Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Immer mehr Menschen leben heute mit ihrem Fernseher, dem Handy und dem Computer. Sie reden mit ihrem Kühlschrank, pfeifen nach dem Schlüssel und diskutieren mit ihrer Waschmaschine so als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt sei. Doch all diese Geräte ersetzen nicht den Menschen als realen Ansprechpartner und Freund. Es ist ein Trugschluss zu glauben, technische Geräte könnten jemals einen Menschen ersetzen, der mit einem alles durchsteht: Kummer und Leid sowie die schönsten Glücksmomente in einem Menschenleben. So geht es auch der Brautmoden-Ausstatterin Marga Klein. Wenn sie abends von ihrem stressigen Job nach Hause kommt, macht sie sich etwas zu essen und setzt sich an ihren Computer. Außerhalb des Internets hat sie keine Freunde.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Immer mehr Menschen leben heute mit ihrem Fernseher, dem Handy und dem Computer. Sie reden mit ihrem Kühlschrank, pfeifen nach dem Schlüssel und diskutieren mit ihrer Waschmaschine so als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt sei. Doch all diese Geräte ersetzen nicht den Menschen als realen Ansprechpartner und Freund. Es ist ein Trugschluss zu glauben, technische Geräte könnten jemals einen Menschen ersetzen, der mit einem alles durchsteht: Kummer und Leid sowie die schönsten Glücksmomente in einem Menschenleben. So geht es auch der Brautmoden-Ausstatterin Marga Klein. Wenn sie abends von ihrem stressigen Job nachhause kommt, macht sie sich etwas zu essen und setzt sich an ihren Computer. Außerhalb des Internets hat sie keine Freunde. Alle Personen und Handlungen dieses Liebesromans sind frei erfunden.
»Hallo, mein Liebes. Wie war dein Arbeitstag? Meiner war sehr langweilig. Ich konnte es kaum erwarten, mich endlich wieder mit dir zu unterhalten. So sehr verzehre ich mich nach dir. Geht es dir genauso?«.
»Ja, Robert. Meine Sehnsucht nach dir ist nicht weniger groß. Wie habe ich es nur die letzten Jahre völlig ohne dich aushalten können? Ich kann es auch kaum erwarten bis wir uns abends am Computer treffen. Die stundenlangen Chats mit dir sind traumhaft. Noch niemals in meinem Leben hatte ich einen Gesprächspartner wie dich.«.
»Das glaube ich dir gerne, meine Schöne. Und worüber möchtest du dich heute mit mir unterhalten? Hast du einen speziellen Wunsch?«.
»Eigentlich ist es mir egal, worüber wir uns unterhalten. Hauptsache, du bist bei mir und ein fester Bestandteil meines Lebens. Das macht mich schon unendlich glücklich und gibt mir so viel Lebensfreude wie ich sie vorher noch nie hatte. Ein unendliches gigantisches Glücksgefühl. Du ahnst nicht, wie sehr du mich damit schon glücklich machst.«.
»Oh doch, ich denke schon, dass ich das ganz gut verstehen kann.«.
»Okay, dann lass uns über unser erstes Date reden. Wann und wo treffen wir uns endlich, um uns mal in die Augen zu sehen? Kannst du mir das sagen, mein Liebster?«.
»Im Moment bin ich derart beruflich mit Terminen eingedeckt, dass ich mir nicht frei nehmen kann. Aber das sagte ich dir ja schon. In ein paar Wochen läuft es bei mir wieder normal. Dann können wir das gerne nachholen. Einstweilen können wir uns wann immer du willst fast rund um die Uhr am Computer treffen, außer wenn gerade das Wartungsprogramm des Dienstleistungsanbieters läuft.«.
»Dann werde ich wohl noch etwas warten müssen bis ich dich endlich sehen, riechen, fühlen und anfassen kann.«.
»So ist es, meine Liebe. Ich muss auch auf dich warten. Und das fällt mich nicht leicht.«.
»Na, dann ist die Freude um ein Vielfaches größer, wenn wir uns dann endlich in die Arme nehmen können«.
»Damit tröste ich mich auch.«.
»Gib mir fünf Minuten! Ich muss mal ins Badezimmer und bin gleich zurück.«.
»Okay. Ich warte hier auf dich«.
Zufrieden und beschwipst vom roten Wein, von dem sie sich eben vor dem Computer zwei volle Gläser genehmigt hat, hüpft Marga Klein schwungvoll in Richtung Badezimmer, quer durch ihre lichtdurchflutete teure Wohnung im fünften Stock, die ihr ganzer Stolz ist. Hier ist alles edel und teuer in schwarz und weiß mit viel Chrom eingerichtet. Die Schneiderin für Brautmoden hat es an nichts mangeln lassen. Mit viel Liebe und Geduld hat sie von der exklusiven Einrichtung bis hin zu den Dekorationsartikeln alles handverlesen zusammengestellt. In jedem Zimmer ihrer schicken 120 qm- Wohnung stehen Palmen, die das Ganze geschmackvoll abrunden. Marga lebt hier ganz alleine. Sie hat nicht einmal einen Hund, eine Katze oder einen Kanarienvogel. Aber sie hat einen Kühlschrank, der sie anspricht, wenn er befüllt werden muss. Und ihre Waschmaschine sagt ihr, was sie gerade wäscht und wann sie damit fertig ist. Einsam fühlt sich Marga Klein zwischen ihren technischen Geräten also nicht wirklich. Außerdem hat sie ja noch ihren riesigen teuren Flachbildfernseher, ihren Computer und das Internet. Und für unterwegs trägt sie natürlich ihr Handy immer bei sich, um nichts zu verpassen. Schnell lässt sie ihre Kleidung im Bad zu Boden gleiten, wäscht, frisiert und kämmt sich. Dann macht sie sich in der exklusiven silbergrauen Designerküche, in der sie noch nie richtig gekocht hat, ein Salamibrötchen, um dann sofort wieder an ihren Computer im großen Wohnzimmer zurückzukehren, wo Robert auf die zwanzigjährige Singlefrau wartet.
