderte sie mit einem Augenzwinkern.
»Prima Ballerinas?«, wiederholte Zack ungläubig.
»Nick, zügle dein Frauenzimmer mit solch obszönen Aussagen«, sagte Branden und schniefte.
»Ich weiß nicht, ihr drei im Tutu würdet sicher ein tolles Bild abgeben«, stieg ich mit ein.
»Ich sehe schon, du passt zu uns«, sagte Zoey. Ihr warmes Lächeln in meine Richtung ließ ein wohliges Gefühl in mir aufsteigen. Als wäre dieser Moment genau das, was ich gerade brauchte. Als wäre ich genau da, wo ich sein sollte. Nach nicht einmal zehn Minuten in ihrer Gesellschaft. Aber konnte ich meinem Bauchgefühl überhaupt noch trauen? Auch bei James hatte ich ein gutes Gefühl gehabt, aber die Hundertachtziggradwende, die er innerhalb von wenigen Wochen vollführt hatte, hätte ich niemals kommen sehen. Was war, wenn es hier wieder genauso war?
Aber verflucht, das waren Jolenes Freunde. Mehr noch, Jolene selbst war hier. In all den Jahren unserer Freundschaft hatte es noch nie einen Anlass gegeben, ihr nicht zu vertrauen. Mehr noch, sie hatte sich mir komplett anvertraut, was ihren bescheuerten Ex und die ganze Sache mit Branden anging. Sie respektierte meine Grenzen und hielt mich nicht für bekloppt, weil ich keine Beziehung wollte, obwohl sie selbst eine hoffnungslose Romantikerin war. Jolene war die beste Freundin, die man sich wünschen konnte. Und wenn sie der Meinung war, dass dieser Haufen der beste Freundeskreis der Welt war, würde ich ihr glauben. Mein Bauchgefühl tat es ohnehin schon.
»Wenn es nach Sara ginge, stünde wahrscheinlich auch Ballett regelmäßig auf dem Trainingsplan«, grummelte Zack.
»Mach dich nicht lächerlich«, erwiderte Sara. »Wenn ihr beim Yoga schon jammert, sterbt ihr beim Ballett, und dann habe ich den Ärger von Coach Alvarez an der Backe.«
»Als ob«, sagte Nick. »Coach Alvarez liebt dich.«
Sara grinste. »Nur, weil ich seine Leidenschaft teile, euch ein wenig zu quälen. Natürlich nur im sportlichen Sinne, nichts Sadomasochistisches. Obwohl ich vielleicht bessere Ergebnisse in eurem Training erziele, wenn ich das nächste Mal mit Peitsche komme.«
Branden stöhnte. »Du kannst solche Sachen doch nicht sagen, wenn du ein kurzes Kleid trägst und der Welpe neben dir steht. Wie soll er jetzt noch an etwas anderes denken?«
Nick schüttelte den Kopf. »Kann ich nicht. Aus und vorbei. Besser, wir gehen jetzt gleich und suchen dir eine Peitsche.«
Sara kicherte, stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte Nick etwas ins Ohr, dessen Blick sich daraufhin aufheizte. Das Gesprächsthema war damit effektiv beendet und Branden fragte Jolene nach ihrem Tag, während Zoey und Zack eine Diskussion über die Bepflanzung ihres Hochbeetes begannen. Ich konnte die Glückshormone in dieser Runde förmlich schmecken, und dagegen half nur eins.
»Wo bekommt ein Mädchen aus New York hier denn endlich einen Drink?«
Zoey bot mir gerade an, mir einen Cocktail in der Küche zu mischen, da sie mal in einer Bar gearbeitet hatte, aber ich bekam nur die Hälfte davon mit, weil ich aus dem Augenwinkel den Blitz einer Kamera wahrnahm. Eine plötzliche abgrundtiefe Panik schlug ihre Klauen in mich und zog sich eisig durch meinen gesamten Körper. Mein Herz donnerte in meiner Brust, während sich ein enges Band um meine Lunge schnürte und ich kaum noch Luft bekam.
Fuck.
Was hatte ich mir gedacht?
Ich rang mir ein Lächeln ab und nickte, bis Zoey aufgehört hatte zu reden. Dann flüchtete ich vor der Truppe. Ich brauchte dringend einen Moment für mich allein, um dieses Chaos in mir zu verstecken. Um wieder runterzukommen.
Ich machte die ersten Schritte weg von der Clique und sah mich in der Wohnung um. Die Küche war offen gestaltet und ich wäre dort keinen Moment für mich allein. Es könnte mich immer jemand beobachten. Ich suchte weiter, bis meine Aufmerksamkeit von einer angelehnten Tür angezogen wurde. Ohne darüber nachzudenken ging ich darauf zu, sah mich kurz um, ob mich jemand beobachtete, und schlüpfte dann in den Raum. Für einen kurzen Moment hoffte ich, darin kein Spielzimmer à la Shades of Grey zu finden, weil ich Jolene dann gnadenlos damit aufziehen würde. Aber Hauptsache, ich hatte meine Ruhe.
Ich trat in den Raum, lehnte mich gegen die Tür, die hinter mir ins Schloss gefallen war, und atmete tief durch. Jolene hatte mich mit der Party überfallen und ich hatte mich nicht darauf einstellen können, dass wahrscheinlich Fotos oder Videos gemacht wurden. Teilten die Jungs alles auf Social Media? Oder hielten sie diese Feiern eher privat?