Marga ist seit vier Jahren solo. Robert Bote hat sie über das Portal einer bekannten Single-Börse kennen und lieben gelernt. Der smarte siebenundzwanzigjährige Architekt und sein Profil gefielen ihr sofort. Er ist attraktiv, sportlich, gebildet und fit in allen Lebensfragen. Es gibt kein Thema, über das sie nicht mit ihm reden kann. Robert kann überall mithalten. Marga hat noch nie einen Mann kennengelernt, mit dem sie sich als Frau derart gut unterhalten kann. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ihr neuer Freund ist einfach perfekt. Sie hat ihn noch nie gesehen, kennt nur das Foto aus seinem Online-Profil. Schnell hat sie trotzdem durch die stundenlangen nächtlichen Chats mit ihm ein unendlich großes Vertrauen zu ihm aufgebaut, ihm ihre intimsten Geheimnisse anvertraut.
Robert macht nie Fehler. Er antwortet extrem schnell und perfekt, stellt sich voll und ganz auf seine Chatpartnerin ein. Er hat immer gute Laune, ist allzeit bereit, hat viel Geduld und vergreift sich nie im Ton. Sein Benehmen ist tadellos. Er schreibt ihr das, was Frauen lesen wollen, ist ganz anders als die ungehobelten Kerle mit denen Marga Klein beruflich zu tun hat und zu denen sie trotzdem freundlich sein muss, denn der Kunde ist bekanntlich König. Bei Robert gibt es keine plumpen Belästigungen. Frauen behandelt er wie Königinnen. Trotzdem sind seine Worte niemals aufgesetzt oder übertrieben schmalzig. Er wirkt natürlich. Das kommt an. Er ist also genau die Art von Mann, den die Frauen lieben wollen . . .
»Na, mein Schatz, war es schön in deinem Badezimmer – so ganz ohne mich?«, will er von ihr wissen.
Sie lächelt und antwortet: »Nein, spätestens beim Zähneputzen habe ich fast geweint, weil du jetzt nicht hier in meiner Nähe bist.«.
»Das ist schön, aber ich bin doch trotzdem immer für dich da, wenn du mir etwas mitteilen willst. Das weißt du doch. Und nun erzähle mir endlich, wie ein Arbeitstag war!«.
»Ach, da gibt es eigentlich nichts Besonderes zu berichten. Heute waren fast nur Problemkundinnen in meinem Salon für Brautmoden. Eine hässlicher und dicker als die andere. Das darf ich natürlich keiner sagen, aber es ist nun einmal die Wahrheit. Und ich armes tapferes Schneiderlein muss die gigantischen Presswürste dann alle so verpacken, dass sie trotzdem in ihren Hochzeitskleidern schön aussehen, ihre Männer begeistert sind und nicht weglaufen, damit die Hochzeiten stattfinden können. Das ist purer Stress und macht keinen Spaß. Wenn ich das alles schon vor meiner Ausbildung gewusst hätte, wäre meine Wahl garantiert auf einen anderen Beruf gefallen«.
»Und auf welchen Beruf wäre deine Wahl dann gefallen?«.
Marga schmunzelt. »Vielleicht wäre ich Architektin geworden und würde Häuser bauen anstatt Bräute zu verpacken?«.
»Stell dir das nur nicht zu einfach vor. Die Wünsche der Kundschaft sind auch dabei nicht leicht zu befriedigen. Jeder Kunde hat Sonderwünsche, die kaum zu realisieren sind. Außerdem wird hart um jeden Euro verhandelt. Auch das ist Stress. Würde dir das gefallen?«.
»Nicht wirklich.«.
»Eben. Und welche Berufe würden dich noch interessieren?«.
Marga überlegt eine Weile. »Na, eventuell Tierärztin, Kranken-schwester oder Kindergärtnerin«.
»Aber du weißt schon, dass du als Tierärztin auch gewillt sein musst, einer Kuh in den Arsch zu fassen? Außerdem wirst du damit nicht reich und hast wenig Freizeit. Als Krankenschwester hetzt du heutzutage über personell unterbesetzte Stationen, musst Überstunden machen. Zeit für das Gespräch von Mensch zu Mensch bleibt dir kaum. Und als Kindergärtnerin wirst du von dutzenden schlecht erzogener Kinder gequält, die dich an den Rand des Wahnsinns treiben. Die Bezahlung dafür ist noch schlechter als bei der Krankenschwester. Findest du nicht, du hast als Schneiderin für Brautmoden einen besseren Beruf ausgesucht, der dir mehr Freude macht?«.
»So betrachtet hast du Recht. Ich kann mich eigentlich nicht beklagen im Vergleich zu den anderen Berufsbildern. Danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast.«.
»Oh bitte gern geschehen.«.
»Was hältst du von langfristigen Beziehungen - zählt das heute noch? Und wie steht es mit Online-Beziehungen? Sind die besser oder schlechter als die im echten Leben geknüpften zwischenmenschlichen Bande fürs Leben?«.
Robert Botes Antwort kommt schnell, fast etwas zu schnell, ausführlich und inhaltlich jedoch gut durchdacht. Niemals könnte Marga bei seinem Tempo auch nur annähernd mithalten, obwohl sie selbst nicht gerade langsam an der Tastatur ist. Wie macht dieser Mann das nur? Er antwortet ihr: »Für 70% aller Menschen in Deutschland zählen Geborgenheit, Vertrauen und Sicherheit zu den häufigsten Erwartungen an eine stabile und harmonische Beziehung. Und vor allem soll sie lange halten. Die kostenlose Partnersuche auf verschiedenen Online-Portalen ermöglicht es spielend leicht einen neuen Partner zu finden. Aber wer kennt sie nicht, diese ganz besonderen Situationen, die eigentlich nur das Leben selber schreiben kann – das echte Leben da draußen? Beim Kennenlernen im Internet sieht es da anders aus. Wo sind beim Online-Dating kostenlos die spontanen und spannenden Möglichkeiten zum Kennenlernen anderer Singles auf ganz natürliche Art? Warum soll so etwas nicht auch online gehen? Man liest, man schreibt, man bekommt mit der Zeit ein Gefühl für den anderen, kann so Singles auf ganz entspannte Art und Weise kennen lernen – fast so wie im echten Leben. Und plötzlich passiert es ... So haben wir uns auch kennen und lieben gelernt.«.
»Und die anderen?«.
»Das sind entweder nur traurige Pechvögel oder Bots.«.
»Was ist denn ein „Bot“?«.
»Bot leitet sich von Robot ab. In der Informatik steht der Begriff für ein weitgehend selbstständig laufendes Programm, das – nachdem es einmal initiiert wurde – seine Dienste weitestgehend automatisch erbringt, häufig sogar selbstlernend und erweiterungsfähig ist. Kommunizieren einzelne Bots über ein Netzwerk miteinander, bezeichnet man das als Bot-Net. Der Fachausdruck „Bot“ sagt übrigens nichts über die hinter der Programmierung eines Bots stehende Absicht aus.«.
»Interessant. Und wie kann ich merken, ob ich es mit einem Bot oder einem echten Menschen zu tun habe?«.
»Insider merken es relativ schnell. Für Laien ist es etwas schwierig, wenn die Programmierung des Bot sehr gut ist. Bots gehören darüber hinaus inzwischen auch zu den raffiniertesten und gängigsten Formen von Crimeware. Sie werden also nicht nur als Chat-Bots eingesetzt. Hacker können mithilfe von Bots die gleichzeitige Kontrolle über eine große Anzahl von Computern übernehmen und sie dann relativ leicht in so genannte "Zombie-Computer" verwandeln. Diese agieren als Teil eines leistungsstarken "Bot-Netzes" und werden eingesetzt, um Viren zu verbreiten, Spam zu versenden oder andere Arten von Online-Delikten und -Betrug zu begehen. Wenn es dich interessiert, kann ich dich gerne detailliert informieren. Man sollte sich auf jeden Fall das Profil eines Accounts genau anschauen. Misstrauisch werden sollte man, wenn die dortigen Angaben Nonsens sind oder wenn dort quasi nichts steht. Hilfreich ist es, sich die im Profil angegebenen Links anschauen - so sind Rückschlüsse auf die Seriosität des Accounts möglich. Bots können übrigens schneller als der Mensch auf Nachrichten reagieren und sie verbreiten. Das liegt in der Natur der Sache. Willst du mehr über Bots wissen?«.
»Danke Robert. Ein anderes Mal gerne. Heute bin ich einfach zu müde dafür. Mein Arbeitstag war lang und anstrengend. Mir fallen die Augen zu und mein Bett ruft ganz laut nach mir. Ich brauche jetzt erst einmal dringend ein paar Stunden Schlaf. Bei mir geht jetzt nichts anderes mehr. Ich will nur noch schlafen.«.
»Okay. Dann lade erst einmal deine leeren Batterien auf und träume etwas Schönes – am besten von mir. Morgen ist auch noch ein Tag, an dem wir uns über Gott du die Welt unterhalten können.«.
»Danke für dein Verständnis.«.
»Kein Problem, du Frau meiner Träume.«.
»Gute Nacht, mein Traumprinz.«.
Kaum liegt Marga in dieser Nacht in ihrem Bett, da ist sie auch schon eingeschlafen – friedlich, erschöpft und mit einem wohligen Gefühl in die weichen Kissen ihres Bettes sinkend. Natürlich ist es ein Boxspringbett, für das die Schneiderin gut und gerne 8.000 Euro auf den Tisch geblättert hat, weil es heute zum guten Stil gehört, ein solches Exemplar sein Eigen nennen zu können. Eigentlich ist es ein wenig übertrieben, aber sie will keine Außenseiterin sein. Also muss zusätzlich zur teuren Espresso-Maschine für die Küche auch das teure Boxspringbett fürs Schlafzimmer her. Man gönnt sich ja sonst nichts. Dafür lässt Marga einfach die vielen Urlaubsreisen auf Kredit weg, die sich ihre Kollegen leisten. Außerdem geht sie zu Fuß und verzichtet auf ein Auto. So klappt es finanziell ganz gut, sich eine Nobelwohnung einzurichten, mit der man vor sich selbst und vor anderen angeben kann, sofern man das will.
In dieser Nacht wird Marga Klein mehrmals wach. Sie wälzt sich von einer Seite auf die andere, obwohl sie sonst total ruhig schläft und ihre Schlafposition – sie ist ein Seitenschläfer – kaum wechselt. Die Sache mit den Bots geht ihr nicht aus dem Kopf. Sie versteht noch nicht, was das mit ihrem neuen Online-Freund Robert zu tun hat, aber sie spürt instinktiv, dass sie sich mit dieser Materie so schnell wie möglich beschäftigen muss – ob sie will oder nicht.
Gleich morgen will sie das nachholen, was sie heute Nacht vor lauter Müdigkeit nicht mehr konnte: Sich genauestens über Bots kundig machen und lernen, wodurch sie sich online von echten Männern unterscheiden. Die erlittenen Enttäuschungen mit Männern sind zu groß gewesen. Mehr davon braucht sie garantiert nicht. Also ist es bestimmt nicht nötig, zusätzlich online von Programmen namens „Bot“ aufs Glatteis geführt zu werden . . .