Beim Gedanken daran, dass ich auf irgendeinem dieser Fotos zu sehen war und vielleicht Millionen von Fans präsentiert wurde, schlug mein Herz schmerzhaft gegen meine Rippen. Verdammt, das hier war nicht einfach irgendein Freundeskreis, in den Jolene mich hineingezogen hatte. Das waren die verdammten Boston Tigers. International bekannt.
»Es ist alles okay«, flüsterte ich mir selbst zu. »Du hast das gesamte Geld in New York abgehoben. Sie würden nicht auf die Idee kommen, dich in Boston zu suchen. Sie wissen nicht, wo du bist.«
Ich bin sicher.
Meine Träume sind sicher.
Kopf hoch, Ärmel sauber.
Ich wusste nicht, wie lange ich mit geschlossenen Augen an der Tür lehnte und mein Mantra immer wieder vor mich hin murmelte. Aber irgendwann beruhigte sich mein Puls und ich gab mir eine mentale Kopfnuss für diese irrationale Panik.
Ich stieß mich von der Tür ab und öffnete die Augen, um wie angewurzelt stehenzubleiben, als ich das Zimmer als kleinen Kinosaal erkannte. Er hatte etwa zwanzig Sitze und am Rand standen ein Popcornautomat und ein altmodischer Filmprojektor, der wohl nur noch Dekozwecken diente. Ein Lächeln zupfte an meinen Mundwinkeln. Filme waren schon immer meine Zuflucht gewesen. Kein Wunder, dass mich dieser Raum jetzt wie magisch angezogen hatte. Ich liebte es, mich in fiktionalen Welten zu verlieren, von visuellen Meisterwerken aus der Realität gerissen zu werden, und vom Soundtrack eine Gänsehaut zu bekommen. Dieses Heimkino war wundervoll, aber mein Herz schlug für die alten Kinosäle, die nach Popcorn rochen. Wo der Bezug der Sitze abgenutzt war von den Hunderten Menschen, die schon darauf gesessen und sich in eine andere Welt hatten entführen lassen. Vielleicht konnte ich Jolene und die Clique davon überzeugen, mit mir einen Film anzusehen. Es war schon ewig her, seit ich einen Kinosaal von innen gesehen hatte.
Die Tür öffnete sich hinter mir. Die Musik und Gespräche wurden kurz lauter, bevor die Tür ganz zufiel und es fast schon gespenstisch still wurde. Branden hatte den Raum einwandfrei schallisolieren lassen. Jetzt musste ich nur noch hoffen, dass der Neuankömmling kein Serienkiller war, weil niemand auf der Party meine Schreie hören würde.
Ich drehte mich um und sog unwillkürlich die Luft ein. Ich hatte Branden erwartet, der mich fragte, was zur Hölle ich hier trieb. Oder Jolene, die mir nachgelaufen war und mich zur Party zurückholen wollte. Stattdessen sah ich mich dem heißesten Leckerbissen von Mann gegenüber, den ich je gesehen hatte. Und das wollte bei der Versammlung von Athleten direkt vor dieser Kinotür etwas heißen.
Gierig betrachtete ich jeden Zentimeter von ihm. Seine üppigen pechschwarzen Haare waren an den Seiten kürzer und oben zurückgekämmt, und ich stellte mir vor, wie weich sich die Strähnen zwischen meinen Fingern anfühlen würden. Er hatte einen dunklen Bartschatten auf seinem definierten Kiefer und seine Wangenknochen konnten Engel zum Weinen bringen. Er war groß und wie er so mit einer Hand in der Hosentasche einen selbstbewussten Schritt nach dem anderen auf mich zu machte, wirkte er unglaublich selbstsicher. Eine Kombination aus cool und sexy, die viele Männer anstrebten, aber nur wenige meisterten. Er gehörte eindeutig zur letzten Kategorie und in meinem Bauch breitete sich ein sehnsuchtsvolles Ziehen aus. Die schummrige Beleuchtung wirkte Wunder auf seiner Haut mit goldenem Unterton und es fühlte sich fast schon verboten an, ihn anzusehen. Die Ringe an seinen Fingern spiegelten das Licht wider und zogen meinen Fokus auf seine kräftigen Unterarme, die mit Tattoos bedeckt waren. Mein Puls beschleunigte sich beim Gedanken daran, diese Tattoos mit meiner Zunge nachzufahren. Jedes einzelne von ihnen zu küssen, während er mich um den Verstand vögelte. Dieser Mann brachte mich nach einem einzigen Blick auf ihn mehr auf Touren als meine letzten fünf Liebhaber kombiniert.
Er trug Lederstiefel, eine dunkle Jeans und ein T-Shirt, das sich über seine breite Brust und Schultern spannte. Aber was mir beinahe den Atem raubte, waren seine Augen. Ich konnte ihre Farbe im gedimmten Licht nicht erkennen, doch sie musterten mich mit einer Intensität, die einen Schauer meinen Rücken hinab schickte.
Alle meine Sinne waren auf diesen Mann ausgerichtet und ich hätte nicht wegsehen können, wenn das Gebäude eingestürzt wäre. Ich hätte mich mit Händen und Füßen gegen die rettenden Einsatzkräfte gewehrt, wenn es nur hieß, dass ich eine Sekunde länger diesen Traum von einem Mann ansehen konnte.