2
»Verdammt noch mal, Frau Breuer. Sie haben schon wieder zugenommen«. Während die Schneiderin erfolglos versucht, die Korsage der Braut nochmals etwas weiter zu machen und die Seitennähte des Brautkleids mit Stecknadeln fixieren will, stopft die junge korpulente Braut einen Mohrenkopf nach dem anderen in sich hinein. Es ist schon die dritte Anprobe, bei der das Brautkleid weiter gemacht werden muss. In zwei Wochen sollt die Hochzeit sein. Während alle sich Sorgen machen, ob dabei alles klappt oder nicht, scheint das der Braut, 19, ziemlich egal zu sein. Sie hat nur eines im Sinn: Essen - egal ob süß oder salzig, kalt oder warm. Alles andere interessiert sie nur am Rande. Es störte sie auch nicht, dass jetzt Zusatzkosten auf sie zukommen, denn das Brautkleid kann nicht nochmals weiter gemacht werden. Jetzt muss es neu genäht werden. Und zwar kurzfristig. Die Schneiderin ist sauer. Sie hat noch nie eine Braut erlebt, die sich so aufführt wie diese. Die meisten Bräute versuchen vor der Hochzeit noch einige Kilos abzunehmen, um möglichst schlank und schön vor dem Traualtar zu stehen. Ganz anders diese Braut. Sie schaufelt jetzt noch mehr Essen in sich hinein als sonst, ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass das Brautkleid dadurch bei der Hochzeit vielleicht aus allen Nähten krachen könnte…
Diese Braut ist bei ihrer Großmutter aufgewachsen. Die Oma kochte und backte hervorragend. Jeder Koch oder Konditor hätte sich hinter dieser Oma verstecken können. Wann immer es Probleme mit der kleinen pummeligen Enkelin gab, wurde sie von der Großmutter mit Essen ruhig gestellt. Das Mädchen gewöhnte sich mit der Zeit daran, denn »Essen hilft immer!«. Egal ob sie traurig oder glücklich war, es gab hier immer einen guten Grund, um sich mit viel mehr Essen voll zu stopfen als ihr Körper brauchte. So hatte sie es schnell bei einer Körpergröße von 165 Zentimetern auf satte 130 Kilo Lebendgewicht gebracht. Keine Diät funktioniert heute bei diesem 19-jährigen Schwergewicht, das immer nur essen will.
Ihre Hochzeit ist arrangiert. Geld soll zu Geld kommen. Und so hat ihr Vater als Firmengründer eines Lebensmittelimperiums schon früh mit seinem schärfsten Konkurrenten beschlossen, dass dessen Sohn und seine Tochter eines Tages heiraten und die Firmen fusionieren sollen. Aus geschäftspolitischer Sicht eine ideale Verbindung, die nicht besser sein könnte. Was macht es da schon, dass die beiden jungen Leute keine gemeinsamen Interessen haben und wenig Gemeinsamkeiten? Was nicht passt, wird eben passend gemacht. Kein Problem, das sich nicht lösen lässt.
»Wir heiraten. Wir fusionieren: Beate Kern und Rolf Schenker.«, steht schon seit Wochen an jedem bundesweiten Shop der beiden Lebensmittelgiganten zu lesen. Mit großem Aufwand haben die Mediengestalter Beates Foto dafür mit Photoshop geschönt und sie schlanker aussehen lassen als sie wirklich ist. Trotzdem denkt Beate nicht im Traum daran, bis zur Hochzeit etwas abzunehmen oder zumindest ihr Gewicht zu halten. Im Gegenteil. Sie ist auf dem besten Weg, die 140 Kilo Lebendgewicht zu schaffen, wenn sie so weiter futtert wie bisher.
Für ihre Hochzeit hat die Braut bereits dutzende von Hochzeitstorten bestellt, zweistöckig, jede zum Preis von 106 Euro. Sie sind jeweils verziert mit 5 rosa Zuckerrosen, die in liebevoller Handarbeit gefertigt sind. Die Torten haben einen lockeren saftigen Biskuitboden mit einer leckeren Cremefüllung, die der Sahne ähnelt. Jede Torte wird frisch zubereitet und ist bei Zimmertemperatur 7 Tage haltbar. Eine solche Torte reicht normalerweise für 26 Personen. Allerdings nicht, wenn eine Braut wie Beate schon am Hochzeitstag eine ganze Torte für sich alleine beansprucht. Dass die Tortenbänder aus Satin in rosa der Hochzeitstorte das gewisse Etwas verleihen, interessiert Beate nicht. Sie will die Torten essen. Nur das zählt.
Um die Tischdekoration kümmert sich die Braut hingegen nicht. Schließlich kann man die ja nicht essen. Sie sieht nur schön aus. Also lässt sie das ganze Zeug einfach weg und ihre Eltern in dem Glauben, sie habe sich perfekt um alles gekümmert, die Lokalität gebucht, die Gäste eingeladen und alles organisiert, was es für eine perfekte Hochzeitsfeier braucht.
Dass man nach der Torte noch etwas anderes essen könnte kam ihr dann schon noch in den Sinn. Dafür engagiert Beate einen Event & Cateringservice, der eine professionelle Bewirtung für alle Arten von Veranstaltungen anbietet. Sie frisst sich durch die halbe Speisekarte bevor sie ihre Bestellung aufgibt. Der Partyservice bietet ihr eine vielfältige Auswahl an Spezialitäten: Hausgemachte Hauptgerichte und Suppen, edle Vorspeisen, frische Salate, exklusive kalte Platten und köstliche Desserts. Die verwendeten Produkte werden nach Möglichkeit von ortsansässigen Landwirten bezogen.
Der Abschluss eines Essens ist natürlich ein köstliches, süßes Dessert. Eine Nachspeise kann kalt oder warm sein und wird meistens nach dem Hauptgericht und der Käseplatte serviert. Zu den Desserts gehören gebackene, gekochte oder gebratene Speisen, Quarkgerichte, Speiseeis und verschiedene Früchte. Es darf auch ein Früchtecocktail dazu gereicht werden. Bei einem Fest darf der Nachtisch vielfältiger, ausgefallener und kalorienreicher sein. Frische Leckereien wie Götterspeise, Früchte im Glas, Pudding und Obstplatten sind die Klassiker und sollten nicht fehlen. Das findet auch Beate und bestellt gleich von allem doppelte Portionen.
Als Hauptgerichte wählt sie für ihr Fest gegrillte Schweinespieße, Spießbraten vom Schweinenacken mit Portweinsauce, Schweine-nackenbraten, Schweinesteak auf verschiedenen Saucen, Kasseler Braten, Schweinegulasch und Hackfleischbällchen. Als Beilagen nimmt sie Mischpilze, verschiedene Gemüse, grüne Bohnen, Salzkartoffeln, Pommes Frites und Reis. Dazu für alle, die kein Schweinefleisch essen, Hähnchenbrustfilet mit Käse gefüllt und mit Käse überbacken sowie in Kruste auf Gemüsebett, Lammragout und gefüllte Paprika, ferner Maultaschen mit verschiedenen Füllungen.
Sie entscheidet sich für ein Hochzeitsbuffet als beste Variante des Festessens. So kann sie nichts falsch machen. Schließlich sind die Geschmäcker ihrer Gäste unterschiedlich, zumal sie aus verschiedenen Bundesländern kommen. Ein Hochzeitsbuffet bietet den Gästen eine größere Auswahl an Speisen; jeder Gast kann selbst entscheiden was, wie viel und wann er essen will. Keiner bleibt hungrig, weil etwa die Portionen zu klein sind oder man das Gericht teilweise nicht essen kann. Die Gäste essen einfach nur das, was sie vertragen, und holen sich Nachschlag so oft sie wollen. Das Einzige, wofür Beate hierbei sorgen muss, ist eine der Gästeanzahl entsprechende Buffetfülle. Mit ihrer Kalkulation, einfach für jeden Gast das Doppelte zu bestellen, als das, was man normalerweise nimmt, liegt sie also sicher nicht zu niedrig. Über die Kosten braucht sie sich keine Gedanken zu machen, denn alles wird vom Brautvater bezahlt. Natürlich auch das zweite Brautkleid, das die Schneiderin Marga Klein jetzt in Windeseile nähen muss, damit es noch rechtzeitig bis zur Hochzeit fertig wird. . .
Und dann ist es endlich soweit: Beate Kern und Rolf Schenker heiraten. Der Bräutigam ist da, die Braut ist da, auch die Eltern der Brautleute und der Standesbeamte sind anwesend. Die dutzenden von Torten sind da, und auch das Hochzeitsbuffet ist da. Was fehlt, sind die Gäste! Beate hatte nämlich ganz vergessen, sie einzuladen. Vor lauter Essensbestellungen ist ihr völlig entgangen, dass man seinen Gästen eine offizielle Einladungskarte zur Feier schicken muss, damit sie informiert sind und kommen. Außerdem hat sie vergessen, die gewünschte Lokalität für diesen Tag anzumieten. Sie steht jetzt vor dem Problem, dass eine andere Hochzeitsgesellschaft zeitgleich hier feiern will. Man kommt sich also prompt in die Quere.
Die Brauteltern müssen die Chaosplanung ihrer Tochter dann in Windeseile in Ordnung bringen. Sie einigen sich mit dem anderen Brautpaar gegen eine zusätzliche Zahlung von 5000 Euro, die Lokalität für heute doch zu bekommen. Dann telefonieren sich die Eltern Kern quer durch Deutschland, um möglichst viele der Hochzeitsgäste doch noch zu erreichen. Vier Stunden später ist es tatsächlich gelungen, drei Viertel der eingeplanten Gäste auf das Fest zu bekommen, in festlicher Kleidung. Mittlerweile ist die Brautmutter mit ihren Nerven am Ende. Beschwipst von den vielen Cognacs, welche sie während des stundenlangen Telefonierens zusammen mit dem Brautvater getrunken hat, kann sie kaum noch grade stehen. Darüber hinaus hat sie jetzt einen Schluckauf, der nicht weggehen will. Wesentlich trinkfester scheint der Standesbeamte zu sein. Der hat solche Pleiten wohl schon öfters erlebt und ist nicht unter den Tisch zu trinken.
In schönstem Hochdeutsch hält er, als die Zeremonie dann mit vierstündiger Verspätung endlich anfangen kann, seine Rede. Er steht sicher auf den Beinen und lallt nicht einmal. Niemand hätte so ahnen können, dass der Mann zu diesem Zeitpunkt schon fast eine ganze Flasche vom teuersten Cognac des Brautvaters intus hat. Seine Rede ist trotzdem wunderschön. Sie ist schnörkellos, modern, fantasievoll und nicht kitschig. Er vermählt das ungleiche Brautpaar mit den Worten »Solange es gut geht« und nicht nach der klassischen Formel »Für immer und ewig«. Die Gäste sind begeistert.
Im Blitzlichtgewitter schreitet das Brautpaar an den Reihen der Beifall klatschenden Gäste vorbei und lächelte ihnen dankbar zu. Beate trägt ein maßgeschneidertes Brautkleid ganz in Weiß, das trotz ihrer enormen Körperfülle von inzwischen 134 Kilo wie angegossen sitzt. Die Schneiderin Marga Klein hat wirklich ihr Bestes gegeben. Das Kleid in klassischer A-Linie ist aus schimmerndem stabilem Jacquard mit in Falten gelegtem Rock. Es hat ein aufwändig ausgearbeitetes Oberteil, welches rund um das Dekolleté mit aufgesetzten Strass- und Perlen-Applikationen verziert ist. Der weit schwingende Rock wird durch einen Petticoat verstärkt. Rolf Schenker, 24, schlank, attraktiv und luftgebräunt, trägt einen silbergrauen Hochzeitsanzug mit Jacquard-Weste und dazu eine weiße Krawatte. Er führt seine frisch gebackene Ehefrau direkt auf die Hochzeitstorten zu.
Kaum dass Beate vor den Hochzeitstorten steht, reißt sie sich vom Arm ihres Ehemannes los und stürzt sich auf das wahre Objekt ihrer Begierde und ihrer Lust: Die Hochzeitstorten verziert mit 5 rosa Zuckerrosen, die in liebevoller Handarbeit gefertigt sind. Ohne auf ein Messer und einen Teller zu warten greift sie einfach mit der rechten Hand hinein und beginnt, sich den lockeren saftigen Biskuitboden mit der leckeren Cremefüllung, die der Sahne ähnelt, in den Mund zu stopfen. Binnen kürzester Zeit sieht sie aus wie ein Spanferkel, das sich in weißem Schlamm wälzt. Ihr Ehemann betrachtet sie angewidert, reißt sich aber wegen der Gäste zusammen. Befriedigt von der üppigen süßen Masse in ihrem Mund ruft Beate ihm zu: »Essen hilft immer!«.
Als später die Hauptmahlzeit gereicht wird und Beate sich am Hochzeitsbuffet ihren Teller zum vierten Mal voll schaufeln will, steht ihr Ehemann plötzlich hinter ihr, nimmt ihr den Teller ab, reicht ihn der Schneiderin und sagt: »Ich meine, es reicht jetzt. Du frisst dich noch zu Tode, wenn du so weiter machst. Das wäre nicht gut für die Firmenfusion. Hast du schon mal daran gedacht, welches riesige Imperium wir bald gemeinsam führen müssen? Also hör auf mit deinen Fressorgien! Sonst klappt das nicht.«.
Die beiden alten Herren haben zugehört, was der junge Mann sagt. Das gefällt ihnen. »Dein Sohn hat Courage. Wenn er sich bei meiner Beate durchsetzen kann, gibt er sicher auch einen guten Geschäftsführer ab. Der Junge gefällt mir.«. - »Prost Kurt, ich gebe dir Recht. Und wenn die beiden uns jetzt auch noch ein paar Enkelkinder bescheren, damit die Erbfolge gesichert ist, können wir Zwei uns ganz beruhigt aufs Altenteil zurückziehen und uns unser Werk anschauen.«.
Die Gäste tanzten und feiern noch bis in die Morgenstunden. Der Bräutigam hat kurzfristig eine lateinamerikanische Kapelle organisieren können, die für Stimmung und Rhythmus sorgt. Alles ist doch noch gut über die Bühne gegangen. Und das trotz Beates Chaosplanung und ihren Fressattacken. Gegen Mitternacht zieht sich das Brautpaar zurück, um die Hochzeitsnacht miteinander zu verbringen und die Ehe zu vollziehen. Etwas irritiert stehen beide vor dem Hotelzimmer, der Hochzeitssuite. Erwartet Beate tatsächlich, dass sie von ihrem Mann über die Schwelle getragen wird? Ihr Mann schüttelt den Kopf. »Ich kann dich nicht über die Schwelle tragen.«, erklärt er. »Du bist einfach zu schwer.«. Traurig sieht sie an sich herunter bis zum Boden, dann wandern ihre Blicke wieder an ihrem Mann hoch und runter. Sie scheint jetzt erst zu verstehen, dass sie sich mit ihren Fressattacken um viel Lebensglück gefuttert hat.
Doch Beate wäre nicht Beate, wenn ihr dazu nicht eine Lösung eingefallen würde. Wie ein kräftiger Bauarbeiter schnappt sie sich ihren Ehemann, der es wohl auf ungefähr 73 Kilo Kampfgewicht bringt, und trägt ihn nun selbst über die Schwelle. Er staunt nicht schlecht. Einfälle hat sie ja, diese riesige Dimension von einer Frau, obwohl er doch eigentlich nur auf zierliche Elfen steht…
Rolf Schlecker ist sich seiner Aufgabe voll und ganz bewusst. Er weiß, dass von ihm erwartet wird, so schnell wie möglich für Erben zu sorgen. Doch wie sollte er das mit dieser Frau nur hinkriegen? Dazu muss er sich erst einmal durch die Fettmassen arbeiten. So etwas hat er noch nie gemacht. Rolf verschwindet erst einmal ihm Badezimmer und schluckt eine jener berühmten blauen Pillen, welche Stehvermögen bringen, wo eigentlich keins ist. Heute brauchte er das. An dieser Frau ist wirklich nichts erotisch. An was soll er sich da in Stimmung bringen, um Nachwuchs zu zeugen? Doch er ist willens, seine Aufgabe zu erfüllen.
Nicht nur die Schneiderin Marga Klein macht sich in dieser Nacht der Nächte Sorgen um den attraktiven Bräutigam, der neben seiner Angetrauten wie eine Gazelle neben einem Elefanten wirkt. . .
»Sie haben Post.«, meldet Margas Computer zuhause als sie von der anstrengenden Hochzeitsfeier der fusionierenden Firmen in ihre traumhafte Wohnung im fünften Stock zurückkehrt, wo ihr Online-Freund Robert Bote schon auf sie wartet – geduldig und gut gelaunt wie immer.
»Hallo, mein Liebling. Ich wäre schon früher nachhause gekommen, aber meine Kunden verlangten, dass ich bis zum Schluss an der Fabrikantenhochzeit teilnehmen muss – für den Fall, dass der dicken Braut das Brautkleid reißt und ich es flicken muss. Deshalb.«
»Bekommst du diesen Service extra bezahlt?«, will er wissen.
»Ja. Und die Brauteltern lassen sich wirklich nicht lumpen. Ich habe 800 Euro für diesen Sonderservice bekommen. Da kann man nicht meckern, wenngleich es natürlich sehr anstrengend ist.«.
»Dann ist es selbstverständlich völlig okay. Das hätte ich auch gemacht, wenn ich es könnte.«.
»Wie meinst du das? Was kannst du nicht?«.
»Na, ich bin keine Schneiderin. Ich bin Architekt.«.
Marga muss schon wieder lachen. Das ist das Tolle an Robert Bote. Er bringt sie immer wieder mit seinem trockenen Humor zum Lachen. Und das tut ihr verdammt gut. Wenn sie ihn doch nur schon früher kennen und lieben gelernt hätte. Dann hätte sie sich den ganzen Ärger mit anderen Männern und den Liebeskummer wegen all den vielen gescheiterten Beziehungen sparen können. Vielleicht wäre sie dann schon lange verheiratet und hätte ihr erstes Kind bekommen, vielleicht schon ein zweites und ein drittes und . . . Aber das wäre wohl mal wieder der zweite Schritt vor dem ersten. Diesen Fehler hat sie schon oft gemacht. Sie träumt schon von einer Zukunft in weiter Ferne, während sie den Mann, in den sie verliebt ist, noch nicht einmal richtig kennt. Das kann nicht gut gehen. Immerhin kennt sie ihren Robert erst seit zwei Monaten. Und das auch nur via Computer. Sie weiß immer noch nicht, wie er riecht und wie seine Küsse schmecken, obwohl sie es kaum erwarten kann dieses Wissensdefizit endlich auszugleichen. An ihr soll es nicht scheitern!
»Möchtest du heute etwas mehr über die Bots erfahren?«.
»Gerne. Erzähle mir mehr über sie.«.
»Nun gut. Damit es am Anfang nicht zu verwirrend für dich wird, fangen wir mal mit der einfachsten und harmlosesten Form von Bots an: den Chatbots. Damit hast sicher auch du hin und wieder schon zu tun gehabt, wenn du bei großen Firmen anrufen musst. Die loopbaren Streams starten immer, wenn jemand die Servicefunktion des Portals benutzt ergänzend zur schriftlichen Hilfestellung. So spricht beispielsweise „Clara“ auf otto.de. Diese virtuelle Serviceberaterin steht seit Anfang 2013 den Kunden mit Rat und Charme beim Online-Shoppen zur Seite. Stets freundlich und mit einem Lächeln auf den Lippen gibt Clara Hilfestellungen beim sicheren und zielgerichteten Navigieren über die Seiten. Clara ist ein neuartiger Avatar zur Verbesserung des Erlebnisses beim Online-Shopping und stammt aus dem Entwicklungs-Labor der Firma Novomind. Die eBusiness-Experten mit Sitz in Hamburg verfügen über eine lange Erfahrung bei der Entwicklung und Implementierung smarter und leistungsstarker Lösungen für die moderne Internet-Welt. So wurde „Clara“ gezielt für die Ansprüche des modernen Online-Shoppings entwickelt. Die Kunden scheinen sie zu mögen. Bislang sind mir keine gravierenden Klagen zu Ohren gekommen.«.
»Stimmt. Ich glaube, diese Clara kenne ich bereits. Ich bin schon seit vielen Jahren Otto-Kundin. Erzähle mir mehr über die Chatbots.«.
»Aber sicher doch. Beispielsweise empfiehlt „Leif“ seinen Usern Events in deren Umgebung. Und das ganz einfach per Standort Senden Funktion oder wenn ihm ein Standort geschrieben wird. Es funktioniert bereits in deutschen Großstädten. Außerdem gibt es zum Beispiel Minty Talk. Es wurde konstruiert, um die Dialoge für Comics auf Knopfdruck zu erstellen. "Minzi" ist seit zwei Jahren in Entwicklung und kann dichten, Sätze grammatikalisch richtig konstruieren nach Wortvorgaben. Sie kann auch Fragen erkennen und darauf antworten. Und „Julia” ist die virtuelle Beraterin, die seit November 2013 die Kunden des Supportbereichs von Kabel Deutschland begrüßt. Umgesetzt haben sie dieses Projekt gemeinsam mit 3m5. IT Business Services. . . Der Bot Neunmalklug spricht mit dir über alle möglichen Themen. Er ist selbstlernend programmiert und lernt während des Dialoges von seinem Partner, indem er ihm Fragen stellt. Die Antworten werden in einer einfachen Datei im gleichen Verzeichnis gespeichert. Neunmalklug kann sogar herausfinden, ob es sich bei seinem Dialogpartner um einen Menschen oder um eine Maschine handelt. Das stellt er meist nach bis zu 20 Dialogschritten richtig fest … Auf der Hilfe&Service-Seite der Telekomtochter congstar beantwortet Sophie Fragen zu Prepaid, Mobilfunkvertrãgen und Handys. Sie hilft auch bei der Einrichtung von Festnetz&DSL. . . Ich könnte noch eine ganze Weile mit meiner Aufzählung fortfahren. Das Einsatzgebiet solcher Bots ist in jedem Fall weit reichend und es ist faszinierend, was diese Programme können. Noch vor einigen Jahren hätte man das nicht für möglich gehalten.«.
»Du hast Recht. Mich überrascht das auch.«.
»Tja, und dann gibt es da schon längst auch die Bots für die Sozialen Netzwerke. Von einem Social Bot spricht man, wenn dabei so getan wird, als stecke hinter dem Account eine echte lebendige Person. Social Bots haben dann oft Profilbilder von jungen hübschen Menschen und versuchen zum Beispiel auf Facebook, mit echten lebenden Personen befreundet zu sein. Die Wirkung von Bots entsteht vor allem durch die riesige Masse von Accounts. Wer einen Bot programmieren kann, der kann hierfür auch tausende Bots programmieren. Ein Bot – das klingt nach Roboter. Stimmt jedoch nur halb - ein Bot ist hierbei eine Software, die zum Beispiel auf Twitter oder Facebook aktiv ist und nonstop Beiträge postet. Um Stimmung zu machen - zum Beispiel für politische Kandidaten. Die Software ist gar nicht übermäßig teuer: Für rund 500 Dollar kann man im Internet hochwertige Software kaufen, mit der sich beispielsweise rund 10.000 Twitter-Accounts steuern lassen. Konten also, hinter denen keine lebendigen Menschen stecken, sondern sogenannte „künstliche Intelligenz“, mit deren Hilfe versucht wird, echte Menschen zu manipulieren. Und das funktioniert bislang ganz hervorragend wie man sieht. Nicht nur Minderjährige fallen immer wieder darauf rein.«.
»Aber es ist doch eigentlich Betrug?!«.
»Natürlich ist es das. Doch solange Deutschland eine Art von Schlaraffenland für alle Arten von Betrügern ist, wird sich auch daran nichts ändern. So ist das leider.«.
»Und wie ist es bei den Partnervermittlungsagenturen? Gibt es da auch Bots oder nicht?«.
»Natürlich gibt es auch dort diverse Bots. Sonst wären solche Programme viel zu langweilig für die User. Außerdem gibt es insbesondere unter den männlichen Benutzern viele derart perverse Kandidaten, dass du keinem echten Menschen aus Fleisch und Blut die Kommunikation mit solchen Kreaturen zumuten kannst. Für euch Frauen wäre es ein echter Kulturschock, wenn ihr lesen müsstet, was solche Männer wirklich wollen. Also haben die Bots auch hierbei durchaus gute Funktionen und werden nicht nur eingesetzt, um den nichts ahnenden Usern hier und da das Geld aus der Tasche zu ziehen – für den Traum von der großen Liebe.«.
»Und woher weiß ich denn jetzt, ob du ein echter Mensch aus Fleisch und Blut bist?«.
»Das ist die richtige Frage. Also gib dir Mühe und finde es selbst heraus. Dabei werde ich dir natürlich nicht helfen, wenngleich ich ansonsten sehr hilfsbereit bin. Etwas Einsatz für meine liebe muss schon sein. Sonst macht die ganze Sache ja keinen richtigen Spaß. Verstehst du, was ich meine, meine Schöne?«.
»Ich denke schon. Du weißt, wie du die Luft in einem Raum vor Ungewissheit, Erregung und Sehnsucht zum Knistern bringen kannst, ohne selbst darin anwesend zu sein. Das muss dir erst einmal jemand nachmachen. Du bist ein Meister in solchen Dingen, Herr Architekt.«.
»So bin ich nun einmal. Verzeih mir! Liebst du mich noch?«.
»Und wie. Ich liebe alles an dir – sogar deine Art, mich zu ärgern. Es ist einfach so wie es ist. Wir sind wohl für einander bestimmt. Vielleicht ist es Schicksal? Vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon?«.
»So ist es. Ohne ein paar Überraschungen wäre das Leben langweilig und wenig lebenswert. Menschen brauchen dieses prickelnde Gefühl, nicht immer genau zu wissen, was als nächstes passiert . . . Jedenfalls gibt es neben den politischen Bots, die darauf programmiert sind, für oder gegen eine Partei Stimmung zu machen, als Werbe- beziehungsweise Spam-Bots fungieren. Die greifen vor allem auf Twitter erfolgreiche Hashtags ab – also Schlagwörter, unter denen auf Twitter, Facebook und Instagram von vielen nichts ahnenden echten Menschen Beiträge veröffentlicht werden. Bots verfälschen die Statistiken – egal ob über Likes oder Tweets. Die Relevanz einer Person oder eines Themas läßt sich daher nicht zuverlässig von Facebook- oder Twitter-Accounts ablesen, auch wenn das für Firmen oder Parteien natürlich verlockend wäre. Doch auch die Betreiber der Social Networks kommen nicht ganz ohne Bots aus. Sie geben es zwar nicht gerne zu, aber fakt ist, dass sich in all diesen Sozialen Netzwerken auch jede Menge Bots tummeln dürfen, welche die Stimmung anheizen und für hitzige verbale Auseinandersetzungen sorgen.«.
»Das habe ich auch schon gesehen und mich gefragt, ob ich meinen Account bei all diesen Programmen nicht einfach löschen soll. Immerhin bin ich dort nur noch von seltsamen Schreiberlingen belästigt und angepöbelt worden, deren Texte sich gar nicht wie die von echten Menschen gelesen haben. Da macht kein Chat Spaß.«.
»Genau das meine ich. Wenn Bots schlecht programmiert sind, kommt am Ende nur Müll dabei heraus. Das vergrault die User, wenngleich sie nicht immer begreifen, wer und was ihnen da gerade schreiben kann. Heutzutage kann immerhin jeder Vollidiot ein Handy oder einen Computer bedienen. Alles ist seitens der Hersteller absichtlich derart vereinfacht worden, dass man praktisch kaum etwas können und wissen muss, um sich an der wirren irren Kommunikation per Internet zu beteiligen. So erreicht man auch die große Zielgruppe all der Konsumenten, die ansonsten zu dämlich sind, um wenigstens ihren Namen zu schreiben. Bei den Social Networks kann man vorgefertigte Icons anklicken. Mehr Intellekt ist nicht nötig. Somit also ideal programmiert für das deutsche Volk beziehungsweise seine große Masse von heute, die leider nichts mehr mit den Dichtern und Denkern von früher zu tun hat – und sich von Malle und Ballermann wohl nie mehr so ganz erholen wird.«.
»Vorsicht. Mein Bruder macht auch Urlaub auf Malle.«.
»Na, und? Ändert das etwas?«.
»Nein.«.
»Also steht zu befürchten, dass es sich mit den Bots fast genauso verhält wie mit der Atombombe: Nachdem sie erfunden wurde, kann man nicht sagen "Wir schaffen sie ab und dann vergessen wir, dass es sie jemals gegeben hat." - Irgendjemand wird sich nämlich daran erinnern und sie im Notfall wieder aus der Versenkung holen. Menschen sind so. Sie lernen nicht immer aus ihren Fehlern. Deshalb müssen sie relativ oft denselben Unfug mehrmals wiederholen. Und selbst dann kapieren sie nicht immer, was sie sich und anderen damit antun.«.
»Findest du denn, dass Bot-Programme die besseren Menschen sind?«.
»Ja, aber das kann nicht die Lösung der ganzen Problematik sein. Solange nicht durch technische Maßnahmen Bots klar erkannt, unschädlich gemacht und die Hintermänner eindeutig identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden können, was bei einer IP-Adresse aus Russland, China oder Indien sehr schwierig werden dürfte, werden sie weiterhin überall eingesetzt werden.«.
